Passion like a Poison
Er wusste, dass es keine gute Idee war. Sie waren zu lange voneinander getrennt gewesen. Die Monate, die Jahre hatte er mit der Zeit nicht mehr gezählt. Es hatte sowieso keinen Sinn. Sie hatte nun ihr eigenes, ehrliches Leben. Mit Freunden, die sie liebten. Ein Leben, in dem ein ehemaliger Verbrecher, ein ehemaliger Auftragskiller, keinen Platz hatte.
Warum also war er nicht weggegangen? Cobra verstand es selber nicht. Er wusste nur, dass er da stand und auf das gegenüberliegende Café starrte, in der Hoffnung sie wiederzusehen, auch nur für eine Sekunde. Eine einzige Sekunde, um ihre fröhlichen smaragdgrünen Augen zu sehen, der besondere Glanz ihrer violetten Haare, die Eleganz ihrer Gesten. In der Hoffnung, dass sie auch mal kurz rauskommen würde und er somit ihre Stimme, ihr Lachen wieder hören könnte.
Cobra schlug sich gegen die Stirn. Das hatte alles keinen Sinn. Warum blieb er da? Sie waren seit zu langer Zeit getrennt. Sie hatte eine ehrliche Arbeit, ein ganz neues Leben. Vielleicht hatte auch einen anderen Mann Platz in ihren Herzen gefunden. Schön wie sie war, hatte Kinana sicher eine Handvoll Verehrer. Dieser Gedanke passte Cobra allerdings nicht wirklich.
Aber er musste sie loslassen, daran hatte er die letzten Jahre gearbeitet. Fast hatte er es geschafft. Aber eben nur fast. Und jetzt, wo er Kinana wieder gesehen hatte, spürte er es wieder. Die Sehnsucht nach ihr, die verdammt klaren Erinnerungen an ihre leidenschaftlichen Nächte. Ihre engelhafte Stimme, die nur für ihn gesungen hatte. Der gemeinsame Wunsch den anderen glücklich zu sehen. Tief in ihm hatte sie geschlummert, doch nun war sie wieder da. Diese verfluchte Leidenschaft, die ihn innerlich vergiftete. Doch gegen dieses Gift gab es kein Gegengift...
Frustriert holte er sich eine Zigarette aus der Hosentasche und zündete sie an. Cobra nahm einen langen Zug davon und blies den Rauch in die Luft. Es passierte selten, dass er rauchte. Nur wenn er mit einer Situation nicht klar kam. Oder mit sich selbst. Genau wie jetzt. Wie unsicher war er in Wirklichkeit überhaupt? Er konnte sich nicht einmal an die Entscheidungen halten, die er sich bezüglich Kinana gemacht hatte! Seine Standpunkte brachen ein, nur weil er sie wiedergesehen hatte.
Manchmal wünschte er sich, sie wären wieder in der Vergangenheit. Wo ihre Liebe seine einzige Freude gewesen war...
Damals war Cobra ein Auftragskiller im Dienste von Oracion Seis gewesen, die vor allem in der Stadt Baram tätig gewesen war. Er war ein Waisenkind, dass Brain dazu trainiert hatte ein Mörder zu werden, genau wie vier andere Kinder. Damals hatte Cobra nicht geahnt, dass dieser Schweinehund von einem Killerboss sie seit der Kindheit nur manipuliert hatte. Mit Midnight, Racer, Angel und Hoteye hatte er nur Morde und den Spass am Töten gekannt.
Und eines Tages hatte er sie getroffen... Kinana. Eine arme Bettlerin, die mit einem Xylophon und Gesang einen mageren Gewinn bekam. Sie war immer am Bahnhof gewesen, an der gleichen Stelle neben einer Bar, deren Name er heute vergessen hatte.
In den ersten Tagen war er einfach am Bahnhof gegangen, nur um ihr zuzuhören. Sie hatte eine so schöne Stimme, dass es sein Herz aufgewärmt hatte. Zum ersten Mal hatte er sich Sorgen um einen anderen Menschen gemacht, hatte Mitleid mit einer Person gehabt. Dabei hatte er sich nur um sich selbst gekümmert. Bis er Kinana getroffen hatte.
