Hallo! Ich hoffe, es hat nicht zu lange gedauert mit dem nächsten Kapitel. Ich war ziemlich beschäftigt in den letzten Tagen, sorry. Ich mag es normalerweise auch nicht, wenn man warten muss ...

Ein ganz herzliches Dankeschön an Steffen, Marek, Isychan, Byzantine und Ronny für eure Reviews! Ich liebe euch!

Okay, hier kommt ...

Kapitel 4: Hochzeitsnacht

AN: Zur Erinnerung nochmal die letzten beiden Sätze des 3. Kapitels: Er öffnete den Mund, doch im selben Moment durchdrang ein Schrei die Dunkelheit und übertönte das Lachen und die Musik. Es war kein Schrei der Empörung, wie Tante Muriel ihn gerade eben ausgestoßen hatte - es war ein Schrei in Todesangst!

- - -

Ihre Köpfe flogen gleichzeitig in die Richtung aus der er gekommen war und sie sahen, dass der Himmel über dem Festzelt vom Rauschen unsichtbarer Schwingen vibrierte. Gleich darauf folgte ein Ton, den Harry noch nie zuvor gehört hatte – ein schrilles, durchdringendes Kreischen, das seine Ohren bis auf das Trommelfell zu durchbohren schien. Es vermischte sich mit den panischen Rufen aus dem Zelt, in dem das Chaos entfesselt war. Menschen stürzten nach draußen, Flüche zischten durch die Luft, die immer wieder zerschnitten wurde von dem beängstigenden Heulen einer unbekannten Kreatur wie ein Fetzen Seide durch ein scharfschneidiges Schwert.

Harry packte Ginny, die noch immer wie erstarrt stand und ihre Ohren bedeckte und rannte mit erhobenem Zauberstab auf die schreienden Menschen zu. Etwas traf ihn hart im Rücken und er schnappte nach Luft. Augenblicklich waren seine Beine wie gelähmt und er stürzte zu Boden, spürte, wie er sich die Zunge blutig biss. Ginny stolperte, konnte sich aber im letzten Augenblick fangen und suchte Halt in den Rosenbüschen, die ihre Hände zerkratzten. Sie wirbelte herum und zielte mit dem Zauberstab zwischen die Bäume. Im Lichtstrahl ihres Fluches zeichneten sich für einen kurzen Augenblick die Umrisse einer maskierten Gestalt ab, die den Zauber parierte.

„Finite Incantatem" drang Ginnys Stimme zu ihm durch und Harry rappelte sich auf. Schon zischten die nächsten Flüche über sie hinweg und sie suchten Schutz im Gestrüpp der Rosen. Neben ihnen zerbrach ein hölzernes Spalier in seine Einzelteile, die wie spitze Pfeile auf sie nieder prasselten. Ginny schrie und Harry legte schützend den Arm über sie. Mit dem anderen versuchte er, die Flüche, die ununterbrochen in ihre Richtung zielten, abzuwehren. Der Lärm um sie herum schwoll noch weiter an; Menschen rannten panisch an ihnen vorbei und für den Moment wurde der Fluchschwall unterbrochen. „Komm raus hier", raunte er Ginny zu, deren Gesicht, ebenso wie seines, von den scharfen Dornen zerkratzt war. Beinahe kriechend versuchten sie sich aus den spitzen Krallen der Rosen zu befreien. Der Auror, der sie vorhin misstrauisch gemustert hatte, stürmte mit wildem Blick auf sie zu: „Harpien! Das sind Harpien! Weg hier, in den Wald!" Etwas in seinen Augen gefiel Harry nicht, doch ehe er etwas erwidern konnte, lief er davon, gefolgt von einigen offenbar völlig verstörten Gästen.

„HALT" rief Harry und packte den Arm eines der Fliehenden. Es war Gabrielle Delacour. „Nein, nicht in den Wald! Da sind Todesser!" Einige Verstreute zögerten und sahen ihn verängstigt an, doch der Rest folgte dem Auror. „Kommt mit!" forderte einer der Vorbeilaufenden und versuchte, Gabrielles Arm aus seiner Hand zu befreien. „Die Bäume bieten Schutz, da entdecken sie uns nicht so schnell!"

Gabrielle stammelte etwas auf Französisch, riss sich los und stellte sich hinter Harry.

„Du weißt nicht, was du tust, Mädchen!" stieß der Zauberer ärgerlich hervor, schüttelte den Kopf und rannte hinter den anderen her. Harry zog Gabrielle neben Ginny.

