Kaum hatte er sich auf der Couch niedergelassen fiel es Chakotay wie Schuppen von den Augen.
Er hatte bei seiner gesamten Aufteilung einer Person noch überhaupt keine Beachtung geschenkt. Es lag wohl daran, dass sie über keinen richtigen Rang verfügte, auch wenn sie inzwischen als vollwertiges Crewmitglied angesehen wurde.
Die Rede war von Seven of Nine, der ehemaligen Borgdrohne und laut dem Doktor eine sehr charmante und effiziente junge Frau.
Er hatte sie in dem ganzen Durcheinander einfach links liegen lassen.
Nahm das denn gar kein Ende mehr? Womöglich konnte er wegen einer Person alles wieder verwerfen und neu ordnen.
Alles bloß das nicht!
Nein, er konnte sich noch nicht dem PADD mit neuen Informationen widmen.
Zu dumm!
Er hätte liebend gerne mehr über die Samerianer erfahren, aber das musste nun warten.
Seufzend stand er wieder von der Couch auf, und begab sich, das PADD selbstverständlich mitnehmend, zum nächsten Turbolift.
Dort angekommen gab es nur einen einzigen Befehl: „Brücke!"
Der Computer akzeptierte mit einem akustischen Signal und sofort setzte sich der Lift nach oben in Bewegung. Im Bereitschaftsraum des Captains angekommen, zog er sich ein weiteres Mal den Handcomputer bei und gab den Befehl zur Anzeige der Mannschaftsaufstellung.
Aus der Astrometrie jedenfalls musste sie weichen. Doch wer sollte sie vertreten? Wo man versuchte ein Loch zu stopfen öffnete sich ein viel größeres. Er musste ja auch Kinley noch irgendwie unterbringen, aber diesen in die Astrometrie zu stecken war aus zweierlei Gründen unmöglich.
Erstens waren die astrometrischen Berechnungen viel zu wichtig um sie jemanden zu überlassen, dem sowieso alles egal war und zweitens lagen Kinleys Stärken nicht in Berechnungen sondern in Technik. Chakotay versank in tiefes Grübeln. Er merkte nicht, wie die Zeit verging, doch endlich war er auf eine halbwegs akzeptable Lösung gestoßen. Sie war zwar auch nicht perfekt, aber er wusste, so müde wie er war, würde er keine bessere mehr zustande bringen: Seven würde dem Doktor in der Krankenstation als Krankenschwester zur Hand gehen, für die Astrometrie hatte er noch einen ehrgeizigen Fähnrich finden können.
Zufrieden klappte er den Handcomputer zu und machte sich auf den Weg zu seinem Quartier. Ein paar Stunden Schlaf würden ihm noch gut tun. Vor allem, wenn er daran dachte, was ihn am nächsten Tag erwartete. Und die Informationen über die Samerianer, die Neelix ihm gegeben hatte mussten wohl noch etwas länger warten.
Nachdem sie noch lange Zeit im Schiff umhergeirrt war, ohne ein festes Ziel zu haben, betrat Kathryn Janeway ihr Quartier.
„Wenigstens das hat man mir noch gelassen", dachte sie sarkastisch, als sich die Tür hinter ihr schloss. Sie wusste immer noch nicht, was sie von der neuen Situation halten sollte, die auf dem Schiff Einzug gehalten hatte und kam sich irgendwie fehl am Platz vor.
Sie beschloss es mit Humor zu nehmen, so wie sie es auch Boltic gesagt hatte. Irgendwie glaubte sie, ihn ziemlich verwirrt zu haben, bei ihrem kleinen Gespräch auf dem Schiffskorridor und sie musste jetzt fast noch schmunzeln, wenn sie an sein verblüfftes Gesicht dachte.
Sie war sich sicher, dass ihm vorher noch nie eine Frau ihre Meinung gesagt hatte und darauf beruhte seine Stärke. Er würde es garantiert nicht zugeben, dass sie ihn vorübergehend aus dem Konzept gebracht hatte.
Janeway hasste solche Männer eigentlich.
Nach ihrer Auffassung war Macht, die man auf Kosten Anderer erhielt keine wirkliche Macht, sondern Verschleierung seiner eigenen Minderwertigkeitskomplexe. Allerdings war es wahrscheinlich sinnlos mit ihm darüber zu diskutieren, zumal sie als Frau dazu das wenigste Recht hatte.
Sie seufzte.
Ich bin heilfroh, wenn wir den samerianischen Raum endlich verlassen haben!
