Vogelnest und Heu

Er hatte keine Lust mehr. Dieses ungewohnte Abendbrot, Vogelheu mit Apfelschnitzen, fand er zu klebrig, fast schon widerlich. Sein Magen protestierte nun und dann gingen ihm diese ewig schnatternden Rumantsch-Brüder aus dem Graubünden, gewaltig auf die Nerven.

Während die ganze Schülerschar sich nach dem Essen auf den Weg zu den Schlafsälen im Haupthaus der Schule machte, wurde der englische Gast immer zorniger. Das Schwiizerdüütsch reicht wohl noch nicht, nein es musste nun auch noch rätoromanisches Gequassel sein.

*"Glieud ed ora as stu piglier scu cha sun."

Die sprachen über ihn, da war er sich sicher. Er wusste nur nicht, wassie über ihn sagten.

Aufgebracht zog er seinen Zauberstab und wollte sich gerade zu den Störenfrieden umdrehen, da erreichte seine Klasse das Nachtquartier. Draco war versucht, sich nicht nur die Ohren, sondern jetzt auch noch die Augen zuzuhalten. Er stöhnte genervt. Nach dem Vogelheu kam jetzt wohl das Vogelnest! Denn genau so sah die kleine Hütte, welche an dem Felshang klebte, aus.

„Eine Zwölfer, drei Sechser und zwei Viererbühnen. Genug Platz für alle und die Toiletten sind da drüben." So informierte Johann und zeigte auf die zehn Holzhäuschen, welche unterhalb der Hütte auf der Wiese standen.

Draco schielte zwischen den Fingern durch und brummte. „Was bitte für Bühnen? Ich dachte, wir gehen hier zu Bett und müssen nicht in der Dämmerung noch Theater spielen?"

Die Umstehenden lachten und schüttelten die Köpfe. „Guter Witz, echt cool. – Auf diesen Bühnen wird nicht gespielt, darauf stehen doch unserer Betten. Jede Gruppe hat ihre Etage oder ihre Heu-Bühne eben", wurde ihm von den einheimischen Schülern erklärt.

Da Draco aber immer noch guckte, als würde er auf der Leitung stehen,

wurde er von seinen Mitschülern einfach mitgezogen. Durch die knarrende Holztüre, wurde er in das Nest am Felshang geführt. Dort drinnen befanden sich übereinander und neben einander stabile Holzböden, welche mit Balken und auch Steinsäulen abgestützt waren. Zimmerwände zu den Holzböden gab es nur spärlich, dafür aber überall Leitern, die von Etage zu Etage führten. „Ich sag's ja, ein Nest, fehlt nur das Heu für die Küken.", knurrte der junge Malfoy für sich.

„Richtig, Heubühnen eben", bestätigte eine Mitschülerin neben ihm. „Nur eben ohne Heu, dafür mit tollen Betten. Komm mit."

Schon wurde der blonde Engländer am Ärmel zu einer Leiter gezogen.

„He, ich kann selber gehen!" Malfoy machte sich los und zupfte sich seine Kleider wieder zurecht. Dann kletterte er seinen Kameraden hinter her. Nach oben, nach schräg rechts, noch mal nach schräg rechts und dann noch eine kleine Leiter links hinauf. Wie konnte es auch anders sein, murrte Draco im Stillen. Selbst um ins Bett zu kommen, musste man hier klettern. Sie waren fast schon bei der Dachschräge angekommen. Wirklich beeindruckend, die dicken dunkelbraunen Balken, welche die Dachlatten verstärkten; so, dass auch im Winter grosse Schneelasten von dem Gebälk problemlos getragen wurden.

„Hier sind wir schon. Schau dort drüben, das ist dein Bett." Holte ihn Johann vom Dach auf den Heuboden zurück und zeigte frohgestimmt auf eines der sechs Betten. Doch der Engländer neben ihm schien die Begeisterung von Johann nicht zu teilen. Zu diesen zusammengenagelten Brettern sagten sie Bett! Okay, durch verzierende Schnitzerei waren die Beine des Bettes und auch Kopf und Fussteil der Bettstatt zu erkennen. Aber trotzdem, es wirkte auf Draco fast wie eine viereckige Holzwanne und die war mit geblümtem Bettzeug gefüllt.

