Schuldgefühle
Mehr als die Vergangenheit
interessiert mich die Zukunft,
denn in ihr gedenke ich zu leben.
(Albert Einstein)
„Du hast was gemacht?", schrie Edward mich an und seine schwarzen Augen funkelten mich böse an.
„Was hätte ich denn machen sollen?", schrie ich zurück und machte mich so groß es ging.
„Es sein lassen, ich hab dir gesagt, du sollst dich da raus halten!"
„Das kann ich aber nicht, ich liebe sie auf meine Weise, ebenso wie du es tust!"
Ein Knurren stieg in seiner Brust empor und ich fauchte zurück.
„Halt dich daraus Alice!"
„Nein! Du kannst dich nicht ewig hinter dieser Maske verstecken."
„Und ob ich das kann, Alice. Ich hab mein ganzes Leben, mein gesamtes Dasein lang eine Maske getragen und wir tun es alle jeden einzelnen Tag. Also sag du mir nicht, ich soll meine Maske ablegen..."
„Dann geh zu ihr. Redet miteinander."
„Nein! Verdammt Alice, hör auf damit. Ich will nicht an sie denken und ich will nicht jeden einzelnen Tag von dir daran erinnert werden..."
„Sie wird sich nie wieder an dich oder uns erinnern, wenn wir nichts unternehmen!"
„Dann ist doch alles, wie es sein sollte, oder?" Er drehte sich um.
„Nein, du wirst jetzt nicht wieder gehen, hörst du?"
„Doch Alice, werde ich. Und halt dich endlich aus meinem Leben raus."
„Das ist auch unsere Sache. Sie gehört zur Familie!"
„Nicht mehr..." Und mit diesen Worten war er zur Haustür hinaus gerannt und schon wenige Sekunden später hörte ich den Volvo die Straße entlang rasen.
Ich verstand es nicht. So sehr ich versuchte mich in Edward hineinzuversetzen, ich verstand es nicht. So ging es nun schon seit Wochen, wir schrieen uns gegenseitig an und irgendwann stieg er in den Volvo und verschwand für den Rest des Tages. Meist kam er mit zerfetzten Kleidern und Blut an den Zähnen zurück. Tierblut, doch trotzdem schlimm genug. Er jagte um sich abzulenken, doch er hatte die Kontrolle über sich verloren. Ziellos streifte er durch die Stadt und die Wälder, vergebens auf der Suche nach sich selbst.
Vor einer Woche war ich nach Forks gefahren, ich wusste Bella war nicht dort, sie war in Jacksonville und sollte eigentlich viel später zurückkommen, doch als ich gerade auf dem Weg nach Hause war, kreuzten sich unsere Wege kurz vor Forks. Ich hörte ihren entsetzlichen Schrei und den harten Aufprall ihres Kopfes.
Ich verfluchte mich dafür, dass ich den Volvo gefahren hatte. Doch ich hatte es nicht vorhergesehen. Das war alles meine Schuld. Ich war Schuld daran, dass Bella sich nicht an Edward und an uns erinnern konnte, ich allein...
Als sie gegen den Baum geprallt war, hatte ich sofort Hilfe gerufen. Ich konnte nicht bleiben und es zerbrach mir das Herz sie allein zu lassen, denn als ich für einen kurzen Moment neben ihr stand und mit meiner Hand ihre Wange berührte, um mich von ihr zu verabschieden, sah ich es: Wie Blitze schoss es vor meinem inneren Auge hervor. Alles was mit ihr passiert war, was sie in Forks erlebt hatte, ihre Liebe zu ihm, alles hatte ich gesehen, wie es in einem weißen Licht verschwand... Nie zuvor hatte ich eine Vision dieser Art gehabt und als ich den Krankenwagen in der Entfernung hörte, verschwand ich.
Drei Tage hatte ich es vor allen geheimgehalten, hatte meine Gedanken vor Edward verschlossen, bis es eines Abends zu einem heftigen Streit kam:
„Alice hör auf damit!", hatte Edward mich angeschrieen. Er hielt sich die Hände gegen die Schläfe, als wollte er verhindern sich zu erinnern, die Bilder zurück drängen. Unbewusst – so wurde mir jetzt klar – spielte sich immer und immer wieder die Vision in meinem Kopf ab und quälte ihn innerlich.
