Kapitel 4

"Sind sie schon hier?"

Kevin Ryan schaute über seine Schulter hinweg zu seinem Partner, der versuchte durch das Abtragen eines weiteren Aktenberges ein wenig mehr Ordnung auf dem ehemals sauberen Tisch von Kate Beckett zu machen. Gates hatte ihn tadellos an ihrem letzten Tag hinterlassen, aber in den darauffolgenden Wochen hatte die eigentliche Arbeit an Fällen und die Organisation, um alles andere am Laufen zu halten Esposito eingeholt. Bis zu seiner Aufräumaktion in Warp-Geschwindigkeit, sah das Büro aus, als wäre ein Mini-Wirbelsturm hindurch gefegt.

"Noch nicht. Der Diensttuende schickt mir 'ne Nachricht, wenn sie kommen, dann haben wir einen Vorsprung."

"Gut. Hast du das Banner?"

"LT hat es vor einer halben Stunde angebracht. Während du in Papierkram ertrunken bist."

Esposito schnaubte. "Ja, danke dafür. Weißt du, du wolltest diese Beförderung auch. Wie kommt es also, dass du mir bei dem ganzen Zeug nicht geholfen hast?"

Kevin grinste und drehte sich zurück zum Flur für den Fall, dass Beckett und Castle den Hintereingang genommen hätten.

"Du hast nie gefragt."

"Dafür kannst du, wenn du mal wieder ein wenig Zuflucht und Männer-Zeit brauchst, deinen Schwager Nelson anrufen."

"Das ist kalt." Er grinste trotzdem. "Weißt du, Nelson ist gar nicht mehr so schlimm. Es könnte vielleicht sogar Spaß machen mit ihm abzuhängen."

"Klar, dass du das sagst..."

"Ich bin nur ehrlich."

Sein Handy vibrierte in seiner Tasche. "Oh oh, das sind sie. Sie sind hier. Es ist so sauber, wie es nur werden kann, komm."

"Ah, nur noch eine Sache", zögerte Javi und drehte sich um. "Hier."

Er stellte zwei von Becketts Deko-Figuren auf ihren Schreibtisch. "OK, alles klar. Auf, auf."

Sie stolperten aus Becketts Büro und machten eine Ansage an den Rest.

"Hört mal alle her, sie sind auf dem Weg nach oben. Macht euch bereit."

Alle Augen wanderten in Richtung Fahrstuhl darauf wartend, dass sich dessen Türen öffneten. Espo und er hatten Castle und Beckett ein Mal im Sommer, am 4. Juli, gesehen, aber Kevin wusste, dass das bei allen anderen nicht der Fall war und sie dementsprechend gespannt darauf waren, ihren Captain und deren Partner wieder begrüßen zu können.

Das Leben war ohne die beiden weitergegangen. Sie hatten gute Fälle und schlechte; alle haben es mit ihrem üblichen Humor überstanden, aber zurück zur Normalität zu kehren würde ihnen gut tun.

Der Raum brach in dem Moment in Applaus aus, in dem Beckett den Fahrstuhl, mit Castle dicht auf den Fersen, verließ. Selbst über die Länge des Raumes konnte Kevin erkennen, wie sein Boss aufgrund all der Aufmerksamkeit rot wurde.

"Willkommen zurück", riefen Javi und er im Chor, sobald Beckett und Castle ihre Runde gemacht und dabei Umarmungen und Handschläge erhalten hatten. "Lange nicht gesehen."

"Danke", sagten sie gemeinsam - zumindest daran hatte sich nichts geändert - als sie aus der Menschenansammlung traten.

"Ihr seht gut aus", meinte Kevin.

"Ja, besser als am vierten."

Das brachte sie zum Grinsen und er sah, wie Beckett das Innere von Castles Ellenbogen drückte. "Danke Jungs. Wir fühlen uns auch besser."

"Gut, das ist gut."

Beckett lächelte. "Du kannst Sarah Grace erzählen, dass es an den Karten von ihr und Nicholas lag. Wir hatten sie in den Hamptons auf der Theke und haben sie zu Hause an den Kühlschrank geheftet."

Castles Kopf bewegte sich zustimmend. "Vor allem die mit den Blumen."

Ryan grinste. Seine Tochter war bezaubernd. Sie hatte ihrer Tante und ihrem Onkel den ganzen Sommer über selbstgemalte Karten von ihr und ihrem kleinen Bruder Nicholas unterzeichnet, geschickt. "Ich werd es sie wissen lassen."

