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Und wieder haben es einige persönliche Gefühle mit rein geschafft. Das ist für mich der Sinn am Schreiben, um vielleicht eines Tages Ordnung in meine Gedankenwelt zu bringen.

houseghost

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Counting stars

Kapitel 4

Gähnende Leere

Als ich sein zerfurchtes Gesicht neben mir sehe und die ersten Tränen über meine Wangen laufen, wird mir bewusst, dass ich mich hier auf etwas eingelassen habe, das weitaus größer ist, als ich selbst es bin.

Snape hat noch nie mein Mitleid erregt. Und ich bin mir ganz sicher, dass ich irgendwann bereuen werde, was ich jetzt im Sinn habe, im Moment ist es mir aber egal. Alles in mir ist leer und kalt. Ich fühle mich schrecklich verloren und sehne mich nach Wärme und Geborgenheit. Nach irgendeinem menschlichen Zeichen, das mir sagt, ob ich lebendig oder tot bin.

Bevor ich genau realisieren kann, was mit mir geschieht, werfe ich mich nach vorne und schlinge meine Arme um seinen Hals.

Er bleibt wie erstarrt sitzen und weiß offenbar nicht, wie er reagieren soll.

Meine Tränen laufen ungehindert weiter und versickern in dem schwarzen Stoff seiner Kleidung. Ein tiefer Seufzer entfährt mir, dann hebe ich vorsichtig den Blick und muss erkennen, dass er mich auf sehr befremdliche Weise ansieht. Der Ausdruck in seinen dunklen Augen ist schwer zu deuten und so tippe ich einfach auf Verwirrung.

Er ist so still, dass ich es schon fast wieder mit der Angst zu tun bekomme und so löse ich mich langsam ein Stück von ihm los.

Im selben Moment schnappt er nach Luft.

Hat er tatsächlich die ganze Zeit, die ich an seinem Hals geklammert habe, den Atem angehalten?

Ich räuspere mich unbeholfen und lasse gänzlich von ihm ab.

Dann sitze ich neben ihm auf meinen Knien und kaue auf meiner Lippe herum, den Blick auf seine Brust gerichtet, meine Hände um den Körper geschlungen.

Das unruhige Heben und Senken von Snapes Knöpfen sagt mir deutlich, wie unwohl er sich fühlt.

Ich klappe den Mund auf, irgendwie werde ich den Gedanken nicht los, dass ich etwas sagen sollte, um das zu erklären, was gerade geschehen ist, denn es ist keine Kleinigkeit, nach all den Vorkommnissen so etwas zu tun.

„Ich – ich weiß nicht, was über mich gekommen ist", stammle ich unbeholfen vor mich hin. „Manchmal habe ich einfach das Bedürfnis nach Nähe."

Er hebt seine Brauen an und gibt mir damit das Gefühl, dass ihm so ganz und gar nicht nach Nähe zumute ist. Vielleicht kann er auch einfach nur nichts damit anfangen, schließlich ist das Leben, das er in der Abgeschiedenheit der Kerker führt, nicht gerade mit meinem zu vergleichen.

„Menschen umarmen sich hin und wieder. Oder?"

Ich halte inne, als mir bewusst wird, was ich da für einen Schwachsinn von mir gebe. Durch nichts lässt es sich rechtfertigen, ausgerechnet ihn zu umarmen.

Und trotzdem. Etwas ist dran an der Sache. Harry und Ron zum Beispiel umarme ich ständig.

„Sie … Sie haben nicht allzu oft die Gelegenheit, mit Menschen in Kontakt zu kommen?", setze ich vorsichtig nach.

Er blinzelt mich an.

„Ich meine, abgesehen von Ihren Kollegen und den Todessern."

Warum sage ich das überhaupt? Ich sollte schon längst nicht mehr hier sein. Genau genommen hätte ich sogar niemals herkommen dürfen!

„Nein."

Seine belegte Stimme reißt mich knallhart aus meinen Gedanken.

Ich nicke.

„Verstehe."

Tue ich das wirklich? Was für ein Leben muss er führen? Wie kann er damit umgehen, sich in Voldemorts Kreisen zu bewegen?

Was er zuvor über die Einsamkeit gesagt hat, hat mich überrascht. Bisher dachte ich, ich sei die einzig Betroffene in unserer kleinen Liaison gewesen. Nun muss ich feststellen, dass das so nicht ganz richtig ist. Er muss sehr wohl (wenn auch mir nur schwer erklärliche) Beweggründe gehabt haben, sich dazu verleiten zu lassen, in diese abstruse Sache mit uns beiden einzuwilligen.

Ich beobachte ihn dabei, wie er mit gesenktem Kopf und wirr ins Gesicht hängendem Haar seine Hände anstarrt.

Es ist paradox. Schon alleine die Tatsache, dass er zulässt, wie ich ihn unter die Lupe nehme, sollte mir zu denken geben, dass weit mehr als nur die Sache mit dem Sex zwischen uns steht. Normalerweise wäre er nämlich schon längst ausgerastet.

Meine Wut hat sich inzwischen verflüchtigt und ist etwas Neuem gewichen, das ich mir nicht erklären kann. Es spielt ohnehin keine Rolle. Wir machen beide nicht den Eindruck, als wüssten wir weiter.

Mir entgeht dabei nicht, dass Snape deutlich verändert wirkt. Sein kalter Sarkasmus ist verschwunden und an seine Stelle eine eigenartige Zurückgezogenheit getreten. Doch der einzige Lichtblick, den ich dabei empfinde, ist, dass ich ihm nichts vorzumachen brauche.

Ich weiß, dass ich gehen sollte. Aber ich kann es nicht. Ich weiß nicht, wo ich hin soll und fühle mich auch nirgendwo zugehörig. Die Gewissheit, dass ich etwas derart Schreckliches mit ihm getan habe, lastet zu schwer und zu drückend auf mir.

„Was wird jetzt passieren?", frage ich vorsichtig in die Stille hinein.

Snape starrt weiter auf seine Hände, das Gesicht von ungepflegten langen Strähnen gesäumt, als würde er damit verhindern können, dass ich erfahre, wie verloren er sich fühlt. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass er sich dafür schämt.

Unbewusst schüttle ich mich und ziehe die Enden seines langen Umhangs noch fester um meinen Körper.

Ihn so zu sehen ist befremdlich, denn wenn ein Erwachsener so unsagbar ruhig ist, brodelt es tief in seinem Inneren im Stillen vor sich hin. Er bildet keine Ausnahme. Im Gegenteil. Er war schon immer ein Eigenbrötler. Jemand, der anderen etwas vorspielt, um sein wahres Ich zu verbergen.

Seine Worte schießen mir ins Gedächtnis und offenbaren die grausame und tieftraurige Wahrheit: Snape muss wirklich verdammt einsam sein. Und er hatte vermutlich noch nie zuvor Sex.

„Professor?"

Ich will es wissen, obwohl mir klar ist, dass es darauf keine befriedigende Antwort gibt. Doch ich erhalte ohnehin keine und so schließe ich die Augen und fange in meiner Verzweiflung zu zählen an.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Das geht eine ganze Weile so, bis mich plötzlich eine eisige Kälte aus meinen Gedanken reißt.

Ich blicke mich um. Noch immer trage ich Snapes Umhang, in den er mich eingehüllt hat, wie in ein Leichentuch. Abgesehen davon gibt es nicht viel zu sehen. Das Schlafzimmer ist leer, niemand außer mir ist mehr hier.

Der Gedanke, alleine in diesem Raum zu sein, erschreckt mich.

Ich weiß nicht, wo er ist. Er ist einfach fort.