„Aufstehen!", rief Naria und rüttelte Niri an der Schulter. „Los, aufwachen! Wir müssen los!"

„Mhhhhh…lass mich in Ruhe!", grummelte Niri. „Geh weg!"

„Vergiss es! Los, aufstehen! Oder muss ich dich erst durchkitzeln?", meinte Naria schelmisch.

„Bleib bloß weg von mir!", rief Niri und setzte sich schnell auf.

Naria grinste zufrieden. „Na bitte, geht doch." Niri warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Wie spät ist es eigentlich?", fragte sie dann und gähnte.

„16.00 Uhr", sagte Naria.

„Bist du verrückt? Das ist noch viel zu früh! Ich hätte noch drei oder vier Stunden schlafen können!", fuhr Niri sie an. „Dämmerung! Nicht Nachmittag!"

„Hey, jetzt komm wieder runter!", sagte Naria. „Glaubst du, die Cons lassen die anderen mitten in der Nacht durch Chicago laufen? Ganz sicher nicht. Immerhin wissen sie, dass du, die anderen Schattenjäger und ich immer nachts agieren. Da werden sie kein Risiko eingehen. Wenn wir aber am Tage zuschlagen, können wir sie überraschen und das ist die beste Möglichkeit, um die anderen zu befreien und da heil wieder rauszukommen. Immerhin werden sie in der Überzahl sein."

„Ja, ja, schon gut. Du hast ja Recht", sagte Niri und steckte sich. „Aber lass mich bitte zuerst frühstücken."

„In Ordnung. Aber beeil dich!" Niri streckte ihr die Zunge raus und ging zur Küchenecke. Dort stöberte sie eine Weile herum und kam dann mit einem Jogurt, einem Apfel und einer Flasche Milch wieder. Während sie aß trommelte Naria mit ihren Fingern ungeduldig auf das Polster.

„Was ist eigentlich los mit dir?", fragte Niri.

Naria schaute überrascht auf. „Was meinst du?"

„Na ja, du bist so… vernünftig. Und verantwortungsbewusst. Und ernst. Einfach nicht mehr so, wie du vor einem halben Jahr warst."

Naria sah sie nachdenklich an. „Meinst du wirklich?"

„Jap. Auf jeden Fall."

„Hmmm… ich glaube, das liegt daran, dass… ach ich weiß auch nicht… Ich glaube, dass sich meine Anführer Programme aktiviert haben."

„Häh?"

„Na ja, die Primes sind doch geborene Anführer. Und jetzt, wo Optimus nicht mehr da ist…"

„Bist du dran", beendete Niri Narias Satz. „Das ist echt schräg!"

Naria zuckte mit den Achseln. „Können wir jetzt los?"

„Ja, ja, immer langsam mit den jungen Pferden", sagte Niri, stand auf und räumte die Reste ihres Frühstücks weg.

„Was für Pferde?", fragte Naria verwirrt.

„Ach nichts", meinte Niri und legte sich ihre Rüstung wieder an. Dann verstaute sie noch ihre unzähligen Waffen. „Das ist nur ein Sprichwort. Okay, wir können los."

„Na endlich", sagte Naria und sprang auf.

„Oh warte, ich habe noch etwas vergessen!", rief Niri und lief zu einer Kommode.

„Was denn noch?", fragte Naria genervt, während Niri in einer Schublade herumwühlte. Sie war schon fertig gewesen, als Niri noch geschlafen hatte.

Schließlich zog Niri triumphierend ein schwarzes Stück Stoff hervor.

„Na bitte", meinte sie zufrieden.

„Und was soll das sein?", fragte Naria.

„Ein Schleier."

„Ein Schleier?", fragte Naria ungläubig.

„Ein Schleier", bestätigte Niri ernst.

„Wozu, bei Primus, brauchst du einen Schleier?"