„Ins Haus!" befahl er, „Das ist sicherer. Ginny, bring sie rüber, aber pass auf, ich …"

„Lewis, komm zurück", schrie jemand hinter ihnen und Harry erkannte Tonks, die im Laufen mit dem Schwung ihres Zauberstabes die bunten magischen Fackeln löschte, in deren Schein sie ein vortreffliches Ziel boten. Sie wischte sich das Haar aus dem Gesicht und ihre Miene wirkte erleichtert, als sie Harry erkannte.

„Todesser", stieß sie hervor, „Drüben, zwischen den Bäumen - auch auf der anderen Seite. Lauft ins Haus. Die Harpien konzentrieren sich im Augenblick nur auf das Zelt …"

„Harpien? Was …?"

Doch die Aurorin antwortete nicht, sondern setzte der Gruppe nach, die soeben von den Schatten der Bäume verschluckt wurde.

Das markerschütternde Heulen ertönte erneut über ihnen und Harry warf den Kopf in den Nacken und starrte auf die Kreatur, die aus dem dunklen Nachthimmel auf das Hochzeitszelt herab stieß. Auf den ersten Blick hielt er sie für einen Hippogreif, der mit weit ausgebreiteten Schwingen die Luft durchschnitt; aber dann erkannte er im Widerschein einiger Flüche den Frauenkopf, der statt des kräftigen Adlerkopfes auf dem riesigen Leib thronte. Doch die Züge glichen mehr einer Fratze als einem menschlichen Gesicht; langes, dunkles Haar flatterte über einen mächtigen Vogelrücken und der Mund war zur Grimasse verzerrt, während er das durchdringende, sirenenartige Geheul ausstieß. Der gleichwohl faszinierende, wie abstoßende Anblick fesselte ihn für Bruchteile von Sekunden. Erst als die krallenartigen Klauen der Harpie auf das Zeltdach herabstießen und ein großes Stück Tuch herausrissen, löste sich seine Starre und er schob Ginny und die anderen, die mit weit aufgerissenen Augen den Flug des unheimlichen Wesens verfolgten, in Richtung Haus. „Schnell!", drängte er, „bring sie rein, aber bleibt in Deckung!" Dann rannte er auf das Zelt zu, das zunehmend ins Schwanken geriet. Eine zweite Vogelfrau tauchte auf und grub ebenfalls ihre Klauen in das Zelt. Die Stützbalken bogen sich bedenklich wie in einem Wirbelsturm, verzweifelte Flüche von innen versuchten, einen Einsturz zu verhindern. Doch vergeblich – mit einem ächzenden Rumpeln stürzte das Festzelt schließlich in sich zusammen und begrub die darin Verbliebenen unter sich.

„Stupor!" schrie Harry und feuerte auf eine der Vogelkreaturen, doch ihr Federkleid wirkte wie ein Panzer – sein Fluch prallte einfach ab.

„Das reicht nicht!" Jemand packte ihn am Arm und Harry starrte in das angespannte Gesicht von Remus Lupin. Er zerrte ihn hinüber zu einer Gruppe von Zauberern, die zusammen gedrängt neben dem zerstörten Zelt standen und ebenfalls Flüche gegen die Harpien schleuderten. „Da hilft nur ein Bündelfluch! Komm, jeder weitere Zauberstab vergrößert die Chance!"

„Da, sie hat jemanden!" rief eine heisere Stimme und jetzt sah Harry ebenfalls die zappelnde Gestalt in den Klauen der Harpie, die rasch höher in den Himmel stieg. Ein rotes Gewand flatterte im Flugwind.

„Hermine …."flüsterte Harry und er spürte, wie sein Herzschlag aussetzte. Im schwarzen Samt der Nacht wirkte ihr Kleid wie ein riesiger Blutstropfen.

„Beeilt euch!" befahl Lupin neben ihm. „Los! INCENDIO!"

Aus zahlreichen Zauberstäben schossen gelbe Lichtblitze hervor, bündelten sich zu einem einzigen, dicken orangefarbenen Strahl, der die Harpie mit voller Wucht traf. Sie kreischte auf, taumelte, öffnete ihre Krallen und ließ ihr Opfer frei.

„ Arresto Momentum……", schrie Harry und Hermines rasanter Sturzflug stoppte sofort und wie eine Feder schwebte sie sanft zu Boden.

