Das Erbe Merlins


Viertes Kapitel

Zaubertrank mit Folgen


Doch ehe es Abend war, zog sich der erste Schultag noch scheinbar ewig hin.

Nach der Pause betraten die vier Gryffindors völlig unmotiviert den Zaubertränkekerker. Und schon standen sie dem einen Grund gegenüber, warum sie alle Zaubertränke so sehr hassten: Sie hatten es zusammen mit den Slytherins.

Ein anderer Grund war der Lehrer: Professor Jaspar Brewpot war stellvertretender Hauslehrer von Slytherin und ebenso wie diese ein Ekel.

Aber sie kamen eben nicht um dieses Fach herum und deshalb setzten sie sich nun schweigend in die hintere Reihe, um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Im nächsten Augenblick betrat Brewpot mit wehendem Umhang den Raum. Die Tür fiel mit lautem Krachen hinter ihm zu und er ließ seinen bohrenden Blick einschüchternd über die Gesichter schweifen. Er entnahm seinem Schreibtisch eine Pergamentrolle, auf der anscheinend ihre Namen verzeichnet waren, denn nun begann er vorzulesen: »Avery!«

»Hier, Sir«, antwortete der Slytherin-Junge sofort.

Brewpot nickte ihm zufrieden zu, bevor er »Black«, knurrte.

»Jep«, meinte Sirius nur lustlos.

Brewpot beachtete seinen Hassschüler nicht weiter, sondern fuhr fort, alle Namen vorzulesen: »Callux!«

Ein Mädchen antwortete.

»Callux«, rief Brewpot wieder.

Erneut antwortete das Mädchen, diesmal etwas lauter.

Sirius verlor sich, während der Lehrer weitere Namen aufrief, in Gedanken. Der erste Schultag war noch nicht einmal zur Hälfte vorbei und er hatte schon wieder das dringende Bedürfnis nach Ferien.

Highking würde ihn künftig nicht nur in den Astronomiestunden zu Brewpot schicken, sondern auch in den Verteidigungsstunden zum Schulleiter! Zudem würde er sich ein weiteres Jahr lang mit dem verhassten Zaubertranklehrer herumschlagen, dessen Hass auf ihn sich über die Ferien noch gesteigert zu haben schien.

Doch bevor er weiter in seiner Lethargie versinken konnte, unterbrach Brewpot grausam seine Gedanken mit einem geschrieenen: »Potter!«

Neben ihm fuhr James, der ebenfalls geträumt zu haben schien, erschrocken hoch. »Was?«

»Nicht ›was‹! Das heißt: ›Ja, Sir‹!«, donnerte Brewpot, was die Slytherins natürlich wieder köstlich amüsierte.

»Freaks«, murmelte Sirius nur, um James von dem dämlichen Gelächter abzulenken.

»Ein wahres Wort, Kumpel«, gab der muffelig zurück.

Jetzt rief Brewpot stolz: »Snape!«

»Hier, Sir«, antwortete ein bleicher Junge mit fettigen, schwarzen Haaren und einer großen Nase.

Hasserfüllt starrte Sirius ihren Erzfeind Severus Snape an. Er und James hatten diesen Jungen noch nie leiden können – wie es auch umgekehrt der Fall war.

Alle wussten, dass Snapes Familie in schwarzmagische Machenschaften verstrickt war und Snape schien diese Tradition fortzuführen.

Aber als Sirius noch den Slytherin böse anstarrte, schien dieser seinen Blick im Rücken zu spüren. Mit flammendem Hass in den Augen fixierte er Sirius und James. Sie verstrickten sich einen Moment lang in einen lautlosen Kampf mit Blicken, bis Brewpot vorne mit dem Verlesen der Namen fertig war und unvermittelt schnauzte: »Fünf Punkte Abzug für Gryffindor.«

Sirius und James fuhren gleichzeitig auf.

»Wieso!«, konnte Sirius sich vor Empörung nicht verkneifen.

»Ich wollte nur Ihre Aufmerksamkeit erregen. – Oh, und noch mal fünf Punkte Abzug«, erwiderte Brewpot nahezu genüsslich.

»Und warum jetzt schon wieder? Weil ich zu laut geatmet habe?«, blaffte Sirius wütend.

»Nein, weil Sie noch immer in meiner Klasse sind. Und noch einmal fünf Punkte Abzug für Ihre flapsige Antwort. Und jetzt halten Sie die Klappe, ich möchte mit meinem Unterricht beginnen«, knurrte der Lehrer bedrohlich ruhig.

Murrend lehnte Sirius sich zurück und verschränkte resignierend die Arme, ohne den Blick von dem verhassten Professor zu wenden.

