Die Lock ratterte vorbei an dunklen Wäldern, vernebelten Feldern und silbrig glänzenden Seen. Lilys Blick war auf die vorbei ziehende Landschaft gerichtet und im Abteil der neuen Schulsprecher herrschte eine unbeschreibliche Stille. Lily spürte James Blick auf sich, wagte es jedoch nicht ihm in seine Augen zu schauen.

Der Junge ihr gegenüber räusperte sich geräuschvoll um Lilys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

„Und... und wie waren deine Ferien jetzt?", seine Stimme – nicht mehr als ein zaghaftes Wispern. Lily blickte auf, kurz und hastig. Ihre grüne Iris huschte über die schokobraunen ihr gegenüber um sich sogleich wieder der vorbeiziehenden Landschaft zu widmen.

„Mh, gut.", war ihre knappe Antwort. Aus den Augenwinkeln sah sie James Blick der sich gen Boden neigte und sein Nicken.

Seine Hände lagen behutsam neben seinem Körper.

Der junge Potter hatte nicht erwartet das Lily sich nach seinen Ferien erkunden würde aber die grausame Realität versaß ihm dennoch einen herben Stich.

„Und war es mit deiner Schwester sehr schlimm?", gleich nachdem er die Worte ausgesprochen hatte, wollte er sie zurück nehmen. Lilys Augen blitzen gefährlich und ihre Augenbrauen verzogen sich zu einer bedrohlichen Grimasse.

„Woher weißt du von meiner Schwester?"

James schluckte und strich mit einer Hand fahrig über seinen Oberschenkel.

„Ich hab es, also mal mitbekommen wie du mit Alice darüber geredet hast, und...", seine Stimme verlor sich im nichts und Lilys Augen verengten sich noch mehr.

„Mitbekommen? Gelauscht hast du, nichts anderes. Potter halt dich aus meinem Leben raus."

Lilys wütende und bebende Stimme ließ James aufschauen und sogleich war er von den blitzenden Augen seiner Gegenüber gnadenlos gefangen. Wie sie verbissen und verärgert auf ihrer Unterlippe kaute und wie die kleine Stelle neben ihrem rechten Augen bedrohlich zuckte, ... – James konnte nicht anders.

„Willst du mit mir ausgehen, Lily?", die Worte waren unbeabsichtigt, schnell und unbedacht aus ihm herausgesprudelt. Er hätte sich am liebsten aus dem fahrenden Zug gestürzt so sehr ärgerte er sich über sich selbst.

„POTTER.", Lily war wutschnaubend aufgesprungen, „ Nicht ein EINZIGES Mal kannst du dich zusammenreißen...", „Es tut mir Leid, Lily. Ich meinte das nicht s....", „NICHTS tut dir Leid, Merlin, Potter wann wirst du endlich erwachsen. LASS MICH IN RUHE. HALT DICH AUS MEINEM LEBEN EIN FÜR ALLE MAL RAUS."

Das aufgebrachte Mädchen stürmte aus dem Abteil und knallte die Tür heftiger denn je zu. Der Schall des Knalls war selbst im weitentferntesten Abteil des Zuges zu hören, klar und deutlich.

James Silhouette sackte verzweifelt in sich zusammen und sein Atem wurde schwer. Die Last drückte auf seine Brust und wie sehr wünschte er sich die Zeit zurück drehen zukönnen.

Lily hatte Recht. Nicht einmal konnte er sich zusammenreißen, nicht ein einziges Mal. Aber ihre grünen Augen und die vollen, geschwungenen Lippen hatten alle Sicherungen bei ihm durchbrennen lassen.

Kurzschluss – vorzeitig unreparabel.

„Wuhu. Essen.", Sirius laute Stimme hallte durch die große Halle und sämtliche Schüler stimmten in seinen Jubelschrei mit ein. Keine zwei Sekunden zuvor hatte Professor Dumbledore seine Rede beendet und auf den langen Tischen in der festlich geschmückten großen Halle waren Köstlichkeiten des gesamten Erdballs erschienen.

