– Kapitel 4 –
Familiengeheimnisse und andere Schwierigkeiten
„Nun, das war's dann wohl mit deiner Geheime-Wünsche-Theorie …"
Ron hatte soeben seinen Bericht über den schlimmsten Albtraum seines Lebens beendet, und wenngleich sie nun ausschließen konnten, daß Harrys Narbe irgendwie mit der Sache zu tun hatte, machte das doch im Endeffekt alles nur noch komplizierter. Seit wann waren Träume ansteckend? Hermine gähnte herzhaft. Anscheinend machte schon der Gedanke ans Schlafen müde.
Ron verdrehte die Augen. „Haha. Das war ein Scherz. Ich kenne Harry auch schon etwas länger, weißt du?"
„Es ist schon komisch. Ihr wart beide ziemlich durcheinander, als ihr wieder aufgewacht seid. Irgendwie kommt mir die Sache spanisch vor."
Rons Ohren verfärbten sich leicht, als Hermine ihn an seine „Verwirrung" erinnerte.
„Ähm, wegen heute morgen …", stammelte er.
„Schon in Ordnung, Ron." Hermine hoffte inständig, daß sie nicht zu rot wurde, während sie sich bemühte, ihm weiter in die Augen zu sehen und ein nicht übertrieben breites Lächeln zustande zu bringen. Ron entspannte sich sichtlich wieder. Bei Hermine verhielt es sich genau umgekehrt. Je länger sie ihn ansah, desto stärker wurde das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ihr fehlten nur die passenden Worte.
„Bist du eigentlich vorher schon mal geschlafwandelt?" fragte sie, um das unerträgliche Schweigen zu beenden.
„Nein. Ich sage dir, das war kein gewöhnlicher Traum. Ich kann mich noch an jedes Detail erinnern, als wär das alles tatsächlich passiert." Ron stöhnte und knallte seinen Kopf auf die Tischplatte. „Ich wünschte wirklich, ich könnte Snapes Anblick vergessen …"
Hermine war froh, daß Ron nicht weitersprach. Bei diesem Teil der Geschichte hatte sie sich beinahe übergeben müssen.
Als sie Ron beobachtete, der immer noch das Gesicht in den Händen vergraben hatte, fiel ihr etwas auf, was ihr bisher entgangen war.
„Sag mal, Ron", fragte sie stirnrunzelnd, „was ist das eigentlich für ein Zeug, das du da in den Haaren hast?"
„Hm?" Ron sah für einen Augenblick verwirrt aus. „Ach so, das. Das hatte Harry gestern auf seinem Umhang. Ich hab was abgekriegt, als er's abgeschüttelt hat."
„Das sagst du erst jetzt?"
„Seit wann interessierst du dich für Harrys Kleiderpflege? Hast du deine hausfrauliche Seite entdeckt?"
„Das ist der Zusammenhang, der uns gefehlt hat!"
Ron blinzelte und hob dann so schwungvoll den Kopf, daß es aussah, als müßte er sich ein Schleudertrauma zugezogen haben.
„Du hast recht." Er sah sie durchdringend an, als sie zum wiederholten Male gähnte. „Alles in Ordnung? Du bist doch sonst morgens immer so schrecklich munter?"
Hermine fuhr der Schreck bis in alle Glieder, als sie sich an die Szene an diesem Morgen im Gemeinschaftsraum erinnerte. Ron hatte sie umarmt. Und er hatte dieses Zeug überall in den Haaren gehabt … Sie mußten so schnell wie möglich herausfinden, was das für ein Pulver war.
„Ron, du solltest dringend duschen gehen. Ich hab gleich eine Freistunde. Ich geh in die Bibliothek. Mal sehen, was ich rausfinde. Bis dann!" Und damit war sie auch schon aufgesprungen und auf dem Weg zur Tür.
„Falls du Harry triffst, sag ihm, er soll sich beeilen, ja? Es bringt ihm nichts, daß er die Hausaufgabe für ein Fach doch noch geschafft hat, wenn er dafür woanders zu spät kommt!" rief Ron ihr nach.