»Wir werden heute einen kurzzeitigen Vergessenstrank brauen«, fuhr Brewpot inzwischen fort. »Wird er verabreicht, vergisst die Person die Vorkommnisse der letzten fünf Minuten. Die Wirkung hält ebenfalls nur für fünf Minuten an. Beginnen Sie jetzt.«

Seufzend schlugen die Schüler ihre Bücher auf und suchten sich die Zutaten zusammen.

»Warum sitzen wir eigentlich noch hier? Das Zeug brauchen wir doch nie im Leben«, knirschte Sirius schon wieder schlecht gelaunt.

»Nein, Peter! Nicht die Affodillwurzel!«, kreischte Remus in dem Moment neben ihnen, noch bevor sie überhaupt beginnen konnten an dem Trank zu arbeiten.

Doch da war es schon zu spät. Die Wurzel platschte in Peters Kessel und plötzlich spuckte dieser Feuer und bunte Flammen sprühten durch den Kerker.

Vorne ruckte Brewpots Kopf alarmiert hoch. Er erfasste die Lage mit einem Blick und schrie sofort gebieterisch: »Raus aus dem Kerker!«

Panisch stolperten die Gryffindors und Slytherins vom Qualm hustend zur Tür. Natürlich versuchten die Slytherins sich mit stoßenden Ellenbogen vorzudrängeln, weshalb der Ausgang letztlich völlig verstopfte. Man hörte durch den schwarzen Nebel ein Mädchen kreischen, woraufhin auch andere anfingen, zu heulen.

Sirius verstand endlich, was los war, packte Remus und Peter am Kragen und folgte James, der ihnen den Weg durch den Rauch wies.

Inzwischen hatte Brewpot hart durchgegriffen und schubste seine Schüler einfach einen nach dem anderen nach draußen. Kaum hatte er die vier Gryffindors als letzte mit einem harten Stoß nach draußen befördert und die Tür hinter sich selbst zugeschlagen, ertönte aus dem Raum das wütende Brüllen eines Feuers und im nächsten Moment wurden alle von einer ungeheuren Explosion von den Füßen gerissen.

Sirius wagte es nach einigen Sekunden unheimlicher Stille, wieder den Kopf zu heben und die Augen zu öffnen. Sein Haar roch angekokelt, er verspürte über den ganzen Körper verteilt das Brennen von Schrammen und Wunden und einige Mädchen heulten, weil sie sich wohl ebenfalls verbrannt hatten.

Hinter ihnen richtete sich Brewpot, der eine ernste Verbrennung am Rücken zu haben schien, auf und rief: »Alle, die noch brennen, wenden umgehend den Flammengefrierzauber an!«

Doch zum Glück brannte niemand außer dem Kerker, der ehemals ein Klassenzimmer gewesen war.

»Alles klar?«, wollte James sofort besorgt wissen, der sich unter zwei Slytherins hervorkämpfte.

Sirius nickte, da er sich zu etwas anderem momentan nicht fähig fühlte, während Remus sich um Peter kümmerte, und zusammen mit James betrachtete er geschockt, wie die Tür schwarz verkohlt in den Angeln hing.

»Wahnsinn«, brachte James nur noch hervor.

»Jetzt verschwindet von hier!«, befahl Brewpot in dem Moment böse. »In den Krankenflügel, und zwar alle!«

Jammernd und aufgeregt schnatternd ging die Klasse die Treppen in die Eingangshalle hinauf. Von dort eilten ihnen schon die Professoren McGonagall und Dumbledore entgegen, gefolgt von drei alarmiert aussehenden Auroren.

»Jaspar, was ist passiert? Ist jemand verletzt? Was können wir retten?«, begann McGonagall sofort aufgelöst.

»Dieser stumpfsinnige Trottel Pettigrew hat meinen Kerker gesprengt«, knurrte Brewpot hasserfüllt, dann humpelte er ohne ein weiteres Wort die Treppe zum Krankenflügel hinauf.

McGonagall stand, wie vom Blitz getroffen da. Dann rief sie Peter zu sich, der so geknickt war, dass Remus ihm moralische Unterstützung leisten musste.

Dumbledore und ein Auror versuchten unterdessen, die anderen Schüler zu beruhigen, und geleiteten sie in den Krankenflügel, während die beiden anderen Auroren in den Keller eilten.

Sirius warf James nur einen Blick zu, der mit einem Nicken auf den Eingang zu den Kerkern deutete, in den sie schnell unbemerkt verschwanden.

»Ich wusste ja, dass Peter eine Null in Zaubertränke ist, aber dass er irgendwann das Schloss in die Luft fliegen lassen würde…« James schüttelte noch immer ungläubig den Kopf.

