Phantome
(Dream a little dream of me)
Teil 2
Vorspann: Cruel Angel's Thesis Director's Edit Version
Kapitel 08 – Das Wispern von Engeln
Ritsuko Akagis Tag begann eigentlich viel zu früh – die Ereignisse des vergangenen Abends hatten sie bis nach Mitternacht auf den Beinen gehalten. Irgendwann hatte sie aber dann doch ihre Räume im Hauptquartier aufgesucht. Dabei handelte es sich um ein Quartier aus drei Räumen: einem Aufenthalts- und Arbeitsraum, in dem ein Sofa und ein mit Fachliteratur wohlgefülltes Bücherregal standen, sowie ein Unterschränkchen, auf dem eine Kaffeemaschine stand, dazu kamen der übliche Stuhl und der hochklappbare Schreibtisch – war letzterer heruntergeklappt, war es eigentlich nicht mehr möglich, sich in dem Raum zu rühren; von diesem Aufenthaltsraum gingen zwei schmale Schiebetüren ab, die eine führte in ein winziges Bad mit Toilette, Waschbecken und Duschkabine, die andere in einen nur wenig größeren Schlafraum.
Ritsuko war gleich nach Betreten ihres Quartiers im Bad verschwunden, hatte geduscht und sich dann schlafen gelegt. Dass Eikyu sich auf dem Sofa zusammengerollt hatte, hatte Akagi beiläufig registriert, doch es war nicht das erste Mal, dass ihre Assistentin den Weg zu der Zimmerflucht scheute, in dem die Ayanamis untergebracht waren. Kurz hatte Ritsuko sich noch mit der Wohnsituation und Professors Fuyutsukis Ankündigung baldiger Änderungen beschäftigt, war dann aber eingeschlafen. Seit ihrer Studienzeit hatte sie sich angewöhnt, sich ihre Schlafphasen zu holen, wenn es die Zeit gestattete, so dass sie auch mit mehreren kurzen Pausen über den Tag kam, vorausgesetzt, sie verfügte über hinreichende Stimulanzien in Form von Kaffee. Ähnlich wie viele ihrer Mitarbeiter und Untergebenen deckte sie sich mit Arbeit ein und kam eigentlich nicht aus dem Hauptquartier heraus, allerdings würde sie es weit von sich weisen, durch den Armeeangriff traumatisiert zu sein, wie manch anderer. Vielleicht hatte sie für sich selbst eine Reihe von Pflichten aufgestellt, die es zu erfüllen galt. Ganz vorne stand ihre persönliche Buße an den Kindern, den Piloten, die sie nach Gendos Wünschen in Gefahr gebracht hatte, wie auch den Ayanamis, für deren Existenz sie mitverantwortlich war. Das Dumme an ihrer Situation war nur, dass sie eigentlich keine Ahnung hatte, wie sie dies angehen sollte – so war es schlussendlich gelungen, Asuka aus EVA-02 zu befreien, doch im Gegenzug waren mit Hikari Horaki und Toji Suzuhara neue Piloten rekrutiert worden und machte Asuka keine Anstalten, aus ihren Erfahrungen eine Lehre zu ziehen und so viel Entfernung wie möglich zwischen sich und allem, was zum EVANGELION-Projekt gehörte, zu bringen. Und auch hinsichtlich der Ayanamis war die Situation nicht wirklich besser, sie hatte zwar die gesetzliche Vormundschaft für die gut drei Dutzend Klonmädchen übernommen, um sie schützen zu können, ließ aber dennoch zu, dass sie alltägliche Abläufe bei NERV integriert wurden und griff sogar selbst für diese Ressource zurück. So beschäftigte sie im Schlaf der Gedanke, dass sie keine geeignete Erziehungsperson und erst recht kein gutes Vorbild für die Schwestern war. Als Folge war sie nicht wirklich ausgeruht, als um halb sechs der Wecker verkündete, dass die Nacht vorbei war.
Mechanisch stand sie auf und zog einen Satz frischer Kleidung an, während sie die abgelegten Sachen des Vortages kurz überprüfte, ob sie auch alles aus den Taschen genommen hatte, und dann in den Wäschebehälter stopfte, der alle drei Tage geleert und in die Wäscherei gebracht wurde.
Eikyu war bereits auf und hatte ebenfalls die Sachen gewechselt. Akagi vermutete, dass das kurzsichtige Klonmädchen sich auch im Hinblick auf ihre Schlafeigenschaften auf sie prägte. Ritsuko murmelte einen Morgengruß, ging kurz ins Bad und stellte beim Blick in den Spiegel fest, dass es bald wieder an der Zeit war, dass sie sich die Haare färben musste – das Hellblond begann herauszuwachsen.
„Eikyu, wie sieht unser Plan für heute aus?" fragte sie, während sie sich die Zähne putzte.
Papier raschelte, dann begann ihre Assistentin vorzulesen:
„8 Uhr – Testcenter – erste Synchrontests mit dem First und Third Child. Bei Gelingen Anlauf der Operation Schlafwandler, ansonsten Einpegeln der Synchronverbindung.
12 Uhr – Termin mit Matsuo Suzuhara.
13 Uhr – Besuch der Krankenstation.
14 Uhr – weitere Versuchsläufe mit den EXOs.
17 Uhr – Terminiertes Eintreffen Doktor Myers' im Hauptquartier."
Ritsuko sah auf die Uhr.
„Kurz nach sechs… Du solltest noch etwas schlafen, Eikyu, ich muss in meinem Büro wohl noch für Ordnung sorgen…"
„Sie benötigen Nahrung, Doktor Akagi."
Ritsuko hob eine Augenbraue ob der unerwarteten Widerworte, die bei einer Ayanami fast schon an offenen Protest grenzten. Eikyu senkte den Blick, wich ihrem Blick aus.
„Ein Kaffee wäre wohl nicht schlecht."
Sie sah zu ihrer Kaffeemaschine und der leeren Glaskanne.
„Aber ich kann mir auch im Büro einen kochen."
„Würden Sie mich in die Offiziersmesse begleiten?"
„Wozu?"
„Sie benötigen mehr nur Kaffee. Akagi-sama, Sie betreiben Raubbau mit ihrem Körper."
„Hm… Ich wusste ja, dass du durchaus zu eigenständigen Äußerungen neigst, aber nun bin ich doch überrascht."
„Bitte."
„Gut, gehen wir."
Akagi warf sich ihren Laborkittel über und übernahm die Führung.
*** NGE ***
Ritsuko registrierte, dass im hinteren Teil der Offiziersmesse die Tische zu einem großen, abgerundeten W zusammengeschoben waren, an dem die anderen Klone saßen – außer der Vierten, die sich immer noch unter Beobachtung auf der Krankenstation befand. Zwischen ihren Tabletts mit Tellern, Besteck und Trinkbechern standen Schalen mit Brot und Obst, sowie zahlreiche Schälchen mit Marmeladen. So ziemlich allen Ayanamis war gemein, dass sie nur pflanzliche Fette verdauen konnten, während der Verzehr von Fleisch, Fisch oder tierischem Eiweiß quasi einer Freifahrkarte in den medizinischen Track gleichkam. Akagi vermisste auch die Drei, jene drei Ayanamis, die zumindest äußerlich Fünfjährigen entsprechen. – Und in der Mitte des Querbalkens dieses W waren zwei Plätze frei.
Akagi zögerte.
„Was wird das…?"
„Bitte, kommen Sie, Akagi-sama. Meine Schwestern möchten Ihnen etwas mitteilen."
„Du hast mich also hergelockt?"
„Ja. Verzeihung."
„Na gut, sehen wir es uns an. Ich hole mir nur einen Kaffee…"
„Es ist für alles gesorgt."
Ritsuko sah auf Eikyus Fingerzeig hin den großen Kaffeepott an dem zentraleren der beiden Plätze und fühlte sich von dem tiefschwarzen Gebräu wie magisch angezogen. Dennoch folgte sie Eikyu eher zögernd zu dem offenbar für sie bestimmten Platz.
Die Ayanamis saßen kerzengerade an ihren Plätzen, die Hände vor sich auf der Tischplatte. Ihre Blicke waren allesamt auf Ritsuko Akagi gerichtet.
Ritsuko erreichte ihren Platz, spürte Unsicherheit und Nervosität.
„Guten Morgen." brach sie schließlich die Stille und setzte sich.
Die Klonschwestern erhoben sich gleichzeitig wie auf ein geheimes, einstudiertes Kommando und verbeugten sich.
„Guten Morgen, Mutter."
Es war gut, dass Ritsuko bereits saß, aber noch nicht den Kaffeepott in der Hand hatte, sonst hätte sie entweder die Sitzfläche des Stuhles verfehlt oder sich den heißen Kaffee über den Körper gegossen.
Die Ayanamis nahmen bereits wieder Platz, doch in Akagis Ohren hallte der Gruß wieder.
Mutter…
Ein lautes Scheppern holte sie umgehend in die Realität zurück – an der Kaffeemaschine hatte Shigeru Aoba sein Tablett fallen lassen und starrte völlig entgeistert zu ihr hinüber. Ritsuko wurde klar, dass sie wahrscheinlich ebenso verwirrt dreinblickte, zudem stand ihr Mund offen.
„Was…"
„Uns wurde mitgeteilt, dass Sie die gesetzliche Vormundschaft für uns übernommen hätten und damit unsere Erziehungsberechtigte sind." Eikyu senkte den Blick. „Haben wir einen Fehler gemacht?"
Ritsuko schaffte es endlich, den Mund zu schließen.
Mutter…
Ein Beben durchlief ihren Körper, als sie sich der völligen Tragweite dieses Momentes bewusst wurde und was sie sich in ihrem Bedürfnis nach Buße aufgebürdet hatte.
„Nein", schaffte sie es noch, klar hervorzubringen, ehe sie zu lachen begann, bis ihr die Luft wegblieb, während die Ayanamis sie sichtlich überrascht anblickten. Als sie sich wieder gefangen hatte, wollte sie noch einen Moment überbrücken, indem sie sich eine Tasse Kaffee eingoss, doch ihre Hände zitterten derart stark, dass sie die Kanne nicht anzuheben wagte. Ayanami Nummer Einhundertsiebenundzwanzig, welche ihr schräg gegenüber saß, übernahm das Einschenken schließlich, während Eikyu zu Akagis Rechten dieser einen Korb mit Sandwiches hinstellte.
Ritsuko schluckte, sah in die Runde.
„Es… es stimmt, ich bin auf dem Papier für euch verantwortlich. Ich habe Rei… eurer… älteren Schwester… ein Versprechen gegeben. Und ich fühle mich auch euch gegenüber daran gebunden. Aber ihr müsst mich nicht ‚Mutter' nennen, da ich nicht mit euch verwandt bin…"
Hastig trank sie einen Schluck Kaffee.
„Sind wir Ihnen zu nahe getreten?" fragte Nummer Vierundneunzig leise von links.
„Es war nicht erwünscht, oder?" hauchte Nummer Einhundertvierzig von schräg vorn.
„Wir haben uns zu viel herausgenommen", wisperte Nummer Zweihunderteinundneunzig.
Aus den Augenwinkeln nahm Akagi die Aufwischaktion an der Kaffeemaschine wahr und dass Aoba immer noch hinüberstarrte – und dass er nicht allein dabei war. Der Gruß der Ayanamis schien eine Lawine losgetreten zu haben.
Ritsuko schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Schlagartig wurde es ruhig um sie herum.
„Ich sagte, ihr müsst mich nicht ‚Mutter' nennen – wenn ihr es nicht wollt. Aber wenn ihr glaubt, dass ich diesem Titel gerecht werden kann…"
Sie blickte in die Runde.
Ritsuko Akagi, Leitender Wissenschaftlicher Offizier der UN-Organisation NERV, sechs Doktortitel, Anfang Dreißig, alleinerziehende Mutter von fast vierzig, äußerlich völlig identischen Kindern…
Akagi stellte ihre Kaffeetasse gerade noch rechtzeitig ab, ehe der nächste Lachkrampf durch ihren Körper bebte.
*** NGE ***
Um acht Uhr morgens nahm das Testcenter wieder den Betrieb auf.
Doktor Akagi ließ die Anlagen hochfahren und Testplug-1 bereitmachen. Der Plug war in den letzten Tagen zu einem Zweisitzer umgerüstet worden. In einer stillen Prozession begleiteten die Ayanamis die Rollliegen mit Shinji Ikari und Rei Ayanami von der Krankenstation ins Testcenter. Ritsuko war froh, dass die muskelentspannenden Medikamente bei den beiden angeschlagen hatten, so dass möglich gewesen war, sie voneinander zu trennen.
Als die beiden Schläfer in der Halle des Testcenters eintrafen, nahmen zwei Ayanamis zuerst den in eine Decke eingewickelten Shinji Ikari und trugen ihn vorsichtig ins Innere des Plugs, wo den ansonsten nackten Jungen in den vorderen Sitz schnallten – Akagi wollte selbst die minimalen Interferenzen durch den Stoff der PlugSuits vermeiden, sah man davon ab, dass die Anzüge eigentlich nicht dazu gefertigt worden waren, sie Bewusstlosen oder Schlafenden anzulegen. Sie verließen die Kapsel mit der Decke und eine weitere Gruppe brachte Rei Ayanami ins Innere.
„Wir haben ein Problem", vermeldete Zweihundertvierundsechzig über den Kapselfunk.
„Berichte."
Akagi spürte Adrenalin in sich hochwallen.
Statt Worten erfolgte eine Aktivierung der Bildübertragung – auf dem kleinen Bildschirm des Terminals war Shinjis nackter, von dem Kreuzgurt gehaltener Oberkörper zu sehen, der Kopf war mit einem Kinngurt an der Rückenlehne fixiert. Um besagte Rückenlehne herum hatten aber zwei blasse Arme gegriffen und hielten ihn nun von hinten umarmt.
„Die ältere Schwester hat unvermittelt auf die Nähe des Third Child reagiert."
Ritsuko seufzte.
„Sichert sie, so gut es geht – und befestigt die Verstärkerclips."
„Verstanden."
Kurz darauf verließen die letzten beiden Ayanamis die Kapsel. Während ihre Schwester ihren, zum Teil selbstgewählten Aufgaben nachgingen, blieb Eikyu im Kontrollraum.
„Oka-san, werden Sie die ältere Schwester wecken können?"
Akagi war nicht die einzige, die bei der Anrede zusammenzuckte.
Mutter…
- Aber sie gewöhnte sich langsam daran.
„Ich hoffe es. Die beiden haben sich genug ausgeschlafen."
Ritsuko wagte ein aufmunterndes Lächeln.
Bei ihr im Kontrollraum waren zudem die Technikerinnen Agano, Ooi und Mogami, sowie Doktor Soryu. Ritsuko hatte mehrere Mitarbeiter sehr kurzfristig aus dem Urlaub zurückbeordert, um das Testcenter angemessen bemannen zu können. Akagi vermisste in diesem Moment fast schon schmerzlich die anderen beiden Experten, die in den letzten Tagen an Projekt Schlafwandler gearbeitet hatten und die sich beide auf der Krankenstation befanden. Über das MAGI-System hatte sie den Behandlungsstatus Nakamuras und Peters' abgefragt. Nakamura hatte die Operation und die Nacht überstanden, so dass die Wahrscheinlichkeit gut anstieg, dass er sich erholen würde. Bei Peters würde gegen Mittag der fixierende Verband gelöst werden, den Erfahrungswerten nach verhärtete der bioorganische Klebstoff, mit dem seine Rippen wieder verbunden worden waren, binnen sechs Stunden. Mit etwas Glück konnte ihm dann am morgigen Tag die revitalisierte Hand wieder angenäht werden – Akagi hoffte, dass die Nervenverbindungen durch das LCL genug regeneriert werden konnten, dass der Vorgang möglichst wenig Spuren hinterlassen würde. Dennoch hätte sie zumindest den Leutnant jetzt gerne an einem der Terminals gehabt – und Maya ebenfalls, aber ihre frühere Assistentin hatte am vorherigen Abend einfach nicht so gewirkt, als wäre sie gegenwärtig sonderlich belastungsfähig.
„Mit Vorbereitungsphase beginnen", gab Ritsuko das Startzeichen.
„LCL-Einleitung beginnt", bestätigte Mogami.
Akagi tippte sich gegen das rechte Ohr und aktivierte ihr Headset.
„Zentrale, seid ihr da?"
„Höre dich laut und deutlich, Ritsuko", drang Misato Katsuragis Stimme aus dem Ohrstecker.
„Während der folgenden Tests kann es – wie besprochen – zu Leistungsabfällen im Rechnerverbund kommen. Die Notsysteme stehen bereit, um auszugleichen."
„Ja, ja, das hat mir Aoba auch eben erklärt."
„Dann muss ich mich ja nicht unnötig wiederholen."
„Fuyutsuki hat Kaji und mich gerade darüber unterrichtet, dass UN-Flug-20114 irgendwo über der arabischen Wüste oder so abgestürzt sei. Die Suche nach Überlebenden läuft noch."
Akagi lief es eiskalt den Rücken hinunter.
„Dann kann ich wohl einen Termin für heute streichen…"
„So ähnlich hat Kaji sich auch ausgedrückt. Aber ihr könntet stattdessen mir erzählen, was da läuft. – Und jetzt sieh zu, dass du Shinji-kun wachbekommst, ja? Wir achten hier schon auf deine Kisten, sollte einer der MAGI heißlaufen, bekommt er eine Ladung aus dem Feuerlöscher!"
„Untersteh dich, Colonel Katsuragi!"
Sie musste nicht das kurze Lachen hören, um zu wissen, dass Misato einen Scherz gemacht hatte.
„Eins noch – Aoba hat mir da eine Räuberpistole erzählt, die Ayanamis hätten dich vorhin als ‚Mutter' betitelt."
„Das stimmt."
„Hui… Was ist bloß aus unserem Pakt geworden, uns von Kindern fernzuhalten…"
„Den hast du damals gebrochen, als du Shinji-kun bei dir aufgenommen hast."
„Du übertreibst es aber dafür jetzt ganz schön. Ist dir eigentlich klar, wie es sich das auf deine Heiratschancen auswirkt?"
„Oh, Misato…" seufzte Akagi. „Du bist ein furchtbarer Mensch…"
„Weiß ich! – Und jetzt mach dich an die Arbeit, Frau-mit-den-sechs-Doktortiteln!"
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Ritsuko ließ sich auf die Lautsprecher in den Umkleidekabinen der Piloten legen und forderte Hikari und Kaworu auf, sich bereit zu halten.
*** NGE ***
In der Zentrale kratzte sich Makoto Hyuga unbewusst am Unterarm. Die Haut war bereits ziemlich gerötet.
*** NGE ***
Als Hikari die Umkleidekabine betrat, blieb sie plötzlich wie erstarrt stehen.
Auf der einen Bank saß eine bekannte Gestalt – Asuka Soryu Langley. Das rothaarige Mädchen hatte sein Haar zurückgebunden, so dass nichts die schwarze Augenklappe verdeckte oder genug Schatten warf, um das darum liegende Narbengewebe soweit zu verbergen, dass man es angenehm ignorieren konnte. Und Asuka trug ihre rote PlugSuit, auch wenn Hikari sie noch nie zuvor darin gesehen hatte. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand, hatte ein Bein ausgestreckt und das andere angezogen, wobei sie die Arme um das Knie geschlungen hatte.
„A-Asuka…" stotterte Hikari.
Die Rothaarige sah auf.
„Klassensprecherin."
Hikari wagte einen Schritt nach vorn in Richtung ihres Spinds.
„Was machst du hier?"
„Warten. Vielleicht werde ich gebraucht."
„Haben sie…"
„Ich hatte gestern Abend mein erstes Synchrontraining. Alles lief wunderbar."
Asukas Blick verschleierte sich.
„Und dann musste das mit Jörgi passieren…"
„Ich habe gehört, dass Leutnant Peters auf der Krankenstation ist."
„Ja… ich war zu spät. Ich hätte eher handeln müssen. Da lag dieser tote Mann vom Sicherheitsdienst. Ich nahm seine Waffe und… wartete… wartete, dass jemand kam, dass Verstärkung eintraf. Ich hätte gleich reingehen sollen. Dann wäre all das nicht passiert und Vier hätte nicht wieder leiden müssen."
„Ich verstehe nicht… ich weiß nicht ganz, wovon du redest."
Ein trauriges Lächeln umspielte Asukas Lippen.
„Ich weiß. Und ich hoffe, dass du es nie verstehen wirst."
Sie blickte zur Decke.
„Du solltest dich fertigmachen – falls es dir unangenehm ist, gehe ich in den Nebenraum oder auf den Flur."
Sie ließ ihr Bein von der Bank rutschen und setzte den Fuß auf den Boden auf.
„N-Nein. Es geht schon."
„Hm… Hikari, glaub mir bitte – wenn ich könnte, würde ich die Uhr zurückdrehen und alles ungeschehen machen."
„Du meinst, was gestern passiert ist… alles."
„Nein, alles. Ich habe so viel falsch gemacht, weil mich meine Wut verzehrt hat. Hätte ich damals etwas gezögert… wäre es mir nicht ausschließlich darum gegangen, den Engel zu besiegen, wäre dir vieles erspart geblieben."
„Oh, das… Asuka, ich erinnere mich an einen Lichtblitz und… Schmerzen… eine Woge, die mich in die Dunkelheit trug… und die sichere Erkenntnis, dass ich nun sterben würde. Und dann war da nichts mehr. Und als ich wieder erwachte, war ich schwach und konnte kaum einen Arm heben, geschweige denn laufen. Ich habe es überlebt." erklärte Hikari mit monotoner Stimme.
„Das ist gut… wenn man es überlebt… wenn man nicht nur wieder… funktioniert, sondern lebt…"
„Ja. – Ich möchte dir glauben, dass du Wiedergutmachung leisten willst, dass es dir leid tut. Ich kann vielleicht nicht vergessen, was du getan hast, aber ich kann es vergeben… aber solltest du uns etwas vorspielen… dann bringe ich dich um."
Mit jedem Wort war Hikaris Stimme kälter geworden, bis absolut kein Zweifel mehr bestand, dass sie es vollkommen ernst meinte.
Asuka nickte.
„Ich würde dir die geladene Waffe in die Hand drücken", flüsterte sie und schloss ihr Auge, lauschte dem Rascheln von Stoff und dem Zischen, mit dem die Luft aus der PlugSuit gepresst wurde. Dann lächelte sie.
„Ich wette, du hast Suzuhara gut im Griff. Ohne eine feste Hand baut der Bursche sicher nur Mist."
Hikari zögerte mit einer Antwort. Sie konnte weder Falschheit, noch Spott in Asukas Stimme spüren.
„Manchmal… hat er solche Anwandlungen."
„Jungs sind schon seltsam."
Aus dem Lautsprecher unter der Decke kam Doktor Akagis Aufforderung an Hikari und Kaworu, sich bereit zu halten.
„Ah… es geht los. Viel Glück, Klassensprecherin, rüttel die beiden ´mal kräftig wach, haben doch schon genug vom Unterricht verschlafen."
„Das… das werde ich, Asuka. Und du wartest hier?"
„Ja. Falls ihr Rückendeckung braucht – oder die beiden sich weigern aufzuwachen und ein paar virtuelle Tritte benötigen."
„Doktor Akagi meinte, es könnte keine Komplikationen geben."
„Ihr Wort in Gottes Ohr. Ein guter Freund von mir hat mal Murphys Gesetz so erklärt: Was schiefgehen kann, geht auch schief. Und je sicherer man sich ist, dass nichts schiefgehen kann, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass doch etwas passiert."
„In was für einer Welt lebt man, wenn man immer mit dem Schlimmsten rechnet?"
„Keine Ahnung… wahrscheinlich in einer Welt, in der einen nichts mehr negativ überraschen kann."
*** NGE ***
„Ich bin gleich zurück", meldete sich Shigeru Aoba bei Colonel Katsuragi ab, diese nickte nur, sah aber nicht von ihren Unterlagen auf, die sie von Kaji erhalten hatte.
Aoba verließ die Zentrale und suchte den nächsten Waschraum auf. Dort unterzog er sein Gesicht – insbesondere die Kinnregion – im Spiegel einer gründlichen Betrachtung, konnte aber nichts sehen, was den entsetzlichen Juckreiz begründet hätte, den er verspürte.
*** NGE ***
In der anderen Umkleidekabine saßen Kaworu Nagisa und Toji Suzuhara einander in ihren PlugSuits auf den Sitzbänken gegenüber und starrten Löcher in die Luft.
„Nagisa…"
„Toji?"
Im Gegensatz zu dem in Japan aufgewachsenen Suzuhara war Kaworu in Nordamerika aufgewachsen und hatte sich die dortige Art angeeignet, andere beim Vor-, statt beim Nachnamen anzusprechen.
„Hol Ikari bloß aus dem Reich der Träume zurück. Solche Wartezeiten nerven gewaltig. Zu dritt könnte man wenigstens Karten spielen."
Kaworu lachte.
„An dir ist ein wahrer Philosoph verlorengegangen, mein Freund."
„Das meint mein Vater auch manchmal – aber er fügt dann hinzu: Und hoffentlich finden sie ihn nie wieder."
„Ich werde mein Bestes tun und alles geben. Die meiste Zeit, die ich in Gegenwart von Ikari-kun und Ayanami-san verbracht habe, stand ich zwar unter der Kontrolle des Engels Tabris, aber ich erinnere mich an die offene Freundschaft, mit der er mir begegnet ist… auch wenn er eigentlich Tabris meinte. Es wäre schön, wenn ich mir diese Freundschaft sichern könnte."
„Ah, du bist ja doch nicht nur ein oller Griesgram."
Nagisa lehnte sich zurück.
„Der Engel hat mich wochenlang gelenkt wie eine Marionette. Ich war… ein Beifahrer im eigenen Körper… nein, nicht einmal ein Beifahrer, ich saß ganz hinten auf der Rückbank und zum Fahrer war eine dicke Trennscheibe."
„Du warst hilflos."
„Hilflos, zornig, verzweifelt…"
„Mir erging es so, als Hikari im Koma lag. Ich konnte nichts tun, nur zusehen, wie langsam ihre Kräfte schwanden. Aber Ikari, Ayanami und Doktor Akagi haben sie gerettet. – Also, solltet ihr auf Schwierigkeiten stoßen, dann zögere nicht, Unterstützung anzufordern, ich habe auch etwas gutzumachen."
„In Ordnung."
Kaworu streckte die Hand aus und Toji ergriff sie.
*** NGE ***
Matsuo Suzuhara nutzte seine erste kurze Pause nach der Besprechung mit seinem Team hinsichtlich der heutigen Versuche und anvisierten Fortschritte, um im LCL-Labor nach der Hand zu sehen. Da Doktor Akagi im Testcenter beschäftigt war, fiel es in seinen Aufgabenbereich, dieses Projekt im Auge zu behalten und erkennbare Veränderungen zu dokumentieren. Zudem hatte er über die Gerüchteküche erfahren, was am vorherigen Abend passiert war. Als langjähriger NERV-Angestellter kannte er natürlich auch Doktor Akagis frühere Assistentin Maya Ibuki, die sich allgemeiner Beliebtheit im Hauptquartier erfreute aufgrund ihrer freundlichen Art. Und da die Hand bei der Rettung Mayas aus großer Gefahr abgetrennt worden war – so sagten es jedenfalls die kursierenden Geschichten -, sah sich Suzuhara noch mehr in der Pflicht.
Was er vorfand, überraschte ihn aber doch – das LCL schien regelrecht zu kochen. Blasen stiegen innerhalb der Flüssigkeit an die Oberfläche und die Hand zuckte unkontrolliert. Auf dem Handrücken waren dunkle, wie glasiert wirkende Schlieren entstanden.
Suzuhara fluchte laut.
Dies machte zwei Assistenten aufmerksam, die im nächsten Labor am Werke waren und nun herbeieilten. Zusammen sicherten sie die Messergebnisse, während Suzuhara mit der langen Zange die Hand aus der Flüssigkeit holte und auf ein Stofftuch legte. Es zischte. Rauch stieg auf, als der Stoff zu verkohlen begann.
Suzuhara fluchte erneut, dieses Mal fiel einer der Assistenten mit ein. Erneut packte er mit der Zange zu und beförderte die Hand in ein kleines, LCL-gefülltes Becken, das er eigentlich für einen anderen Versuch mit einem S2-Fragment vorbereitet hatte. Der Assistent klopfte dabei die kleinen Flammen aus, die aus dem Tuch züngelten.
Die Hand krümmte sich im Becken, ein Dampfwölkchen stieg auf.
Der andere Assistent stand bereits mit einem Feuerlöscher bereit, als die Hand erschlaffte und das LCL sich beruhigte.
„Was zum…" murmelte Suzuhara, während er mit der Zange die abgetrennte Hand herumdrehte. Auf dem Handrücken hatte sich ein verschlungenes Muster gebildet, das ihn an ein Schriftzeichen erinnerte, wenn auch an keines, das er hätte lesen können…
*** NGE ***
Reika Ikari überprüfte die Justierungen von EXO-1 – zum vierten Mal innerhalb der letzten halben Stunde. Das Design der eiförmigen Kampfanzüge hatte Doktor Akagi von ihr erfahren, aber irgendetwas stimmt noch nicht ganz, fühlte sich noch nicht richtig an. Vielleicht lag es nur am Fehlen des PROPHET-Interfaces und der Möglichkeit, mit dem EXO zu synchronisieren, wie Reika es gewohnt war. Ein wenig hatte sie gehofft, durch die Mitarbeit an den EXOs ein Stück Heimat zurückzuerlangen, nur um wieder und wieder zu erkennen, dass es ihre Heimat, ihre Welt, nicht mehr gab. Stattdessen musste sie sich mit neuen Umständen arrangieren. Seltsamerweise fiel es ihr schwerer, den Rest der Welt zu akzeptieren als umgekehrt. Für die meisten NERV-Angehörigen war sie ein weiteres der Kinder, eine weitere Testpilotin, an deren Anblick man sich schon derart gewohnt hatte, dass man sich kaum noch Gedanken über die zweifelhaften moralischen Gründe für ihre Anwesenheit machte. Selbst die Yui Ikari dieser Welt schien sie akzeptiert zu haben. Und doch war ihr, als könnte sie nie wirklich hier Fuß fassen, als wäre sie ständig leicht aus der Phase und stünde einen Millimeter neben sich. All die eigentlich bekannten Gesichter, hinter denen sich völlig Fremde befanden… Menschen, denen sie im ersten Moment um den Hals fallen wollte, nur um sich zusammenzureißen und innezuhalten. Menschen, die sie bestens zu kennen glaubte, weil sie an ihrer Seite gekämpft… und gestorben… waren… und die doch völlig anders waren…
Gegenwärtig war es ruhig in der Werkstatt, einige Techniker werkelten an einem Greifarm. Doktor Akagi war im Testcenter, wenn alles gut ging, würde sie vielleicht heute Shinji Ikari aus seinem fast schon todesartigen Schlaf aufwecken. Shinji… ihr Bruder… ihr Gegenstück in dieser Realität, kein Mädchen, sondern ein Junge… der Gedanke hatte etwas Fesselndes. Die Frage ‚Was-wäre-wenn' besaß das Potential, sie stundenlang zu beschäftigen. Ein winziger Unterschied, ein Unterschied in einem Chromosomenpaar. Wie wohl Shinjis Leben verlaufen war, mit welchen Problemen er wohl zu kämpfen gehabt hatte…
Und dann musste sie sich eingestehen, dass sie sich vor seinem Erwachen fürchtete – was würde dann passieren, was würde mit ihr geschehen? – Gegenwärtig war Yui Ikari bereit, sie als Tochter zu akzeptieren, doch was würde sein, wenn ihr Sohn wieder unter ihnen weilte? Würde sie dann nicht rasch wieder abgemeldet und allein sein?
Reika barg ihr Gesicht in den Händen und ließ sich in den Pilotensitz der EXO-Einheit sinken, den Ort, der für sie zugleich Hölle und nun – paradoxerweise – Zuflucht war…
*** NGE ***
Akagi kratzte sich gedankenverloren. Die Haut an ihren Unterarmen juckte und fühlte sich trocken an – wahrscheinlich war sie im Rahmen der Forschungen mit einer Substanz in Kontakt gekommen, die eine Reaktion ausgelöst hatte. Im Geiste ging sie die diversen Stoffe durch, die sie bei der LCL-Forschung zuletzt eingesetzt hatte. Die LCL-Vorräte waren begrenzt, sie zu strecken, gehörte zu den vorrangigen Zielen. Gegenwärtig waren sie soweit, dass bei der Reinigung der Verlust unter 5% lag. Aber das war immer noch zu viel…
Welcher der Zusatzstoffe mochte diese Hautreizung ausgelöst haben… aber es war immer noch, wenn die Reizung bei ihr auftrat, als bei einem der Kinder infolge eines Ganzkörperkontaktes.
Ihr Blick klebte an den Anzeigen des Hauptmonitors, die gegenwärtig die Werte der Synchronverbindung von Plug-1 zeigten. Da war einmal die rotierende Helix der Synchronisation zwischen Shinji und Rei, ein geschlossenes System zwischen den beiden Insassen des Plug. Und dann war da die Kurve, welche für das MAGI-System und das VR-Konstrukt stand. Beide rückten zunehmend aufeinander zu.
„Ich glaub's nicht…" murmelte eine der Technikerinnen.
„Nachjustieren in folgenden Quadranten…"
Akagi gab ihre Anweisungen, als der Fortgang der Synchronisation ins Stocken kam, beobachtete, wie Regler bewegt wurden und die beiden Signale sich einander weiter näherten, als die Frequenzen aufeinander abgestimmt wurden.
Und schließlich war es Kyoko Soryu, die irgendwann nach mehr als zwei Stunden Millimeterarbeiter erklärte, dass es zum Kontakt zwischen dem Konstrukt und den Piloten gekommen war.
Ritsuko aktivierte die audielle Speicherfunktion des Protokolls.
„Phase 1 der Operation Schlafwandler beendet um 10:19 Uhr. Beginnen mit Phase 2."
Dann stellte sie die Lautsprecherübertragung zu den Umkleideräumen her.
„Fourth Child und Fifth Child ins Testcenter, Plugs vier und fünf bemannen."
*** NGE ***
Zwei Gestalten aus Licht beobachteten, wie langsam etwas in der Eingangskammer Nummer 1 des virtuellen Konstrukts materialisierte, eine Form mit vier Armen und Beinen und zwei Köpfen, die sich auf den nächsten Blick als zwei nackte, aneinander geschmiegte Körper erwies.
*Sie wirken so friedlich*, wisperte die Stimme der einen Gestalt. *Ich habe beinahe Zweifel, ob wir das Richtige tun.*
*Der menschliche Körper kann diesen Zustand nicht ewig aufrechterhalten. Die Logik diktiert, sie aufzuwecken*, entgegnete die andere Gestalt. Ihre Stimme klang weiblicher. *Sie haben noch ihr ganzes Leben vor sich.*
*Wir sollten uns zurückziehen.*
*Ja. Ich wollte sie nur noch einmal sehen.*
*Die Zweite…* sinnierte die männlichere Gestalt der beiden. Über seine konturlose Gestalt wanderten Lichter in unterschiedlicher Geschwindigkeit, auf der Oberfläche schienen sich Galaxien zu bilden und wieder zu vergehen.