"Und danke auch für das willkommen heißen. Das lässt einen doch gleich besonders fühlen."

"Na ja, ist das Mindeste, was wir tun können. Für Beckett zumindest", scherzte Ryan. "Vor allem wenn du Espositos Ablage-System gesehen hast."

Sein Partner stand mit offenem Mund da und tat so, als würde es sich betrogen fühlen. "Bro."

Ihre Freunde lachten und genossen das Geplänkel. "Keine Sorge, Espo, Ryan hat dich schon letztens verpfiffen."

"Karpowski hat Kuchen gemacht, wenn ihr welchen wollt", fügte er hinzu, während er Espos ausholendem Arm auswich und Castles Faust mit seiner grüßte. "Im Pausenraum."

"Perfekt. Ich hol uns welchen und mehr Kaffee, während du dich auf den neuesten Stand bringen lässt", gab Castle bekannt und küsste sanft Becketts Wange.

Die Röte kehrte auf Becketts Wangen zurück, aber sie tadelte ihren Mann nicht für die Geste. Wenn überhaupt lehnte sie sich noch in seine Richtung.

Sie würden für eine Weile ekelhaft süß sein, oder? Noch schlimmer, als in der Zeit nach ihrer Heirat, darauf würde er wetten wollen.

"OK", begann Beckett nachdem Castle verschwunden war, "bringt mich auf den neuesten Stand. Was haben wir gerade offen?"

Sie folgten ihr in ihr Büro und sahen zu, wie sie sich in ihren Bürosessel niederließ und ihre Finger über ihre Kladde spreizte.

"Wir arbeiten gerade an zweien, warten bei dem einen auf die Laborergebnisse und bei dem anderen darauf etwas mit dir zu besprechen. Die zweite Schicht hat mit dreien zu tun. Alle haben Unterstützung."

Beckett nickte und blätterte durch einen Stapel Papiere, die Esposito für sie hinterlassen hatte. "Wie waren eure Zahlen, während ich weg war?"

"Ah…", sie sahen sich an. "Nun ja, sie waren..."

"Ich will euch nicht runtermachen, Jungs. Ich will es nur wissen, damit ich die Info und eure Seite der Dinge kenne, wenn ich danach gefragt werden sollte."

"Sie sind gefallen", gab Esposito zu und senkte den Kopf. "Aber uns haben auch mehr als drei Leute gefehlt, also haben wir getan, was wir konnten."

Ihre Freundin lächelte und nickte ihnen leicht zu. "Ihr wart toll, Jungs. Das wart ihr. Ich geb euch keine Schuld an irgendetwas. Vor allem nicht, wenn man bedenkt, wie ihr ins kalte Wasser geworfen worden seid."

Sich ansehend schlurften sie näher an Becketts Schreibtisch. "Also wir begrüßen es, dass du uns nicht einen Kopf kürzer machst."

Beckett lachte. "Wir haben ja noch Zeit. Ich hab noch etliche Stapel durchzugehen. Erzählt mir, was ihr offen habt. Du hast gesagt, bei dem einen wartet ihr noch darauf etwas mit mir zu besprechen?"

"Ja. Den haben wir gestern rein bekommen. Ein Typ geht nur mit seinem Hund spazieren und natürlich beschnüffelt der Hund alles. Aber anstatt andere Hunde zu beschnüffeln, schnüffelt Fluffy unser Opfer, Andrew Sutton."

"Eingewickelt in einen Schlafsack, versteckt zwischen ein paar Büschen", fügte Kevin hinzu. "Jemand hat sich echt an ihm ausgelassen; er hatte Zeichen eines Schädeltraumas und Lanie hat ermittelt, dass sein Genick gebrochen war."

"Obdachlos?", fragte sie und schaute auf als Castle, Becketts blaue Tasse in einer Hand und einen Teller mit einem Stück Kuchen in der anderen Hand, ins Büro kam.

Sie warteten bis Castle alles vor Beckett abgestellt hatte mit ihrer Antwort.

"Nö. Lebt in Brooklyn."

"Also was hat er dann in Manhattan mit einem Schlafsack gemacht? Und dann noch in den Büschen."

