Kapitel 4

Die Tage vergingen wie im Flug. Obwohl die Van der Linde Gang im Land einen üblen Ruf hatte und sie genau wusste, wozu sie fähig waren, schloss sie jeden Einzelnen immer weiter ins Herz. Den Einzigen den sie überhaupt nicht leiden konnte, war Micah Bell. Er hatte irgendwas an sich, was ihr die Nackenhaare hochstehen ließ und sie hatte eine gute Menschenkenntnis. Mit diesem Mann stimmte etwas nicht. Sie ging ihm soweit es ihr möglich war aus dem Weg. Nachdem er mehrmals versucht hatte bei ihr zu landen, und das nicht unbedingt auf die charmante Art, mied sie ihn.
Daher überraschte es sie nicht unbedingt, als sie gemeinsam mit Sadie, John, Dutch, Molly und Arthur gegen Abend am Feuer saß, dass Lenny angestürmt kam und allen erzählte, dass Micah in Strawberry im Knast saß. Lenny wäre auch beinahe eingebuchtet worden, konnte aber im letzten Moment fliehen.
„Es geschehen doch noch Wunder.", sagte Arthur trocken.
Dutch ermahnte ihn. „Arthur, sag sowas nicht. Er ist genauso ein Teil der Familie wie wir alle."
Sam verdrehte die Augen, auch Sadie neben ihr schnaubte. Keiner konnte Micah so richtig gut leiden.
Lenny war jedoch völlig außer sich.
Dutch erhob sich und klopfte Lenny auf die Schulter. „Wir werden uns darum kümmern, Junge. Ich denke, du solltest mit Arthur und Sam nach Valentine reiten. Gönnt euch was zu trinken, vergesst den ganzen Schlamassel hier."
Sam und Arthur wollten gleichzeitig protestieren, doch Dutch unterbrach sie. „Tut Lenny den Gefallen. Er muss sich ablenken. Der Junge ist ja völlig neben der Spur."
Arthur erhob sich grummelnd, Sam folgte ihm und Lenny zu den Pferden. „Super."
Während sie nach Valentine ritten, erzählte Lenny was genau passiert war. Micah schien nicht zum ersten Mal völlig durchzudrehen, zumindest schloss sie das aus Arthurs Reaktion. So jemanden in der Bande zu haben war gefährlich, Sam wusste das zu gut.
Am Saloon angekommen, ging die Sonne gerade hinter den Wäldern unter. Gemeinsam traten sie durch die Tür und steuerten die Bar an. Der Barkeeper servierte ihnen schnell ihr Bier.
Sam sah sich um. Der Saloon war schon relativ voll. Männer versuchten betrunken Huren anzuheuern und waren dabei mehr oder weniger erfolgreich. Sie schüttelte den Kopf, sie würde diese Frauen nie verstehen können. Sie würde lieber verhungern, als einem dieser Trunkenbolde ihren Körper zur Verfügung zu stellen.
Arthur bemerkte ihren Blick und sah sie an. „Nicht dein Ding?", fragte er sie.
Sie sah in seine hellen Augen, die im Licht des Saloons funkelten. „Im Leben nicht."
Er grummelte. „Da sind wir wohl mal einer Meinung."
Überrascht hob sie eine Braue. Lenny stellte die Frage die ihr auf der Zunge brannte. „Du hast noch nie mit 'ner Hure geschlafen?"
„Nein. Du etwa?", gab er trocken zurück.
Lenny schüttelte vehement den Kopf, doch dann nickte er. „Naja. Es gab da mal…"
Arthur unterbrach ihn. „Warte, für diese Art von Gespräch bin ich noch nicht betrunken genug."
Er kippte sein Bier in einem Zug runter und winkte den Barkeeper heran, für eine Runde Whiskey. Sam musste leise lachen. Der Whiskey brannte in ihrem Hals, als sie ihn in einem Zug runterwürgte.
„Ekelhaft stark das Zeug.", gab sie zu bedenken, der Barkeeper nickte stolz. „Der beste Whiskey der Stadt, glauben sie mir, Miss."
Da sie selten trank, war sie nach wenigen Drinks schon ziemlich betrunken. Lenny ebenfalls.

Der Abend entwickelte sich wie erwartet. Sie drei waren völlig betrunken. Sam konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Arthur neben ihr stützte sie halb, und benutzte sie gleichzeitig selber als Stütze. Der Barkeeper weigerte sich ab einem bestimmten Punkt ihnen weiter Alkohol auszuschenken. Was wahrscheinlich auch besser so war.