Eines Tages hatte Kinana schlechte Geschäfte gemacht. Niemand hatte Zeit gehabt ihren Gesang anzuhören und ein wohlbeleibter Mann hatte sie sogar energisch weggejagt und hatte ihr Xylophon zerstört. Weinend war die Lilahaarige weggerannt... direkt in Cobras Arme.
An diesem Tag hatte er sie bei ihm aufgenommen. Eine anständige Arbeit hatte sie nicht finden können, doch mit dem Lohn seiner Mordaufträge hatte er sie beide über Wasser halten können. Kinana hatte sich zwar zuerst unsicher gefühlt mit einem Auftragskiller zu leben. Doch mit der Zeit hatte sie dies akzeptiert oder hatte sich entschlossen dies nicht mehr zu betrachten.
Trotzdem... sie waren wirklich glücklich gewesen. Zum ersten Mal hatte Cobra einen Sinn in seinem Leben gesehen. Und die Erwartung am Abend in der Einzimmerwohnung auf Kinana zu treffen hatte seine Tage beleuchtet. Brain und die anderen hatten einfach gedacht, sie wäre seine private Gespielin und hatten Kinana nicht weiter betrachtet. Er war vielleicht ein Verbrecher gewesen, doch die Zeit mit Kinana war für Cobra das Schönste überhaupt gewesen.
Doch dieses Glück hatte nicht lange gedauert. Die Polizei war Oracion Seis auf die Schliche geraten und Brain hatte seit Monaten alles vorbereitet um vor der Justiz zu fliehen. Alleine. Cobra und die anderen fünf waren nur Schachfiguren für seine Organisation gewesen. Der Rothaarige hatte seinen Boss auf frischer Tat ertappt. Als er ihn zur Rede gestellt hatte, war Brain mit seiner Antwort ruhig, schadenfroh und vor allem schrecklich arrogant geblieben.
Zum ersten Mal hatte Cobra die Verachtung gesehen, die sein Boss für seine Killer übrig hatte. Er hatte gesagt, dass die Polizei bald auftauchen würde und ihn, Midnight und die anderen gefangen nehmen würde. Doch Brain, der sich nie die Hände schmutzig gemacht hatte, würde inkognito den nächsten Flug erwischen und irgendwo in den Süden fliegen. Er hatte alles vorbereitet, um Baram zu verlassen und seine Spuren zu verwischen, damit die Justiz ihn nie aufspüren würde.
Cobra hatte noch nie in seinem Leben eine solche Wut gespürt. Er hatte sich auf Brain gestürzt und ihn schliesslich eigenhändig ermodert...
Doch die Polizei hatte sich schon im Quartier versammelt, wo Oracion Seis seinen Hauptsitz hatte. Cobra hatte schnell Midnight angerufen, damit er die anderen warnen konnte, bevor er sofort zu seiner Wohnung geeilt war. Er hatte Kinana lange überreden müssen um ihr zu verstehen, dass sie fliehen sollte... und zwar alleine. Cobra war von der Polizei gekannt, wenn sie mit ihm unterwegs wäre, brächte sie sich nur selber in Gefahr. Der Killer hatte für seine Geliebte in den letzten Jahren etwas Geld auf die Seite gelegt, für den Notfall. Damit sie etwas hatte um ein neues Leben anzufangen. Nach einem letzten Kuss war sie endlich gegangen. Fünf Minuten später klopfte die Polizei an der Tür.
Nach ein paar Jahre im Gefängnis wurden er, Midnight, Racer, Angel und Hoteye zu ihrer Überraschung plötzlich freigesprochen worden. Nach all ihren Verbrechen hätten sie eigentlich lebenslänglich im Gefängnis bleiben sollen. Doch dies hatte sich schnell geklärt.
Dank Jellal Fernandes und dessen Kameradin Meldy, die für die ehemaligen Auftragskillern von Oracion Seis eingesprungen waren, mussten sie Crime Sorciere beitreten. Dies war eine kleine Untergrund-Organisation von ehemaligen Verbrechern, die in ihrer Kindheit manipuliert und zu Monstern geworden waren. Cobra hätte nicht gedacht, dass ausser seinen Kameraden aus Oracion Seis auch andere Kinder dasselbe Schicksal erlebt hatten. Wie Meldy und Jellal.