Castle setzte sich auf die Kante von Becketts Schreibtisch. "Vielleicht war er ein Hedge-Fond- Manager?" [Anm. der Übersetzerin hedge = Hecke, ein Wortspiel, das im Deutschen leider nicht funktioniert]

Das Stöhnen von drei Personen echote durch das Büro des Captains.

"Dafür sollte ich dich nach Hause schicken", murmelte Beckett, ihren Kaffee schlürfend. Ryan sah, wie sie ihre Lippen zusammen presste, aber dann einen weiteren Schluck nahm. "Ich geh davon aus, dass ihr rausgefunden habt, was er tatsächlich für seinen Lebensunterhalt getan hat und dass ihr seine Angehörigen benachrichtigt habt?"

"Das ist das Ding. Neben seinem Ausweis mit der Adresse scheint niemand diesen Kerl zu kennen. Die Nachbarn können sich kaum erinnern ihn gesehen zu haben, es gibt keine Informationen über eine Arbeitsstelle und selbst der Hausverwalter hat keine Ahnung, wo die Miete herkam. Hat ihn natürlich auch nicht wirklich interessiert, er hat das Geld ja bekommen, aber konnte uns keine Kontakt-Infos geben."

"Und wir sind uns nicht mal sicher, dass der Park wirklich der Tatort war oder ob er dort nicht einfach nur abgelegt wurde."

"Ein anderer Ort?", fragte Castle und schob sich ein bisschen Kuchen in den Mund. "Oder eine andere Zeit?"

"Schon wieder Zeitreisende, Castle?", fragte Esposito. "Hatten wir das nicht schon zwei Mal?"

Der Autor zuckte mit der Schulter. "Was ist schon eine dritte Zeitreise-Theorie zwischen Freunden? Und nebenbei, meine CIA-Theorien sind gerade aus."

"Hört, hört", fügte Beckett hinzu und schubste sein Knie bis er rutschte und ihr den Zugang zu ihrer Schreibtischschublade ermöglichte, aus der sie einen Stift und einen neuen Block Notizzettel holte. "Ihr habt mit dem Hausverwalter gesprochen. Was hat er noch gesagt?"

"Er hat Sutton mit einem Kerl ein paar Wochen vor seinem Tod streiten sehen."

"Worüber haben sie gestritten?", fragte Castle während er seine Finger in seinem Schoß verschränkte.

"Er hatte keine Ahnung. Er gab uns nur eine Beschreibung von dem Kerl und meinte, wir würden ihn von seiner Arbeit abhalten."

Auf Becketts erwartenden Blick hin rasselte Esposito herunter: "Ziemlich groß, dunkles Haar, hinten ausrasiert, vorn länger - der aktuelle Stil, seiner Meinung nach. Keine Brille. Und nichts besonders die Stimme betreffend."

"Und der Streit?"

"Mr. Pitten zu Folge lief es ungefähr so ab: "Das wirst du bereuen, sein kein Idiot", was wir alle wissen, eigentlich ziemlich harmlos ist…"

"Wäre Mr. Sutton nicht tot aufgefunden worden", beendete Beckett den Kopf neigend. "Was ist mit dem Schlafsack? Was wisst ihr darüber?"

"Er ist noch im Labor, aber wir wissen, dass er älter ist, allein vom Aussehen her."

Beckett nickte und lehnte sich die Arme verschränkend zurück. "Also davon ausgehend, dass er Mr. Sutton gehörte, hat er ihn entweder vor einer ganzen Weile oder vielleicht second-hand gekauft? Überprüft die Umgebung seiner Wohnung nach Second-Hand-Läden, Gebrauchtwarenläden, Sportartikel-Läden. Schaut, ob sich irgendjemand daran erinnern kann, dass er ihn gekauft hat oder ob jemand euch sagen kann, wo er ihn gekauft haben könnte. Vielleicht hilft das zu klären, wie er in den Büschen geendet ist."

Sie nickten und waren bereits auf dem Weg. "Schon dabei, Boss."

"Oh, und Jungs?" Beckett wartete darauf, dass die Beiden sie wieder ansahen. "Danke. Für alles."

"Jederzeit."

"Allerdings fürs erste vielleicht erst mal nicht, wenn möglich", fügte Ryan hinzu und klopfte auf den Türrahmen.

"Einverstanden", sagten sie ohne zu zögern.

Javi schnaubte. "Castle, kommst du?"

Rick schüttelte den Kopf. "Nee, ich denke ich fang langsam an. Bleib heut erst mal hier."