„Tut mir Leid! Ich wollte nicht das du das siehst..."
„Was sollte ich nicht sehen?"
„Ich...Sie hatte einen Unfall. Meinetwegen...Sie hat den Volvo gesehen und die Kontrolle über ihren eigenen Wagen verloren, sie dachte anscheinend...du wärst in Forks gewesen...sie kam aus Jacksonville wieder...ich, wollte das nicht."
Er hatte kein Wort gesagt, ich spürte nur, wie er seine Fäuste ballte und ein Knurren unterdrückte.
Der Rest unserer Familie war zu uns gestoßen, sie sahen die Spannung zwischen uns und auch Jaspers Gabe hatte keine Chance an dem Wall, den Edward um sich errichtet hatte, vorbei zu kommen.
„Sie wird keine Erinnerung an uns haben...", hatte ich geflüstert, obwohl das gar nicht nötig war.
„Gut...", war das Einzige gewesen, was er gesagt hatte. Danach war er für zwei Tage verschwunden.
Und nun stand ich wieder allein hier und er war wütend davon gefahren.
Ich fühlte mich schrecklich und ich hatte keine Ahnung was ich unternehmen konnte.
Ich ging hinaus in den Garten, wo Esme ihre Blumenbeete pflegte. Weiße Rosen wuchsen in einem wunderschönen Bogen an der hohen Hecke entlang, auf jeder Blüte lag ein kleiner Wassertropfen - der in den schönsten Farben glitzerte - von dem Regen der vergangenen Nacht.
„Habt ihr euch schon wieder gestritten?", fragte Esme, ohne sich nach mir umzudrehen.
„Was soll ich nur machen, Esme? Er hört mir ja nicht mal zu..."
„Wie wäre es, wenn du mal auf ihn hörst."
„Alle sagen mir ich soll ihn in Ruhe lassen, er wisse schon was er tue. Nein, was ist wenn er es nicht weiß? Er riskiert, dass sie uns für immer vergisst. Wir werden nur Legenden sein, schemenhafte Gestalten, Beschreibungen Fremder. Nichts davon wird von ihr sein. Ihre Erinnerungen sind für immer verloren, wenn wir nichts machen... Willst du das?"
„Nein, Alice. Ich liebte Bella, wie meine eigene Tochter, so wie ich dich liebe. Aber es ist Edwards Entscheidung und wenn er sie gehen lassen will...dann können wir nichts dagegen tun."
„Esme! Verdammt, das ist doch krank! Er liebt sie, das Band das ihn mit ihr verbindet wird für ihn niemals reißen, auch wenn er zulässt das sie uns vergisst. Er wird sich immer erinnern."
„Das ist unser Schicksal, Liebling..."
„Wie kannst du nur hier vor mir stehen und so tun, als interessiere dich das alles gar nicht. Es geht dir um ihn, ja? Dann unternimm was!"
Ich rannte wutentbrannt in den Wald und schrie aus tiefster Seele.
Was hatte ich nur getan? Die Schuldgefühle erdrückten mich und ich wusste, wenn ich es noch einmal wagen würde, mich über Edward hinwegzusetzen, dann würde er mich aufhalten.
Doch was, wenn er es nicht erfährt...
Ich lief viele Stunden durch den Wald, hörte das Knacken der Äste und das Rascheln des Grases unter meinen Füßen. Um mich herum war der Wald in tiefstes schwarz getaucht, doch ich sah jedes Detail. Die leuchtenden Augen der Rehe, die sich im Dickicht versteckten, die Eulen die auf den Ästen ihrer Beute auflauerten. Ich hatte kein Ziel, ich suchte nur nach einer Lösung und war unsicher.
Auf der einen Seite wollte ich alles tun, um Bella zu helfen, um sie zurückzuholen, für ihn und für uns. Doch auf der anderen Seite...war Edward mein Bruder, ich liebte ihn und ich wollte ihn nicht hintergehen.
Was also sollte ich tun? Bella durfte uns nicht vergessen...nicht für immer...