Crime Sorciere existierte offiziell nicht, doch sie halfen der Polizei von Magnolia, wo sie ihren Sitz hatten, in der Jagd auf besonders gefährliche Verbrecher und kriminellen Organisationen, der Lohn war sogar sehr fair. Nach einiger Zeit hatten die fünf ehemaligen Auftragskiller Crime Sorciere angeschlossen und führten seither ein verstecktes, aber durchaus ehrliches Leben.
Während dieser ganzen Zeit hatte sich Cobra bemüht nicht zu oft an Kinana zu denken. Es schmerzte nur und ihm war es lieber, dass sie nicht mehr mit ihm zu tun hatte und somit ein ehrliches Leben führen konnte. Seine Leidenschaft war zwar nie erloschen, doch er hatte sich daran resigniert seine grosse Liebe niemals wieder zu sehen.
Doch heute, als er nach einem gelungenen Auftrag durch Magnolia spazierte, hatte er Kinana wieder gesehen. Seine giftige Leidenschaft für diese Frau war dadurch wieder aufgewacht und schmerzte ihn mehr als je zuvor. Er wollte wegrennen, ihr Leben in Ruhe lassen und endlich dieses Kapitel abschliessen. Doch es ging nicht. Er blieb einfach da und dachte an all die schöne Zeit, der er mit ihr hatte erleben können. Cobra wollte zu ihr gehen, sie endlich wieder in seine Arme schliessen... doch was sagte man sich, nachdem man jahrelang ohne Neuigkeit vom anderen war?
Jellal hatte ihn gewarnt. In ihrer speziellen Situation sollten sie am besten keine Beziehungen zu Zivilisten führen, um diese nicht in Gefahr zu bringen. Der Blauhaarige selber hatte deswegen jede Beziehung mit seiner grossen Liebe Erza, die blöderweise in der Polizei arbeitete, aufgegeben, damit sie nicht von seiner "Schande" befleckt wurde, wie er es sagte.
Doch Cobra konnte es nicht. Egal, wie sehr er es versuchte, jetzt wo er Kinana nach so langer Zeit wieder gesehen hatte, wehrte sich sein Herz dagegen sie endgültig aufzugeben. Merkwürdigerweise ging auch sein Verstand in dieser Richtung.
Cobra schüttelte schnell seinen Kopf. So durfte er nicht weiterdenken. Er hatte kein Recht dazu einfach zu ihr zu gehen und von ihr verlangen, dass sie ihre Beziehung wieder aufnahmen. Vielleicht wollte sie dies auch gar nicht!
Der ehemalige Verbrecher suchte nach einem Kompromiss. Am besten wäre es, wenn er erst einmal auf Kinana zuging und mit ihr wieder Bekanntschaft machen würde. Wenn sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, dann würde er sie endgültig aus seinem Leben streichen. Vielleicht könnte er ihr folgen, um zu sehen wo sie lebte. Inständig hoffte er, dass sie alleine lebte, sonst riskierte es schwerer zu sein um mit ihr unter vier Augen zu reden, ohne dass sich ihre Mitbewohner einmischten.
Also blieb er da wo er stand, rauchte seine Zigarette fertig und beobachtete weiterhin das Café. Er schämte sich ein wenig, da er sich irgendwie wie ein Stalker vorkam. Aber er wollte, er musste mit Kinana reden. Entweder würde er ein Gegengift für seine brennende Leidenschaft brauchen... oder er würde wieder einen Platz in Kinanas Herz bekommen.
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„Du musstest mich doch nicht begleiten, Mira", lächelte Kinana, als sie schliesslich vor der Tür ihres kleinen Hauses stand. Die Weisshaarige zuckte nur mit den Schultern und antwortete strahlend: „Das ist doch das Mindeste, was ich für dich tun konnte, nachdem du heute Überstunden machen musstest. Aber vergiss nicht, morgen ist dein freier Tag, also geniess es. Wenn du willst, werden Laki und Lisanna morgen vorbeikommen um mit dir shoppen zu gehen."
„Das ist echt lieb, aber ich möchte mal einen Tag alleine sein. Ausserdem weiss du ja, dass ich nicht so gerne jeden Tag shoppen gehe", erwiderte Kinana, bevor sie sich verabschiedete und ihre Haustür öffnete. Mira und all ihre Freundinnen waren zwar wirklich sehr nett und die Lilahaarige liebte es schon mit ihnen zu sein. Aber sie wollten fast jeden Tag etwas mit ihr unternehmen, aus Angst Kinana würde sich zu oft alleine fühlen. Doch Kinana brauchte manchmal Zeit um alleine zu sein. Cobra... ging ihr einfach nicht aus dem Kopf.
