»Da haben wir ja unseren Mörder!« fauchte Sokka und packte Jet am Kragen, »Gestehe!«
»Ich bin nicht der Mörder, Sokka.«
»Aber natürlich. Ich weiß ganz genau was passiert ist!«
Aang und Katara zogen Sokka zurück »Lasst mich los! Er ist der Mörder! Er ist der Mörder! Hört ihr nicht?!«
»Sokka! Das bin ich nicht!«
»Doch! Du bist von den Toten wiederauferstanden und hast als Zombie Bumi das Leben ausgesaugt! Deswegen ist er jetzt tot! Er ist tot! Und du lebst!«
Zuko legte eine Hand schwer auf die Schulter Jets »Du schuldest uns in jedem Fall eine Erklärung.«
Für einen Moment verengten sich Jets Augen zu Schlitzen als er Zukos Profil erkannte. Er sah nicht Zuko, sondern „Lee". Den Tee-Jungen aus Ba Sing Se der in Wirklichkeit Feuerbändiger war.
»Hört zu: Ich habe eine Einladung bekommen. Ich kenne den Gastgeber nicht, aber es hieß Katara wäre auch hier. Katara, Aang und so weiter.«
Kataras Begeisterung für Jet hielt sich jedoch in Grenzen »Ich bin froh dass du lebst« sagte sie, als würde sie über das Wetter reden, »aber irgendwie ist dein Auftauchen hier schon seltsam.«
Jet setzte sein dünnes Lächeln auf »Ich bin nicht der Mörder. Dafür aber, habe ich den Kerl auf den Weg hier her gesehen.«
Wenig später saßen alle im Saloon. Das Feuer knisterte im Kamin. Iroh trank selig grinsend seinen Tee. Die anderen hatten sich auf dem großen Bärenfell vor dem Kamin breit gemacht. Jet saß in einem Sessel.
Es hätte eine harmonische Szene sein können, in der Jet eine Gutenachtgeschichte erzählt. Wenn sich hier bloß nicht ein gefährlicher Mörder herumtreiben würde.
»Ich habe die Einladung wahrscheinlich zum gleichen Zeitpunkt wie ihr bekommen,« begann Jet, »unterschrieben hatte ein Kerl namens „Bumi". Das ganze war mir herzlich egal, doch stand ganz am Ende, Katara und die „Anderen" wären auch hier.«
Zuko schnaubte.
»Ebenfalls hatte ich dann aber Probleme den Weg zu finden…«
Sokka lachte hell auf »Ach ja? Ich dachte du würdest dich in Wäldern immer so gut auskennen!«
Jet behielt sein dünnes Lächeln bei »Meinen Wald kannte ich in- und auswendig, ja. Der hier aber war… anders. Wie ein Urwald den niemand mehr seit hunderten von Jahren durchquert hat.«
»Bei Bumi durchaus möglich.« murmelte Aang.
»Ich muss zugeben. Ich war schon ziemlich verzweifelt,« fuhr Jet fort »aber der Gedanke an Katara ließ mich weitermachen…«
Nun war es Toph die auflachte »Jetzt erinnere ich mich an den Kerl. Katara das ist doch dieser Ex von dir oder?«
»Nein!«
Jets dünnes Lächeln schien noch etwas zuzunehmen »Ich gehe also durch diesen Riesenwald und naja…«
Er ließ den Halm schweigend auf und ab wippen.
»Was „Naja"?« wollte Zuko wissen.
»…Ich war schon fast hier. Ich meine ich konnte die Umrisse des Hauses hier erkennen, als ich nen' Kerl sah.«
Er sah in die Runde »Ein ziemlich alter Kerl. Weiße, abstehende Haare, zerschlissene Robe.«
»Jeong-Jeong« befand Iroh, »das war Jeong-Jeong. Und der ist definitiv nicht der Mörder.«
»Lass mich ausreden. Der Kerl – Jeong-Jeong hieß der also – saß da an einen Baum gelehnt. Ich dachte der pennt.«
Einen Moment lang kaute Jet nachdenklich auf seinen Grashalm herum
»das dachte ich zumindest, bis ich nen' Kerl mit Maske mitten im Wald stehen sah. Er trug zwei Schwerter, eines davon wie in Blut getunkt.«
»Wie sah er aus?! Sein Gesicht!« wollte Aang wissen.
Jet schüttelte den Kopf »Konnte ich nicht erkennen. Der Kerl trug ne' Maske.«
»Was… für eine Maske?« Aang drehte den Kopf langsam zu Zuko.
