4: Die Ruhe vor dem Sturm

Es versprach ein ruhiger Tag zu werden. Heiler saß auf einem Stuhl mit einem Becher angenehm duftenden Tees in der Hand, den Hiemi ihm gebracht hatte, und beobachtete die wenigen Passanten, die auf der Straße waren. Es mochte eine der beiden Hauptstraßen der Zweiten Stadt sein, die vage kreuzförmig durch die Stadt verliefen, doch die, an der das Krankenhaus lag, war die kleinere von beiden, und deswegen um vieles ruhiger. Er winkte zum Gruß, als einige der Passanten ihn bemerkten und respektvoll die Köpfe neigten. Hinter seinem Becher verzog sich sein Mund zu einer resignierten Grimasse.

Manchmal wünschte er sich die Leute würden ihn wieder so behandeln wie damals, als er neu hier angekommen war und noch kaum einer gewusst hatte, was für Talente er besaß. Dann kamen ihm wieder die misstrauischen Blicke und das skeptische Gemurmel hinter seinem Rücken in den Sinn, wenn sie dachten er könne sie nicht hören. Nein, es war hier unten kein leichter Anfang gewesen, aber damals hatten sie ihn nicht so angesehen, als wäre er mehr als er wirklich war. Ein verängstigter Teenager, der von zu Hause fortgelaufen war.

Er schnaubte in seinen Tee. War das nicht was?

Mit halb geschlossenen Augen beobachtete er die wenigen Flecken Sonnenlicht, die ungehindert bis hier herunter reichten. In ihnen waren die Pflastersteine der Straße gesprungen und machten widerspenstigem Grün Platz. Selbst in der modernsten Stadt der Welt fand die Natur immer einen Weg. Bei dem Gedanken verzog er wieder das Gesicht. Wenn es manchmal doch nur so einfach wäre.

Heiler blickte auf. Auf der Straße stand ein Junge, der immer wieder unschlüssig zu ihm herüber linste. Als er jedoch merkte, dass er gesehen worden war, kam er langsam zu ihm gelaufen. Heiler kannte ihn nur vom Sehen her. Seine Statur war schmal und von ungelenken Gliedmaßen geprägt, wie es bei Teenagern so üblich war.

Er klopfte auf den Stuhl neben sich. „Komm, setz dich", sagte er und stellte seinen mittlerweile leeren Becher ab. „Was kann ich für dich tun?"

Der Junge schien weder verletzt zu sein, noch krank, auch wenn er ungewöhnlich blass war. Doch das schrieb er der Nervosität zu, die ihm nur allzu deutlich anzusehen war. Es ließ die Narbe unter seinem linken Auge nur noch stärker hervortreten.

„Ich … also … habtIhrArbeitfürmich?"

Heiler blinzelte den Jugendlichen an, der immer unruhiger auf seinem Stuhl herumzappelte, je länger er schwieg.

„Hilfst du nicht Markus im Waisenhaus?"

„Doch schon, aber er hat jemand anderen gefunden und sie is' viel besser als ich Sachen zu reparieren." Er biss sich auf die Unterlippe.

„Nehmen wir mal an ich sage ja, was denkst du denn würdest du hier tun?"

„Naja, beinahe jeder weiß, dass Hiemi schwanger is' und zwei Erwachsene können nich' gleichzeitig ein Krankenhaus führen und auf drei Kinder aufpassen, also …", er zuckte mit den Schultern, „helfen wo ich kann, schätz' ich?"

„Du wirst in der Küche schlafen müssen, bis wir eines der oberen Zimmer bewohnbar gemacht haben. Außerdem hoffe ich, dass dir laute Kinder nichts ausmachen und du Blut sehen kannst. Und ich werde dir zeigen müssen wie man Menschen erstversorgt. Normalerweise ist das nicht nötig, aber für den Fall, dass ich gerade nicht da sein sollte, oder viel los ist, lernt es jeder, der hier lebt."

Die Erleichterung floss dem Jugendlichen aus allen Poren, als er in seinem Stuhl in sich zusammensackte und energisch nickte. Es war ein amüsanter Anblick, den Heiler an einen Hundewelpen denken ließ.

„Natürlich. Im Waisenhaus hab' ich auch geholfen auf die Jüngeren aufzupassen und Ihr glaubt nich' wie viele Unfälle da passieren."

Heiler wusste es im Gegenteil sehr gut, doch er sagte nichts und nickte nur. „Gut. Und jetzt sag' mir noch eins: wie heißt du?"

Der Junge lief so schnell so rot an, dass Heiler sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte. „Lucius", beeilte er sich zu sagen. „Lucius Adjutum."

„Lucius", widerholte Heiler und nickte. „Geh rein, die erste offene Tür im Eingangsbereich auf der linken Seite und frag' nach Hiemi. Sie wird dir alles Weitere zeigen."

Lucius nickte und stand auf. „Vielen Dank. Ich werd' Euch nich' enttäuschen!"

„Darüber mach dir mal keine Gedanken. Und es ist einfach nur Heiler. Nich' Herr und nich' Mister."

Der Junge nickte wieder und machte sich auf den Weg nach drinnen. Dabei wäre er beinahe über eine Box Verbandsmaterial gestolpert.


Einen Bauarbeiter mit gequetschten Fingern später setzte sich Hiemi neben ihn. Sie trug immer noch die Schürze, die sie zum Putzen benutzte, über einem selbstgenähten Rock aus Wolle.

„Das nächste Mal fragst du mich, bevor du jemanden anstellst."

„Entschuldige bitte. Ich wollte ihn nicht länger zappeln lassen als nötig."