„Gut gemacht! Nochmal!" ordnete Lupin an und erneut wurde die Harpie mit dem blonden Haar von einem Fluchbündel getroffen. Sie schrie erneut, ein Flügel knickte ein, Federn stoben durch die Luft. Offensichtlich schwer verletzt suchte sie mit grotesk wankenden Flugbewegungen laut heulend das Weite. Die andere jedoch schoss in einem rasenden Tempo auf die kleine Gruppe Angreifer zu, bevor es ihnen gelang, einen weiteren Sammelfluch auf sie abzufeuern. Entsetzt stob die Gruppe auseinander. Harry stürzte erneut zu Boden, zusammen mit Lupin und einigen anderen, als eine der messerscharfen Klauen über seine Schulter strich und die noch frische Wunde des Sectumsempra-Fluches wieder aufriss. Durch sein schmerzerfülltes Fluchen drang der verzweifelte Schrei des Zauberers, den die Harpie gepackt hatte, um mit ihm wieder in den dunklen Nachthimmel empor zu steigen.

„Verdammt, bleibt hier! Wir müssen ihm helfen!" schrie Lupin den flüchtenden Zauberern hinterher. Harry stolperte stöhnend auf die Füße.

„Todesser … hinter den Bäumen …" stieß er zwischen zusammen gebissen Zähnen hervor

„Ich weiß, ich hab einen von ihnen erwischt! Alles klar mit dir, Harry?"

„Ja, ja … können wir ihm nicht helfen …?" Er zielte mit dem Zauberstab auf die immer höher steigende Harpie mit ihrem zappelnden, aus Leibeskräften brüllenden Opfer.

„Versuchen wir´s! Schnell, schnell!" trieb Lupin die übrigen vier an, die mittlerweile alle auf den Beinen waren. Und wieder scholl ein mehrfaches „Incendio" aus ihren Kehlen, die Lichtblitze bündelten sich zu einem einzigen Strahl, der die Harpie an ihrer linken Seite traf – doch der Erfolg blieb aus. Die Vogelfrau schwankte nicht einmal. Stattdessen ließ sie ihr schreckliches Heulen erklingen, das beinahe so klang, als verhöhne sie die winzigen Gestalten unter sich.

„Wir sind nicht genug", rief irgendjemand, „Kommt rüber zu uns …"

„Incendio…" schrie Lupin erneut und sein Gesicht war verzerrt vor Anstrengung.

Doch es war zu spät. Beinahe anmutig verharrte die Harpie in der Luft und schwang rhythmisch mit den Flügeln.

„Was tut sie …?" flüsterte Harry erstickt und die Kreatur selbst gab ihm die Antwort. Mit einem heulenden Lachen bohrte sie ihren Mund in die Kehle ihres Opfers, dessen Glieder langsam erschlafften. Dann öffnete sie ihre Krallen und ließ den leblosen Körper wie einen Stein in die Tiefe fallen.

Nein …"

Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er, wie die Harpie zu einem weiteren Angriff auf das zerstörte Zelt ansetzte. Aber von der gegenüberliegenden Seite sirrte plötzlich ein weiteres leuchtendes Lichtbündel durch die Luft. Offensichtlich war es dort einigen Leuten endlich gelungen, die nötige Anzahl für einen effektiven Zauber zu versammeln. Er traf die Vogelfrau an der Unterseite und riss ein brennendes Loch in ihren Bauch. Sie kreischte wie von Sinnen, taumelte und schlug mit einem gewaltigen Knall auf dem Boden auf. Irgendetwas zerbarst unter ihrem Aufprall – Splitter und Scherben wirbelten durch die Luft, ein lautes Krachen hallte über die Schreie hinweg.

Grüne Lichtblitze brachen aus dem Schutz des Waldes hervor und Harry duckte sich und rannte los, um das Zelt herum. Er musste wissen, wie es Hermine ging. Und wo war Ron? „Passt auf!" schrie er jedem zu, der ihm entgegen kam. „Sie sind zwischen den Bäumen!"

„Als ob wir das nicht gemerkt hätten!" zischte ein vorbeijagender Auror und zielte in die angegebene Richtung. Harry blieb stehen und wandte sich ihm zu. „Wie sind sie durch die Schutzwand gekommen …?" fragte er und duckte sich, als eine Fackel direkt neben ihm plötzlich wieder aufloderte und die Stichflamme ihm beinahe das Haar versengte . Doch der Angesprochene war schon weiter gelaufen und auch Harry sah sich gezwungen, ebenfalls die Deckung zu suchen, die er den anderen riet. Er rollte hinter eine Reihe von Fässern – Auguste Delacours feinster Elfenwein – und sah, dass er dort nicht allein war. Einer der Weasley-Zwillinge, George, fixierte ein Ziel in der Dunkelheit und irgendetwas Blaues schoss jaulend aus der Spitze seines Zauberstabes hervor. Binnen Sekunden erstrahlte eine Baumgruppe unweit von ihnen in einem kalten Licht, das die Blätter und Äste mit einer opalisierenden Schicht überzog, so dass sie wirkten, wie in Eiswasser getaucht. Eine dunkle Gestalt erstarrte mitten in der Bewegung.

