A/N: Hallo, liebe Lesende, es geht weiter mit Peter und dem seltsamen Verhalten seiner Zimmergenossen. Heute zeigt sich, dass Peter vielleicht ein bisschen naiv ist und etwas länger braucht, um eins und eins zusammenzuzählen, dass er aber durchaus in der Lage dazu ist (was der eine oder andere möglicherweise immer noch nicht glauben will). Also: Lasst euch überraschen.
Lieben Dank an Ylva fürs Reviewen (nö, sicher keine Drogen ;-), und bestimmt wird die Ratte auch noch bei späteren Lauschangriffen zum Einsatz kommen :D)
Heute gibt es eine Runde Wasser und warme Wollsocken für alle ;-) - damit es euch nicht am Ende so geht wie Peter.
Kapitel 4
„Das trifft sich ganz gut", meinte James mit einem leicht besorgten Blick auf seine Muggelkunde-Hausaufgaben, „du hast das doch beim letzten Mal ganz prima allein geschafft…"
Er hatte dieses Fach zu Beginn des siebten Jahres extra wegen Lily belegt, um alles übers Telefonieren und Televisionieren zu lernen, damit er sich bei ihren Eltern nicht komplett zum Idioten machte. Doch obwohl seine Motivation hoch war, ging dieser technische Kram einfach nicht an ihn. Physikalische Erklärungen für völlig unerklärliche Phänomene, elektromagnetische Impulse, Halbleiter, Kondensatoren, anliegende Spannung und Widerstände machten ihn ganz wuschig im Kopf. Frustriert fuhr er sich mit den Fingern zum wiederholten Male durch die Haare und machte sie damit noch strubbeliger als sie von Natur aus waren. „Dieser Aufsatz über Elektrismus soll bis morgen fertig sein, und ich hab' ehrlich gesagt keinen Plan…"
Sirius lümmelte auf seinem Bett und gähnte. „Ja ja, so ist das, wenn man sich auf Dinge einlässt, von denen man nichts versteht – das gibt nur Ärger."
„So was wie Frauen, meinst du?", fragte James mit einem schiefen Lächeln und kratzte sich am Kinn.
Sirius lachte. „Unter anderem …"
„Das heißt Elektrizität", korrigierte Peter ihn mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme (er hatte ihm das schon mindestens dreimal gesagt). Er hatte bereits im dritten Jahr mit Muggelkunde angefangen, weil sein Vater es so wollte. Der Laden, den er führte und den Peter einmal übernehmen sollte, war in einer Seitenstraße der Winkelgasse und praktisch auf der Grenze zur Muggelwelt. Nur wenige wussten, dass er Türen auf beiden Seiten hatte – Peters Vater zog recht veritable Profite daraus.
„Pete, ich war doch immer so nett zu dir…", fing James nun in einem bewusst übertriebenen Schmeichelton an, „kannst du mir nicht damit helfen? Du hast das doch alles schon gehabt, und wie es aussieht, hast du es sogar verstanden…"
„Ach ja?", erwiderte Peter und runzelte die Stirn. Bei sich dachte er, dass es lange her war, dass James das letzte Mal nett zu ihm gewesen war, und dass er, wenn er etwas von ihm wollte, auch ein wenig höflicher sein und das „sogar" stecken lassen könnte.
James sah von seinem Pergament auf und nickte ernsthaft. „Ja, ich finde, du könntest die Gelegenheit nutzen und mir auch mal einen Gefallen tun. Schließlich schleppen wir dich seit Jahren durch Verwandlung, Geschichte, Zaubertränke …"
„…Verteidigung gegen die Dunklen Künste und Astronomie", ergänzte Sirius den Satz träge.
Oh ja, sie waren mal wieder ein Hintern und ein Topf, Potter und Black. Natürlich hatten sie ihm schon oft geholfen, wenn er etwas nicht verstanden hatte, aber sie ließen auch keine Gelegenheit aus, ihm unter die Nase zu reiben, dass er weniger begabt war.
„Aber ausgerechnet heute Nacht! Wieso hast du denn nicht gestern oder vorgestern damit angefangen? Immer auf den letzten Drücker…", murrte Peter unwirsch. Als ob James gestern nicht gewusst hätte, dass heute Nacht Vollmond war…
James fing an, über sein angespanntes Zeitbudget als Schulsprecher, Quidditch-Sucher und überhaupt zu lamentieren, wobei er die Stunden, die er mit Lily verbrachte, unerwähnt ließ – für die war komischerweise immer Zeit übrig.