"Alles klar. In dem Fall, bis bald."

Beckett nickte und griff nach einer weiteren Akte. Ohne Zweifel um sich in die Arbeit des Tages zu stürzen. "Gut. Lasst uns wissen, wenn wir von hier aus irgendwas tun können."

"Werden wir."

Sie verließen das Büro in dem Moment, als drei weitere Leute auftauchten, bereit um mit dem Captain zu reden.


"Also sie sehen gut aus. Beckett und Castle", begann Ryan, als er die Tür hinter sich zuschlug und zu seinem Partner auf der anderen Seite des Autos stieß.

"Ja, das tun sie. Ich muss zugeben, dass ich das nicht erwartet hab."

Ryan schnaufte ein Grinsen, als sie über die Straße zu dem ersten Laden auf ihrer Liste joggten. Ihre Arbeit wurde dadurch erleichtert, dass nicht viele Sportartikelläden rund um die Wohnung von Sutton existierten, aber es gab ein paar spezialisierte und Gebrauchtwarenläden.

"Was hast du denn erwartet?"

"Keine Ahnung, eher so wie sie im Sommer aussahen?"

Kevin zuckte mit einer Schulter. "Sie hatten mehr Zeit sich zu erholen. Den ganzen Tag am Strand zu verbringen hat wahrscheinlich geholfen."

Espo nickte entgegenkommend. "Ja. Aber ich bin froh. Zur Normalität zurückzukehren wird gut sein. Und nicht nur, weil ich endlich wieder ein Leben haben will."

Er schnaubte. "Bei dir klingt es, als hättest du jemals eins gehabt."

"Halt die Klappe."

Kevin grinste und hielt die Tür für seinen Partner auf.


Sich an diesem Morgen für die Arbeit fertig zu machen fühlte sich wie ein Déjà-vu an. Angefangen bei der Art wie sie aufwachten, beide auf der Seite liegend, Kates Gesicht in den Rücken von Rick gepresst, über die Tatsache, dass Rick aus dem Zimmer huschte, um sie mit dem Frühstück zu überraschen - richtigem Essen dieses Mal, kein Schlagsahne-überzogener Schmuck - bis hin zu dem nervösen Auf und Ab ihres Magens, fühlte sich alles genau wie am ersten Tag an. Doch statt eines Anrufs voller schlechter Nachrichten, der sie aus der Wärme ihres Zuhauses zog, konnte sie Rick damit aufziehen, wie lange er dafür brauchte, um sich fertig zu machen und das er dafür sorgen würde, dass sie zu spät kämen.

Und dann war da der Empfang im Büro. Die vielen guten Wünsche, die Handschläge und Umarmungen für sie beide. Als sie Ryan und Esposito erreichten, war sie überwältigt.

Jetzt, zwei Stunden nachdem sie angekommen waren, fühlte sie sich endlich wieder wie die Ruhe selbst. Sie hatte die Jungs für weitere Überprüfungen losgeschickt, sie hatte sich mit den Fragen von zwei ihrer anderen Teams beschäftigt, sie hatte sogar mit dem Präsidium gesprochen. Sie war wieder im Dienst. Zuhause.

Noch viel mehr, weil Castle einen der Stühle in ihrem Büro für sich in Anspruch nahm.

"Wie fühlt es sich an?"

"Hmmm?" Ihre Augen hoben sich von dem vorläufigen Bericht, mit dem sie sich abplagte.

"Wieder hier zu sein."

"Es ist gut", antwortete sie. "Anders, aber gut. Allerdings bin ich bereit für eine Pause von dem ganzen Papierkram."

Castle schaute auf seine Uhr. "Also Captain, kann ich Sie zum Mittagessen ausführen, damit Sie ihre Beine ausstrecken können?"

Ihr Magen knurrte. Das klang toll; aus irgendeinem Grund war sie am Verhungern.

"Ja, lass uns das tun." Sie stand auf und kontrollierte ihr Telefon, um sicherzugehen, dass sie in der nächsten Stunde nichts verpassen würde. "Ich meine mich zu erinnern, dass du mir ohnehin Remy's versprochen hast."

Ihr Ehemann grinste und bot seinen Arm an. "Dann soll es Remy's sein."

Beckett nickte LT auf ihrem Weg zum Fahrstuhl zu. "Mittagspause. Wir sind in circa einer Stunde wieder zurück. Ich hab mein Handy dabei, wenn Ryan und Esposito davor zurückkommen sollten."