Vor sieben Jahre war es passiert. Er hatte sie mit etwas Geld fortgeschickt, nur um sie zu retten. Eigentlich hatte Kinana ahnen sollen, dass es soweit kommen würde. Cobra war ja ein Verbrecher und Mitglied einer grossen kriminellen Organisation. Die Polizei hat mit der Zeit natürlich Oracion Seis aufgespürt. Doch irgendwie hatte Kinana diese Tatsache immer verdrängt.
Eines Tages war Cobra schrecklich besorgt in ihre gemeinsame Einzimmerwohnung gekommen. Er hatte ihr gesagt, dass die Polizei schlussendlich Oracion Seis aufgespürt hatte und dass sie fliehen musste. Kinana hatte ihn angefleht, bei ihm zu bleiben oder mit ihm zu fliehen. Doch Cobra konnte dies nicht, man kannte sein Foto und die Stadt wurde sicher so gesichert, dass keiner der Oracion Seis raus fliehen konnte. Allerdings kannte die Polizei Kinana nicht, doch wenn man sie mit ihm sehen würde, würde man sie als Komplizin ebenfalls gefangen nehmen. Und diese Vorstellung war für Cobra unerträglich gewesen.
Er hatte ihr etwas Geld, das er für sie beiseite gelegt hatte, mitgegeben. Schlussendlich hatte er sie endlich überzeugen können ohne ihn zu gehen. Kinana erinnerte sich noch ganz genau, wie verzweifelt ihr letzter Kuss gewesen war...
Dank dem Geld hatte sie ein Zugticket nach Magnolia kaufen können. Cobra hatte ihr geraten weit weg von Baram zu gehen und da sie noch etwas Geld behalten wollte um eine Arbeit zu suchen, war Magnolia in ihren Augen das beste Zielort gewesen.
Dort angekommen war ihr sofort das Café der Strauss-Geschwister aufgefallen, das gerade eröffnet wurde. Kinana hatte nicht gewusst, ob man sie ohne Bewerbung aufnehmen würde, doch sie wollte da ihr Glück versuchen. Zum Glück hatten Mira, Elfman und Lisanna sie sofort als Serviertochter aufgenommen. Bis jetzt hatten sie noch kein Personal und Kinana an ihrem Versuchstag perfekt gearbeitet hatte, bekam sie den Job. Als die Lilahaarige schliesslich gesagt hatte, dass sie kein Ort hatte um zu leben, schenkte Mira ihr ein niedliches Häuschen am Rande der Stadt, das einst das Ferienhaus ihrer Eltern gewesen war und hatte ihr auch geholfen sich einzurichten.
In den letzten sieben Jahren hatte sie nun eine feste Arbeit, ein eigenes Haus und Freunde, auf die sie immer zählen konnte. Doch sosehr Kinana ihr neues Leben auch liebte, Cobra fehlte er ihr immer noch schrecklich. Auf ihrer Flucht hatte sie einige Sachen wie Bilder oder einige seiner alten Kleidung retten können. Zwar hatte sie versucht sich daran zu resignieren, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Doch nie hatte sie die naive Hoffnung aufgeben können, ihn wieder zu sehen. Die Lilahaarige hatte seine Kleider in ihren Schrank gestellt und nahm sie manchmal heraus um sie zu waschen.
Mira hatte am Anfang noch sehr oft versucht Kinana mit jemandem zu verkuppeln und sie hatte auch ein oder zwei Dates akzeptiert. Aber Cobra spuckte immer noch in ihrem Herz herum, also war sie im Moment die Einzige von ihren Freundinnen, die noch Single war. Okay, Erza war es zwar auch, doch jeder wusste von ihre Liebe zu Jellal Fernandes, der den Gerüchte zufolge ein ehemaliger Verbrecher war und die Polizei nun bei schweren Fällen unter die Arme griff.
Kinana konnte sich Cobra gut in einem ähnlichen Job vorstellen. Verdammt, warum musste sie immer wieder an ihm denken? Sie hatte doch versucht ein ganz neues Leben anzufangen, doch sie hatte ihn nie vergessen können. Der Platz, den er in ihrem Leben und in ihrem Herzen eingenommen hatte, hatte sich zu tief verankert um jemals verschwinden zu können.