Sie winkte ihm über die Schulter zu und nickte, während sie eilig weiterhastete.
ooOOoo
Eine Viertelstunde später saß sie über einen Stapel Bücher gebeugt, auf den Lavender und Parvati stolz gewesen wären. Sie hatte sämtliche Bände herangeschleppt, die Träume und Traumdeutung, Schlafmittel oder Halluzinationen behandelten. Wege ins Tal der Träume, Potente Pülverchen und sogar Sandmännchens Geheimnisse für Fortgeschrittene. Sie überflog die Inhaltsverzeichnisse eins nach dem anderen, aber bislang hatte sie noch nichts annähernd Passendes finden können. Es war einfach frustrierend. Sie hatte das ungute Gefühl, daß sie gegen die Zeit arbeitete. Und daß sie inzwischen nach jedem zweiten Absatz gähnen mußte, war sicher auch kein gutes Zeichen.
Sie warf einen Blick auf die große Uhr an der Wand. Nur noch eine knappe halbe Stunde, sie mußte sich beeilen. Sie lehnte sich einen Moment zurück, legte den Kopf in den Nacken und rieb sich die Augen.
Nicht einschlafen, jetzt bloß nicht einschlafen …
ooOOoo
Hermine klappte ihre Bücher zu, stand auf und streckte sich genüßlich. Für einen flüchtigen Moment fragte sie sich, was sie hier machte, aber es gab wirklich Wichtigeres. Sie warf einen prüfenden Blick auf ihre Fingernägel, dann auf die Uhr. Wenn sie sich beeilte, konnte sie es noch schaffen, sich vor dem Unterricht etwas frisch zu machen.
Sie ging so schnell wie möglich zurück zu ihrem Schlafsaal. Dort angekommen öffnete sie ihren geräumigen Schrank und nahm ihr Apfelshampoo, ihr Vanilleduschgel und zwei hellblaue, weiche Handtücher heraus. Sie schlüpfte in ihre pinkfarbenen Slipper und machte sich dann auf den Weg zum Waschraum. Sie ging zu einer Duschkabine, streifte ihre Slipper ab und hängte ihre Handtücher an den Halter. Dann legte sie ihre Robe ab und legte sie über einen Hocker. Der Reihe nach faltete sie auch ihre übrige Kleidung und legte sie zu ihrer Robe.
Hermine drehte das heiße Wasser auf und stellte sich unter den entspannenden Wasserstrahl. Sie griff nach ihrem Shampoo. Strähne für Strähne massierte sie das Shampoo in ihre Haare ein, während sie die Augen schloß und den erfrischenden Duft genoß. Sie summte leise ein Muggellied vor sich hin, das sie heute morgen im Radio gehört hatte. Zum Glück war es ihr gelungen, ein Radio so zu verzaubern, daß es auch innerhalb von Hogwarts funktionierte, andernfalls wäre sie hier drinnen längst wahnsinnig geworden. Es war wirklich ganz schön schwer gewesen, durch die magische Aura von Hogwarts und die unzähligen Zauberbanne und Abschirmungen hindurch ein Signal zu empfangen. Ganz zu schweigen davon, daß der nächste gute Radiosender buchstäblich hunderte von Kilometern entfernt war.
Seine Haare zu waschen, war so entspannend, sie konnte wirklich nicht verstehen, weshalb sie diese wundervolle Aktivität nicht schon immer so ausführlich zelebriert hatte.
Sie ließ das Shampoo einwirken und schäumte sich währenddessen komplett ein. Anschließend spülte sie sämtlichen Schaum gründlich ab. Sie drehte den Wasserhahn zu und tastete nach ihren Handtüchern. Eins wickelte sie sich um den Kopf, mit dem anderen trocknete sie sich ab und schlang es dann um sich. Sie nahm ihr Shampoo, ihr Duschgel und ihre Kleidung und ging zurück in den Schlafsaal. (Die Slipper hatte sie vorher wieder angezogen.)
Sie brauchte nicht lange, um etwas Geeignetes zum Anziehen zu finden. Sie entschied sich für ein modisches Paar Jeans, die ihre schlanke Figur perfekt betonten, und ein rosa Trägertop mit Rüschen und Glitzerborte, das ihrem Alabaster-Teint schmeichelte. (Ach ja, Unterwäsche trug sie natürlich auch.)
Ihre Mutter hatte ihr das Oberteil in der Hoffnung, daß sie etwas mädchenhafter werden würde, an Stelle der üblichen Bücher zu Weihnachten geschenkt (das und einen Koffer voller Kosmetikprodukte).
Sie betrachtete kritisch ihr Spiegelbild.