Remus schüttelte verzweifelt den Kopf über seinen Freund, Peter hatte schon eine knusprige Hähnchenkeule zwischen den Zähnen und James gluckste leise und selig vor sich hin, während er nach den Kartoffeln griff.

„Remus kannst du mir mal bitte die Nudeln reichen?", Lily Evans Stimme holte Remus aus seinen kurzen Träumereien zurück und er blickte sie fragend an.

Verwirrt blickte er auf den Tisch. Die Nudeln standen ganz in der Nähe von James, ungefähr 1 ½ Meter von Remus entfernt und eigentlich hätte Lily besser James fragen können, ...

„Ähm, James sitz viel näher dran vielleicht kann er sie dir geben?"

Lilys Nase war gen Himmel gestreckt und sie kräuselte sich ein wenig als James nach den Nudeln griff um sie Lily zureichen. Abschätzend blickte sie auf die Nudeln die James ihr vors Gesicht hielt und dessen Düfte betörend in ihrer Nase tanzten. Der Arm des jungen Potters begann leicht zu zittern unter der Last des schweren Topfes, doch Lily Evans machte keine Anstalten sie ihm abzunehmen.

Ihr angewiderter Blick erreichte nun seine Augen und missbilligend schüttelte sie den Kopf.

„Ich schätze mir ist der Appetit auf Nudeln vergangen."

Es wurde still um die Gruppe am Tisch. Sirius traute seinen Ohren kaum und würgte sein Stück Hähnchen mit Mühe hinunter. Alice, die neben Lily saß hatte sich an einer heißen Rosmarinkartoffel verschluckt und hustete jetzt wie verrückt.

Peters Augen huschten nervös über die Gesichter der Menschen am Tisch und Remus war der Mund offen stehen geblieben.

Nach einem kurzen Zögern und einem leisen und dennoch gravierenden Ausatmens seitens James stellte er den Topf sanft auf den Tisch. Als wäre nichts passiert widmete er sich seinem Essen, ein paar Bohnen, mehr aß er an diesem Abend nicht.

Remus der jetzt Alice wie wild auf den Rücken klopfte warf Sirius einen vielsagenden Blick zu, denn dessen Handgelenke liefen schon weiß an, so fest wie er die Gabel in seiner Hand drückte.

Nachdem Alice sich beruhigt hatte wendete sich Lily an sie um sie in ein Gespräch über Frank zu verwickeln. Die verwirrte Alice antwortete leise und bedacht während sie Lily sorgfältig musterte. Auch wenn James oftmals nicht immer das richtige sagte und von einem Fettnäpfchen ins andere spazierte, so hatte er eine solche Behandlung nicht verdient. Ihr Blick fiel auf den essenden Jungen und in ihrem Magen zog sich ein Knoten zusammen.

Sein Auftreten war nicht mehr dasselbe wie noch im Jahr zuvor. Seine Schultern hingen schlaff hinunter und seine Augen wurden von tiefen Augenringen untermalen. Trotz seiner ansehnlichen Muskeln wirkte er schwächlich und seine Schulterblätter zeichneten sich eindeutig unter dem T-Shirt ab. Er gab ein klägliches Bild ab wie er auf seinen Bohnen kaute, den Blick auf seinen Becher gesenkt.

Remus und Sirius hatten aufgehört zu essen und tauschten stumme Blicke aus.

„Habt ihr keinen Hunger mehr?", fragte Alice leise mit ihrer zierlichen Stimme.

Lilys Geblubber neben ihr verstummte und auch sie richtete den Blick auf die Jungs.

Zwischen zusammengepressten Zähnen würgte Sirius ein, „Uns ist der Appetit vergangen", hervor.

Alice sah wie Lily schluckte und sich betont neutral wieder ihrem Essen zuwand.

Mit einem Satz war James auf den Beinen, klatschte einmal in die Hände und grinste seine Freunde an. „Wer kommt mit dem Quidditchplatz begrüßen?".