»Und das am ersten Tag«, fügte Sirius hinzu, wobei er sich ein Kichern verkneifen musste. »Immerhin fällt dafür Zaubertränke aus«, zuckte er dann die Schultern.

Sie schlichen nun leise die Treppe wieder hinunter, sorgsam darauf bedacht, dass die Auroren sie nicht bemerkten.

»Oh Mann, Luke, der hat saubere Arbeit geleistet, der Knirps«, stellte ein schlaksiger Auror den Sirius bei deren Ankunft in der Schule gar nicht gesehen hatte, eben fest, als sie die Tür aus den Angeln hoben und an die Wand stellten.

Vorsichtig wagte sich der Blonde, der mit Luke angesprochen worden war, in den noch immer verqualmten Raum vor.

»Mann, hier hat's die ganze Wand weggesprengt«, hustete Luke.

Neugierig folgte ihm der andere Auror, woraufhin sich auch Sirius und James weiter vorwagten.

Sirius starrte in den wabernden Nebel und die beiden Jungs wechselten erneut einen vielsagenden Blick, bevor sie das zerstörte Klassenzimmer betraten. Bei den Sichtverhältnissen würden sie sowieso nicht gesehen werden!

Vorsichtig tasteten sie sich zu ihrem ehemaligen Platz vor, während sie in der Ferne die Auroren rumoren hörten. Sirius griff im Dunkeln nach seiner Tasche, bekam aber nichts als Asche zu fassen.

»Verdammt!«, stellte er inbrünstig fest.

»Psst!«, kam es sofort von James, den er nur noch silhouettenhaft erahnen konnte.

»Au!«, schallte es an ihrer linken Seite nun von einem der Auroren, der anscheinend gegen einen Tisch gestoßen war.

»Was ist denn los, Luke?« Der zweite Auror tatschte Sirius an der Schulter an, um sich zu vergewissern, dass es seinem Kollegen gut ging.

Sirius, der sich nicht verraten wollte, verstellte geistesgegenwärtig seine Stimme und antwortete knapp: »Nichts!«

»Was ist denn mit deiner Stimme los!«

»Was soll mit meiner Stimme los sein?«, fragte Luke nun verständnislos von der anderen Seite des Klassenzimmers.

»Pssst!«, zischte James hinter Sirius, der nur meinte: »Das ist der Rauch!«

»Sag mal, willst du mich verarschen, Ralph!«, regte sich Luke auf.

»Wer bist du!«, verlangte der schlaksige Auror, der Ralph hieß, jetzt von Sirius zu wissen, der daraufhin überzeugend meinte: »Der Fluch Slytherins!«

»Pssst!«, machte James zum wiederholten Male.

»Also mir wird's jetzt langsam zu bunt!«, schnauzte Luke von drüben.

»Dazu ist es hier aber viel zu dunkel!« Mit diesen Worten zückte Sirius seinen Zauberstab und hatte schon fast die Zauberformel »Lumos« ausgesprochen, als Ralph ihm schnell den Mund zu hielt, wobei er zischte: »Bist du wahnsinnig! Willst du uns in die Luft jagen!«

»Ich glaube, es ist an der Zeit, uns zu verziehen, Fluch Slytherins!«, raunte James, dem die Lage wohl im wahrsten Sinne des Wortes zu brenzlig wurde.

Aber Ralph sah das anscheinend anders, denn er hielt Sirius schnell an der Schulter fest.

Doch ehe er noch irgendetwas sagen konnte, ertönte von draußen McGonagalls wütende Stimme: »Potter, Black! Ich warne Sie: Strapazieren Sie meine Geduld nicht zu sehr!«

Damit stöckelte die Professorin in den vernebelten Raum und im nächsten Moment meinte Lukes Stimme: »Hey, fassen Sie mich nicht so grob an!«

»Es ist nicht mehr lustig, Mr Black!«, blaffte die Professorin, welche Sirius' Tricks schon zu gut kannte.

»Find ich schon«, grinste Sirius breit, woraufhin die Schreckschraube wohl realisierte, dass sie den falschen erwischt hatte und sich bei Luke schnell entschuldigte, um zu ihnen hinüberzueilen. Diesmal packte sie allerdings Ralph.

»Autsch!«, meinte dieser nur.

Sirius (der sich inzwischen aus dem Griff des Aurors befreit hatte) und James versuchten unterdessen, sich langsam zum Ausgang zu begeben. Doch sobald sie den stickigen Raum verlassen und schon einen Fuß auf der rettenden Treppe hatten, stürmte hinter ihnen eine wütende McGonagall heraus, gefolgt von den beiden Auroren.