"Ich lass es sie wissen."

"Danke."

"Und wir bringen Ihnen einen Shake mit", fügte Castle hinzu, während er sich umdrehte und dem anderen Mann die Hand gab.

"Dann musst du aber genug mitbringen, um mit dem Rest der Klasse auch zu teilen, Castle", scherzte sie, als sie in den Aufzug stiegen und sie sanft gegen seine Schulter stieß. "Andernfalls hab ich eine Revolte an der Backe."

Rick lachte leise. "Ich denke, das krieg ich hin."

Das würde er. Sie wusste jetzt schon, dass er ihre Kellnerin fragen würde, ob es möglich wäre ein paar dutzend Milchshakes zu machen und einen Weg zu finden diese zum Revier zu transportieren.

"Es wäre ein nettes Dankeschön", sprach er weiter und strich mit seinem Daumen über ihre Fingerknöchel, "für alles was sie getan haben."

Kate machte einen zustimmenden Ton und stupste in dem Moment, in dem die Fahrstuhltüren sich erneut öffneten mit ihrer Wange seine Schulter an.

"Wahrscheinlich ist es besser einfach eine Mischung an unterschiedlichen Geschmacksrichtungen zu besorgen, anstatt zu versuchen sich daran zu erinnern, was jeder am liebsten mag. Ich weiß nicht mal, was jeder am liebsten mag, weißt du das?"

"Nein, Castle. 'Was ist Ihre Lieblings-Sorte an Shake bei Remy's?' gehört nicht zu den Einstellungsfragen."

Ihr Ehemann lachte. "Vielleicht sollte es das aber sein? Überleg mal, wie viele komische Käuze du damit aussortieren könntest. Vor allem diejenigen, die ihre Fritten in die Erdbeershakes dippen."

Der leichte Schlag auf die Brust, dem sie ihm verpasste, sorgte nur dafür, dass er noch mehr lachen musste.

"Allein dafür werde ich meine Pommes in deinen Milchshake tunken."

Castles Augenbrauen zuckten nur als Antwort.

Im Gegensatz zu letztens war sie heißhungrig sobald sie das Restaurant betraten. Ihr Burger war innerhalb von Minuten weg und die Pommes verschwanden kurz danach von ihrem Teller. Mehr als einmal erwischte sie Castle dabei, wie er sie ansah und sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte.

"Hör auf dich über mich lustig zu machen", befahl sie, nahm einen langen Zug von ihrem Shake - Vanille; ihr war heut irgendwie nicht nach Erdbeer - und stahl eine seiner Fritten aus seiner Hand.

"Lustig machen? Ich dachte daran dich zu küssen." Sein Lächeln wurde größer als sie ihren Kopf senkte und rot wurde.

Er war immer schon romantisch, aber in den letzten Monaten hatte er Charme-technisch, noch eine Schippe draufgelegt. Kate konnte nicht sagen, dass sie Grund zum Beschweren hatte.

"Tja, vielleicht solltest du weniger denken und mehr tun, hmm?"

Er streckte sich über den Tisch und nahm ihre Wange in seine große Hand bevor sie ihren Satz überhaupt zu Ende sprechen konnte. Kate genoss die Berührung, begierig darauf seine Lippen zu spüren.

Ihr Ehemann enttäuschte nicht, als sein Mund über ihren glitt, sein Kuss leicht und zart. Und süß - vom Schokoshake.

"Wenn ich darüber nachdenke", hauchte sie, während sie über seinen Kiefer strich nachdem sie sich trennten, "du hast ab und an gute Ideen. Mach weiter so."

Rick leuchtete auf und küsste sie erneut. "Wenn du darauf bestehst."

Ihr Handy tönte kurz auf und blinkte mit einer Nachricht von Esposito. Es schien so, als wären sie mit einem Gast auf dem Weg zurück zum Revier. "Ah, nur, dass die Jungs was haben. Also später?"

Er holte bereits seine Kreditkarte aus seiner Geldbörse. "Absolut. Aber ähm, wir holen doch trotzdem noch die Milchshakes, oder?"


Ein halbe Stunde später trafen sie die Jungs auf der Straße vor dem Revier. Auch, wenn ihr Besucher nicht in Handschellen war, sah er nicht gerade begeistert aus bei ihnen zu sein. Der finstere Blick des Mannes störte die Detectives aber keineswegs. Stattdessen schaute Esposito in Castles Richtung und seine Brauen schossen in die Höhe.

