4. Dezember
Zwischen Leid und Zuversicht
von Teasy
Die letzte Schlacht war geschlagen. Waren seit dem Wochen vergangen oder Monate? Er wusste es nicht. Der Wind pfiff eisig über das schneebedeckte Tal. Die Reste seines Umhangs, die in Fetzen an ihm herunter hingen, schützten ihn kaum gegen die klirrende Kälte. Orientierungslos und hungrig setzte er immer langsamer werdend einen Schritt vor den anderen. Was ihn noch antrieb, wusste er nicht. Die Kälte, die sich in seinen Gliedern festgesetzt hatte lockte immer stärker, sich der ersehnten Ruhe hinzugeben.
Er hörte noch Albus Stimme, wie er ihn darum bat, ihn zu töten, falls es so weit kommen sollte. Er hatte getötet. Doch was hatte es genutzt? Draco war, so wie viele andere, an der Seite Voldemorts in der Schlacht untergegangen. Die Todesser gab es nicht mehr. Aber auch viele andere hatten ihr Leben eingebüßt.
Er war zu einem Verdammten geworden, hatte jegliche Zuflucht verloren. Den Herbst hatte er noch trotz seines zerbrochenen Zauberstabs überstehen können. Die zunehmende Kälte lockte nun jedoch, den anderen zu folgen, die schon gegangen waren.
In der Ferne sah er einen Hügel auftauchen, auf dem Hogwarts thronte. Die Sehnsucht hatte seine Schritte gelenkt. Erinnerungen stiegen in ihm auf und eine sehnsuchtsvolle Wärme; gepaart mit der bitteren Enttäuschung eines zu Unrecht Verstoßenen, nahmen ihm die Luft zum Atmen.
Er bewegte sich im Schatten der Bäume des verbotenen Waldes auf Hogwarts zu, als er auf Hagrids Hütte zukam. Ja, auch der Halbriese hatte in der Schlacht sein Leben gelassen.
Ob die Hütte wieder bewohnt war? Langsam schlich er sich an. Die Tür stand offen und der Wind hatte den Schnee hereingeweht. Nein, hier war seit längerer Zeit niemand mehr gewesen. Auf dem Tisch erinnerten noch benutzte Teetassen an den früheren Bewohner. Wären der Schnee im Eingangsbereich und der Staub, der sich überall niedergelassen hatte, nicht gewesen, hätte man annehmen können, der Bewohner sei erst vor kurzem weggegangen.
Snape überlegte. Bestand die Möglichkeit sich hier ungesehen für eine Zeit niederzulassen? Draußen in der Kälte erwartete ihn der sichere Tod. Sein Lebenswille existierte nicht mehr, seine Instinkte jedoch waren stärker. Und so begann er den Schnee zu räumen, schloss die Tür, stapelte Feuerholz im Kamin und entzündete es. Er ließ sich vor dem Kamin nieder und war kurz darauf eingeschlafen. Als er wieder erwachte, durchfuhr ihn ein eisiger Schreck. Wie leichtsinnig war er gewesen, wie leicht hätte er entdeckt werden können!
In der darauffolgenden Zeit begann er sich einzurichten. Er stellte Fallen im Wald auf, fing Kaninchen, entzündete das Feuer nur nachts, damit der Rauch nicht gesehen werden konnte und verhängte gründlich die Fenster. Sogar an seine Fußspuren dachte er, die er regelmäßig, mit einem Tannenzweig hinter sich, wieder verwischte. So zogen die Tage dahin, aber die eisige Kälte, die sich in seinem Herzen eingenistet hatte, wich nicht.
Eines Tages hörte er Stimmen vor der Hütte. Wer war das? Vorsichtig hob er die alte Decke an und lugte durch die blinden Scheiben. POTTER, der Junge, der überlebt hat - und er hatte auch die große Schlacht überlebt, ging dort gemütlich mit diesem vorlauten Gryffindor- Weib auf den verbotenen Wald zu. Was taten die beiden hier? Hatte Potter nicht nach der Schule eine Aurorenausbildung absolviert? Was hatte diese vorlaute Granger nach ihrem Abschluss getan? Er wusste es nicht, es hatte ihn auch nie interessiert. Aber was bei Merlin taten die beiden hier auf dem Hogwartsgelände? Sollte Potter ihn entdecken, war es aus. Er war mit Sicherheit derjenige, der ihn am meisten in der ganzen Zaubererwelt hasste. Die gleichen Gefühle brachte Snape allerdings auch Potter entgegen. War dieser vorlaute Bengel doch Schuld, dass ihm nach Albus Tod kein Gehör geschenkt worden war. Sein Magen krampfte sich zusammen, die ganze Wut und Enttäuschung der letzten Jahre brach wie eine Woge über ihn herein. Die beiden waren längst im Wald verschwunden, als ihm die Decke entglitt und er wohl das erste Mal in seinem Leben haltlos zusammenbrach.