»Was fällt Ihnen eigentlich ein…«, begann die Lehrerin bereits zu keifen, da blieb ihr Blick an den Schrammen hängen, die Sirius' und James' Gesichter überzogen, und sie kreischte anstatt ihre Standpauke fortzusetzen: »Bei Merlins Bart! Sie sind ja verletzt! Sie sollten längst mit den anderen im Krankenflügel sein! Ab mit Ihnen zu Madam Pomfrey! Ohne Widerrede!«


Sirius ließ sich eben entspannt in einen Sessel im Gryffindor-Gemeinschaftsraum zurücksinken und legte die Füße hoch, nachdem sie im Krankenflügel verarztet worden waren und wegen ihres ›schweren Schockerlebnisses‹ den restlichen Tag freibekommen hatten.

Neben ihm schlug James gerade einen liegengelassenen Tagespropheten auf, um sich doch endlich mehr über die Welt zu informieren.

Mit Ausnahme der beiden Jungs war der Gemeinschaftsraum völlig verwaist, da die anderen entweder schon auf das Mittagessen in der Große Halle warteten, oder sich, wie Remus, der Peter tröstete, in die Schlafsäle verzogen hatten.

Andere schrieben dagegen an ihre Eltern, um ihre Schulsachen zu ersetzen, die im Kerker verbrannt waren. Da Sirius und James dies jedoch schon erledigt hatten (wobei sie natürlich lediglich James' Eltern geschrieben hatten), konnte Sirius nun völlig in seine Gedanken versunken ausspannen.

Er fragte sich gerade, warum Luke und Ralph sich so… seltsam verhalten hatten. Zugegeben, sie hatten unmöglich glauben können, dass Sirius' Stimme der Fluch Slytherins gewesen war, aber dennoch war ihre Reaktion etwas komisch gewesen. Zudem hätte Sirius sich erwartet, dass die Auroren James und ihn über den Fluch Slytherins ausfragen würden, doch bisher war noch niemand auf sie zugekommen. Wie wollten sie denn bitteschön einen Fluch finden, wenn sie nicht einmal wussten, wie der vom letzten Jahr sich ausgewirkt hatte, noch wie er überhaupt entstanden war und letztlich gebrochen wurde!

Doch da läutete es zur Mittagspause, welche Sirius aus seinen Gedanken riss, und schon Sekunden später stürmten die ersten neugierigen Schüler herein, welche die Gerüchte bereits gehört hatten.

»Na ihr Helden…«, grinste Nancy, als sie sich zusammen mit Lydia neben Sirius auf eine Couch setzte. »…Dann erzählt mal, was los war!«

Sirius und James, die beide ihre Chance witterten, grinsten sich an und Sirius begann sogleich: »Wir vermuten ja, dass die Slytherins da ihre Finger im Spiel hatten.«

Empörte Aufschreie von Erstklässlern, die Sirius noch nie zuvor gesehen hatte. Ältere Schüler murmelten etwas wie: »War mir sofort klar, als ich davon gehört habe.« – »Wer auch sonst?«

Doch Sirius ließ sich nicht aus dem Konzept bringen: »Plötzlich – mitten im Zaubertränke-Unterricht – fängt Peters Kessel an, Feuer zu spucken.«

»Ich bin sofort aufgesprungen, um die Tür zu öffnen und unsere Mitschüler geordnet nach draußen zu führen«, mischte sich James ein.

»Und ich habe in der Zeit noch die letzten Slytherins, die den Ernst der Lage nicht erfasst hatten, mit beruhigenden Worten zu James gelotst.«

»Das Problem war nur noch Brewpot, der seinen geliebten Keller nicht verlassen wollte.«

»Deshalb hat James das Feuer unter Kontrolle gehalten, während ich Brewpot unter dem Imperius-Fluch nach draußen gebracht habe.«

»Im allerletzten Moment hab ich mich dann durch einen gut berechneten Sprung aus dem Kerker gerettet und geistesgegenwärtig hat Sirius hinter mir die Tür zugeschlagen.«

»Als die McGonagall dann angekommen ist, hat Brewpot geistig verwirrt behauptet, Peter wäre an allem Schuld!«

Voller Staunen standen die anderen Schüler um sie herum und lauschten ihrer leicht abgewandelten Form der Geschichte mit offenen Mündern.

»Ach Sirius, sei doch nicht so bescheiden! Er hat nämlich noch ein paar Schwerverletzte wiederbelebt, bevor uns überhaupt jemand zu Hilfe kam…«

»So ein Blödsinn! Es gab überhaupt keine Schwerverletzten! Die einzigen Schwerverletzten hier seid wohl ihr! Und die, die euch diesen Mist abkaufen!« Lily Evans, eine ihrer Klassenkameradinnen, hatte sich wütend zu ihnen durchgedrängelt.