Sirius war mit einem Schwung wieder in der Vertikalen und sagte fröhlich: „Hört mal, ihr zwei. Ich mach jetzt los. Kümmert ihr euch nur um die Elekritzität, ich komme prima alleine klar. Kann ich deinen Umhang …?"
„Aber … ich … du hast doch beim letzten Mal gesagt, dass ich diesmal wieder dabei bin!" Peter war noch nicht so schnell bereit, seine Pläne für heute Nacht über den Haufen zu werfen.
„Komm schon, lass mich nicht hängen", jammerte James und Sirius legte freundschaftlich den Arm um Peter. „Pete, das hier ist offensichtlich ein Notfall, siehst du das nicht? James braucht dich!" Er unterstrich das Schlüsselwort mit einem sanften Druck.
„Remus braucht mich auch."
Sirius biss sich auf die Unterlippe und versuchte, seine aufkommende Ungeduld zu unterdrücken.
„Hör zu, Pete. Es hat gar keinen Sinn, dass du mitgehst, wenn James hier bleibt", sagte er jetzt etwas strenger, „das hatten wir doch schon beim letzten Mal. Du bist 'ne Ratte, da gibt es nichts zu diskutieren. Wenn er Appetit kriegt, macht er einen Happs und du bist weg. Oder einer von uns tritt versehentlich auf dich, dann bist du platt. Sei ein guter Junge und hilf James bei seinem Muggelkram. Wir sehen uns morgen." Damit angelte er sich den Tarnumhang aus James' offenem Koffer und verschwand so schnell, dass Peter mit offenem Mund dastand und daran zu zweifeln begann, dass Apparieren innerhalb Hogwarts unmöglich war.
„Hast du dafür Worte?", fragte er verblüfft.
James sah ihn kopfschüttelnd an, dann stahl sich ein anzügliches Grinsen auf seine Lippen. „Das muss Liebe sein…"
Peter blickte erst indigniert, aber dann lachte er doch mit. Liebe … zwischen Sirius und Remus, das wäre ja wirklich das allerletzte. Bei der Vorstellung, zwei seiner besten Freunde könnten schwul sein, schüttelte er sich innerlich. Nein, das ging überhaupt nicht. Sirius war der Schwarm aller Mädchen und ließ auch keine Gelegenheit aus, die hübschesten anzubaggern – selten ohne Erfolg. Und was sollte er dann auch ausgerechnet an Remus finden? Okay, er war freundlich, klug und anständig, aber er sah doch recht mickrig aus, verglichen mit all diesen wunderschönen Mädchen, deren kurvenreiche Formen Sirius so oft gepriesen hatte …
„Er muss dich wirklich lieben, wenn er sich solche Sorgen um dein Wohlergehen macht", fuhr James fort und Peter riss erschrocken die Augen auf.
„MICH?", entfuhr es ihm, bevor er merkte, dass James ihn auf den Arm nahm.
James kugelte sich vor Lachen. „Du hättest eben mal dein Gesicht sehen sollen", prustete er. Peter wusste nicht genau, ob er erleichtert oder beleidigt sein sollte. Warum tat es so weh, dass James jetzt lachte? War es so abwegig? Als er sich einigermaßen beruhigt hatte, bemerkte James etwas ernsthafter: „Er hat dich sicher gern und macht sich wirklich Sorgen, dass dir nichts passiert. Wieso nur musstest du 'ne Ratte werden?"
Peter errötete leicht. Das war schon von jeher ein wunder Punkt. Er hatte sich damals nicht wirklich gut überlegt, welche Form er gerne annehmen wollte. Er fand Ratten niedlich, er besaß selber zwei und hatte sich als Kind nichts sehnlicher gewünscht, als sie verstehen oder gar mit ihnen sprechen zu können. Tja, und als es schließlich so weit war, dass sie den Zauber ausführen konnten, da hatte die Magie die Form gewählt. Warum hatte sie nicht etwas Großes, Beeindruckendes aus ihm gemacht? Ein Tiger wäre cool gewesen, aber nein, eine Ratte hatte es sein müssen – die Magie wusste wohl, dass er nicht cool war und es nie sein würde… Die erste Zeit hatten sie sich mächtig darüber lustig gemacht.