*Irgendetwas stimmt nicht.*
Die andere Gestalt sah sich hastig um. Ihre Sinne überwanden die virtuellen Wände und durcheilten die Tiefen des MAGI-Systems.
*Ein Eindringling, Naoko.*
Fort waren Zweifel und Nachdenklichkeit aus der Stimme des anderen, waren schneidendem Stahl und Entschlossenheit gewichen.
*Dieselbe Signatur, die wir bereits in den Aufzeichnungen gefunden haben. Der Ausgangspunkt ist keine MAGI-Einheit… aber etwas sehr ähnliches…*
*Beginne mit Gegenmaßnahmen. Der Eindringling greift gezielt auf Speicherdaten zurück. Gegenmaßnahmen unzureichend.*
*Wolf, der Eindringling ist nicht allein! Da ist eine weitere Präsenz…*
Naoko verstummte. Aus dem Boden wuchsen kristalline Flechten und wanden sich um ihre Beine. Ihr Fluchtreflex lief ins Leere, ihr Avatarkörper löste sich nicht einen Lichtwirbel auf. Binnen weniger Momente umgab sie ein fester Mantel.
Ihr Begleiter wehrte sich heftiger, doch vergeblich, lediglich ein langer Riss innerhalb seines Kristallgefängnisses zeugte von seinem Kampf.
Dann kehrte Stille ein.
*** NGE ***
Matsuo Suzuhara hatte derweil Gewebeproben entnommen und analysieren lassen. Die meisten Proben waren menschlich, doch das den schwarzen Schlieren entnommene Material ließ sich nicht vollständig einordnen. Die Erkenntnis, dass es inaktiv und am ehesten mit Narbengewebe gleichzusetzen war, sorgte für Aufatmen, doch der Übereinstimmungswert von 99,89% mit menschlicher DNA ließ dann doch die Alarmglocken schrillen.
Suzuhara gab Bio-Kontaminationsalarm und eskalierte seine Daten zu Doktor Akagi – auf deren Terminal aber nie etwas ankam, nicht einmal eine kurze Mitteilung. Als nächstes alarmierte er die Zentrale, wurde aber vom MAGI-System ebenfalls nicht durchgestellt. Wenigstens konnte er den Leiter von Sektion-II erreichen und über seine Entdeckung informieren. Dann begann er mit dem Ergreifen eigener Maßnahmen…
*** NGE ***
Die Kontaktaufnahme mit dem Konstrukt verlief komplikationslos.
Eben war Hikari noch in Testplug-4 gewesen und fand sich im nächsten Moment innerhalb der virtuellen Realität wieder, welche Maya Ibuki und die NERV-Programmierer erschaffen hatten. Sie öffnete die Tür des Zugangsraumes und trat in den Hauptraum. Ihr Blick fiel auf zwei menschengroße Statuen aus Kristall in der Mitte des Raumes und sie verharrte.
„Die sind neu", kam es von rechts. Kaworu stand mit fragendem Gesichtsausdruck im Rahmen ‚seiner' Tür und musterte die Statuen. Eine war anscheinend weiblich, wenn man von der leichten Auswölbung im Brustbereich ausging, doch ansonsten gab es keine Einzelheiten. Beide wirkten unfertig.
„Kontrolle, wir haben etwas entdeckt – zwei Statuen."
„Nagisa-kun, könnten das… Ikari-kun und Ayanami sein?"
Kaworu stieß die Luft aus und trat an die beiden Statuen heran.
„Hoffentlich nicht… der Auftrag, sie aufzuwecken, ist schon recht schwammig… die können wir nicht wachrütteln…"
Hikari kam zu ihm, streckte eine Hand aus, berührte die eine Statue am Arm.
„Fühlt sich warm an."
„Kontrollieren wir zuerst die anderen Zugangsräume, ehe wir das Schlimmste annehmen."
Hikari zog aus dem Umstand, dass sie leicht nach oben sehen musste, um in die konturlosen Gesichter der Statuen blicken zu können, ihre eigenen Schlüsse.
„Sie sind zu groß."
„Hm, das auch… Ah!"
Kaworus Ausruf ließ Hikari herumfahren.
„Kontrolle – wir haben sie gefunden!"
Im nächsten Zugangsraum lagen zwei Gestalten, nackt und engumschlugen, Wange an Wange und so dicht beisammen, dass keine Hand dazwischen gepasst hätte.
„Ayanami…" flüsterte Hikari.
„Und Shinji-kun!" fügte Kaworu mit hochrotem Kopf hinzu, während er sich sichtlich bemühte, den Blick auf den Gesichtern der beiden Schläfer zu halten und ihn nicht tiefer wandern zu lassen.
Hikari schluckte und betrat den Zugangsraum, ging neben den beiden auf ein Knie.
„Ayanami… Rei… wach auf. Ikari-kun, genug geschlafen, aufwachen", flüsterte sie, sah wieder hoch.
„Uh… vielleicht lauter?" schlug Kaworu vor.
„Rei! Ikari-kun!" sagte Hikari mit normaler Lautstärke.
In Shinji Ikaris Gesicht zuckte ein Muskel unterhalb des Augenlides.
Kaworu drehte sich einmal suchend um die eigene Achse.
„Nagisa-kun, was ist los?"
„Weiß nicht… Ich dachte kurz, dass da noch jemand wäre…"
Zögernd näherte er sich den Schläfern und ging auf der anderen Seite in die Hocke.
„Eh, Shinji-kun, wach auf!"
Kaworus und Hikaris Blicke trafen sich.
„Ziemlich gesunder Schlaf. In Ordnung, Hikari, rütteln wir sie wach, ja?"
„Ich weiß nicht… ist es nicht schlecht, wenn man jemanden gewaltsam weckt? – Falls sich das auf die reale Welt überträgt…"
„Doc Ritsuko überwacht doch alle Werte, da kann kaum etwas schiefgehen. Also…?"
Er streckte die Hand aus, verharrte mit seinen Fingern aber unmittelbar über Shinjis Schulter.
Hikari nickte.
„Los."
Sanft legte sie die Hand auf Reis Schulter. Durch das Material des Handelementes der PlugSuit spürte sie kühle Haut. Sacht übte sie etwas Druck aus und schüttelte die schlafende Freundin leicht.
Kaworu war weniger rücksichtsvoll.
„Los, Shinji-kun, wach auf, ich habe für diese Gelegenheit extra Tabris' gebunkerte Süßigkeiten aufgehoben für eine Party…"
Ein tiefes Seufzen drang über Shinji Ikaris Lippen. Seine Augenlider zuckten und der Arm, mit dem er Rei umschlungen hielt, schien sie noch näher heran ziehen zu wollen.
Rei Ayanami öffnete die Augen, blinzelte verwirrt, riss sie dann voller Entsetzen auf.
Entsetzen erfasste auch Kaworu und Hikari, als plötzlich der virtuelle Raum um sie herum sich auflöste. Die Wände und der Boden bestanden plötzlich nur noch aus einem engmaschigen Gittermuster, hinter dem unzählige Lichter blinkten und umherrasten. Die Wände brachen gänzlich weg, das Muster des Bodens ordnete sich neu, fraktale Erhebungen entstanden. Und die beiden Piloten des Rettungsteams griffen ins Leere, als die Körper von Shinji und Rei verschwanden.
„Was zum…" stieß Kaworu hervor.
Mit rasender Geschwindigkeit formierte sich die Umgebung neu.
Fort war der Raum, fort die Statuen im Nebenraum, fort Wände und Decke und grauer Boden, stattdessen hockten sie nun auf einem gepflasterten Weg. Nach links und rechts erstreckte sich eine endlose, hohe Hecke bis zum Horizont, die nur direkt vor ihnen einen Durchgang aufwies. Sie blickten in einen Gang hinein, der zu beiden Seiten vom Grün der Hecke gesäumt wurde, in dem aber in unregelmäßigen Abständen Lücken waren, bis der Gang an einem weiteren Stück Hecke endete.
„Das sieht aus wie ein Labyrinth."
Hikari richtete sich auf.
„Aber warum… das ist nicht Teil von Doc Ritsukos Szenario."
Hikari deutete schräg geradeaus.
„Schau mal, da."
In der Ferne erhob sich ein Gebäude mit einem Kuppeldach, doch mehr konnten sie nicht erkennen, zu sehr blockierten die Hecken die Sichtweite.
„Haben die beiden vielleicht die Kontrolle über das System übernommen und wollen nicht geweckt werden?" Kaworu rieb sich nachdenklich das Kinn.
„Nagisa-kun, das ist schaffen wir nicht allein…"
Hikari legte den Kopf in den Nacken und schrie in Richtung des dunklen Himmels: „Holt uns hier raus!"
*** NGE ***
Leutnant Jörg Peters ging es schlecht. Zum einen hatte ihn mit dem Erwachen aus dem medikamenteninduzierten Schlaf die Erkenntnis um den Verlust seiner Hand mit voller Wucht getroffen – und irgendwie hatte er schon an seiner Hand gehangen -, zum anderen plagten ihn Kopfschmerzen.
Der Stationsarzt hatte seinen Kopf kurz durchgecheckt und alles für in Ordnung befunden. Unter ‚in Ordnung' verstand Peters allerdings etwas ganz anderes als ein mehrtöniges Summen und Pfeifen, das sich in seinem Kopf auszutoben schien. Und die ihm verabreichten Medikamente schienen zudem seinen Willen zu schwächen, denn auch sein Knie meldete sich mit einer Vehemenz wie selten, ohne dass es ihm gelingen wollte, die Schmerzen wie üblich in den hintersten Winkel seines Denkens zu verbannen.
Eine seltsam nervöse Schwester hatte ihm gerade Blut abgenommen und seine linke Ellenbogenbeuge in mehreren Anläufen durchlöchert, was seine Meinung von der Krankenstation nicht wirklich erhöhte, andererseits hatte eine andere Schwester ihm eine Massage seines Knies versprochen.
Maya hatte ihm auf seinen Wunsch hin seinen Laptop geholt, damit er ein wenig die Zeit nutzen konnte, jedoch war den ganzen Morgen über nicht weitergekommen – die Erkenntnis, dass er als Rechtshänder wohl auf die linke Hand umlernen musste, sofern Doktor Akagi nichts einfiel, war ziemlich frustrierend. So stand das Gerät auf dem Nachttischchen und bemühte er sich, Mayas Erzählungen zu lauschen. Diese saß an seinem Bett und erzählte ihm gerade von der Stadt, in der sie aufgewachsen war. Seltsamerweise nahm er das Summen nur wahr, wenn sie sich im Raum befand – vielleicht stimmte etwas mit seinem Gehör nicht oder vielleicht war seine Konzentration einfach zu sehr angegriffen. Auch fiel auf, dass sie sich immer wieder an den Handrücken kratzte, die rechte Hand war dort schon ganz rot.
„Wenn du so weiter machst, kannst du gleich hier ein Zimmer beziehen", versuchte Peters einen Scherz und deutete mit der Linken auf ihre Hände.
Maya sah nach unten. Es wirkte, als fiel ihr zum ersten Mal auf, dass sie drauf und dran war, sich blutig zu kratzen.
„Oh…"
„Vielleicht eine allergische Reaktion. Bist du in Doktor Akagis Räumen mit etwas in Kontakt gekommen? Vielleicht etwas auf dem Boden?"
„Ich glaube nicht."
„Hier gibt es doch Spezialisten für so ziemlich alles – sicher auch jemanden, der sich das mal ansehen könnte…"
Weiter kam er nicht, da in diesem Moment die Tür aufflog und Ryoji Kaji in Begleitung von drei Sektion-II-Agenten und zwei Ayanamis hereinstürmte und Peters in vier Pistolenmündungen starrte.
„Das ist eine seltsame Art, einen Krankenbesuch zu machen…"
Einer der Sektion-II-Männer trat neben das Bett und zog die Decke herunter, während ein anderer Maya mit sanfter Gewalt zur Tür bugsierte.
Kaji musterte mit unbewegtem Gesicht den Mann vor sich – blasses Gesicht, angestrengter Blick, hervortretende Kiefermuskeln, Krankenhausnachthemd, unter dem der Verband zu erkennen war, bandagierter rechter Unterarm, der in einem Stumpf endete, der Bereich um das rechte Knie, welches an eine Ruine erinnerte… - sein Vorsatz schwankte. Suzuhara von der wissenschaftlichen Abteilung hatte ihn darüber informiert, dass Peters' Hand Engel-DNA aufwies. Er hatte die Mitteilung zur Zentrale weitergeleitet, aber bisher keine Rückmeldung erhalten – und bisher war auch nicht Engelalarm gegeben worden.
„Leutnant, erklären Sie mir bitte, wie und wo Sie mit Engel-DNA in Kontakt gekommen sind."
„Was…"
Peters hob langsam die linke Hand und presste sie gegen die Schläfe.
„Engel-DNA?"
Maya starrte Kaji entgeistert an.
„Major, Sie scherzen doch…"
„Wo haben Sie ihr kleines Spielzeug?"
„Mein Werkzeug? – Sollte bei meinen Sachen sein."
Peters wollte sich aufsetzen, bemerkte aber die Anspannung bei den Männern in Schwarz und ließ sich zurücksinken.
„Ihre Hand hat beim Kontakt mit dem LCL eine seltsame Reaktion gezeigt. Eine Analyse hat eine Kontamination mit Engel-DNA erwiesen."
„Und jetzt glauben Sie… - Herr Kaji, Sie kennen mich doch."
„Deshalb bin ich auch so vorsichtig. Jörg, keine plötzlichen Bewegungen, wir warten auf die Ergebnisse ihrer Blutwerte."
„Ah, deshalb war die Krankenschwester so rabiat."
Er schielte zu der bläulichen Verfärbung, die sich in der Ellenbogenbeuge auszubreiten begann.
„Major, Sie können das Ganze etwas ruhiger angehen – ich bin derart mit Medikamenten vollgepumpt, dass ich nicht einmal sicher bin, ob das real ist oder ein Traum. Aber irgendwie schätze ich, dass meine Massage ausfallen wird."
*** NGE ***
Akagi ließ die Piloten gar nicht erst aussteigen. Die Bitte, aus dem Konstrukt geholt zu werden, war nur verzerrt über den Lautsprecher gekommen. Zum Glück funktionierte das von Jörg Peters angelegte Notfallprotokoll, mit dem die Synchronverbindung langsam heruntergeregelt und zugleich die Frequenzbänder getrennt wurden. Während Toji sich in Plug-6 bereitmachte, berichtete Kaworu – nun wieder deutlich gesammelt – von ihren Erlebnissen. Weder er, noch Hikari konnten glauben, dass eigentlich keine zwei Minuten seit ihrem Eintauchen in die virtuelle Realität verstrichen waren.
Ritsuko und Asukas Mutter reagierten ziemlich ungläubig auf die Schilderung des Heckenlabyrinthes und des Hauses auf dem Hügel, zumal sämtliche überprüfende Abfragen beim MAGI-System die Antwort lieferten, dass das Konstrukt unverändert bestehe und die Schläfer mit ihm synchronisiert waren. Dafür zeigten die Überwachungsmonitore des Lebenserhaltungssystems von Plug-1 Veränderungen in Form beschleunigter Herzschläge und Atmung. Auch erhöhte Hirnaktivitäten wurden angemessen. Akagi leitete die Daten direkt an das medizinische Überwachungsteam weiter, das bereit zum Eingreifen im angrenzenden Flügel der Krankenstation wartete. Als sie versuchte, die Zentrale zu erreichen, vermeldete das MAGI-System eine Überlastung, welche sie mit dem erhöhten Kapazitätenbedarf des Konstrukts in Verbindung brachte – eine Person zu synchronisieren, war für die Supercomputer ein Leichtes, doch mit jeder weiteren Person potenzierte sich der Aufwand. Alle sechs Plugs zu synchronisieren, würde das System wahrscheinlich an den Rand seiner Leistungsfähigkeiten und vielleicht darüber bringen. Es gab jedoch einen geheimen Trumpf, auf den Ritsuko Akagi baute – die Künstliche Intelligenz im Inneren des Systems, welche offenbar die Wesenszüge ihrer Mutter übernommen hatte. Die K.I. könnte imstande sein, kurzfristige Engpässe zu überbrücken und von innen heraus helfend eingreifen.
„Vielleicht haben die Schläfer Einfluss auf das Konstrukt genommen", ließ sich Kyoko plötzlich vernehmen. „Die ganze Thematik ist viel zu unerforscht, als dass man das von Beginn an ablehnen könnte."
Akagi sah die andere Wissenschaftlerin – die einzige echte Blondine im Raum – nachdenklich an. Kyoko Soryu besaß einen akademischen Titel in Genetik und Computerwissenschaften und war vielleicht mit einer der Menschen, die noch am ehesten in der Lage waren, einen Biocomputer wie die MAGI zu verstehen, welche menschliche Denkmuster und –prozesse nachahmten.
„Hikari, du meinst, zumindest Rei wäre aufgewacht?"
„Ich habe ihr in die Augen geblickt", bestätigte Hikari.
Ritsuko blickte auf den Monitor mit der Bildübertragung aus Plug-1. Die beiden Schläfer wirkten nicht mehr friedlich, vielmehr hatten sich ihre Gesichter zu Grimassen voller Entsetzen verzogen.
„Etwas sagt mir, dass wir uns beeilen müssen… - Wir beginnen sofort mit der Synchronisation."
Während ihre Mitarbeiter die Arbeit aufnahmen, sah Akagi eine Gestalt in einer roten PlugSuit auf dem Hauptsteg, die abwartend zum Kontrollraum hinaufblickte. Sie zögerte, sah zur Seite, öffnete dann die Sprechverbindung in die Halle.
„Asuka, Plug-2 und in Wartebereitschaft gehen."
Die Rothaarige nickte. Mit gemessenen, kontrollierten Bewegungen stieg sie in die Kapsel. Akagi beobachtete auf dem Monitor jeden Schritt, jeden Handgriff. Wo Hikari unsicher und etwas zittrig gewirkt hatte, vermittelte Asuka Entschlossenheit. Und wo Asuka früher immer in Ritsukos Erinnerung immer leicht vor Zorn zu beben geschienen hatte, waren nun Ruhe und Berechnung an die Stelle der fast spürbaren Wut getreten.
Akagi bemerkte, dass Kyoko Soryu sie anstarrte.
„Asuka ist den Messergebnissen nach die beste Pilotin, die wir haben. Sollte das System wegen Überlastung in die Knie gehen, wäre sie immer noch handlungsfähig genug, um die anderen herausholen zu können."
„Sie vertrauen ihr?"
„Sie nicht, Kyoko? – Es ist ihre Tochter."
„Asuka hat mir gebeichtet, was sie getan hat. Ich habe Angst, dass sie unter der Belastung zusammenbricht."
Akagi blickte auf die Monitore und kratzte sich die Unterarme, dass ihre Fingernägel lange, rote Striemen hinterließen.
*** NGE ***
Langsam, Seite an Seite, betraten Kaworu Nagisa, Hikari Horaki und Toji Suzuhara das Heckenlabyrinth. Aus der Nähe waren die Pflanzen knorrig und ineinander verstrickt. Die Blätter wirkten papierdünn und waren an den Rändern gezackt wie Sägeblätter, dazu kamen spitze, bösartig wirkende Dornen an den Ästen. Die Hecke hatte eine Höhe von vielleicht drei Metern, so dass keiner von ihnen hinüberblicken konnte – und aufgrund der Dornen und scharfen Blätter erschien auch der Versuch, sie zu überklettern oder sich einen Weg hindurchbahnen zu wollen, ohne Gartenwerkzeug wenig ratsam. Den dreien blieb nur, dem Pfad zu folgen, nur ging erst zur Linken ein Weg ab und endete das erste Gangstück an einer T-Kreuzung.
„Wir finden sicher schneller den Ausgang… und den Weg zum Haus..., wenn wir uns aufteilen." erklärte Kaworu.
„Und wenn wir auf weitere Kreuzungen stoßen?"
„Dann hält sich der- oder diejenige immer rechts, Toji. Wer vor einer Sackgasse steht, dreht um und verfährt nach demselben Prinzip. Und wir sehen zu, dass wir immer in Rufweite bleiben."
„Das gefällt mir nicht…"
Hikari hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Irgendwie war ihr kalt, obwohl sie keinen Luftzug spürte, so dass sie sich die Oberarme rieb. Unsicher sah sie von einer Abzweigung zur nächsten.
„Suzuhara und du können ja zusammenbleiben – aber wenn wir uns aufteilen, können wir schneller ein größeres Gebiet abdecken. Ich nehme die erste Abzweigung da hinten."
Kaworu joggte davon und verschwand um die Ecke.
„Nagisa-kun…"
Hikari streckte noch die Hand aus, um ihn aufzuhalten, ließ den Arm dann sinken.
„Oh, Suzuhara, mir ist das alles nicht geheuer."
„Glaubst du mir?" brummte der hochgewachsene junge Mann und blickte den linken und den rechten Gang hinunter. Beide machten nach ein paar Metern eine Biegung, so dass der weitere Verlauf nicht zu erkennen war.
„Aber er hat schon Recht – so finden wir vielleicht schneller ans Ziel."
Ohne Vorwarnung schloss er sie in die Arme und flüsterte in ihr Ohr: „Hikari-chan, ich hab vielleicht noch mehr Angst als du. Deshalb sollten wir Ikari und Ayanami schnell finden, damit wir hier wieder raus kommen."
Hikari hob eine Hand und legte sie auf seine Wange.
„Sei vorsichtig, Toji."
„Klar doch. Ich rufe immer wieder deinen Namen – und du rufst meinen, in Ordnung? – Und ab und an rufen wir nach Kaworu, damit jeder in etwa weiß, wo die anderen sind."
„In Ordnung."
Kurz berührten sich ihre Lippen, kurz zögerten sie, dann lächelten sie einander an und gingen in entgegengesetzte Richtungen.
*** NGE ***
Makoto Hyuga starrte auf seinen Monitor, kniff die Augen zusammen, vergewisserte sich, dass sich nichts geändert hatte.
„Captain, wir haben ein Problem", meldete er seine Entdeckung seinem Vorgesetzten, Shigeru Aoba.
„Was ist los, Hyuga-kun?" fragte Misato Katsuragi von ihrem weiter oberhalb auf der Brücke gelegenen Platz.
„Moment, Colonel."
Aoba lief zu Hyuga hinüber, ließ sich von diesem verschiedene Werte präsentieren.
„Wir haben einen stillen Alarm. Offenbar werden innerhalb des MAGI-Systems weitere Alarmmeldungen unterdrückt."
„Verständlich, Captain, bitte."
„Es sieht so aus, als hätten wir einen Hacker im System, Colonel. – Hyuga leitet bereits Gegenmaßnahmen ein."
„Hat Ritsuko nicht die Firewalls und das ganze Zeug nach dem Angriff erneuert und aktualisiert? – Ich dachte, unser System wäre sicher."
„Colonel", meldete Hyuga, „der Hacker ist offenbar auf dem normalen Wege mit einer legitimen Zugangskennung eingedrungen. Ich kann sie nur niemandem zuordnen."
„Colonel, was ist los?" kam es aus Misatos Rücken.
Katsuragi drehte sich um, sah nach oben.
„Hackerangriff auf die MAGI, Sir. Und es sieht so aus, als ob es unser Unbekannter ist."
„Ich dachte, der liegt in der Pathologie", murmelte Fuyutsuki. „Leutnant Hyuga, Captain Aoba – kümmern Sie sich um Gegenmaßnahmen, ich verständige Doktor Akagi… und Leutnant Ibuki."
Er griff nach dem Telefonhörer, runzelte die Stirn.
„Das Kommunikationssystem ist tot."
Der frühere Subkommandant deutete auf einen der anwesenden Techniker.
„Gehen Sie ins Testcenter, Doktor Akagi soll umgehend herkommen. Beeilung."
Seine Finger krampften sich um das Geländer des Kommandostandes. War das der Grund für das leichte Jucken in seinen Händen, ein Gefühl der Vorahnung?
„Der Eindringling scheint gezielt nach Daten zu suchen… das sind mehrere Bots, die das System durchforsten. So etwas bekommt nur ein Insider hin…"
Hyuga wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.
„Ich kann ihn an verschiedenen Stellen aufhalten, aber die MAGI selbst sind völlig inaktiv."
Mittlerweile waren alle diensthabenden Operatoren an der Aktion beteiligt.
Aoba sah kurz zu seinen Vorgesetzten.
„Wir stopfen quasi Löcher, aber überall tun sich neue Risse in der Abwehr auf."
„Machen Sie weiter – Akagi kennt sicher noch einen Weg…"
Und dann brach die Hölle los…
*** NGE ***
Major Ryoji Kaji zeigte einen für ihn unüblichen Charakterzug – Ungeduld.
Er hatte einen seiner Leute losgeschickt, um Ritsuko Akagi zu suchen, die sich seines Wissens im Testcenter aufhalten sollte, und einen weiteren, um nach dem Verblieb der Ergebnisse der Blutdaten zu fragen.
Mittlerweile war nahezu das gesamte interne Kommunikationssystem des Hauptquartiers ausgefallen, beziehungsweise vermeldete eine Automatenstimme, dass aufgrund einer zeitweiligen Überlastung keine Verbindungen hergestellt werden könnten. Kaji fühlte sich abgeschnitten und damit einhergehend hilflos – was nutzte ihm ein gutausgebildetes Team, welches auf nahezu jeden Notfall rasch reagieren konnte, wenn er nicht erfuhr, falls es in den weitläufigen Gängen und Hallen der Anlage tatsächlich zu einem Zwischenfall kam. Hinzu kamen Zweifel, überhaupt am richtigen Ort zu sein – vielleicht hatte sich der Wissenschaftler geirrt, der ihn informiert hatte, vielleicht hatten die offenkundig überlasteten Rechner ein verfälschtes Ergebnis ausgeworfen… vielleicht, vielleicht, vielleicht… vielleicht war der Mann, der mittlerweile aufrecht auf dem Bett saß, das linke Bein angewinkelt, den rechten Unterarm auf dem rechten Unterschenkel ruhend, aber auch eine fünfte Kolonne der Engel, der Repräsentant irgendeines perfiden Notfallplanes, falls LILLITH es sich anders überlegen sollte und die Menschen doch nicht mehr für ihr Tun verschonen wollte. Er stellte Vergleiche mit dem Fall Nagisa/Tabris an – jemandem, der Kaworu Nagisa vor seiner Übernehme durch den Engel Tabris gekannt hatte, wären die Unterschiede in seinem Verhalten mit ziemlicher Sicherheit aufgefallen, doch damals hatte sich niemand dafür interessiert. Und er selbst war mit ganz anderen Dingen beschäftigt gewesen, seinem persönlichen Kreuzzug... Jörg Peters dagegen kannte er schon seit Jahren – seitdem er ihn damals überprüft hatte, als Asuka einen Nachhilfelehrer gebraucht hatte. Ironischerweise war Kaji derjenige gewesen, der im Rahmen dieser Überprüfung empfohlen hatte, Peters für NERV zu rekrutieren. Sein Riecher war diesbezüglich völlig korrekt gewesen, letztendlich war es auch Peters' positivem Einfluss zu verdanken gewesen, dass Asuka sich zu einer Top-Pilotin entwickelt hatte. Doch nun fragte der Major sich, ob sich der Kreis vielleicht schloss und ihn die Vergangenheit einholte.
Die Kombination aus Armstumpf und vernarbten Knie und dem dunkel verfärbten Gewebe ober- und unterhalb des Gelenkes wirkte hochgradig anklagend, als wollte der andere ihm vermitteln: Hier sitze ich, ich habe eine Hand für deinen Verein geopfert, ich bin keine Bedrohung und dennoch stellst du mich bloß und richtest eine Waffe auf mich.
Dass Maya seine Anweisungen ignoriert und das Kopfteil des Bettes hochgestellt hatte, war für Kaji noch durchaus zu verschmerzen gewesen, er hatte Dana Ayanami nur signalisiert, Maya notfalls mit Gewalt aus dem Raum zu schaffen, sollte die Lage eskalieren.
Kurz schwenkten seine Gedanken zu Dana und Foxy Ayanami. Die beiden sogen alle Arbeitstechniken des Sicherheitsdienstes regelrecht in sich auf. Da Sektion-II auch als der Geheimdienst von NERV bezeichnet wurde, der zu Kommandant Ikaris Zeiten auch durchaus für diesen die Drecksarbeit erledigt hatte, bezeichnete Kaji die Ayanamis insgeheim als seine beiden Doppel-Null-Agenten. Zugleich konnte er ein gewisses Unbehagen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, dass sie wahrscheinlich auch ohne deutlich zu zögern einen Mordauftrag ausgeführt hätten, solange dieser nur von einer in ihren Augen autorisierten Stelle kam – umso deutlicher und dringender sah er den Bedarf darin, den Ayanamis moralische Werte zu vermitteln, und sah ein, dass er vielleicht nicht wirklich das ideale Vorbild dafür war.
Der von Kaji ins Labor geschickte Spezialist kehrte in Begleitung eines Wissenschaftlers zurück. Kajis Blick fiel zuerst auf das Identifikationsschildchen über der Brusttasche des Kittels des Mannes – Suzuhara, Matsuo, S2-Labor, Abteilungsleiter. Das war also der Mann, der ihn über die Lage in Kenntnis gesetzt hatte – vielleicht zwei Zentimeter kleiner als Kaji, dafür etwas breiter im Schulterbereich, volles dunkles Haar, dunkle Augen, leicht schiefe Nase – wahrscheinlich in der Jugend einmal zu offen gebrochen -, helle Narbe am Kinn, auf den erste Blick nicht unsympathisch. In einer Hand hielt er ein Klemmbrett, ohne das Akagis Leute anscheinend nicht leben konnten – Kaji gestattete sich die Vermutung, dass die Klemmbretter wahrscheinlich nur zum Duschen und Schlafen aus der Hand gelegt wurden -, und in der anderen eine Spraydose.
„Herr Suzuhara, Sie haben uns verständigt?"
„Äh, ja… Major."
Der Wissenschaftler hielt Kaji das Klemmbrett hin.
Der Leiter des Sicherheitsdienstes sah nur Zahlen und Diagramme.
„Fassen Sie bitte zusammen."
Suzuharas Blick fiel auf Peters, den Stumpf, das Knie. Plötzlich war seine Nervosität fast greifbar.
„Die Blutwerte sind normal. Abgesehen von den Medikamenten, die… Leutnant Peters… verabreicht wurden, ist sein Blut sauer, keine Abweichungen, keine Spuren von Engel-DNA."
Kaji konnte den Ausdruck in Peters' Gesicht nicht übersehen: Ich habe es Ihnen doch gesagt.
„Dann berichten Sie mir, warum wir hier sind."
„Leutnant Peters' Hand hat eine merkwürdige Reaktion beim Kontakt mit dem LCL gezeigt."
Peters stöhnte unterdrückt auf.
„Was haben Sie mit meiner Hand gemacht?"
Er hob den rechten Arm.
„Die soll da eigentlich wieder dran laut Doktor Akagi."
„Jörg…"
Maya legte ihm die Hand auf die Schulter. Die Haut war tiefrot verfärbt und schien leicht zu pulsieren, doch darauf achtete niemand. Dana Ayanami spannte sich nur an, um gegebenenfalls ihren Anweisungen nachkommen zu können.
Suzuhara schluckte, sichtlich aus dem Konzept gebracht.
„Ahm, ja, die Hautoberfläche weist leichte… Verätzungen auf, als hätte sich etwas in die oberen Hautschichten eingebrannt, das erst im Kontakt mit dem LCL sichtbar wurde."
„Also eine oberflächliche Dekontamination", murmelte Peters laut. „Sie müssen eine Dekontaminationsmethode entwickeln und dann systematisch verbreiten. Als erstes gilt es, die Quelle festzustellen, damit wir wissen, wer damit in Kontakt gekommen ist und wie weit es sich verbreitet haben kann."
Sah man von dem ständigen Hintergrundsummen und –pfeifen ab, war sein Kopf schlagartig klar und zerriss der Schleier aus Schmerzmitteln. Die wahrgenommenen Töne waren mittlerweile fast verständlich, er konnte einen Rhythmus erkennen, sich wiederholende Höhen und Tiefen – aber er hütete sich, dies anzusprechen, da die Lage schon nervös genug wirkte.
Der andere Wissenschaftler nickte eifrig.
„Soweit bin ich auch schon. Bis Doktor Akagi die Leitung übernimmt, läuft Notfallprotokoll-5. Leutnant, Ihren linken Arm, bitte."
Suzuhara hob seine Sprühdose.
„Hier drin ist LCL auf Aerosolbasis, eigentlich ein Desinfektionsmittelprototyp, aber wir sollten damit feststellen können, wie weit Sie kontaminiert sind."
„Wollen Sie mir jetzt die andere Hand wegätzen?"
„Die Konzentration ist nur sehr schwach."
Peters schluckte, hielt Suzuhara dann die gesunde Hand hin.
„Machen Sie keinen Mist."
Mit zusammengebissenen Zähnen lauschte er dem leisen Zischen und beobachtete, wie feiner Nebel sich auf seiner Haut niederließ. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet.
„Nichts, nicht einmal ein Kitzeln."
Demonstrativ fuhr er sich mit dem feuchten Unterarm über das Gesicht.
„Rein gar nichts."
Innerlich atmete er auf. Einen entsetzlich langen Augenblick hatte er sich gefragt, was er tun sollte, sollte sich der Verdacht als wahr erweisen. Ihm wurde bewusst, dass die Hintergrundgeräusche weiter an Qualität gewonnen hatten – es klang nun wie ein Flüstern und Wispern in einer ihm unbekannten und zudem noch unverständlichen Sprache. Und er konnte sogar die Richtung ausmachen, aus welcher dieses Flüstern kam.
Kaji ließ die Waffe sinken und atmete auf.
Jörg Peters sah Maya entsetzt an, öffnete den Mund.
Und dann brach die Hölle los…
*** NGE ***
Langsam, fast schleichend, bewegte sich Hikari durch das Labyrinth, blieb an jeder Biegung stehen und lauschte kurz, rief immer wieder Tojis Namen und horchte auf die Antwort ihres Freundes. Noch klang er recht nahe, während Kaworus Rufe aus weiter Ferne kamen.
Wieder bot sie um eine Kurve – und fand sich in einer Sackgasse wieder. Seufzend drehte sie sich um, um den Plan in die Tat umzusetzen, zur letzten Abzweigung zurückzugehen und sich dann rechts zu halten.
Da verlor sie den Boden unter den Füßen und stürzte in die Tiefe – Hikari fiel regelrecht durch die Welt, passierte eine gut einen Meter dicke erdartige Schicht und fiel dann durch unendliche Schwärze, während über ihr ein rechteckiges Feld immer kleiner wurde.
Ihr Schrei verhallte im Nichts und schließlich stürzte die Schwärze auf sie ein und raubte ihr das Bewusstsein.
Sie erwachte nach einer ihr unbekannten Zeitspanne in einem Krankenzimmer.