„Ja!" George ballte die Faust und warf Harry einen triumphierenden Blick zu. „Daran hab ich lange rumprobiert, Mann!"

Harry nickte abwesend und starrte auf den wie erfroren wirkenden Todesser. Er richtete sich ein wenig auf und sah unverwandt zwischen die Bäume.

„Ich geh rüber …."

„Lass das Harry, ich hab´ keine Ahnung, wie viele da sind …"

Ein roter Blitz traf plötzlich die bläuliche Eiskammer, die sich sofort in Nichts auflöste. Der erstarrte Todesser bewegte sich wieder und ein weiterer Maskierter erschien und zog ihn mit sich in die Dunkelheit der Bäume. George fluchte und erhob sich ebenfalls. „Also los, ich komme mit …!"

Gebückt schlichen sie aus ihrer Deckung, die Zauberstäbe umklammert, angespannt bis in die Haarspitzen. Ohne das Geheul der Harpien war es auf einmal merkwürdig still und langsam dämmerte es Harry, dass die Fluchsalven aus dem Wald ebenfalls aufgehört hatten. Er blickte hinüber zu George und der schien das Gleiche zu bemerken. Er horchte mit gerunzelten Brauen in die Dunkelheit.

„Ist es vorbei …?" fragte er flüsternd.

Harry zuckte die Schultern und hielt den Atem an, offenbar gleichzeitig mit allen anderen. Erst jetzt merkte er, dass eine kühle Feuchtigkeit seine Haut umstrich und er fröstelte. Der Nebel war zurückgekehrt und hüllte die Nacht über dem zerstörten Hochzeitszelt in einen grauen Brautschleier.

Leise zuerst, wie das zaghafte Gurgeln eines Baches, drangen wieder Stimmen aus dem Garten zu ihnen herüber. Dann wurden die Rufe lauter. Während sie noch unschlüssig da standen, rannte jemand auf sie zu. Es war Fred, der den Zauberstab senkte, als er sie erkannte.

„Ich glaub, sie haben sich zurückgezogen …"

„Bist du sicher? Von wo kommst du?"

„Ich war da drüben, wo dieses grässliche Vieh nieder gegangen ist. Mitten auf die Scheune. Wir wollten gerade darin Schutz suchen. Mann, haben wir Glück gehabt …"

„Ich hoffe, alle anderen auch", murmelte Harry und dachte an den Zauberer, dem die blonde Harpie die Kehle durchbissen hatte.

„Ich weiß nicht …. da sind noch einige unter den Zelttrümmern …. wir hätten es solider bauen sollen …"

Harry schüttelte nur den Kopf. Ein paar andere stießen zu ihnen und sie beratschlagten kurz, wie man mit dem geringsten Risiko den Waldsaum untersuchen konnte. Die Zwillinge schlossen sich ihnen an, doch Harry machte sich auf den Weg dorthin, wo er Ron und Hermine vermutete. Menschen eilten an ihm vorbei, noch immer zuckten ihre Zauberstäbe nervös in Richtung ungewöhnlicher Geräusche, Wortfetzen wehten zu ihm herüber. Er passierte eine Gruppe Zauberer, unter ihnen Bill und Charlie, die einen Sicherheitsring um das Grundstück formieren wollten, doch er musste zuerst wissen, wie es seinen Freunden ging.

Er fand sie neben einem wild gestikulierenden Arthur Weasley. Hermine hatte den Kopf an Rons Schulter gelehnt und er tätschelte ihr den Rücken.

Harry stürzte auf sie zu. „Hermine, bist du okay?"

Ihre Mienen entspannten sich bei seinem Anblick . „Gott sei Dank, dir ist nichts passiert!" Hermine umarmte ihn flüchtig und hielt sich anschließend den Kopf. Ihr Gesicht leuchtete weiß in der Dunkelheit und Ron legte fürsorglich den Arm um sie.

„Dieses Mistvieh hat sich ausgerechnet Hermine rausgepickt aus unserer Gruppe, gerade als mich irgend so ein Querschläger ausgeknockt hat und …"

„Ich weiß", unterbrach ihn Harry, „ich hab sie da oben gesehen und …" er stockte und fuhr dann fort: „Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?" Hermine lächelte matt. „Ich bin in Ordnung, nur etwas schwindelig …." Sie hatte kaum ausgesprochen, da begann sie zu würgen und Ron wollte sie in weiser Voraussicht etwas abseits führen, doch sie winkte ab. „Geht schon wieder … Ich glaub, da drunter sind noch Leute." Sie zeigte auf das eingestürzte Zelt und schluckte krampfhaft.