Den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht rührte er sich kaum von der Stelle. Der neue Tag war längst hereingebrochen, als er abermals draußen eine Stimme hörte. Mit zitternden Knien richtete er sich vorsichtig auf. „Hallo, wer ist da" rief die Stimme. Sie kam ihm vage bekannt vor. Plötzlich durchfuhr es ihn wie einen Blitz. Granger! „Hallo, ich weiß, dass Sie dort drin sind", rief die Stimme nun fordernder. Wie konnte sie wissen, dass er hier war? Das war unmöglich. Panik erfasste ihn, als es an der Tür klopfte. „Entweder Sie öffnen die Tür oder ich kommen so herein", erklang es nun von draußen energisch. Snape sah sich um, es gab keinen Fluchtweg. Als er gerade begann sich darüber zu ärgern, dass er, Snape, gerade vergeblich versuchte, sich vor diesem vorlauten Gör zu verstecken, hörte er von draußen ein gemurmeltes „Alohomora". Klack, die Tür schwang auf und eine Zauberstabspitze richtete sich auf ihn. „Snape!", entfuhr es Hermine. „Granger", knurrte Snape. Ihre Überraschung stand ihr so deutlich ins Gesicht geschrieben, dass offensichtlich war, dass sie nicht mit ihm gerechnet hatte. Den Zauberstab immer noch auf Snape gerichtet, stotterte sie: „w w w was, was tun Sie hier?". „Auf jeden Fall keinen Zauberstab auf Sie richten", kam die prompte Antwort. „Aber, Sie sind ja gar nicht tot.". „Äußert scharfsinnig bemerkt, Miss Granger.". Das „obwohl ich es lieber wäre", verließ seine Lippen nicht. Langsam ließ Hermine den Zauberstab sinken. „Ich dachte, Sie seien tot", murmelte sie noch einmal. „Jeder denkt, sie seien tot.". „Und das war auch gut so, sonst wäre ich es wahrscheinlich bereits oder beraubt jeder Emotionen in Askaban sitzend", flüsterte er. „Was tun Sie nun Miss Granger? Liefern Sie mich nun dem Zaubereiministerium aus oder holen Sie zunächst Potter zur Hilfe, damit er sich an mir rächen kann?". Er wusste es nicht, dämmerte es Hermine. Konnte es tatsächlich sein, dass er in den letzten Monaten keinen Kontakt zu anderen Zauberern gehabt hatte? Es war doch durch die ganze Presse gegangen. „Professor Snape", sagte Hermine laut „Sie sind vollständig rehabilitiert.". Seine Gedanken überschlugen sich. Erlaubte sie sich einen Scherz mit ihm? Was war das für ein mieser Trick? Was wollte sie damit bezwecken? Langsam trat Hermine einen Schritt auf ihn zu. Er wich zurück. „Kommen Sie nicht näher Miss Granger", drohte er. „Sie scheinen es tatsächlich nicht zu wissen. Lassen Sie uns Platz nehmen und ich werde es ihnen erklären", sagte Hermine. „Was habe ich schon zu verlieren", dachte Snape bei sich. Laut sagte er: „ setzten Sie sich, Miss Granger". Und so setzten sich beide an den großen Tisch in der Mitte des Raums und Hermine begann zu berichten.