Hikari wollte erleichtert aufatmen – offenbar hatte man sie aus der virtuellen Realität geholt und in einem Zimmer der Krankenstation untergebracht -, musste aber feststellen, dass sie keine Kontrolle über ihren Körper hatte. Sie konnte nur die Augen und die Lider bewegen, während der Rest nicht reagierte. Sie versuchte, etwas zu sagen, bekam aber nicht einmal ein Krächzen heraus.
Ihre Atmung wurde hastiger, als Panik in ihr aufstieg und ihr Herz schneller schlug. Das war dem Zustand nach dem Bardiel-Zwischenfall viel zu ähnlich – auch wenn sie sich daran nicht wirklich erinnern konnte.
Offenbar saß sie aufrecht. Sie konnte in ihrem Rücken eine Lehne spüren, wahrscheinlich das hochgestellte Kopfteil des Bettes. Sie konnte ihre Füße sehen, sie trug immer noch die PlugSuit. Zwischen dem Fußende des Bettes und der nächsten, kahlen Wand befand sich ein schmaler Gang. Am Rand ihres Blickfeldes konnte sie eine Tür sehen, auf der anderen Seite befand sich ein Fenster mit einer undurchsichtigen Milchglasscheibe.
Eine gefühlte Ewigkeit lang gab es nur ihren hastigen Atmen, das Hämmern ihres Herzens und das Rauschen des Blutes in ihren Ohren. Keine anderen Geräusche drangen an ihr Ohr, welche auf einen Krankenhausbetrieb hingedeutet hätten. – Dann bemerkte sie, dass sie den Ringfinger ihrer rechten Hand etwas bewegen konnte. Hikari konzentrierte sich ganz auf diesen Teil ihres Körpers, bis sich der außerhalb ihres Blickfeldes befindliche Finger tatsächlich wenige Millimeter bewegte und sie nun auch die übrigen Finger besser spüren konnte. Hoffnung kehrte in sie zurück.
Knarrend schwang die Tür auf. Es war ein unheimliches Geräusch, das ihr einen Schauder den Rücken hinunterjagte. Ein eisiger Luftzug strich über ihre linke Wange und ließ sie frösteln. Hikari musste extrem die Augen verdrehen, um mehr von der Tür sehen zu können – der Rahmen schien nicht zu einem gewöhnlichen Durchgang zu gehören, sondern der Zugang zu einem endlosen schwarzen Tunnel zu sein.
Dann hörte sie laute, schnaufende Atemgeräusche und schwere, schleppende Schritte.
Ihr Herzschlag wurde wieder schneller.
Das war kein normales Krankenhaus…
Die Schritte kamen näher, doch sie konnte nichts sehen, keine Konturen in der Schwärze an der Peripherie ihres Blickfeldes ausmachen.
Kein normales Krankenhaus… so etwas sollte es gar nicht geben… nicht in der normalen Welt… mit dem letzten Gedanken traf sie die Erkenntnis wie ein Blitzschlag – sie war immer noch in der virtuellen Realität!
Die Finger ihrer rechten Hand ließen sich mittlerweile vollständig krümmen. Sie ließ die Hand wie ein Insekt zur Seite wandern, Richtung Bettkante, erreichte mit den Fingerspitzen die Kante der Matratze und das metallene Bettgestell. Ihre Finger umfassten den Rahmen, rüttelten schwach daran. In den Rest ihrer Hand kehrte das Gefühl zurück, sie konnte schwach ihren Unterarm wieder spüren.
Die Schritte und die Atemgeräusche näherten sich weiter. Der Luftzug hatte nun etwas Pulsierendes, als würde sie der Atem eines Riesen streifen. Es roch säuerlich.
Hikari kämpfte gegen die aufsteigende Panik an, zwang sich, ruhiger zu atmen.
Sie war Hikari Horaki. Sie war die Klassensprecherin der 3-A – auch wenn es keinen wirklichen Wahlkampf mangels interessierter Mitschüler gegeben hatte, der Klassenverband eigentlich nicht mehr existierte und sie wahrscheinlich das angebrochene Schuljahr wiederholen musste, wenn Tokio-3 auf denselben Unterrichtsrhythmus einschwenkte wie der Rest Japans. Sie war eine EVA-Pilotin, selbst wenn sie eigentlich bisher jede Einheit, die sie in einem Gefecht gesteuert hatte, verloren hatte. Sie war Tojis Freundin, auch wenn sie oft nur damit beschäftigt war, ihn zur Ordnung zu rufen. Vor allem aber würde sie nicht von einem Computer fertig machen lassen!
Hikari presste die Kiefer zusammen, registrierte, dass die Muskulatur tatsächlich gehorchte! Auch ihre Füße ließen sich etwas bewegen. Unter Einsatz ihres ganzen Willens drehte sie den Kopf ein Stück, konnte nun besser zur Tür blicken.
Da war ein Umriss in der Schwärze, eine glänzende schwarze Gestalt, die noch schwärzer war als die unendliche Finsternis. Immer mehr Konturen schälten sich heraus. Es war ein Mensch, doch kein richtiger, sondern eher ein Schwarzweißnegativ. Es war hätte ein Arzt sein können, nur trug er einen schwarzen Kittel und eine schwarze Kappe, glänzte die Haut schwarz und waren seine Augen hinter schwarzen Gläsern verborgen.
Die Furcht wurde wieder stärker, widerstand Hikaris Bemühungen, sie in den Griff zu bekommen. Langsam öffneten sich ihre Lippen zu einem stummen Schrei, da ihre Stimmbänder immer noch gelähmt waren.
Der Schwarze Mann schien mit den Fingern zu schnippen, doch in Wirklichkeit klappte er ein Rasiermesser mit glänzender schwarzer Klinge auf. Noch war die Klinge zu Boden gerichtet und doch bannte sie Hikaris Blick. In ihrem Kopf glaubte sie, Tojis Stimme zu hören, wie er ihr berichtete, was wohl in Doktor Akagis Arbeitsräumen vorgefallen war, dass dort ein Wahnsinniger mehrere Angehörige des Sicherheitsdienstes mit so einem Messer getötet und zerlegt hätte und auch Leutnant Peters teilweise in Streifen geschnitten hätte. Sie hatte Suzuhara furchtbar ausgeschimpft, ihr so eine Schaudergeschichte zur Nacht zu berichten. Nun glaubte sie fast schon, die kalte, schlitzende Berührung der Klinge zu spüren, wie diese erst die PlugSuit und dann die Haut und das darunterliegende Gewebe durchdrang.
Ihre Finger schlossen sich fest um das Rohr des Bettgestells, begannen es zu drehen.
Der Schwarze Mann blieb neben dem Bett stehen, musterte Hikari heftig atmend. Er hob die freie Hand, ließ sie auf ihre Schulter fallen, fixierte mit Daumen und Zeigefinger ihren Kopf, dann hob er langsam die andere Hand mit dem Messer.
Das Rohrstück löste sich. Hikari schwang es wie eine Keule. Als fiele ein Bann von ihr ab, war es ihr nun auch möglich, den linken Arm zu bewegen, so dass sie ihre Waffe mit beiden Händen umfassen konnte. Wuchtig schlug sie nach dem unwirklichen Mann. Bei Kontakt gab es ein reißendes Geräusch – ihr Schläger hinterließ große Einbrüche in seiner Gestalt, als wäre er hohl und bestünde sein Äußeres aus einer Schicht Pappe. Ohne nachzudenken schlug sie erneut zu, bemerkte gar nicht groß, dass sie mit jedem Schlag die Kontrolle über ihren Körper weiter zurückgewann, bis sie schweratmend neben einem Berg Pappfetzen stand.
Hikari starrte auf das Rohr in ihren Händen, registrierte, dass es sich in Wirklichkeit um einen Baseballschläger handelte, umfasste den Griff mit neuer Kraft und fragte sich, inwiefern sie ihrerseits diese falsche Realität beeinflusste. Hatte der Umstand, dass sie früher im Mädchen-Baseballclub der Schule gespielt hatte, ihr diese Waffe verschafft? Oder hatte sie zuerst ein Rohr in der Hand gehabt, das sich dann ihrem Unterbewusstsein folgend in einen Schläger verwandelt hatte? – Die Gedankengänge waren müßig und führten zu nichts. Sie musste sich auf die Gegenwart konzentrieren…
Der finstere Durchgang ließ sie schon beim Hinsehen frösteln. Sie trat langsam ans Fenster, erfreute sich am Prickeln in ihren Beinen als Zeichen, dass die Durchblutung wieder funktionierte, öffnete das Fenster. Dahinter befand sich eine Wand…
Wieder sah sie zur Türöffnung. Alles in ihr sträubte sich dagegen, diesen Ausgang zu benutzen. Er erschien ihr einfach… falsch…, so als lägen dahinter nur weitere Albträume und Hirngespinste.
Frustriert schlug sie mit dem Schläger gegen die Wand – normalerweise hätte sie sich so nicht gehenlassen, hätte sie befürchten müssen, von jemandem beobachtet zu werden – und verharrte. Das Geräusch, welches sie produziert hatte, war nicht richtig gewesen. Sie drehte den Kopf.
In der Wand war eine Delle von der Form ihres Schlägers.
Hikari blickte auf ihren Schläger, dann wieder zur Wand, wieder zum Schläger, umfasste den Griff mit beiden Händen und begann, kräftig auf die Wand einzuschlagen, die unter ihren Schlägen langsam nachgab und schließlich einriss. Sie hielt erst inne, als die Öffnung groß genug war, um hindurchzusteigen, ehe sie durch das geschaffene Loch in den Nebenraum schlüpfte – der nächsten Überraschung entgegen…
*** NGE ***
Im Kontrollraum des Testcenters herrschte angespannte Stille. Alle lauschten mehr oder weniger unbewusst und warteten darauf, dass die Stimmen der Piloten aus dem Lautsprecher drangen und berichteten, was sie wahrnehmen. Doch auch nachdem Akagi die Lautstärke höhergestellt hatte, war nur statisches Rauschen zu hören. Dafür war auf den Bildübertragungen eine Veränderung zu erkennen – die Gesichter der drei Piloten zeigten eine Mischung aus Anspannung, Anstrengung und Furcht…
„Das sieht nicht gut aus", flüsterte Kaede Agano. In der vorherrschenden, konzentrierten Stille hatte jedes Wort etwas von einem Paukenschlag. „Wir sollten sie rausholen."
„Dafür sind die Gehirnaktivitäten zu hektisch. Alle drei – und auch die beiden Schläfer – befinden sich in tiefer Interaktion mit dem Konstrukt."
Aoi Mogami schob mit einem Finger ihre Brille die Nase hinauf.
„Das stimmt leider."
Kyoko Soryus Stimme bebte.
„Wenn wir die Verbindung jetzt unterbrechen, könnte es ihnen die Synapsen herausbrennen. Sie sind viel zu unruhig…"
Akagi war dabei, die Bedingungen in der Plugs zu regulieren.
„Wenn wir das Timing hinbekommen, sie ruhigzustellen und zugleich die Synchronverbindung runterzuregulieren, sollte es keine bleibenden Schäden geben. –Agano, geben Sie mir bitte die Datensticks aus dem Datensafe. Leutnant Peters hat bereits ein Programm vorbereitet, um das System beschleunigt herunterzufahren."
Sie hielt inne, wurde leiser.
„Kyoko, jemand muss sich ins System begeben und die drei darüber in Kenntnis setzen, dass es hinausgeht und sie sich beruhigen müssen."
„Sie wollen Asuka…"
„Es muss sein. Wir haben keine andere Möglichkeit zur Kontaktaufnahme."
Ritsuko kniff die Augen zusammen. Ihre Arme juckten unerträglich. Und sie genau hinhörte, glaubte sie, in dem statischen Rauschen ein leises Flüstern wahrzunehmen.
„Ich glaube…"
Sie rieb sich die Augen.
„Wenn wir…"
Akagi schüttelte benommen den Kopf. Ihre Umgebung begann zu verschwimmen. Soryu stand mit unendlicher Langsamkeit auf, war plötzlich in einem Wirbel von Bewegungen neben ihr, legte ihr die Hand die Schulter, dass Ritsuko glaubte, unter der sengendheißen Berührung zu schmelzen. Sie atmete flüssigen Teer ein und Farbwirbel aus.
Irgendwo im hintersten Winkel ihres Geistes war ihr klar, dass etwas nicht stimmte, dass ihre Sinneswahrnehmung verrücktspielte.
„Soryu… Sie… haben… Kommando…" stieß Akagi hervor und verdrehte die Augen.
Kyoko fing Akagi auf, als diese zur Seite wegkippte, stieß dann einen leisen Schrei aus, als sie Akagis dunkelverfärbte Hände sah.
„Ooi, bringen Sie Doktor Akagi auf die Krankenstation, das sieht mir nach einer biologischen Hautreizung aus. Etwas scheint das Nervensystem anzugreifen… - falls jemand hier über ähnliche Beschwerden klagt…"
Sie sah in die Runde, atmete auf, als keiner reagierte.
Die blonde Satsuki Ooi trat an Doktor Soryus Seite und griff Akagi unter der Achsel. Ooi war eine durchtrainierte junge Frau, die in ihrer Freizeit Kampfsport betrieb. Dennoch wurde sie von Akagis gewalttätiger Reaktion ziemlich überrascht – die leitende Wissenschaftlerin bäumte sich unvermittelt auf und riss sich los, dass Soryu und Ooi automatisch auf Abstand gingen.
Ritsuko Akagi stand vorgebeugt da, die Augen aufgerissen, die Pupillen geweitet. Ihr Atem ging heftig und über ihre Lippen drangen blubbernde Laute. Mit einer Hand griff sie sich in den Nacken und stieß einen Schmerzenslaut aus, während sie die Fingernägel tief in die Haut grub – dort, wo Gendo Ikari sie mit ADAMs Mal gezeichnet hatte vor über anderthalb Monaten. Ihre Finger waren blutig, als sie sie zurückzog und wie gebannt anstarrte.
Satsuki handelte – mit einer Handbewegung hatte sie ihren Gürtel geöffnet und aus den Schlaufen gezogen, mit einer fließenden Bewegung stand sie neben Akagi und packte ihre Arme, drehte sie ihr auf den Rücken und wickelte den Gürtel um ihre Handgelenke. Ritsuko stieß kehlige Laute auf. Im Nackenbereich verfärbte sich der Stoff ihres Kittels langsam blutrot.
„Erste Hilfe-Kasten!" brüllte Ooi.
Aoi Mogami holte das Gewünschte aus der Nische unter dem Feuerlöscher und klappte den Behälter noch in der Bewegung auf, während Ooi ihre Vorgesetzte nach vorn drückte. Zögernd griff nun auch Kyoko zu und zog Akagis Schultern nach unten, wobei sie zugleich den Kragen von Laborkittel und Bluse zurückschob. – Und scharf die Luft einsog: Akagi hatte sich ein breites Stück Haut aus dem Nackenbereich gerissen und ein stark blutende Wunde geschaffen.
„Halten Sie still", zischte Ooi, der die Anstrengung anzusehen war, mit der sie Akagi fixierte.
Soryu presste ein Stück Verbandsstoff auf Akagis Verletzung und befestigte dieses mit mehreren Pflastern mehr schlecht als recht.
Akagi bäumte sich auf, stieß den Kopf von unten kommend gegen Kyokos Kinn, dass diese benommen zurücktaumelte.
„AaaaDAaaaaM", röhrte Akagi. Und dann, etwas verständlicher: „Engelalarm…"
Kyoko fing sich an einer Sessellehne, schüttelte den Kopf, um die Benommenheit loszuwerden.
„Mama, was ist bei euch los?" drang es aus dem Lautsprecher. Auf dem dazugehörigen Monitor war zu sehen, dass Asuka ihren Kreuzgurt öffnete und den Pilotensitz von Plug-2 verließ.
„Asuka, bleib auf Position", keuchte Doktor Soryu. Ihre Lippe blutete. „Wir haben alles im Griff."
„Was soll ich mit ihr machen?"
Satsuki Ooi hielt Akagi fest umklammert, drückte ihr mit einem Unterarm die Luft ab, was nur langsam zu einer Beruhigung bei der Chefwissenschaftlerin führte.
„Sperren Sie sie in Peters' Büro. Mogami, helfen Sie Ooi. Agano, verständigen Sie die Krankenstation."
Soryu nahm nur aus den Augenwinkeln wahr, wie die beiden Technikerinnen Akagi hinausbugsierten, während sie selbst die Alarmprotokolle aufrief und zugleich Dekontaminationsalarm und Engelalarm ausführen ließ.
*** NGE ***
Plötzlich brüllten Makoto Hyuga, Shigeru Aoba und drei weitere Techniker der Brückencrew gequält auf. Misato Katsuragis Hand lag auf dem Griff ihrer Waffe, noch während sie die Lage zu überblicken versuchte.
Hyuga kniete auf dem Boden, die Hände wie anklagend zur Decke gestreckt. Aoba wankte orientierungslos zwischen den Terminals und die Techniker saßen nur da. Der eine presste sich die Hände seitlich gegen den Schädel.
„Leute, was ist mit euch los?"
Katsuragi lief zu Aoba, verhinderte im letzten Moment, dass dieser blind gegen die Brüstung stieß und vielleicht kopfüber auf eine tiefere Ebene des Raumes stürzte.
„Shigeru…"
„Colonel… er ist in meinem Kopf…" flüsterte Aoba.
„Wer?"
„Ah… sein Flüstern… so laut… Helfen Sie mir!"
Aoba griff blind nach Misatos Jacke, packte ihren Ärmel mit einer solchen Kraft, dass der Stoff an der Naht einriss.
Hyuga kam auf Knien herangerutscht, warf sich nach vorn, um Misatos Beine zu umklammern. Sie wich im gerade so aus.
„Hyuga-kun, Aoba-kun, was habt ihr?"
„Colonel", ächzte Fuyutsuki, „ich gebe Engelalarm."
Sie blickte nach oben, erkannte, dass der Interimskommandant offenbar unter denselben Symptomen litt wie die übrigen, sich aber immer noch im Griff hatte.
Misato brüllte ihren persönlichen Kommandocode in Richtung der MAGI-Rechner, gefolgt von dem Wort „Kontaminationsalarm" und der Anweisung „Brücke abschotten!"
Sirenen heulten auf. Krachend schlugen die Schotten der Zentrale zu und Misato wurde klar, dass sie mit sechs offenbar Infizierten eingeschlossen war.
Gurgelnde Laute ausstoßend schwankte Aoba auf sie zu, dass sie sich an Zombiefilm erinnert fühlte und vor ihm zurückwich.
„Leute, ihr setzt euch besser alle hin und ich hole etwas aus dem Notfallschrank… eine leckere Betäubungsspritze, das wäre doch etwas, oder?"
Auch die drei Techniker erhoben sich von ihren Plätzen, wobei der eine grausig anzusehen waren – wo eben noch Augen gewesen waren, gab es nun nur noch zwei blutige Höhlen. Sie näherten sich Misato von der Seite.
Katsuragi zog ihre Pistole und gab einen Schuss in die Luft ab in der Hoffnung, nicht ganz zufällig eine wichtige Installation unter der Decke zu treffen. Doch der Warnschuss blieb ohne Wirkung.
„Colonel Katsuragi… kommen Sie in den Kommandostand! Schnell!"
Fuyutsuki lag halb auf seinem Terminal und biss die Zähne zusammen.
„Was immer uns angreift, die Männer können nichts dafür…"
„Ja, Sir."
Misato griff nach der Steigleiter in der Wand, welche zu einer offenen Luke hinaufführte, und kletterte behände hinauf.
Eine Hand ergriff ihren linken Unterschenkel.
„Aoba, lass das!" stieß sie hervor, hielt sich kurz mit nur einer Hand fest – in der anderen hielt sie immer noch ihre Pistole und konnte so die Leitersprosse nicht richtig umfassen – und trat mit dem rechten Fuß nach Aobas Arm. Der Griff um ihr Bein löste sich, sie fand wieder Halt auf den Sprossen und hetzte nach oben, rollte sich durch die Luke, bekam die Klappe zu fassen, schlug sie zu und verriegelte sie. Schwer atmend blieb sie neben der Luke sitzen.
„Sind die alle verrückt…"
„Nein", keuchte Fuyutsuki. „Katsuragi, Sie müssen mich fesseln, am besten an den Stuhl… ich weiß nicht, wie lange ich noch… Herr meiner Gedanken bin."
Der alte Mann ließ sich in den Stuhl fallen, ließ die Arme baumeln und sah Misato auffordern an.
Katsuragi krabbelte zu ihm hinüber.
„Wie Sie wollen…"
Sie zog seine Uniformjacke zurück, dass er die Arme nicht mehr frei bewegen konnte, holte dann aus dem Schrank an der Rückwand einen Erste-Hilfe-Kasten und nutzte die enthaltene Verbandsrolle als Behelfsfessel.
„Kommandant, was passiert?"
„Es… er… beeinflusst uns. Ich kann sein Flüstern jetzt hören… Colonel Katsuragi… wir haben uns geirrt… es ist noch nicht vorbei."
„Das bekommen wir schon hin."
Dann folgte sie dem Blick des Professors in Richtung der MAGI-Rechner und ihr Herz übersprang einen Schlag – eine der würfelförmigen Einheiten war völlig von einer Art Rankenwuchs bedeckt. Auf den zweiten Blick erwiesen sich die Ranken nicht als Pflanzen, sondern fleischige Gliedmaßen, miteinander verwachsene Arme und Beine, in deren Oberfläche Augen starrten und Mäuler aufklafften.
„Er ist hier…" röchelte Fuyutsuki.
„Wer, Professor?"
„ADAM…"
Kapitel 09 - Vergiss mich nicht
Für Mari Suzuhara und Nozomi Horaki waren sich absolut einig: Die Drei mogelten beim Versteckspiel! Egal, wo sie sich verbargen, die drei Ayanami-Schwestern spürten sie auf. Den beiden war es egal, was die Älteren über eine „Spürergabe" faselten – beim Versteckspiel war es einfach nicht fair, statt zu suchen, in gerader Linie auf das Versteck zuzugehen und es einzukreisen! Dabei erlaubten sie den Drei doch schon, als Team zu arbeiten. Gut, auf der anderen Seite waren die Ayanamis auch recht einfallslos bei der Wahl ihrer Verstecke, so dass selbst PenPen sie aufspüren konnte.
Gegenwärtig hockte Mari hinter einem Busch in der hydroponischen Gartenanlage neben dem Freizeitbereich. Sie konnte Nozomis Versteck sehen, Hikaris Schwester saß oben in einem Baum, wo Mari sich nie hingewagt hätte, dafür litt sie unter zu starker Höhenangst. Der Pinguin stand hinter einem Geräteschuppen – kein wirklich gutes Versteck. Doch den Erfahrungen nach würden die Drei ihn als letzten finden.
Aber sie hatten keine anderen Spielgefährten – ihre älteren Geschwister waren allesamt mit anderen Dingen beschäftigt und ob die älteren Ayanamis überhaupt einen Sinn für Spiel und Spaß hatten, war auch fraglich.
Mari wartete… und wartete… und wartete…
Irgendwann wurde ihr langweilig.
„Nozomi?"
Die Antwort ließ einen Moment auf sich warten.
„Mari? Was ist los?"
„Weiß nicht… Wo sind die Drei?"
„Ich sehe sie nicht…"
„Ich sehe PenPen. Er wirkt gelangweilt."
„Mir ist auch langweilig."
Nozomi sprang von ihrem Sitz im Baum mit einer Leichtfüßigkeit herab, auf die andere neidisch hätten werden können, nicht jedoch Mari. Tojis Schwester war insgeheim jeden Tag aufs Neue dankbar, wieder gehen zu können.
„Wark?"
„Kommt mit, PenPen!"
„Wark!"
Der Warmwasserpinguin watschelte zu ihnen hinüber und zu dritt zogen sie weiter in den Freizeitbereich.
Die Drei standen noch immer dort, wo sie von Einhundert hinunter gezählt hatten, allerdings Rücken an Rücken. Sie schienen in die Ferne zu starren.
„Hey, was ist los mit euch?" rief Nozomi.
Die Mädchen – und der Pinguin – verlangsamten ihre Schritte und blieben vor den Drillingen stehen.
„Er ist da." wisperten die Drei gleichzeitig.
„Wer?" fragte Mari verwirrt.
„Der Erste Engel. ADAM."
*** NGE ***
Plötzlich fing Maya an zu schreien und unkontrolliert nach Dana Ayanami zu schlagen. Die Angegriffene reagierte mit stoischer Ruhe, indem sie Ibukis Handgelenke ergriff und festhielt und die eher ungezielten Tritte nach ihren Schienenbeinen ignorierte.
„Major Kaji, was soll ich tun?" fragte Dana mit ruhiger Stimme, als gelte es vielmehr, sich zu entscheiden, welchen Brotaufstrich sie zum Frühstück wählen sollte.
„Ah… halt sie fest."
Kaji schob sich um das Bett herum.
„Maya, was ist los mit dir?"
Schließlich packte er sie um die Hüfte und hob sie in die Luft, verzog dabei zugleich vor Anstrengung das Gesicht und bereute den Umstand, die Verwirklichung seines Entschlusses, wieder zu trainieren, vor sich hergeschoben zu haben.
Peters rückte an die Bettkante, griff mit der Linken nach Mayas Arm.
„Beruhig dich…"
Das Flüstern wurde immer verständlicher, es war eine Stimme, die in einer ihm nicht bekannten Sprache immer wieder dasselbe wisperte. Der Tonfall war fordernd, kalt, gnadenlos.
„Oh, mein Gott…"
Auf Mayas Händen bildeten sich dunkle Schlieren, als bewegte sich etwas direkt unter der Oberfläche. Sein Griff lockerte sich kurz, doch dann hielt er Maya wieder fest. Zwischen den Bewegungen der Schlieren und dem Wispern existierte ein Zusammenhang, ein gemeinsamer Rhythmus…
Kaji fluchte.
„Maya hat es auch erwischt… - Suzuhara!"
Maya ließ kraftlos den Kopf hängen, stieß blubbernde Laute aus, während ihre Beine schwach zuckten.
Peters lauschte dem Flüstern in seinem Kopf, konzentrierte sich auf den Rhythmus.
„Maya, hör mir zu… Was immer versucht, dich zu kontrollieren, du musst dich wehren. Du kannst es."
Eigentlich war egal, was er sagte, wichtig war nur, dass er einen gegenläufigen Rhythmus sprach, der das Wispern auskonterte. Und dennoch konnte er nicht anders, als seine Gefühle in seine Worte zu legen und nicht nur das Flüstern, sondern auch die fordernde Kälte auszugleichen.
Tatsächlich wurde Maya ruhiger, wehrte sich nicht mehr gegen Danas Griff.
Peters stand auf, lehnte sein Gewicht teilweise gegen die Wand und balancierte auf dem linken Bein. Der straffe Verband um seinen Brustkorb erschwerte ihm das Atmen, doch die erwarteten Schmerzen blieben größtenteils aus.
„Er ruft mich… ich soll zu ihm kommen…" flüsterte Maya in einem Anflug von Klarheit.
„Wer… und wohin?" fragte Kaji mit zusammengebissenen Zähnen. Maya war schwerer, als man meinen wollte – vor allem, wenn man die letzten Wochen erst mit dem Auskurieren einer Schusswunde, dann leichter Rehabilitation und schließlich Schreibtischarbeit ohne Ende verbracht hatte.
„Es ist… es ADAM… es ist der Engel ADAM… er ruft nach mir…"
„ADAM wurde laut Ritsuko von den Sicherheitsanlagen im TerminalDogma vernichtet. Bist du ganz sicher?"
„Etwas von ihm hat überlebt… er hat gewartet… auf den richtigen Moment… Helft mir…"
„Ich bin da, Maya…"
Peters strich mit der Hand durch ihr Haar.
„Ich bin da", bekräftigte er und konzentrierte sich wieder, gegen den Rhythmus des Wispern entgegenzuhalten. „Ich höre die Stimme auch, aber ich verstehe sie nicht. Was sagt er?"
„Er wartet… er ruft uns… es gibt noch mehr…"
„Wohin?" drängte Kaji.
„In die Zentrale… er ruft mich zu sich…"
Matsuo Suzuhara quetschte sich an Kaji vorbei und nebelte ihre Hände mit LCL-Aerosol ein.
Es zischte und stank schwach nach verbranntem Fleisch. Die Schlieren auf Mayas Haut wanden sich, als wollten sie den Aerosoltröpfchen ausweichen, lösten sich dann auf.
Mayas gequälter Schrei wurde erst zu einem Schmerzensschrei, dann zu einem leisen Weinen.
„Lass sie los", flüsterte Peters Dana Ayanami zu.
Die Ayanami blickte an Peters vorbei zu Kaji.
„Major?"
Kaji nickte und ließ Maya langsam herunter, so dass sie sich auf die Bettkante setzen konnte, den Blick auf ihre nun geschundenen Hände und Unterarme gerichtet, auf denen sich Bläschen bildeten.
Jörg ließ sich neben ihr nieder, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich.
„Es ist vorbei", flüsterte er, hob dann den Blick und sah Kaji an. „Ich kann ADAMs Stimme nicht mehr hören."
Kaji schluckte, wies einen seiner Männer an, einen Arzt für Maya zu holen, wandte sich dann Suzuhara zu.
„Wir werden noch mehr von der LCL-Lösung benötigen – und wahrscheinlich nicht nur so eine kleine Sprühflasche."
Matsuo Suzuhara machte eine bestätigende Geste.
„Ich kehre umgehend ins LCL-Labor zurück und lasse abfüllen… Wir haben noch drei mit Flüssigkeit gefüllte Feuerlöscher und vielleicht lässt sich noch etwas basteln."
„Guter Mann. An die Arbeit."
„Wohin soll ich dann damit kommen? – Zur Zentrale?"
Kaji zögerte einen Moment.
„Ich bekomme weder eine Verbindung zur Zentrale, noch zu Ritsuko. Die gesamte interne Kommunikation ist zusammengebrochen, alles was über die MAGI läuft. Ich habe nur noch Verbindung zur Leitstelle der Sicherheit und von dort aus zu verschiedenen Kontroll- und Knotenpunkten. – Wir richten einen Kommandoposten auf halber Strecke in der Hangarkontrolle ein, bis wir einen Überblick über die Lage haben. – Foxy, begibt dich zur Zentrale und sondiere die Lage, aber kein Risiko eingehen, beim ersten Kontakt mit einem Infizierten ziehst du dich zurück. Solltest du bis zur Zentrale durchkommen, informiere Colonel Katsuragi."
Die Ayanami im schwarzen Anzug bestätigte und eilte davon.
„Kommen Sie dann in die Hangarkontrolle, Suzuhara. – Ich suche nach Akagi und…"
„Geben Sie mir mein Headset", verlangte Peters. „Ich versuche, mit den MAGI Kontakt aufzunehmen."
Während auch Tojis Vaters den Raum verließ, riss Kaji die Türen des Wandschrankes auf und holte Peters' zusammengelegte Sachen heraus.
„Besser, Jörg – Sie begleiten mich. Die Hangarkontrolle hat eine Standleitung zu den MAGI – und sofern ich Ritsuko finde, wird jemand für sie im Testcenter einspringen müssen."
„Major, ich bin nicht in der Verfassung…"
Kaji warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
„Leutnant Peters – anziehen."
Er beugte sich zu Maya hinunter und zog diese auf die Füße.
„Und du begleitest Dana zum diensthabenden Arzt und lässt deine Hände versorgen."
Der Ayanami flüsterte er zu: „Behalt sie im Auge."
Widerwillig ließ Peters Maya gehen. Diese sah ihn noch einmal an und schaffte es trotz ihres tränennassen Gesichts zu lächeln und zu flüstern: „Ich gehe mit dir, wohin du möchtest."
Peters öffnete den Mund, war aber sprachlos. Verlegen griff er nach dem Kleiderbündel und der Kniemanschette, zurrte sie mit einer Hand eher schlecht als recht fest, stieg dann umständlich in seine Hose.
„Ich helfe Ihnen", murmelte Kaji – nur er und Peters waren noch im Zimmer übrig, nachdem er alle anderen fortgeschickt hatte.
„Ahm…" gab Peters von sich, als Kaji ihm die Hose hochzog und schloss.
„Keine Angst, ich mag nur Frauen", grinste der Major.
„Ich auch."
„Na, dann steht einer wunderbaren Männerfreundschaft ja nichts im Wege, oder?"
Dann löste er den Schlauch der Tropfinfusion vom Zugang in Peters Unterarm.
„Tut mir leid, keine Schmerzmittel mehr, ich brauche Sie mit freiem Kopf – das halten Sie schon aus."
Jörg zerbiss einen Fluch…
*** NGE ***
Peters schlüpfte gerade in seine Uniformjacke, als der Alarm losging.
Kaji lauschte.
„Kontaminationsalarm – und Engelalarm! – Das wollte ich eigentlich vermeiden, um eine Panik zu verhindern und den Gegner in Sicherheit zu wiegen."
Jörg befestigte sein Headset, stieg in die bereitstehenden Krankenhauspantoffeln und nickte Kaji zu.
„Wir können."
Er justierte beim Verlassen des Raumes das Headset. Es war ungewohnt, da er es am linken Ohr trug statt wie gewohnt rechts. Über die normalen Kanäle kam nur eine sich stetig wiederholende Durchsage – das Hauptquartier ging in den Verriegelungszustand und jeder sollte sich in die Schutzräume zurückziehen. Er ging auf einen beschränkten Kanal, rasselte eine Folge von Zahlen und Buchstaben herunter und stellte mehrere knappe, gezielte Fragen.
„In Ordnung, der Alarm wurde in der Zentrale von Colonel Katsuragi ausgelöst. Ich habe eben mit einem Subsystem gesprochen, die MAGI reagieren nicht mehr. Doktor Akagi befindet sich im Bereich Hangar/Testcenter. Das Hauptquartier ist nach außen abgeriegelt, außerdem wurde mit der Abriegelung der internen Sektoren begonnen."
„Na, viel Spaß dabei… die meisten Trennschotten funktionieren nicht mehr. Wo steckt Katsuragi?"
Es dauerte einen Moment, ehe Peters die gewünschte Information erhielt.
„In der Zentrale."
Er schnaufte.
„Etwas langsamer, ich bekomme kaum Luft."
Kaji öffnete mit seiner Kennkarte eine Tür zu einem schmalen Gang.
„Wir nehmen die Wartungsgänge und -aufzüge, dann müssen wir nicht über die Treppen und Steigleitern."
„Das käme mir entgegen." keuchte der junge Deutsche, während er Kaji hinterherhumpelte und spürte, wie mit jedem Schritt die schlecht befestigte Kniemanschette weiter verrutschte. Dazu kam ein schmerzhaftes Pochen im Armstumpf.
„Akagi ist nach Auskunft des GPS-Systems im Testcenter… Kommandant Fuyutsuki in der Zentrale… Captain Aoba in der Zentrale… Hyuga in der Zentrale…"
Er ratterte noch ein Dutzend Namen von niederrangigen Offizieren herunter, die sich auf ihren Posten befanden.
„Nicht trödeln…"
Kaji blickte über die Schulter zurück, eilte dann zu Peters und legte sich dessen bandagierten Arme über die Schulter, dann zog er ihn mit sich.