„Bring sie ins Haus zu deiner Mutter", ordnete Arthur Weasley an. „Aber seid vorsichtig! Sie könnten jederzeit wieder angreifen!"

„Ist Ginny auch im Haus?" fragte Harry.

„Ja, sie ist bei Molly und den Franzosen. Komm Harry, hilf mir" Er drehte sich um und schloss sich den Zauberern an, die bereits damit beschäftigt waren, die Trümmer des Einsturzes teils mit dem Zauberstab, teils mit bloßen Händen, beiseite zu räumen. Hin und wieder hörte man Rufe unter der schweren Zeltplane und sofort stürmten Menschen dort hin, um zu helfen.

„Wir sollten schnellstens die Gegend sichern, Arthur!" meinte ein rothaariger Zauberer neben Mr Weasley und ließ seinen besorgten Blick über den Waldrand schweifen, bevor er mit einem Wink seines Zauberstabes ein paar Kokosnüsse beiseite fegte. „Das ging alles viel zu schnell. Die kommen bestimmt wieder ..."

Arthur Weasley arbeitete verbissen weiter. „Ja, aber hier sind noch Leute. Beeilen wir uns …!"

Eine Hand legte sich auf Harrys Schulter. Er drehte sich um und blickte in das angespannte Gesicht von Remus Lupin. Zwei steile Falten hatten sich über seine Nasenwurzel gegraben und er fuhr sich hektisch durch das Haar, das seine übliche braun graue Farbe hatte, ohne eine Spur bonbonrosa. „Hast du Nymphadora gesehen?" fragte er atemlos. „Sie war zusammen mit Lewis …" Er brach mitten im Satz ab und starrte auf einen Punkt über Harrys Schulter. Harry folgte seinem Blick und sah, wie die Zwillinge eine reglose Gestalt in einer pinkfarbenen Robe unweit von ihnen auf den Boden betteten. Sie sahen zu ihnen herüber und wirkten irgendwie hilflos.

Harry blieb Lupin die Antwort schuldig. Stattdessen folgte er mit einem alarmierend ziehenden Gefühl im Magen den langen Schritten des Werwolfs. Sein Herz pochte wie nach einem Marathon und noch bevor er Remus, der neben der bewegungslosen Gestalt in die Knie gegangen war, erreicht hatte, wusste er, welcher Anblick ihn erwartete.

Es war Tonks, die da mit eigenartig verwinkelten Gliedern lag. Die Augen blickten leer und ohne Leben in eine andere Dimension. Ihr Haar, aschgrau wie ihr Gesicht, war blutverklebt. An ihrem Hals klaffte eine hässliche, bissartige Wunde, wie ein rotes Mal.

Harry grub die Nägel in seine Handflächen und presste die Lippen aufeinander, um nicht laut heraus zu schreien. Neben ihm warf Remus Lupin seinen Kopf in den Nacken und der Klagelaut, den er den stummen Nachtwolken entgegen warf, klang wie das Heulen eines tödlich verwundeten Wolfes ….

- - -

Tonks war nicht das einzige Opfer des heimtückischen Angriffs. Außer ihr gab es noch drei weitere Tote zu beklagen: der Zauberer, den die Harpie erwischt hatte, einen Auror, der von einem Todesfluch getroffen wurde – und Großtante Muriel, die man unter einem schweren, muschelverzierten Balken hervor gezogen hatte. Außerdem waren mehrere Gäste verletzt worden, einer davon so schwer, dass er für eine Notbehandlung ins St. Mungos gebracht werden musste.

Natürlich schlief niemand mehr in dieser Nacht. Auroren patrouillierten abwechselnd um den Fuchsbau, doch es folgten keine weiteren Angriffe. Der Rest war mit den Aufräumarbeiten beschäftigt, wobei es jeder der Helfer tunlichst vermied, in die Nähe der toten Harpie zu kommen. Es hieß, das Ministerium würde eine Abordnung schicken, um den Leichnam zu „entsorgen".

Der Todesser, den Remus Lupin mit einem Lähmzauber außer Gefecht gesetzt hatte, musste unverzüglich nach Azkaban gebracht werden, da einige Aufgebrachte kurz davor waren, ihm ein „Avada Kedavra" an den Hals zu jagen, ohne dass er irgendwelche Namen genannt hätte. Er war noch sehr jung, kaum älter als Harry, und stammelte immer wieder:

„Das wollte ich nicht. Ich habe niemanden verletzt! Wir sollten nur für ein wenig Unruhe sorgen … Ich hab´ nichts getan …ich …"

Sein bleiches, spitzes Milchgesicht erinnerte Harry irgendwie an Draco Malfoy und wie sich später herausstellte, war er tatsächlich ein Cousin väterlicherseits.

