Über die Vermittlung von Werten

Ich war auf dem Weg zum Café und das wurde zu einer schwierigeren Angelegenheit als sonst. Massen von Eltern mit ihren Minderjährigen waren in, für den Ansturm viel zu kleinen, Läden und kauften alles was man für Hogwarts benötigt.

An Flourish & Blotts vorbei betrat ich das Café, wobei ich hoffte, dass die Hogwartsmeute von Flourish & Blotts aus gleich weiter nach Madam Malkins zogen und nicht hier reinstapften.

Innen drin war es zwar gefüllter als sonst, aber es hielt sich in Grenzen.

Auf meinem Lieblingsstuhl wurde ich gleich gelöster und sah mir die Titelseite genauer an.

„Harry Potter wird Lehrer in Hogwarts!", lautete die Schlagzeile. Ich konnte darüber nur müde lächeln. Der Tagesprophet übertrieb mal wieder maßlos. Wie jeder der im Ministerium arbeitet sehr wohl wusste, war Harry voll auf mit seiner Aurorenausbildung und der Verbesserung des Zaubereiministeriums beschäftigt.

Ohne mir den Artikel durchzulesen, blätterte ich weiter. Auf den anderen Seiten hob sich das Niveau aber nicht sonderlich.

Sehnsüchtig schaute ich abwechselnd auf die Uhr, auf die Zeitung und zur Eingangstür. Sie wird doch hoffentlich nicht wieder belästigt worden sein?

Nach einer halben Stunde Langeweile kam Philosopha herein. Mit einer weißen Schachtel mit gelber Schleife in der Hand holte sie sich ihren Tee.

Von wem hatte sie das Geschenk? Doch nicht etwa von einem Verehrer? Ob sie Geburtstag hatte?

Als sie in meine Richtung ging, betete ich einfach nur, dass es einfach nur eine kleine Aufmerksamkeit von ihrem Chef für herausragende Leistung war.

Das würde auch ihr glückliches Gesicht erklären.

„Hallo, ich habe dir etwas mitgebracht!", sagte Philosopha mit freudiger Stimme und überreichte mir das Geschenk.

„Für mich?", fragte ich sie verdattert.

„Schau rein!"

Ich löste die Schleife und öffnete die weiße Schachtel.

Es waren Muffins, fein säuberlich von gelben Papier getrennt, in verschiedenen Sorten und mit je einem kunstvoll verzierten Buchstaben aus rotem Zuckerguss garniert, die zusammen das Wort danke bildeten.

Ich war wie gefangen von dem Anblick und sagte nichts.

„Selbstgemacht", fügte sie noch stolz hinzu.

„Du hast für mich gebacken?", sagte ich schließlich schwach. Ich musste unwirkürlich an meine Mutter denken, gebacken mit Liebe, sagt sie immer.

„Ähm ja, ist doch in Ordnung, oder? Du isst doch Süßes?", fragte sie beunruhigt.

Ich antwortete: „Ja, ich bin nur überrascht. Vielen Dank, das ist eine echt liebe Geste." Und schaute zu ihr auf.

Philosopha strahlte mich an, sagte dann aber betrübt: „Ich muss heute früher gehen."

Ich schaute sie fragend an und klappte die Schachtel zu und band die Schleife wieder um, denn im Café waren selbst mitgebrachte Köstlichkeiten bestimmt nicht gern gesehen.

„Meine Mutter hat demnächst Geburtstag. Ich kaufe heute ihr Geschenk. Sie wünscht sich einen Kessel für ihre Arbeit." Sie machte eine ratlose Miene und trank aus ihrer Tasse.

„Was macht sie denn beruflich?", hakte ich nach.

„Sie arbeitet in der Besenbranche und ist dort für das Perfektionieren von Polituren zuständig. Unglücklicherweise habe ich weder Ahnung von Besen, noch von dem für Politurenmixen geeigneten Kessel."

Damit bestätigte sich meine Vermutung, dass sie keine Quidditchspielerin war. Nicht dass ich darüber traurig war, Ginny in der B-Mannschaft der Holyhead Harpies reichte mir schon.

„Wenn du willst, helfe ich dir beim Aussuchen!"

„Oh, das wäre echt lieb, aber du weißt, dass die Geschäfte heute extrem überfüllt sind?", fragte sie im verzeihenden Ton.

„Wegen den ganzen Hogwartsschülern mit ihren Eltern? Das ist doch kein Problem!"

„Nicht, dass du dich noch beschwerst.", erwiderte sie schmunzelnd.

Dann, nach einem sehnsüchtigen Seufzer sagte Philosopha: „Ich wäre zu gern noch mal in Hogwarts, obwohl ich finde, dass das ganze Schulsystem ziemlich ungerecht ist."

