Chapter 4

Slughorns Stimme schien von weit weg zu kommen. „Nun, Harry, wenn Sie wohl so freundlich wären, Platz zu nehmen…? Da hinten bei Tom ist noch etwas frei. Sie können auch in seinem Buch mitlesen, solange Ihr Exemplar noch nicht von Flourish and Blotts geliefert wurde."

Langsam schritt Harry nach hinten. Er kennt mich! Vielleicht gibt es die Prophezeiung über uns zwei schon immer. Vielleicht ist unser Bund stärker als die Zeit… Wieder tastete er in seinen Umhangtaschen nach seinem Zauberstab. Ich muss ihn jetzt töten, noch bevor er eine Möglichkeit hat, zu reagieren.

Als sich seine Hand um das Holz schloss, erkannte er, dass es unmöglich wäre, Tom Riddle in einem Raum voller Schüler zu töten. Avada Kedavra. Die Worte haben keine Wirkung, wenn du es nicht wirklich willst… Er hatte nie an der Komplexität des Todesfluches gezweifelt, jedoch immer geglaubt, ihn eines Tages zu meistern, wenn er Voldemort gegenüberstünde. Er hätte ihm in die entsetzlichen Scharlachaugen gesehen, an seine Eltern gedacht und ihren dunkelgekleideten Mörder getötet.

Aber einem Schuljungen in die grauen Augen zu sehen, während er den Fluch sprach- das war etwas völlig anderes. Harry wurde bewusst, wie es auch die anderen Schüler wirken würde, tötete er Riddle auf der Stelle vor ihrer Nase: Da tauchte ein Fremder unter ihnen auf, ein Mitschüler, der plötzlich und offensichtlich grundlos einen ihrer Klassenkameraden ermordete und gleich darauf verschwand.

Sie würden denken, ich sei böse… aber dieser Mord ist doch notwendig, um so viele andere zu verhindern. Ja. Aber das können sie nicht wissen. Sie können nur sehen, dass ich einen unschuldigen Jungen töte. Für sie wäre ich eine Figur des Grauens. Für sie wäre ich… Voldemort….

Harry ließ sich mit schwirrendem Kopf auf seinem Platz nieder.

„Harry?", Toms Flüstern war unerwartet sanft. Was habe ich auch erwartet? Das Schlangenzischeln?

Er sah auf, direkt in Toms Augen. Wie anders du aussiehst, Tom. Ich erinnere mich an dein totenbleiches Gesicht, doch jetzt ist es lebendig, schön, menschlich… Es ist seltsam, dich so menschlich zu sehen…

„Harry", flüsterte Tom erneut, „Sind wir uns wirklich nie zuvor begegnet?"

Gott, was soll ich sagen? Die Wahrheit…

Harry schüttelte den Kopf. „Nein… wir sind uns noch nicht begegnet…."

Nur danach hab ich dich getroffen. In einer späteren Zeit, die noch nicht ist.

Tom sah ihn eine Weile lang an und lächelte. So sah er sogar noch lebendiger aus. Warum kann er nicht ein wenig mehr wie er selbst aussehen?

„Ja, du hast bestimmt Recht. Ich denke nicht, dass wir uns kennen. Du schienst nur so vertraut, als hätten wir einander früher einmal gekannt. Fühlst du es nicht auch?"

Harry spürte, wie Blut in seine Wangen schoss. Ich hoffe, dass er seine Fähigkeiten, Gedanken zu lesen, erst noch entwickelt…

„Das glaube ich auch. Es ist seltsam, aber ich habe schon davon gehört. Eine Art Déjà-Vu, schätze ich."

Er versuchte, möglichst beiläufig mit den Schultern zu zucken.

„Heute also", begann Slughorn vorn am Pult, „Habe ich eine besonders diffizile Aufgabe für Sie. Ein teuflisch tückischer Trank, den man auch den Trank der ‚Lebenden Toten' nennt."

Wo wir gerade bei Déjà-Vus sind… Hoffentlich kann ich mich an ein paar kleine Verbesserungen des Halbblutprinzen erinnern… Mal sehen… Die Klinge eines Silbermessers nutzen, um die Sopopherusbohnen zu zerquetschen, eine extra Umdrehung im Uhrzeigersinn nach jedem siebten dagegen. Ja, ich erinnere mich an die Anweisungen aus der Zukunft, die mir von einem ehemaligen Schüler hinterlassen wurden. Himmel, ich muss damit aufhören. Wenn ich zu viel über diese Zeitparadoxa nachdenke, sieht mein Gehirn hinterher aus wie die Sopopherusbohnen…

Die Trankzutaten wurden verteilt und die Schüler machten sich schweigend an die Arbeit. Tom schien beim Brauen wirklich gut zu sein, denn sein Trank nahm schnell eine hübsche violette Färbung an.

Natürlich. Tom Riddle, der Musterschüler. Dem Stöhnen, das im Rest des Raumes zu vernehmen war, nach zu urteilen fanden nicht alle, dass der Trank so einfach war. Der Geruch, der von manchen Kesseln aufstieg, erhärtete diesen Verdacht nur weiter.

Harry hörte, wie jemand neben ihm scharf die Luft einzog. Tom starrte völlig perplex in seinen Kessel. „Aber… wie zur Hölle hast du es geschafft, dass der Trank so klar wird? Ich habe die Anweisungen strikt befolgt und mein Trank ist bei weitem nicht so klar!"

„Ach…", Harry zuckte mit den Schultern, „Ich hab' die Anweisungen nicht ganz so genau befolgt, fürchte ich. Hab' ein bisschen was abgeändert- scheint funktioniert zu haben…"

„Du hast das Tränkerezept abgeändert?", Verwirrung und Verehrung spiegelten sich in Toms Gesicht, „Ich hatte nicht gedacht, dass das möglich sei…"

„Gut, gut, gut!" , Slughorn war an ihrem Tisch angekommen. Mit einem Ausdruck, der an Verzückung erinnerte, starrte er in Harrys Kessel. „Harry, mein lieber Junge, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen! Welch' außerordentliches Talent da in Ihnen schlummert! Sie sind zuhause unterrichtet worden, nicht wahr? Ihre Familie muss wirklich außergewöhnlich sein!"

Er zwinkerte Tom zu. „Nun, Tom, es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber ich fürchte, Sie haben einen Rivalen gefunden. Scheint, als hätten Sie endlich einen Ebenbürtigen!", er ging kichernd weiter und besah sich die bemitleidenswerten Gebräue an, die in den übrigen Kesseln blubberten.

Harry fühlte Toms eingehenden Blick auf sich ruhen. Das wird er mir sicher übelnehmen. Sicher ist er eifersüchtig…

Doch Harry sah keine Missgunst in den grauen Augen des Anderen und in seiner Stimme war kein bisschen Feindseligkeit, als er flüsterte: „Ja, ich glaube, er ist mir ebenbürtig."