Erst am späten Abend kam ich wieder nach Hause. Esme und Carlisle spielten Schach und ich wusste, dass Esme gewinnen würde. Emmet und Rosalie lagen auf der Couch und sahen sich eher gelangweilt ein Baseballspiel an. Was war auch schon ein menschliches Spiel, gegen eines der unseren? Jasper saß am Kamin und las ein Buch, es war ein Krimi, er las es aus reinem Vergnügen, lachte sogar. Und Edward...Er war immer noch nicht wieder da. Wer weiß wo er diesmal hingefahren war?
„Jasper? Kann ich dich kurz sprechen? Draußen!"
„Sicher." Und einen Wimpernschlag später stand er neben mir.
Wir gingen ein Stück in Richtung Wald. Ich wusste die anderen würden mich hören, doch ich vertraute auf ihr Gespür für Privatsphäre.
„Was ist los mit dir, Alice?", fragte er und beruhigte mich innerlich. „Du bist völlig aufgelöst."
„Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich will Edward nicht hintergehen, aber ich muss mit Bella sprechen, ich muss ihr Gedächtnis irgendwie zurückholen. Ich will sie nicht verlieren Jasper!" Ich wurde immer ruhiger, manchmal hasste ich seine Gabe, immer dann wenn ich wütend sein wollte, wenn ich verzweifelt sein wollte, weil es mich anspornte...beruhigte er mich.
„Hör bitte auf damit!", sagte ich bestimmt. Und spürte wie etwas Wut und Ansporn zurückkehrten.
„Hältst du das für eine gute Idee, Alice? Edward wird alles andere als begeistert sein..."
„Deswegen musst du mir helfen. Ich will morgen zur Schule fahren..."
„Nein das wirst du nicht tun!", eine Stimme kam auf uns zu.
Verdammt...
Edward...ich hatte ihn zwischen all meinen Überlegungen überhört.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das nicht deine Sache ist!"
„Doch, es ist auch meine Sache, die Sache von uns allen. Ich weiß das du sie beschützen willst, aber das tust du nicht indem du sie vollkommen im Dunkeln stehen lässt."
„Du hast doch selbst gesagt, dass sie sich nie wieder erinnern wird... Wo ist dein Problem, Alice?", Edward war außer sich.
„Jasper, lass das. Ich will mich nicht beruhigen. Lass uns allein!", schrie ich ihn an, es war mir egal. Ich musste Edward zur Vernunft bringen, egal wie.
Jasper ging und ich spürte die Wut in mir, die sich zu einem Knurren formte.
„Sie hat dir alles bedeutet, du wärst für sie in den endgültigen Tod gegangen. Du warst vollkommen und unbeschwert, wie ich dich seit Jahrzehnten nicht gesehen habe. Du hast dein fehlendes Stück Herz gefunden und das Band das euch verbindet, verbindet euch bis in die Ewigkeit, und das weißt du genauso gut wie ich!"
„Ach ja, wenn das Band so stark ist, wieso kann sie sich dann nicht an mich erinnern?"
„Verdammt Edward, sie hatte einen Unfall. Menschen haben Unfälle, vor allem Bella. Sie hatte eine starke Gehirnerschütterung, wo niemand mit gerechnet hatte. Ein ganzen Jahr in ihrem Leben wurde ausgelöscht, einfach so. Niemand weiß, was wiederkommen wird und was für immer in der Dunkelheit erloschen ist. Aber ich weiß, wenn wir nur irgendwie handeln würden, dann können wir verhindern, dass wir auch in ihrer Dunkelheit verschwinden."
„Nein...ich will sie nicht wiedersehen..."
„Das ist doch Schwachsinn. Was ist los mit dir? Ist dir das viele Tierblut, dass du in den letzten Wochen getrunken hast zu Kopf gestiegen? Verdammt, es geht hier um Bella! Isabella Swan...die Liebe deiner Existenz!"
Er drehte sich von mir weg, wollte gehen. Doch diesmal hielt ich ihn am Arm fest.
„Geh nicht! Bitte... es ist Bella...", flehte ich.
Er wehrte sich nicht und brach plötzlich vor mir zusammen...
„Edward!", schrie ich und kniete mich neben ihn.