Sie funkelte mit ihren verblüffend grünen Augen böse in die Runde und schüttelte zornig ihre rote Mähne nach hinten.

»Noch etwas geistig verwirrt die Kleine, seht ihr?«, belächelte Sirius die Lage mit einem bedeutenden Nicken zu Lily.

Diese holte schon aus, um Sirius vor Wut zu ohrfeigen, doch vorher schaltete sich James cool ein: »Hey, Evans, spiel dich hier nicht so auf! Du warst doch die erste, die heulend in einer Ecke gesessen hat!«

Das Mädchen blinzelte. »Ach, ihr seid den Atem doch gar nicht wert!«, blaffte sie dann zickig und stolzierte arrogant von dannen.

James hielt Sirius nur die flache Hand hin, damit der triumphierend einschlagen konnte.

»Ich wette zwei Galleonen,…«, Kingston ließ sich zwischen Nancy und Lydia nieder, die ihn nur ungläubig anblickten, »…Dass an dieser Story kein Fünkchen Wahrheit dran ist.«

»Hör mal, Kingston, mach dich doch nicht selbst unglücklich…«, begann James und Sirius fuhr fort: »Indem du noch mehr Geld an uns verlierst. Du schuldest uns noch genug.«

Der Viertklässler stand beleidigt auf, warf den beiden einen zutiefst pikierten Blick zu und verließ daraufhin den Gemeinschaftsraum.

Lydia und Nancy schlugen grinsend bei Sirius und James ein.


Nach der Mittagspause spielten Sirius und James ihr neu erfundenes Spiel ›Brewpots Kerker explodiert‹, während Remus und Peter sich an einem der anderen Tische mit Zaubertrankformeln beschäftigten, die ebenso tödlich ausgehen konnten, als plötzlich das Porträtloch geöffnet wurde und vier Auroren eintraten.

Darunter auch Ralph, der sie angrinste: »Na, wie geht's denn unserem ›Fluch Slytherins‹?«

Sirius bemerkte, wie die Auroren ihren Mitarbeiter teils geschockt teils besorgt betrachteten.

»Kollegen, das sind die beiden Jungs aus dem Kerker, von denen ich euch erzählt habe. Einer heißt Potter und einer heißt Black, aber fragt mich nicht, wer wer ist!«, erklärte Ralph amüsiert.

»Das ist doch der Junge mit dem Drudenfußzauber«, erkannte ein älterer Zauberer mit freundlichen Gesichtszügen.

»Mr Black kennen wir bereits«, mischte sich auch ein dunkelhaariger Auror mit Drei-Tage-Bart und misstrauisch zusammengezogenen Brauen mit ein. »Er hat uns bei unserer Ankunft aufgehalten, als du noch das Telegramm an das Zaubereiministerium geschickt hast.«

»Ihr könnt uns schon duzen. Ich bin Sirius und das da ist James. Die beiden dahinten sind Remus Lupin und Peter Pettigrew«, grinste Sirius frech.

Remus schaute verlegen von seinem Zaubertränkebuch auf und nickte freundlich in die Runde, während Peter versuchte, unbemerkt zu bleiben, wobei er jedoch hoffnungslos scheiterte.

»Peter Pettigrew?«, wiederholte ein älterer Auror mit weißen Haaren. »Etwa der, der den Kerker gesprengt hat!«

Der pummelige Junge lief rot an und wurde in seinem Sessel immer kleiner, doch Ralph grinste nur noch breiter: »Jupp, York, genau der. – Und… äh… das sind übrigens Jefferson und Marco.« Er wies zuerst auf den mit dem Drei-Tage-Bart und anschließend auf den verbliebenen Auror in einem blau geblümten Umhang, der ihnen fröhlich zuzwinkerte.

Einen Moment lang herrschte ein etwas verlegenes Schweigen. Marco zupfte überflüssigerweise an seinem Umhang herum und entfernte schließlich einen hartnäckigen Fussel, den er interessiert betrachtete, während der ältere Zauberer, York, mit dem Fuß Kreise auf den Boden malte.

Sirius beobachtete die Auroren eine Spur irritiert, wobei er sich erstmals fragte, was diese überhaupt im Gryffindor-Turm zu suchen hatten.

Schließlich räusperte sich Jefferson und die Falte auf seiner Stirn vertiefte sich, was ihm einen noch misstrauischeren Ausdruck verlieh.

»Um diese Uhrzeit sollte der Turm eigentlich verlassen sein. Habt ihr keinen Unterricht?«

Bevor sich die Jungs noch zu verteidigen brauchten, übernahm Ralph das für sie: »Die haben heute den Tag frei wegen dieser Kerker-Geschichte.«

Peter entwickelte plötzlich ein erstaunliches Interesse an seinem Zaubertränkebuch. Remus hingegen klappte seines zu und horchte auf, ohne sich jedoch in das Gespräch mit einzumischen.