Während seine drei Freunde sich aufrappelten beäugten sie ihn kritisch.

Sein Lächeln war über das ganze Gesicht verteilt.

James der sich ehrlich auf eine Runde mit seinem Besen freute, versuchte das zuvor geschehene zu verdrängen.

Ein Tropfen Euphorie machte sich in ihm breit und es fiel ihm nicht schwer zu lächeln. Doch

das sein Lächeln nicht im geringsten seine Augen erreichte das wusste er. Genau wie all die anderen am Tisch die den Animagus mitleidig ansahen.

Die „Willkommen zurück" Feier im Griffindorgemeinschaftsraum war schon im vollen Gange als James mit nassen Haaren die Treppen zu seinem Schlafsaal hinabstieg.

Sein Blick huschte über die feiernde und tanzende Menge und er sah Sirius am Kamin lehnen und mit einem blonden Mädchen flirten. Sein Casanovagehabe brachte James zum Lachen und er suchte weiter nach Remus und Peter.

Als er die beiden erreichte, platziert auf einer samtenen Couch, drückte Remus ihm frohlockend ein Butterbier in die Hand. Als James sich zu seinen beiden Freunden aufs Sofa fallen ließ klopfte Remus ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Die Runden mit dem Besen über das Feld hatten dem wohlhabenden Reinblüter gut getan. In der Luft war er frei und als er die Augen noch einmal schloss, fühlte er erneut das Gefühl von grenzenloser Freiheit das durch seine Ohren rauschte und seine Adern pulsieren ließ.

Während der Abend langsam voranschritt wurden die jüngeren Schüler in ihre Betten geschickt, so dass nur noch die 6. und 7. Klässler im Gemeinschaftsraum saßen. Verteilt auf die Sofas vor dem Kamin. Das Geschnatter hatte eine angenehm Lautstärke und auch Sirius hatte es sich mit dem blonden Mädchen, Kathrin O'Haily, in seinem Arm auf einem Sofa gemütlich gemacht.

Mit einem Mal sprang Rudolf Piercen auf und wedelte mit einer leeren Flasche Butterbier vor den Gesichtern seiner Hauskameraden.

Die Schüler setzten sich in einen Kreis und Rudolf zog aus seiner Hosentasche eine kleine Flasche Veritaserum. „Damit auch ja alle ehrlich sind."

James der nicht viel von diesem Spiel hielt, seufzte schwer, gesellte sich aber dennoch hinzu.

Lily hatte er den ganzen Abend nicht gesehen, und ein wenig Spaß würde ihn ablenken.

Die Flasche zeigte zu erst auf Sirius und dieser tröpfelte sich, nachdem er ‚Wahrheit' gewählt hatte, ein wenig der durchsichtigen Flüssigkeit in den Mund.

Remus der mit der ersten Frage anfangen durfte, lachte diabolisch auf.

„Nun gut Padfoot. Mit wem würdest du eher den Akt des Geschlechtsverkehr vollziehen, ...", Sirius verzog das Gesicht bei Remus gewählter Aussprache, „Professor McGonagall oder Kathrin?", er deutete auf das Mädchen in Sirius Arm.

„Moony, was ist das denn für eine Frage? McGonagall natürlich, ich stehe auf reife Frauen.", lasziv wackelte er mit den Augenbrauen während die Meute um ihn herum lachte und Kathrin sich unsanft aus seiner Umarmung befreite.

Mit einem Mal schwang das Portraitloch auf und Lily Evans kletterte hindurch.

Verstört blickte sie auf ihre Mitschüler und sah sie fragend an.

„Hey Lily, macht du mit? Wir spielen Flaschendrehen.", Rudolfs Stimme erklang über das Gelächter der anderen die verzweifelt versuchten nach Luft zu schnappen.

„Nein, ich muss noch lernen.", murmelte diese leise und wollte sich gerade davon schleichen als Alice aufsprang und sie mit zu den anderen zog.