„Wieso kann ich nicht an ihrer Stelle sein? Alles vergessen...", er flüsterte, bewegte nur langsam seine Lippen.
„Sag das nicht! Ich weiß das du das nicht willst!", ich sah ihn durchdringend an, er musste doch zur Vernunft kommen...
„Ich hab doch keine Wahl, Alice... Ich will doch nur das sie sicher ist, dass sie glücklich ist..."
„Dann hilf mir, finde raus was sie denkt, damit du mir endlich Glauben schenkst, dass Bella nicht glücklich ist."
„Du hast doch gesehen, dass sie sich nicht erinnern wird..."
„Ja, das habe ich. Aber du weißt genauso gut, wie ich, dass meine Visionen subjektiv sind und das sich die Zukunft immer ändern kann!"
„Alice...", er hatte sich auf den nassen Rasen gelegt, den Blick in die Sterne gerichtet.
Es war seit langem mal wieder eine sternenklare Nacht, auch ich sah nach oben, während ich mich im Schneidersitz neben ihn setzte. „Die sind wunderschön, oder?", flüsterte ich.
„Bella liebte die Nacht, weil es die einzige Möglichkeit war die Sterne zu sehen. Sie liebte die Sterne..."
Mehr sagte er nicht , doch es reichte auch aus. In jeder einzelnen Silbe spürte ich die Sehnsucht nach seiner Bella und ich sah die Verzweiflung in seinen Augen. Wie Wellen des Meeres schlugen seine Fragen und tiefsten Gefühle gegen seine selbsterrichtete Brandung und zerschellten in tausend Splitter. Er hatte resigniert vor seinen eigenen Gefühlen, war mutlos, hatte sich selbst aufgegeben und war innerlich vollkommen zerrüttet.
„Glaubst du...es war von Beginn an so was in der Art wie...Schicksal?", riss er mich aus meinen Gedanken.
Ich sah ihn eine Weile an, seine Gesichtszüge waren hart und ihm waren die endlosen Nächte anzusehen, in denen er über sie und seine Entscheidung sie zu verlassen nachdachte.
„Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn du damals – an diesem ersten Tag – für immer verschwunden wärest, wenn wir alle direkt aus ihrem Leben verschwunden wären...Aber wie hätten wir ahnen können, dass dieses Begehren – dem ihr beide verfallen wart – so eine Wendung nehmen würde. Du wolltest einzig und allein ihr Blut und sie hätte alles getan um bei dir zu sein und dein Geheimnis, welches sie vom ersten Tag an spürte, aufzudecken. Ihr ward von dem ersten Tag an einander verfallen.
Ich glaube es war so etwas wie Schicksal, ja... Und genau deswegen konnten und können wir es nicht verhindern.
Denn sie dich an, Edward...
Diese Verbindung zwischen euch, diese Zusammengehörigkeit, diese grenzenlose Liebe – wie auch immer du es nennen magst – es ist unantastbar und nun... da ihr getrennt seit, zerstört es euch beide..."
Ich war mir nicht sicher, wann ich Edward das letzte Mal einen Vortrag dieser Art gehalten hatte und ob ich es überhaupt schon mal getan hatte.
Ich sah noch immer in die Sterne, dort oben musste es noch schöner sein, als es von hier unten wirkte. Ich sah zahlreiche Lichter, funkelnde Diamanten, die den Himmel in das atemberaubendste Kunstwerk verwandelten, das es auf Erden gab. Ich suchte in den Sternen nach Antworten.
Edward lag neben mir, die Augen geschlossen und ganz und gar in sich versunken.
„Manchmal wünschte ich, ich hätte deine Gabe... Du weißt immer was ich denke, doch deine tiefsten Gefühle bleiben mir gänzlich verborgen..."
„Manchmal wünschte ich, deine Gabe würde mir angehören... dann würde ich mit eigenen Augen sehen, was mit ihr passiert... und vielleicht würden dann diese schrecklichen Schuldgefühle aufhören...", wisperte Edward und sah mich an.
„Wieso willst du unbedingt, dass sie sich erinnert?", fragte er mich.
„Wieso willst du, dass sie dich vergisst?", konterte ich.