Ich wüsste nicht, was ich noch einmal in der Schule sollte, schließlich hatte ich dort alles erreicht, von Bestnoten bis zum Schulsprecheramt. Dazu, seit wann war Hogwarts ungerecht? Ich war verblüfft. „Wie meinst du das?"

„Die Kinder werden, bis sie elf sind, von ihren Eltern, meist von ihrer Mutter, unterrichtet. Ich meine, woher soll eine nicht dafür ausgebildete Hexe wissen, wie sie ihren Kindern alles Wichtige beibringen soll? Fakt ist, dass die Erstklässler schon mit einem Wissensunterschied nach Hogwarts kommen. Und nicht nur das, ihnen wurden auch die Ideologien ihrer Eltern eingetrichtert, bevor sie überhaupt darüber objektiv nachdenken konnten.", kritisierte sie eindringlich.

Ich runzelte die Stirn. „Aber ein Internat für jüngere Kinder? Das würde nicht funktionieren. Und wie soll man verhindern, dass Eltern ihre Kinder so erziehen, wie sie denken?"

„Ich weiß es nicht." Sie seufzte tief. „Aber es gibt bestimmt eine Möglichkeit, die Situation zu entschärfen. Wenn wir nichts unternehmen, wird es immer... ungemütliche Zauberer geben. Vielleicht sollten Ministeriumsangestellte Eltern besuchen?", fragte sie unsicher.

Vor meinem inneren Auge sah ich mich, mit einer Babyrassel im Gepäck, von einer finster blickenden Muggelhasserin hochkant rausgeworfen.

„Ich glaube nicht, dass sich da alle Eltern darüber so freuen würden..."

„Wahrscheinlich hast du recht, wer will schon kontrolliert werden? Die Eltern würden es wohl eher als Einbruch in ihre Privatsphäre sehen..." Philosopha nickte nachdenklich.

„Andererseits hast du auch recht. Kinder mit untoleranten Eltern, sind häufig ebenso." Ich nahm einen Schluck von meinem Milchkaffee.

„Das ist noch das Mindeste, auch wenn man so gut wie nie davon mitkriegt, aber in manchen Familien werden Kinder schlimmer als Hauselfen behandelt.

Da frage ich mich, warum es Geister- und Koboldbehörden gibt, aber Kinder werden misshandelt und das Ministerium kümmert sich nicht darum?"

Das war völlig unangebrachte Kritik, denn schließlich: „Nun, die höchste Priorität war immer das Geheimhalten der Zauberergemeinschaft vor den Muggeln, aber jetzt ist das Ministerium ja eh vollkommen im Umbruch, sehr wahrscheinlich ändert sich ja auch etwas in dieser Richtung."

„Ich hoffe doch.", sagte sie zwar nicht ganz überzeugt, aber immer noch freundlich.

Ob sie schlechte Erfahrungen mit dem Zaubereiministerium gemacht hatte?

„Ich finde auch die Methoden in Hogwarts nicht optimal. Ich meine, Hogwarts ist eine tolle Zauberschule, im Vergleich zu den anderen vielleicht sogar die Beste, aber sie ist nicht ohne Fehler im Konzept."

„Meinst du damit die Häusereinteilung? Aber ohne die, wäre Hogwarts doch nicht Hogwarts. Außerdem sind die Häuser ja eine Art Familienersatz, und sie sind wichtig für die Motivation!", sagte ich mit Nachdruck.

Sie lachte. „Jetzt hast du meine Kritik ja schon niedergeschmettert. Aber ich finde es schade, dass der Sprechende Hut den Schülern zeigt, welche Werte für sie am höchsten sind und dann wird daraus nichts gemacht, sondern nur hingenommen. Den Hufflepuffs wird nicht gesagt, dass sie genau so viel Mut haben können wie die Gryffindors. Den Gryffindors nicht gesagt, dass sie nicht weniger schlau als die Ravenclaws sein können. Es entstehen nur Vorurteile."

Philosopha machte ein missmutiges Gesicht.

Das brachte mich natürlich auf die nächstliegende Frage. In welchem Haus war sie gewesen?

„Du warst bestimmt in Ravenclaw, nicht wahr?"

Daraufhin lachte sie sich schlapp. Ihre Schultern zuckten und sie musste sich ihre Hand vor dem Mund halten, damit ihr Prusten nicht zu laut für die anderen Gäste war. Unter Lachtränen sagte sie: „Das ist der größte Witz des Jahrhunderts! Ich wirke doch nicht etwa wirklich so?".

Ich sah mir ihre Reaktion mit versteinerter Miene an, Ravenclaw war doch wirklich das einzige Haus was zu ihr passte.

Mit ihrem Umhangzipfel wischte sich Philosopha ihre Augenwinkel ab. Mit ernsterem Gesichtsausdruck meinte sie dann: „Da predige ich mehr Toleranz und habe selber Vorurteile.