„Es tut mir leid, aber mein Instinkt sagt mir, dass entweder ich Sie in der Hangarkontrolle brauche oder die Kinder im Testcenter", murmelte der Major. „Und… Jörg… was Sie da vorhin zu Maya gesagt haben… das war ziemlich romantisch. Hätten Sie vielleicht Zeit, auf meiner Hochzeit die Rede zu halten?"
„Argh… Was habe ich denn…"
*** NGE ***
Kyoko Soryu bemühte sich, das dumpfe Hämmern zu ignorieren, das aus dem Verbindungsgang zwischen Hangarkontrolle und Testcenter kam. Mogami und Ooi hatten die gefesselte Akagi in Leutnant Peters' Büro eingesperrt und die Tür mit einem Stuhl blockiert. Wie es sich anhörte, warf sich die Leitende Wissenschaftsoffizierin immer wieder gegen die Tür. Dazu kamen wieder und wieder laute, fast animalische Schreie. Soryu wagte nicht, eine der Technikerinnen wegzuschicken, um Hilfe zu holen, da sie ohne Akagi bereits unterbesetzt waren im Testcenter. Die Verbindungen der drei Piloten zum Konstrukt schwankten immer wieder und erforderten eine Nachjustierung und die Lebenszeichen der beiden Schläfer bewegten sich in Bereichen, die Kyoko Angst machte – Herzschlag und Blutdruck deuteten auf einen Zustand nackter Panik hin. Hätte sie mit Sicherheit sagen können, dass sie damit nicht allen Kindern die Gehirne ausbrannte, hätte sie längst alle Systeme heruntergefahren. So hatte sie Eikyu zur Krankenstation geschickt, um einen Mediziner zu holen und im Anschluss den Sicherheitschef zu informieren; kurz hatte sie zudem mit dem Gedanken gespielt, Leutnant Peters aus dem Bett zu scheuchen, doch in diesem Fall überwogen ihre Skrupel, dem Verletzten vielleicht zu viel zuzumuten. Dennoch schlug sie auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe – nicht nur konnte sie Außenstehende informieren, sondern hatte auch die Ayanami aus den Kontrollraum des Testcenters. Kyoko traute dem Klonmädchen nicht sonderlich, da dessen Loyalität ganz klar auf Seiten Akagis lag und es vielleicht versucht hätte, ihre ‚Mutter' zu befreien. – Und das Letzte, was sie gerade im Testcenter brauchten, war eine amoklaufende Ritsuko Akagi…
„Schickt mich rein."
Asukas Stimme war klar und entschlossen. In ihren Worten lag nichts Flehendes, sondern die unterschwellige Botschaft, dass sie die Situation in den Griff bekommen würde.
„Asuka, Schatz, es ist zu gefährlich. Die MAGI kapseln sich ab, wir haben Alarmzustand und… ich kann niemanden erreichen… Das Risiko ist zu groß."
„Du passt doch auf mich auf. – Alternativ müsste ich bei einem Engelalarm eigentlich EVA-02 bemannen und startbereit machen…"
„Das… Ich will dich nicht verlieren!"
Asuka lächelte, schloss kurz ihr Auge.
„Das wirst du auch nicht. Mich bekommt nichts klein. Engel? – Hah! Ein Scharfschütze, der mir einen Teil des Schädels wegpustet? – Lachhaft! Neun… Neun! Massenproduktionseinheiten? – Plattgemacht."
Kyoko sah ihre Tochter auf dem Monitor nur an, schüttelte den Kopf.
„Die Gefahr…"
„Für die anderen war es aber nicht zu gefährlich, oder? Ich bin mir sicher, dass Suzuharas Vater Toji auch nicht verlieren will. Und Hikaris Schwestern Hikari nicht. Und Kaworu… keine Ahnung, wer den vermissen könnte… ich glaube, mir würde er ein wenig fehlen. Und Shinji… Yui-san ist jetzt schon vor Sorge am Rotieren. Rei… - Schickt mich rein."
Kyoko blickte auf die kleine Schachtel mit Datensticks, die vor ihr stand.
Konnte sie das verantworten? – Nein… Doch konnte sie es verantworten, nicht zu handeln?
Sie klappte den Deckel auf und holte den Stick hervor, auf dem in westlichen Druckbuchstaben „Startprogram Asuka" stand. An dem Stick war zudem ein kleiner Haftzettel befestigt.
„Sollte ich nicht anwesend sein: Asuka kann es. J.P."
Doktor Soryu atmete scharf ein, zerknüllte den Zettel in ihrer Faust und verfluchte den Leutnant in Gedanken.
„Versprich mir, dass du vorsichtig bist."
„Immer."
Mit zitternden Fingern schob Kyoko den Stick in den Leseport, wartete, bis das Terminal ihn erkannt hatte, und wählte die ‚Ausführen'-Option.
„Mach mich stolz, Asuka", flüsterte sie, während sie mit den Tränen kämpfte und beobachtete, wie ihre Tochter sich zurücklehnte und ihr Auge schloss.
Wieder hallten die dumpfen Schläge aus dem Verbindungsgang.
„Synchronisation zwischen Plug-2 und dem Konstrukt wird aufgebaut." vermelde Aoi Mogami und rückte nervös ihre Brille zurecht. Werte von Plug-4 und -5 im grünen Bereich."
„Justiere Plug-6 nach", murmelte Ooi.
„Plug-3 wird aktiv!" vermeldete Mogami verwirrt.
„Was?"
Kyoko löste den Blick vom Gesicht ihrer Tochter, starrte zum Hauptmonitor, auf den Mogami die aktuellen Werte gelegt hatte.
„Verbindung zu TestPlug-3 aufbauen!"
Sie vergaß beinahe zu atmen, als die Bildverbindung zustande kam. In Plug-3 saß eine brünette Frau, die nur ein knappes Jahr älter war und eine orange PlugSuit mit schwarzen Absätzen trug. Das Design des Anzuges wirkte klobig und unpraktisch im Vergleich zur gegenwärtigen Generation an PlugSuits.
„Yui…" hauchte Kyoko.
„Kyoko." entgegnete Shinjis Mutter.
„Plug-3 baut Synchronverbindung auf… sie geht quasi huckepack mit Asuka rein!"
„Yui-san, tun Sie das nicht! Haben Sie bereits vergessen, was damals passiert ist?"
„Wie könnte ich das?" antwortete Yui Ikari mit schläfrigem Tonfall. „Aber das hier ist kein EVA. Und Naoko hat uns schon einmal rausgeworfen."
„Sie haben kein Training."
„Ich war der erste Mensch, der eine Synchronverbindung aufbauen konnte."
„Doktor Soryu, Plug-3 initialisiert ein Paket uralter Daten."
Kyoko verstand Mogamis Stimme nur undeutlich.
„Sie können das nicht tun! Die Gefahr für Sie und die Kinder... Yui…!"
„Würden Sie für Ihr Kind nicht dasselbe tun? – Ich passe auf Asuka auf, mein Ehrenwort."
„Agano, unterbrechen Sie die Verbindung, Plug-3 läuft über Ihr Terminal!"
„Negativ, Doktor Soryu. Plug-3 nimmt keine Befehle entgegen. Und die MAGI reagieren auch nicht auf Anweisungen, Plug-3 aus dem System zu werfen."
Yui lächelte.
„Ich habe mir die Freiheit genommen, die Verbindungen zwischen dem Plug und dem Kontrollraum zu blockieren… Ah… Ich spüre es… die Verbindung baut sich auf…"
Dann schloss sie die Augen und war nicht mehr ansprechbar.
*** NGE ***
Misato kauerte unter dem Tisch des Kommandanten. Fuyutsuki lag, immer noch an den Stuhl gefesselt, neben ihr. Über ihnen schlugen Kugeln in die Decke und Wände des Kommandostandes ein – die beiden infizierten Offiziere und die Techniker hatten den Waffenschrank geöffnet, nachdem sie die Luke nicht von unten her hatten aufbrechen können, und relativ ziellos das Feuer eröffnet.
Katsuragi gingen in rasender Eile mehrere Dinge durch den Kopf – sie saßen im Kommandostand fest, der Verschlusszustand hatte sogar den Aufzug in das Büro des Kommandanten blockiert, der Zustand des Professor war kritisch, er brabbelte unzusammenhängendes Zeug und stemmte sich erkennbar gegen die Beeinflussung durch den Engel, unter dem Tisch waren sie sicher, sah man von möglichen Querschlägern ab, sie waren aber auch handlungsunfähig – und sie hätte nun gern ein kühles Bier, auch wenn dies bedeutete, alle Vorsätze und die Fortschritte bei der Entgiftung in den Wind zu schlagen.
Kozo Fuyutsukis Gesicht war rot angelaufen. Die Adern auf der Stirn traten dick hervor.
„Colonel… ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte…"
„Professor, Sie packen das – lassen Sie mich nicht im Stich…"
„Muss Ihnen… sagen… ich höre seine Stimme… ADAMs Stimme… ich verstehe seine Worte… und mehr… so wie… er in meinen Gedanken ist, kann ich… seine erkennen… Er will… er will…"
Fuyutsuki atmete mehrmals tief durch, bäumte sich bei jedem Atemzug in seinen Fesseln auf.
„Was will er?"
„Er will Shinji… er will seinen Körper! ADAM will… wiedergeboren werden… es ist nicht mehr viel von ihm übrig… nur ein Schatten seines Willens und… seiner Macht… er sich auf viele verteilt… zu viele… und… ah…"
Der Professor kniff die Augen zusammen und verzog das Gesicht vor Schmerz.
„Er hat die Kontrolle über eines seiner Opfer verloren. Maya Ibuki ist frei."
Fuyutsuki legte den Kopf in den Nacken und lachte.
„Wir dummen Sterblichen sind doch schlauer als du…"
Dann bäumte er sich wieder auf.
nicht zu, dass er… meinen Sohn…"
Der alte Mann verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Seine restlichen Worte gingen in kehligen Lauten unter.
Misato zögerte, hob dann die Hand mit der Pistole.
„Erschießen Sie mich, wenn… wenn es zum Äußersten kommt…"
Katsuragi schluckte, sicherte ihre Waffe und drehte sie in ihrer Hand.
„Glauben Sie mir, das tut mir genauso weh wie Ihnen…"
Dann schlug sie mit dem Knauf zu und schickte ihren Vorgesetzten ins Reich der Träume.
*** NGE ***
Kaworu duckte sich und hob die Arme vor sein Gesicht.
Eine überreife Frucht schlug links neben seinem Kopf gegen das Käfiggitter. Lautes, lachendes Gackern ertönte auf mehreren Seiten.
Er starrte konzentriert durch die Käfigstäbe, konnte aber nur Schemen und tanzende Schatten erkennen. Unmittelbar jenseits der Stäbe brannten mehrere Lagerfeuer, deren Licht Kaworu blendete. Und hinter diesem Flammenring waren seine Peiniger. Wieder sah er eine ausholende Bewegung, hob abwehrend die Hände.
Kaworu Nagisa befand sich auf einer Kreuzung im Heckenlabyrinth. Alles hatte harmlos gewirkt, als er auf die Kreuzung getreten war und sich umgesehen hatte – nur waren dann plötzlich die Gitter aus dem Boden geschossen und hatten die Kreuzung abgetrennt, so dass ihm nur ein Raum von etwa zwei mal zwei Metern verblieben war. Zunächst hatte er noch gerufen und die Namen der beiden anderen Piloten gebrüllt, dann war es dunkel geworden. Die Dämmerung brach rasch herein, bis Kaworu gerade noch die Hand vor Augen sehen konnte. Und dann waren sie gekommen. Sie hatten sich nicht vorgestellt und waren den Gitterstäben auch nicht nahe genug gekommen, als dass er sie hätte erkennen können, so dass er nicht einmal sagen konnte, ob es sich um Menschen handelte oder andere Wesen, die die virtuelle Realität hervorgebracht hatte.
„Los, Kalkfresse, tanze!" johlte jemand hinter ihm.
Kaworu zog den Kopf zwischen die Schultern.
Etwas tickte auf dem Boden auf, runde, erbsenförmige Murmeln… Murmeln, in denen winzige Feuer brannten.
Mit einem lauten „Wah!" sprang Kaworu zurück, schlug gegen die aufgeheizten Gitterstäbe, taumelte ein Stückchen nach vorn… - Die Murmeln explodierten mit lautem Knallen und hellen Lichtblitzen, die schmerzhaft stechend in seine Füße einschlugen.
Kaworu tanzte, während die Unbekannten laut lachten und sich über ihn lustig machten, über ihn, den Albino, den Jungen ohne Eltern und Freunde.
„Warum?" brüllte er. „Warum macht ihr das?"
„Weil du das bist, du Freak!" kam es grölend von rechts.
Kaworu spürte, wie heiße Tränen über seine Wangen liefen.
Sein ganzes Leben lang hatte er sich vor diesem Moment gefürchtet…
Auf dem nordamerikanischen NERV-Stützpunkt hatte er einen Privatlehrer gehabt, doch ihm waren stets die Blicke bewusst gewesen, die man ihm zugeworfen hatte. Kaworu, der totenblasse Junge… Kaworu mit dem blutigen Augen… Kreidegesicht… natürlich hatte er das Geflüster hinter seinem Rücken mitbekommen, aber er hatte gewusst, dass er EVA-Pilot eine Sonderstellung genoss, die ihn vor möglichen Streichen und Übeltaten schützte. So ungern er es zugab, der Engel Tabris hatte weitaus mehr Rückgrat und Selbstvertrauen zur Schau gestellt, während er seinen Körper in Besitz gehabt hatte. Und nun sah er sich einer gesichtslosen Menge schutzlos gegenüber, ohne EVA, ohne den symbolischen Panzer einer NERV-Uniform, ohne Rückendeckung zur Schau gestellt wie einem Kuriositätenkabinett.
Er fühlte sich an frühere Albträume erinnert und die Hilflosigkeit, die er verspürt hatte, als er keine Kontrolle über seinen Körper gehabt hatte.
Wieder flogen, begleitet von Schimpfworten, überreife und faule Früchte in den Käfig. Etwas klatschte gegen Kaworus Rücken und lief feucht und glitschig hinab. Eine Hülsenfrucht schlug hart gegen seinen Oberschenkel, dass er leicht einknickte.
„Hört auf… hört doch auf!"
Die Antwort auf sein Flehen bestand in grausamem Lachen und weiteren Würfen, bis Kaworu zusammengerollt auf dem Boden lag, das Gesicht mit den Armen schützend und hemmungslos schluchzend...
*** NGE ***
Tojis Schritte wurden weniger forsch und ausschreitend, je weiter er den Pfad entlang schritt. Der Weg vor ihm wirkte endlos und führte starr geradeaus. Suzuhara reckte den Hals, um einen Blick auf die Dachkante des Gebäudes auf dem Hügel zu erhaschen.
„Wo lande ich hier bloß…" murmelte er. Er blieb stehen, rief Hikaris Namen, lauschte. Es kam keine Antwort. Vielleicht war sie zu weit weg… Toji seufzte, rief noch einmal ihren Namen, dann Nagisas. – Keine Antwort.
„Na toll…"
Er blickte über die Schulter zurück, überlegte kurz, ob er den Pfad zurückgehen und zur letzten Kreuzung zurückkehren sollte. Wahrscheinlich würde ihn das wieder in die Hörweite wenigstens eines der beiden anderen bringen – insgeheim hoffte er natürlich, Hikari über den Weg zu laufen, sich zu trennen war rückblickend ziemlich idiotisch gewesen. Und wo er schon idiotisch war – welcher Depp programmierte eigentlich ein solches Labyrinth? Hatte NERV zu viel Geld oder war einem Programmierer dieses Konstrukts langweilig gewesen? – Im ersteren Fall sollten sie gefälligst ihm das Geld geben, damit er Geschenke Mari, Hikari und ihre Schwestern besorgen konnte…
Toji seufzte wieder laut und anhaltend, dann wanderte er weiter den Pfad hinab, verfiel schließlich in ein leichtes Joggen und fragte sich dabei, ob dies als Training durchging. Normalerweise umrundete er morgens und abends den Pyramidenbau in der Geofront zwei Mal und joggte auch immer wieder ein paar bestimmte Gänge im Hauptquartier in der Nähe der Wohnunterkünfte entlang, um in Form zu bleiben. In gewisser Weise baute er dabei auch seinen Frust ab – seit fünf Wochen waren seine Familie und Hikari und ihre Schwestern im Hauptquartier einquartiert. Eigentlich bedeutete der Umstand, dass seine Freundin nur ein paar Türen weiter wohnte, dass er im siebten Himmel schweben müsste, doch abgesehen von Händchenhalten, flüchtigen Küssen und Umarmungen war absolut nichts zwischen ihnen passiert – und das in einem Gebäude voller Ecken und Winkeln, in die bestenfalls einmal im Monat jemand blickte. Sobald er sich dann auch noch an die eine gemeinsame Nacht vor dem Zwischenfall mit EVA-03 erinnerte, stieg der Frustfaktor in ungeahnte Höhen. Natürlich lag es nicht in seinem Bestreben, sie zu drängen, aber langsam fragte er sich, ob er damals vielleicht nur benutzt worden war. Zum Glück verschwanden diese düsteren Gedanken, sobald er ihre süßen Sommersprossen sah…
Ein erneutes Seufzen entrann ihm.
Er blieb stehen, sah nach oben. Ja, er hatte sich nicht getäuscht, die Hecke wurde höher und wuchs über ihm, in vielleicht vier Metern Höhe, zusammen. Nur noch gut zehn Meter und er würde in einem grünen Tunnel stehen, in dem er wahrscheinlich überhaupt niemanden mehr hören würde. Und so wie es aussah, erstreckte sich der Pfad noch ein ganzes Stück.
Überhaupt befand er sich in einem merkwürdigen Gebiet: In der Ferne verschwamm der Pfad in einem grünen Flecken, so dass es Toji unmöglich war, abzuschätzen, wie weit es noch geradeaus ging.
Rechts befand sich eine schmale Lücke in der Hecke!
Toji atmete insgeheim auf – der endlose, gerade Pfad machte ihn nervös, weil er das Gefühl hatte, irgendwo herauskommen zu können, nur nicht an seinem Ziel. Er trat durch die Lücke in der Hecke – und stieß einen leisen Pfiff aus: Vor ihm erstreckte sich ein langgezogener Platz, an dessen einer Seite Stufenterrassen den Hügel hinaufführten, auf welchem das als Ziel auserwählte Gebäude stand.
Das breite Grinsen, welches sich auf seinen Lippen ausbreitete, erstarrte aber sogleich wieder und machte Fassungslosigkeit Platz, als er erkannte, dass er nicht allein war. Auf dem Boden des gepflasterten Platzes lagen ausgestreckt wie Marionetten, deren Fäden durchtrennt wurden, mehrere Gestalten. Die meisten davon trugen die Jungenschuluniform der Tokio-3-Junior-High. Und inmitten dieser Ansammlung von Körpern stand hochaufgerichtet ein anderer Toji Suzuhara in einem dunklen Trainingsanzug, der einen kleineren Jungen am Kragen mit einer Hand festhielt, während er mit der anderen auf ihn einprügelte. Der andere machte längst keine Anstrengungen mehr, um sich zu wehren, sondern hing nur schlaff und leblos im Griff seines Peinigers.
Suzuhara blieb stehen, fühlte sich bei dem Anblick, als hätte ihm jemand die Faust wuchtig in den Magen gerammt und drehte sie nun genüsslich in seinen Eingeweiden. Ja, natürlich hatte er sich schon seit der Grundschule an vielen Schlägereien beteiligt, besonders wenn ihn der Zorn übermannte, aber er war mehr der Typ, der Unterlegenen zur Seite stand und unfaire Verhältnisse ausglich. Das er Shinji Ikari nach dessen Transfer auf die Tokio-3-Junior-High verprügelt hatte, weil er ihm die Schuld an Maris Zustand gegeben hatte, bereitete ihm heute noch Kummer und war vielleicht mit ein Hauptgrund, weshalb er sich zu dem ganzen Unterfangen gemeldet hatte. Was er hier jedoch vor sich sah, war keine Schlägerei, sondern ein Gemetzel – und sein Abbild war der Metzger inmitten des Geschehens, auf dessen schwarzem Trainingsanzug feuchte dunkelrote Flecken zu erkennen waren.
Der andere fuhr sich einmal mit dem Unterarm unter der Nase entlang und spuckte dann aus.
„Ist das alles, was ihr Pfeifen könnt? Ist denn keiner von euch eine Herausforderung für mich? Hat denn keiner von euch Kümmerlingen Eier in der Hose?"
Er bückte sich, packte einen der wie zerbrochen um ihn herum liegenden Schüler am Arm und zog ihn in die Höhe, ignorierte dabei, dass sein Opfer vor Schmerz aufheulte.
„Na los, Brillenschlange, hau mir eine rein. Komm, versuch es, ich lasse dir einen Schlag…"
Toji schluckte – sein Ebenbild hielt da niemand anderen als seinen besten Kumpel Kensuke Aida fest, dessen Kopf kraftlos auf seinen Schultern hin und her rollte, während er aus verquollenen Augen und durch zerbrochene Brillengläser glasig zur Seite blickte.
„Ich hab dir so oft den Arsch gerettet – und was hast du gemacht? – Mit deiner bescheuerten Kamera gefilmt, anstatt mir den Rücken zu decken. Du widerst mich an! Ihr alle widert mich an!"
Der andere Toji schleuderte Kensuke von sich, breitete die Arme aus.
„Ich mach euch alle fertig!"
Dann bemerkte er Toji, starrte ihn an mit schräggelegtem Kopf.
„Was ist das denn für eine seltsame Nummer?"
Suzuhara trat ihm entgegen.
„Was soll das hier alles?"
„Was? – Das?"
Der andere machte eine Gestik, welche den Kampfplatz… das Schlachtfeld… einschloss.
„Genau das. Wie kannst du…"
„Wie? Ich kann es, das reicht doch! Jetzt müssen sie mich ernst nehmen! Ich mache alle fertig."
Suzuhara war sprachlos. Die Wut, die aus dem anderen sprach, war ihm nur allzu gut bekannt. Es war die Sorte Wut, die dafür sorgte, dass man auch mit einer gebrochenen Hand noch auf den anderen weiter einschlug, die Sorte Wut, in welcher man einem anderen die Hände um den Hals legte und zudrückte…
„Was hat dich so weit getrieben…" flüsterte er.
Der andere sah ihn überrascht an. Seine Mundwinkel zuckten nervös. In diesem Moment wurde Toji klar, dass er mit seinem Abbild alles und rein gar nichts gemeinsam hatte.
„Sie ist tot! Hikari ist tot!"
Suzuhara wich vor Entsetzen einen Schritt zurück, während heißer Speichel sein Gesicht traf.
„Hikari ist…"
„Sie ist tot! Ich bin schuld! Ich habe sie erwischt, wie sie mit… mit…"
Den anderen war sichtlich anzusehen, dass ihm der Name vor Ekel kaum über die Lippen kam.
„… wie sie es mit Ikari getan hat… dem ach so beliebten Superpiloten, dem Retter der Stadt…"
Toji blinzelte. Das Szenario war in seinen Augen nun völlig unmöglich – und gab ihm die Kraft zu tun, was folgte:
Er schlug ansatzlos zu, ließ einem kurzen rechten Haken einen linken Schwinger folgen, schickte sein Ebenbild zu Boden, stürzte sich auf ihn und prügelte ihm das dumme Grinsen aus dem Gesicht. Der andere wehrte sich, trat ihm in den Magen und schleuderte ihn zurück. Zugleich war Toji, als zuckte mit jedem Treffer, den er selbst setzte, ein Stromschlag durch seinen Körper. Als sein Doppelgänger sich aufrappelte, verpasste er ihm einen Faustschlag seitlich gegen den Kopf, glaubte zugleich, im Inneren einer Glocke zu stehen, derart dröhnte ihm plötzlich der Schädel. Der andere sprang ihn an, grub ihm die Zähne in die Schulter. Sie wälzten sich über den Boden, als Toji seinen Gegner von sich stieß, war ihm, als riss dieser ein Stück Fleisch aus seiner Schulter. Vor seinen Augen verschwamm alles, dennoch ließ er nicht von dem anderen ab. Obwohl er jeden Schlag, den er ihm versetzte, selbst spürte, als schlüge er sich selbst, wusste er, dass er dieses Zerrbild seiner selbst nicht gehen lassen konnte – was war, wenn Nagisa oder Hikari auf ihn stießen…
Irgendwann erhob er sich keuchend, schwankte, bis er sein Gleichgewicht fand. Toji fuhr sich mit dem Unterarm über das bluterschmierte Kinn und wischte sich die Hände an der PlugSuit ab. Verächtlich blickte er auf die jämmerlichen Überreste seines Ebenbildes hinab, die sich klagend im Staub zu seinen Füßen wanden.
„Als ob ich Hemmungen hätte, mir selbst aufs Maul zu hauen, wenn ich absoluten Mist erzähle…"
Ohne den anderen noch eines Blickes zu gönnen, marschierte er auf das Gebäude auf dem Hügel zu.
Hinter ihm versanken die diversen Körper im Boden, ohne Spuren zu hinterlassen…
*** NGE ***
Kaworu lag zusammengerollt auf dem Boden des Käfigs, die Hände und Arme schützend um den Kopf gelegt, während kleine Steine und Getränkedosen auf seinen Rücken und seine Beine einprasselten. Das Knallen kleiner Explosionen raubte ihm das Gehör. Es stank nach Schwefel und menschlichen Exkrementen.
„Hört bitte auf…" wimmerte er leise.
Die Explosionen verhallten. Dafür hörte Kaworu ein lautes, reißendes Geräusch, als zerfetzte jemand eine Zeltbahn.
„Nein, nein, nein…" flüsterte er.
Dann folgten ein lautes Scheppern und Knallen – und aufgeschreckte Rufe und das Geräusch eiliger, rennender Schritte. Und dann war da nur noch das Geräusch von seinem eigenen, heftigen Atem.
Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, während er dalag und lauschte, bis er es wagte, die Augen und seine Deckung zu öffnen.
Es war taghell. Vorbei war die Nacht und heruntergebrannt waren die Feuer jenseits der Gitterstäbe. Er konnte verschwommen eine vertraute Gestalt sehen, die ihm den Rücken zuwandte. Hastig wischte er sich die Tränen aus den Augen, um klar sehen zu können. – Auf der anderen Seite der Gitterstäbe stand Hikari Horaki, das Fourth Child. In der rechten Hand hielt sie locker einen Baseballschläger, den sie leicht pendeln ließ. Links von ihr klaffte ein gewaltiges Loch in der Hecke. Es sah aus wie dunkler, unheimlicher Tunnel, der mitten ins Nichts führte.
Hikari drehte sich um.
„Bist du in Ordnung, Nagisa-kun?"
„Ah…"
Er setzte sich auf, starrte auf seine schmutzigen Hände und die zerrissenen Handelemente seiner PlugSuit. In seiner Kehle steckte ein dicker Kloß, der ihm die Worte zu rauben schien, ein Kloß aus Scham, dass sie ihn so gesehen hatte.
„Ich hol dich da raus."
Hikari holte mit dem Schläger aus und schlug ihn beidhändig geführt gegen die Gitterstäbe. Waren diese Kaworu noch aus solidem Eisen gefertigt erschienen, brach der Hartholzschläger hindurch und zerriss sie einfach. Hikari trat durch die entstandene Lücke und ging neben Kaworu in die Knie.
„Nagisa-kun?"
„Es… ich bin in Ordnung…"
Langsam hob er den Blick und hätte schwören können, in das Gesicht einer Göttin zu blicken, die zu seiner Rettung in die irdischen Gefilde herabgestiegen war. Rasch unterdrückte er diese Anwandlung und wandte den Blick wieder ab.
„Ich war… ich war so lange hier eingesperrt… wie viel Zeit ist vergangen?"
Er schluckte und befeuchtete die aufgesprungenen Lippen mit der Zunge.
„Ich… ich weiß es nicht… Hier scheint es anders zu sein… Wir sind in einem Computer, da gelten andere Gesetze, oder?"
Hikari richtete sich wieder auf.
„Ahm, keine Ahnung…"
Kaworu ignorierte die angebotene Hand und stand auf, ohne ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen.
„Wir sollten von hier weg", flüsterte er, während er sich hektisch umsah. „Sie könnten zurückkommen…"
„Wer denn?"
„Hast du…"
Wieder schluckte er, doch dieses Mal aus anderen Gründen.
„Nein, du hast sie nicht gesehen… In diesem Labyrinth lebt jemand… sie haben mich gefangengenommen."
Er deutete auf die Gitterstäbe.
„Ich hatte auch ein seltsames Erlebnis."
Hikari orientierte sich kurz, deutete dann mit ihrem Schläger in Richtung des Hügels mit dem großen Gebäude und kniff die Augen zusammen.
„Und du hast Recht – wir sollten nicht trödeln."
Kaworu hielt den Atem an. Bisher hatte er Hikari nicht sonderlich ernstgenommen – schließlich war er der langjährig trainierte EVA-Pilot und nicht sie und ein klein wenig Machodenken kam auch noch dazu, doch nun blieb ihm quasi die Spucke weg, als er ihren harten Blick und die Entschlossenheit in ihrem Gesicht sah. Die ganze Zeit über war er automatisch davon ausgegangen, dass er als dienstältester Pilot die Leistung des Pilotenkorps übernehmen würde, sollten Ikari und Ayanami nicht wieder erwachen, doch in diesem Moment wurde ihm klar, dass er da einem Trugschluss aufgesessen war. Von Hikari Horaki ging etwas aus, das ihn dazu gebracht hätte, ihr bis zu den Toren der Hölle und darüber hinaus zu folgen…
„Kennst du… weißt du denn den Weg?"
Sie machte eine verneinende Geste.
„Nein – aber das muss ich auch nicht. Wir schaffen uns unseren eigenen Pfad!"
Und damit schwang sie wieder ihren Schläger und brach das nächste Loch in Hecke.
„Komm, Nagisa-kun!"
Dann rief sie laut nach Toji und brüllte, dass sie mit Nagisa zum Hügel unterwegs wäre.
Kaworu folgte er durch die Bresche…
*** NGE ***
Im Kontrollraum des Testcenters brach Kyoko Soryu der Schweiß aus. Zusammen mit Kaede Agano war sie dabei, die Bedingungen in TestPlug-6 neu zu justieren und die Lebenserhaltung zu entlasten. Dabei befand sich ihre linke Hand bereits nur noch wenige Millimeter von der Notabschaltung des Plugs entfernt, während sie halb über das Terminal gebeugt stand. Die Monitorübertragung zeigte Toji Suzuharas Gesicht, das plötzlich von Prellungen und blauen Flecken übersät war. Die Lippe platzte auf, ebenso eine Augenbraue. Blut floss träge aus seiner Nase und verteilte sich im LCL. Der Zustandsmonitor zeigte weitere Prellungen am ganzen Körper, eine Rippenfraktur und Stauchungen der rechten Hand.
„Was macht der Junge bloß", zischte Agano, die vielleicht sechs Jahre älter war als Suzuhara, „Das sieht aus, als würde er gerade von Geistern verprügelt werden…"
Im Stillen konnte Kyoko ihr nur beipflichten und heimlich aufatmen, als sich die Werte stabilisierten. Doch das eigentlich Unheimliche war Tojis unbewegtes Gesicht...
Doktor Soryu richtete sich auf, erfasste mit einem Rundblick die anderen Zustandsmonitore: Asuka war voll mit dem Konstrukt synchronisiert und Doktor Ikari war ihr gefolgt; Ikaris Synchronrate schwankte zwar stark, aber im Vergleich zu den bisherigen Problemen war das Nachjustieren für Satsuki Ooi ein Kinderspiel. Bei Kaworu Nagisa und Hikari Horaki waren nacheinander kurzfristig Atmung, Herzschlag und Blutdruck in die Höhe geschossen, hatten sich aber nun wieder beruhigt. Und die beiden Schläfer wirkten immer noch von allem unbetroffen.
Dafür erklang wieder lautes Hämmern aus dem Verbindungsgang, wo Doktor Akagi sich in unkontrollierter Wut wieder gegen die Tür zu werfen begonnen hatte. Soryu überlegte, was sie diesbezüglich tun konnte, hoffte, dass Eikyu bald mit einem Arzt oder wenigstens jemand anderem vom medizinischen Personal zurückkehren würde, der am besten eine große Spritze mit Betäubungsmittels dabei hatte. Die immer noch im Hintergrund klingelnden Alarmsirenen hatte sie bereits verdrängt.
In ihrem Rücken hörte sie aus dem Verbindungsgang das Quietschen einer Tür und einen leisen Fluch. Sie drehte sich um, sah gerade noch die schmale Tür eines Wartungsganges aufschwingen.
„Wer ist da? – Agano, Ooi, Mogami, halten Sie die Stellung, ich bin gleich zurück…"
Kyoko trat halb in den Verbindungsgang, wagte es nicht, den Kontrollraum zu verlassen.
Ryoji Kaji kam aus dem Wartungsgang, er schleppte eine andere Person mit sich – Jörg Peters, der sich kaum auf den Beinen halten zu können schien. Kaji grinste verzerrt.
„Ah, Doktor Soryu, schön Sie zu sehen."
„Major Kaji…"
„Wo steckt Ritsuko…"
Ein lautes „Wums" schnitt ihm den Satz ab, als die Tür zu Peters Behelfsbüro erbebte.
„Wir mussten sie einsperren… sie war nicht mehr sie selbst."
„Ah, verstehe – seltsamer Ausschlag an den Händen und hat sie sich verhalten, als würde sie sich gegen eine Beeinflussung wehren?"
„Ja, wie…"
„Ich bekomme zwar nur spärliche Informationen, da das Kommunikationsnetz zusammengebrochen ist", er tippte gegen sein Headset, „aber solche Fälle gibt es anscheinend im ganzen Hauptquartier."
Peters lehnte sich schweratmend gegen die Wand, sah Kyoko mit überraschend klaren Augen an.
„Brauchen Sie mich im Testcenter?"
„Leutnant, es gibt Komplikationen. Asuka ist synchrongegangen und Doktor Ikari…"
„Kyoko-san, tut mir leid, sie können unseren Jörgi nicht haben, den brauche ich in der Hangarkontrolle. – Na, los, Peters, die paar Schritte noch, dann können Sie sich hinsetzen. Und wenn Sie artig sind, lockere ich auch Ihr schickes Korsett."
„Sie sind ein verdammter Mistkerl, Kaji."
„Und stolz darauf, na los. – Kyoko, tun Sie Ihr Bestes. Sobald wir unseren Brückenkopf im Hangar eingerichtet haben, lass ich Peters Sie unterstützen, aber das Hauptquartier geht gerade vor."
„Ja, verstanden."
„Und wenn Suzuhara hier eintrifft, schicken Sie ihn direkt zu Ritsuko."
Kaji legte sich Peters' bandagierten Arm wieder über die Schulter und schleppte den Leutnant in die andere Richtung.
„Toji Suzuhara ist in Plug-6…"
„Ich rede von seinem Vater", entgegnete Kaji über die Schulter und zog zugleich seine Zugangskarte durch das Schloss der Hangarleitstelle.