„Gute Frage... Glaub mir, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als ihr wieder nah zu sein. Ihr in die Augen zu sehen und ihr zu versprechen, sie nie wieder gehen zu lassen und der Gedanke daran, dass sie ein Leben ohne mich führt, dass sie einen Jungen kennen lernt, der ihr das gibt, was ich ihr nicht geben kann... das macht mich verrückt....", er hatte die Augen wieder geschlossen, war in seinen Erinnerungen versunken und ich erlebte ihn zum ersten Mal so offen und vertraut.
„Dann lass nicht zu das sie dich vergisst...", war das Einzige was ich erwidern konnte.
„Ich vermisse sie jeden einzelnen Tag, Alice. Ich vermisse ihre Art, ihr Gespür, wenn ich ihr etwas verheimliche, ihr Talent sich in Schwierigkeiten zu bringen, oder einfach nur ihre Tollpatschigkeit. Ich vermisse ihre Wärme, ihre zarten Finger auf meiner Haut, oder ihre Leidenschaft. Ich vermisse ihren Herzschlag, der schneller wird, sobald sie mich sieht, ihre roten Wangen, wenn ihr etwas unangenehm ist und ich vermisse es sie einfach nur anzusehen und zu wissen, dass sie mich liebt...und das es ihr egal ist was ich bin... Und diese Sehnsucht nach ihr macht mich krank..
Ich sollte nicht so fühlen. Ich muss sie beschützen, indem ich sie vergessen lasse... Das bin ich ihr schuldig... Auch wenn ich sie mehr liebe, als meine eigene Existenz, auch wenn ich für sie endgültig sterben würde...", ihm war anzusehen, dass er nicht weitersprechen konnte und ich hatte keine tröstenden Worte. Zum ersten Mal hatte er mir solch einen Einblick in seine Seele gewährt und diese Trauer und innerste Verzweiflung hatten mir die Sprache geraubt... Ich war hilflos und wusste nicht, was ich tun konnte um ihn davon zu überzeugen, dass Bella kein glückliches Leben ohne ihn haben wird...
Denn das hatte ich bereits gesehen...
„Lässt du mich allein...bitte?", sagte Edward nach einer Weile und ich zuckte leicht zusammen. Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich schon fast vergessen hatte, dass er da war.
„Natürlich. Versprichst du mir...das du darüber nachdenkst, mir zu helfen...", flüsterte ich und stand mit ihm auf.
„Ja ich denke darüber nach...", und zum ersten Mal umarmte er mich und flüsterte mir ins Ohr: „Versprich du mir, dass du nichts ohne mich unternimmst!"
Ich musste einmal tief durchatmen, bevor ich zögernd nickte. Ich wusste ich hatte mich damit verraten. Nun wusste er, dass ich ihm etwas verheimlichte und das mein Plan feststand, zu Bella zu gehen, mit oder ohne ihn... Und das Edward es nun wusste, machte die Sache keineswegs leichter.
Nach dem Gespräch mit Edward war ich verzweifelt. Ich wusste nicht wo er hingegangen war. Als ich ihm den Rücken zugedreht hatte, war er schon verschwunden. Ich ging in mein Zimmer und legte mich wieder auf meine Couch. Entspannung? Konnte ein Vampir diesen Zustand überhaupt erreichen?
Wieder spürte ich diesen entsetzlichen Druck in meinem Kopf und die Vision von heute Morgen verfolgte mich.
Ich sah Bella, sie erinnerte sich an unser Haus, dass sie dort gewesen war und das dort etwas passiert war. Was genau blieb ihr jedoch verschlossen. Sie wusste immer noch nicht wer wir waren, und welche Verbindung zwischen uns bestand, doch sie spürte uns. Sie wusste das wir wichtig für sie waren und sie wollte diese Lücke füllen. Und sie war keineswegs glücklich. Jede Nacht weinte sie, aus Angst etwas zu übersehen und diese Leere in ihr niemals schließen zu können. Die Vision war winzig, schon fast unbedeutend, doch sie zeigte mir genau das, was ich nicht sehen wollte und Edward nicht erfahren durfte: Das Bella ohne uns nie glücklich werden würde, weil ein Teil ihres Körper, ihrer Erinnerung nach uns schrie und versuchte sich den Weg in ihr Bewusstsein zu erkämpfen. Doch wenn sie damit allein gelassen würde - denn ich wusste Charlie und all die anderen würden ihr nichts erzählen, aus Angst den Schmerz erneut hervorzurufen – dann würden die Erinnerungen nie zurück kehren und sie wäre ewig in dieser Dunkelheit aus Verzweiflung und Hilflosigkeit gefangen in der sie sich bereits befand.