»Was wollt ihr eigentlich hier?«, fragte Sirius schließlich gerade heraus.

»Wir suchen den Fluch Slytherins«, scherzte Ralph.

»Gefunden!« James deutete trocken auf seinen besten Kumpel.

»Jetzt hört doch einmal mit diesen Kindereien auf!«, intervenierte Jefferson streng. »Wir haben Arbeit, Radolph!«

Auf die fragenden Blicke der Jungen hin erklärte York schnell: »Wir haben den Auftrag, den Gryffindor-Turm nach Flüchen abzusuchen.«

»Cool!«, riefen Sirius und James sogleich begeistert und Sirius bot an: »Ihr braucht nicht zufällig noch Helfer?«

»Das ist nichts für euch, Kinder«, erklärte Jefferson rigoros. »Ihr geht am besten raus, spielen.«

Er sah die beiden mit eisernem Blick an. Sirius hielt dem Blick stur stand. Ihm war dieser Jefferson von Anfang an nicht ganz sympathisch gewesen. Es war offensichtlich, dass er sie loshaben wollte.

»Ach komm schon, Jeff, sie stören doch nicht«, versuchte Ralph seinen Kollegen nun umzustimmen, wobei er ihm kumpelhaft auf die Schulter klopfte.

»Genau Jeff, wir stören doch nicht«, wiederholte James siegessicher und grinste den misstrauischen Zauberer frech an.

Dafür erntete er nur einen noch verächtlicheren Blick von Jefferson. »Diese kleinen Kinder stehen nur im Weg, wenn wir unsere Arbeit machen müssen«, wandte dieser sich letztlich doch von den Jungs ab, als wären sie gar nicht mehr im Raum.

An diesem Punkt erhob sich Remus fast ruckartig und schritt zu Sirius und James. »Wir wollten doch sowieso noch… Hagrid besuchen gehen!«

»Wollten wir!« James sah seinen Freund irritiert an und schien angestrengt nachzudenken.

»Ja«, erwiderte Remus bloß mit Nachdruck. »Peter, komm.« Damit zerrte der dunkelblonde Junge Sirius und James mit sich durch das Porträtloch, gefolgt von Peter, der rasch hinter ihnen hinauskletterte.

Selbstverständlich regte sich Sirius auf dem Weg durch das Schloss auf: »Was sollte das denn! Ein Mal, wenn hier was interessant zu werden droht, schiebst du uns gleich weg vom Geschehen!«

»Okay, nur für den Fall, dass du es nicht bemerkt hast, Sirius, wir waren da drin nicht allzu sehr erwünscht.«

»Ach, quatsch!«, schlug sich James auf Sirius' Seite. »Dieser Jeff wollte uns nicht dabei haben, Ralph hätte uns hundert pro mitmachen lassen!«

Remus, der James nicht beachtet zu haben schien, schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich frag mich nur, warum!«, murmelte er.

»Die wollten nicht, dass wir im Weg rumstehen«, mischte sich Peter vorsichtig mit ein, doch er blieb unbeachtet, da Remus zu sehr in Gedanken versunken war und die anderen beiden sich angewöhnt hatten, auf derartige Sprüche vonseiten Peters gar nicht erst einzugehen.

Den ganzen Weg durch das Schloss sagte keiner ein Wort. Jeder fragte, ob die Auroren bei ihrer Fluchsuche wohl fündig werden würden und warum Jefferson sie allem Anschein nach nicht leiden konnte.

Erst nach einer Weile, als Sirius bemerkte, wo der Weg sie allem Anschein nach hinführte, merkte er gelangweilt an: »Ach, wir gehen wirklich zu Hagrid!«

Remus schien endlich aus seinen Grübeleien zu erwachen und sah seinen Freund verständnislos an. »Ja, natürlich. Wir haben ihn dieses Jahr doch noch gar nicht gesehen!«

Hagrid, der Wildhüter von Hogwarts, lebte in einer Hütte am Rande des Verbotenen Waldes auf den Schlossgründen und die vier Jungs hatten sich in ihrem ersten Jahr mit dem liebenswerten, übergroßen Mann angefreundet.

