Es vergehen wiederum knapp 1 ½ Wochen, in denen es kein Lebenszeichen von Alfred gibt. In deinem Kopf überschlagen sich Vorwürfe, Wut und Enttäuschung, weil du einfach nicht von den permanenten Gedanken an ihn wegkommst. Was hat der Junge nur an sich, dass er so verdammt viel Platz in deinem Leben einnimmt? Womöglich hat er dich längst vergessen. Ihr wart ja nicht mal befreundet. Ihr wart gar nichts! Egal, wie viel Dynamik er in dein Seelenleben gebracht hat und wie viele heimliche Tagträume er dich hat kreieren lassen. Er war nur dein Kunde und du nur seine Kaffeeverkäuferin. Das predigst du dir zumindest tagtäglich. Immer in der Hoffnung, so besser durch den Alltag zu kommen.

Dann, du hast gerade deine Schürze umgebunden und die Abendschicht eingeläutet, geht die Türe auf und du vergisst zu atmen. Es ist Alfred. Nein! Doch! Du blinzelst, als du realisierst, dass es ihn zwei Mal gibt. Natürlich nicht wirklich, aber der Junge, der vor ihm den Laden betritt und ihm ein aufmunterndes Lächeln über die Schulter zuwirft, sieht ihm verblüffend ähnlich. Größe, Statur, Haarfarbe, Gesichtszüge – du hast es zweifellos mit Geschwistern zu tun.

Als die beiden näher treten, fällt es dir auch etwas leichter die feinen Unterschiede ausfindig zu machen, so wie zum Beispiel die Form und Farbe der Brillen oder die dezent variierenden Frisuren. Der fremde Junge trägt sie ein Stückchen länger und wirkt insgesamt etwas schmaler gebaut im direkten Vergleich zu Alfred, der reichlich unschlüssig hinter ihm steht und die Hände tiefer denn je in den Taschen seiner Bomberjacke vergraben hat. Sein Blick scheint auf dem Boden festgeklebt zu sein und sein Lächeln ist eine abgetragene Attrappe.
Er sieht noch trauriger aus als bei seinem letzten Besuch. Auch die fürsorgliche Art seiner Begleitung scheint daran nichts ändern zu können. Du würdest sogar so weit gehen zu behaupten, dass Alfred jetzt überall lieber wäre als hier.

Was ist bloß los?

Du würdest ihn ja gerne fragen, weil dir – trotz seines miesen Verhaltens – der Anblick im Herzen weh tut. Doch der andere Junge bestellt zwei große Tassen Kakao mit Sahne und du musst all deine Konzentration aufbringen, um deine Arbeit fachgerecht zu erledigen, statt ständig in Alfreds Richtung zu schielen. Er ist beinahe stumm, regelrecht apathisch. Sein Lächeln erinnert an eine schlechte Tätowierung. Seine Zahnspitzen sägen angestrengt über seine Unterlippe.

Der andere Junge zahlt und nimmt beide Tassen an sich. Er sucht ihnen einen Tisch aus, vorne beim Fenster. Er ist die treibende Kraft im Moment, obwohl er gar nicht wie der Typ Mensch wirkt, der gerne den Ton angibt. Sein Gesicht sagt „Kompromiss", nicht „Vorschrift".

Alfred scheint alles einfach nur vollkommen egal zu sein...

Seine Begleitung redet und gestikuliert sanft. Nicht laut und nicht übertrieben, sondern auf eine Art und Weise, die keinerlei Ähnlichkeit mit all den Arten hat, die du je bei Alfred beobachtet hast. Immer wieder driftet deine Aufmerksamkeit zu ihrem Tisch ab.
Wenn Alfred den Mund aufmacht, dann wirkt es gepresst und gezwungen. Ab und zu lacht er sogar und das Lachen kommt dir gestorben vor, ehe es überhaupt das Licht der Welt erblickt hat. Davon abgesehen tut er nicht sonderlich viel. Sein Körper schweigt. Seine Augen sind auf sein Gegenüber oder den Kakao gerichtet, in dem er unkoordiniert herumrührt. Sahne mit dem Löffel abschöpft, sie wieder in die Tasse plumpsen lässt oder gelegentlich zum Mund führt.

Als die beiden gehen und du wenig später den Tisch abräumst, ist in seiner Tasse noch knapp ein Drittel des Kakaos übrig. Du kippst den Rest ins Spülbecken und schaust der braunen Flüssigkeit dabei zu, im Abfluss zu verschwinden. Dunkle Spuren bleiben zurück, bis du den Hahn aufdrehst und sie ebenfalls fort wäschst.

Es gibt nicht mal mehr ein „Hallo" zwischen euch, geschweige denn einen Blickkontakt.

Er ist nur ein Kunde und du bist nur eine Verkäuferin.

Ist seid euch so fremd wie vor dem Abend, als er, Zuflucht vor dem Regen suchend, plötzlich im Café stand.

Ihr kennt euch nicht...