Arthur sah sich um. „Lenny?! Lenny, wo bisch du?", rief er lallend. Sam ließ suchend den verschwommenen Blick durch den Saloon schweifen. Sie sah ihn nirgendwo, oder doch?
„Da, Arthur. Ers da oben.", sagte sie und zeigte nach oben.
Gemeinsam taumelten sie lachend die Treppe hoch, hielten sich am Geländer fest und schafften es irgendwie zu Lenny. Dieser ließ gerade sein Glas nach unten fallen, wo es in tausend Teile zerbarst. Aus irgendeinem Grund fanden sie das alle furchtbar komisch. Sam hielt sich den Bauch vor Lachen, sie war noch nie so betrunken gewesen, aber vor allem hatte sie seit langem wieder mal richtig Spaß.
„Arthur. Arthur, warum warsch du eigentlich nie verheiratet?", brachte Lenny lallend raus, halb über das Geländer gebeugt. Arthur lehnte mit dem Rücken daran und schmunzelte. Sam hielt inne und sah die beiden an.
„Tja, wahrscheinlich wollte mich bis jetzt keine so, wie ich wirklich bin."
Sie sah ihn an. Sein Blick war voller Ironie, aber auch verletzlich. Konnte das sein? Oder bildete sie sich das bloß ein? Schließlich war sie nicht Herr ihrer Sinne. Was auch die Schmetterlinge in ihrem Bauch erklärte, die sie verspürte, als Arthur sie ansah.
„Ist da so? So eine schlechte Partie bist du nun auch wieder nicht."
Moment. Hatte sie das gerade laut gesagt? Arthur und Lenny sahen sie erstaunt an.
Sie musste hier raus, und zwar schnell. Ohne einen weiteren Kommentar drehte sie um und quetschte sich durch Menschen nach draußen an die frische Luft.
Der Mond stand hell am Himmel und sie ging langsam in die Gasse neben dem Saloon. Ihr war schlecht. Sie hatte viel zu viel getrunken, alles drehte sich. Sie konnte nur hoffen, dass Arthur ihren Kommentar bis morgen früh vergessen hatte.
Sie lehnte sich gegen die hölzerne Wand des Saloons und stieß den Atem aus. „Du bist so dämlich, Sam.", sagte sie leise zu sich selbst.
Langsam lichtete sich der Nebel in ihrem Kopf, die frische Nachtluft tat ihr gut. Sie schloss für einen Moment die Augen, bis sie kurz darauf Schritte neben sich hörte. Sie öffnete die Augen wieder und sah Arthur um die Ecke auf sie zukommen. Natürlich.
Er blieb vor ihr stehen. Zum ersten Mal an diesem Abend achtete sie auf sein Outfit. Verdammt, er sah wirklich gut aus. Die schwarze Jeans, das dunkelrote Hemd, das schwarze Halstuch um seinen Hals und sein Cowboyhut. Mehr brauchte es nicht, um ihren Puls zu beschleunigen.
Arthur bemerkte ihren Blick und hob eine Augenbraue. „Möchtest du mir etwas sagen, Miller?", fragte er sie herausfordernd.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Augen wanderten zu ihrer grünen Bluse, an der die ersten beiden Knöpfe offen waren und man den Ansatz ihrer Brüste erkennen konnte. Hatte sie das mit Absicht gemacht? Vielleicht. „Nicht das ich wüsste, Morgan.", gab sie unerschrocken zurück.
Seine Zunge fuhr über seine Unterlippe, während er den Blick zu ihren Augen hob.
„Was machst du nur mit mir?" Seine Stimme war rau und tief.
„Was meinst d…" Bevor Sam zu Ende reden konnte, machte Arthur zwei Schritte nach vorne, presste sie gegen die Wand hinter sich, eine Hand lag an ihrem Gesicht, die andere drückte fast schmerzhaft in ihre Hüfte.
Erschrocken blickte Sam zu ihm auf, er war mehr als einen Kopf größer als sie. Sein Atem ging schnell, er sah ihr direkt in die Augen.
Ihr Herz raste, ihre Atmung beschleunigte sich, in ihrem Bauch kribbelte es. Sie spürte seinen harten Körper überall an ihrem, sein männlicher Duft umhüllte sie. Sam konnte nicht mal ansatzweise klar denken.
Arthur nahm ihr das Denken ab, indem er sich hinabbeugte und seine Lippen auf ihre presste.