„Besser um Verzeihung bitten, als um Erlaubnis fragen, eh?" Sie versuchte ein ernstes Gesicht zu machen, doch dann lächelte sie verschmitzt. „Er ist ziemlich nervös, scheint mir aber ein guter Junge zu sein."

Heiler legte ihr eine Hand auf den Bauch und schickte einen Funken seiner Magie aus. Die Herzen der Kinder flatterten wie kleine Vögel, die nur die werdenden Eltern hören konnten. Eine schwielige Hand legte sich über die seine.

„Es ist unglaublich wenn du das tust", flüsterte sie und schmiegte sich an seine Seite. Ihre Finger verschränkten sich mit den seinen.

„Hast du schon über Namen für die Kinder nachgedacht?", fragte er nach einer Weile.

Sie sah ihn an. Ihre wunderschönen dunkelgrünen Augen, die ihn so sehr an die Gärten seiner Kindheit erinnerten, blitzten. „Wir werden unser Mädchen nicht Aulea nennen."

Ertappt nickte er. „Natürlich nicht. Was schlägst du denn vor?"

Für einen Moment zögerte sie. „Für den Jungen Borran oder Jubar. Für das Mädchen … Ich finde Apeliote schön. Oder Aurora." Sie grinste. „Es muss ja zum Rest passen."

„Habe ich dir heute schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?"

„Jetzt schon", sagte sie und küsste ihn lange und innig. Ihre Lippen warm und rau gegen seine. Ihre freie Hand fuhr durch sein Haar, wischte die Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst hatten. Langsam zog sie sich zurück und ihre Hand wanderte von seinem Haar zu den feinen, tätowierten Linien unter seinem rechten Auge. Sie lächelten sich an und Hiemi beugte sich ein weiteres Mal nach vorne, bis ihre Lippen trafen. Dieses Mal war der Kuss für ihn viel zu schnell vorbei.

„Ich sollte langsam mit dem Mittagessen anfangen. Arundo nimmt gerade den Fisch aus."

„Sehr zu Astras Erheiterung, kann ich mir vorstellen."

Hiemi lachte leise. „Und zu Lucius' Entsetzen."

„Dann geh und rette ihn", grinste Heiler und sah seiner Frau hinterher, als sie wieder hineinging. Bei den Göttern, war sie schön. Er hatte sie nicht verdient. Wie von selbst schweiften seine Gedanken zu Mütterchens Warnung. Nein, ganz und gar nicht.


„Papa!", rief Nube, als sie mit Tulia und einer Gruppe Kindern die Straße hinaufkam.

Er hatte gerade seinen letzten Patienten vor der Mittagspause verabschiedet, Notfälle ausgenommen. Sein Blick blieb kurz an der hochwertigen medizinischen Aufsatzsammlung hängen, die der drahtige Mann als Bezahlung dagelassen hatte. Er wollte gar nicht wissen wo der Kerl die her hatte.

„Uff."

Wie eine Kanonenkugel schoss Nube gegen seine Beine und umklammerte seine Taille. Nur mit Mühe konnte er noch sein Gleichgewicht halten. Sein Blick glitt von ihrem wirren Haarschopf zu Tulia, die mit den anderen Kindern nur wenige Meter entfernt stand.

„Heut' war wohl ein voller Tag bei euch."

„Bei dir wohl nich'. Normalerweise steckst du jetz' noch bis zum Hals in Arbeit."

„Is' wohl ausnahmsweise Mal ein ruhiger Tag." Wie die Ruhe vor dem Sturm.

„Papa, kann Vox heut' zum Essen bleiben? Bitte, bitte?" Flehend sah Nube mit ihren großen goldgefleckt, honigfarbenen Augen zu ihm auf.

„Natürlich kann er das. Sei gewarnt, wir haben einen Neuzugang."

„Sin' meine Geschwister endlich da?"

Amüsiert über ihren Enthusiasmus schüttelte er den Kopf. „Nein. Du wirst dich leider noch ein bisschen gedulden müssen. Wir haben jetz' jemanden, der uns bei der Arbeit hilft."

Das Mädchen zog eine Schnute. „Och menno. Komm Vox, ich hab' Hunger."

Sie packte den blonden Jungen, der zu ihnen getreten war, bei der Hand und zog ihn ins Innere des Hauses, wo es bereits verführerisch nach gebratenem Fisch duftete. Kopfschüttelnd sah Heiler den Kindern hinterher. Dass Nube immer noch so viel Energie hatte.

„Kommt Kinder. Ihr wollt bestimmt auch nach Hause. Wir seh'n uns morgen, Heiler."

„Geht in Ordnung. Bis morgen."

Mit diesen Worten scheuchte Tulia die aufgeregt tuschelnde Meute weiter die Straße hinauf und in die gegenüberliegende Gasse hinein.


Hallo liebe Leser!

Ein neue Tag, ein neues Kapitel aus den Untiefen meiner Festplatte. Und der Wald der OCs wächst weiter. Ich habe eine volle Liste mit namentlich erwähnten Charakteren dieser Fanfiction. Sie ist verdammt lang. -.- Was kann ich sagen? Ich liebe es Charaktere in bekannte Welten zu stecken ;)
Die meisten meiner Charaktere haben lateinische Namen. In meinem Headcanon ist das in Lucis, und vor allem in Insomnia (und im Adel allgemein), so üblich. Deshalb haben Leute wie Nyx oder Crowe Namen aus anderen Sprachen. Libertus' Familie wanderte vor zwei oder drei Generarionen nach Galahd ein, deswegen ist seiner mehr lucisch.
Im nächsten Kapitel kommen auch mehr Charaktere aus dem Canon dazu. Es muss ja schließlich mal vorangehen.^^
Ich hoffe es hat euch gefallen.

Gwen