Aber nichtsdestotrotz war ich in Hufflepuff und bin stolz darauf. Treue ist mir auf alle Fälle wichtiger als Intelligenz."

Ich merkte, wie mir meine Gesichtszüge entglitten. Hufflepuff? Alles, nur nicht das.

„Oh je, ich merke, ich bin nicht die Einzige, die noch Vorurteile hat." Sie kicherte unterdrückt.

Ich bekam mich wieder unter Kontrolle und grinste sie schief an. „Jetzt haben wir den Beweis, dass Hogwarts die reinste Gehirnwäsche ist!"

Nun lachte sie so herzlich ansteckend, dass ich mit einfiel.

Nur zu gern hätte ich diesen Augenblick festgehalten, aber auch die schönsten Minuten gehen einmal vorüber und nachdem ich den letzten Schluck Milchkaffee getrunken hatte, fragte ich Philosopha: „Wollen wir jetzt den Kessel besorgen gehen?"

Sie lächelte. „Ja, klar!" Philosopha trank hastig ihren Rest Tee und stand auf.

Ich packte derweil mein Geschenk behutsam in meine Tasche.

Als ich hinter ihr aus dem Café schritt, konnte ich kaum fassen, dass das kein Traum war.

Im schönsten Sonnenschein machten wir uns auf den Weg. Nachdem wir eine Karawane von Schülern aus dem Weg gehen mussten, standen wir vor dem Geschäft und traten ein. Besser gesagt, wir quetschten uns rein. Im dichten Gedränge, immer darauf bedacht niemanden zu treten oder die verschiedensten Kessel herunterzureißen, fand ich schließlich einen Guten, der auch die britische Normdicke besaß. Ich zeigte ihn Philosopha, die rechts neben mir stand.

Sie nahm ihn in die Hand und fand ihn ebenfalls mehr als passabel, als sie aber das Preisschild las, war sie ernüchtert und sagte: „Also, mehr als vier Galleonen habe ich nicht eingeplant...".

„Ich erledige das schon", beruhigte ich sie und nahm ihr mit sanfter Gewalt den Kessel aus den Händen.

„Was... ?", stammelte sie noch, aber ich ging schon durchs Getümmel zur Kasse.

Als ich in der Schlange wartete, holte sie mich ein. „Ich möchte nicht, dass du den Kessel bezahlst, es soll schließlich ein Geschenk sein."

„Dann gib mir das Geld. Ich handele den Preis runter."

Erst dachte ich, dass sie sich darauf nicht einlassen würde, doch dann gab sie mir die vier Galleonen.

Schließlich, als ich an der Reihe war, stellte ich den Kessel auf die Theke und sagte mit meiner wichtigtuerischsten Stimme zum Verkäufer:

„Aus meiner Position heraus habe ich identifiziert, dass in ihrem Einzelhandelsgeschäft ausgewählte obligatorische Angelegenheiten, vornehmlich die standardisierte Kesseldicke, nur unzulänglich realisiert sind und ich daher, wenn sie nicht das Denkvermögen besitzen und diesen Kessel für drei Galleonen veräußern, die Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit über ihre zweifelhaften Waren unterrichten werde."

Der Verkäufer blinzelte mich an, ließ sich dann aber doch murrend auf den Handel ein.

Draußen überreichte ich theatralisch den Kessel und die eine Galleone Wechselgeld, einer vor Lachen sich krümmenden, Philosopha.

Nach ein paar Minuten beruhigte sie sich und japste: „Das war... genial!"

„Habe ich doch gern gemacht...", nuschelte ich und spürte wie die Hitze mir ins Gesicht stieg.

„Ich muss jetzt leider disapparieren.", flüsterte sie mir zu.

Ich wollte noch irgendetwas sagen, aber ich kann mich nicht mehr erinnern an was, denn sie stellte sich auf Zehenspitzen hauchte mir einen Kuss auf meine heiße linke Wange und verschwand mit einem „Vielen Dank" ins Nichts.

Mit klopfenden Herzen stand ich dann, wie zur Salzsäule erstarrt, mitten in der Winkelgasse, bis ich mich noch einmal verstohlen umsah und auch disapparierte.

kleine Alraune: Ja, man merkt, dass ich eine positive Einstellung zu Percy habe^^ Aber nach dem 7. Band gibt es nicht mehr so viele männliche Charaktere die nicht zu oberflächlich beschrieben sind. Percy hat eine Entwicklung in den Bänden gemacht, die ich unter seinen Umständen auch nachvollziehen kann, das macht ihn lebendig und liebenswert. Den Satz finde ich auch sehr passend, denn Percys hat Humor, man muss ihn nur einfühlsam rauskitzeln und nicht so burschikos, wie die Zwillinge es jahrelang versuchten. Das ist natürlich nur meine Interpretation von Percy^^ Vielen Dank für dein review! Ich werde mich an meinem Kritzelblock wieder setzen!