Teil 4
Sie saßen in der gemütlichen Wohnküche und Gwen kümmerte sich nun mit vernünftigen Mitteln um die Hand des Doctors, der dies widerspruchslos geschehen ließ. Er beobachtete sie bei ihrem Tun sogar genau, zuckte das eine oder andere mal kurz zusammen, war aber darauf bedacht, die Hand nicht wegzuziehen.
Rhys kümmerte sich um Edward und hatte ihn, noch bevor Jack aus der TARDIS zurück war, in seinen Kinderwagen gepackt und ging nun eine Runde mit ihm durch die Siedlung spazieren, damit Gwen den Rücken frei hatte.
Es überraschte Jack nicht, wie sanft Gwen mit dem Timelord umging, aber es überraschte ihn, wie dieser darauf reagierte. Er redete zwischendurch immer wieder, ohne dass auch nur ein einziger Satz sinnvoll geklungen hätte, aber die Art wie er es sagte, ließ es klingen, als handele es sich lediglich um eine andere Sprache. Noch irritierender war der durchaus wache Blick des Timelords aus seinen klaren, braunen Augen.
„Wenn die Sprache nicht wäre, würde er überhaupt nicht verwirrt wirken.", sagte er zu Gwen, die die geschnittene und obendrein leicht gequetschte Wunde gerade fertig gereinigt hatte und nun vorsichtig begann, eine Heilsalbe aufzutragen.
„Das ist das Verwirrendste daran", gab sie zu. „So manches mal sieht er mich an, als wisse er ganz genau was vor sich geht. Und er hat mir auch gesagt, dass das zum Teil der Fall ist." sie hielt inne und sah zum Doctor hoch, der sie freundlich ansah, als wolle er ihr sagen, dass es ok war, was sie tat. „Er ist da irgendwo drin, weiß das und kann nicht steuern, was er tut - wobei das nur bedingt richtig ist ..." sie versorgte ihn weiter.
„Wie meinst du das?" Jack runzelte die Stirn.
„Oh, Rhys ist ziemlich begeistert von dem, was er hier im Haus alles schon gemacht hat. Wir haben kein einziges Gerät mehr, dass auch nur den Hauch einer Störung hätte - und etliche unserer Geräte können jetzt dramatisch mehr, als sie ab Werk gekonnt haben. Drück ihm ein Gerät in die Hände und er fängt automatisch an, daran herumzuwerkeln. Wenn sie funktionstüchtig sind, interessieren sie ihn nicht lange, aber wenn sie irgendeinen Fehler aufweisen, lässt er nicht davon ab, bis es repariert ist. Ich habe sogar den Eindruck, dass ihn das beruhigt."
Jack hob erstaunt die Augenbrauen. „Hm... er sah eigentlich auch vorhin nicht hektisch aus. Was meinst du mit 'beruhigt'? Wird er manchmal unruhig?"
Gwen schüttelte den Kopf.
„Nein, nicht im eigentlichen Sinne - jedenfalls nicht mehr seit ..." sie sah zu Jack hoch „Als er hier bei uns ankam hat er nach wenigen Tagen realisiert, was mit ihm los ist. Vorher, in der TARDIS war die Umgebung wohl zu vertraut um zu begreifen, dass etwas nicht stimmte - aber hier ist es ihm klar geworden und da ging es ihm ein paar Tage wirklich dreckig. Das war, noch bevor er die klaren Momente bekam. Jetzt ist er eigentlich immer sehr ruhig, wenn man mal davon absieht, das er manchmal ununterbrochen redet. Aber es gibt ein paar Dinge, die ihn still machen und bei denen er dann noch ruhiger wirkt."
„Reparieren ist also eines davon ... und was sind die anderen Dinge?"
Der Doctor sah zwischen den beiden so aufmerksam hin und her, als verfolge er interessiert das Gespräch. Lediglich seine deplazierten Zwischenbemerkungen machten klar, dass es nur ein Eindruck war.
„Orangefarbenes Licht und Berührungen", kam die Antwort von Gwen sofort.
„Besonders Zeitlinien", warf der Doctor ein „deren Aktionen unvorhersehbare Verwicklungen in solare Systeme einbringen."
