Musiktipp:

Sóley – Pretty Face

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To Turn the Future

Kapitel 3::

Gefährliche Entscheidung


Insgesamt blieben mir nur drei Möglichkeiten. Minutenlang hatte ich starr auf das Display geblickt, mich nicht gerührt, bis die Information schließlich endlich zu meinem Hirn vorgedrungen war. Ich befand mich in der Zukunft. Aber als wenn das an sich nicht schon schlimm genug gewesen wäre, existierte augenscheinlich auch die Sternenflotte in dieser Zeit. Eben jene Sternenflotte, die doch bloß der Fantasie entsprungen war!

Hin- und hergerissen zwischen „der Realität ins Auge blicken" und „Ich muss mir bei dem Unfall den Kopf angeschlagen haben", stieß ich einen tiefen Seufzer aus und hob meinen Blick, um ihn zuerst über die Bucht San Franciscos und dann über die Stadt selbst wandern zu lassen. So viel schien sich verändert zu haben. Die Gebäude, die Umgebung, die Straßen… Alles kam mir so unglaublich fremd vor und ich fröstelte, aber nicht bloß der Kälte wegen. Egal ob Traum oder Realität, im Moment konnte ich nichts dagegen tun, richtig?

Was also dann?

Langsam glitt mein Blick zum Gebäude hinter mir, das schimmernd in den Himmel aufragte. Sollte ich mich der Sternenflotte anvertrauen? Wer konnte schon wissen, wie weit entwickelt all das hier wirklich war? Vielleicht bestand ja die Möglichkeit, dass man mich zurück in meine Zeit schicken konnte. Und bis dahin hatte ich zumindest ein Dach über dem Kopf. Aber war das wirklich so gut?

Skeptisch runzelte ich die Stirn und dachte noch einen Moment länger über diese Möglichkeit nach. Eine Zeitreisende. Wenn die Geschehnisse wirklich denen der Filme entsprachen – was wirklich unwahrscheinlich war – wäre ich doch eine Sensation, oder nicht? Ein furchtbarer Gedanke machte sich in mir breit und mein Magen zog sich zusammen. Würden sie an mir herum experimentieren? Ein Mensch, über zweihundert Jahre alt…

Schauernd tat ich den Gedanken beiseite. Was blieb mir noch?

Ich konnte mich verstecken. Vor eben jener Sternenflotte. Wer weiß, wie die Gesetze zu dieser Zeit gestrickt waren? Vielleicht wurde mir die Möglichkeit, in meine Zeit zurückzukehren ja verwehrt, um die Risiken, die das mit sich brachte, zu minimieren. Und wer garantierte mir überhaupt mein Überleben? In den Filmen kam mir die Sternenflotte so gerecht vor, freundlich und doch… Ich behielt mir die Option offen. Aber was konnte ich sonst tun?

Mein Herz setzte einen Schlag aus und die Ungewissheit wurde von etwas anderen vertrieben, das sich rasend schnell in meinem Körper ausbreitete. Neugierde. Abermals blickte ich über meine Schulter, musterte das imposante, dunkle Gebäude, das unglaublich viele Glasfronten zu besitzen schien. Vielleicht konnte ich meine Aussichten miteinander verbinden. Langsam stand ich auf und steckte das IPad-ähnliche Gerät in die Innenseite meiner Jackentasche. Zeit, mehr über diese Sternenflotte und die Begebenheiten zu erfahren, die mir so bekannt vorkamen.

„…jetzt sind sie gleich dabei, sich über die Geschehnisse zu beraten. Ich kann immer noch nicht glauben…"

Während ich mich provisorisch hinter einem der prächtigen Büsche neben dem Seiteneingang versteckte, öffnete sich die kleine Tür vor mir mit einem Zischen und zwei junge Männer in schlichter, grauer Kleidung traten diskutierend aus dem Gang, der sich hinter ihnen auftat. Eins, zwei Sekunden wartete ich, bis die Tür bereits wieder zugehen wollte. Mit einem lautlosen Satz fasste ich all meinen Mut zusammen und quetschte mich im letzten Moment durch die enge Lücke. Zack. Die Tür hatte sich geschlossen.