Obwohl sie meistens knapp bei Kasse waren und sie fast nur in der Wohnung blieb, waren Cobra und Kinana so glücklich gewesen. Dank ihm hatte sie nicht mehr zu betteln gebraucht und er hatte sie immer so angesehen, als ob nur sie ihn glücklich machen konnte. Kinana erinnerte sich noch sehr gut an ihre gemeinsame Nächte... Sie hatten sich so leidenschaftlich geliebt und nach wie vor hatte sie das Gefühl, dass es sich wie Gift angefühlt hatte. Ein Gift, das gleichzeitig wie ein Balsam für das Herz war und zu dem sie nie im Leben ein Gegengift haben wollte.
Kinana seufzte tief, bevor sie sich in die Kochnische begab um ihr Abendessen vorzubereiten. War es möglich, eine Person nach sieben Jahre Trennung immer noch so stark zu lieben? Oder war es nur Sehnsucht nach etwas, das sie unbedingt wieder wollte? Wenn sie darüber nachdachte, war Kinana sich sicher Cobra immer noch zu lieben. Klar, die Nächte mit ihm fehlten ihm auch, doch sie machte sich auch Sorgen um ihn. Ob es ihm gut ging im Gefängnis? War er glücklich?
Wenn sie nur gewusst hätte, in welchem Gefängnis er war, sie würde ihn so gerne besuchen! Doch er hatte ihr klar eingeschärft nicht nach ihm zu suchen. Er wollte nicht, dass sie wegen ihm in Schwierigkeiten geriet. Doch Kinana schämte sich, nie nach ihm gesucht zu haben in den letzten sieben Jahren. Das wäre doch das Mindeste, was sie für ihn hätte tun können. Schliesslich hatte sie Cobra geliebt und sie liebte ihn immer noch! Doch er war andererseits vielleicht erleichtert, dass sie ihm gehorcht hatte...
Während Kinana sich ein Salamisandwich machte und einen Apfel bereitstellte, klopfte es plötzlich an der Tür. Merkwürdig, wer kam sie am Abend noch besuchen? Kinana hoffte, dass es nicht schon wieder Lucy war, die wieder einmal beschlossen hatte mit Natsu Schluss zu machen, weil er wieder irgendetwas gemacht hatte. Doch die Blonde hatte trotzdem noch nie mit ihrem Freund Schluss gemacht, weil er immer einen Weg fand damit sie ihm verzieh.
Kinana ging resigniert zur Tür und öffnete diese. Doch statt einer fuchsteufelswilden Lucy stand vor ihr eine andere Person. Eine Person, die seit sieben Jahre nicht mehr gesehen hatte... Kinana blinzelte, vollkommen überrumpelt. Doch es handelte sich nicht um eine Illusion. Die verwuschelten weinrote Haare, die recht dunkle Haut, die Narbe über dem rechten Auge... Er hatte sich nicht verändert, ausser der Tatsache, dass er vielleicht etwas muskulöser geworden war.
„Kinana...", sagte er zögernd. Er sah sie unsicher an, als ob er nicht wusste, ob sie sich an ihn erinnerte oder noch in ihrem Leben haben wollte.
Die Lilahaarige hob zögernd die Hand, um seine Narbe zu streicheln. Eine Geste, die sie schon immer gern gemacht hatte. Genau wie früher zuckte Cobra leicht zusammen unter dieser Berührung. Dieses Mal einfach stärker, da er sicher nicht mehr daran gewöhnt war.
Eine Weile lang standen sie schweigend in der Haustür, doch Stille war vielleicht peinlich, aber gleichzeitig auch angenehm. Schliesslich ging Kinana leicht zur Seite, damit er eintreten konnte. Leise schloss sie die Tür hinter ihm.
Cobra sah sich währenddessen im kleinen Haus um. Der Eingangsflur war wirklich klein und führte schnell in ein grosses Wohnzimmer, das mit Regalen, einem Sofa, einem Fernseher, einem Tisch mit Stühlen, drei Sesseln und einer Kochnische ausgestattet war. Auf der linken Seite gab es eine Glastür, die in den kleinen Garten hinter dem Häuschen führte. Daneben stand eine andere Tür, hinter der sich entweder das Badezimmer oder die Waschküche befand.