Ich schloss die Augen, in der Hoffnung die Bilder würden verschwinden, doch sie blieben.
Wo war er nur hingegangen? Dachte er wirklich darüber nach mir zu helfen?
Ich brauchte nur einen Blick in ihre Gedanken – leider über doppelte Umwege – doch wenn er hören würde, dass sie nicht glücklich war, dann würde er vielleicht endlich klar denken können und mit diesem Unfug aufhören.
Was hatte er davon, wenn er stark und unantastbar spielte, aber sein Innerstes nach ihr schrie?
„Alice?", ich schreckte auf. Edward saß neben mir auf der Couch. Ich weiß nicht wie lange ich so reglos und vollkommen in meinen Gedanken versunken auf dem Sofa gelegen hatte, doch draußen war es bereits hell.
„Edward...wo warst du?"
„Bei ihr..."
Ich sah ihn erschrocken an, wie war das möglich? Er sah meinen Gesichtsausdruck und lächelte leicht.
„Nur über Nacht, sie hat mich nicht bemerkt. Ich hab ihr beim schlafen zugesehen..."
„Wieso hast du das gemacht?"
„Weil ich damals...so lang ist es noch gar nicht her und man spricht schon von damals... Ich hab viel über sie erfahren, wenn sie schlief. Sie redet..."
„Und?"
„Nichts. Sie sagt unsere Namen, immer und immer wieder. Aber nicht so, wie zu der Zeit, als wir noch...zusammen waren. Distanziert, kalt und völlig fremd."
„Sie hat keine Ahnung wer wir sind." Sagte ich und dachte an meine Vision... keine gute Idee...
„Seit wann hast du diese Vision?", fragte Edward sofort.
„Seit vorgestern...es tut mir Leid, aber ich wollte dich nicht noch mehr verletzen."
„Schon gut...was hast du vor?"
Mein Schreck wandelte sich in Überraschung und ich fiel ihm um den Hals.
„Du kommst mit, du wirst mir helfen?"
„Hab ich eine andere Wahl...ich liebe sie, Alice und...verdammt, im tiefsten meiner Seele, wenn sie denn vorhanden ist, will ich nicht das sie mich vergisst."
Er löste sich aus meiner Umarmung und sah mich an. Seine Augen waren dunkel, doch ein leichter Goldschimmer huschte immer wieder über sie und verriet, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als bei ihr zu sein.
Ich wusste nicht, wie wir es anstellen sollten. Wenn wir auf einmal wieder in Forks auftauchten, dann würden wir Aufsehen erregen und Bella wieder in den Mittelpunkt der Stadt drängen und das war das Letzte was ihr gut tun würde. Denn auch, wenn sie nichts mehr wusste, sie war Bella und hasste es im Mittelpunkt zu stehen.
Den Rest des Vormittags verbrachte ich damit, mir zu überlegen, wie ich unbemerkt an Bella herankommen konnte. Ungestört mit ihr sein, war das Wichtigste.
Edward saß still neben mir und verfolgte meine Gedanken, er sagte nichts, beobachtete mich nur, es machte mich wahnsinnig.
„Was ist denn?", fragte ich nach einer Weile.
„Wieso tust du das eigentlich?" Ich war verwirrt. Was sollte das denn jetzt?
„Das weißt du ganz genau..." Sie ist meine kleine Schwester, ich will sie genauso beschützen wie du, nur auf eine andere Art und Weise, ich liebe sie, sie ist das Leben, dass ich niemals hatte, sie bringt Schwung in unser oft tristes Dasein...hat Schwung hineingebracht...
Ich konnte es nicht aussprechen, also dachte ich es nur.