Allerdings empfand es Sirius nicht gerade als spannend, ihm am helllichten Tag einen ganz gewöhnlichen Besuch abzustatten. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn sie sich nachts heimlich gegen alle Regeln zu ihm geschlichen hätten…

In dem Moment flatterte ein schwarzer Schatten auf sie zu, der sich als Oxbow erwies. Der Rabe ließ sich auf Sirius' Schulter nieder, um ihm ein Stück Pergament zu überreichen. Sirius entfaltete es und las laut vor: »Jungs, Lust, mich zu besuchen? Hab Plätzchen gebacken. Freu mich, Hagrid.«

»Na, das trifft sich ja ausgezeichnet! Das heißt dann wohl endgültig, dass wir ihn besuchen gehen!«, stellte James motiviert fest, wobei er sich noch einmal über den Brief beugte. »Obwohl, er hat Plätzchen gebacken…«

Nur mit Widerwillen erinnerte sich Sirius an die steinharten Plätzchen ihres Freundes Hagrid.

Auf dem Weg durch das Schloss begegneten sie noch mehreren kleinen Grüppchen von Auroren, die überall in Klassenzimmern und Fluren die Wände mit Zaubern belegten.

Aus einem Lehrerbüro stürmte sogar ein erschrockener dunkelhaariger Zauberer, der von einem wütenden roten Sessel gejagt wurde.

Ein anderer rannte dem schlosseigenen Poltergeist Peeves hinterher, welcher ihm allem Anschein nach den Zauberstab geklaut hatte und damit nun wild in der Gegend herumfeuerte. Doch leider konnte Sirius das Spektakel nicht länger beobachten, da er Remus' flottem Schritt folgen musste.

Endlich erreichten sie die Eingangshalle, die glücklicherweise verlassen schien, obwohl aus Richtung Kerker McGonagalls wütende Stimme zu vernehmen war.

Um ihr nicht auch noch zu begegnen, verließen die vier Freunde schnell das Schloss und wurden von einem spätsommerlich warmen Nachmittag empfangen.

»Der erste Tag und es ist rein gar nichts Spannendes los hier«, maulte Sirius, wobei er resignierend seinen Freunden folgte.

»Wenn man mal von dem explodierten Kerker absieht, in dem wir beinahe alle unser Leben gelassen hätten und die Ankunft der Auroren, welche das ganze Schloss auf den Kopf stellen…«, erinnerte Remus ihn, als würden sie auf Hogwarts täglich dem Tod ins Auge sehen.

»Na ja, gut, davon abgesehen mal«, räumte Sirius grinsend ein.

»Vielleicht hat Hagrid ja mal wieder einen magischen Holzwurm in der Tür«, versuchte James seinen besten Freund Hoffnung zu machen, als sie bei der kleinen Hütte angelangten.

Kurz bevor Remus an der massiven Tür anklopfen konnte, wurde sie schon von Hagrid, der eine Schürze voller Mehl trug und breit grinste, geöffnet.

»Kommt doch rein, Jungs! Freu mich, euch ma' wieder zu seh'n!« Mit einer einladenden Geste schob der enorm große Mann sie alle vier zugleich in seine Hütte.

Sie nahmen an dem riesigen Tisch Platz, wo schon eine große Schüssel voller Steinkekse auf sie wartete.

»Bedient euch! – Fang! Unsere Freunde sind hier!«, rief Hagrid jetzt in seinen Gemüsegarten hinaus.

Einen Augenblick später sprang der große Hund mit matschbeschmierten Pfoten herein und rannte auf James zu.

»Oh nein! Nein, Fang! Hier, hol dir den Keks!« Geistesgegenwärtig warf James dem Saurüden ein Plätzchen zu. Das ließ der sich nicht zweimal sagen und sprang diesem hinterher.

Hagrid ließ sich ebenfalls an seinem Tisch nieder. »Peter, hab von heut' Morgen gehört…«, begann Hagrid nun feixend, doch da klopfte es rechtzeitig an der Tür, bevor Peter schon wieder vor Scham im Erdboden versinken konnte.

»Du erwartest Besuch?«, befremdet sah Remus auf.

Hagrid zuckte nur die Schultern und stand auf, um zu öffnen.

Ohne abzuwarten, traten drei Auroren ein, allen voran eine Frau in mittleren Jahren, die sofort begann: »Mr Hagrid, dürfte ich Sie und Ihre Besucher bitten, die… ähm… Hütte zu verlassen? Wir müssen sie auf Flüche untersuchen.«

Die Jungs wechselten ungläubige Blicke, bevor sie sich erhoben, um zum zweiten Mal an diesem Tag von Auroren vertrieben zu werden.

Sirius ließ es sich allerdings nicht entgehen, die Keksschüssel noch der Hexe in die Hand zu drücken mit den Worten: »Bitte, bedienen Sie sich!«

»Oh, wie zuvorkommend, Mr… Black, richtig?«

Sirius nickte nur grinsend und während er James anstieß, damit dieser sich das Lachen verbiss, verließen sie die Hütte.