Links im Wohnzimmer befand sich eine schmale Treppe, die ins Obergeschoss führte. Es wirkte gemütlich und schlicht, es gab kein unnötiger Schnickschnack.
Schliesslich drehte er sich wieder zu Kinana um. Einen Augenblick lang starrten sie sich noch an, bevor Kinana leise zu wimmern anfing und sich schliesslich um seinen Hals warf. Cobra war zwar überrascht von ihrer Reaktion, doch er zögerte nicht um die Umarmung zu erwidern.
„Du... du hast mir so gefehlt", wimmerte Kinana gegen seine Brust. Ein Kloss bildete sich im Hals des jungen Mannes, während er erwiderte: „Du mir auch, Kinana... Du mir auch."
„Wie... ich dachte, du wärst noch im Gefängnis... Wie ist das passiert?", schluchzte Kinana, während sie zu ihm aufblickte.
„Das ist eine lange Geschichte... jedenfalls bin ich seit zwei Jahren wieder auf freiem Fuss", murmelte Cobra. Ihre Umarmung von vorhin hatte ihn sichtlich überrumpelt, doch gleichzeitig hatte es in ihm die Hoffnung geweckt, dass es einen Neuanfang für sie geben würde.
„Erzähl doch", lächelte Kinana, während sie ihn auf das Sofa zog. Es war weder zu weich noch zu hart und Cobra liess sich gern darauf fallen. Was immer Kinana in den letzten Jahren erlebt hatte, ihr war es anscheinend sehr gut gegangen. Leicht grinsend drehte er sich zu ihr um: „Ich erzähle dir meine Geschichte, wenn du mir im Gegenzug deine erzählst."
„Abgemacht."
Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie dabei sich gegenseitig zu erzählen, was seit der Trennung vorgefallen war. Cobra erzählte ihr vom Gefängnis, von der Freilassung, von seiner Arbeit in Crime Sorciere. Kinana hingegen fasste ihr eigenes Leben zusammen. Die Flucht nach Magnolia, wie schnell sie eine Arbeit und dieses Haus gefunden hatte, ihre Freunde... Sie liessen nichts Wichtiges aus.
Als die Erzählstunde beendet wurde, brach wieder eine angenehme Stille ein. Kinana genoss es, doch es überraschte sie, dass Cobra leicht nervös hin und her rutschte. Störte ihn etwas? Wollte er ihr etwas Unangenehmes mitteilen?
„Cobra, was ist mit dir los?"
„Kinana... hast du... gibt es einen neuen Mann in deinem Leben?"
Diese Frage überraschte die junge Serviertochter. Hatte er etwas gedacht, dass sie einen völligen Neuanfang gemacht hatte, dass sie ihr Herz jemandem anderen verschenkt hatte? Kinana beschloss ehrlich zu antworten: „Meine Freundin Mira liebt es zu verkuppeln. Sie hat es auch mit mir versucht und ein oder zweimal habe ich akzeptiert auf ein von ihr arrangiertes Date zu gehen. Doch es ist nie etwas daraus geworden. Ich... ich konnte dich einfach nicht aus meinem Leben verbannen."
Leise Tränen flossen ihre Wangen runter und Cobra wischte sie sanft weg. Er wollte sie nicht weinen sehen, sie war viel schöner wenn sie lächelte. Nach einer Weile seufzte er: „Ich hätte es dir nicht übel genommen, wenn du dich neu verliebt hättest. Aber ich selber habe es nicht über mir bringen können, mich mit einer anderen Frau zu treffen, die nicht du war. Ich hatte wirklich die Hoffnung aufgegeben, dich jemals wiederzusehen... bis heute, als ich am Café vorbei gegangen war."
„Ach Cobra", seufzte Kinana, während sie ihren Kopf auf seine Schulter legte.
Wieder sassen sie still nebeneinander auf dem Sofa. Kinana liess ihren Kopf auf seine Schulter ruhen und Cobra hatte einen Arm um sie gelegt. Gemeinsam genossen sie diese angenehme Stille. Doch alles wurde noch nicht ausgesprochen und schliesslich stellte Kinana die entscheidende Frage: „Cobra... was soll... ich meine, wärst du einverstanden wenn wir wieder... zusammen sein würden?"