„Phantastisch, Kindchen. Du wirst heute die absolute Herzensbrecherin sein", kommentierte der Spiegel.
Hermine lächelte zufrieden mit ihren vollen, sinnlich geschwungenen Lippen. Einen Augenblick lang blinzelten ihr ihre haselnußbraunen Augen verwirrt entgegen, aber es war genauso schnell wieder vorbei, wie es über sie hereingebrochen war, und schon strahlten ihre rehbraunen Seelenfenster wieder vor Entzücken.
Zu dumm nur, daß sie über diesem Outfit ihre Schulrobe tragen mußte … Sie seufzte. Tja, da war wohl nichts zu machen. Aber wenigstens würde sie geschmackvolle Schuhe dazu tragen.
Sie setzte sich an ihren Schminktisch. Wenn man so darüber nachdachte – und Nachdenken war schließlich Hermines Spezialität – war es schon erstaunlich … Der Mädchenschlafsaal war nicht im geringsten größer als der der Jungen, und dennoch paßten doppelt so viele Möbel hinein. Hach ja, magische Vergrößerung war schon praktisch.
Mit Parvatis patentiertem Zauberstabwedeln trocknete sie ihre Locken, die jetzt wieder in seidigen, glänzenden, schokofarbenen Ringeln über ihre Schultern wallten. Welch ein Glück, daß sich ihre Haare vor kurzem so vorteilhaft entwickelt hatten. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wann das passiert war, aber irgendwie waren sie nicht mehr buschig.
Hermine trug etwas Lip-Gloss auf und musterte sich ein letztes Mal prüfend, bevor sie zum Unterricht ging.
Gerade wollte sie hinuntergehen, als sie noch einmal stehenblieb. Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, daß sie etwas Wichtiges vergessen hatte. Oder mehrere wichtige Dinge … Da war doch noch was … Richtig, ihre Büchertasche! Sie war aber auch wirklich vergeßlich heute …
Auf ihrem Weg nach unten kamen ihr Parvati und Lavender entgegen.
„Hi, Herm! Du siehst echt umwerfend aus!" riefen die beiden wie aus einem Munde.
„Danke!" Hermine errötete vor Freude. Sie hatte sich noch nicht ganz daran gewöhnt, Komplimente zu bekommen. „Ach, und danke noch mal für diesen länger haltbaren Lip-Gloss, Lav, funktioniert super! Bis heute abend dann, wir sehen uns!"
„Ciao, Mine! Du hast heute Unterricht mit den Ravenclaws, oder? Ach, ich beneide dich um den Ausblick auf Du-weißt-schon äh, ich meine, einen gewissen Jemand …"
Hermine lachte und kletterte durch das Portraitloch. Es war wirklich eine Erleichterung, auch mal mit Mädchen befreundet zu sein. Man konnte einfach besser über gewisse Dinge reden. Wann genau sie sich eigentlich mit den beiden so gut angefreundet hatte, war ihr seltsamerweise entfallen. Mußte wohl etwa um dieselbe Zeit gewesen sein wie die wundersame Wandlung ihrer Haare.
Als sie die Große Halle betrat, warf sie als erstes einen Blick zur Decke. Wunderbar, der Himmel war strahlend blau. Wenn das nicht ein wundervoller Tag werden würde …
Ron und Harry waren schon da. Sie schienen wie immer in eine Unterhaltung über Quidditch vertieft zu sein.
„Und dann, ich sag dir, Harry …" Rons ausladende Gesten kamen der Kanne mit Kürbissaft bedenklich nahe, verfehlten dann aber doch knapp.
„Hey, guten Morgen, ihr zwei!" begrüßte Hermine ihre besten Freunde fröhlich.
Ron redete weiter, aber Harry warf ihr einen flüchtigen Blick zu. „Hm? Oh, hallo, Hermine. ‚tschuldige, was hast du gesagt, Ron?" Und er war wieder vertieft.
Hermine versuchte mehrfach, sich an dem offensichtlich fesselnden Gespräch zu beteiligen, jedoch ohne jeden Erfolg. Weder Harry noch Ron schien sie auch nur zu hören.
„Wart mal eben, Harry", unterbrach Ron plötzlich, „da ist gerade ein Mädchen an unserem Tisch vorbeigegangen …"
„Wer denn?" fragte Harry.