Dir ist nach Weinen zumute, aber du hast zu tun, also verdrängst du den Gedanken und hasst den langsam einkehrenden Herbst dafür, dir nach Feierabend mit Leibeskräften ins Gesicht zu pusten. Das Wetter ist unfair und deine Finger schweben mehr als einmal über den Tasten deines Notebooks. Eine Kündigung zu schreiben wäre so einfach, aber du willst kein Idiot sein. Nicht wegen eines Typen, den du von hinten bis vorne nicht verstehst.


Zehn Tage später räumst du ein leeres Tütchen Süßstoff und ein Glas, in dem einst ein großer Café Latte war, von einem Tisch. In dem Moment, als du dich umdrehst und zur Theke zurückgehen möchtest, steht er plötzlich hinter dir. Die Hände nicht in den Taschen, sondern nonchalant neben dem Körper schwebend, starrst du ihm zunächst frontal auf die Brust. Es ist deine Augenhöhe, aber dein Blick macht sogleich einen erschrockenen Satz nach oben, wo er auf sein Gesicht trifft.
Es ist noch immer unbedarft jung, aber im Vergleich zu neulich wohnt seinen Zügen jetzt nichts zu Tode Betrübtes mehr inne. Die Muskeln wirken entspannter sowie geringfügig erwachsener. Du bildest dir ein, dass sich seine Kinnpartie etwas stärker ausgeprägt hat. Die Nase vielleicht auch. Aber womöglich ist das nur ein fixer Gedanke, der dir durch den Kopf geht, während du immer noch wie zur Salzsäule erstarrt da stehst, in der rechten Hand das Glas hältst und Alfred untätig ansiehst.

„Hey... uhm, wie geht's?", fragt er dich und verlagert sein Gewicht vom linken Bein aufs rechte. Es scheint ihn ein wenig Überwindung zu kosten, dich überhaupt anzusprechen. Das würde es dich wohl auch, wenn du dich von Mr. Nice Guy in ein Arschloch und dann in einen Schatten deiner selbst verwandelt hättest.

„Gut", sagst du also schlicht, ohne es patzig oder übertrieben höflich klingen zu lassen. Alfred nickt und du tust ihm nicht den Gefallen, ihn weiterhin anzugucken. Du wirst ihm nie wieder Angriffsfläche bieten. Das hast du dir geschworen. Also gehst du.

„Freut mich! Ähm, wegen neulich, also..." Er kommt dir drucksend hinterher zum Tresen, wo du das Glas in die Maschine räumst und unnötigerweise kleine Löffelchen mit einem Handtuch zu polieren beginnst.

„Sorry was ich da gesagt hab."

„Mhm", machst du, deine Aufgabe nicht unterbrechend. Selbst ohne aufzuschauen spürst du, dass da wieder Bewegung in ihm ist. Er nicht mehr wie ein toter Fisch seine Kleider ausfüllt, sondern irgendwie wieder auf dem Weg in seine alte Form zu sein scheint. Die Frage, die du dir zwangsläufig stellst, ist jedoch, welche alte Form er anstreben wird?

„Das war echt nicht so gemeint! Ich weiß auch nich', was da mit mir los war", hörst du ihn entschuldigend lachen, obwohl es nicht lustig ist und euch das beiden mehr als klar sein dürfte. Zumindest ist sein Lachen eher beschämter Natur. Das dürfte von Anstand zeugen.

Du stellst den Schwung polierte Löffel in den vorgesehenen Behälter und schaust dann wieder zu Alfred. Er hat die Unterarme auf den Tresen gestützt und wippt unruhig, die Füße nicht still halten könnend. Die Augen wie ein treudummer Hund. Um seinen Hals die altbekannte Kette mit den beiden silbernen Erkennungsmarken, auf denen ein Adler und sein Geburtsdatum eingraviert sind. Die Rückseiten stellen dich vor ein Rätsel. Ganz so wie es Alfreds gesamtes Verhalten tut.

„Kakao?", fragst du mit weniger Distanz in der Stimme als eben noch.

„Ne, irgendwas mit Kaffee und Milch."

„Und Sahne und Haselnusssirup und Schokosoße", ergänzt du aus dem Effeff und kannst beobachten, wie er zu strahlen beginnt. Auf den Lippen nun ein durchweg aufrichtiges Lächeln. Alles in allem ein Bild ergebend, welches du quälend lang vermisst hast. Die Erkenntnis durchzuckt dich wie ein Stromschlag und du kriegst vor Verlegenheit nur ein leichtes Schulterzucken zustande.
„Man weiß doch, was die Stammkunden so bestellen...", tust du die Sache ab. „Du hast übrigens Glück. Wir haben jetzt den neuen Wouter's Creamy Double Chocolate Dream als Spezialität der Saison." Verweisend deutest du auf den Neuzugang auf der Tafel über dir. „Kaffee, Sahne, Milch, Schokosoße und Schoko Cookie Stückchen."