Doch bis dahin, beschloss sie Boltic noch ein wenig mehr über die Emanzipation der Frau zu lehren, ohne dabei selbstverständlich die Gesetze zu brechen.
„Vielleicht", dachte sie, „geschieht ja ein Wunder!"
Doch wirklich daran glauben konnte sie auch nicht. Da es eigentlich schon spät war und sie auch nichts besseres mehr zu tun hatte, zog sie ihre Uniform aus, das Nachthemd an und legte sich schlafen. Morgen wird noch anstrengend genug!
„Aufruf des Captains! Melden Sie sich in einer halben Stunde in der Offiziersmesse!"
Zerstreut und noch im Halbschlaf versuchte Tom Paris seine Sinne wieder zusammenzubekommen. Wo hatte er gestern Abend doch gleich den Kommunikator hingelegt? Benebelt zerwühlte er sein Bett, wobei er langsam richtig aufwachte.
So ein Quatsch, im Bett ist er bestimmt nicht! Er schüttelte noch einmal seinen Kopf. Jetzt sah er endlich ein wenig klarer und es fiel ihm auch auf Anhieb ein, wo er ihn gelassen hatte. Er schwebte genau vor seiner Nase.
„Guten Morgen B'Elanna!" gähnte er, und nahm ihr das Gerät aus der Hand, das sie ihm freundlicherweise gereicht hatte.
„Guten Morgen Tom!"
„Hast du auch so gut geschlafen, wie ich? Ich hatte einen so seltsamen Traum: Man hätte dich degradiert."
„Das war kein Traum!"
Verdammt! Kurz nach dem Aufstehen, besonders wenn man ihn aus dem Schlaf riss, war er nie besonders zurechnungsfähig.
„Ach ja natürlich! Entschuldige bitte, du kennst mich doch. Ich gehe besser mal ins Bad und mache mich fertig. Chakotay hat es heute wohl besonders eilig."
„Ich glaube, er will die neue Verteilung der Posten bekannt geben. Ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, wo er mich hinsteckt."
Tom lächelte sie liebevoll an.
„Mach dir darüber keine Gedanken, sieh es eher positiv: Du bist ein paar Wochen lang von deinen Kommandopflichten befreit, lass die anderen sich Gedanken darüber machen, wie sie den Maschinenraum am Laufen halten."
Sie lächelte zurück.
„Danke für deine aufbauenden Worte, aber sehr tröstend ist es irgendwie trotzdem nicht."
Er blickte sie hilflos an.
„Du hast wohl Recht. Ich an meiner Stelle hab ja leicht reden, ich darf meinen Posten behalten. Trotzdem kann ich mir vorstellen, wie erniedrigend das sein muss."
Sie nickte.
„Naja, ich versuche es mit Fassung zu tragen. Es ist ja nur vorübergehend. Und es trifft die anderen Frauen ja genauso wie mich."
Tom nahm sie kurz in den Arm und ging dann ins Badezimmer, er musste sich ja zusammen mit B'Elanna in einer halben Stunde im Casino einfinden und bis dahin angezogen sein. Seine Ehefrau stand schon wartend an der Tür. Er fragte sich, seit wann sie wach war. Sie hatte garantiert nicht so gut geschlafen wie er.
Tom Paris war nicht der einzige, der durch Chakotays Komdurchsage geweckt worden war.
Genauso erging es auch Kathryn Janeway.
Sie hatte die halbe Nacht wach gelegen, doch gegen Morgen hatte sie die Erschöpfung schließlich übermannt. Sie war in einen traumlosen Tiefschlaf gefallen, aus dem sie erst ihr ehemaliger erster Offizier wieder geholt hatte.
In den ersten Minuten, dachte sie an einen schlechten Scherz, denn er sprach ja von einem Aufruf des Captains, bis es ihr wieder einfiel. Die Samerianer! Eine höchst unangenehme Spezies.
Sie seufzte, bevor sie sich ins Bad schleppte, um sich anzuziehen und pünktlich im Casino zu sein.
Kurze Zeit später verließ Janeway ihr Quartier fertig angezogen. Normalerweise hasste sie es, sich beim Anziehen so furchtbar beeilen zu müssen, aber das ließ sich nun mal auf einem Schiff wie der Voyager nicht ändern. Es konnten immer unvorhergesehene Ereignisse eintreten.