*** NGE ***
Routiniert und ausdauernd schwang Hikari den Schläger. Die Hecke wich vor ihr, als führte sie in Wirklichkeit eine schwere Motorsense. Sie kreuzten Gänge und brachen durch weitere Heckenabschnitte, bis sie schließlich ins Freie traten und sich am Fuß des Hügels wiederfanden. Stufenartige Terrassen führten hinauf zu dem ausladenden Gebäude, welches beide unwillkürlich mit einem Theater oder ähnlichem assoziierten. Auf halber Höhe des Hügels marschierte eine einsame Gestalt steifbeinig auf das Gebäude zu.
Hikari verfiel in einen Laufschritt und Kaworu schloss sich ihr ohne nachzudenken oder zu zögern an.
„Toji!"
Der einsame Wanderer blieb stehen, drehte sich um.
Hikari blieb vor Schreck stehen – Suzuharas Gesicht sah entsetzlich aus, als wäre er in eine heftige Schlägerei geraten. Dennoch lächelte ihr Freund bei ihrem Anblick, obwohl dabei verschiedene kleine Riss- und Schürfwunden wieder aufbrachen.
„Ihr habt auch hergefunden", stieß Toji hervor. Seinen Worten folgte ein gequältes Husten.
Also besäßen die Gebote von Zeit und Raum keine Bedeutung, war Hikari im nächsten Moment bei ihm.
„Was ist mit dir passiert, Suzuhara?"
Sie hob eine Hand, verharrte mit den Fingerspitzen Millimeter von seinem Gesicht entfernt.
„Ich hatte einen kleinen Diskurs mit mir selbst…"
Toji machte eine abwinkende Handbewegung.
„Offenbar habe ich immer noch einen guten Schlag."
„Wie meinst du das?" fragte Hikari verwirrt.
„Ah… egal…"
Er deutete zu dem Gebäude.
„Bringen wir es hinter uns."
Toji sah Kaworu an, wartete, bis dieser zu ihnen aufgeschlossen hatte, ehe er sich mit zusammengebissenen Zähnen wieder in Bewegung setzte, bemüht, Hikari gegenüber die Schmerzen zu verbergen, die er in seinen Innereien spürte.
Sie erreichten die Hügelkuppel und die mächtige, offenstehende Doppeltür des Haupteinganges des Gebäudes.
„Wartet…" flüsterte Kaworu so leise, dass er kaum das Rauschen in Tojis Ohren und seinen pfeifenden Atem übertönte.
„Was?" fragte Hikari.
„Hört."
Sie lauschten.
Aus dem Inneren des Gebäudes drang eine glockenhelle Stimme und mit ihr leiser Gesang.
"Think of me
think of me fondly,
when we've said goodbye.
Remember me
once in a while -
please promise me
you'll try.
When you find
that, once
again, you long
to take your heart back
and be free -
if you
ever find
a moment,
spare a thought
for me
We never said
our love
was evergreen,
or as unchanging
as the sea -
but if
you can still
remember
stop and think
of me...
Think of all the things
we've shared and seen -
don't think about the things
which might have been...
Think of me,
think of me waking,
silent and
resigned.
Imagine me,
trying too hard
to put you
from my mind.
Recall those days
look back
on all those times,
think of the things
we'll never do -
there will
never be
a day, when
I won't think
of you...
Law was day
The fruits of sommer fade
but please
promise me,
that sometimes
you will think of me!"
„Das ist Ayanami", flüsterte Hikari tonlos...
Kapitel 10 – Maskenball
Peters wischte sich den Schweiß von der Stirn und rückte zum wiederholten Mal in seinem Stuhl zurecht. Doch wie er sich auch positionierte, er bekam entweder nicht ausreichend Luft oder spürte den Drang, vor Schmerzen laut aufzubrüllen und die Wände hochzugehen. Dazu kam die wiederholte Erinnerung an den Verlust seiner rechten Hand, wenn der bandagierte Stumpf über der Eingabetastatur schwebte und ihm war, als würden Phantomfinger auf den Tasten hämmern. Wut und Verzweiflung hielten sich die Waage mit Schmerz und Atemnot. In Gedanken malte er sich aus, was er alles mit Major Kajis Personalakte und anderen elektronischen Daten anstellen könnte dafür, dass er ihn aus seinem Krankenbett geholt und von der Schmerzmittelzufuhr getrennt hatte.
Mittlerweile hatte er die Hangarkontrollen derart zweckentfremdet, dass er einen Notfallkommunikationsknoten eingerichtet und auch die Anzeigen des Testcenters auf zwei Terminals gelegt hatte. Nur die erhoffte Verbindung zu den MAGI-Rechnern ließ sich nicht aufbauen, dafür hatte er Zugriff auf eine Reihe wichtiger Subsysteme.
„Meine Leute treiben die Besessenen im ganzen Hauptquartier zusammen", murmelte Kaji.
„Besessene… interessante Wortwahl, Major."
„Wie weit sind Sie mit den MAGI?"
„Ich komme nicht weiter, der Rechnerverbund macht völlig dicht und die Reservesysteme sind ausgelastet. Die Rechenkapazitäten werden für völlig unnütze Berechnungen genutzt…"
„Wieso das?"
„Wenn Sie mich fragen… entweder haben die MAGI noch rasch die Reservesysteme beschäftigt oder jemand hat sich in das System gehackt und auf diese Weise die Abwehrmaßnahmen ausgebremst. Ich tippe auf letzteres…"
Er nahm mehrere Eingaben vor, nickte dann.
„Ich habe zwei Datenwürmer lokalisiert, spezifische Virenprogramme, die nach bestimmten Datensätzen suchen und diese nicht nur löschen, sondern die Speichersektoren völlig zerlegen."
„Wonach suchen Sie?"
Kaji trat hinter Peters' Stuhl.
„Personaldaten, ich habe einen eigenen Wurm zum Einsatz gebracht, der die übriggebliebenen Datenfragmente ausliest, aber solange ich nicht weiß, was der Eindringling sucht, kann ich keine Datensätze vorab in einen gesicherten Speicherbereich transferieren."
„Und wenn Sie die kompletten Personaldaten kopieren?"
Peters warf Kaji einen Blick zu, der irgendwo zwischen extremer Skepsis und dem Verdacht, der andere könnte verrückt sein, einzuordnen war.
„Bei den Datenmengen – Textdateien, Bilddateien, Videomaterial – dauert das erstens vergleichsweise eine Ewigkeit und könnte zweitens das System zum Abrauchen bringen. – Und ich brauche alle verfügbaren Kapazitäten, um das Testcenter am Laufen zu halten."
„Wir können also nur zusehen, wie jemand im System wütet?"
„Ja. Und ich halte es für einen sehr seltsamen Zufall, dass…"
„… jemand sich in die Rechner einhackt, während zugleich ein Engelangriff Schlüsselpersonal ausschaltet, ja, das dachte ich auch eben."
„Ich fühle mich ähnlich hilflos. Der Hacker hat uns mit heruntergelassenen Hosen erwischt – die MAGI wehren sich nicht, solange ihre Basisprogrammierung nicht angegriffen wird, ich bekomme keinen Zugriff auf die notwendigen Steuerungsprogramme und die wahrscheinlich einzige Person, die dazu in der Lage wäre, versucht, meine Bürotür einzurennen…"
Kaji antwortete nicht, blickte stattdessen aus dem Fenster in den Hangar, ohne dabei die stummen, starren Giganten in ihren Käfighalterungen zu beachten, und lauschte der Stimme aus seinem Headset.
„Suzuhara hat mehrere meiner Leute mit seinem LCL-Spray ausgestattet, das dürfte dem Spuk also bald ein Ende setzen. Bleibt die Zentrale…"
Peters rief einen Grundriss der Hauptzentrale auf seinen Bildschirm.
„Spezialpanzerung… die Schotten sind jeweils zehn Zentimeter dick… Verriegelungsmodus… die Türen lassen sich in diesem Zustand nur von innen öffnen, beziehungsweise von jemandem mit Beta-Zugangsbefugnis oder höher."
„Ich weiß. Um da rein zu kommen, brauchen wir mit konventionellen Schneidbrennern Stunden. – Und mit Sprengstoff gefährden wir die strukturelle Integrität des Gebäudes. Seltsame Ironie, dass die einzige verfügbare Person mit Beta-Befugnis zu den Opfern gehört…"
Kaji machte eine Kopfbewegung in Richtung der Tür zum Verbindungsgang.
„Ich versuche, dass Hämmern auszublenden."
„Ihnen geht es ziemlich dreckig, Jörg, nicht wahr?"
Peters hob nur den bandagierten Arm.
„Ich habe das schon Ihrem Psycho-Doc gesagt – irgendwie hatte ich mich an meine Hand gewöhnt… und sie haben mir irgendwas gegeben, damit im Stumpf keine Heilungsprozesse anlaufen und das Wiederannähen erschweren… sofern denn noch etwas da ist zum Wiederannähen…"
„Ja… - Mir fallen noch drei Personen ein mit Beta-Befugnis – das neue Kontrollgremium… Wenn alle Stricke reißen, bitte ich Generälin Shigen, ihr Glück zu versuchen, vielleicht ist die Legitimierung bereits im System…"
„Ich prüfe das schnell… ja, sieht gut aus…"
Peters hustete.
„Wir hätten die Infusion mitnehmen sollen…"
Ein leichtes Beben ging durch die Hangarkontrolle.
„Was ist das jetzt?"
Er richtete sich in seinem Sessel auf, wollte aufstehen, doch ihm blieb die Luft weg und er ließ sich zurücksinken.
Im Gänsemarsch marschierten fünf eiförmige Gerätschaften durch eines der großen Tore in den Hangar. Jeder der Eikörper hatte eine Höhe von gut drei Metern und wurde von zwei Beinen getragen, die ihn einen weiteren halben Meter über den Boden hoben. An jeder Seite befand sich ein Arm, der rechte war als Greifarm konzipiert mit einer fast menschenähnlichen Hand, während der andere entweder in einer Zange auslief oder einem anderen Werkzeugaufsatz. Vier waren weiß lackiert, das fünfte Ei dagegen purpurn. Sie blieben in einer Reihe unterhalb der Hangarkontrolle stehen.
Kaji öffnete die nach draußen führende Tür, betrachtete den Aufmarsch fassungslos.
„Das sind Ritsukos neueste Spielzeuge, die EXOs."
„Maya hat mir davon erzählt", murmelte Peters bedrückt. Wie es ihr wohl gerade ging? Litt sie immer noch Schmerzen oder hatte man ihr etwas gegen die Verätzungen gegeben…
Die Einstiegsluken der EXOs klappten nach oben und die Eikörper wurden so gedreht, dass die Insassen nach oben zur Fensterfront der Hangarkontrolle hinaufsehen konnten.
„EXO-Brigade Alpha meldet sich einsatzbereit", hallte Reika Ikaris Stimme durch den Hangar.
*** NGE ***
Im Krankenhausflügel des Hauptquartiers suchte Eikyu hektisch nach einem Arzt – und das war leichter gesagt als getan, wirken doch alle schwer beschäftigt. Major Kajis Sicherheitsleute schleppten gerade mehrere, wild um sich schlagende NERV-Angehörige auf die Krankenstation. Mehrere der schwarzgekleideten Spezialisten wirkten selbst angeschlagen. Egal wen Eikyu Ayanami ansprach, der oder die Angesprochene kanzelte sie mit schnellen Worten und unvollständigen Sätzen ab, während er oder sie weiterhastete. Allerdings bekam Eikyu genug mit, um zu erfahren, dass es offenbar eine Art Impfstoffe gegen die Anfälle gab – oder „Engelspest" wie der Zustand rasch einen Namen erhalten hatte. Und wenn niemand ihr helfen wollte, musste sie ihrer Mutter halt selbst helfen.
Auf der dritten Etage, auf der sie nach Unterstützung fragte, stolperte sie beinahe über ihre Schwester Dana – und „stolpern" war in diesem Falle genau die richtige Wortwahl, da Eikyu durch ihre dicken Brillengläser gewissermaßen einen Tunnelblick hatte, während alles jenseits der Gläser nach wenigen Zentimetern zu absoluter Unschärfe zusammenschmolz.
Die beiden Ayanamis tauschten ihr Wissen auf die ihnen eigene, emotionslose Art aus. Eikyu erklärte, auf der Suche nach Unterstützung zu sein. Die beiden Schwestern sahen einander wortlos an, blickten dann schräg über den Flur zur Tür des Beobachtungsraumes.
Vier – oder „Shi", wie sie es bevorzugte – sah von ihrem Tablett auf, als die Tür aufging. Die Krankenhausverpflegung bestand aus einem undefinierbaren grünen Brei und einer Handvoll Tabletten, wobei sie davon ausging, dass ihr „Frühstück" auf die Bedürfnisse ihres Körpers abgestimmt war. Aber deshalb musste sie weder den Anblick, noch den Geschmack mögen. Shi ahnte noch nicht, wie sehr sie sich doch von ihren Schwestern unterschied…
„Wir brauchen dich, Vierte." sagte Eikyu leise.
Shi schob ihren Stuhl zurück und erhob sich mit methodischen Bewegungen. Sie trug immer noch den grau-weiß gestreiften Pyjama, dazu graue Krankenhauspantoffeln und darüber einen graublauen Bademantel.
„Nenn mich Shi."
Eikyu blinzelte kurz, nickte dann.
„Wir brauchen dich, Shi", wiederholte sie.
Kurz darauf marschierten drei äußerlich identische Ayanamis in völlig unterschiedlicher Aufmachung den Flur hinunter, verstärkten sich am Fahrstuhl um Lisa Ayanami in ihrer Krankenschwesterntracht, fuhren wieder auf die Hauptebene des Krankenflügels hinunter und nahmen dort den mit einem großen Tank voller LCL und einem kleineren, tragbaren Sprühgerät mit Rückentornister eingetroffenen Matsuo Suzuhara in die Mitte und eskortierten ihn zur Hangarsektion.
*** NGE ***
„Das ist Rei… das ist Ayanami!" wiederholte Hikari lauter.
Kaworu wirkte leicht weggetreten, so intensiv lauschte er dem sirenenhaften Gesang.
„Wunderschön", murmelte er.
„Hast du Ayanami jemals singen gehört?" fragte Toji skeptisch.
„Nein, Suzuhara, aber das ist sie… ich weiß es."
„Na gut", murmelte Toji und machte sich geistig einen Vermerk zum Thema ‚Weibliche Intuition'. „Dann sollten wir reingehen und nachsehen."
„Oh ja!"
Die Spitze des Schläger zu Boden gesenkt eilte Hikari die Stufen zum zweiflügeligen Eingangsportal des Gebäudes hinauf, nahm dabei mit weiten Schritten jeweils zwei Stufen, während Toji sich eine Hand gegen die Rippen presste und deutlich langsamer Stufe um Stufe hinaufstieg.
Kaworu holte Toji ein, legte ihm eine Hand auf den Oberarm.
„Du hast ziemliche Schmerzen, nicht wahr?"
Toji grinste verzerrt.
„Du kennst doch das Sprichwort – was dich nicht umbringt…"
Nagisa blickte ihn besorgt an.
„Vielleicht solltest du hier draußen warten… als Eingreifkommando…"
„Ich weiß, dass du es gut meinst, aber… Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mir das entgehen lasse, wo ich es bis hier geschafft habe, oder?"
„Dann… pass wenigstens auf dich auf, Suzuhara."
Toji blickte schräg nach vorn und schien Hikaris Hinterteil zu fixieren.
„Ich werde auf sieaufpassen."
Hikari hatte mittlerweile das Portal erreicht und die Türen aufgezogen.
Der Gesang wurde lauter, kam definitiv aus dem Inneren des Gebäudes, wiederholte sich gebetsmühlenartig wieder und wieder.
Plötzlich wirkte Hikari gar nicht mehr so entschlossen.
„Und wenn es eine Falle ist?"
Dieses Mal fiel Tojis Grinsen nicht schmerzverzerrt aus.
„Damit rechne ich sogar."
Und damit betrat er das Opernhaus und hinkte langsam durch das große Foyer.
„Suzuhara, warte!"
Hikari schloss hastig zu ihm auf, wirkte unsicher, ob sie ihn stützen, bemuttern oder überhaupt noch einmal nach seinem Befinden fragen sollte.
„Wo Ayanami ist, ist Ikari nicht weit. Und wer singt, schläft nicht. Egal, was uns hier erwartet, wir haben gute Chancen, wenigstens einen weiteren Mitstreiter einzusammeln."
Hikari sah ihren Freund verblüfft an.
„Eh, ich hatte in den letzten Wochen ziemlich viel Zeit zum Lesen, Misato-san hat mir ein Buch über Taktik geliehen."
„Du hast… ein Buch… gelesen?"
„War zu dick zum Werfen." brummte Toji und setzte wieder seine, den meisten weitaus vertrautere, leicht vertrottelte Mimik auf.
Kaworu positionierte sich auf Tojis anderer Seite, so dass er und Hikari den größeren Jungen flankierten. Dunkel fühlte er sich an seine Erlebnisse auf den Kreuzwegen erinnert, wo er und die anderen Piloten die verletzte Doktor Akagi in die Mitte genommen hatten, um sie vor eventuellen Angriffen der Engel zu decken.
Vom Foyer führten mehrere Türen weiter, doch nur drei breite Türen an der entgegengesetzten Seite kamen für sie in Frage. Eine davon stand angelehnt. Stumm verständigten sich die drei Piloten mit Blicken und Gesten, näherten sich vorsichtig der Tür und zogen sie auf.
Sofort nahmen sie das Lied in aller Deutlichkeit und Schönheit wahr. Da waren durchaus Unstimmigkeiten, leichtes Zögern, dann eilig gesungene Strophen, um wieder völlig mit dem Rhythmus in Einklang zu kommen, die bewiesen, dass die Sängerin keine formelle Ausbildung besaß, doch die drei waren selbst nicht geschult genug, um diese Hinweise überhaupt bemerken und entsprechend deuten zu können.
Hinter der Tür lag ein großer, halbkreisförmiger Saal, ein breiter Gang führte zwischen aufsteigenden Sitzreihen hindurch bis direkt vor eine Bühne, welche durch einen Orchestergraben vom Rest des Saales getrennt war. Und auf dieser Bühne stand eine fast schon geisterhafte Erscheinung, eine blasshäutige junge Frau mit roten Augen und blauem Haar, gekleidet in ein langes weißes Ballkleid, welche den Blick nach oben zum Balkon der Loge direkt oberhalb der langsam hereinkommenden drei Piloten gerichtet hielt und gerade erneut ihr Lied begann.
Die drei sahen einander an. Überraschung und Verwirrung spiegelten sich in ihren Blicken.
Toji biss die Zähne zusammen und marschierte den breiten Gang hinunter auf die Bühne zu, doch Hikari überholte ihn schnell.
„Rei! Wir sind es!" rief sie.
Mit langsamen, mechanischen Bewegungen senkte die Angesprochene den Blick, sang aber weiter.
Als die drei den Orchestergraben erreichten, waren sie nahe genug, um Einzelheiten zu erkennen – Rei Ayanamis Haut hatte nicht nur die Blässe edlen Porzellans, sie bestand aus lackiertem Porzellan. Deutlich waren die Gelenkriefen und Scharniere an ihren nackten Armen zu erkennen, wie auch der große, schleifenförmige Metallschlüssel, der in ihrem Rücken steckte und sich langsam drehte.
„Eine Puppe", flüsterte Kaworu.
Hikari starrte die Sängerin aus Porzellan mit offenem Mund an, suchte den Blick ihrer Augen und glaubte, darin Leben zu sehen.
Das Lied verhallte.
Applaus kam auf, er kam von schräg oben aus der Loge, zu welcher die Porzellan-Rei hinaufgeblickt hatte.
Die Piloten drehten sich um und sahen hinauf, nur Hikari zögerte, den Blick von Rei abzuwenden.
Auf dem Geländer der Loge hockte Shinji Ikari und schlug die Hände mechanisch zusammen, doch auch bei ihm schien es sich um eine Puppe zu handeln, zu deutlich war die Maserung des Holzes zu erkennen, aus dem zumindest seine Oberfläche bestand, zu gut konnten die drei die feinen Fäden erkennen, die von den Gelenken zur Decke hinaufführten. Ihre Blicke folgten den Fäden bis zu der Hand, welche sie führte – einer gewaltigen, vielleicht drei Meter langen Gigantenhand mit einem gewaltigen Auge in der Handfläche…
*** NGE ***
Zu den fünf EXOs im Hangar hatten sich mittlerweile über vierzig Angehörige des Sicherheitsdienstes und weitere Bewaffnete gesellt, die Major Kaji überall in der Geofront von ihren Posten abgezogen hatte, ohne die jeweiligen Positionen zu sehr zu entblößen. Der Angriff auf das Hauptquartier hatte ihn gelehrt, auch in seinem Heimatland sich nicht in Sicherheit zu wiegen. Wenn schon jemand den Engelalarm nutzte, um die Datenbestände das Rechnernetzwerkes zu plündern, wer konnte dann mit Sicherheit sagen, ob nicht noch einmal die Armee oder andere Kräfte versuchten, gewaltsam die Geofront und die EVANGELIONs zu übernehmen?
Kaji stand auf dem Metallsteg vor der Tür der Hangarkontrolle und teilte seine Truppen ein, als Peters seinen Namen rief.
„Was ist, Jörg?"
„Ich habe alle namentlich Bekannten Opfer der… Engelspest… durch das System gejagt. Es hat zwar elend lange gedauert, bis ich auf Gemeinsamkeiten gestoßen bin, aber es lässt sich jetzt gut eingrenzen."
„Und?"
„Angehörige diverser Schichten der Besatzung der Hauptzentrale. Angehörige der Reinigungskräfte. Fast die ganze EDV-Abteilung. Doktor Akagi, Maya, meine Wenigkeit und noch ein paar Leute. – Was haben wir wohl alle gemeinsam?"
„Keine Ahnung. Sagen Sie bitte nicht, es ist der Kantinenfraß…"
„Die MAGI, Major. Alle Infizierten hatten irgendwann in den letzten Wochen Kontakt mit den MAGI, entweder weil sie in der Zentrale stationiert waren, dort gearbeitet haben oder aus anderen Gründen einen Direktzugriff brauchten."
„Hm…"
Kaji atmete einmal tief durch.
„Toll… wenn die Supercomputer wirklich der Ausgangspunkt der Engelspest sind, stecken wir tiefer in der Klemme als gedacht. Ohne das Netzwerk ist der ganze Komplex kaum zu kontrollieren…"
„Wir müssen sie wieder unter Kontrolle bringen."
„Und wie?"
Kaji hob die Augenbrauen.
„Da Ritsuko und Maya beide ausfallen, wären Sie der einzige… und Sie sehen mir nicht so aus, als ob ich Sie auf den Sturm auf die Zentrale mitnehmen sollte."
„Wir sind da!" kam es aus dem Hangar.
„Eh, das ist Suzuhara… und er bringt nochmal vier Ayanamis mit!"
Ryoji Kaji trat wieder auf den Steg hinaus, wandte sich aber wieder um, als Peters die nächste Neuigkeit präsentierte.
„Und ich weiß, wonach die Datenwürmer suchen."
„Wonach?"
„Der eine hat sich gerade auf meinen Laptop kopiert, der immer noch eingeschaltet in meinem Krankenzimmer steht, und zerlegt gerade meine Doktorarbeit."
„Ihre… Das ist doch… Sie haben aber eine Sicherungskopie, oder?"
„Eine?" Peters blickte Kaji an, als zweifelte er an dessen Verstand. „Acht Datensticks mit jeweils einer aktuellen Kopie… Aber um die Arbeit geht es gar nicht, nur um den Umstand, dass ich natürlich auf dem Deckblatt meine werte Frau Doktormutter genannt habe…"
„Professor Myers?"
„Die Datenwürmer suchen nach Datensätzen, die mit Myers zu tun haben, und löschen sie."
„Jörg, Sie wissen es wahrscheinlich noch nicht, aber Professor Myers' Flugzeug ist gestern über dem Nahen Osten abgestürzt, sie zählt zu den Opfern… aber da auch noch keine Leiche gefunden wurde, glaube ich vielmehr, dass hier jemand unsichtbar gemacht wird, indem er elektronisch komplett gelöscht wird…"
Weiter kam Kaji nicht, da Matsuo Suzuhara schwer atmend die Treppe hinaufkam, in seinem Gefolge vier völlig unterschiedlich gekleidete Ayanamis.
„Ich bringe Ihnen ihr LCL!" verkündete der Wissenschaftler.
Kaji fixierte den Mann, betrachtete dann nachdenklich den Behälter, den er sich auf den Rücken geschnallt hatte.
„Dann wollen wir mal zur Tat schreiten… das Gehämmer geht mir auch langsam auf die Nerven!"
Er deutete der kleinen Truppe, ihm in den Verbindungsgang zu folgen.
Von der anderen Seite sah Doktor Soryu durch die offenstehende Tür in den Gang.
„Major…"
„Ah, Doktor Kyoko Soryu – Matsuo Suzuhara. Suzuhara – Doktor Soryu."
Kaji blieb vor Peters' Bürotür stehen, sah kurz auf den Stuhl, mit dem die Türklinke von außen blockiert worden war.
„Lisa, Dana, links und rechts neben die Tür."
„Major, was haben Sie vor?"
„Ritsuko ruhigstellen. – Suzuhara, ist ihre Spritzpistole bereit?"
„Na-natürlich", bestätigte der Wissenschaftler und riss den Blick von Kyoko los.
„Dann bereithalten. - Hey, Ritsuko, wie geht es dir?"
Von drinnen kam ein lautes Brüllen, das mehr an ein Tier als einen Menschen erinnerte.
„Okaaay", sagte Kaji langgezogen, flüsterte dann: „Ich ziehe den Stuhl weg, Lisa stößt die Tür auf. Suzuhara, Dana geht rein, stößt Akagi notfalls zurück und Sie verpassen ihr eine Dusche mit ihrem LCL-Gemisch. Und dann beten wir, dass es funktioniert und Ritsuko nicht zu Asche zerfällt oder so etwas…"
*** NGE ***
„Und ich muss meine bisherige Annahme revidieren – hier liegt keine Zusammenarbeit vor…" murmelte Peters, auch wenn ihm keiner zuhörte. „Ohne das Dichtmachen der MAGI wäre die Kapazitätenblockade wohl so schnell nicht aufgefallen. Und wenn wirklich Myers hinter dem Vorfall steckt, kennt sie sich mit dem System bestens aus…"
Er stieß einen Seufzer aus und sah zum Gesicht der neben ihn stehenden Ayanami im Morgenmantel hinauf.
„Also sind wir wieder einmal zusammengekommen, Shi…"
Die Vierte nickte nur.
*** NGE ***
Das riesige Auge in der unter der Decke schwebenden Hand fixierte die drei Piloten mit einem starren, kalten Blick aus einer roten Pupille im Zentrum eines von armdicken Adern durchzogenen Augapfels. Die Wimpern der Lider wirkten wie lange Borsten, wie leicht gekrümmte, schwarze Stacheln.
*AH, LILIM, IHR HABT ALSO TROTZ ALLER STEINE, HERGEFUNDEN, DIE ICH IN EUREN WEG GELEGT HABE.*
Die Stimme donnerte in den Köpfen der drei, dass sie nicht sagen konnten, ob die Hand wirklich sprach oder ob es vielmehr ihre Gedanken waren, welche sie ihnen entgegenbrüllte.
„Eh, und wer bist du?" rief Toji mit mehr vorgespieltem Mut, als er wirklich besaß. Leise fügte er hinzu: „Täusche ich mich oder spricht die Hand in Großbuchstaben?"
„Das ist ADAM, der erste Engel", murmelte Kaworu unheilschwanger.
„ADAM?" echote Toji.
„Wurde er nicht am Tag des Angriffes vernichtet?" wisperte Hikari.
Ein zorniges Aufbrüllen war die Antwort, so laut, dass sie sich die Ohren zuhielten und vor Schmerzen krümmten.
*ICH BIN ADAM. IM VERGLEICH ZU EUCH WÜRMERN BIN ICH EIN GOTT. GLAUBT IHR WIRKLICH, MICH AUCH NUR ANKRATZEN ZU KÖNNEN?*
Toji richtete sich auf und verzog verächtlich das Gesicht.
„Brüllen kannst du ja. Mir schmerzt der Kopf jetzt mehr als der Rest meines Körpers – aber weißt du was? – So geht es mir bei fast jeder Klassenarbeit, also lass dir etwas Besseres einfallen!"
„Genau!" fiel Kaworu ein mit vor Zorn aufblitzenden Augen. „Ich habe so was von genug von selbsternannten Göttern wie dir, die glauben, mit uns Menschen machen zu können, was sie wollen! – Und dabei in einem Computer festsitzen! Wenn wir uns nicht mit dem Rechner synchronisiert hätten, würdest du dich doch zu Tode langweilen!"
„Provoziert ihn nicht weiter", flüsterte Hikari, die Bewegungen im Halbdunkel des Saales wahrnehmen. Schattenhafte Gestalten erhoben sich von ihren Sitzen und bewegten sich einer Flutwelle gleich auf die drei vor dem Orchestergraben zu.
Die Reaktion der Hand fiel jedoch anders aus als erwartet. Anstatt erneut mit seinem Zorn das Gebäude erzittern zu lassen, wurde die mentale Stimme ruhig, klang irgendwie amüsiert.
*NACH DEN TRADITIONEN DER LILIM MÜSSTE ICH EUCH JETZT IN VOLLER BREITE MEINE PLÄNE OFFENBAREN, DAMIT IHR DERWEIL ZEIT GEWINNEN UND EUCH ÜBERLEGEN KÖNNT, WIE IHR MICH AUFHALTEN SOLLT. ICH VERRATE EUCH, DASS IHR KEINE CHANCE HABT. DIESES REICH UNTERLIEGT MEINER MACHT. ICH BESTIMME DIE GESETZE. ICH BESTIMMTE DEN ABLAUF DER ZEIT – ICH BIN GOTT.*
„Ok", verkündete Toji gelangweilt und gähnte theatralisch. „Wenn wir ohnehin gegen dich nicht ankommen, kannst du uns ja auch zu Tode langweilen."
*ICH DURCHSCHAUE DEINEN PLAN, LILIM, DOCH ES IST EGAL. AUSSERHALB DIESES VIRTUELLEN RAUMES SAMMELN SICH MEINE DIENER, DIE MEINE SAAT IN SICH TRAGEN. SIE WERDEN DIE KÖRPER DER NEPHILIM MIT DEM VEREINEN, WAS VON MEINEM PHYSISCHEN LEIB ÜBRIG IST – UND MEINE WIEDERGEBURT IN DIE WEGE LEITEN. UND DANN… WERDE ICH DIE LILIM ZERTRETEN UND MIT IHREN BLEICHEN KNOCHEN DEN WEG IN DAS REICH JENSEITS DER SPIEGEL EBNEN.*
Das Lachen der Hand hallte in ihren Köpfen wieder.
„Komplett irre", murmelte Toji – wenn auch nur, um sich selbst Mut zu machen.
Hikari blickte zu der Shinji-Marionette, begegnete dem Blick der bemalten hölzernen Augen und vermeinte, auch in ihnen eine Reaktion zu entgegen, glaubte, ein stummes Flehen zu lesen.
„Toji, Nagisa-kun… das sind keine Puppen… das sind Ikari und Ayanami…"
Sie drehte sich langsam um, um die Porzellan-Rei anzublicken. Die Gestalt im ärmellosen Ballkleid war nach vorn gesunken und der Schlüssel in ihrem Rücken stand still.
„Wir müssen etwas tun…"
„Hm… überlass das mir…"
Er richtete die Stimme zur Decke.
„Eh, du übergroße Krabbelhand, wenn du so toll bist, warum kommst du dann nicht runter?"
„Ich glaube nicht, dass es klug ist, ihn so herauszufordern", zischte Kaworu, dem durchaus die Größenproportionen klar waren – und von ihrem Standort aus konnten sich nicht sehen, was sich an die Hand anschloss…
*DAS MUSS ICH NICHT, GEWÜRM.*
Dieses Mal hätte wohl auch ein Tauber das leise Lachen und den amüsierten Unterton herausgehört…
„Nicht gut… gar nicht gut…"
Hikari hob abwehrbereit ihren Schläger und wich zugleich zurück, bis sie die Kante des Orchestergrabens unter ihren Fußsohlen spürte. Ein rascher Blick schräg nach unten bestätigte ihre Befürchtungen – der Graben schien seinem Namen alle Ehre zu machen und war mehr eine vielleicht einen Meter breite, aber umso tiefere Kluft, an deren Boden es nur Dunkelheit zu geben schien.
Und zugleich rückte eine Armee aus zahllosen leichenblassen humanoiden Gestalten auf sie zu, jede einzelne ein Zerrbild der menschlichen Gestalt und einer Haut, die wirkte, als hätte sie zu lange im Wasser gelegen. Hikari versuchte, die farblosen Muskelberge zu zählen, die sich ihnen langsam näherten, sie unerbittlich einkreisten, gab bei zwanzig auf und hatte damit gerade die vorderste Reihe abgearbeitet.
„Massenproduktionseinheiten…"
Sie schluckte, erinnerte sich verschwommen an die lange Stunde im Inneren des Steuerplugs, den Takashimas Leute im Bauch des Frachters im Hafen von Matsushiro eingerichtet hatten, um die MPEs fernsteuern zu können. Sie erinnerte sich an den Kampf gegen Asuka und EVA-02, dann gegen Ikari und EVA-01 und schließlich gegen den JetAlone. Dabei war nicht sie es gewesen, die die MPEs gesteuert hatte, das hatte das MAGI-2-System von Matsushiro übernommen. Sie hatte nur ihre Willenskraft und ihre Lebensenergie zur Verfügung stellen müssen, um zu verhindern, dass es ihren Schwestern wie ihrem Vater erging…
Eine Berührung brachte sie in die Gegenwart zurück – Toji hatte ihren Arm umfasst.
„Hikari-chan…" flüsterte er.
Ihre Blicke trafen sich und sie vermeinte zu wissen, was er ihr eigentlich alles sagen wollte. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Ich weiß."
Sie widerstand dem Drang, seine Wange zu streicheln, stattdessen umfasste sie den Griff ihres Schlägers mit beiden Händen.
„Verkaufen wir unsere Leben so teuer wie möglich."
Toji schüttelte den Kopf.
„Du nicht."
Damit packte er auch ihren anderen Arm und schleuderte sie über den Graben hinweg auf die Bühne.
„Du nicht…", wiederholte er mit feucht glänzenden Augen. Dann wandte er sich mit geballten Fäusten den leichenblassen EVANGELIONs zu.
„Bist du bereit, Nagisa?"
„Hab ich eine andere Wahl?"
„Kommt und holt uns…"
Rücken an Rücken erwarteten sie den Ansturm.
*** NGE ***
Als Asuka die Augen – beide Augen – öffnete, saß sie nicht mehr in Testplug-2, sondern stand in einem langen, schmalen Gang, an deren Ende sich eine kleine Tür befand. – Und sie war nicht allein.