„Um nicht erkannt zu werden", sagte Niri, als läge das auf der Hand. Als sie Narias verständnislose Miene sah erklärte sie: „Wenn wir Schattenjäger unterwegs sind, müssen wir einen Schleier tragen. Und ja, eigentlich sind wir unsichtbar, aber falls die Runen mal in einem ungünstigen Moment verblassen, sollen wir nicht erkannt werden. So können wir uns auch tagsüber unter die Irdischen mischen, ohne, dass wir unsichtbar sind, da sie unsere Gesichter nicht kennen und wir so nicht auf den Fahndungslisten stehen."

„Aber gestern Nacht hattest du keinen Schleier an", hakte Naria nach.

„Jaaaaaa", sagte Niri gedehnt. „Nachts trage ich ihn so gut wie nie. Es ist ja dunkel und ich weiß ja, wann die Runen verblassen. Außerdem sind sie einfach total unpraktisch wenn man atmet. Und bevor du fragst, ich trage ihn jetzt, weil es erstens noch hell ist und weil ich zweitens nicht dauernd unsichtbar neben dir herlaufen will."

„Okay, schon kapiert", meinte Naria und grinste. Das war mal wieder typisch Niri. Niri befestigte den Schleier mit zwei Bänder an ihren Ohren.

„Können wir?", fragte sie dann.

„Na klar!"

„Bist du dir wirklich sicher, dass sie hier lang gehen?", fragte Naria.

„Ja, jetzt schon zum zehnten Mal", erwiderte Niri genervt. „Und hör auf, die ganze Zeit auf und ab zu laufen, das stresst!"

„Sorry, aber sie sind jetzt schon 15 min zu spät. Was wenn sie einen anderen Weg genommen haben?", meinte Naria nervös, setzte sich aber neben Niri auf das Dach des alten Wohnhauses und zog die Knie an.

„Das haben sie nicht, glaube mir", sagte Niri beruhigend. „Ich wüsste das. Wahrscheinlich trödeln sie nur, so wie ich Sunstreaker und Sideswipe kenne."

„Ja, du hast wahrscheinlich Recht. Das klingt nach Sunny und Sides", sagte Naria. „Aber ich mache mir trotzdem Sorgen."

Niri seufzte. „Ich habe dir doch gesagt, dass…" Sie brach ab, sprang auf und schlich zur Dachkante.

„Was ist?", fragte Naria angespannt.

„Sie kommen", sagte Niri leise. Sofort glitt Naria neben sie und zog ihre Klingen. Ein paar Minuten war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Dann hörten die beiden laute Schritte, die langsam näherkamen. Sie waren also im Bot Mode. Natürlich. Da waren sie am stärksten. Die Cons brüllten die beiden Bots an, sie sollen gefälligst schneller laufen. Dann erklang das dumpfe Geräusch von Schlägen. Naria kniff die Lippen zusammen und spannte ihren ganzen Körper an, bereit jederzeit nach unten zu springen. Niri zog zwei Adamantdolche (Adamant ist ein spezielles, den Irdischen unbekanntes Material, aus dem die meisten Waffen der Schattenjäger gemacht sind. Adamant tötet Dämonen und durchdringt Cybertanium. Aus diesem Material sind auch die Seraphklingen (auch Engelsschwerter genannt) gefertigt) mit leicht gebogenen Klingen aus ihren Stiefeln und befestigte ihren Schleier wieder an beiden Ohren. Sie hatte ihn abgenommen, als sie gewartet hatten. Naria tippte ihr auf die Schulter und hielt drei Finger hoch. Drei Decepticons. Niri nickte und verdrehte leicht die Augen, um Naria klar zu machen, dass sie das schon längst wusste. Naria lächelte. Das war eine typisch Niri Reaktion. Doch sie wurde sofort wieder ernst.

Als die Cons direkt unter ihnen waren, drückte Niri sich ab und sprang in die Tiefe. Im Fallen stieß sie einem der Cons einen ihrer Dolche in den Spark und warf unmittelbar danach ihren zweiten. Dann kam sie in geduckter Haltung auf dem Boden auf, zog zwei Seraphklingen, murmelte etwas sodass die Klingen zu leuchten begannen und richtete sich auf, um Naria zu helfen. Doch das war gar nicht mehr nötig, denn Naria war kurz nach ihr vom Dach gesprungen, hatte sich im Sprung transformiert und einem der Cons ihre Klingen von hinten in den Spark gerammt. Jetzt setzte sie gerade dem Con nach, den Niri mit ihrem zweiten Dolch verletzt hatte, konnte ihn aber nicht mehr einholen. Sie kam zurück und stellte sich neben Niri. Das ganze hatte nicht mehr als eine Minute gedauert.