Ein bisschen hatte er sich auch über Sirius' Form gewundert (da hatte er auch bedeutend Aufregenderes erwartet), aber als James sich über die „struppige Töle" ausgelassen hatte, hatte Sirius nur lässig geantwortet, dass er dafür an allen anderen Tagen nicht struppig sei, im Gegensatz zu James, und dass er sehr gespannt wäre, wie cool James wohl aussehen würde, wenn er mit seinem Geweih in den Türrahmen der Heulenden Hütte stecken bliebe. Das hatte auf James' Gesicht einen recht bedröppelten Ausdruck hinterlassen und Peter unendlich gut getan.
„Und wieso musstest du deine Hausaufgaben wieder so lange vor dir herschieben?", gab er als Antwort zurück.
Widerwillig setzte sich Peter zu James und fing an, die Sache mit den Kraftwerken, Stromleitungen und Umwandlungsstationen zu erklären.
James sah ihn gelegentlich bewundernd an und sagte: „Mann, du hast das echt drauf!"
Das versöhnte Peter – mehr als er zugeben mochte. Er hatte sich immer nach ein wenig Anerkennung gesehnt und so selten welche bekommen. „Wieso lässt du dir eigentlich nicht von Lily dabei helfen?", fragte er nach einer Weile.
„Oh … ähm, das … liegt wohl daran, dass ich ihr gestern gesagt habe, ich hätte meine Hausaufgaben schon erledigt", gestand James mit schuldbewusstem Blick.
„Wir könnten immer noch in den Wald gehen und die anderen beiden treffen, wenn du mit dem Aufsatz fertig bist", meinte Peter. James gähnte demonstrativ.
„Zieht es dich wirklich so sehr nach draußen?", fragte er skeptisch. Als er endlich fertig war, war es schon reichlich nach Mitternacht.
„Der Wald ist riesig, die finden wir doch nie", meinte James, ein durchaus berechtigter Einwand, „außerdem hat Sirius ja den Umhang mitgenommen, wenn uns einer erwischt, sehe ich echt blöd aus."
„Wieso nur du? Und seit wann machst du dir solche Gedanken, das hat dich doch früher nicht…"
„Ich bin SCHULSPRECHER, schon vergessen? Ich muss jetzt einen auf Vorbild machen, egal, wie weh das tut."
„Na, dann mach das nächste Mal deine Hausaufgaben gleich, du Vorbild", knurrte Peter, aber er sah ein, dass es jetzt sinnlos war, noch etwas zu unternehmen. So gingen sie beide zu Bett, aber Peter wälzte sich noch eine Weile herum, während James schon bald leise schnarchte.
In seinem Kopf ging alles Mögliche herum, aber dieser alberne Satz mit der Liebe ließ ihn nicht los. Es machte ihn ganz durcheinander.
Sirius war cool, hübsch, ziemlich beliebt und blitzgescheit. Und wäre er ein Mädchen, so würde Peter ihn lieben, mit jeder Faser seines Herzens, da war er sich ganz sicher. Er würde sich wahrscheinlich noch schlimmer zum Trottel machen als James im Lily-Wahn und dieses Mädchen, das ihn mit Sicherheit keines Blickes würdigen würde, für den Rest seines Lebens anschmachten. Zum Glück war Sirius kein Mädchen…
Sirius hatte gesagt, er sei süß … er sagte das gelegentlich. Peter hatte sich nie was dabei gedacht.
Sirius nahm ihn gerne in den Arm. Es fühlte sich toll an, von Sirius in den Arm genommen zu werden. Peter war nicht der Typ für spontanen Körperkontakt. Außer seinen Eltern und seiner Oma war niemand besonders scharf drauf, ihn in den Arm zu nehmen. Und deshalb fand er es schön, dass Sirius, Remus und James ihn berührten, drückten, kitzelten oder mit ihm rauften - aber bei Sirius war es am schönsten. Er wusste seine Kraft zu dosieren, es fühlte sich immer genau richtig an, wenn er einen drückte, nicht zu fest und nicht zu lasch. Und beim spielerischen Raufen hörte er – im Gegensatz zu James oder Remus - meistens auf, bevor es wehtat.
Manchmal kehrte Sirius den Beschützer heraus, und das fühlte sich auch toll an. Einen großen, coolen Freund zu haben, der einen beschützte, das war wirklich schön, wenn man so klein und uncool war wie Peter. Das war eigentlich sogar noch besser als einen großen Bruder zu haben, denn die konnten einen ganz schön hängen lassen, wie Peter des Öfteren beobachtet hatte. Sirius zum Beispiel war zu seinem eigenen Bruder nicht annähernd so nett. In den ersten beiden Jahren hatte er sich ab und zu noch um ihn gekümmert, aber inzwischen redeten sie kaum noch miteinander.