„Nichts da, am ersten Tag wird nicht gelernt, du spielst schön mit.", Lily wollte protestieren, doch Alice Blick versprach nichts Gutes hätte die junge Griffindor sich gewährt.

Nachdem die jungen Zauberer eine Weile gespielt hatten, kam James an die Reihe. Die meiste Zeit über hatte er Lily beobachtet und deshalb nicht mitbekommen wie Rudolf ein wenig an der Flasche gehext hatte, sodass sie auf ihn zeigen würde.

„Wahrheit?!", er tröpfelte sich etwas Veritaserum auf die Zunge und blickte Rudolf abwartend an.

Ehe dieser zum Sprechen ansetzten konnte, wurde er von einer 6 Klässlerin, Mary Fond, unterbrochen. „Wer sind die wichtigsten Menschen in deinem Leben?"

Sirius atmete neben James hörbar aus, erleichtert das James peinliche Fragen erspart blieben.

„Sirius, Remus, Peter.", er zögerte kurz und redete dann weiter, „und meine Eltern."

Die Mädchen sahen, bis auf Lily alle enttäuscht aus, hatten sie doch etwas anderes erwartet.

Die Blicke der Anwesenden verharrten auf dem attraktiven Zauberer und beobachteten wie dieser scheinbar mit sich rang. Sein Kehlkopf machte eine komische Bewegung und sein Mund öffnete sich des öfteren ohne das ein Laut seiner Kehle entrang. James schloss die Augen, atmete tief ein und unterdrückte den Drang die ganze Wahrheit zusagen. Gerade, so schien es den anderen Beteiligten, hatte er es geschafft sich zu beruhigen, als die Worte nur so aus seinem Mund purzelten. „Lily."

Blitzschnell schnappte Frank sich die Flasche um James aus seiner peinlichen Lage herauszuholen als die Flasche vor Lily stoppte, welche James unverhohlen und mit leicht geöffnetem Blick ansah.

„Wahrheit.", flüsterte sie leise, die Augen nicht von dem dunkelhaarigen Jungen nehmend.

Auch sie schluckte ein paar Tropfen des Wahrheitstrankes und widmete sich dann Frank.

Doch Mary Fond war mal wieder schneller als alle anderen im Kreis und warf Lily ihre Frage entgegen.

„Wann und von wem hast du deinen ersten Kuss bekommen?"

Der Raum war augenblicklich still, nur das Ticken der großen Wanduhr hallte durch den Raum. Remus Blick fiel erst zu James dann zu Lily.

„Ist das nicht ein bisschen persönlich?", fragte der junge Werwolf, während er nervös seine Hände knetete.

„Ach was. So sind die Spielregeln.", rief Rudolf und beachtete Remus nicht, sondern hing an Lilys bebenden Lippen.

James blickte zu Boden. Egal was ihre Antwort wäre, sie würde ihm so oder so nicht gefallen.

„Drittes Schuljahr...", ihre Stimme war nur ein klitzekleines leises Flüstern, nicht lauter als ein Blatt, welches im Herbst zu Boden segelt, „... Remus."

James inneres drohte zu zerspringen, würgend hing er über der Kloschüssel und schnappte nach Luft.

Sirius stand hinter ihm und hatte eine Hand auf seine Schulter gelegt. Beruhigend, aber nicht im geringsten genug.

„James, ..."

„Sirius... ich will... nicht reden.", fuhr angesprochener seinen besten Freund barsch an.

Zitternd stand der gebrochene Junge auf und betätigte die Klospülung. Er watete zum Waschbecken und ließ sich kaltes Wasser durchs Gesicht laufen. Während er seinen Mund ausspülte blickte Sirius ihn verzweifelt an.

Ans Waschbecken gestützt drehte James sich langsam um.

So elend hatte Sirius seinen Bruder noch nie gesehen. Und während er den schluchzenden Jungen jetzt in seinen Armen hielt, schwor er sich eins. Das er ihn auch niemals wieder so sehen wolle.