Die Bemerkung des Timelords passte vom Satzbau her so gut zu dem was Gwen gesagt hatte, dass Jack und sie beide den Doctor kurz irritiert ansahen, als habe er tatsächlich gemeint, was er gesagt hatte. Prompt sprach der Timelord weiter.
„Bälle..." er hob die Hand, die Gwen gerade versorgte und hielt sie so, als halte er damit eine tennisball große Kugel fest. Er sah Jack und Gewen dabei intensiv an, als erkläre er ihnen etwas „... können, wenn man sie in Dreiecken anordnet der Schlüssel sein zu Reisen, die von Türmen zu Abgründen führen. Rotes Gras ist ein Hinweis und Adrenalin ist ebenso ein Beweis wie Endorphine!" Er verstummte, runzelte die Stirn und sah dann in seine Hand hinein auf die Wunde, die jetzt von der Creme rund um den Einschnitt herum glänzte. Offensichtlich tat es weh, weil er sie bewegt hatte und er schien sich zu fragen, woher der Schmerz kam.
Gwen seufzte mit einem leichten Schmunzeln.
„Darauf falle ich regelmäßig herein. Manchmal klingt es so, als ergebe es Sinn was er sagt. Als er das erste mal wieder tatsächlich bei Sinnen war hat es einige Sätze gedauert, bevor ich es geglaubt habe. Leider war es dann auch schon fast wieder vorbei, weil es nur so kurz war. Aber inzwischen hält es länger."
Jack zog die verletzte Hand des Doctors zu sich und legte sie mit dem Handrücken in seine Handfläche, mit der anderen Hand hielt er sie vorsichtig dort, darauf achtend, dass er die Wunde nicht berührte.
„Orangefarbenes Licht und Berührungen?"
Gwen nickte.
„Ja – das mit dem Licht haben wir durch Zufall herausgefunden, weil in Edwards Zimmer so eine Nachtlampe steht. Und das mit den Berührungen ... na ja ... das hat sich so ergeben."
Jack sah mit gerunzelter Stirn zu Gwen hoch.
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Rhys schob den Buggy mit Edward in den Raum hinein. Der Junge quietschte vor Vergnügen, als er die Menschen im Raum sah.
Noch bevor Jack sich endlich Gwens Sohn genauer anschauen konnte, zog der Doctor mit einem stillen, aber trotzdem fröhlichen Lächeln seine Hand aus Jacks, erhob sich und ging zu Edward, beugte sich zu ihm, öffnete die Gurte und hob das Kind aus dem Buggy heraus. Niemand schien das seltsam zu finden – am allerwenigsten Edward, der äußerst zufrieden aussah, während der Doctor ihn, die Konzentration voll auf das Kind gerichtet, auf dem Arm hielt und mit der freien Hand Gesten vor Edward machte und dabei in seinem Kauderwelsch etwas erklärte, das für den kleinen Jungen Sinn zu ergeben schien. Irgendwann griff Edward allerdings mit einem brabbelnden Geräusch nach den Fingern des Doctors, was diesen leise lachen ließ.
Fasziniert beobachtete Jack die Szene und sah dann zu Gwen und Rhys.
„Die beiden verstehen sich prächtig", erklärte Gwens Mann, holte sich aus dem Kühlschrank eine Wasserflasche, goss sich ein Glas ein und trank daraus.
„Gwen, nimm bitte den Jungen.", sagte der Doctor und reichte das Kind seiner Mutter.
Erst nahm sie das Baby einfach nur mit einem „Na klar.", dann starrte sie den Doctor an, der regelrecht erschrocken zurückblickte.
Jeder im Raum benötigte einen Moment um zu realisieren, dass der Timelord wieder er selber war.
Der Blick des Doctors flog auf die Uhr und dann zurück zu Jack. Er hob seine Hand und sah auf die frisch versorgte Verletzung die der letzte Beweis dafür war, dass er innerhalb kürzester Zeit einen erneuten Schub vollen Bewustseins hatte.
„Das ist Rekord!", rief Gwen hoch erfreut aus und strahlte.
Sie hatte es kaum ausgesprochen, als der Timelord sich auch schon auf dem Absatz herumgedreht hatte und in Richtung TARDIS losgelaufen war.