Aber was, wenn er eines Tages ankäme und … mehr von ihm wollte? Peter wurde es ganz anders bei dem Gedanken. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, was er tun würde, wenn ein Junge ihm Avancen machte. Er hatte auch nicht das geringste Verständnis für diese Art Veranlagung. Wieso zum Teufel sollte jemand auf Jungs stehen, der selber einer war? Und er hatte noch nie auch nur den leisesten Verdacht gehabt, dass Sirius so veranlagt sein könnte. Es war nicht leicht für ihn, sich das auch nur vorzustellen. Er schüttelte sich bei dem Gedanken, von Sirius zum Beispiel so geküsst zu werden, wie James Lily küsste. Er hatte eine tiefsitzende Angst vor dieser Art ‚anomalen' Beziehungen.
Man bekommt im Leben nichts geschenkt, merk dir das, Peter, war einer der Lieblingssätze seines Vaters. Was, wenn die Freundlichkeit und Freundschaft, die Sirius ihm schenkte, am Ende auch ihren Preis haben würde?
Aber das war doch alles dummes Zeug. Sirius war nicht so einer! Nie im Leben! Oder doch? Aber was, wenn … Plötzlich kam ihm ein ganz und gar furchtbarer Gedanke. Wenn er nun mit Remus allein sein wollte, um ihn … igitt, an so was wollte er gar nicht denken. Ihm wurde schlecht bei der Vorstellung.
Ich muss echt einen an der Klatsche haben, dachte er bei sich. So was würde er doch nie tun. Aber er war ein Black, und die waren teils echt schräg drauf…
Er rief sich das belauschte Gespräch vom Morgen ins Gedächtnis. Leider war sein Gedächtnis nicht besonders. Doch er erinnerte sich an die zärtliche Geste am Ende sehr deutlich. Diese Blicke, die Remus Sirius zugeworfen hatte, dieses Anschmiegen in seine Hand… und dann fielen ihm auch wieder diese komischen Formulierungen ein, die nicht recht in sein Konzept gepasst hatten … und die Sahne, die Sirius aus Remus' Mundwinkel gefischt hatte ... das schamhafte Erröten … die Feder … Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Aber das war doch völlig unmöglich! Wieso?
Etwas sehr Seltsames spielte sich in Peters Eingeweiden ab. Wann war das passiert, und wieso Remus? Was war an Remus so anziehend, dass Sirius mit ihm … ohne Not, versteht sich, für Sirius gab es doch jede Menge attraktiver Alternativen. Ja sicher, Sirius war ein Grenzgänger. Und der Werwolf hatte immer eine große Faszination auf ihn ausgeübt. Aber Peter hatte es eben für seine überdrehte Art gehalten, die Gefahr herauszufordern. So wie er es unwiderstehlich fand, Verbote zu übertreten, so war Sirius verrückt darauf, mit dem Feuer zu spielen. Er besaß, genau wie Peter, einen ungesunden Hang, sein Schicksal herauszufordern. Das war vielleicht der Grund, warum Peter sich ihm so verbunden gefühlt hatte.
Aber jetzt fühlte er keine Verbundenheit mehr – nur eine große Leere. Ein nagendes Gefühl der Unzulänglichkeit. Wieso Remus?
Peter saß senkrecht im Bett. So konnte man nicht schlafen. Sein Herz klopfte wie wild und sein Mund war ganz trocken. Wütend schaute er auf den schlafenden James. Er war schuld, dass Peter nun nicht mehr schlafen konnte. Er war Schuld, dass Remus mit Sirius allein war.
Peter stand auf und holte sich ein Glas Wasser, dann ging er zum Fenster und schaute hinaus ins mondbeschienene Gelände. Er fror, der Boden war kalt und er hatte keine Hausschuhe an. Alles war kalt. Draußen glitzerte das Mondlicht auf den taubehangenen Grashalmen. Sein Atem beschlug auf der Fensterscheibe. Von innen fühlte sich alles so merkwürdig hohl an, so als wäre da gar nichts mehr in ihm. Das Gefühl machte ihn schwindelig und es bereitete Kopfschmerzen… Übelkeit. Er legte sich zurück ins Bett und versuchte, wieder einzuschlafen, doch die Kälte war ihm in die Knochen gekrochen, so dass er es stundenlang nicht schaffte. Er wälzte sich hin und her, wütend auf sich und alle anderen, auf seine kalten Füße und die Tränen, von denen er nicht wusste, woher sie kamen.
TBC Joah, ein bisschen geht's noch weiter, wenn ihr wollt (?)