Da es schon Zeit zum Abendessen war, verabschiedeten die vier sich von Hagrid, der zusammen mit Fang auf den Verbotenen Wald zuging, und begaben sich in die Große Halle.

Dort wurde heftig über die Auroren diskutiert, ebenso wie über ihren ersten Schultag und, damit verbunden, über die Lehrer.

Als Sirius sich zwischen James und Remus setzte, hörte er, wie Kingston sich mit Lydia und Nancy, welche in derselben Klasse waren, über ihre Verteidigungsstunde ausließ: »Ich wette was, dass Highking es keine zwei Wochen mit seinen zwei Jobs aushält, ohne total verrückt zu werden!«

»Der ist doch schon verrückt«, entgegnete Nancy trocken.

»Und um was wettest du, Kingston?«, mischte sich James neugierig mit ein, der das Gespräch ebenfalls interessiert belauscht hatte.

»Da nehm ich jede Wette auf!«, entgegnete dieser großspurig.

»Wir nehmen an!«, erwiderte Sirius sofort. »Wir wetten, dass es Highking keine zwei Tage in seinen beiden Jobs aushält, ohne total verrückt zu werden!«

Lydia und Nancy wechselten einen Blick und fingen zu lachen an.

»Also bitte, Kleiner, zwei Tage dürfte er es schon schaffen«, warf Lydia ein, sobald sie sich wieder gefangen hatte.

»Was ist, nimmst du an, Kingston?«, wollte James wissen, ohne auf die beiden Mädchen einzugehen und Sirius setzte die Bedingung: »Der Verlierer muss das tun, was der Gewinner verlangt!«

Kingston schien einen Moment lang zu überlegen, sah kurz zum Lehrertisch, wo sich Highking angeregt mit Professor Upperstick, der Wahrsagelehrerin, unterhielt, und nickte dann mit zusammengekniffenen Lippen: »Okay. Wenn Highking übermorgen Abend noch immer ganz normal ist – was man bei ihm eben als normal bezeichnen kann – dann hab ich gewonnen.«

»Okay«, antworteten Sirius und James aus einem Munde und schlugen mit dem Viertklässler ein.

Als sie sich endlich ihrem Essen widmeten, ernteten sie einen vielsagenden Blick von Remus.

»Ist was?«, kaute James, wobei er Remus fragend ansah.

»Ich dachte, ihr hättet gelernt, nicht mit Kingston zu wetten!«, erwiderte dieser streng.

Sirius winkte nur ab. »Ach, der gibt uns unser Geld schon noch zurück. Das einzige Problem wird sein, uns zu überlegen, was wir ihn machen lassen, wenn wir unsere Wette gewonnen haben! – Sollen wir ihn im Herbst bei Nacht in den See springen, oder lieber unsere Hausaufgaben von ihm erledigen lassen…«

»Wir könnten ihn auch beim Weihnachtsfestessen vor der ganzen Großen Halle im Pyjama Rumba tanzen lassen. – Ich hab mal gehört, dass er gar nicht tanzen kann!«, fiel James ein, der einen seligen Ausdruck angenommen hatte bei der Vorstellung, was sie den Viertklässer alles zu tun zwingen könnten.

Remus schüttelte nur noch resignierend den Kopf.

Nach dem Essen verzogen sich die vier gleich in ihren Schlafsaal, wo ihnen Potamus entgegengeflogen kam, der sehnsüchtig auf sein Herrchen gewartet hatte.

Während sich James und Remus über die Auroren aufregten, welche sie ständig vertrieben hatten, verbot Sirius strikt: »Hey Peter, dieses Vieh kommt aber heute Nacht raus. Ich hab wegen dem die ganze letzte Nacht kein Auge zugetan!«

»Aber er vermisst mich doch dann!«, entgegnete Peter schmollend.

»Nichts da!«, mischte sich auch James ein, woraufhin sich Peter mit verschränkten Armen auf sein Bett setzte: »Dann bringt ihr ihn aber raus! «

»Nichts leichter als das!«, meinte Sirius, wobei er schon nach der Eule hechtete, allerdings vorbeisprang und auf James' Bett landete.

Dieser schoss ein Netz aus seinem Zauberstab, das sich jedoch über Peter ausbreitete, der sich darin verwickelte. Souverän nahm Remus das in die Hand, der einen übrig gebliebenen Schokofrosch aus der offenen Tür warf, dem der Vogel sofort heißhungrig folgte. Keuchend warf Sirius rasch die Tür zu, während Remus Peter aus dem Netz befreite.

Seufzend ließ sich James in sein Bett fallen: »Endlich eine ruhige Nacht!«

tbc...