„Machst du den Mund auch wieder mal zu?", fragte Kätty und Draco spürte eine Hand, die ihn am Rücken stützte, so dass er nicht rückwärts die Leiter runterfiel.

Sein Blick zuckte kurz zu dem grinsenden Mädchen, dann näherte er sich immer noch voller Unglauben seinem Nachtlager. „Und da drin kann man schlafen?"

Auf diese verdutzte Frage prustete Sepp los. Lachend erwiderte der Bauernbursche: „Natürlich! Andere Aktionen, wie zum Beispiel herumturnen, würde ich dir nicht raten. Alle Betten hier ihm Haus sind so verzaubert, dass man beim Schlafen nicht rausfallen kann."

Draco drehte sich um und knurrte: "Ha ha, schöner Witz. Was ist, wenn ich auf die Toilette muss?"

„Dann wäre es von Vorteil, wenn du ganz wach bist", riet ihm Kätty. „Sonst lässt dich das Bett nämlich nicht aussteigen."

Malfoy Junior rollte nur mit den Augen und man sah, dass er ihr kein Wort glaubte.

Die drei Mitschüler sahen sich kurz an, zuckten mit den Schultern und machten sich dann bettfertig. Gerade als sie unter die Decken kriechen wollten, bemerkten sie den jungen Engländer, welcher ein Problem zu haben schien. Dieser stand nämlich im Seidenpyjama vor seinem Bett und starrte unentwegt auf die bunt geblümte Bettwäsche. Amüsiert sagte einer von den Umstehenden. „Willst du warten bis der Hüttenwart die Lichter löscht? Steigst du erst ein, wenn du nichts mehr siehst?"

Wütend blitzte Draco den Sprecher an, schwieg dann aber, weil nun die Stimme des Hüttenwarts, der die Aufsicht hatte, durch das Haus hallte. Alle Schüler hatten noch fünf Minuten Zeit, um in ihr Bett zu kommen, bevor das Licht ausging. Säumige Nachzügler würden bestraft.

So blieb dem Blonden nichts anderes übrig, als mit dem vorlieb zu nehmen, was da vor ihm stand. Sorgfältig prüfend tastete er sich vor.

Es war ... nicht stachelig! Erstaunt befühlte der Junge die Matratze, auf der er lag. Obwohl alles rustikal und bäuerlich aussah, war es weich und hatte definitiv kein Stroh als Inhalt. Mitten in seiner Überlegung, ob das Bett wohl doch selbständig Aktivitäten entwickeln konnte, wurde es dunkel. Mist, er hatte noch den Vorhang, welcher die Betten voneinander trennte, zuziehen wollen. Na sei's drum. Es musste eben ohne gehen. Seit er die Hütte betreten hatte, roch es nach trockenem Gras oder Stroh. Draco knuffte sein Kissen zum Test, ob nicht doch irgendwo Heu darin war, schüttelte die Decke und zog sich diese dann bis zur Brust hoch.

Da knirschten die Holzdielen und Schritte näherten sich seinem Bett. Ach nein! Was kam denn jetzt? Andere selbständige Möbel, die hier ihre Runden drehten? Der Blonde hob seinen Zauberstab, als eine Hand sich beruhigend auf seinen Arm legte. „Mister Malfoy haben Sie sich zurecht gefunden? Ist Ihr Lager bequem oder brauchen Sie noch etwas?", fragte eine tiefe brummende Stimme nahe seinem Ohr. Der Hüttenwart und Betreuer wollte sich vergewissern, ob der Gastschüler in seiner neuen Umgebung zurecht fand. Malfoy war, ohne es zu wollen, zusammengezuckt. „Ähm nein ... alles ok. Ich ... das Bett ist bequem genug", stammelte er und war froh, das man in der Dunkelheit nicht seine rosa Wangen sah.

„Wenn Sie etwas brauchen, rufen sie ungeniert nach mir", sagte die Stimme nun.

Der Schüler spürte einen aufmunternden Klaps an der Schulter, dann entfernten sich die Schritte wieder. Rufen? Wie ein Kleinkind seine Mama? Draco schüttelte den Kopf und legte sich hin.