"Kleiner Snack, Castle?"

"Ha ha. Wir haben schon gegessen; die hier sind für den Rest des Teams. Aber vielleicht geb ich deinen Beckett."

Seine Frau verdrehte die Augen. "Glaub mir, ich bin voll. Bedient euch, Jungs. Wer ist denn unser heutiger Gast?"

Rick sah zu wie Ryan dem Kerl zu verstehen gab, dass er vorgehen sollte. "Das ist der Bruder von Andrew Sutton. Er hat gnädiger weise zugestimmt mit uns zu kommen und über das letzte Treffen mit ihm zu reden. Und warum sich seine DNS auf dem Schlafsack befand, in dem sein Bruder eingewickelt war."

Castle wagte einen Blick in Becketts Richtung und sah wie sie sich aufrichtete, ganz dienstlich, trotz der Box voller Milchshakes, die sie trug.

"Also, Mr. Sutton…"

"Lewis. Corey. Andrew hat den Namen unseres Vaters nach der Scheidung behalten, ich hab den meiner Mutter angenommen."

Beckett nickte. "Also, Mr. Lewis, ich bin Captain Beckett. Meine Detectives bringen Sie nach oben, so dass wir uns unterhalten können. Wir wissen Ihre Kooperation zu schätzen."

"Schauen Sie, hier wird viel Wirbel um nichts gemacht. Alles, was ich getan hab, ist vor Jahren einen Schlafsack zu kaufen."

"In dem Fall bin ich mir sicher, dass wir alles schnell klären können und dass Sie hier mir-nichts-dir-nichts wieder verschwinden können."

Beckett nickte Esposito zu. "Bringt ihn rauf. Ich komme gleich."

"Ich kann die nehmen, wenn du mit ihnen nach oben gehen willst", murmelte Castle, als er die Männer durch die Reviertüren verschwinden sah.

Kate schüttelte den Kopf. "Nein, lassen wir ihn ein wenig schwitzen, denn, ich weiß nicht, ob du's mit mitbekommen hast oder nicht, er passt auch auf die Beschreibung des Mannes, den man mit Sutton in seiner Wohnung hat streiten sehen."

Ja, das hatte er mitbekommen. Interessant.

"Aber lass uns dennoch reingehen; die Dinger werden schwer."

"Und wahrscheinlich schmelzen sie." Castle befreite eine Hand und öffnete ihr die Tür.

"Also", dehnte seine Frau als sie eintrat, "das geht ja gar nicht. Immerhin ist LT sehr wählerisch, wenn es um seine Milchshakes geht."

Rick grinste und bot dem diensthabenden Sergeant eine der süßen Belohnungen an, als sie an ihm vorbeigingen.

Sobald sie im vierten Stock waren, machte er seine Runden und verteilte Milchshakes an alle während Beckett an ihren Schreibtisch zurückkehrte und sich darauf vorbereitete Ryan und Esposito bei ihrer Unterhaltung mit Mr. Lewis zuzusehen. Er plante sich ihr anzuschließen, sobald er mit dem Verteilen fertig war.

Ein paar Minuten später trat er in den Observierungsraum und fand sie auf der Tischkante sitzend vor, wie sie zuhörte.

"Hören Sie", startete Lewis, "ich hab den Schlafsack gekauft, ihn auf einen Camping-Trip mitgenommen, um jemanden zu beeindrucken und ihn dann für die nächsten sechs Jahre im Schrank vergessen."

"Wie erklären Sie dann, dass er sich im Besitz ihres Bruders befand?"

Die Hände des Mannes wedelten über dem Tisch. "Weil ich ihn ihm gegeben hab."

Castle blickte in Becketts Richtung und schaute zu, wie sie sich eine Notiz machte.

"Sie haben ihn ihm gegeben? Aus welchem Anlass?", fragte Ryan und übernahm für Esposito.

"Er hatte da irgendeine Sache, die er machen wollte. Er sagte, je weniger ich weiß, umso besser."

"Klingt legitim", grübelte Esposito. "Eine mysteriöse Sache, ein gelegenes Geschenk und das alles trotz des kürzlichen Streits, bei dem man Sie mit ihm gesehen hat. Passt total zusammen, nicht wahr Ryan?"

"Perfekt."