In der Zeit nach ihrem Abschluss auf Hogwarts war sie viel gereist und hat ihre Kenntnisse in verschiedenen Bereichen der Zauberei vertieft. Ein halbes Jahr verbrachte sie in den USA bei den Uhreinwohnern. Hierzu bemerkte sie, wie fasziniert sie doch sei, dass dort Magier mit Muggeln einträchtig nebeneinander lebten. Die Zauberer würden dort Medizinmänner genannt. Von ihnen habe sie gelernt, die Sprache der Tiere zu verstehen. Im späten Sommer habe sie ihre Reisen abgebrochen, da sich die englische Zaubererwelt zum letzten Schlag gegen Voldemort vereinigte. Nach der Schlacht war sie mit der angeschlagenen Professorin McGonagall nach Hogwarts zurückgekehrt, um sie bei der Leitung der Schule zu unterstützen und den Unterricht in Verwandlung zu übernehmen. Im Büro der Schulleiterin sei sie auf Fawkes getroffen, dessen Sprache sie nun verstehen konnte.
„Wie Sie sich vielleicht erinnern, Professor, war Fawkes bei den meisten Gesprächen, die Sie mit Professor Dumbledore führten, anwesend. Und so kam die Wahrheit ans Licht.", beendete sie ihre Erzählung. Snape, der die ganze Zeit über kein Wort gesprochen hatte, starrte sie nur stumm an. Seine Gedanken wirbelten, drehten sich im Kreis und fühlten sich dabei wie zäher Leim an. „Was nun?" kristallisierte sich eine Frage in seinem Kopf heraus. Er hatte in den letzten Wochen kaum noch einen Gedanken an die Zukunft verschwendet. Sie war für ihn nicht mehr existent gewesen, er hatte nur noch von einem Moment auf den anderen gelebt. Hermine merkte, dass er Zeit brauchte, und so saßen sie eine Weile schweigend am Tisch. Zwischendurch fügte sie lediglich leise an, dass sie auf die Hütte aufmerksam geworden sei, da die Scheiben beschlagen gewesen seien, als sie mit Harry in den Wald ging, um Mistelzweige für die Weihnachtsvorbereitung zu holen.
Plötzlich ertönte von draußen eine Stimme: „Hermine! Hermine, bist du hier?". „Minerva!", durchfuhr es Hermine. Sie hatte ihr berichtet, welche Entdeckung sie an Hagrids Hütte gemacht hatte und nun, da sie noch nicht ins Schloss zurückgegehrt war, musste sich Minerva wohl Sorgen gemacht haben. Snape richtete, wie erstarrt den Blick auf die Tür. „Es ist alles in Ordnung. Wir sind hier drin.", antwortete Hermine. McGonagall trat ein und verharrte plötzlich mitten in der Bewegung, als ihr Blick auf Snape fiel. „Ich dachte sie seien tot.", brachte sie hervor. „Ja, das habe ich heute schon mal gehört", murmelte Snape. Bevor es zu unbedachten Handlungen kommen konnte, intervenierte Hermine: „Ich habe ihm bereits alles erklärt, er wusste von nichts.". „Professor Snape, verzeihen Sie mir, wenn ich so direkt bin, aber Sie sehen erbärmlich aus. Ich würde mich freuen, wenn sie uns auf das Schloss begleiten würden", sagte McGonagall, während sich ein zaghaftes Lächeln auf ihre Lippen stahl.
Immer noch fassungslos und zu keiner anderen Reaktion fähig nickte Snape nur stumm.
Auf dem Weg zum Schloss beruhigte ihn McGonagall, dass jetzt so kurz vor Weihnachten kaum Schüler im Schloss seien und mit den verbliebenen werde heute, am Heiligen Abend, gemütlich gefeiert, woran er gerne teilnehmen könne, aber nicht müsse, fügte sie hinzu, da sie sich noch gut an seine Einstellung gegenüber größerer Feierlichkeiten erinnerte. Außerdem berichtete sie ihm, dass seine Kerkerwohnung noch frei sei, da bisher keiner der anderen Lehrer dort einziehen wollte. Zudem sei die Position des Zaubertranklehrers zum Jahreswechsel wieder neu zu besetzen, da der derzeitige Lehrer eine Stelle in Italien angenommen habe.
Als sie durch das große Portal traten, hatte Snape das erste Mal seit langer Zeit wieder das Gefühl nach Hause zu kommen. Er wusste, dass er das Leid der vergangenen Monate und die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren war, nie wieder würde vergessen können. Dennoch klopfe nun ganz leise ein Gefühl der Wärme und Zuversicht an eine kleine Tür seines Herzens.