„Ist doch egal, sie trägt einen Rock." Ron verschwand vom Gryffindor-Tisch, offenbar um die Verfolgung aufzunehmen.
Auch Harry war auf einmal wie vom Erdboden verschluckt.
Hermine brach in Tränen aus. Was hatte sie bloß getan? Was war denn los?
Weshalb beachteten ihre besten Freunde sie plötzlich nicht mehr? Es war genau wie damals in der Grundschule … Hermine schluchzte laut auf und rannte aus der Halle. Sie hatte das Gefühl, daß ihr ein Augenpaar folgte, hatte aber nicht die Kraft, sich umzudrehen und nachzusehen, wer es war.
Den gesamten Vormittag über versuchte sie, die beiden zu erwischen, aber sie waren immer entweder in irgendein Quidditch-Problem vertieft oder hatten wichtige Termine. Seit dem Frühstück hatten sie kein Wort mit ihr geredet.
Wenn sie Hilfe bei den Hausaufgaben brauchten, würden ihre Ex-besten-Freunde später garantiert wieder angekrochen kommen. Hermine schnaubte. Nun, wenn die es so haben wollten, bitte sehr. Sie würde ihnen nicht länger nachtrauern, wenn die beiden sie für zu langweilig hielten. Immer waren die zwei nur hinter Mädchen her; als wäre sie nicht auch eins! Wenn die beiden Idioten das nicht merkten, war das deren Pech. So was, sie einfach wegzuwerfen wie ein benutztes Taschentuch, sobald irgendeine billige Schlampe vorbeikam!
Wartet nur, ich komm auch ohne euch zurecht. Hier kommt die neue, aufregende Hermine!
Als Hermine beim Mittagessen am Gryffindor-Tisch saß und mißgestimmt ihren Teller füllte, kam sie zu dem Schluß, daß sie dringend eine Pause brauchte. Nicht nur war es anstrengend, Harry und Ron zu ignorieren, wenn die es gar nicht merkten, ihr passierten heute auch laufend merkwürdige Dinge. Jedesmal wenn sie sich ärgerte, zogen draußen Gewitterwolken auf, und Regen prasselte unter Blitz und Donner gegen die Fenster. In Verwandlung hatte sie irgendwann angefangen, aus Langeweile Däumchen zu drehen, da sie längst mit allem fertig gewesen war, und hatte durch die Reibung ihre Finger zum Rauchen gebracht. Als sie vor Schreck die Augen weit aufgerissen hatte, hatten ihre Augen mit einem Energiestrahl ihren Notizblock entzündet.
Und als wäre all das nicht genug, starrte Malfoy sie heute den ganzen Tag an. (Nun gut, nach der Sache in Verwandlung starrten sie eigentlich alle an.) Es war alles äußerst ärgerlich.
Eine einsame, verspätete Posteule traf ein und steuerte schnurstracks auf sie zu. Die Eule ließ aus dem Sturzflug einen Umschlag mitten auf Hermines Teller fallen und flog direkt weiter und wieder zum Fenster hinaus. Mit spitzen Fingern fischte Hermine den Brief aus ihrer Suppe und entfaltete ihn vorsichtig, immer darauf bedacht, sich nicht die Fingernägel schmutzig zu machen. Wie sich herausstellte, war es ein Schreiben von ihren Eltern.
Liebe Hermine,
Wir schreiben Dir aus ernstem Anlaß. Du sollst wissen, daß wir dich immer lieben werden, wie unsere eigene Tochter, auch wenn Du das in Wirklichkeit nicht bist.
Hermine erstarrte. Dann waren all die alten Familienfotos aus dem Krankenhaus gefälscht? Sie überflog rach den Rest des Briefes.
… außer Gefahr zu bringen … natürliche Tochter von Mathilda Riddle … Zabini … Erbin von Salazar Slytherin …
Hermine konnte es nicht fassen. Sie las den Abschnitt wieder und wieder. Aber es wurde noch besser.
Da Du bald Geburtstag hast, mußt Du es nun wissen. Durch Deine besondere Herkunft sind Deine magischen Fähigkeiten enorm. Sie wurden bisher unterdrückt, aber an Deinem sechzehnten Geburtstag löst sich der Bann, und wenn Du nicht unverzüglich lernst, Deine Kräfte zu kontrollieren, wird das nicht nur für Dich fatale Konsequenzen haben.