Fleurs französische Verwandtschaft reiste noch im Morgengrauen ab. Sie drängten Fleur, mit ihnen zu kommen, doch sie blieb fest in ihrem Entschluss, den Fuchsbau nicht zu verlassen. Sie trug das grausame Ende ihres „goldenen Tages" mit bewundernswerter Haltung und bestand darauf, dass Großtante Muriel in ihrem silberweißen Hochzeitsumhang beigesetzt werden sollte.

Es war gegen Mittag, als Harry erschöpft die Stirn gegen die kühlen Scheiben in Rons Zimmer lehnte und die kleine Prozession beobachtete, die Remus Lupin hinaus in den Nebel begleitete. Auf einer Bahre vor ihm schwebte Tonks´ Körper, in weißes Leinen gehüllt. Irgendwann im Laufe der traurigen letzten Stunden hatte ihm jemand erzählt, dass Tonks auf einem Muggel-Friedhof neben ihrem Vater beerdigt werden sollte. Harry starrte auf Lupins steifen Rücken und wandte sich ab. Er hatte Tonks´ Leichnam gemeinsam mit dem Werwolf in das Haus der Weasleys gebracht, hatte an seiner Seite gestanden, als das schneeweiße Tuch über sie gebreitet wurde und hatte die weinende Ginny im Arm gehalten. Lupins Gesicht war die ganze Zeit über starr wie eine Maske gewesen, in dem nur die flackernden Augen etwas von dem Feuer in seinem Innern verrieten.

Harry ging hinüber zu seinem Feldbett und ließ sich darauf sinken. Seine Schulter, die Molly Weasley nur notdürftig versorgt hatte, schmerzte. Doch viel mehr als das schmerzte die Erinnerung an eine Hexe mit grellbunten Haaren, die jeden zum Lachen gebracht und immer da gewesen war, wenn man sie gebraucht hatte. Eine Hexe, die für eine viel zu kurze Zeit Farbe in das graue Leben des Werwolfs Lupin gebracht hatte.

Er machte sich Vorwürfe, dass er die Aurorin nicht davon abgehalten hatte, hinter Lewis in den Wald zu gehen. Niemand aus dieser Gruppe war verletzt worden. Seltsamerweise hatte keiner von ihnen Tonks gesehen. Irgendetwas oder irgendjemand musste sie abgefangen haben. Jemand, der hässliche Bisswunden hinterließ, auch wenn der Mond nur in seinem Halbrund leuchtete ….

Er seufzte und vergrub das Gesicht in den Händen. Nach einer Weile angelte er nach der magischen Landkarte auf dem Boden neben dem Bett. Er tippte mit dem Zauberstab darauf und murmelte „Godrics Hollow". Das Aussehen der Karte veränderte sich und eine Heidelandschaft erblühte unter der Spitze seines Zauberstabes. Mittendrin sprossen die Häuser eines kleinen Dorfes aus dem Violett der Heide. Schmale Wege schlängelten sich durch das satte Grüne einer Senke zwischen sanft ansteigenden Berghängen. Harry fuhr mit zittrigem Finger über die vereinzelten Dächer und spürte, wie sein Herz schneller klopfte. Es schien ein guter Ort um abzutauchen, ein guter Ort, um die nächsten Schritte zu planen und seine Suche zu starten – weit ab von den Menschen, die er in Gefahr bringen konnte. Ein paar Sekunden lang saß er nur da. Dann klappte er die Karte zu und erhob sich. Er wusste, was er zu tun hatte.

Unverzüglich begann er, seine Habseligkeiten zusammen zu klauben. Er hätte dringend ein paar Stunden Schlaf benötigt, wie alle anderen auch, doch er wollte den Fuchsbau nicht länger mit seiner Anwesenheit belasten.

Die Tür öffnete sich und Ron, Hermine und Ginny schlüpften herein.

„Du packst?" fragte Ron und rieb sich die müden Augen, als könne er nicht glauben, was er da sah.

„Sieht so aus …"

„Aber … warum jetzt? Ich meine, …" Er warf einen hilfesuchenden Blick auf die Mädchen, die Harry stumm beobachteten.

Er unterbrach seine Packerei und wischte sich das Haar aus der Stirn. „Okay, Mann, ihr … ihr wisst doch, was ich vorhabe …"

„Aber doch jetzt noch nicht!" stieß Hermine hervor und stellte sich neben Ron. Sie war noch immer sehr blass. „Ich habe gedacht, vielleicht in ein paar Tagen. Du kannst doch kaum stehen vor Müdigkeit!"