"Ich hab ihn nicht umgebracht. Ich war bis gestern Abend unterwegs für eine Geschäftsreise. Sie können mit meinem Chef sprechen, dem Hotel in Zürich und mit den paar tausend Leuten, vor denen ich eine Präsentation gehalten hab, wenn Sie mir nicht glauben."

Castle sah, wie Beckett die Worte Zürich Konferenz auf ihren Block kritzelte, bevor sie beide wieder dem Verhör zusahen.

"Wir werden das überprüfen. In der Zwischenzeit können Sie uns ja erzählen, worüber sie sich gestritten haben."

Corey Lewis seufzte. "Andy und ich, wir haben - hatten - unsere Differenzen. Er hatte es nicht leicht als Kind und dafür hab ich mich immer schlecht gefühlt, denn im Vergleich zu ihm wurde ich wie das goldene Kind behandelt. Also hab ich mich um ihn gekümmert, hab seine Rechnungen bezahlt, hab ihm geholfen was zu finden, womit er Geld machen konnte, wenn ich nicht zahlen konnte und so weiter und so weiter."

Das würde erklären warum sie keine Informationen über eine Arbeit oder irgendwelche Einkünfte gefunden hatten.

"Und der Streit? Lassen Sie mich raten. Sie waren es leid sein Babysitter und Geldgeber zu sein und haben ihm gesagt er solle sich endlich zusammenreißen oder…"

Lewis schüttelte den Kopf. "Ich meine, ja, ich war es leid. Ich hab mich nicht darum beworben für den Rest seines Lebens den Aufpasser zu spielen, nur weil sein Vater ein Arsch zu ihm war, als wir zehn waren und unsere Mutter nichts dagegen getan hat. Aber wir haben nicht gestritten, weil ich ihm kein Geld mehr geben wollte."

"Worüber haben sie dann gestritten?"

Der jüngere Mann seufzte. "Er hat mich angerufen, erzählte, dass er diese großartige Gruppe von Leuten getroffen hat. Sie leben abgeschieden von der Gesellschaft, campen und so. Er brauchte Zeug und ich hab OK gesagt, denn ich hatte ja den Schlafsack und brauchte ihn nicht. Also hab ich ihm den vorbeigebracht, fragte, ob er sich sicher sei und so."

"Irgendwie klingt das nicht so, als würde das ein 'sei kein Idiot, Du wirst das bereuen' rechtfertigen, was sie ja gesagt haben, nicht wahr?"

Lewis nickte. "Das hab ich gesagt, ja."

"Also haben wir hier ein paar Lücken", ermunterte Ryan auf den Tisch klopfend.

"OK, hören Sie. Im Grunde dachte ich, dass diese Gruppe nichts Gutes bedeuten würde. Sie machen Ärger, nix großes, erbärmlich, aber ausgehend von dem, was er mir erzählte, eskalierte das langsam. Ich hab ihm gesagt, dass, wenn er sich mit denen einlässt, er in deren Chaos hineingezogen wird. Was idiotisch ist, wenn man nicht gerade ins Gefängnis will."

"Was machen die?"

"Nichts schlimmes, sie sind kein Kult oder so, aber Andy hat alles immer mit der rosaroten Brille gesehen. Er hatte Freunde zum Abhängen und nur das war für ihn wichtig."

"Wo können wir diese Gruppe finden?"

Corey zuckte mit den Schultern. "Da bin ich überfragt. Andy sagte, sie ziehen viel herum. Das war ein Teil der Anziehung - jeden Tag ein anderer Ort zum Leben. Sowas halt. Ist ja halb so wild, dass es unerlaubtes Betreten und gefährlich in dieser Stadt ist. Wenn Sie Andy in seinem Schlafsack gefunden haben, dann war er wahrscheinlich bei ihnen, als er starb. Das heißt wohl, dass ich Recht hatte, was sie betraf."

Die Detectives nickten und schauten sich an. "Hat sie einen Namen? Diese Gruppe."

"Wie der Micky Maus Club? Nein. Er hat sie nur die Gruppe oder seine Freunde genannt."

"Und Sie haben keine Ahnung, wo sie sein könnten?"

"Ein Park, ein Spielplatz, irgendwo, wo sie denken, es hätte einen Reiz dort zu übernachten."

Ryan und Esposito nickten ein weiteres Mal, standen gemeinsam auf und gingen zur Tür. Beckett stand ebenfalls auf und studierte ihre Notizen.