Wenn sich Deine volle Magie entfaltet und Deine Bestimmung offensichtlich wird, kannst Du aus Sicherheitsgründen nicht in die Muggelwelt zurückkehren, also leb wohl.
Deine Dich liebenden Stiefeltern
P.S.: Anbei Deine Geburtsurkunde.
Ah, das erklärte natürlich ihre beeindruckenden neuen Fähigkeiten. Hermine warf einen Blick auf die Urkunde. Großartig, das hatte man von illustrer Verwandtschaft. Einen zweiten Vornamen wie „Morgana". Also wirklich, dann doch lieber was Langweiliges wie „Jane".
Aber das bedeutet ja … daß ich reinblütig bin! Na ja … nicht direkt. Eigentlich überhaupt nicht. Aber immerhin die mächtigste Hexe der Welt. Ha, Malfoy wird sein blaues Wunder erleben, jetzt wo ich den Beweis habe, daß ich kein Muggel bin …
Der Nachmittag verging wie im Fluge, und schon stand die wie immer gefürchtete Stunde Zaubertränke bevor. Nur daß Hermine sich heute nicht fürchtete. Snape würde sich noch wundern, wenn er erfuhr, wer sie wirklich war. Ob er sich vor einer Verwandten seines Meisters verbeugen würde? Hm, es war vielleicht einen Versuch wert. Jedenfalls würde er es nicht wagen, Punkt abzuziehen. Obwohl, erstmal sollte sie sich vielleicht noch unauffällig verhalten. Immerhin hatte sie jetzt einen wirklich tödlichen Blick, wenn sie den aus Versehen einsetzte …
„Wir werden heute in Partnerarbeit Wahrheitsserum herstellen", verkündete Snape und ließ seinen Umhang beim Abschreiten der Pulte dramatisch aufgebauscht hinter sich her flattern.
Auf diese Ankündigung erfolgte allgemeines aufgeregtes Gemurmel. Hermine packte währenddessen ihre Sachen zusammen und setzte sich an Malfoys Tisch.
Typisch Snape! Warum haben es heute alle auf mich abgesehen!
Slytherins und Gryffindors verstummten und sahen sie gleichermaßen entgeistert an. Malfoy erinnerte mit seinem rosa angelaufenen Gesicht an Miss Piggy – obwohl die weniger knochig war …
„Ms. Granger, was tun Sie da?" bellte Snape.
„Ich hatte so eine Ahnung, daß Sie mir Malfoy als Partner zuweisen würden, ich wollte die Prozedur nur abkürzen, um den Fortgang des Unterrichts nicht unnötig zu verzögern und am Ende noch Punkte zu verlieren."
„Hmpf", grummelte Snape. Es war schwer zu sagen, ob er sich ärgerte, weil sie sich nicht ärgerte, oder weil ihm seine Pointe gestohlen worden war.
Na bitte, da soll noch einer sagen, ich hätte kein Talent zum Wahrsagen …
„Ich verstehe, ich komm dann um sieben zum Nachsitzen." Sie lächelte zuckersüß.
„Hmpf", brummte Snape und beförderte mit einem Wedeln des Zauberstabs die Arbeitsanweisungen an die Tafel.
Der Trank sollte in einer halben Stunde fertig werden? Das mußte wohl eine spezielle Variante extra für den Unterricht sein.
Immerhin, man konnte ja über Malfoy sagen, was man wollte, aber er stellte sich heute geschickt an. Er und Hermine waren als erstes mit den Vorbereitungen fertig.
Während sie den Trank köcheln ließen, starrte Hermine wie hypnotisiert auf den aufsteigenden Dampf. Wenn man es recht bedachte, Nachsitzen war vielleicht gar nicht so schlecht, wenn sie es arrangieren konnte, daß Malfoy auch da sein mußte. Vielleicht würde sie Harry und Ron eins auswischen können, indem sie sich mit Malfoy etwas besser „bekanntmachte" … Die Chancen standen gut, schließlich schien er sie schon den ganzen Tag zu verfolgen. Sie würde einfach erwähnen, wie sehr sich Harry aufregen würde, dann würde er sich sicher auf ein kleines Techtelmechtel einlassen.
Malfoy riß sie – rüde wie immer – aus ihren Gedanken. Offenbar war der Trank fertig.
Hermine beobachtete ihn mißtrauisch. „Du zuerst."
„Gleichzeitig."
„Gut."