„Ich ruh´ mich aus, sobald ich angekommen bin …"

Ginny, deren Augen noch immer rotgerändert waren, sagte langsam: „Du glaubst, das ist alles nur wegen dir passiert, oder?"

Harry antwortete nicht, sondern fuhr fort, seine Sachen in den Koffer zu befördern. Hermine packte seinen Arm.

„Das ist doch Quatsch! Das wäre auch passiert, wenn du nicht hier gewesen wärst! Das gehört doch zu … zu ihren Plänen: sie wollen soviel Angst und Schrecken wie nur möglich verbreiten! Hast du den Überfall letzte Woche vergessen, auf den Kongress zur Förderung intermagischer Beziehungen? Oder … oder davor diese Verabschiedung von Oliver Buntley …! Wo immer viele Menschen zusammen kommen, besteht die Gefahr, dass sie zuschlagen, weil … weil sie einfach ein ideales Ziel bieten …."

„Genau! Und je eher ich Wege finde, um diesen Terror zu beenden …" Er vollendete den Satz nicht, sondern starrte auf Tonks´ Geburtstagswürfel in seinen Händen. Er drehte ihn wieder und wieder zwischen den Fingern. Schließlich räusperte er sich, legte den Würfel wie ein zerbrechliches Glas vorsichtig in den Koffer. „Die Zeit drängt ...", fügte er leise hinzu.

„Was willst du denn tun? Allein ….?" Die Verzweiflung in Ginnys Stimme war unüberhörbar.

„Wir kommen auf jeden Fall nach, hörst du?" sagte Hermine schnell. „Wenn Tonks … und Tante Muriel … Will …willst du denn gar nicht zu … ich meine …. die Beerdigung …?"

Harry senkte den Kopf und antworte nicht. Nein, er wollte nicht an der Beerdigung teilnehmen – er konnte es nicht … Später einmal, würde er ihr Grab besuchen …

Wenn es ein Später gab …

Eine Pause trat ein, die Ron schließlich beendete. „Mum wird dich nicht gehen lassen", meinte er.

„Sie hat zur Zeit genug um die Ohren", sagte Harry und ließ den Koffer zuschnappen. Er straffte seine Schultern und hielt es an der Zeit, das Thema zu wechseln. Er würde sich nicht abhalten lassen. „Gibt es schon Hinweise, wie der Schutzbann gebrochen wurde?"

„Irgendwo muss es eine undichte Stelle gegeben haben. Jemand, der ihnen den Gegenfluch verraten hat. Wahrscheinlich kam der Hinweis sogar aus dem Ministerium, meint Bill. Tonks …" Ron schluckte schwer, „ hat … hat selbst gesagt, dass da momentan wohl keiner weiß, was der andere tut …"

„Das vermute ich auch." Harry dachte flüchtig an den Auror mit dem starren Blick, Lewis. Wie auch immer die Todesser und die schrecklichen Geschöpfe in ihrem Gefolge durch den Schutzzauber gekommen waren – es spielte keine Rolle mehr. Sie würden immer einen Weg finden. Wenn es selbst einem 16jährigen gelungen war, eine Gruppe Todesser nach Hogwarts zu schmuggeln, was konnte sie abhalten, eine Bannmauer zu durchbrechen? Eine Schutzwand, die offenbar für andere magische Wesen wie die Hauselfen, keinerlei Hindernis bot?

Im gleichen Moment, in dem er an Dobby und Kreacher dachte, apparierten die beiden mit einem leisen Plopp im Zimmer.

„Harry Potter geht weg?" fragte Dobby, der noch immer seine lächerliche Livrée mit dem mittlerweile verwelkten Blütenkranz trug und wies auf den Koffer.

„Ja." antwortete Harry knapp.

„Soll Dobby mit ihm kommen? Sir? Dobby würde gerne …"

„Nein", unterbrach Harry und sah Kreacher an, der unbeteiligt die magische Landkarte auf dem Boden betrachtete.

„Hör zu", sagte Harry, nun wieder an Dobby gewandt. „Du gehst am besten wieder nach Hogwarts zurück, ja? Aber – vielleicht bleibst du noch ein paar Tage und hilfst Mrs Weasley, wenn sie das möchte ….?"

„Dobby tut alles, was Harry Potter will ….."

„Und du …" Harry wandte sich an Kreacher, der seine volle Aufmerksamkeit nun dem Muster der Bettdecke widmete. „Du bleibst ebenfalls noch hier und hilfst den Weasleys. Wenn Dobby zurück nach Hogwarts geht, gehst du … gehst du zurück an den Grimmauldplatz!"