Ein Blick auf ihr Chronometer verriet ihr, dass sie nur noch zwei Minuten Zeit hatte, um zum vorgegebenen Zeitpunkt im Casino zu sein. Es war schon seltsam, sich von Chakotay herumkommandieren lassen zu müssen. Sie beschloss, ein wenig zu rennen, um sich nicht allzu sehr zu verspäten.
Tom staunte nicht schlecht, als er plötzlich seinen ehemaligen Captain um die Ecke rennen sah. Er und B'Elanna standen schon einige Zeit vor der Tür des Turbolifts und warteten darauf, dass dieser kam. „Guten Morgen", meinte Tom schmunzelnd, „Ich wusste gar nicht, dass Sie ebenfalls so spät dran sind. Wenn ich ehrlich bin, dachte ich, B'Elanna und ich wären die Letzten!"
„Da muss ich Sie enttäuschen", keuchte Janeway, „Ich bin heute schwer aufgestanden."
B'Elannas Seitenblick auf Tom verriet dem ehemaligen, dass es den beiden an diesem Morgen ähnlich ergangen war.
Endlich öffnete sich die Tür des Turbolifts und die kleine Gruppe konnte einsteigen. Zu aller Überraschung befanden sich bereits fünf Personen in der Liftkapsel. Es waren Fähnriche und Crewmen, die ihre Quartiere in den unteren Decks hatten.
Tom musste sich ein Grinsen verkneifen. Er war froh, nicht alleine zu den Nachzüglern zu gehören und dass auch Janeway dabei war beruhigte ihn.
Da alle nur ein Ziel kannten musste man dem Lift keine neuen Befehle geben und er setzte sich sofort in Bewegung.
Als die Gruppe das Casino schließlich betrat, war alles schon gerammelt voll. Überall drängten sich Leute und es war fast unmöglich noch einen Platz zu finden, an dem man nicht erdrückt wurde.
Nervosität ergriff von Chakotay Besitz.
Er hatte sehr schlecht geschlafen und war deswegen schon früh aufgestanden. Dann war er ins Casino gegangen und hatte sich an einen der Tische gesetzt und Neelix' PADD studiert, wobei er immer wieder ungeduldig auf sein Chronometer geblickt hatte. Er wollte die Crew nicht allzu früh aus den Federn holen und hatte so einen Kaffee nach dem anderen trinkend abgewartet. Um sieben Uhr hatte er endlich seinen Aufruf bekannt gegeben und konnte nach und nach beobachten, wie sich der Raum gefüllt hatte.
Je mehr Leute kamen, umso nervöser wurde er.
Neelix kam auf ihn zu und gab ihm seinen Handcomputer, den er am Tresen hatte liegen lassen. „Captain, ich glaube wir sind vollzählig!"
„Danke, Neelix, dann fange ich an!"
Er kletterte auf einen Tisch und das Gemurmel im Raum wurde immer leiser, bis es ganz verschwand. Es war sehr still und alle Blicke ruhten auf Chakotay, der sich ebenfalls im Raum umsah.
Ganz hinten an der Tür konnte er Janeway zusammen mit Tom und B'Elanna entdecken, und an den Wänden lehnten lässig und überheblich die Samerianer.
Er räuspert sich und begann: „Ich wünsche Ihnen allen einen guten Morgen und hoffe, ich habe Sie nicht zu brutal aus dem Schlaf gerissen. Doch was ich Ihnen zu sagen habe, ist von solcher Wichtigkeit, dass ich es Ihnen so schnell wie möglich mitteilen möchte. Wie Sie alle wissen, durchqueren wir zurzeit den samerianischen Raum auf unserem Heimweg in den Alphaquadranten und deswegen waren vorübergehend einige Änderungen in der Kommandostruktur notwendig."
Zeitweise erhob sich wieder Gemurmel im Saal, das von Empörung über Verwunderung ging, aber genauso schnell wieder verebbte, wie es angestiegen war.
Chakotay nutzte die Pause, um Luft zu holen.
Er spürte, wie er an den Händen zu schwitzen begann.
Besonders die Blicke der Samerianer empfand er als unangenehm. Sie duldeten nicht die kleinste Abweichung von ihren Gesetzen. Er hoffte, mit seiner neuen Verteilung an alles gedacht zu haben.
Langsam fuhr er fort zu sprechen: „Ich bin sicher, Sie werden auch mit der neuen Situation schnell fertig, aber ich bin hier, um Ihnen zu sagen, wie meine neue Verteilung der Kommandoposten aussieht. Ich beginne bei den wichtigsten Posten und gehe dann über zu den weniger wichtigen. Mister Tuvok, wird mein erster Offizier. Mister Paris, bleibt weiterhin der Pilot. Mister Kim wird in die Astrometrie abgeordnet, dafür übernimmt Mister Kinley den Posten von Mister Kim. Mister Connor wird..."