Es dauerte einen Moment, bis der Trank Wirkung zeigte. Daß er funktionierte, erkannte Hermine, als Malfoys eiserner Blick langsam unfokussiert wurde. Sie selbst hatte nur scheinbar an ihrer Phiole genippt. Diese Gelegenheit, Malfoy auszuhorchen, würde sie sich nicht entgehen lassen.
Hermine räusperte sich. Das war die Chance, etwas über die Pläne der Todesser zu erfahren. Das hatte Snape offenbar nicht bedacht, als er ihnen diese Aufgabe gestellt hatte. Oder er hatte gerade diese Gelegenheit schaffen wollen, immerhin war er Dumbledores Spion … Möglicherweise eine Kleinigkeit zu riskant im Schulunterricht … Aber wie auch immer. Sie mußte einfach fragen, was er wußte.
Was sie dann tatsächlich sagte, war etwas völlig anderes.
„Also, Malfoy, warum haßt du mich?" Hm, das mußte sie unterbewußt wohl ziemlich beschäftigt haben. Nun ja, auch eine bedeutsame Frage.
Malfoy sah zutiefst erschrocken aus, als er widerwillig den Mund öffnete. Er starrte sie. Augen, die Sturmwolken glichen, begegneten mokkabraunen.
„Ich hasse dich nicht." Sein Gesicht war schmerzverzerrt, als er sich das sagen hörte.
„Warum warst du dann immer so gehässig?"
Vielleicht lag es an dem ganzen Dampf, aber Malfoy schien plötzlich heftig zu schwitzen.
„Ich bewundere dich, Hermine. Ich durfte mir nur nichts anmerken lassen. Hätte mein Vater erfahren, daß ich dich liebe, hätte er uns auf der Stelle getötet, deshalb war ich sicherheitshalber immer besonders gemein."
Seine sonst immer so kalten, eisblauen Augen schienen zu einem warmen Ozeanblau dahinzuschmelzen, als er sie durchdringend ansah. Er schien direkt in ihr Herz zu sehen, und Hermine wurde plötzlich schrecklich heiß.
Ich hab immer gedacht, seine Augen wären grau … Und er hat mich tatsächlich …
„Draco … Du hast mich „Hermine" genannt …" Hermines Herz hämmerte. Sie konnte kaum glauben, was sie hier hörte. Nein, sie fragte sich nicht, ob mit dem Wahrheitsserum alles in Ordnung war. Es war auch nicht die Tatsache, daß er ihr gerade seine heimliche Liebe gestanden hatte, die sie beschäftigte. Ihr Name aus seinem Mund klang wie Samt und Seide, wie flüssiges Gold, so natürlich auf seinen wohlgeformten Lippen.
Oh nein! Das hab ich nicht gerade gedacht! Ich dachte, ich würde ihn abgrundtief hassen, er ist schließlich meine Nemesis!
Dracos silbriger Blick hielt ihre verwirrten, kaffeebraunen Augen gefangen, während der Rest der Klasse und Snape damit beschäftigt waren, Goyle unter Einfluß des Tranks zu befragen, um festzustellen, ob er tatsächlich Gedanken hatte, die er nicht ausgrunzte.
Von Leidenschaft übermannt lehnte sich Hermine langsam nach vorn, bis ihre weichen, rosigen, sinnlich geschwungenen Lippen seine bedeckten. Draco war weniger zaghaft, er zog sie ruckartig an sich und hielt ihren Nacken mit beiden Händen fest. Ebenso ruckartig zuckte er zurück.
„Hermine, was ist das für eine Kette, die du da trägst?" fragte er atemlos.
Hermine nestelte den Anhänger hervor, der an der Kette hing, die Malfoy schockiert zwischen den Fingern drehte. Zuerst starrte sie den kleinen Anhänger nur an.
Ja, woher eigentlich …?
Er schien eine Art fette Eidechse darzustellen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie das merkwürdige Gefühl, daß sie dieses Ding noch nie gesehen hatte. Aber das war ausgeschlossen, immerhin trug sie es um den Hals. Sie schüttelte die benebelte Verwirrung entschieden von sich.
„Oh, die."
Als ihr die Herkunft dieses Andenkens wie aus dem Nichts wieder einfiel, wallten zum wiederholten Male heute Tränen in ihren Augen auf. Normalerweise war sie nicht so nah am Wasser gebaut, aber heute war ihr Leben einfach die reinste Seifenoper. Sie schluckte und begann mit bebender Stimme.