Der Gedanke war ihm gerade eben gekommen. Jetzt, da die Mitglieder des Phönixordens sich dort nicht mehr trafen, war Kreacher auch keine Gefahr mehr für sie. Er konnte zurück und das Haus hüten, wie er es immer getan hatte. Kreacher blickte von unten herauf zu ihm hoch und seine Stimme klang weit weniger verächtlich als er krächzte. „Kreacher tut, was der Herr befiehlt."

„Dobby würde lieber auf … diesen …diesen …auf Kreacher aufpassen, Harry Potter Sir!" mischte sich Dobby ein und warf dem anderen Elfen misstrauische Blicke zu, die dieser mit einem hinterhältigen Lächeln quittierte.

„Nein", antworte Harry müde und griff nach Hedwigs Käfig, „Lass ihn in Ruhe. Da kann er jetzt keinen Schaden mehr anrichten"

„Aber Dobby kann gehen, wohin er will und …." Der Hauself gab sich hartnäckig und Harry, gereizt durch den Schlafmangel, die Trauer und die Aussicht auf die schwierige Aufgabe, die sich wie ein tiefer Sumpf vor ihm ausbreitete, meinte schließlich ungeduldig: „Natürlich kannst du das! Geh, wohin du willst!"

Der Abschied von den Weasleys verlief kürzer und weniger anstrengend, als er das gedacht hätte. Alle waren zu angefüllt von den Geschehnissen der letzten Nacht, so dass kaum noch jemand in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, ihn zurück zu halten. Nur Molly Weasley, die ihm um den Hals fiel, als wolle sie ihn nie wieder los lassen, fragte schluchzend, warum er denn ginge, er habe doch hier im Fuchsbau ein Zuhause, was er hoffentlich wisse. Er löste sanft ihre Arme von seinem Nacken und meinte: „Ich weiß das, Mrs Weasley, und ich bin sehr, sehr dankbar dafür. Aber … ich habe einige dringende Dinge zu erledigen … und …. ich will nicht länger warten. Wir sehen uns bestimmt bald wieder, das verspreche ich …"

„Ja, spätestens am Bahnhof, nicht wahr, Harry?"

Er lächelte und drehte sich schnell um, weil er es nicht übers Herz brachte, sie anzulügen. Ron und Hermine warteten draußen auf ihn. „Wo ist Ginny?" fragte Harry und Ron zeigte mit der ausgestreckten Hand auf ein Fenster im ersten Stock hinter dem eine schmale Silhouette zu erkennen war. Harry starrte hinauf während Ron erklärte:

„Sie wollte nicht mit rauskommen. Ich glaub, sie ist beleidigt, weil …"

„Quatsch!" fuhr Hermine dazwischen und seufzte. „Sie will den Abschied nicht so schwer machen …."

Oben am Fenster legte Ginny die Hand an die Lippen wie zu einem flüchtigen Kuss. Dann drehte sie sich um und war verschwunden, noch ehe Harry seinen Arm zum Abschied hatte heben können.

Sie gingen schweigend durch den Nebel, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft. Harry zwang sich, an das vor ihm Liegende zu denken. Er wusste nicht warum, aber irgendwie hoffte er, in dem Ort, in dem seine Eltern gestorben waren, etwas zu finden, das ihn vielleicht weiter brachte. Er beabsichtigte, zumindest eine Zeit lang dort unterzukommen und als nächstes Borgin und Burkes aufzusuchen, denn die Zeit, die Voldemort dort verbracht hatte, war sicherlich nicht ungenutzt geblieben auf seinem grausamen Weg zur Unsterblichkeit ….

An der Appariergrenze hielt Hermine ihn am Ärmel zurück und bat: „Schick Hedwig mit einer Nachricht, wenn du angekommen bist, ja?"

Harry nickte und klappte die Karte auf, die noch immer die Landschaft zeigte, die er vorhin betrachtet hatte.

„Wir kommen nach, sobald es geht", bekräftigte Ron noch einmal.

„Hier", sagte Harry und reichte ihm die Karte weiter. „Damit ihr nicht die Orientierung verliert! Aber bringt die Karte wieder mit, okay? Ist schließlich mein Geschenk!"

„Klar!" Ron verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Und wir verraten es auch niemandem."

Sie verabschiedeten sich voneinander und Harry griff nach dem Besen, Koffer und Hedwigs Käfig, konzentrierte sich ganz fest auf sein Ziel, das Dorf in der bunten Kartenlandschaft, und apparierte …

t.b.c.