»So blau und weiß. Naja, in dem Moment war der Kerl auch schon wieder verschwunden und mir wurde klar, dass dieser „Jeong-Jeong" wohl tot ist.«
»Ganz Recht, er ist tot.« meldete sich plötzlich eine raue Stimme. Noch bevor sich sämtliche Köpfe zur Tür drehen konnten folgte ein schrilles Lachen. Der Blaue Geist stand im Türrahmen, und er hatte auch wieder seine Schwerter mitgebracht »und ihr werdet die Nächsten sein!« schloss er gackernd.
Zuko formte einen Feuerball, doch Iroh hielt ihn auf »Nicht! Das ganze Haus brennt sonst ab!«
Der Blaue Geist deutete mit einen Schwert auf Suki und verschwand aus dem Türrahmen. Man konnte seine schnellen Schritte auf den Dielen im Flur hören.
»Los hinterher!« brüllte Aang und befreite seine Freunde aus den Trance-artigen Zustand.
Doch der seltsame Eindringling war schon wieder verschwunden.
»War ja klar!« schimpfte Sokka und trat gegen die Wand, »der „mysteriöse Mörder" taucht auf und verschwindet sogleich wieder!«
Aang suchte mit seinem Blick alles im finsteren Gang ab, als könne der Mörder vielleicht noch irgendwo an der Decke hängen. Doch es gab hier nichts als Spinnenweben und morsches Holz.
»Eine gute Sache hat es.« brummte Iroh und goss sich gelassen einen Tee ein, »der Mörder ist keiner von uns. Soviel steht jetzt fest.«
»Ja! Ich hätte solche Verdächtigungen auch nie gehegt, Onkel.«
Die Gruppe fand sich wieder im Saloon ein. Die Tür wurde sicherheitshaltbar jedoch abgeschlossen.
»Eines beunruhigt mich jedoch sehr an der Sache« meinte Aang, »Diese Stimme habe ich noch nie gehört. Ich meine, ich hätte selbst die Stimme des Kohlkopfhändlers erkannt. Aber die… die war mir einfach vollkommen unbekannt.«
»Hat irgendjemand die Stimme wiedererkannt?« fragte Katara in die Runde.
Schüttelnde Köpfe oder Achselzucken.
»Mich beunruhigt eines viel mehr« sagte Suki, »der Kerl sagte, auch wir würden alle noch sterben. Und danach… hat er auf mich gezeigt.« Sie umklammerte zitternd Sokka »ich bin die Nächste.«
Iroh seufzte und sah zu den schwarzen Fenstern hinaus »Jeong-Jeong hatte wohl doch Grund zu fliehen.«
Jet
Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Seine Hände krallten sich in den Sessel. Seit dem Auftritt von der Blaumaske war er jedoch glücklicherweise unwichtig geworden. Niemand beobachtete oder verdächtigte ihn.
Und so sollte es auch bleiben. Sonst könnte man fragen warum ich ewig geklopft habe obwohl ja ein Mörder hinter mir her sein könnte.
Er seufzte und dachte einen Tag zurück.
Ich hätte den Brief einfach als Witz abtun sollen. Ein Witz von Long-Shot dem alten stummen Arsch.
Immerhin war Katara hier. Ihr Anblick ließ ihn jedes Mal schneller atmen. Schlimmer noch als die Blaumaske. Sie bringt mein Blut in Wallung, Baby.
Dummerweise waren sowohl Lee -den hier jeder Zuko nannte- als auch Aang da. Zwei Konkurrenten.
Ein Irrer mit Maske streift hier herum. Und du denkst an nichts anderes als Katara.
Stimmt ja. Es gab da noch etwas zu klären. Der Grund für seine tagelange Folter unter dem See Laogai. Ja, der verdammte Grund für seinen „Tod".
»Hey Zuko,… oder sollte ich besser sagen „Lee"?«
Zuko sah lediglich kurz über seine Schulter »Wir Beide sind miteinander fertig.«
»Nein, nein, nein. Hol doch gleich deinen Onkel Mu-shi. Vielleicht könnten wir ja alle mal ein paar Tee zusammen trinken.«
Lee alias Zuko drehte sich um »Du bist wohl schwer vom Begriff was?« ein Lächeln zierte nun sein Gesicht, ähnlich wie das Jets »genauso schwer vom Begriff wie damals in Ba Sing Se.«
Jets Lächeln schwankte kurz »Ich frage mich, was das für ein Gefühl ist.« sinnierte er, »jemand Unschuldiges in ein Foltergefängnis zu schicken.«
Zuko zuckte mit den Schultern »Ich fühlte mich, als hätte ich etwas Müll entsorgt.«
Jet sprang auf. Aus seinen Augen schossen Tränen »Du hast mich beinah umgebracht du verdammtes Schwein!«
Iroh kam mit einem Tee angehüpft »Hey Jungs beruhigt euch!«
»Ist schon in Ordnung Onkel. Das ist nur ein kleiner,… dummer Straßenjunge. Ein Neider aus unseren Tagen in Ba Sing Se.«
Aus dem Nichts zog Jet seine Hakenschwerter »Ich werde dich noch vor der Blaumaske umbringen!«
Ein horizontaler Streich durchschnitt die Luft. Zuko duckte sich gerade rechzeitig und verlor etwas von seinem dichten Haar. Bevor Jet zum nächsten Schlag ausholen konnte, wurde er von Sokka, Aang und Iroh niedergeworfen.