Er lächelte und lehnte sich dann in meinem Sessel zurück, schloss die Augen und verfolgte weiter schweigend meine Überlegungen, wahrscheinlich vertraute er auf meine weibliche Intuition und meine Vision, dass ich besser wusste als er, was wir tun mussten...
Wie sehr er sich doch täuschte...
Drei Tage später, noch immer erdrückende Kopfschmerzen und vollkommen ziellos, saßen Edward und ich in dem Volvo und warteten vor Bellas Haus. Mir war nichts originelles eingefallen und ehrlich gesagt, hatte ich auch keine Lust gehabt, plötzlich durch ihr Zimmerfenster zu springen und sie zu erschrecken. Von dem Schock würde sie sich wahrscheinlich nie wieder erholen und die Erinnerungen würden wir so sicherlich auch nicht zurück bringen.
Also taten wir es auf die konventionelle, menschliche Weise. Wir warteten auf sie.
„Was willst du ihr sagen? Hallo Bella, ich bin es Alice und das ist mein Bruder Edward. Du musst dich an uns erinnern?", er lachte. Er war genauso wenig überzeugt von dem Plan, wie ich selbst, doch irgendwie mussten wir es tun und Fledermaus spielen kam nicht in Frage.
Eine halbe Stunde später bog der rote Chevy um die Ecke und sie parkte den Wagen vor dem Haus. Als sie ausstieg und den Volvo sah, blieb sie abrupt stehen. Sie starrte zu uns hinüber und ich konnte ihren Gesichtszügen ablesen, dass sie sich an das Auto erinnerte. An den Unfall?
„Na dann los...hoffen wir, dass sie sich einfach erinnert." Sagte ich und machte den ersten Schritt. Ich stieg aus. Bleib ruhig... dachte ich für Edward. Ich überschritt die Straße. Bella bewegte sich nicht, sie starrte mich nur an.
„Hallo Bella. Ich bin es Alice." Ich ließ sie nicht aus den Augen, in ihren Augen blitzte es.
„Alice Cullen? Die hier angerufen hat..."
„Richtig. Können wir reden, wir sind am Telefon nicht dazugekommen."
„Ich weiß nicht, ich kenn dich nicht... Ich... bist du an meinem Unfall Schuld? Genau so ein Auto ist mir entgegengekommen kurz bevor ich gegen den...Baum geprallt bin..."
„Ja, das war meine Schuld, das hätte alles nicht passieren dürfen..."
„Was meinst du damit?"
Dann hörte ich die Autotür von der anderen Straßenseite zuknallen und Bella sah über meine Schulter hinweg zu Edward, der langsam auf uns zukam. Als er neben mir stand, spürte ich seine Anspannung. „Sie sieht so anders aus...", sagte er, lediglich für meine Ohren hörbar.
„Du bist Edward...du warst in meinem Biokurs..."
Er nickte nur.
„Was hat das hier alles zu bedeuten?"
„Du kannst dich nicht mehr an uns erinnern, aber wir haben eine sehr wichtige Rolle in deinem Leben gespielt, zumindest in dem Jahr hier in Forks..."
„Da sind keine Erinnerungen...", sagte Bella und sah mich mit einem Blick an, der mein Herz zerspringen ließ. Sie wusste nicht, wo sie uns einordnen sollte, doch wie am ersten Tag war sie von uns fasziniert und wollte wissen, warum wir gerade in diesem Augenblick vor ihrem Haus standen, um sie daran zu erinnern, dass wir zu ihrem Leben gehörten.
Edward nahm unauffällig meine Hand um mich zu beruhigen...Meine Gedanken überschlugen sich und dann konnte ich nicht anders. Ich ging auf Bella zu, nahm sie in meine Arme und betete zu einer höheren Macht, dass sie sich endlich an uns erinnerte...
„Alice, lass sie los!", sagte Edward bestimmt und zog mich von Bella weg. Sie stand bewegungslos da und starrte mich.
„Deine Haut...ist eiskalt..."
„Tut mir Leid...da haben mich wohl meine Gefühle überrannt..."
„Und mir sagen, ich soll ruhig bleiben!", flüsterte Edward.
„Ich sollte mich wohl an euch erinnern?", fragte Bella und wirkte verängstigt.