Ihm scheint fast die Kinnlade runterzufallen:
„Ist gebongt! Ähm...?"

„Ja, ich kann noch Haselnusssirup rein tun." Es ist schön, seine Wünsche zu wittern. Es ist noch schöner, dass er den Eindruck macht, dir fast um den Hals fallen zu wollen.

Du hast nicht vergessen, aber du versuchst zu verzeihen. Zumindest langsam. Seine blauen Augen ziehen dich dabei eng an ihn heran und lassen dir kaum Raum zum Atmen. Es sind die Blicke, die du von euren ersten Begegnungen kennst und die dir wie Feuerwasser durchs Rückgrat schießen.

Alfred müsste zum Frisör; sein Haar ist etwas aus der Frisur geraten und fast so lang wie das seines Bruders. Es lädt dazu ein, mit den Fingern hindurch zu fahren. Nur die aufmüpfige Strähne weigert sich, der Schwerkraft zu gehorchen und steht weiterhin abenteuerlustig ab. Du würdest sie nie im Leben zurecht stutzen.

„Wie läuft eigentlich euer Projekt?", erkundigst du dich beiläufig, während du sein Getränk zubereitest, einen Stoß Sirup in den Kaffe gibst und nicht darüber nachzudenken versuchst, wie sich sein Haar anfühlen mag.

„Ach das..." Sein Gesicht ist ein offenes Buch und seine Mundwinkel fallen rigoros herab. Seine Finger fahren den runden Abdruck einer Kaffeetasse nach, die vorhin auf dem Tresen stand.
„Mach jetzt mein eigenes Projekt."

„Ja?"

„Ja..." Er lacht wieder. Eindeutig verlegen, nicht vernichtend.

„Wollten die anderen nicht mehr?" Du bist so gut und schaust ihn nicht an, aber seine Stille verrät dir mehr als Tausend Worte. Es wundert dich auch nicht, mit deiner Theorie richtig zu liegen. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, mit Alfred zusammen zu arbeiten.

„Die haben halt ihre eigenen Vorstellungen und Ideen gehabt", grinst er schief und du nickst. Du willst ihm nicht zu nahe treten und er scheint jetzt schon dezent vor dir zurück zu scheuen. Er lächelt zwar weiterhin, doch was bedeutet das schon?

„Eigentlich arbeitet man ja gerade deswegen in einer Gruppe zusammen, damit man alle guten Ideen verwenden kann – und nicht nur die eigenen." Sein fertiges Getränk vor ihn stellend, schenkst du ihm eine aufbauende Miene. „Und nur weil man meint, man könne selbst alles am besten, stimmt das nicht unbedingt."

Jetzt wird er deutlich rot. Du bist heilfroh, nicht dabei gewesen zu sein, als sich auch die anderen Jungen aus seiner Gruppe verabschiedet haben. Er muss abscheulich zornig geworden sein...

„Was ist das überhaupt für ein Projekt?" Um die Stimmung wieder zu heben, schwenkst du von seinem Fehlverhalten zum allgemeinen Teil über. Er entspannt sich sichtbar und ist erneut hellauf begeistert.

„Ein Astronomie-Projekt!" Im Nu schnappt er sich seine Tasse und wedelt mit seiner Mappe. Dir deutend, ihm zum Tisch hinten rechts zu folgen.

Du läufst ihm blindlings hinterher. An die Leine gelegt von seiner ungetrübt freundlichen Art, lässt du dir die an Farbe gewonnenen Skizzen erklären und das Projekt erläutern, welches im Rahmen seines Physikunterrichts stattfindet. Aber es ist nicht nur ein Projekt. Es sind die Sterne. Alfred liebt die Sterne. Du merkst es daran, wie seine Augen leuchten, während er dich mit begeisterten Worten überhäuft und dir das Gefühl gibt, die letzten Wochen habe es nie gegeben. Er sei nie weg gewesen, er sei nie traurig gewesen und er habe dich erst recht nicht schlecht behandelt.

Stuhl an Stuhl, Seite an Seite sitzt ihr vor seinen gewissenhaft angefertigten Skizzen, denen er mit Buntstiften Akzente geschenkt hat. Du lauschst seinen Ausführungen, während dich sein Lächeln kitzelt und seine Körperwärme umarmt. Er duftet nach betörender Natürlichkeit, anstatt nach Arroganz zu stinken. Seine Knie hibbeln, teils im Takt der Musik, teils zum Singsang eures Gespräches. Er könnte dir tagelang von Schwarzen Löchern und Planetendichte erzählen, das würde dir nichts ausmachen. Ihr zwei seid im Raum-Zeit-Kontinuum verschwunden.

Du summst wieder, zunächst zusammen mit ihm und später alleine auf der Heimfahrt. Als du abends im Bett liegst, kriegst du vor Aufregung kein Auge zu. Es scheint unglaublich und doch ist es wahr: Alfred ist zurück – und du willst, dass er nie wieder deinen Planeten verlässt.