Vollkommene Stille, bis auf mein angestrengtes Keuchen, das ich verzweifelt zu unterbinden versuchte. Langsam blickte ich mich um. Entgegen meiner Erwartung, eine High-Tech Einrichtung vorzufinden, waren die Wände überraschend schlicht und unauffällig. Das Material war dasselbe wie in dem Lagerhaus, irgendetwas in Richtung Plastik, das von einem leichten Beigeton geziert war. Ab und an befand sich eine Tür auf der gegenüberliegenden Seite – sonst nichts. Kurz blickte ich nochmal zurück, drehte mich dann jedoch festentschlossen um und ging langsam den Gang hinab, bevor eben jene Entschlossenheit ins Wanken geriet. Was ich hier machte war vollkommen unvorbereitet, dumm und gefährlich. Aber es war wahrscheinlich auch die einzige Möglichkeit die sich mir in nächster Zeit bieten würde, um etwas Brauchbares in Erfahrung zu bringen.

Gerade hatte ich das Zittern meiner Hände wieder halbwegs unter Kontrolle bekommen und spähte vorsichtig um die Ecke in einen weiteren, verlassenen Korridor, als eine Stimme hinter mir erklang und ich erstarrte. „Sie befinden sich unbefugter Weise auf dem Gelände der Sternenflotte. Drehen Sie sich langsam zu mir um und kommen Sie ohne Gegenwehr mit." Natürlich hatten sie mich entdeckt. Vermutlich schon bevor ich überhaupt durch die Tür geschlichen war. Seufzend hob ich meine zitternden Hände, drehte mich langsam um und starrte auf einen Mann wenige Meter von mir entfernt, der einen Phaser in der Hand hielt. Der unmittelbare Blick auf die auf mich gerichtete Waffe ließ nur eine Kurzschlussreaktion zu. Meine Beine setzten sich in Bewegung und ich rannte mit weit aufgerissenen Augen um die Ecke, als der erste Schuss bereits in die Wand neben mir einschlug.

„Oh Gott, oh Gott, oh Gott…", rief ich panisch aus und erhöhte mein Tempo, als der Wachmann noch einen Schuss auf mich abgab. So hatte ich mir all das garantiert nicht vorgestellt, auch wenn die Chance darauf eigentlich ziemlich hoch gewesen war. Schlitternd bog ich um mehrere Ecken, verlor schließlich komplett die Orientierung und begegnete auf meiner Flucht mehreren verdutzten Menschen, die mir instinktiv aus dem Weg sprangen. Abermals ging es rechts herum, die Gänge wurden breiter, belebter und ein ungutes Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit. Ich hatte vorgehabt, heimlich und ohne Aufsehen rein und wieder raus zu gelangen, selbst, wenn ich dabei jemandem begegnen sollte. Aber wenn ich nun…

Der Gang endete und führte mich zugleich in eine riesige Empfangshalle. Unnötig zu sagen, dass wir nicht mehr allein waren. Hinter mir wurden die Schritte lauter und ich zwang mich dazu, weiter zu laufen. Die großen, gläsernen Türen taten sich zu meiner Linken auf und ich wollte bereits in die Richtung laufen, als weitere Wachmänner zur Verstärkung eintrafen und sich davor positionierten. Ihre Mienen waren allesamt grimmig und entschlossen hielten sie mir ihre Phaser entgegen.

„Bleiben Sie endlich stehen!"

Ich gab mir einen Ruck, drehte mich um und wich mit knapper Not den weiteren Schüssen aus. Wenn ich es schaffte, dort hinten in den Gang abzubiegen, konnte ich sie vielleicht abschütteln…

Ein weiterer Schuss, der nur Millimeter an mir vorbeischoss. „Verdammt!", rief ich überrascht aus und die Finger meiner rechten Hand schlossen sich um die Wunde an meinem Arm. Obwohl der Schuss mich knapp verfehlt hatte, spürte ich deutlich das Brennen auf der Haut unter meiner Jacke und ein unangenehmer, pochender Schmerz betäubte meinen Arm. Trotzdem schleppte ich mich weiter und wagte es nicht, das Tempo zu verringern. Wenn sie mich wirklich in die Finger kriegen würden, mochte ich mir nicht einmal ausmalen, was sie mit mir anstellen könnten…

Wenige Meter noch, dann bog ich in den Gang zu meiner Linken ab. Ein bestürzter Ausruf hinter mir, kurz drehte ich mich um, bevor die Wand meine Sicht versperrte – und prallte Augenblicke später auf ein Hindernis vor mir. Die Wucht raubte mir kurz die Orientierung und auf dem Rücken landend, versuchte ich den Schmerz in meiner Schulter durch komplette Reglosigkeit abzuschwächen. Erst, als ein weiteres Geräusch nach meiner Aufmerksamkeit verlangte, sah ich mich um und stellte zu meiner Verwunderung fest, dass ich in einem Fahrstuhl gelandet war, dessen Tür sich mit einem Zischen schloss. Stille. Nur das kurze Ziehen in meiner Magengegend verriet mir, dass er sich in Bewegung gesetzt hatte.