„Das solltest du in der Tat... Ich hatte gehofft, dass du dich erinnern würdest, sobald wir leibhaftig vor dir stehen...", meine Stimme zeugte von meiner ganzen Enttäuschung und Trauer. Sie erinnerte sich nicht und ich war mit meinem Latein am Ende. Entgültig!
Wir waren wieder gefahren. Ich brauchte Jaspers Gabe nicht um zu erkennen das Bella sich unwohl fühlte in unserer Gegenwart und das sie allein sein wollte.
Am Abend saßen wir alle im Wohnzimmer – alle außer Edward - natürlich redeten wir über nichts anderes, als über unseren kleinen Abstecher nach Forks.
Ich fühlte mich allein gelassen, denn jeder in meiner Familie schien gegen mich zu sein. Esme verurteilte mich für meinen Gefühlsausbruch vor Bella, auch wenn Esme selbst sie so geliebt hatte, dass ich mich selbst vor Bella verloren hatte, machte mich anscheinend zu menschlich.
Ich verstand es nicht. Jeder von ihnen hatte Bella gemocht und es waren Carlisles Worte gewesen, dass Bella nun ein Teil unserer Familie war. Doch jetzt schien all das ebenso vergessen, wie Bella uns vergessen hatte.
Diskussionen zu beginnen war sinnlos, denn ich redete gegen Wände. Edward war gar nicht da, der saß in seinem Zimmer und hörte Musik. Also war ich allein.
Als es mir dann entgültig zu viel wurde ging ich in den nahegelegenen Wald um zu jagen.
Ich lief langsam durch das Dickicht, nahm jeden Geruch bis in die letzte Faser meines Körpers auf: Rehe, Wildschweine, kleine Katzenarten, Bären...
Ich hatte keine Lust mich groß abzumühen, auch wenn es mich wahrscheinlich abgelenkt hätte.
Ich lauerte einer kleinen Gruppe Rehe auf und stürzte mich auf eines von denen die mir am nächsten waren. Sie rochen köstlich, schon fast süßlich, wie tausende von Blumen. Ich sprang auf eines der großen Rehe zu und stieß meine blanken, scharfen Zähne in seinen Hals. Das heiße Blut lief mir an den Mundwinkeln hinab und ich spürte die befriedigende Wärme meine Kehle hinab laufen.
Ich wollte nur einen Moment nicht nachdenken, das sein was ich war und meinen Instinkten folgen. Ich lief tiefer in den Wald hinein und jagte noch kleinere Tiere bis ich mich soweit befriedigt fühlte um nach Hause gehen zu können.
Dort angekommen legte ich mich auf meine Couch. Was sollte ich bloß tun?
Am nächsten Morgen - ich hatte in der Nacht den Sternen zugesehen und dem Mond, wie sie kamen gingen - wollte ich noch mal mit Edward sprechen, doch als ich an seine Tür klopfte reagierte niemand. Ich trat ein und sah das das Zimmer leer war.
Ich war verwundert, aber wahrscheinlich streifte er nur in der Gegend herum, doch dann sah ich den Brief auf seinem Schreibtisch. In seiner grazilen Schrift stand mein Name auf dem Couvert. Ich öffnete ihn und las:
Geliebte Schwester,
wenn du diesen Brief liest bin ich bereits zurueck nach Forks gegangen.
Als ich Bellas Augen gesehen habe, hat mich nichts mehr bei euch halten koennen. Vielleicht haben es deine Augen nicht gesehen, aber in Bellas Blick sah ich nur diese Verzweiflung und Angst, die mich dazu verleitet hat nun zurueckzukehren und noch mal von vorn zu beginnen.
Wenn sie sich nicht an mich erinnert, dann moechte ich trotzdem nichts anderes, als wieder die Liebe zu mir in ihren Augen zu lesen. Und dafuer werde ich alles tun.
Folg mir nicht und behalte es bitte fuer dich. Falls Esme fragt, brauchte ich ein paar Tage fuer mich. Ich werde mich bald melden.
Ich danke dir Alice. Denn ohne dich, waere mir nie bewusst geworden, dass ich ohne Bella nicht leben kann.
Leb wohl, wir werden uns bald wiedersehen.
Edward