Die Zwillinge starrten die beiden überrascht, aber erfreut an. Doch bevor sie etwas sagen konnten, zischte Niri: „Verschiebt die Wiedersehensfreude auf später, wir müssen hier weg! Der Con hat sicher schon Verstärkung gerufen!" Sie wollte gerade loslaufen, drehte sich aber noch einmal um und fügte hinzu: „Und geht wieder in den Bio-Mode. Ihr drei seid zu groß, als dass ihr euch unauffällig und lautlos bewegen könnt!" Sofort transformierten die drei sich wieder in ihre Menschengestalten. Jetzt stand ein großes, ungefähr 16 jähriges Mädchen mit braunen Haaren und intensiv strahlenden, saphirblaue Augen vor Niri, deren Haut mit schwarzen Cyberglyphen bedeckt war. Neben ihr standen zwei junge Männer, die beide ungefähr Anfang 20 waren. Sie hatten die gleichen blauen Augen wie das Mädchen und waren groß und muskulös. Einer hatte goldblonde Haare, der andere silberne. Niri musste zugeben, dass die beiden ziemlich gut aussahen. Aber das war ja nicht anders zu erwarten. Immerhin waren das hier Sunstreaker und Sideswipe, die wohl eitelsten Autobots, die es gab. Ohne ein weiteres Wort drehte Niri sich um und rannte los. Die anderen folgten ihr.

Sobald sie wieder in dem geheimen Raum waren, drückte Naria die Zwillinge fest an sich.

„Ich bin so froh, dass es euch gut geht", sagte sie strahlend. „Ich habe euch vermisst."

„Das gleiche können wir von dir sagen", meinte Sunny.

„Keiner wusste etwas von dir", ergänzte Sides. „Wo hast du gesteckt?"

„Ach, so ziemlich überall", meinte Naria. „Aber, ihr hättet euch wirklich keine Sorgen machen müssen. Mir geht´s super."

„Das sehen wir", sagte Sunny. „Und wer ist deine geheimnisvolle, verschleierte Mitstreiterin? Sie kommt mir irgendwie bekannt vor."

„Das wundert mich nicht", meinte Niri kühl und löste den Schleier.

„Ach ne", sagte Sides. „Unsere kleine Angel!"

„Na ja, dass hätten wir uns ja denken können", meinte Sunny. „Naria und du wart ja immer unzertrennlich. Was hast du denn die letzten sechs Monate so getrieben?"

„Das geht euch gar nichts an!", erwiderte Niri.

„Ach komm Angel, jetzt hab dich nicht so", meinte Sides.

„Ja genau Angel, wir erzählen dir auch, was wir gemacht haben", sagte Sunny.

„Nennt mich nicht so!", fauchte Niri und wandte sich dann an Naria. „Warum mussten wir die beiden noch einmal retten?" Naria lachte und gab Niri mit dem Ellenbogen einen leichten Stoß in die Rippen. Sie hatte jedoch ihre Kraft unter- und Niris Kraft überschätzt und so wurde Niri einige Meter zur Seite geworfen und knallte gegen Sunny.

„Hey, ganz ruhig", sagte Sunny lachend und richtete sie wieder auf.

„Wir wissen ja, dass wir eine umwerfende Wirkung auf Frauen haben", sagte Sides grinsend. Niri schnaubte verächtlich und marschierte hoch erhobenen Kopfes davon.

„Sorry", rief Naria ihr zerknirscht hinterher. „War keine Absicht."

„Ist schon gut", sagte Niri. „Auf dich bin ich nicht sauer. Aber die beiden können mir gestohlen bleiben!" Doch Sunny und Sides lachten unbeeindruckt weiter und auch Naria konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Es war alles genau so wie früher!