Langsam zogen die Sterne über den Himmel und spähten durch die Dachfenster in die Hütte hoch oben am Berg. Ruhig schlummerten die Schüler in ihren Betten. Mitten unter ihnen Draco Malfoy.

„Unser Leben gleicht der Reise
Eines Wandrers in der Nacht."

Leises Singen klang durch das Haus und drang bis in Dracos Träume.

„Jeder hat in seinem Gleise
Etwas, das ihm Kummer macht."

Verschlafen blinzelte der Knabe und fragte sich, wer von seinen Kollegen in Hogwarts es lustig fand, mitten in der Nacht zu singen. Grummelnd dreht er sich auf die andere Seite und sah nicht den feinstofflichen Geist, der zum Dachgebälk hochschwebte.

„Aber unerwartet schwindet
Vor uns Nacht und Dunkelheit,
Und der Schwergedrückte findet
Linderung in seinem Leid."

Die Frau in der Tracht einer Nonne streichelte einen geisterhaften Hirsch, der um sie herum sprang. Dann verschwanden beide durch die Wand.

Der junge Engländer wollte nun doch wissen, wie eine Frau in die Schlafräume der Jungen kam. Zudem musste er mal dringen auf die Toilette. Dass er sich nicht in Hogwarts im Schlafsaal der Slytherins befand, hatte er vergessen. Bei seinem Versuch schlaftrunken im Dunklen aus dem Bett zu krabbeln, kam er nicht weit. Überall waren Tücher. An jeder der vier Ecken, wo er auszusteigen versuchte, schienen Leintücher gespannt, die ihn sanft wieder ins Bett zurück rutschen liessen. Als er sich mit Schwung aus dem Bett rollen wollte, wurde er an den Beinen zurückgezogen. Nun schon ziemlich nervös und verwirrt, klopfte er die Bettstatt ab, wo denn eine Lücke sei. „Montague! Lass den Quatsch, ich habe keine Zeit für solche Spielchen!", wetterte er vor sich hin, da er dachte, ein Mitschüler hätte ihm einen Streich gespielt.

Plötzlich fühlte Draco, wie die Tücher unter seinen Fingern verschwanden. Stattdessen zogen ihn helfende Hände an den Bettrand und eine bekannte Stimme sagte: „Mister Malfoy, suchen Sie etwas Bestimmtes?"

Draco seufzte, jetzt hatte er den Hüttenwart geweckt. Mit seinem Auftauchen fiel dem Engländer auch wieder ein, wo er sich befand.

„Ich wollte auf die Toilette", gestand er nun widerstrebend. Er konnte nicht mal alleine auf's Klo, wie peinlich. „Und ich habe eine Frauenstimme singen gehört", fügte er noch hinzu.

Der Hüttenwart lachte leise. „Na dann kommen Sie, junger Mann. Ich bringe Sie rasch ans stille Örtchen." Noch bevor Draco etwas erwidern konnte, wurde er in einen dicken Mantel gepackt und hinaus vor die Hütte geführt. Auf dem Weg zum Klo erklärte der Wart, das Draco wahrscheinlich die Heilige Ida von Toggenburg gehört habe. Ihr Geist wandere oft hier durch die Berge und zusammen mit dem Zwingherr von Starkenstein besuche sie hin und wieder die Berghütte der Zaubererschule „Helvetia". Die Burg des Zwingherrn sei längst verfallen, wie auch seine Herrschaft über die Lebenden schon lange zu Ende sei. Mit einem kurzen Rückblick auf die verflossene Geschichte des Schweizer Gebietes Toggenburg, kehrte Mister Malfoy nach dem Besuch der Toilette in sein Bett zurück. Trotz seines Misstrauens gegenüber dem eigenwilligen Bett, war er doch froh, wieder unter die warme Decke zu kriechen. Denn draussen bei den Klos war es doch recht kalt gewesen. So murrte er auch nur wenig, als ihn der Wart noch zudeckte und den Vorhang vor dem Bett zuzog, bevor sich alle wieder zur Ruhe legten.

*"Leute und Wetter muss man nehmen wie sie sind."