»Hört auf!« brummte Iroh und seufzte bei dem Anblick der Tee-Pfütze und Porzellansplitter die er nun notgedrungen hatte hinterlassen müssen.
»Runter von mir!« knurrte Jet und ließ die Klingen klappernd los.
Sie halfen ihm wieder auf. Er fühlte sich seltsam hilflos. Wie ein Kind, das ganz genau von einem Verbrechen eines bösen Onkels wusste, es aber nicht erklären konnte und somit dem Unglauben der Erwachsenen ausgeliefert war.
»Die zwei da! Die haben mein Leben zur Hölle gemacht!« brüllte er und vergoss dabei großzügig Spucke.
»Wir hatten einen Neuanfang in Ba Sing Se gemacht und der Feuernation abgeschworen.« widersprach Iroh, »wir waren friedliche Bürger die nur einen guten Tee machen wollten!«
»Von wegen! Die Feuernation hat mein Dorf niedergemacht! Mein Dorf, meine Eltern… einfach alles was ich kenne!«
»Mir kommen gleich die Tränen.« gähnte Zuko.
Die Tränen zogen wässrige Bahnen auf Jets Wangen »Ich gehe.«
Niemand hielt ihn auf. Und zu seiner Verzweiflung sprach auch Katara kein Wort um ihn doch noch aufzuhalten. Er verließ den Saloon und drehte um die Ecke. Einen Moment blieb er dort stehen, in der Hoffnung jemand würde ihn doch noch zurückrufen. Doch dort gab es nichts als das Kaminfeuerknistern. Sie unterhielten sich alle schon wieder, als hätte es ihn nie gegeben.
Er war sich der Tatsache bewusst, dass die Blaumaske gleich hinter einen dieser Bäume hervorspringen würde um ihn die Kehle durchzuschneiden.
Doch es ist mir egal, dachte er, denn ich bin schon vor langer Zeit unter dem See Laogai gestorben.
Es war fürwahr eine triste Welt in die er als vermeintlich Toter getreten war. Die Feuernation war besiegt, doch wo ist die Gerechtigkeit geblieben? Menschen die für Jahrzehnte Ozai unterstützt haben leben weiter in ihren Alltag, als wäre nichts geschehen. Wurden die Opfer des Krieges irgendwie entschädigt?
Nein.
In Ba Sing Se tänzelte man Hand in Hand mit der Feuernation herum. Ein großes Freudenfest, dass all das hundertjährige Leid vergessen machen sollte.
Jeder der sich auf den Tanz einließ war ein Verräter. Longshot. Smellerbee. Sie alle.
»Dreckige Verräter, Mistkerle, Mörder… « zischte er.
Und was war mit den Rebellen der ersten Stunde? Leuten wie ihm?
Die waren vergessen und vergangen für die Welt. Alles was sie taten war einen durch und durch finsteren Wald zu durchqueren. Einen Wald der nie enden würde.
Der Boden unter ihm brach weg.
Jet ließ es einfach geschehen. Die Fallgrube war nichtmal sonderlich tief. Der Sturz hatte ihn lediglich einen schmerzenden Hintern beschert. Von oben könnte eine einzige Person mit ausgestrecktem Arm ihn wieder raushieven.
Die Blaumaske lugte von oben herein. Sie legte spöttisch den Kopf schief »Guten Abend Jet.«
»Töte mich ruhig.« sagte Jet, »du irrer Dreckssack. Hast du mich gehört? Na los, mach dein Krummschwert Trick. Ist mir egal.«
»Ich hatte alles gehört, Jet. Wie überaus traurig das doch war. Ich musste meine Maske sogar kurz abnehmen und mir die Tränen wegwischen.« die Maske wackelte. Vermutlich lachte oder kicherte er. »Du wirst hier unten sehr langsam sterben Jet. Doch sei beruhigt. Ich gehöre der Feuernation an. Du wirst also wie deine Eltern sterben. Als Held.«
Dann verschwand das blaue Gesicht und Jet war allein.
Suki
Sie strich über den Fächer.
Die meisten sahen in ihm ein Spielzeug oder bestenfalls etwas um sich eben Luft zuzufächern. Doch wie jede Kyoshi-Kriegerin wusste sie, dass er eine absolut tödliche Waffe war.