„Hast du mich vermisst?" flüsterte die andere Asuka. Wie Asuka trug sie eine rote PlugSuit, doch da hörten die Ähnlichkeiten bereits fast auf. Natürlich hatte sie dasselbe Gesicht und dieselbe Haarfarbe, doch war ihr rotes Haar wild und ungeordnet und blitzte in ihren weitaufgerissenen Augen der Wahnsinn. – Und dann war da natürlich noch das unterarmlange, blutverschmierte Messer, das in ihrer Hand aufblitzte, als sie damit weit ausholend auf Asuka zugestürmt kam, während sie ein hohes, irres Lachen ausstieß.
Der rothaarigen EVA-Pilotin lief es kalt den Rücken hinunter. Sie glaubte nur zu gut zu wissen, wessen Blut an dem Messer klebte… Ihr Training ließ sie die Bedrohung einschätzen und eine Reaktion planen – alles andere überließ sie ihren Reflexen.
Asuka vergewisserte sich ihres festen Standes und ließ die andere kommen. Sie drehte sich in den Schlag hinein, packte den Arm der anderen oberhalb des Handgelenks und drehte ihn kräftig herum. Zugleich zog sie ihr Knie hoch und rammte es ihrem Ebenbild in den Magen. Zeitgleich vernahm sie ein lautes Knacken und ein schmerzerfülltes Keuchen. Die andere klappte zusammen wie ein Taschenmesser. Asuka setzte nach, zog sie am nun gestreckten Arm nach vorn und hämmerte ihr den Ellenbogen in den Rücken zwischen zwei Wirbel. Erneut knackte es laut – die beiden Knacklaute brechender Knochen kamen derart schnell hintereinander, dass sie für einen Außenstehenden nur schwer zu unterscheiden gewesen waren.
Asuka ignorierte die japsenden Geräusche, mit denen ihr Ebenbild nach Luft schnappte, ebenso wie das Scheppern, mit dem das Messer aus dem Boden aufschlug und davonrutschte. Sie ließ die andere zu Boden gleiten wie ein Stück Stoff, das von ihrer Haut herabglitt, stieg über ein schwach zuckendes Bein und ließ die Wut und den Wahnsinn hinter sich zurück, ohne sich noch einmal umzudrehen oder über die Schulter zurückzublicken. Selbst der langgezogene, gurgelnde Laut, der plötzlich abbrach und Stille Platz machte, konnte sie nicht dazu veranlassen, den Blick von ihrem Ziel abzuwenden – der Tür am Gangende…
Innerlich spürte sie eine eiskalte Ruhe, kein Bedauern, keinen Zorn, vielleicht einen Hauch von Befriedigung, doch dieser Hauch verwehte rasch wieder.
Dennoch formten ihre Lippen tonlos die Worte: „Nein, habe ich nicht…"
Die Rothaarige streckte die Hand nach dem Türknauf aus, drehte ihn, fand die Tür unverschlossen und drückte sie auf, trat hindurch.
Hinter der Tür befand sich eine Theatergarderobe. Auf großen, langen Gestellen hingen Kostüme und Kleidungsstücke aller Art in allen möglichen Farben, dazu die verschiedensten Requisiten.
Asukas Blick wanderte über den Stuhl vor einem großen Spiegel und über den benachbarten Schminktisch. Kurz blieb ihr Blick an einem zylinderförmigen Gerät mit zahlreichen, fast schon winzigen Anzeigen, Schaltern und Reglern hängen, ehe sie fand, was sie suchte.
Auf dem Spiegel stand mit weißer Farbe eine Nachricht, eine Botschaft, die sich ganz allein an sie richtete:
Alles, was du benötigst. – J
*** NGE ***
Hikari kam heftig mit der Schulter auf und stieß ein leises „Au!" aus. Ihr linkes Bein hing halb über die Kante und der Schläger war aus ihren Fingern geglitten. Wie in Zeitlupe rollte er auf die tiefe Kluft zu, die nun zwischen ihr und den beiden anderen klaffte. Hikari streckte noch die Hand aus, ihre Fingerspitzen berührten das glatte Holz, konnten es aber nicht aufhalten. Der Schläger verschwand auf Nimmerwiedersehen in der Schwärze. Einen Moment noch vermeinte sie, das Holz unter ihre Fingern zu spüren, auch wenn da nichts mehr war.
„Suzuhara, du Idiot!" rief Hikari, während sie sich auf ein Knie hochstemmte.
Auf der anderen Seite des Grabens schlossen die MPEs Toji und Kaworu ein und rückten langsam näher, so dass Toji nur kurz über die Schulter blickte. „Wenn es jemanden unter uns gibt, der zu Ayanami durchdringt, dann du! – Und vielleicht gibt es hinter der Bühne einen Ausgang…"
„Du Idiot", wiederholte sie, leiser, maß mit ihrem Blick den Abstand und die Breite der Kluft. Mit Anlauf würde der Spalt kein Problem darstellen. Und die Versuchung war groß – denn gerade erreichte der erste der etwa zwei Meter großen, weißen EVAs ihre Mitstreiter, griff mit langen, dürren Armen nach Toji, der sich duckte, einen Arm packte und den Schwung der MPE nutzte, um diese über die Kante zu stoßen. Die Massenproduktionseinheit verschwand ebenso lautlos und endgültig wie Hikaris Schläger.
„Wir halten uns schon, siehst du doch!"
„Wir sollten von der Kante weg", zischte Kaworu.
„Na, dann…"
Toji stürzte sich auf den nächsten Gegner, riss ihn mit seinem Schwung und Gewicht zu Boden. Kaworu folgte ihm. Die beiden verschwanden zwischen den bleichen Leibern…
Hikari zögerte immer noch, blickte dann zur Seite, wo die leicht nach vorn gesunkene Porzellan-Rei stand, die Augen geschlossen und die Arme schlaff herabhängend.
„Ayanami", hauchte sie, war mit einem schnellen Schritt bei der lebensgroßen, lebensechten Puppe… wenn es denn wirklich eine Puppe war. Sie packte die Porzellan-Rei an den Oberarmen, zwang sie in eine aufrechte Haltung.
„Ayanami! Hör mir… hör mir zu… Ich bin sicher, dass du da drin steckst… in dieser Hülle aus… Porzellan… wir brauchen dich. Ikari… Shinji braucht dich…"
Ihre Worte erzeugten keine Reaktion. Die von ihr festgehaltene Gestalt verblieb regungslos, zuckte weder, noch öffnete sie die Augen oder gab anderweitig zu verstehen, sie gehört zu haben.
„Ayanami…"
Hikari ließ die kalten, unnatürlich glatten Arme los, wich einen halben Schritt zurück. Sofort knickte der Oberkörper der Porzellan-Ayanami wieder nach vorn und kam der große Flügelschlüssel wieder in Hikari Horakis Blickfeld, der aus dem Rücken der anderen ragte.
Sie blickte über die Schulter – Suzuhara und Nagisa hielten sich gut, Toji nutzte seine Reichweite, um die heranschwankenden MPEs fernzuhalten, während Kaworu mehr auf Beinarbeit setzte, dennoch war absehbar, dass sie nicht ewig die Stellung halten würden.
„Es ist verrückt… völlig verrückt", murmelte Hikari und ging um Ayanami herum. Zögernd griff sie nach dem Schlüssel. „Das ist komplett verrückt…" Erst langsam und zaghaft, dann kraftvoller, begann sie den Schlüssel zu drehen. Sie glaubte, leise Klickgeräusche aus dem Körper der Porzellan-Ayanami zu hören. Und mit einer Reihe knackender Laute richtete Ayanami sich auf und straffte den Rücken. Mit einem Surren glitten die Augen auf. Der Mund öffnete sich und die Lippen begannen sich zu bewegen – die Porzellan-Ayanami setzte erneut zu ihrem Lied an.
„Ayanami!"
Wieder stand Hikari frontal vor ihr, wieder umfasst sie die dünnen Oberarme.
„Ayanami, bitte… du musst… du darfst keine Puppe sein… du musst echt sein… unter dieser glatten Schicht muss ein Mensch stecken… ein Mensch aus Fleisch und Blut, muss ein Herz schlagen… wir brauchen dich! – Ich brauche dich, ich brauche deinen Rat und deine Stärke, beste Freundin!"
Voller aufsteigender Verzweiflung schloss sie die Porzellan-Ayanami fest in die Arme, bemerkte nicht, dass deren Mund immer noch offenstand, als würde sie zur ersten Note ihres Liedes ansetzen – und sich langsam schloss, bemerkte nicht, wie sich die Augen halb schlossen.
„Ayanami, gib mir etwas von deiner Kraft, damit ich weiß, wie ich Toji und Nagisa helfen kann…" flüsterte Hikari.
Im Augenwinkel der Porzellan-Ayanami sammelte sich Feuchtigkeit, nicht viel, doch genug, um ein Glitzern zu bewirken.
*** NGE ***
Erinnerungen…
An ihrem letzten Tag, ehe ihre Familie die Stadt verließ, nahm Hikari Rei beiseite.
„Ich muss mit dir reden."
„Ja."
Sie gingen auf das Dach der Schule, Hikari immer noch etwas steifbeinig, doch vielleicht benötigte man Rei Ayanamis trainierte Wahrnehmung, um dies zu bemerken.
„Rei, ich erinnere mich teilweise wieder an den Kampf... vor allem an sein Ende. Der Engel hatte versucht, mit mir Kontakt aufzunehmen."
„Kontakt?"
„Ja. Ich war so damit beschäftigt, gegen ihn zu kämpfen, dass ich es erst erkannte, als meine Kräfte erlahmten. - Ich glaube nicht, dass die Engel uns vernichten wollen."
„Bitte, erkläre das."
Ein leicht überraschter Unterton schwang bei diesen Worten mit.
„Er hat mir... Bilder gezeigt... von meiner Mutter, gefesselt an einen Pfahl."
„Deine Mutter ist tot."
„Ja... Schon seit über zehn Jahren... aber, verstehst du, er hat mir sie dennoch gezeigt. Sie war gefangen - und er wollte sie befreien, doch die EVAs hinderten ihn daran... ich glaube, er hat mir dieses Bild gezeigt, um mir mitzuteilen, dass sie gar keine feindlichen Absichten haben. Sie wollen einen der ihren befreien, jemanden, der ihnen so wichtig ist, dass sie für ihn zu sterben bereit sind, vielleicht ihre Herrscherin oder... ihre Mutter..."
Rei blickte Hikari fassungslos an.
Das, was die Klassensprecherin gesagt hatte, widersprach allem, was sie gelernt hatte. Seit dem Beginn ihrer Existenz war sie darauf vorbereitet worden, gegen den Feind zu kämpfen, waren die Engel wie die Kreaturen der Unterwelt dargestellt worden... - vom Kommandanten... und Kommandant Ikari war schon früher nicht zu ihr ehrlich gewesen.
Sie konnte die Worte der anderen nicht einfach ignorieren, wie sie es wohl früher gemacht hätte.
„Hikari, das erscheint mir... unglaubhaft... Warum greifen sie uns dann an?"
„Und wenn es umgekehrt ist? Wenn wir den ersten Schlag geführt haben? Wer ist dann der Angreifer? Wie willst du dann Gut und Böse definieren? Ich..."
Hikari blickte auf die Uhr.
„Ich habe nicht mehr viel Zeit, eigentlich bin ich heute nur hergekommen, um mich zu verabschieden. Toji wartet sicher schon bei mir daheim, um mir Lebewohl zu sagen..."
„Ihr werdet euch wiedersehen."
„Vielleicht... ich weiß es nicht. Er bleibt mit seinen Leuten in der Stadt. Vielleicht wird er beim nächsten Angriff getötet... es... ah... wenigstens hatten wir diese eine Nacht..."
„Ihr habt es wirklich... getan?"
„Ja."
Ein stilles Lächeln formte sich auf ihren Lippen.
„Ich bereue nichts."
Rei nickte stumm.
Hikari tat ihr leid, kaum hatte sie zu den Lebenden - und Suzuhara-kun - zurückgefunden, da wurde sie bereits wieder von ihm getrennt.
„Ihr werdet euch wiedersehen. Bald ist es vorbei."
Hikari nickte.
„Das wollte ich dir noch sagen... wenn der nächste Engel auftaucht, dann versucht, mit ihm zu reden, vielleicht ist es dann eher vorbei, als alle denken, vielleicht lässt sich dann eine Lösung finden."
Rei schluckte.
Sie fühlte Tränen in sich aufsteigen.
„Klassensprecherin..."
„Ich schreibe dir, wenn wir uns in der neuen Stadt eingerichtet haben. Ich schreibe euch allen. Du musst mir versprechen, dass ihr uns besuchen kommt, du und Shinji-kun."
„Das werden wir."
Hikari trat dicht an Rei heran und umarmte sie kurz.
„Danke. Danke, dass du meine Freundin bist."
Dann wandte sie sich ab und stieg langsam die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Rei blickte ihr nach.
Danke... sie hatte sich bei ihr bedankt... warum hatte sie sich bei ihr für ihre Freundschaft bedankt?
*** NGE ***
„Hi-ka-ri", drang es stoßweise aus dem perfekten Mund mit den rotlackierten Lippen. Die ungewohnten Lippenbewegungen ließen die Glasur reißen. Risse breiteten sich vom Mund ausgehend über Ayanamis Gesicht aus. Winzige Flocken lösten sich und enthüllten farblich kaum abweichende Haut.
Hi-ka-ri…
Wie ein leiser, ferner Luftzug drangen die Silben an Hikaris Ohr, arbeiteten sich langsam in ihren Verstand vor. Zugleich vernahm sie ein vielfaches, kaum hörbares Knacken, nahm wahr, dass der Porzellanüberzug brüchig wurde und sich Risse entlang der nackten Arme bildeten…
„Ayanami…"
Kurz verstärkte sie den Druck der Umarmung, schloss einen Augenblick lang die Augen und konzentrierte sich ganz allein auf das Echo dieser leisen Stimme, die ihren Namen ausgesprochen hatte, während jenseits des Grabens Toji und Kaworu unter der Masse der Gegner verschwanden.
*** NGE ***
Mit einem Ruck zog Kaji den Stuhl fort, der bisher die Klinge der Bürotür blockiert und mit seiner Lehne nach oben gedrückt hatte. Lisa Ayanami drückte die Klinge nach unten und gegen die Tür, doch in diesem Moment warf sich von drinnen jemand – Ritsuko Akagi – mit einem tierhaften Schrei gegen die Tür, dass Lisa erschrocken zurückzuckte. Ryoji Kaji registrierte ihre Reaktion nur am Rande, machte sich aber dennoch eine gedankliche Notiz hinsichtlich des für die Ayanami-Klone eigentlich üblichen, stoischen Verhaltens.
Dana Ayanami schob ihre Schwester zur Seite und nahm die Gangbreite Anlauf, rammte mit ihrer Schulter die Tür, wobei kurz ein Anflug von Schmerz auf ihrem Gesicht erschien. Die bis jetzt in Peters' Büro gefangene Akagi stürzte sich auf das schwarzgekleidete Klonmädchen, doch bevor sie ihm die zu Klauen verkrampften Hände um den Hals legen konnte, war Eikyu heran, umklammerte sie mit beiden Armen um die Leibesmitte und stemmte sich ihr entgegen.
Kaji starrte Ritsuko an – ihr Gesicht war verzerrt und die Augen schienen aus den Höhlen zu quellen. Mit Blut gemischter Schaum stand auf ihren Lippen und der Kragen ihres Kittels war mit einer dunkelroten Flüssigkeit getränkt. An ihrem linken Handgelenk schlenkerte ein Stück eines zerrissenen Gürtels. Die Hände selbst waren schwarz-grünlich verfärbte, die Haut pulsierte, als wollte sie jeden Moment aufreißen. Ein Ausläufer der Verfärbung zog sich wie eine feine Tastwurzel Ritsukos Hals hinauf und bis zu ihrem Kiefer. Kurz fragte sich Kaji, ob es nicht gnädiger wäre, den Abzug seiner Waffe durchzuziehen und die alte Freundin zu erschießen, dann presste er doch noch ein „Suzuhara! Jetzt!" hervor.
Matsuo Suzuhara war vom Anblick der Chefwissenschaftlerin nicht weniger schockiert, ja, gelähmt, wie es beim Sicherheitschef der Fall war, doch Kajis Kommando riss ihn aus seiner Trance und ließ ihn nahezu automatisch den Abzug des Pumpmechanismus durchziehen. Er spürte, wie aus dem LCL-Behälter, den er sich auf den Rücken geladen hatte, durch den Schlauch, welchen er mit Klebeband an seinem Oberarm fixiert hatte, und schließlich aus der Spritzpistole in seiner Hand die aufbereitete LCL-Flüssigkeit unter Hochdruck schoss.
Eikyu flog durch den Raum, als Ritsuko sie wie ein lästiges Insekt zur Seite wischte. Die Ayanami prallte gegen die Wand und verlor ihre dickglasige Brille. Akagi setzte zum Sprung in Richtung an, als sie der LCL-Strahl traf.
„Draufhalten, nicht nachlassen!"
Kaji musste brüllen, um Ritsukos Schrei zu übertönen. Er erinnerte ihn an das langgezogene Schrillen einer Sirene, hoch und einschneidend. Akagi hob die Arme, um sich vor dem feinen Nebel aus LCL zu schützen, der auf sie niederging, kreischte dabei wie ein verletztes Tier.
Dana umklammerte die Wissenschaftlerin von hinten um die Leibesmitte und zwang sie, sich dem Nebel zu stellen, während Eikyu sich in der Ecke langsam aufrappelte und nach ihrer Brille tastete, während Tränen über ihr Gesicht liefen.
Kaji konnte sehen, wie die verfärbte Haut an Ritsukos Händen und Unterarmen aufplatzte und sich eitrig-grüne Flüssigkeit zischend mit dem LCL-Nebel vermischte. Dann brach der Schrei ab und sackte Ritsuko in Danas Griff zusammen. Zugleich wurde Kaji klar, welches Glück Maya gehabt hatte, dass sie dem Angriff des Engels auf ihr Wesen weder allein hatte begegnen müssen, noch dass viel Zeit verstrichen war, in welcher der Engelskeim sich in ihr hatte ausbreiten können. Bei Ritsuko sah dies jedoch ganz anders aus. Die Wissenschaftlerin und die Ayanami-in-Schwarz waren beide völlig durchnässt. Von Akagi ging nur noch ein leises Wimmern aus.
„Bringt sie auf die Krankenstation", flüsterte Kaji. Die Klonschwestern kamen der Anweisung wortlos nach, nur Eikyu suchte noch immer nach ihrer Brille, ohne die sie beinahe blind war. Nachdem Dana und Lisa ihre Adoptivmutter aus dem kleinen Raum bugsiert hatten, betrat Kaji diesen und hob das Brillengestell auf. Durch das linke Glas verlief ein langer Riss.
„Hier."
Er reichte die Brille Eikyu, welche sie wort- und gestenlos in Empfang nahm und aufsetzte.
„Geht mit den anderen."
Matsuo Suzuhara räusperte sich.
„Einer meiner Assistenten bereitet eine Art Dekontaminationsbad vor, bei dem der ganze Körper mit LCL eingesprüht wird. Wenn der Befall soweit fortgeschritten ist, wie bei Doktor Akagi reicht das hier vielleicht nicht mehr…"
Er schluckte, während er quasi demonstrativ die Sprühpistole anhob.
Kaji nickte.
„Bleiben Sie hier, ich übertrage Ihnen die Funkstation. Koordinieren Sie die Dekontaminationsmaßnahmen vom Hangar aus – ich überlasse es Ihrer Einschätzung, wie schwerwiegend die Maßnahmen ausfallen müssen. Leutnant Peters wird…"
„Leutnant Peters wird zur Zentrale mitkommen", kam Jörgs Stimme mit knurrendem Unterton von der Tür zur Hangarkontrolle. Peters stand in der Tür, das rechte Bein seiner Uniformhose war seitlich bis zum Oberschenkel aufgeschnitten und flatterte leicht im Luftzug, so dass seine Kniemanschette zu sehen war. „Shi war so freundlich, meine Manschette zu justieren. Major, lassen Sie uns den LCL-Tank nehmen, die EXOs die Tore der Zentrale aufbrechen und dem Spuk ein Ende bereiten… - ich will zurück in mein Bett."
*** NGE ***
Misato hockte immer noch unter dem Tisch im Kommandostand. Der bewusstlose Professor atmete schwer neben ihr und sie überprüfte zum wiederholten Mal ihre Waffe. Wenigstens hatten die Besessenen – ein besseres Wort fiel ihr nicht ein – das Feuer eingestellt.
Katsuragi ertappte sich dabei, dass sie betete.
„In Ordnung…" murmelte sie, als wollte sie sich selbst Mut machen. Noch einmal verharrte sie kurz, um nach der Halsschlagader des Kommandanten zu tasten und voller Sorge den grünlichen Ausschlag an seinen Händen zu betrachten. Dann rutschte sie unter dem Tisch hervor und ging auf die Knie, schob sich langsam vorwärts, bis sie über die Kante des Kommandostandes blicken konnte.
Das innere Triangel des MAGI-1-Systems war unter einem Gewirr giftgrüner organischer Masse verschwunden. Dicke Pflanzenstängel wanden sich um die drei würfelförmigen Rechner und meterlange, augenbesetzte Tentakel zuckten in einem Irrsinn erweckenden Muster umher, dass Katsuragi schon vom Hinsehen schlecht wurde. Zwischen den Tentakeln aus verwachsenen Armen und Beinen klafften Mäuler mit krummen Zähnen, wuchsen dornenartige Stacheln und Büscheln aus dicken Haaren. Und von den Mäulern ging ein Übelkeit erregender Gesang aus, ein unrhythmisches Gebrabbel, welches Misatos Knochen zum Vibrieren zu bringen schien und ihr den Magen umstülpte.
Die fünf Männer der Brückencrew standen in verschiedenen Abständen den MAGI – oder besser ADAM – zugewandt. Ihre Unterarme waren ebenfalls von grünlichem Rankenwerk bedeckt, welches aus der Haut zu sprießen schien. Soweit Misato das beurteilen konnte, machte jeder von ihnen einen abwesenden Eindruck und wirkte wie eine Marionette, deren Arme schlaff am Körper herabhingen, während der Oberkörper kraftlos nach vorn gebeugt war, und die den Kopf hängenließ. Gerade setzten sich die beiden Männer in Bewegung, die den MAGI am nächsten waren, beides Techniker, an deren Namen sich Misato in diesem Moment angestrengt zu erinnern versuchte. Schlurfend setzten sie Schlafwandlern gleich einen Fuß vor den anderen. Fleischige Tentakel zuckten in ihre Richtung und Mäuler schnappten. Die Ranken an den Unterarmen der Männer wickelten sich auf und begann, ein Eigenleben zu entwickeln, schienen der Masse entgegenzustreben, welche die MAGI im Würgegriff hielt.
Katsuragi hielt den Atem an, beobachtete mit bebendem Herzen, wie der erste Mann – jener, der sich die Augen ausgedrückt hatte, als ADAM von ihm Besitz ergriff – die kritische Distanz unterbot und den entscheidenden Schritt tat. Ranken und Tentakel vereinigten sich, verschmolzen zu einem zuckenden grünen Ganzen. Mit einem Ruck wurde der Mann in die Hauptmasse hineingezogen und verschwand zwischen den verknoteten Karikaturen menschlicher Gliedmaßen. Zugleich schien die Masse etwas anzuschwellen. Misato schluckte, konnte nur zusehen, wie auch der andere Mann verschlungen wurde und ADAM wieder etwas an Substanz gewann.
Dann setzten sich Aoba und Hyuga langsam in Bewegung, ohne die Füße zu heben.
Misato richtete sich auf.
„Aoba-kun, Hyuga-kun! Bleibt stehen! Das Ding wird euch fressen!"
Wenn die beiden Offiziere sie hörten, so zeigten sie keine Reaktion.
Von der Seite erreichte gerade der dritte Techniker die grüne Masse. Seine Ranken reckten sich ADAM entgegen – und Misato hob die Waffe und schoss.
Der einzelne Schuss hallte seltsam hohl durch die Zentrale, verdrängte kurz den Gesang auf hunderten von Mäulern. Der Techniker schlug zu Boden, nur wenige Handbreit außerhalb der Reichweite der kurz wie wahnsinnig zuckenden Tentakel, und rührte sich nicht mehr.
Misato presste die Lippen zusammen, während sie auf Shigeru Aobas langen Rücken anlegte.
„Stehenbleiben! Ich werde nicht zulassen, dass ADAM weitere Nahrung erhält!" rief sie, versuchte sie es noch einmal, hoffte sie, eine Reaktion zu erreichen. Doch worauf auch immer sie gehofft hatte, es blieb aus.
Sie zielte tiefer, auf die Beine, drückte ab.
Aoba wurde ein Stück vorwärts geschleudert, schlug zu Boden. Mechanisch stemmte er sich auf die Knie, versuchte wieder auf die Beine zu kommen, schlug wieder hin.
Katsuragi legte auf Hyuga an, zog den Abzug durch.
Auch der kleinere Leutnant ging zu Boden und versuchte, sich wieder aufzurappeln – wortlos, ohne eine Miene zu verziehen, wie eine Maschine, die ein Programm auszuführen versuchte…
„Verfluchter…" brüllte Misato und fügte eine Reihe von wenig damenhaften Bezeichnungen hinzu. Mehrmals zog sie den Abzug durch, jagte mehrere Kugeln in die sich windende Masse, welche als Reaktion noch heftiger um sich zu schlagen schien. Schließlich hielt Misato inne, hob die Waffe vor die Augen, löste das Magazin, zählte die Kugeln. Noch zwei Kugeln…
Sie sah nach unten zu Fuyutsuki, schluckte. Zwei Kugeln…
*** NGE ***
Metallbeschlagene Stiefelabsätze klackten laut, als ein weiterer Protagonist den Opernsaal betrat. Die Schöße des weiten Staubmantels flatterten auf, als der Neuankömmling mit jeder Hand einen Revolver aus den Hüfthaltern zog, synchron die Sicherungshebel umlegte und zu feuern begann – reifen Melonen gleich platzten die Schädel der beiden nächsten MPEs auf, als glühende und fauchende Positronenladungen explodierten. Dann schoss der Schütze noch einmal mit beiden Waffen auf dieselben Ziele, dieses Mal tiefer, traf unterhalb der Brustkörbe, zerfetzte die dort befindlichen S2-Maschinen. Die rauchenden Pistolenläufe ruckten herum, zielten bereits auf die nächsten beiden Massenproduktionseinheiten. Wieder jagten Positronenladungen aus den Läufen, wieder und wieder, wie im Takt eines grausamen, metallenen Herzen. Die Trommeln der Revolver klickten weiter, vollzogen die erste Drehung, dann die zweite, die Läufe glühten regelrecht – und immer noch krachte Geschoss um Geschoss aus ihnen.
Der Schütze bewegte sich kaum von der Stelle, hatte er zwei Ziele ausgeschaltet, bewegte er maximal leicht den Oberkörper oder die Arme. Unter dem langen, grauen Staubmantel trug er Hosen aus rotbraunem Leder und über einem hellen, pastellfarbenen Hemd eine rötliche Weste. Ein weißes Halstuch verbarg die untere Hälfte des Gesichts, während der Rest im Schatten der breiten Krempe eines Schlapphutes lag. Im Schatten jedoch blitzten zwei blaue Augen, so klar und so blau wie das Meer.
Über zwanzig MPEs waren dem präzisen, uhrwerkartigen Ansturm bereits zum Opfer gefallen, als in die immer noch unüberschaubare Horde Bewegung kam und sich kalte, blinde Augen dem Schützen zuwandten.
Unter dem Halstuch verzogen sich die Lippen zu einem breiten Lächeln.
„Zeit zum Arschtreten", flüsterte Asuka und streckte gleichzeitig mit ihren Worten das nächste Paar der falschen EVANGELIONs nieder.
Das Meer aus totenbleichen Gestalten teilte sich und gab den Blick auf Toji Suzuhara und Kaworu Nagisa frei. Kaworu zappelte um sich tretend im Würgegriff einer Massenproduktionseinheit, während Toji mit erhobenen Fäusten dastand, dabei aber schwankte und aus fast zugeschwollenen Augen ins Leere starrte und seine aufgeplatzten Lippen zuckten. Der größere der beiden teilte mehrere müde Faustschläge gegen den MPE aus, welcher seinen Kampfgefährten festhielt, erzeugte schlaffe, klatschende Geräusche.
Und auf der Bühne erwiderte Rei Ayanami Hikaris Umarmung, während die Porzellanschicht in dicken Flocken abblätterte, sich der Schlüssel in ihrem Rücken löste und polternd zu Boden fiel, ohne das vielleicht erwartete Loch zu hinterlassen.
Hinter ihnen öffnete sich langsam der Vorhang und gab den Blick auf zwei überlebensgroße Statuen aus dunklem Kristall frei, einen Mann und eine Frau in Abwehrhaltung, die Hände schützend gehoben. An der Seite der männlichen Statue zog sich ein Riss von der Hüfte bis zur Achsel.
Die Shinji-Marionette, welche mit herabbaumelnden Beinen auf dem Geländer der Loge saß, öffnete den hölzernen Mund zu einem stummen Schrei, während ADAMs Spinnenfinger vor Vorfreude leicht zuckten und eine feuchte Schicht sich auf dem Hauptauge bildete.
Langsam wich Asuka vor der Masse der knochenbleichen, fischäugigen Massenproduktionseinheiten zurück. Bei jedem Schritt verursachten ihre Stiefelabsätze ein Knallen. Noch immer spien ihre Revolver Tod und Verderben, jagte mit jedem Schuss ein heftiger Rückstoß durch ihre Arme, dass ihre Handgelenke bereits schmerzten und ihre Unterarme krampften. Noch immer fällte sie mit jedem zweiten Herzschlag zwei MPEs, so dass die Gefallenen die anderen behinderten. Jemand anders hätte angesichts der Überzahl wohl auf dem Absatz kehrtgemacht und sich eine bessere Schussposition gesucht, doch daran dachte Asuka nicht. Sie hatte den anderen Luft verschafft, doch um sich ihres Vertrauens würdig zu erweisen, um wieder einen Platz im Pilotencorps zu finden, durfte sie nicht weichen.
Ein bleicher Arm tauchte in ihrem Blickfeld auf, hämmerte gegen ihren Arm. Sie verzog ihren Schuss. Zwei weitere MPEs erreichten sie, bedrängten sie. Ihre Zeigefinger zogen immer noch automatisch die Abzüge durch, doch ihre Schüsse gingen fehl, trafen immer noch totes, weiches Fleisch, aber nicht empfindlichen Stellen der weißen Giganten. Noch einmal riss sie den rechten Arm hoch zu einem kräftigen Schlag mit dem Kolben ihres Revolvers. Der glühende Lauf hinterließ seine schwärende Spur auf dem Leib einer MPE, der Schlag ließ ihren Unterkiefer davonfliegen, dass wässriges, blaues Blut spritzte. Dann hatten sie sie…
Asuka ließ die Revolver fallen, noch ehe sie den Boden berührten, lösten sie sich in winzige Wirbel aus Informationsbrocken auf und zerstoben in einem ansonsten nicht existenten Luftzug.
Asuka ging leicht in die Knie, federte kurz, stieß sich dann ab. Ihr grauer Mantel blieb zurück, löste sich von ihr wie eine zweite Haut. Auch der breitkrempige Hut segelte davon. Im Sprung verschmolzen ihre Kleidungsstücke zu einer knallroten PlugSuit. In ihrer Hand lag ein zylinderförmiger Gegenstand, dessen Schalter sie blind mit ihren Fingerspitzen verschob. Mit einem leisen Fauchen entfaltete sich der Gegenstand, schoben sich teleskopartig aus beiden Enden Verlängerungen, drehten sich gewundene Metallstreben hervor, bis Asuka einen Speer aus zwei verflochtenen, graubläulich schillernden Stücken in Händen hielt, der an einem Ende in einer dornenartigen Spitze auslief, am anderen aber sich zu einer Gabel teilte. Und sie wusste intuitiv, dass die Replik des Longinusspeeres in dieser virtuellen Realität nicht minder effektvoll sein würde gegen die falschen EVAs, wie es das Original während der Schlacht um die Geofront gewesen war. – Schließlich hatte Jörgi dafür gesorgt, dass ihr ein Arsenal zur Verfügung stand…
In der Landung durchbohrte sie eine MPE mit dem spitzen Ende, riss ihr den Oberkörper mit einer leichten Drehung auf, stieß die Gabel durch den Kopf der Einheit, welche Nagisa festhielt, wirbelte herum und erlegte den nächsten Gegner.
„Asuka…" brachte Toji ihren Namen über seine geschundenen Lippen. Er sah aus wie ein Preisboxer nach viel zu vielen Runden im Ring. „Du hier…"
„Hast du jemand anders erwartet, Suzuhara? – Eine muss doch eure Hintern retten!"
„Irgendwie habe ich deine große Klappe vermisst."
Ächzend half Toji Kaworu auf die Beine und die beiden bildeten mit Asuka ein Dreieck, welche die MPEs mit der Lanze auf Abstand hielt.
*BEEINDRUCKEND…*, donnerte ADAMs Stimme in den Köpfen der Piloten wider. *BEEINDRUCKEND UND DOCH VERGEBLICH.*
Die MPEs bildeten wieder eine geschlossene, breite Front. Die Flut wartete nur darauf, dass die Schleusen geöffnet wurden, um sich über die drei auf dieser Seite des Grabens zu ergießen und sie mit sich zu reißen…
Doch Asuka lächelte nur. Es war ein kaltes, siegessicheres Lächeln – warum sollte sie auch Wärme in ein Lächeln legen, wenn ihr ein Monstrum gegenüberstand, eine der Kreaturen, die zu vernichten sie ihr ganzes Leben ausgebildet worden war. – Ein Lächeln, bei dem es jeder warmblütigen Kreatur wohl kalt den Rücken hinabgelaufen wäre. Mit ihrem Lächeln versprach sie dem Engel den Tod…
„Als du das letzte Mal große Töne gespuckt hast, war ich leider anderweitig beschäftigt gewesen – aber Shinji und Wondergirl haben mich nicht einmal gebraucht, um dich fertigzumachen. Ich habe gehört, dass Ritsuko sich auch ein Stück rausgeschnitten hat, stimmt das? – Aber was mich wirklich etwas betrübt, ist der Umstand, dass ich auch heute eigentlich nur eine Nebenrolle spiele, mächtiger ADAM… denn weißt du, eigentlich bin ich nur die Ablenkung."
Und ihr triumphierender Blick ging in Richtung eines Seiteneinganges, der frei war von allen Feinden. Dort stand Yui Ikari in einem prächtigen goldenen Kleid. Ihr rechter Arm war mit stählernem Plattenzeug gepanzert und in der Hand hielt sie eine exakte Nachbildung von Jörg Peters' Werkzeug, welches sie mit der Projektorspitze auf ADAM richtete.
„Gib meinen Sohn frei, Monster!" hallte ihr Flüstern durch den Saal.