„Das kann ja noch ewig dauern, bis wir erfahren, wo wir arbeiten werden", stöhnte B'Elanna.
„Da haben Sie aber gut recht!" erwiderte Janeway gelangweilt.
„Ich weiß gar nicht, was ihr habt!" meinte Tom feixend, erntete dafür aber zwei sehr giftige Blicke, die Bände sprachen.
Schnell hob er die Hände und rief beschwichtigend: „War ja nicht so gemeint! Entschuldigung!"
„.....die Leitung des Maschinenraums übernimmt vorübergehend Icheb..."
„Icheb?"
Erstaunt blickte Janeway B'Elanna an. „Es wundert mich, dass Sie sich für ihn entschieden haben, aber ich hätte, glaube ich, dasselbe getan."
Die Halbklingonin hob eine Augenbraue.
„Ich dachte Sie hätten das gewusst!"
„Nein, hatte ich nicht." Mehrere Crewmen drehten sich nun um und zischten wütend: „Psst!", worauf Janeway und B'Elanna ihre kleine Konversation unterbrachen und weiter interesselos Chakotays Ausführungen lauschten. Immerhin hatte er sich ja große Mühe gegeben!
Nach einer halben Stunde wurde es dann interessant: „.....Von ihren Positionen temporär degradiert wurden alle weiblichen Crewmitglieder, aber das ist Ihnen ja bekannt. Sie werden sich auf Deck 15 einfinden und weitere Befehle abwarten. In den Aufgabenbereich fallen Reparaturen, das Schrubben von Plasmaleitungen und die Wartung der Systeme. Unsere samerianischen Gäste werden diese Arbeiten überwachen, damit auch alles reibungslos verläuft. Die einzige Ausnahme bildet Seven of Nine. Um Lieutenant Paris zu entlasten habe ich sie dem Doktor in der Krankenstation als Aushilfe zugeteilt. Wenn keine weiteren Fragen bestehen, ist das Treffen hiermit beendet. Gehen Sie zurück auf Ihre Quartiere und beginnen Sie in einer Stunde mit Ihrer Arbeit an Ihrem neuen Posten. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag."
Damit sprang Chakotay von seinem Tisch herunter und replizierte sich erst einmal ein Glas Wasser, denn durch seine lange Rede war seine Kehle ziemlich ausgetrocknet. Gierig trank er die Flüssigkeit aus und wollte dann zum Ausgang gehen, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. Es war Subcommander Boltic.
„Beachtliche Rede, Captain, ich bin beeindruckt. Ihre Crew ist sehr außergewöhnlich. Ich habe noch kein so straff organisiertes Schiff gesehen, auf dem auch Frauen gearbeitet haben. Das wundert mich ehrlich gesagt."
Chakotay versuchte höflich zu bleiben. Er mochte diesen Mann nicht.
„Vielen Dank, Subcommander. Sie müssen mich jetzt aber entschuldigen, ich muss auf die Brücke." Damit bahnte er sich seinen Weg durch die Menge und verließ das Casino.
„Auf Deck 15 Plasmaleitungen schrubben! Ich bin hocherfreut! Ja, begeistert! Das habe ich das letzte Mal vor zehn Jahren gemacht!"
B'Elanna Torres konnte es nicht glauben, obwohl sie eigentlich damit gerechnet hatte. Janeway lächelte sie beschwichtigend an.
„Nehmen Sie es nicht so hart. Das ist ja nicht unsere einzige Aufgabe. Zudem trifft es mich genauso schwer, eigentlich uns alle. Sehen Sie es doch als Urlaub..."
„Das hat Tom auch gemeint, aber ich finde es einfach eine Schikane!"
„Wir müssen uns eben an diese Gesetze halten, doch ich sage ihnen etwas: Bevor diese Leute mein Schiff verlassen, bringe ich ihnen noch ein wenig über Emanzipation der Frau bei, darauf können Sie sich verlassen."
Ein leichtes Lächeln kehrte auf B'Elannas Züge zurück.
„Das ist eine fabelhafte Idee, auf mich können Sie zählen Captain."
„Na sehen Sie, man muss nur alles positiv nehmen!"
Lachend verließ Janeway das Casino um sich noch einmal hinzulegen, bevor sie ihren neuen Dienst antrat.