Die Jungs glitten einen Moment später in den Observierungsraum und fragten: "Was denkst du, Boss?"

"Habt ihr irgendwas von der Gruppe, von der er erzählt hat, gehört?"

"Über unsere Tische kam nichts, aber wir haben unsere Augen auch nicht nach so etwas offen gehalten."

Beckett nickte und schaute auf ihre Notizen. "Dann ruft ein paar Reviere in der Nähe von Andrews Wohnung an und schaut, was ihr rausfinden könnt. Und schaut, ob Coreys Boss sein Alibi bestätigen kann. Versichert euch, dass er nicht den letzten Tag der Konferenz geschwänzt hat, dann schickt ihn nach Hause."

"Sind dabei."

"Danke. Ich bin dann wieder an meinem Schreibtisch, aber haltet mich auf dem Laufenden."

Die Jungs nickten, als sie den Raum verließen. "Machen wir."

"Vergesst eure Milchshakes nicht", fügte Castle hinzu, als er ihnen folgte. "Ich hab sie in den Kühlschrank gestellt."

Ryan grinste und schlug ihm leicht auf die Schulter. "Danke, Castle."

"Ja", stimmte Esposito zu. "Danke dafür. Du hast nicht auch noch Zwiebelringe mitgebracht, oder?"

"Alter", Rick tat beleidigt. "Aber ja, hab ich tatsächlich. Sie sind da drinnen. Ich hab ein paar geklaut, als Beckett nicht geschaut hat."

Seine Frau schnaubte. "Ich hab eine funktionierende Nase, Castle. Glaub mir, ich hab es gemerkt", sagte sie über ihre Schulter schauend und verzog besagte Nase.

Die Jungs lachten und machten sich auf dem Weg in den Pausenraum zum Essen.

"Du hast es mitbekommen?", fragte Castle und atmete in seine Hand, um seinen Atem zu überprüfen. Nicht der frischeste, aber es hätte schlimmer sein können.

"Mmhm."

"Tut mir leid."

Becketts Lächeln wurde weiter. "Das ist ok. Komm, ich muss zurück an die Arbeit."

Er folgte ihr sicheren Fußes, bereit dazu für den Rest des Tages seinen Platz an der Seite ihres Schreibtisches einzunehmen.


Stunden später, nach drei Marathon-Konferenz-Schaltungen, zwei Hinweisen in dem anderen Fall von Ryan und Esposito, die nirgendwo hinführten und Corey Lewis gehen dufte, nachdem sich sein Alibi bestätigt hatte, konnten sie nach Hause gehen. Auch wenn er eigentlich vorhatte in der Detektei vorbeizuschauen, bevor sie nach Hause zurückkehrten, entschied er sich, nachdem sie das Revier verließen und Kates Energie nachgelassen hatte, dazu den Besuch auf morgen zu verschieben. Ihr erster Tag zurück war lang genug.

"U-Bahn oder Taxi?", fragte er seinen Arm anbietend. Kate summte und hakte sich bei ihm ein.

"Nichts von beidem. Lass uns laufen."

"Bist du sicher?"

Sie nickte und drückte seinen Arm leicht. "Ja, wenn wir müde werden, nehmen wir ein Taxi für den Rest des Weges. Es ist einfach zu schön, um nicht zu laufen."

"OK", stimmte er zu und küsste sie sanft auf die Wange. "Lass mich wissen, wenn du stoppen willst."

Eine Weile später erreichten sie ihr zuhause, erwärmt aber auch aufgefrischt vom Laufen. Kate nahm ihre Hand von seinem linken Arm, als sie sich ihrer Haustür näherten und griff in ihrer Tasche nach den Schlüsseln.

"Weißt du, ich bin noch ziemlich voll vom Mittag", begann sie. Sie schaute sich im Loft um, bevor sie eintrat und sich mit einem Funkeln des Schalks in den Augen zu ihm umdrehte. "Also, wenn du jetzt nicht unbedingt Abendessen willst, könnten wir uns frisch machen und später Gedanken ums Essen machen?"

"Dusche oder Bad?", fragte er automatisch und sah wie Freude über ihr Gesicht wusch.

Kate ging einen Schritt zurück, nahm zwei seiner Finger mit ihren. "Warum nicht beides?"

Rick grinste und ließ sich von ihr in Richtung Schlafzimmer ziehen. "Dagegen kann ich nichts sagen."