Cobra sah sie überrascht an. Sie wollte tatsächlich, dass sie wieder eine Beziehung anfangen? Jellal hatte ihm zwar gesagt, dass Crime Sorciere es sich besser nicht leisten sollte. Doch warum? Eine Beziehung, Freunde ausserhalb von Crime Sorciere könnte ihnen im Gegenteil vielleicht sogar helfen zu besseren Menschen zu werden, neben ihrer Hilfe der Polizei.
Die Vorstellung, endlich wieder mit Kinana zusammen zu sein, war sehr verlockend. Und er sah die Möglichkeit auch ausserhalb von Crime Sorciere vielleicht neue Freunde zu finden. Das würde vielleicht eine Weile dauern, doch Cobra war dafür bereit. Für Kinana war er noch für vieles bereit.
Jellal hatte sich diese Grenze selber gezogen, weil er sich selber so sehr schämte für seine vergangenen Taten. Cobra wusste nicht, was sein Chef gemacht hatte und was Erza Scarlett damit zu tun hatte, doch eines Tages würde vielleicht die Freude der Liebe wieder entdecken.
„Das würde mir sehr gefallen", lächelte er, bevor er sich hinabbeugte, um sie zu küssen. Der Kuss blieb sanft, da beide noch Zeit brauchten um sich wieder daran zu gewöhnen. Aber dafür hatten sie nun wirklich viel Zeit.
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Sein Handy läutete von irgendwo her im Zimmer. Wenn Cobra gewusst hätte wo es lag, hätte er ein Kissen danach geworfen. Warum hatte er bloss vergessen sein Handy auszuschalten. Na gut, zu seiner Verteidigung musste er sagen, dass er fast die ganze Nacht mit Kinana beschäftigt gewesen war. Die Erinnerung daran liess ihn leicht rot werden.
Cobra drehte sich zu seiner Freundin um. Das Klingeln des Handys war auch gerade dabei sie aufzuwecken. Murrend vergrub sie ihr Gesicht ins Kissen. Sie war echt niedlich wenn sie schmollte. Cobra entdeckte sein Handy jedoch rasch, es lag auf dem Stuhl neben dem Bett, beinahe verdeckt durch seine Hose. Hatte er diese gestern Abend nicht auf dem Boden geworfen?
Doch das kümmerte ihn herzlich wenig. Wenigstens musste er nicht aufstehen um das Handy zu holen. Murrend hob er sich auf und griff nach dem Gerät, das im Moment eher als Gehörfolter-Werkzeug durchgehen würde. Wer rief ihn noch so früh an?
Auf dem Display entdeckte er Jellals Namen. Hoppla, Cobra hatte gestern Abend ganz vergessen dem Blauhaarigen mitzuteilen, dass er nicht nach Hause kommen würde. Cobra teilte vorübergehend eine kleine Wohnung mit Jellal, Midnight, Racer und Hoteye sowie den beiden Mädchen, bis er etwas Eigenes gefunden hatte. Jellal hatte sich sicher Sorgen gemacht und wahrscheinlich würde Cobra eine Standpauke bekommen, wenn er wieder zurückkam.
„Willst du nicht abnehmen?", fragte Kinana müde, während sie sich ebenfalls erhob und ihn von hinten umarmte. Cobra zuckte leicht zusammen, als er ihre Haut auf seiner spürte. Unabsichtlich oder nicht, sie machte ihn eindeutig verrückt.
„Nein, ich hab heute Morgen etwas anderes vor", murmelte er grinsend. Kinana kicherte, hatte sie die Zweideutigkeit sofort erkannt. Cobra schrieb noch schnell eine SMS um Jellal mitzuteilen, dass er erst heute Abend nach Hause kommen würde, und stellte sein Handy auf lautlos. Jellal und die beiden Mädels würden sicher ein paar Mal nochmals anrufen, doch das war ihm egal. Er hatte ja sieben Jahre mit der hübschen Lilahaarige nachzuholen.
Cobra drehte sich schliesslich zu Kinana um und küsste leidenschaftlich, während er sie sanft zurück auf die weiche Matratze drückte.
Diese Leidenschaft fühlte sich wie Gift an. Doch niemals wollte er dafür ein Gegengift bekommen...