Tödlich genug um einen Blauen Geist aufzuhalten?
»Er hatte auf mich gezeigt Sokka.«
» Suki. Solange ich hier bin versteckt sich dieser Blaue Geist mal lieber schön auf einen… einen… Maskenball. Ich beschütz dich! Keine Sorge.«
»Ich weiß.« Sie lächelte. Doch es war nicht nur schwach sondern auch künstlich. Sie wusste wie die Dinge standen.
Weil die Kyoshi-Insel militärtechnisch der Feuernation stets stark unterlegen war, hatte sie eine umso härtere Ausbildung erlangt. Doch hier hatte man es nicht mit normalen Soldaten, sondern mit einem irren Geist zu tun. Ein Monstrum, das sie als nächstes Opfer ausgewählt hatte.
Die Fenster waren immer noch pechschwarz. Die Nacht wollte heute einfach nicht enden wie es schien. Vielleicht würde die Sonne erst aufgehen, wenn sie alle tot sind…?
Ein Ast explodierte mit einem lauten Knall im Kamin. Wie jedes Mal sprang sie erschrocken auf und glaubte überall blaue Masken zu sehen.
»War nur der Kamin Suki.« sagte Katara.
Ihr Herz wurde wieder ruhiger. Die blauen Masken überall verblassten.
»Katara? Können wir kurz reden?«
Suki horchte auf. Zuko?
»Klar Zuko. Schieß los.«
»Unter vier Augen meine ich.«
Suki seufzte innerlich. Sie hatte es schon immer geahnt. Dass er Mai nicht mitgenommen hatte, war schon Grund genug zum stutzen. Und jetzt hatten sie die Gewissheit. So war es eben, das Leben. Erst brannte er ihr Dorf nieder und nun versuchte er ihre beste Freundin anzugraben.
»Wir können alles hier besprechen, Zuko.« flüsterte Katara.
»Genau Zuko!« sagte Aang und sah dabei abwechselnd von Katara zu Zuko.
»Es wäre was Privates gewesen.« murmelte Zuko grinsend und hob gleichgültig die Arme, »Dann eben später vielleicht.«
»Moment!« hielt ihn Aang auf, »ich würde mal allgemein gerne wissen, was hier läuft.«
»Das einzige was hier momentan läuft ist Jet der nach Hause geht.«
»Lass Katara in Ruhe.«
Die flüsternden Gespräche zwischen den Anderen stoppten abrupt.
»Was meinst du damit?«
»Das weißt du sehr genau, Zuko.«
Zuko verschränkte die Arme »Nein, klär mich auf.«
»Nun,… sagt dir der Begriff „nächtliche Besuche" etwas?«
Katara stand langsam auf »Aang,… hör auf…-«
»Keine Ahnung was du meinst. Besuch bekommen wir hier nur von einem irren Mörder wie du weißt.«
»Ja aber irgendwie… habe ich das Gefühl, dass der hier nicht das größte Problem ist.«
Was zur Hölle redete er da? So hatte sie Aang noch nie erlebt.
»Aang? Warum sagst du so etwas?« mischte sie sich ein.
Er antwortete nicht. Stattdessen tat es Zuko für ihn »Ist schon gut. Anscheinend bin ich hier nicht länger erwünscht.«
»Hört mit den Quatsch auf! Sonst werde ich wütend!« Brummte Toph aus der Ecke.
Zuko ignorierte sie »Onkel, kommst du?«
»Zuko. Aang. Warum beruhigt ihr euch beide nicht und besprecht das ganz in Ruhe bei einer Tasse Tee?«
»Es gibt hier nichts mehr zu besprechen Onkel! Ich gehe.« Mit diesen Worten verschwand er durch die Tür.
»Zuko! Mein Neffe! Warte! Wo willst du denn hin?«
Iroh folgte ihm mitsamt seiner Tee-Ausrüstung.
Fassungslos starrte Sokka in die Runde »Leute? Sind wir gerade zwei Leute weniger geworden? Was zum Henker ist hier eigentlich los?! Erst Jet – den ich zwar nicht leiden konnte – und jetzt die Beiden!«
Das wird dem Mörder gefallen. Dachte Suki, es ist wie in einen dieser billigen Horrorbücher: Die Gruppe wird Stück für Stück getrennt, damit der Killer leichtes Spiel hat.
»Ich würde von dir auch gerne einiges wissen, Katara.« sagte Aang leise.
»Trennen wir uns hier gerade wegen so eines Schwachsinns?« hob nun Suki die Stimme und sah anklagend in die Runde, »ist euch klar, dass der Kerl mit der Maske darauf nur wartet?«
Keine Antwort.
Nach einer Weile sagte Aang: »Ich hoffe er holt sich Zuko zuerst.«