„Die hab ich vor langer Zeit von meinem besten Freund bekommen. Wir waren unzertrennlich. Wir haben uns geschworen, daß wir immer zusammenbleiben und später mal heiraten würden. Aber dann mußte ich ganz plötzlich umziehen, und wir haben uns nie wiedergesehen. Ich muß damals zwischen vier und sechs Jahren alt gewesen sein."
Draco Malfoy schnappte fassungslos nach Luft.
„Mia?" flüsterte er ungläubig.
Hermines Hände begannen zu zittern. „Woher kennst du diesen Namen?"
„Dieser Drachen-Anhänger ist von mir."
„Dray?"
Draco nickte enthusiastisch.
„Bist du's wirklich?" vergewisserte sie sich.
Er nickte wieder, ein glückseliges Lächeln im Gesicht.
Ein echtes Lächeln macht ihn gleich zu einem ganz anderen Menschen …
„Ich hätte nie gedacht, daß wir uns wiedersehen würden!" Gänzlich unvermittelt hielt sie inne, als sie ihre verloren geglaubte Sandkastenliebe gerade schwungvoll in die Arme schließen wollte. „Wie kommt's, daß du mich nicht wiedererkannt hast, als wir uns das erste Mal im Hogwarts-Expreß getroffen haben? Ich sah noch ganz genauso aus, es waren schließlich nur fünf Jahre vergangen."
„Ähm…" Offensichtlich hatte er dafür auch keine Erklärung parat. „Und was ist mit dir?"
„Ähm…" Tja, zugegeben, da hatte er sie jetzt erwischt. Wieso hatte sie ihn eigentlich nicht erkannt? So viele Malfoys liefen nun auch nicht in der Gegend rum … Seltsam.
„Warte mal, war dein Nachname damals nicht Zabini? Du warst doch Blaises Cousine, oder so?"
„Nach dem Umzug hat mich mein Vater einer Muggel-Pflegefamilie übergeben, um mich in Sicherheit zu bringen. Blaises Onkel – also mein Vater – hatte eine kurze Affäre mit Voldemorts verschollener Zwillingsschwester, deren Ergebnis ich war. Wie du sicher weißt, ist Voldemort der Erbe Slytherins, und seine Schwester ist folglich ebenso mächtig. Die Linie der Zabinis ist ein Seitenzweig der Nachfahren Merlins. Voldemorts Schwester hat Blaises Onkel mit einem Liebestrank vorübergehend gefügig gemacht, um durch mich einen Knotenpunkt machtvoller Energien zu zeugen."
„Sagtest du Liebestrank? Ich dachte, die wären illegal …"
Hermine hob die Augenbrauen, bis sie unter ihrem Haaransatz verschwanden.
„Schon gut, erzähl weiter."
„Wo war ich? Ach, richtig. Als mein Vater wieder bei Verstand war, ist er sofort mit mir geflohen. Meine Mutter hat ihn gelassen, wahrscheinlich war ein kleines Kind für ihre Pläne nur hinderlich. Aber irgendwann wollte sie mich holen, um mich als ihre Nachfolgerin auszubilden. Ihr Plan war, an ihrem Bruder Rache zu üben, der ihren Machtanspruch nicht anerkannt hat, als sie irgendwann wieder auftauchte, nachdem sie nach ihrer Geburt von ihm getrennt worden war. Lange und komplizierte Geschichte. Deshalb mußte ich dann jedenfalls untertauchen. Ich hab das alles gerade heute beim Mittagessen durch einen Brief von meinen Stiefeltern erfahren."
„Willst du damit sagen, du hattest vergessen, daß du bis zu deinem sechsten Lebensjahr Mia Zabini warst?" fragte Draco verwundert.
Hermine erstaunte das ehrlich gesagt auch etwas, aber sie überspielte ihre Verunsicherung schnell mit der ihr eigenen Schlagfertigkeit.
„Na hör mal, ich war noch klein! Ich muß wohl die traumatische Trennung von meinem Vater verdrängt haben."
„Ach so, na dann. Also, was ist? Ziehen wir das mit unserer Verlobung durch?" Er zwinkerte ihr verführerisch zu.
„Sagtest du nicht, dein Vater würde uns beide töten?" fragte Hermine skeptisch.