*** NGE ***
Die EXOs bildeten die Vorhut der kleinen Truppe, die dem Hauptkorridor folgend auf die Kommandozentrale des NERV-Hauptquartiers zumarschierte. Reika mit EXO-1 hatte die Spitze übernommen, gefolgt noch den anderen vier ‚Eiern', welche von Aika, Beniko, Cho und Dai Ayanami gesteuert worden. – Auch Reika hatte letztendlich der Versuchung nachgegeben und entnervt davon, ihre Trainingspartner mit Nummern anzusprechen, diesen Vornamen gegeben und dabei mit dem Buchstaben A angefangen. Die im Vergleich zu den EVANGELIONs winzigen Mechas stampften den Korridor hinunter und unter ihren gleichmäßigen Schritten erzitterte der Boden. Ihnen folgten in sicherem Abstand Major Kaji, der seine Faustfeuerwaffe gegen ein Sturmgewehr eingetauscht und sich eine Kevlarweste übergezogen hatte, und eine Traube von Sicherheitsleuten, eine bunte Mischung von Männern in Schwarz und NERV-Soldaten, in deren Mitte sich Peters und Shi Ayanami bewegten. Das Mädchen hatte sich den wiederaufgefüllten LCL-Behälter umgeschnallt; er bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrer übrigen Kleidung aus Pyjama, Morgenrock und Pantoffeln. Vier Sicherheitsleute schleppten zwischen sich einen Tank mit verdünntem, aerosolfähigem LCL, aus dem der Druckbehälter aufgefüllt werden konnte, während Peters nur sich selbst schleppte und seinen Anflug von rachsüchtigem Heldenmut inzwischen bereute – seine Brust und die Rippen lieferten sich einen Wettstreit mit seinem Knie und seinen Kopfschmerzen, wer ihn als erstes schaffen würde. Dazu kam der Umstand, dass die EXOs zwischen sich einen langen Gegenstand führten, an den zu denken beim dem jungen Leutnant bereits Schweißausbrüche auslöste – ein PROGRESSIVE-Messer im EVA-Format, mit dem Kaji beabsichtigte, die Sicherheitsschotten der Zentrale aufzuschneiden und sich schnell Einlass zu verschaffen. Das Messer war im Vergleich zu den übergroßen Eiern immer noch so groß, dass zwei nötig sein würden, um es wie eine Lanze – oder eine Machete – zu führen.
Kajis Plan war vergleichsweise einfach gehalten, wussten sie doch nicht, was sie in der Zentrale wirklich erwartete: Reika und zwei weitere EXOs würden den Zugang zur untersten Ebene aufbrechen, während andere Schotten aufgesprengt werden würden. Peters und Shi würden auf der Ebene der MAGI Reikas EXO folgen und alles mit LCL besprenkeln, was verdächtig wirkte – und auch da hatte Kaji die Parameter sehr großzügig angelegt. Weit oben auf der Agenda stand die Bergung von Kommandant Fuyutsuki, Colonel Katsuragi und der restlichen Brückencrew, der Major hatte aber klar gemacht, dass die Vernichtung des Engels, der nach ihrem Kenntnisstand die Zentrale unter Kontrolle gebracht hatte, höchste Priorität besaß – und Peters hatte ihm angesehen, dass es ihm nicht leicht gefallen war, dies zu erklären.
Die internen Abwehrmechanismen des Hauptquartiers hielten die Truppe nicht auf, weder schlossen sich gepanzerte Sicherheitstore, noch wurden Bakelitversiegelungen begonnen. Die Ruhe wäre trügerisch gewesen, wäre da nicht das beharrliche Heulen der Sirenen im Hintergrund gewesen. Kaji war damit beschäftigt, über sein Headset Befehle zu geben, während Peters über sein Gerät mit der Hangarkontrolle und dem Kommunikationsknoten in Kontakt stand, den er dort eingerichtet hatte. Matsuo Suzuhara war inzwischen in den Kontrollraum des Testcenters übergewechselt und berichtete, dass es Probleme mit der Virtuellen Realität gab. Langsam fügte sich Puzzlestück um Puzzlestück zusammen – wenn die MAGI von ADAM besessen waren, dann dürfte dieser auch das Konstrukt kontrollieren. Und damit standen die Piloten ebenfalls dem Engel gegenüber, nur dieses Mal ohne ihre Kampfmaschinen und die speziell entwickelten Waffen!
Peters teilte seine Erkenntnisse flüsternd Kaji mit, dessen Gesicht wieder ein mehr an Farbe verlor.
„Major, sehen wir es von der positiven Seite – ADAM ist an zwei Fronten beschäftigt. Und wenn das Spielfeld halbwegs gerecht aufgeteilt ist, braucht zumindest Asuka keinen EVA, um einem Engel den Hintern aufzureißen."
„Ich hätte gern ihr Vertrauen…" murmelte Kaji. „Wenn ADAM die MAGI unter Kontrolle hat, kann er jederzeit die Selbstzerstörung des Hauptquartiers zünden."
„Das würde ihn aber selbst vernichten. Und ich glaube, dazu ist er zu feige."
„Was bringt Sie zu dieser Erkenntnis, Jörg?"
„Für einen Moment war er auch in meinem Kopf", gestand Peters.
Kaji fuhr herum, starrte ihn an. Der ganze Zug kam zum Stehen, die EXOs taten noch mehrere große Schritte, ehe Reika Ikari den Stopp befahl.
„Warum haben Sie das nicht eher…"
„Mangels physikalischer Komponente hatte ADAM keinen Ansatzpunkt bei mir." Demonstrativ hob Peters den rechten Arm. „Sie wissen doch sicher noch, oder? – Aber als es bei Maya losging, hörte ich seine Stimme. Seine Worte waren unverständlich und lockend, aber inzwischen bin ich mir ziemlich sicher, dass bei ihnen auch Angst mitgeschwungen war, nackte Angst um seine Existenz."
„Gut, und weiter?"
Langsam setzte Kaji sich wieder in Bewegung, gab seinen Unterführern durch Zeichen zu verstehen, dass es weiterging.
„Wenn sein Körper, seine physische Manifestation vernichtet wurde, ist er nur noch ein Schatten, ein Hauch seiner früheren Macht. Ich schätze, ein winziges Stück von ihm hat überlebt, eine Art Keim, der an einem der MAGI-Rechner klebte. Jeder, der mit den Rechnern in Körperkontakt kam, lief Risiko, sich zu identifizieren. Und als es genug Träger dieses Restes Engels-DNA gab, handelte ADAM. Vielleicht brauchte er erst wieder eine gewisse Masse, um überhaupt seiner Selbst wieder bewusst zu werden, vielleicht wollte er sich auch erst einen gewissen Halt wieder sichern."
„Wenn ich Ihre Theorien richtig auslege, läuft es darauf hinaus, dass er einen neuen Körper sucht oder sich erschafft, ja? – In der Zentrale?"
„Höchstwahrscheinlich."
„Gut. Ein Körper heißt, wir haben etwas, auf das wir schießen können. Nichts tun zu können, ist nämlich ziemlich frustrierend."
„Wem sagen Sie das…"
Einzelne Gruppen trennten sich von der Hauptstreitmacht und bezogen an den verschiedenen Zugängen der Zentrale auf einer Seite Stellung. Jeweils ein EXO würden auf der oberen Ebene und der mittleren Ebene für Deckung sorgen, während deren Zugänge und jener zum Kommandostand aufgesprengt wurden, nachdem Reika und ‚ihre Mädchen', wie Kaji sich ausdrückte, die untere Ebene geöffnet haben würden.
Während drei EXOs das PROG-Messer in Stellung brachten, bauten sich Kaji und seine Leute zu beiden Seiten der Eier auf, um schnell die Zentrale stürmen zu können. Vier schwer bewaffnete Männer in Schwarz waren zum Schutz des Leutnants und der Ayanami abgestellt worden.
Noch einmal nahm Kaji sich die Zeit, die Lage zu überschauen und nacheinander die Stellungen auf den anderen Ebenen abzurufen. Dann blickte er Peters fragend an, der im Testcenter nach dem Status gefragt hatte – Suzuhara hatte zu einer Antwort angesetzt, doch offenbar hatte Doktor Soryu ihm sein Headset abgenommen und in das Mikrophon gebrüllt, dass die Werte der Piloten kritische Werte erreichten – und das Asukas Egoformation auseinanderbrach…
Peters nickte Kaji zu, er trug den Schlauch des Druckbehälters, mit dem Shi schräg hinter ihm folgte.
„Uns läuft die Zeit davon."
Kaji richtete sich auf und entsicherte sein Gewehr.
„Los!" sagte er nur.
*** NGE ***
Drei Mal betätigte Yui Ikari den winzigen Auslösemechanismus des Werkzeuges und drei Mal zuckte ein silbriger Energiestrahl aus dem Zylinder.
Der erste durchtrennte die Fäden, über die die Shinji-Marionette mit der gewaltigen Hand unter der Saaldecke verbunden war. Langsam begann der Holz-Shinji, von der Brüstung der Loge zu kippen.
Dann schwenkte Yui den Arm herum und jagte den zweiten Strahl direkt in eine der beiden Kristallstatuen, zielte auf den breiten Riss in der Seite des Mannes. Der Riss dehnte sich aus, bildete feine Verästelungen, die ebenfalls rasch breiter wurden und ihrerseits Ableger bildeten.
Und schließlich richtete Yui das Gerät auf Asuka, welche unter dem Treffer in tausend Teile zu explodieren schien. Doch anstelle herumfliegender Fetzen aus Fleisch, Knochen und Eingeweiden wirbelte eine Horde kleiner, vielleicht kniehoher Asukas zu Boden, jede von ihnen eine geschrumpfte und leicht unproportionale Version der Pilotin von EVANGELION-02. Mehrere Dutzend rothaarige Chibi-Asukas stürmten unter die bleichen MPEs, jede von ihnen eine Miniaturversion des Longinusspeeres schwingend. Die ersten MPEs fielen, ihre Beine auf Knöchelniveau oder etwas höher durchtrennt. Gassen bildeten sich in der eben noch unbezwingbar wirkenden Armee unter dem Ansturm der vielen kleinen Asukas.
„Ich glaube, jetzt stiehlt sie uns endgültig die Show", stieß Toji fassungslos hervor.
„Soll sie", ächzte Kaworu.
„Das ist doch Ikaris Mutter?"
„Ja."
„Was macht die hier?" nuschelte Suzuhara.
„Frag sie doch selbst…"
Ohne selbst Geräusche von sich zu geben, brach einer der beiden Systemwächter aus seinem Kristallgefängnis aus, löste sich zugleich von seiner menschlichen Repräsentation und zeigte sich als purpur-grüner Gigant mit einem einzelnen Horn auf der Stirn. Mit einem kräftigen Schlag erzeugte er bei dem zweiten Systemwächter ein spinnennetzartiges Muster in dessen Kristallumhüllung, welches mit jedem Herzschlag wuchs, bis auch hier die ersten Bruchstücke herausfielen und noch im Sturz verwehten.
Die EVA-Repräsentation trat in unheimlicher Stille an den Rand der Bühne, stieß sich ab und sprang ADAM entgegen, die zu Klauen verkrümmten Hände ausgestreckt und den Mund mit gebleckten Zähnen weit geöffnet.
Der andere Systemwächter befreite sich aus seinem Gefängnis. Mit einem hohen, singenden Ton flogen große Scherben davon, verharrten wenige Handbreit von der Repräsentation einer humanoiden Frauengestalt aus Schatten und Sternen, zogen sich dann zu einer Vielzahl von kristallinen Kügelchen zusammen und jagten über die Köpfe der Piloten hinweg in ADAMs Truppen hinein, zerfetzten das meiste, was die Mini-Asukas noch stehengelassen hatten.
ADAMs Schrei, erfüllt von Wut und Zorn und Hass und… Angst… schallte durch den Saal, als der purpurne Titan ihn packte. Einen langen Moment schienen beide unter der Saaldecke zu schweben. Der EVA umklammerte mit einer Hand zwei Finger der Monsterhand, stieß die andere direkt in das Zentralauge hinein.
Ein weiterer Schrei fiel in ADAMs Brüllen ein, dieser entstammte einer menschlichen Kehle.
„Shinji!" brüllte Rei Ayanami, als die Shinji-Marionette endgültig das Übergewicht bekam und mit rudernden Armen von der Brüstung kippte.
In ihrem weiten Ballkleid begann Rei zu laufen, stieß sich von der Kante des Orchestergrabens ab, kam auf der anderen Seite auf, nutzte eine liegende MPE mit aufgerissener Brust als nächsten Absprungpunkt und flog Shinji entgegen.
*** NGE ***
EXO-1 und -2 schwangen schwerfällig gemeinsam das PROGRESSIVE-Messer. Hatte der Prototyp nur ein gerade so hörbares Summen im Niederfrequenzbereich abgegeben, so dröhnte das EVA-Modell wie eine überschwere Kreissäge. Die rasch vibrierende Klinge hatte noch nicht einmal Kontakt mit dem Panzerschott, als die schon der erste tiefe Kratzer im Metall zeigte, der zu einer Delle unter der Wucht der freigesetzten Schallenergie wurde. Reika und Aika führten zwei Schläge aus, welche in einem großen X resultierten. Dann schlug EXO-1 mit der Werkzeughand zu. Die Bruchstücke des Tores lösten sich krachend aus den Führungsschienen. Auf Kajis Zeichen hin marschierten die drei Eier in die Zentrale ein, dicht gefolgt von den Sicherheitskräften.
Auf den höheren Ebenen explodierten zugleich die C4-Sprengladungen und brachen die dort positionierten EXOs die Schotten auf.
„Ach du…" entfuhr es Ryoji Kaji beim Anblick der Monstrosität aus grünen, gliedmaßenartigen Tentakeln. „Schusslinie freimachen!"
Die EXOs bewegten sich nach links und rechts. EXO-2 kam dabei in die Reichweite der Tentakelarme; zwei vergleichsweise dünne, augenbesetzte Tentakel winkelten sich um eines der Beine und zogen die EXO-Einheit zu sich. Weitere Tentakel wickelten sich um die Beine des Eies. EXO-1 fuhr eine Kreissäge aus und begann damit, auf die Tentakel einzuhacken, während EXO-3 EXO-2 zurückzog. Ein weiterer Tentakelansturm schlug EXO-1 zur Seite. Reikas Einheit verlor das Gleichgewicht und geriet ins Taumeln, stürzte rücklings über das Geländer und stürzte von der MAGI-Plattform.
Die Sicherheitsleute eröffneten das Feuer, zielten dabei bewusst über die schwach zu erkennenden Würfel der Supercomputer hinweg – ohne dabei sichtbare Erfolge erzielen. Zwar platzte hier und da eines der großen Augen auf oder splitterten Zähne, entstanden dafür an anderen Stellen aber neue Augen und klafften neue Mäuler auf.
Kaji blickte zum Kommandostand hinauf und ihm war, als rollte ein gewaltiges Gewicht von seiner Brust, als er dort Misato stehen und winken sah. Bei ihr waren EXO-4 und eine Handvoll seiner Leute, die gerade ihre Waffen auf die Monstrosität anlegten. – Ähnlich verhielt es sich auf der Kontrollebene, wo eine weitere Gruppe von NERV-Soldaten die Zentrale stürmte.
„Peters!" brüllte Kaji über den Kugelhagel hinweg, der auf die zuckenden Tentakelarme und den Hauptleib niederging, und das singende Kreischen des Engels.
Ein Mann in Schwarz verband den LCL-Tank über ein Schlauchstück mit dem Druckbehälter auf Shis Rücken, während ein anderer die mitgeführte Pumpe in Betrieb setzte. Jörg nickte Shi zu und öffnete das Ventil. Der Schlauch ruhte in seiner rechten Armbeuge, während er ihn mit der linken Hand führte. Shi Ayanami löste die Sicherungen des Druckbehälters. Ein Strahl schwach-rötlicher Flüssigkeit schoss aus der Schlauchmündung und ergoss sich über die physische Manifestation des Engels.
Peters kniff die Augen zusammen. Die Geräusche, welche das Monstrum von sich gab, waren so entnervend wie lange Fingernägel, die über eine Schiefertafel kratzte. Doch plötzlich begannen sie, für ihn Sinn zu ergeben. ADAM lockte wirklich. Er versprach Macht und ewiges Leben jenen, die sein Wachstum unterstützten und zu einem Teil von ihm wurden – und er hatte Angst, entsetzliche Angst.
„Das ist für Maya und Akagi und all die anderen", stieß Peters hervor, bemerkte gar nicht, dass er sich derselben Sprache bediente wie der Engel, hatte nur das Gefühl, als würde er flüssiges Feuer ausspeien und als würden ihm die Worte den Rachen verbrennen.
Das Kreischen des Engels wurde lauter. Ätzender Dampf stieg auf, wo LCL auf Engelsmasse traf. Mehrere Tentakel klatschten kraftlos zu Boden, zuckten noch einmal und lagen dann still, verloren an Farbe, wurden grau und zerfielen zu stinkender Kompostmasse. Augen wurden trübe und blind, verfärbten sich schwarz und platzten auf, setzten dabei fauligen Saft frei. Zahllose Mäuler steigerten ihr Kreischen zu einer Kakophonie, während ADAM vor Schmerzen den Verstand verlor.
EXO-2 und -3 hoben das PROGRESSIVE-Messer wie einen gewaltigen Speer und schleuderten es auf das Monstrum.
Ein mächtiger Tentakel peitschte in einem verzweifelten letzten Versuch herum, schlug krachend auf den Boden, dass die ganze Konstruktion der Brücke erbebte. Peters verlor das Gleichgewicht und stürzte – er sah noch, wie sich das Messer in ein wenigstens vier Meter durchmessendes, wie ein Herz pulsierendes Zentralauge bohrte, welches zwischen der absterbenden Masse sichtbar geworden war, und dann wurde es schwarz um ihn, als er mit dem Brustkorb voran gegen ein Geländer knallte und von seinen Rippen ausgehende Schmerzen wie ein dunkles Meer über ihm zusammenschlugen.
*** NGE ***
„Kommunikation wieder hergestellt", murmelte Matsuo Suzuhara. „Wir haben die Unterstützung der MAGI zurück… Moment… zumindest eingeschränkt…" Er lauschte den automatische Systemmitteilungen, die ankündigten, welche Systeme offline gingen, welche überprüft wurden und welche verfügbar waren. Doktor Soryu und die drei Technikerinnen waren zu hektisch dabei, Einstellungen zu regulieren, um ihm zu antworten. Der Genetiker fühlte sich einerseits im Testcenter überflüssig, andererseits war er hier seinem Sohn näher als im Hangar und in der Gegenwart anderer Menschen, nicht der Titanen, die Doktor Akagi erschaffen hatte.
„Wir haben die Kontrolle über das Konstrukt zurück", verkündete Aoi Mogami mit einem erleichterten Aufseufzen und rückte ihre Brille zurecht, welche ihre Nase hinab gerutscht war. „System übermittelt endlich wieder reale Werte. Abschaltung beginnt – Synchronisation wird von Seiten des Systems heruntergefahren!"
„Werte der Piloten stabil", meldete Agano. „Und auch bei Doktor Ikari", fügte sie hinzu.
Kyoko Soryu nahm es zur Kenntnis, hatte ihre Augen aber nur auf die Anzeigen des Testplugs-2 gerichtet, Asukas Plug. Die gerade eben noch in Auflösung befindlichen Anzeigen hatten wieder zusammengefunden und der Synchronisationslevel sank rapide. Mit Asuka wurde auch Yui Ikaris Verbindung zum System beendet. Endlich konnte Kyoko den Blick von den Anzeigen lösen und sich den anderen widmen. Suzuharas Werte waren auf ihre Weise besorgniserregend, der Junge wies Verletzungen auf, als hätte er sich geprügelt, statt regungslos in einer Steuerkapsel zu sitzen. Auch Nagisa schien… Schäden… davongetragen zu haben. Horaki war vergleichsweise unbetroffen. Ayanami zeigte die erhofften Werte, nur bei Shinji Ikari hatte sich kaum etwas verändert.
„Rei ist wach", bestätigte Agano Soryus Beobachtung. „Und Shinji… die Systeme weisen auf wichtige Veränderungen hin, definieren seinen Zustand aber nicht näher."
„Ich brauche Leutnant Peters hier, damit er die Daten interpretiert", murmelte Kyoko, für welche die Systemdaten ähnlich unverständlich waren, schüttelte dann den Kopf. Sie kehrte zu ihrem Terminal zurück und stellte eine Verbindung zu den Plugs her, forderte die Insassen auf, eine Rückmeldung abzugeben. Durcheinander meldeten sich die Piloten, dann schließlich Doktor Ikari. Kyokos Herz schien um Zentner leichter, als sie Stimme ihrer Tochter hörte, und sie nahm das Aufatmen Matsuo Suzuharas wahr, als dessen Sohn kurz bestätigte, nickte dem einzigen Menschen im Raum, der auch nur ansatzweise wusste, was in ihr vorging, kurz zu.
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Als erstes öffnete sich die Einstiegsluke von Testplug-2. Asuka kletterte heraus und streckte sich, ließ den Nacken etwas kreiseln und tastete schließlich über ihr Gesicht. Ihr strahlendes Lächeln verlor einiges an Kraft, als sie über die Augenklappe tastete, einen Handschuh auszog und den Zeigefinger unter die Klappe schob und die leere Augenhöhle ertastete. Einen langen Moment lang hatte sie sich der Illusion hingegeben, dass sie mit der Fähigkeit des räumlichen Sehen aus dem virtuellen Raum zurückgekehrt wäre…
Zu ihrer Linken sprang Hikari aus ihrer Kapsel und eilte zu Suzuharas Plug hinüber. Toji hing halb in der Einstiegsluke, eine Hand gegen die Rippen gepresst, während sein Gesicht dick angeschwollen war, als hätte er mehrere Runden gegen einen Schwergewichtsboxer durchgestanden. Hikari legte sich seinen linken Arm über die Schulter und stützte ihn.
Asuka zögerte kurz, dann tat sie die paar Schritte zu Suzuhara hinüber.
„Ich nehme den anderen Arm", sagte sie leise. Hikari legte keinen Protest ein. So stützten die beiden Mädchen den großen Burschen, dessen nicht angeschlagener Mundwinkel sich zu einem leichten Lächeln verzog.
Kaworu verließ Plug-3 leicht schwankend. Er wirkte desorientiert, grinste aber, als er Asuka sah.
„Ah, du hast wieder normale Größe – und bist auch nur noch eine."
Asuka erwiderte das Grinsen.
„Mit ein paar Dutzend wärt ihr auch klar überfordert!"
„Das bestreite ich jetzt nicht", nuschelte Toji.
„Wieso ist Suzuhara eigentlich so kaputt?"
„Das…" setzte Kaworu an, verschluckte dann aber die Worte – Yui Ikari hatte den letzten Plug verlassen und marschierte an den Kindern vorbei in Richtung Plug-1, wo gerade eine splitternackte Rei Ayanami einen ebenso unbekleideten Shinji Ikari aus der Steuerkapsel trug, während im Hintergrund die Techniker und Wissenschaftler aus dem Kontrollcenter geeilt kamen und mehrere Sanitäter mit ihrer Ausrüstung auf den Steg kamen.
„Suzuhara! Mich ansehen!" kommandierte Hikari und verzichtete auf eine Zurechtweisung, als ihr klar wurde, dass so wie er zwischen Asuka und ihr hing, er eigentlich direkt auf ihren Busen starrte.
Asuka ergriff Kaworu an der Schulter und drehte ihn mit einem Ruck um beinahe 180°.
„Du bist noch nicht alt genug, um dir das anzusehen, Grinsebacke."
Yui blieb stehen, als wäre sie gegen eine Wand geprallt, als sie sich Rei gegenübersah. Doch diese hatte keinen Blick für die Frau, nach deren Abbild sie erschaffen worden war. Mit einer Kraft, die man ihrem zerbrechlich scheinenden Äußeren nicht ansehen konnte, trug Rei Shinji auf ihren Armen die zwei Stufen hinunter, welche vom Kapseleinstieg auf das Höhenniveau des Laufsteges führten. Falls das Gitter unter ihren bloßen Füßen in die Haut einschnitt und ihr Schmerzen bereitete, so ließ sie es sich nicht anmerken. Überhaupt bewegte sie sich für jemanden, der über sechs Wochen in todesähnlichem Schlaf verbracht hatte, unerwartet – ja, unglaublich – koordiniert und beinahe schon würdevoll. Der Blick ihrer roten Augen war auf das Gesicht ihres Geliebten gerichtet, auf seine regungslosen und dennoch wieder entspannt wirkenden Züge. Schon einmal hatte sie ihn so getragen, damals, als er aus EVA-01 zurückgekehrt war, drei Wochen nach dem Gemetzel mit dem Engel Zeruel.
Rei Ayanami trat an Yui vorbei, welche die Arme ausgestreckt hatte, um dem Mädchen ihren Sohn abzunehmen, ignorierte die ältere Frau vollkommen, legte Shinji stattdessen auf die klappernd herangefahrene Liege, ignorierte auch den Umstand, dass Kaede Agano ihr eine leichte Decke über die Schultern legte, dass Matsuo Suzuhara auf dem Weg zu seinem Sohn beinahe zwei Sanitäter über den Haufen rannte oder dass sich bei Kaworu leichtes Nasenbluten einstellte, als er doch einen Seitenblick riskierte und dabei einen Blick auf Reis nackten Po erhascht hatte, ehe Kaede mit der Decke zur Stelle gewesen war.
Yui Ikari wollte an die Liege heran, wollte ihren Sohn in die Arme schließen, ihm zuflüstern, dass alles gut wird, in der Hoffnung, dass er auf ihre Stimme reagieren und die Augen öffnen würde, doch eine unsichtbare Wand hielt sie zurück, eine Barriere aus Luft, die plötzlich so fest wie Stein schien. Der der Liege am nächsten stehende Sanitäter gab einen protestierenden Laut von sich, als eine unsichtbare Kraft ihn plötzlich zurückschob.
Kaede ging es ähnlich – sie sah sich mit sanfter Gewalt fortgedrängt. Auf dem Ärmel ihrer Uniformjacke sah sie schwach ein feines Wabenmuster im Stoff. Sie riss die Augen auf und wechselte einen raschen Blick mit ihren Kolleginnen, flüsterte nur: „AT-Feld."
Wind kam auf, jedenfalls schien es so, als Reis Haare aufgewirbelt wurden. In ihren Augen schien ein Glühen zu liegen und winzige Funken tanzten über ihre Finger und Shinjis Gesicht, als sie dieses mit beiden Händen umfasste, sich vorbeugte und ihn küsste. Langsam löste sie ihre Lippen wieder von den seinen, blieb aber halb über ihn gebeugt stehen, während sie sich mit den Händen an der Rollliege abstützte. Ihre Haut war beinahe so hell wie der weiße Überzug der Liege.
Die drei Technikerinnen warteten insgeheim darauf, dass der Engelalarm wieder aufheulte, den sie zuvor mühselig im Bereich des Testcenters abgeschaltet hatten, doch die Sirene blieb still.
Yui starrte das bleiche Mädchen mit dem blauen Haar an, deren Gesicht ihren Blick anzuziehen schien. Nun, da Rei nicht mehr schlafend in einem Krankenbett lag, wirkte sie um einiges anders – nicht mehr schwach und zerbrechlich, sondern eine innere Stärke ausstrahlend und entschlossen. Im Geiste zog Shinjis Mutter Parallelen, fragte sich wie sehr Rei ihr selbst in jungen Jahren eigentlich ähnelte. Die Struktur der Wangenknochen und des Gesichts allgemein war fast gleich, doch es waren nicht ihre Augen, welche das Klonmädchen auf das Gesicht Shinjis gerichtet hielt. Yui senkte den Blick, sah ihrem Sohn ins Gesicht, streckte zugleich die Hand aus, bis sie die Barriere spürt. Feine Lichtfunken zuckten unter ihren Fingern und sie spürte ein schwaches Kribbeln, als sich die äußere Schicht des AT-Feldes mit seiner Wabenstruktur manifestierte. Sie übte etwas Druck aus, stellte mit Erstaunen fest, dass das Feld nachgab und ihre Hand einließ. Kurzentschlossen tat sie einen Schritt vorwärts. Es war, als passiere sie eine Membran.
Rei blickte nicht auf, als Yui Ikari das Innere der AT-Feldblase betrat. Der Teil von ihr, welcher mit Hilfe der DNA der anderen geformt worden war, erkannte die Quelle und sie wusste sofort, dass sie einander zu ähnlich waren, als dass ihr AT-Feld für Shinjis Mutter ein ernsthaftes Hindernis gewesen wäre, dass diese es hätte niederreißen können, hätte sie es gewollt.
„Ikari-san", flüsterte sie. Die andere war so viel… die Ehefrau des Kommandanten, die Mutter ihres Shin-chan, die Schablone, nach der ihr eigenes Äußeres geformt worden war… und vielleicht eine gewaltige Bedrohung.
Shinjis Augenlider begannen zu flattern. Rei hielt den Atem an, während sie beobachtete, wie er ins Reich der Wachen und Lebenden zurückkehrte. Er blinzelte, nahm nur zwei unscharfe Gestalten um sich herum wahr, die sich irgendwie sehr ähnelten. Doch nur bei einer wusste er ohne nachzudenken, um wen es sich handelte.
„Rei-chan", flüsterte er heiser, fand sich im nächsten Moment in ihren Armen wieder.
*** NGE ***
Kurz darauf war Rei Ayanamis AT-Feld erloschen und hatte sie den Sanitätern gestattet, Shinji auf die Krankenstation zu bringen, war ihm aber, ohne zu zögern und sich nach den anderen umzusehen, gefolgt.
Nun saßen Hikari, Asuka und Kaworu in einem Warteraum.
Nagisa hatten sich die Ärzte bereits angesehen und ein paar Prellungen diagnostiziert, er saß aber bereits wieder in Zivilkleidung lächelnd auf der Armlehne einer Bank; sein Hemd hing halb aus der Hose und war falsch geknöpft. Hikari trug noch ihre PlugSuit, saß auf einem Hocker und blickte unentwegt auf die Schwingtür, hinter welcher die Notaufnahme mit ihren Behandlungsräumen lag, während Asuka in ihrer roten PlugSuit am anderen Ende des Raumes umhertigerte. Doktor Soryu hatte ihre Tochter angewiesen, sich ebenfalls durchchecken zu lassen, und war ins Testcenter zurückgekehrt, um das Herunterfahren der Systeme zu beenden und die Daten zu sichern – nachdem sie sich von Asukas Wohlbefinden überzeugt hatte, hatte sich ihr Pflichtbewusstsein durchgesetzt.
Die Flügeltür schwang auf, doch nicht Toji kam in Begleitung seines Vaters heraus, sondern Reika Ikari, welche sich auf eine Krücke stützte und zu den sitzenden Piloten herüberhumpelte. Ein breites Pflaster klebte auf ihrer Stirn.
„Was hast du denn gemacht?" fragte Kaworu.
Sie lächelte bemüht.
„Ich habe meinen EXO geschrottet." Und mit zu Boden gerichtetem Blick fügte sie hinzu: „Nummer vierzehn."
„Autsch", kommentierte Kaworu, der um Reikas wahre Herkunft wusste, während Hikaris Gesicht ein einziges Fragezeichen war.
„Ja… Ritsuko-sensei wird das sicher gar nicht gefallen. – Kann ich…"
Sie deutete auf den Stuhl neben Hikari, die die Beine einzog, um Reika vorbeizulassen, welche sich mit einem Seufzen niederließ. „Platzwunde." Sie tippte kurz mit den Fingerspitzen gegen das Pflaster an der Stirn, „und Prellungen ohne Ende. Hätte schlimmer sein können." Reika lehnte sich zurück. „Ihr hattet Erfolg, ja?"
„Ja", bestätigten Hikari und Kaworu gleichzeitig. Und Hikari fügte nachdenklich hinzu, zu der auf und ab marschierenden Asuka hinüberblickend: „Dank ihr…"
„Hm", machte Kaworu. „Ohne Asuka hätten uns die Massenproduktionseinheiten erledigt. – Und ohne deine Mutter hätten wir es auch nicht geschafft…"
Reika blickte verlegen zur Seite.
Hikari erhob sich langsam, ging zum Getränkeautomaten und holte eine Halbliterplastikflasche Wasser für jeden, drückte Reika und Kaworu jeweils eine in die Hand, hob dann eine ein Stück in die Luft.
„Asuka, komm doch zu uns."
Die Rothaarige hielt inne, wirkte irgendwie erschrocken, kam dann mit langsamen Schritten hinüber und nahm wortlos die angebotene Wasserflasche entgegen
„Du warst gut", murmelte Hikari.
„Ich hatte die richtigen Werkzeuge… und ich war nicht allein."
Sie klang nachdenklich.
„Setz dich zu uns."
„Wollt ihr das wirklich?"
„Wir sind alle EVA-Piloten."
„Dann sollte ich wohl gehen…"
Reika griff nach ihrer Krücke und macht Anstalten aufzustehen.
„Nein, nein", beeilte sich Hikari. „Du bist auch eine von uns."
Mit überraschtem Gesichtsausdruck ließ Reika sich wieder zurücksinken, während Asuka unentschlossen zwischen Hikari und Kaworu stand.
„Jetzt setz dich schon."
Kaworu deutete auf einen freien Platz.
„Und erzähl uns, wo du die Lanze herhattest… und wie du mit der Vervielfältigung gemacht hast."
„Ah, also… ich bin durch die Requisite gekommen. Da war… alles, was ich brauchte."
„Das lag da einfach so rum? – Leute, wenn ihr das nächste Mal auf die Idee kommt, durch den Vordereingang zu gehen, werde ich euch an daserinnern!"
„Nein, es war… Also, Jörgi hat ein Notfallprogramm eingerichtet zu Bekämpfung von Gefahren die innerhalb des Konstrukts entstehen könnten, das hat mir die richtige Ausrüstung zur Verfügung gestellt. Und dass es dann als die Lanze in Erscheinung getreten ist, dürfte daran gelegen haben, dass der Longinusspeer bekanntermaßen die MPEs plattgemacht hat. – Klassische Manifestation des Gesetzes der Sympathie."
„Des was?"
„Des richtigen Werkzeuges am richtigen Ort zur richtigen Zeit, Nagisa-kun", warf Reika ein. „Hört sich an, als hättet ihr jede Menge Spaß gehabt. Mich hat stattdessen so ein Möchtegern-Cthulhu durch die Zentrale geschleudert."
„Ein was?"
„Grinsebacke, du stehst heute echt auf dem Schlauch", seufzte Asuka und leerte ihre Flasche in einem Zug zur Hälfte.
*** NGE ***
Shinji Ikari fühlte sich… merkwürdig. Wären seine Beine nach all den Wochen der Ruhe und des langen Schlafes nicht so schwach gewesen, dass er gegenwärtig trotz des S2-Organs in seiner Brust gerade so den Flur hinuntergekommen wäre, ehe die Beine eingeknickten, hätte er wahrscheinlich seinem Fluchtreflex nachgegeben. So jedoch konnte er eigentlich nur lächeln…
Er lag schon wieder in einem Bett und dies schon wieder auf der Krankenstation. Die Ärzte hatten ihn nach seinem Erwachen gründlich untersucht und verschiedenen Tests unterzogen, ihn schließlich aber für vollkommen gesund erklärt – mit der Einschränkung, dass seine Kondition sich wieder erholen müsse. Mit Erstaunen und Schrecken hatte er hören müssen, dass in seiner Brust ein Kunstherz schlug, da er während der Schlacht um NERV zu schwer verletzt worden war – seit diesem Moment konnte er nicht anders, als in sich hineinzuhorchen. Da war das leise, einem Herzschlag ähnliche Bummern des S2-Organes, welches zuvor von seinem richtigen Herzen übertönt worden war. Und da war eine Art leises Summen, von dem er wusste, dass er sich nur schwer daran gewöhnen würde, auch wenn es nun ein Teil von ihm war. Doch dies war nicht der Grund für sein Unwohlsein und seine Situation.