Keuchend richtete ich mich auf, konnte mein Glück in dieser Situation gar nicht fassen und testete derweil meine Schulter, sowie meinen Arm aus. Der Schmerz war immer noch deutlich zu spüren, aber er hielt sich in Grenzen und sollte mich bei meiner Flucht nicht weiter behindern. Langsam sah ich mich um. Keine Anzeige, die mir das Stockwerk verriet, keine Knöpfe, auf denen ich welche anwählen konnte. Die Wände waren aus demselben Material, wie in den Gängen zuvor, doch dieses Mal strahlte mich ein beinahe blendendes Weiß von den runden, eckenlosen Wänden an. Bevor ich mir weiter Gedanken um die architektonischen Unterschiede machen konnte, hielt der Fahrstuhl an und die Tür glitt mit einem Zischen auf.

Entgegen meiner Erwartung befand sich niemand sonst auf diesem Stockwerk. Zumindest nicht auf dem weiten, geräumigen Flur, der sich vor mir auftat. Beunruhigt erhob ich mich und trat vorsichtig aus dem Fahrstuhl, verweilte jedoch nicht lange, da ich nicht wusste, wie viel Zeit mir bis zum Eintreffen der Wachleute blieb. Ein Fluchtweg musste her und zwar sch…

Alle runter!"

Ein Schrei, nicht weit von mir entfernt ließ mich innehalten, doch bevor ich mich ganz zu dem Konferenzraum umgewandt hatte, erfüllte eine ohrenbetäubende Explosion die Luft und eine Druckwelle riss mich von den Füßen. Glas splitterte, laute Stimmen, Befehle, die einander zugebrüllt wurden…

Eine Vermutung. Vage. Auf meine vorherigen Erlebnisse gestützt.

Und doch trieb sie mich dazu an, mich aufzurappeln und mit zitternden Händen auf den halb zerstörten Raum zu zueilen. Die Wand war komplett zerstört, mehrere Schüsse prallten auf den Flur und hinterließen schwarze Löcher. Egal. Wenn das hier gerade wirklich passierte… Funken, wohin ich auch blickte. Zurück zuckend kniff ich meine Augen zusammen, hob meine Arme, um mich vor den umherfliegenden Trümmern zu schützen und stürzte schreiend zur Seite, als etwas Größeres mich um ein Haar verfehlte. Keuchend kniete ich auf dem Boden, blickte nach links und sah zu meinem Entsetzen, dass es sich dabei um einen Menschen handelte. Er war mir gänzlich unbekannt, doch der ferne, leblose Ausdruck in seinen Augen jagte mir Schauer über den Rücken und heizte die Panik weiter an. Schnell wandte ich den Blick ab, kroch weiter, um von ihm wegzukommen, als eine weitere Gestalt, nicht weit weg von mir, meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Mein Atem stockte, als ich ihn innerhalb weniger Augenblicke zu erkennen glaubte.

Gebückt blickte er um die Ecke eines umgestürzten Tisches, wägte den Moment als einen günstigen ab und humpelte dann los in meine Richtung, in einer Hand den Stock haltend… Die Zeit schien sich zu verlangsamen, als ich einen ahnenden Blick zu unserem Angreifer warf, der in einem kleinen Raumschiff saß, verborgen hinter den grellen Schüssen… Wieder sah ich zum Admiral – oder jetzt Captain? – der den nächsten Schuss nicht kommen sah und nur einen weiteren Unterschlupf im Auge hatte…

Eine flüchtige Entscheidung, getroffen im Bruchteil einer Sekunde, gab mir den Mut, um vorzustürzen und mich auf den ahnungslosen Mann zu werfen. Der tödliche Schuss, der ihn hätte treffen sollen, prallte auf einen weiteren Tisch, direkt neben uns. Atemlos blieb ich zwei weitere Sekunden auf ihm liegen, erhob mich dann und zog den perplexen Mann hinter mir her, zurück hinter die Ecke, die uns vor weiteren Angriffen bewahren würde.

„Danke."

Mein Herz begann ungesund zu rasen, als ich mich langsam umwandte und den argwöhnischen, doch dankbaren Blick von Admiral Pike erwiderte. Dem lebenden Pike.