„Ich denke nicht, daß er sich traut, die Tochter der Schwester seines hochverehrten Meisters umzubringen. Jedenfalls nicht solange er nicht weiß, wer von beiden mächtiger ist."
„In dem Fall …" Hermine strahlte. Ihr Lächeln erlosch jedoch schnell wieder. „Moment, die Zabinis gehören doch zu den reinblütigen Familien …"
„Ja, und?"
„Wir sollten besser noch warten."
„Wieso?"
„Bekanntlich gibt es heutzutage fast keine reinblütigen Familien mehr, die aber trotzdem alle untereinander heiraten. Was ist, wenn wir über die Zabinis miteinander verwandt sind?"
„Kann nicht sein", informierte Draco. „Die Zabinis haben nur ganz entfernt mit den Blacks zu tun, sie sind nur über die Malfoys näher mit uns verwandt, aber ich selbst bin mit Lucius gar nicht blutsverwandt."
Hermine sah ihn fragend an.
„Meine Mutter ist eine Veela. Daher stammt übrigens auch mein umwerfendes Lächeln, falls du dich gewundert hast. Sie hatte ihren Partner fürs Leben schon vor Lucius gefunden, aber er starb tragischerweise, und dann geriet Lucius in ihren Bann. Er wollte sie als Trophäe, da hat er es hingenommen, daß ich nicht sein leiblicher Sohn war. Sie hat seinen Antrag angenommen, um mir eine vollständige Familie zu geben."
Plötzlich packte Draco ihre Schultern und schüttelte sie.
„Draco, was soll denn das …?"
Was ging denn hier vor? Dracos Haare waren rot, und er schien Sommersprossen zu haben … Er bot ein wahrhaft sonderbares Bild. Sie starrte ihm verwirrt ins Gesicht, während er sie völlig ohne Widerstand ihrerseits hin und her schlackerte, bis ihre Stirn unangenehm mit etwas hartem in Kontakt kam.
„Autsch, Draco!" Sie hob den Kopf, und vor ihr stand Ron mit hochgezogenen Augenbrauen. Er warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, als sie sich den Kopf rieb.
„Du also auch?"
Hermine nickte matt. Sie fühlte sich wie erschlagen. Nur um sicherzugehen, suchte sie ihren Hals nach irgendwelchen Ketten ab. Sie atmete erleichtert auf. Anscheinend hatte dieser Albtraum endlich ein Ende. Was für eine Wohltat, endlich wieder einen intelligenten Gedanken fassen zu können. Sie sah auf die Wanduhr.
„Ron! Wir müssen los, oder wir kommen zu spät zu Zaubertränke!"
„Deshalb bin ich hier, Harry wartet schon unten."
Sie machten sich eilig auf den Weg.
„Danke, daß du mich geweckt hast. Du hattest recht. Es war furchtbar."
Ron musterte sie von der Seite und fing plötzlich an zu lachen.
„Was ist so witzig?" wollte Hermine wissen.
„Dein Gesicht!"
Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Nein! Ich meine nur, du sahst so angeekelt aus, es muß wirklich schrecklich gewesen sein."
„Paß bloß auf mit deinen unbedachten Äußerungen. Ich könnte dich einfach mit nur einem Blick entflammen."
„Zu spät", lachte Ron.
Hermine sah ihn überrascht an. War das, wofür sie es hielt? Kaum zu glauben, Ron war selten so direkt. Sollte das nur ein Scherz sein?
„Sieh mal an, Weasley ist Feuer und Flamme." Malfoy stand höhnisch grinsend in der Tür zu ihrem Klassenraum. „Wer hätte das geahnt bei dem Leuchtfeuer, das seine Haare abgeben."
Hermine mußte ihn nur ansehen, um sofort in Gelächter auszubrechen. Malfoy entgleisten die Gesichtszüge bei diesem Anblick. Offensichtlich war das nicht die Reaktion, die er sich erhofft hatte.
Hermine zerrte einen dunkelrot angelaufenen Ron mit sich in den Klassenraum, während sie um Atem rang.
„Laß ihn, Ron, er kann nichts dafür", prustete sie. „Jahrhundertelanger Inzest hat eben Nebenwirkungen …" Sie kicherte weiter vor sich hin, bis Snape den Raum betrat und damit jegliche weiteren Erklärungen vorerst unmöglich machte.