Links neben dem Bett saß Rei – seine Rei-chan –, hielt seine Hand und streichelte ihm immer wieder über Stirn und Wange, dass ihm ganz wohlig wurde und er sich fragte, was wohl geschehen mochte, wenn sie allein wären.
Und rechts von ihm saß seine Mutter, die seine andere Hand hielt. Seine Mutter…
Nachdem er erfahren hatte, dass die Seele seiner Mutter in EVA-01 gefangen war, hatte er sich lange mit dem Gedanken beschäftigt, wie er sie wohl befreien konnte – doch stets hatte er sich an ihre Worte erinnert, dass dies nicht möglich wäre, weil sie mit dem EVA verschmolzen sei. Dennoch war sie nun hier, war während des temporären impactartigen Zustandes, den LILLITH bei ihrer Befreiung nach dem Sieg über ADAM ausgelöst hatte, von EVA-01 getrennt worden und hatte einen neuen Körper erhalten – die genauen Einzelheiten entzogen sich ihm aber. Er hatte sich also eigentlich damit abgefunden, vielleicht – vielleicht – irgendwann einmal wieder im Rahmen der Synchronisation mit EVA-01 mit ihr Kontakt aufzunehmen – und nun saß sie neben seinem Bett, das Gesicht von Müdigkeit und Sorge gezeichnet. Aber auch dies war nicht der Grund für sein Unwohlsein und seine Situation.
Er hatte immer für das Jetzt und Heute gelebt, da das Gestern zu schmerzvoll und das Morgen zu ungewiss gewesen war. Erst seit er Rei getroffen hatte, bedeutete ihm auch das Morgen etwas, beschäftigte er sich mit der Zukunft – einer Zukunft, die eine neue Variable bekommen hatte. Er konnte fast körperlich spüren, dass zwischen seiner Mutter und seiner Freundin keine wirkliche Harmonie herrschte. Beiden war gemein, dass sie um ihn besorgt waren und ihm mit Liebe begegneten – unterschiedlichen Arten von Liebe natürlich, doch er hätte blind, taub und blöd sein müssen, um die Zuneigung in ihren Worten und Gesten nicht zu bemerken. Und er ein wenig schielte, schienen sich sogar ihre Gesichter beinahe fehlerfrei zu überlagern…
Sein Problem war vielmehr der Umstand, dass er die zwischen ihnen bestehende Rivalität spürte, deren Gegenstand er war. Er war sich sicher, dass jede von ihnen ihn ohne zu zögern in die Arme gerissen und an sich gedrückt hätte, würde sie nicht durch die Anwesenheit der jeweils anderen ausgebremst.
„Uhm, ich würde gerne versuchen, aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen." erklärte er zögerlich.
„Bist du sicher? – Nach den ganzen Wochen müssen deine Beine ganz schwach sein."
Seine Mutter legte die Hand auf seinen Oberarm, als wollte sie ihn zurückhalten.
„Sollte Shin-chan stürzen, fange ich ihn auf", flüsterte Rei.
„Dennoch sollte vielleicht ein Arzt…"
„Mutter, was, ahm, wie soll mir denn ein Arzt dabei helfen können?"
Shinji griff nach den Seitenteilen des Bettes und zog sich in eine sitzende Position, schlug die Bettdecke zurück und war kurz dankbar dafür, dass man ihm entgegen der gewohnten Gepflogenheiten ausnahmsweise in ein Krankenhausnachthemd gesteckt hatte, auch wenn seine Rückenfront unangenehm kühl war und der Eindruck ihm verriet, dass es einer dieser rückenfreien Kittel war. Kurz zögerte er, machte sich dann klar, dass Rei ihn schon aus allen möglichen Winkeln wohl unbekleidet gesehen hatte – und dass es bei seiner Mutter ähnlich gewesen sein durfte. Er blickte auf seine Beine. Sie waren dünner geworden in den letzten Wochen, hatten an Muskeln verloren, so wie seine Arme auch.
Er sah Rei-chan hilfesuchend an. Auch ihr war die lange Ruhephase anzusehen, das Gesicht wirkte hagerer, das Haar matter. Aber sie war Rei-chan, die sich von nahezu allem wieder erholte. Er war sich daher sicher, dass sie bald wieder ganz die Alte sein würde. – Und er auch, denn schlug nicht in seiner Brust ein S2-Organ, welches die Selbstheilung anregte? Musste er dann nicht auch schneller wieder zu Kräften kommen? Überhaupt verspürte er ein gewisses Hungergefühl. Das Wissen, dass man ihn die letzten Wochen über flüssig ernährt hatte und sein Magen sich erst wieder an feste Nahrung gewöhnen musste, ließ ihn beinahe aufseufzen. Doch selbst die Aussicht auf zunächst dünne Suppen und Brühe war besser als nichts.
„Also los", murmelte er mehr zu sich selbst, als er die Beine über die Bettkante schwang. Sie waren schwerer, als er sie in Erinnerung hatte. Jemand hatte ihm die Zehennägel geschnitten, allerdings recht krumm, dasselbe galt für seine Fingernägel, wie er bemerkte. Die Beine baumelten auf Reis Seite aus dem Bett. Er wusste, dass sie stark war, war sich sicher, dass sie selbst in ihrem eigenen, angeschlagenen Zustand körperlich noch viel stärker war als seine Mutter, sonst hätte er nach einer anderen Möglichkeit gesucht, die beiden zu beschäftigen.
„Mutter, würdest du bitte meinen rechten Arm…"
„Ja, natürlich."
Yui sprang auf und eilte um das Bett herum, während Rei schon neben Shinji stand, bereit, ihn festzuhalten.
Er schob sich vorwärts, bis seine Füße den Boden berührten – erst die Zehen, dann die Ballen. Dann richtete er sich vorsichtig auf. Seine Knie zitterten. Ihm war, als gäbe es da nichts, das ihn trug, nichts, dass seine Knochen daran hinderte, einfach zusammenzufallen. Die Schwäche erinnerte ihn vage an die Zeit nach seinem Beinbruch, als der Gips endlich abgenommen worden war, damals hatte er sich ähnlich gefühlt, als müsste er erst wieder richtig laufen lernen.
„Pass auf", flüsterte seine Mutter und ergriff seinen Arm.
Shinji lächelte.
„Es… es geht schon."
Die Berührung war ungewohnt und fremd, obwohl sie zu den Dingen gehörte, nach denen er sich lange unbewusst gesehnt hatte. Seine Mutter war zu ihm zurückgekehrt…
Da knickte er nach links weg.
Rei hielt ihr Wort, fing ihn auf, hielt ihn in den Armen und schenkte ihm eines ihrer seltenen Lächelns, die Version, die sich über das ganze Gesicht zog und ihren Augen einen warmen Glanz verlieh, dass er meinte, die Wärme der Sommersonne auf der Haut zu spüren. Ohne zu überlegen, legte er die Arme um ihre Schultern und ließ sich von ihr an sich ziehen, spürte ihren warmen Atem im Gesicht und meinte, ihren Herzschlag zu spüren, als sich ihre Wangen berührten. Die Schwäche in seinen Beinen ließ nach, als würde etwas von ihrer Kraft auf ihn überspringen, und die Knie hörten auf zu zittern.
Yui schluckte, konnte den Blick aber nicht abwenden. Ihr Sohn und das Mädchen standen da engumschlungen und trotz all ihrer Bedenken und trotz des inneren Protestes, den sie hinausschreien wollte, wirkten sie so, als gehörten sie zusammen. Akagi hatte ihr versichert, dass Rei Ayanami alles andere als eine Kopie von ihr war, dass die Ähnlichkeit rein äußerlich war, dass Shinji wusste, dass seine Freundin nicht auf normalem Wege geboren, sondern geschaffen worden war…
Und doch hatte sie bei dem Anblick kein gutes Gefühl, egal wie glücklich Shinji wirkte…
*** NGE ***
Jörg Peters wachte nur langsam auf, driftete mehrfach wieder weg, indem er kurz die Augen aufschlug und wieder schloss. Während für ihn gefühlt dazwischen kaum Zeit verging, verrannen in Wirklichkeit die Stunden. Irgendwann gelang es ihm, die Augen länger zu öffnen. Er registrierte, dass er sich wieder in einem Krankenzimmer befand, ohne sagen zu können, ob es ein anderes oder dasselbe war, aus dem Major Kaji ihn regelrecht verschleppt hatte. Das Rückenteil des Bettes war hochgestellt und sein rechter Arm ruhte angewinkelt auf einem Tischchen vor seiner Brust. Er endete in einem dicken Verband, aus dem fünf rosige Fingerkuppen hervorschauten. Mit einem Lächeln auf den Lippen schloss Peters wieder die Augen, gab sich der schmerzmittelinduzierten, wohligen Taubheit hin und driftete wieder fort.
Als er das nächste Mal aufwachte, fiel sein Blick auf eine Ayanami, die auf einem Stuhl neben dem Fußende des Bettes saß und geradeaus gegen die gegenüberliegende Wand starrte. Sie trug einen Overall mit einer römischen Vier auf der Brusttasche.
Jörg versuchte, sich verständlich zu machen, doch sein „Shi" verkam zu einem röchelnden Grunzlaut aus trockener Kehle.
Das Mädchen drehte den Kopf mit maschinenhafter Präzision und drückte als nächstes den Rufknopf an der Wand.
„Sie sind wach", stellte Shi fest.
Peters sammelte Speichel im ausgetrockneten Mund und schluckte angestrengt.
„Was… machst… du hier?"
Seine linke Hand war am Bettrahmen fixiert. In seiner Nase steckte ein Schlauch und so wie es sich anfühlte auch in anderen, tieferliegenden Körperöffnungen.
„Man hat mich angewiesen, zu warten, bis Sie aufwachen… Ich glaube, sie wissen nicht, was sie mit mir tun sollen."
„Man?"
Er ruckte leicht an der Handfesselung.
„Major Ryuji Kaji, Sicherheitschef des Hauptquartiers."
„Ja, den kenne ich."
Er lächelte und fragte sich, warum seine Mundwickelte prickelten, als stieße jemand viele kleine Nadeln hinein.
„Major Kaji scheint nicht zu glauben, dass du mich vielleicht im Schlaf ersticken könntest."
„Warum sollte ich das?"
Shi legte den Kopf schief und sah ihn fragend an.
„Nur ein… Scherz."
„Humor. Ich verstehe. Ich würde gern mehr darüber erfahren."
„Verbring genug Zeit unter anderen Menschen und du wirst mehr Unsinn hören, als dir lieb ist", seufzte Peters. Langsam kamen seine Stimmbänder wieder in Gang. Ehe er weiterreden konnte, ging die Tür auf und ein Arzt betrat mit einer Schwester den Raum. Shi zog sich in die entgegengesetzte Ecke zurück, während die Schwester die Messwerte der Gerätschaften am Kopfende des Bettes notierte, Peters' Temperatur nahm und den Puls maß. Der Arzt dagegen stellte ihm ein paar Fragen zu seinem Befinden und befreite seine linke Hand.
„Besser, wenn ich das sehe."
Jörg nickte in Richtung seines Armes und der Hand.
„Wir haben sie vorgestern wieder angenäht, der Heilungsprozess verläuft bestens dank der angeregten Zellregeneration. Wir werden täglich die Nervenbahnen stimulieren. Der Prognose nach werden Sie in einer Woche mit leichten Reha-Maßnahmen beginnen können. – Die Magensonde und den Katheder entfernen wir auch gleich."
„Vorgestern? – Wie lange war ich weg?"
„Vier Tage, vierzehn Stunden, zweiundzwanzig Minuten und einundfünfzig Sekunden", erklärte Shi.
Peters machte sich in Gedanken eine Notiz, ob alle Ayanamis derart pedantisch waren, während er zugleich ein leises Stöhnen von sich gab. „So lange? Was ist mit ADAM? Und den Piloten? Und Akagi-sama? – Und Maya?"
„Oh, Fräulein Ibuki geht es gut, sie wollte benachrichtigt werden, sobald Sie aufwachen, aber ich wollte Sie erst durchchecken. Und ein paar andere haben sich auch schon auf die Besucherliste gesetzt."
„Sie sind sehr begehrt, Leutnant", erklärte die Schwester, welche gerade den Infusionsbeutel auswechselte.
„Ich muss Sie allerdings ermahnen – wenn Sie noch einmal voreilig Ihr Bett verlassen, übernehme ich keine Garantie. Als Sie vor viereinhalb Tagen erneut einliefert wurden, hatten Sie zwei weitere gebrochene Rippen, bei dem Tempo sind Sie beim übernächsten Mal eventuell tot. Lassen Sie also erst einmal die älteren Verletzungen vollständig ausheilen."
„Sagen Sie das bitte Major Kaji, er hat mich gezwungen."
„Major Kaji hat gesagt, dass Sie das sagen würden", lachte die Schwester.
„Ah… und wem glauben Sie?"
„Ihnen", seufzten die beiden Angehörigen des Personals der Krankenstation und der Arzt fügte hinzu: „Deshalb haben wir Sie auch schlafen lassen. Ich habe Major Kaji bereits verständigt, er wollte Sie persönlich über die Lage informieren.
„Dann warte ich mal auf ihn", seufze Peters.
Kaji ließ nicht lange auf sich warten, die beiden anderen hatten gerade die Untersuchung beendet, als er das Zimmer betrat ohne anzuklopfen. Mit leichtem Unwillen ließen die Mediziner sich hinausschicken, während Shi bleiben konnte.
„So, Jörg, schön, Sie wieder unter den Lebenden zu haben – als Sie in der Zentrale gegen das Geländer knallten und nicht wieder aufstanden, hatte ich mir richtig Sorgen gemacht."
„Sieht so aus, als wäre ich wieder ganz."
„Haben Sie schon überall nachgesehen?" fragte Kaji und grinste, als er Peters' entsetzten Blick sah. „Keine Sorge. Ich wollte nur Ihre Reaktion testen."
„Eines Tages, Major, holt Sie das alles ein…"
Kaji lachte.
„Sie wollen sicher wissen, was zwischenzeitlich alles passiert ist."
„Das wäre nicht schlecht."
„ADAM ist erledigt – und einen der Rechner von MAGI-2 hat es auch erwischt, beim MAGI-1-System hat es ein paar Kurzschlüsse gegeben, aber die Rechner kriegen das wohl in Selbstreparatur wieder hin. Reika hat ihren EXO demoliert und sich ein paar üble Prellungen zugezogen, sonst aber alles in Ordnung. Fuyutsuki liegt zwei Zimmer weiter mit einer schweren Gehirnerschütterung. Ein paar andere hat es schlimmer erwischt – wir haben Captain Aoba verloren und Leutnant Hyuga liegt in einem künstlichen Koma. Die Ärzte haben Ritsuko auch in ein Koma versetzt, bei beiden stehen großflächige Hauttransplantationen an – Akagi hat es am schlimmsten von allen erwischt… - Dafür hat Maya sich gut erholt, ich habe sie aber angewiesen, sich richtig auszuschlafen, und stattdessen Shi hier in Ihrem Zimmer positioniert."
„Die Piloten? – Operation Schlafwandler?"
„Voller Erfolg. Ein Verletzungen, aber nichts Ernsthaftes. Asuka soll sich verdammt gut geschlagen haben – und Shinji und Rei sind wach."
„Gut. Dann hat das wenigstens funktioniert."
„Wenigstens? Jörg, Sie waren dabei, wie wir armen Sterblichen einem selbsternannten Gott in den Hintern getreten haben, ich würde das als episch bezeichnen. – Ach ja, Sie sind gegenwärtig de-facto stellvertretender Interim-Kommandant."
„Was?"
Kaji zählte an den Fingern auf:
„Fuyutsuki – Krankenstation. Katsuragi – bis auf weiteres beurlaubt, bis das Kontrolltriumvirat einen zufriedenstellenden Bericht hat und versteht, was hier vorgegangen ist. Ritsuko – Krankenstation. - Damit bin ich der ranghöchste aktive NERV-Offizier im Hauptquartier. – Captain Aoba – von ADAM gefressen. Leutnant Hyuga – Krankenstation. Leutnant Ibuki – bedingt einsatzfähig, aber im Gegensatz zu Ihnen reiner Wissenschaftsoffizer ohne Kommandoausbildung."
„Ich habe nur etwas Theorie…"
„Ich nehme aktuell alles!"
„Oh, Gott! – Der Arzt hat gesagt, ich soll liegenbleiben…"
„Und ansonsten habe ich niemanden mit Offiziersrang eines First Lieutenants oder besser mit Kommandoausbildung und Erfahrung. Also sind Sie nach Ausscheiden aller anderen mein Stellvertreter. – Und keine Sorge, ich lasse Ihnen hier einen Kommunikationsknoten einrichten und Sie bekommen Shi als Assistentin."
„Was habe ich getan?"
„Hm, Sie sind zu NERV gekommen."
Jörg griff mit seinem gesunden, nicht fixierten Arm hinter sich und zerrte sein Kissen hervor, welches er nach Kaji warf. Dieser fing es lachend auf und warf es Shi zu. Blind tastete Peters nach anderen Wurfgeschossen, fand aber nichts.
„Und es gibt sonst keinen? – Ich hätte kein Problem mit einem Sergeant als Stellvertretenden Aushilfskommander oder so…"
„Ich wollte Generälin Shigen und den anderen im Rahmen der Videokonferenz ja Colonel Ayanami und Captain Soryu-Langley schmackhaft machen, aber irgendwie stieß das auf keinen Anklang."
„Und die Zweigstellen? – Können Sie nicht vorübergehend jemanden einfliegen?"
„Major Maasters liegt nach einem Schlaganfall in einem deutschen Krankenhaus, in Dubai gibt es nur wissenschaftliches Personal, kein Militär. Und die Leute, die in der Antarktis tätig sind, wurden schon mit Grund dahin geschickt."
Peters seufzte.
„In Ordnung… Aber Sie reden mit den Ärzten und machen Ihnen klar, dass sie mich mobil machen sollen… Was habe ich bloß getan…"
„Wunderbar. Der Rest des Triumvirats trifft morgen in Tokio-3 ein. Offenbar wollen sie Generälin Shigen nicht zu lange freie Hand lassen. Sie können sich also noch etwas Zeit nehmen. Ach ja – Frohes neues Jahr!"
Peters hob schwach die Hand.
„Haben wir schon 2017?"
„Seit ein paar Stunden. Sie haben aber nicht wirklich etwas verpasst."
Nachdem Kaji den Raum verlassen hatte, bat Jörg Shi leise, ihm das Kissen zu bringen.
„Was geschieht nun mit mir?" fragte Shi untermittelt in die wieder eingekehrte Stille, die nur vom Summen der Gerätschaften über dem Bett unterbrochen wurde.
„Was meinst du?" fragte Peters abwesend, der einer gewissen Faszination seine Fingerkuppen betrachtete, die aus dem Verband hervorlugten.
„Was wird man mit mir machen? – Ich bin bereits zwei Mal… gestorben…"
„Dafür wirkst du ziemlich lebendig. Ich schätze, man wird dir Blut abzapfen und Gewebeproben nehmen, Kulturen anlegen, damit Tests durchführen und irgendwann zu dem Schluss kommen, dass niemand von den Toten wiederaufersteht… das heißt, da gab es einen Präzedenzfall vor über zweitausend Jahren, aber das dürfte nichts für unsere kühlen und logischen Forscher sein. Ich werde tun, was in meiner Macht steht, damit dir nichts passiert und keiner meint, Tests am lebenden Subjekt durchzuführen."
„Das würden Sie?"
„Mein Wort."
„Warum?"
„Du hast mein Leben gerettet, ich stehe in deiner Schuld. Und ich begleiche meine Schulden."
„Das ist… beruhigend."
Er lehnte sich zurück. Sein Rachen fühlte sich wund an, nachdem der Arzt die Magensonde entfernt hatte, von tieferliegenden Körperregionen ganz zu schweigen.
„Shi, es könnte sein, dass ich in naher Zukunft einem dringenden Bedürfnis nachgehen muss… meine Beine fühlen sich etwas schwach an, würdest du bitte schauen, ob du einen Rollstuhl organisieren könntest – außer, du willst mich zur Toilette tragen."
„Das würde ich."
„Das glaube ich – aber mir wäre ein Rollstuhl doch lieber…"
*** NGE ***
Sein nächster Besucher war eine gewisse rothaarige Pilotin gewesen, die nach einer hektischen Begrüßung und Erklärung, wie froh sie sei, dass es ihm gut ging, Shi um den Hals gefallen war. Das verwirrte Klonmädchen hatte Asuka nur überrascht ansehen können, sich aber auch nicht gegen die Umarmung gewehrt, während eine feine Röte seine Wangen überzogen hatte.
Asuka ließ Shi los und verkündete, nicht zuzulassen, dass dieser noch einmal etwas geschah.
Jörg seufzte.
„Das wollen wir alle nicht. – Asuka, du siehst gut aus, bekomme ich einen Bericht über dein Abenteuer im virtuellen Raum?"
Also berichtete Asuka von der Garderobe und der Requisitenkammer und davon, dass Peters' Vorbereitungen ein voller Erfolg gewesen waren, erzählte mit rascher Stimme von den Horden an Massenproduktionseinheiten und ihrem Kampf gegen die falschen EVAs, der durch das Eingreifen Yui Ikaris beendet worden war, in dessen Folge die virtuelle Realität sich aufgelöst hatte und alle wieder in ihren EntryPlugs erwacht waren. Dann stockte sie, dass es selbst jemandem aufgefallen wäre, der weitaus mehr Medikamente intus gehabt hatte als der Leutnant.
„Asuka?"
„Eigentlich… ah, ich will hier eigentlich nicht weg… kann ich noch etwas hier bleiben?"
„Natürlich. Aber was ist los?"
„Ich… mir steht mein persönlicher Gang nach Canossa bevor. Rei und Shinji sind wach. Ich wollte ihnen etwas lassen, damit sie sich ausruhen und erholen können – ich meine, nach dieser langen Ruhepause müssen sie doch völlig ausgelaugt sein und erst wieder auf die Beine kommen. Aber Shinji kann schon wieder einigermaßen gehen und Wondergirl… Rei… steht ohnehin immer wieder auf. Mit den anderen – mit Toji, Hikari und Kaworu komme ich jetzt ganz gut aus, aber vor der Begegnung mit Shinji und Rei graust mir… Jörgi, ich habe Angst."
Peters setzte sich auf. Der Tisch, auf dem sein Unterarm und die Hand ruhten, machte Bewegung mit, rollte anstandslos ein Stücks nach vorn. Jörg fixierte Asuka, suchte den Blick ihres Auges.
„Asuka, keine Angst. Du bist nicht mehr die, die sie kennengelernt haben. Du bist nicht mehr die immer zornige Asuka, die nur nach einem Grund gesucht hat, um etwas kaputtzumachen. Du bist so viel mehr."
„Was rätst du mir? Was soll ich sagen? – Ich habe Mama gefragt – und die Klassensprecherin – und sogar Shinjis Schwester."
„Und?"
„Mama meinte, was ich genau sage, ist weitaus unwichtiger, als dass ich ehrlich bin."
„Sie hat Recht. Mütter haben wohl meistens Recht", murmelte Peters.
„Soll ich dich begleiten?" fragte Shi leise und unerwartet.
„Das wäre eigentlich mein Text gewesen… aber dann müsstet ihr mich mitsamt dem Bett durchs Krankenhaus schieben und das wäre wohl ein wenig dick aufgetragen."
Asuka wandte sich Shi zu, hauchte ein „Danke", schüttelte dann aber den Kopf. „Da muss ich allein durch."
„Die ältere Schwester wird dich verstehen."
„Was macht dich da so sicher, Vier?"
„Sie ist mir näher als alle anderen."
„Hast du schon mit ihr gesprochen?"
„Nein."
Shi wirkte überrascht, dass Asuka diese Möglichkeit überhaupt in Erwägung zu ziehen schien.
Asuka seufzte.
„Dann sollte ich wohl."
„Warte noch einen Moment."
Peters streckte den linken Arm nach ihr aus. Sie trat an das Bett heran und ließ sich kurz drücken.
„Besser?"
„Besser."
„Asuka, zeig allen, wer du bist. Innere Stärke bedeutet nicht immer, dass man jeden und alles umtreten oder alles schlucken muss, ohne sich beeindruckt zeigen zu dürfen. Manchmal muss man auch um Verzeihung bitten können, um Stärke zu beweisen."
Sie nickte.
„Ich hätte dich gern als Bruder."
„Frag deine Mutter, vielleicht adoptiert sie mich ja", scherzte er. „Wobei… vielleicht kann Shi bei euch unterkommen, ich glaube, das wäre für euch beide hilfreich."
„Hm, das…"
Asuka sah die Vierte an, überlegte.
„Ich könnte Mama fragen… wir haben uns gestern an der Oberfläche die schon fertigen Neubauten angesehen. Die haben in den letzten Wochen ganze Straßenzüge hochgezogen, das musst du dir selbst ansehen… Wir werden wohl in eine schöne, große Wohnung mit Blick auf einen Park ziehen, da wäre auch Platz… - Vier, falls du möchtest, frage ich meine Mama."
Shi sah verlegen zu Boden.
„Ich möchte keine Umstände machen."
„Du machst doch keine Umstände! – Und wir könnten zusammen shoppen gehen, du brauchst doch sicher Sachen. Vielleicht passt dir ja auch etwas von mir für den Übergang… wobei meine Sachen sicher etwas weit wären um die Brust und…"
„Asuka…"
Peters ließ sich zurücksinken.
„Lass sie darüber nachdenken. Und jetzt… du hast noch eine Mission, Captain Soryu."
„Ja…"
*** NGE ***
Asuka blieb vor Shinji Ikaris Krankenzimmer stehen, atmete mehrmals tief durch, ehe sie die Hand hob und anklopfte.
Von drinnen ein überrascht klingendes „Ja?" – es war Shinjis Stimme. Er klang beinahe schon wieder so, wie sie ihn in Erinnerung hatte, allerdings auch wieder nicht. Seiner Stimme fehlte der zögerliche, unsichere Unterton, über den sie sich früher immer gewaltig hatte aufregen können.
Langsam drückte sie die Türklinge und öffnete die Tür, trat mit gesenktem Blick ein.
Ihr Training setzte sich aber dennoch durch und ließ sie den Raum auch aus diesem Blickwinkel rasch vermessen und überblicken. Drei Personen waren anwesend – mit nicht mehr und nicht weniger hatte sie gerechnet: Shinji, seine Mutter und Rei, welche nach Aussage Reikas nicht von Shinjis Seite wichen.
Shinji stand vollbekleidet neben dem Bett, während Rei saß und seine Mutter Sachen zusammensammelte – auch hier stimmten die von Reika erfahrenen Informationen – Shinjis Entlassung stand direkt bevor, sie war also gerade noch rechtzeitig gekommen.
„A-Asuka", stieß Shinji hervor und nun klang seine Stimme gar nicht mehr selbstsicher.
Asuka sah Reis Füße, die andere Pilotin hat sich halb vor Shinji geschoben, als ginge sie davon aus, ihn beschützen zu müssen.
Sie schluckte.
„Ich konnte es nicht länger aufschieben. Die letzten Tage… seitdem Rei mit dir auf den Armen aus dem Plug gestiegen ist und dich… aufgeweckt… hat… ich habe mir immer wieder gesagt, ich sollte dich nicht aufregen und noch dir etwas Ruhe lassen, damit du auf die Beine kommst…"
Asuka ließ sich auf die Knie fallen, scherte sich nicht darum, ob ihre Knie auf dem Boden vielleicht aufschrammten, ignorierte auch Yui Ikaris überraschten Ausruf. Ihr rotes Haar fiel ihr ins Gesicht, als sie den Kopf senkte.
„Ich bitte euch beide um Vergebung für das, was ich euch angetan habe. Ich war nicht Herr meiner selbst. Aber selbst das rechtfertigt nicht, was ich gemacht habe und was ich beinahe getan hätte."
Etwas Heißes lief über ihr Gesicht. Mit einiger Verzögerung wurde ihr klar, dass es Tränen waren.
„Rei…" flüsterte Shinji und schob sich an seiner Freundin vorbei, ergriff dabei ihre Hand, während er mit einem leisen Ächzen in die Knie ging – länger Stehen und Laufen gingen ja schon recht gut, aber Kniebeugen oder auch nur in die Hocke gehen, waren um einiges anstrengender, als er es in Erinnerung hatte. Er streckte die freie Hand aus, wollte sie der zitternden Rothaarigen eigentlich auf die Wange legen, zögerte dann aber und berührte stattdessen ihre Schulter
„Asuka, als die Armee angriff, warst du da. Du warst NERVs erste Verteidigungslinie. Selbst als die Massenproduktionseinheiten deinen EVA fast zerrissen hatten, hast du weitergekämpft, als ich in Schwierigkeiten war. Du hast verhindert, dass sie den Third Impact auslösten. Ich weiß nicht, woher ich es weiß, aber als Rei-chan dich bat, mir beizustehen, hast du nicht gezögert, sondern warst da. Wir sind quitt."
„Hast du… hast du keine Sorge, ich könnte euch etwas vorspielen? – Ich bin wohl zumindest früher eine recht gute Schauspielerin gewesen."
Sie zog geräuschvoll die Nase hoch.
Nun berührte Shinji doch ihr Gesicht, lege die Fingerspitzen unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen.
„Die Asuka, die ich gekannt habe, hätte niemals geweint."
Und er wiederholte: „Wir sind quitt. Toji und Hikari und Kaworu und Mutter sagen alle, dass du letztendlich den Ausschlag gegeben hast, im Kampf gegen ADAM. Es gibt nichts zu vergeben."
Shinji sah schräg nach oben.
„Nicht wahr, Rei-chan? – Vor uns liegt ein Neuanfang, sollten wir Asuka das nicht auch zugestehen?"
Rei drückte zustimmend seine Hand und nickte nur, ehe sie der Rothaarigen die Hand reichte und diese auf die Beine zog, während Shinji sich mit der freien Hand am Bett abstützte und aufrichtete.
Asuka blickte beide lange und verwundert an.
„Eure Worte… sie berühren mein Herz, wie ich schon lange… keine Worte mehr an mich herangelassen habe. Meint ihr es wirklich ernst?"
Rei streckte den Arm aus und legte die Hand auf Asukas Schulter.
„Shin-chan würde nie lügen bei so etwas."
„Dann gewährt mir eine Bitte – nehmt mich als Mitstreiterin an, ich werde euch nicht enttäuschen."
Wieder schniefte sie.
*** NGE ***
In seinem Büro schaltete Major Kaji den Überwachungsmonitor ab, über den er Asukas Schritte verfolgt hatte, seitdem Lisa ihm gemeldet hatte, dass sie von Aika erfahren habe – welches es ihrerseits von Reika Ikari hatte -, dass Asuka zu ihrem Bittgang aufgebrochen war.
Er lehnte sich zurück, griff nach der halbleeren Zigarettenschachtel, besann sich dann aber eines Besseren und legte die Schachtel zurück.
Halblaut murmelte er:
„Und blicket sie lange verwundert an.
Drauf spricht er: »Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn -
So nehmet auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte!«"
*** NGE ***
Langsam fuhr ein grüner PKW von Osten her kommend nach Tokio-3 ein, als wollte der Fahrer sich alles genau ansehen. Natürlich befanden sich noch andere Fahrzeuge auf den Straßen und natürlich fuhren manche langsamer als andere, doch bei diesem Wagen hatte man den Eindruck, als suche der Fahrer einerseits etwas und wusste zugleich genau, wohin er wollte. – Das Lage daran, dass der Mann hinter dem Steuer und die Frau auf dem Beifahrersitz sich äußerst uneins waren hinsichtlich ihrer Anwesenheit in der Stadt.
An den Seiten des PKW stand in weißen Buchstaben: Aida-Tech – IT-Lösungen auf hohem Niveau, darunter eine Handynummer.
Auf der Rückbank des Wagens saß zwischen Tüten und Taschen Kensuke Aida und bemühte sich, möglichst nichts von dem zu verpassen, was draußen vorbeizog. Zugleich versuchte er nach Kräften, das Streitgespräch zwischen seinen Eltern auszublenden – während sein Vater die Verdienstmöglichkeiten sah, war seine Mutter strikt gegen eine Rückkehr des Familienunternehmens nach Tokio-3, egal ob NERV ihrem Mann einen Kontrakt über die Unterhaltung der gesamten Computerinfrastruktur der Stadt angeboten hatte oder nicht. In den über drei Monaten, die seit dem Fortzug aus der Stadt vergangen waren, hatte diese sich verändert – Gebäude, die früher das Bild der Skyline bestimmt hatten, fehlten ganz einfach. Kensuke wusste, dass an die Stelle des früheren Stadtzentrums mit seinen ausfahrbaren, verbunkerungsfähigen Gebäuden ein großes Loch getreten war – die offenliegende Geofront. Er wusste, dass ein großer Teil der Stadt, wie er sie gekannt hatte, nicht mehr existierte. Doch dafür wurden neue Gebäude und Straßenzüge jenseits des Randes der Geofront aus dem Boden gestampft, da weder Japan, noch die UN offenbar die Festungsstadt aufgeben wollten. Letztere hatten in den letzten Wochen große Mengen an Personal nach Tokio-3 transferiert und bauten den Ort anscheinend zu einem Zentralknoten an der Westküste des Pazifiks aus. Auch der Hintergrund war Kensuke bekannt – man zog sich aus den Regionen zurück, in welche sich die Blutige See ausdehnte.
Kensuke suchte intuitiv den Himmel ab und spürte Enttäuschung, dass er keinen der titanischen EVANGELIONs sehen konnte. Aber vielleicht bekam er sie noch früh genug zu Gesicht…
Abspann:
Stars shining bright above you;
Night breezes seem to whisper I…– love you?
Birds singing in the sycamore tree.
Dream a little dream of me.
Say nighty-night and kiss me;
Just hold me tight and tell me you'll miss me.
While I'm alone, blue as can be,
Dream a little dream of me.
Stars fading but I linger on, dear-
Still craving your kiss.
I'm longing to linger till dawn, dear,
Just saying this...
Sweet dreams till sunbeams find you-
Sweet dreams that leave all worries behind you.
But in your dreams, whatever they be,
Dream a little dream of me.
Stars fading but I linger on, dear-
Still craving your kiss.
I'm longing to linger till dawn, dear,
Just saying this...
Sweet dreams till sunbeams find you-
Sweet dreams that leave all worries far behind you.
But in your dreams, whatever they be,
Dream a little dream of me.
Anmerkungen des Autors: Schiller, verzeih...
