Kapitel 3: Mathe macht sexy

Jack gähnte herzhaft und ließ seinen Kopf auf den Tisch fallen. Er war todmüde, obwohl er gestern gar nicht mehr lange wach gewesen war. Den ganzen Nachmittag hatte er mit seiner Schwester verbracht, damit diese nicht daran denken musste, dass zuhause keiner auf sie warten würde. Es hatte auch funktioniert, Emma hatte so viel Spaß gehabt wie schon lange nicht mehr. Die Eishalle war zwar etwas sehr voll gewesen, aber das war zu erwarten gewesen. Am Tag der Eröffnung war immer einiges los. Danach hatten sie wie versprochen das Eiswettessen veranstaltet und es hatten sich sogar einige andere angeschlossen. Gewinner war ein Junge gewesen, der sage und schreibe zehn Kugeln Eis hinunter bekommen hatte, bevor sein Hirn einen Gefrierschock erlitten hatte. Seine Mutter war zwar nachher alles andere als entzückt gewesen, aber da das nicht Jacks Problem gewesen war, hatte es ihn umso mehr Spaß gemacht. Emma hatte etwas Mitleid mit dem armen Jungen gehabt, aber helfen konnte sie ihm letztendlich nicht. Anschließend waren sie Pizza essen und sie schlugen sich so lange den Bauch voll, bis sie nicht mehr gehen konnten. Zum Glück mussten sie nur noch ein paar wenige Meter zurücklegen, bis sie daheim waren, da ihr Lieblingsitaliener praktischerweise in der Nachbarschaft lag. Jack half Emma noch bei ihren Hausaufgaben und fragte sich ganz nebenbei, was denn überhaupt mit diesem Jamie-Jungen wäre, doch Emma meinte nur völlig angeekelt: »Was soll schon mit dem sein? Er ist ein Junge und Jungs sind eklig!« Jack hatte nur gelacht und war stolz auf seine Schwester. Er hoffte nur, dass diese Meinung noch möglichst lange andauerte. Er war noch nicht bereit, seine kleine Emma in die Obhut eines anderen zu geben.

Um kurz nach neun Uhr hatte er Emma dann ins Bett geschickt, sich seinen eigenen Hausaufgaben gewidmet und er war gerade mit ihnen fertig, als er im Erdgeschoss die Wohnungstür hörte. Seine Mutter war von der Arbeit zurückgekommen. Kurz überlegte er, ob er zu ihr gehen und etwas mit ihr reden sollte, doch gerade, als er sich erhob, hörte er, wie sie die Badezimmertür schloss. Etwas getroffen ließ er sich wieder auf seinen Stuhl sinken. Sie war an seinem Zimmer vorbeigegangen, ohne sich die Mühe zu machen anzuklopfen. Ohne nachzusehen, ob es ihm gut ging, ob es Emma gut ging, ob er überhaupt da war. Sie ließ sich ein Bad ein, das Rauschen des Wassers hörte er bis in sein Zimmer. Auch wenn es nicht das erste Mal so war, verletzte es ihn doch auf eine gewisse Art und Weise. Klar, er war kein kleines Kind mehr, das anfing zu heulen, nur weil Mama ihm keinen Gutenachtkuss gab, und er wusste und verstand auch, dass sie einen harten Tag hinter sich hatte und dass sie Entspannung gut gebrauchen konnte. Hauptsächlich ging es auch nicht um ihn, ihm war es längst nicht so wichtig, jeden Tag seine Mutter zu sehen oder mit ihr zu sprechen. Ab und zu wäre auch schon in Ordnung, sich zu vergewissern, dass alles im Lot war, dass es keine Probleme gab. Es ging um Emma, denn Emma war noch nicht so alt, dass sie das alles als selbstverständlich hinnahm. Für sie war es wichtig, Kontakt zur Mutter zu haben. Jack konnte zwar ein super großer Bruder sein und sich wirklich um vieles kümmern, doch eine Mutter konnte er ihr nicht sein. Er konnte mit ihr nicht diese Mutter-Tochter-Gespräche führen, die sie manchmal begann, doch mit denen er nichts anfangen konnte und sich dann schlecht fühlte, weil er ihr nicht helfen konnte. Manchmal fragte er sich, ob seine Mutter überhaupt noch wusste, dass sie eine kleine Tochter hatte. Und manchmal, aber nur manchmal, da wusste er, dass seine Gedanken falsch, gemein und unfair waren. Seine Mutter tat alles, damit er und Emma ein schönes Leben haben konnten, so viel Pizza essen konnten, wie sie wollten, und so oft in die Eishalle gehen konnten, bis sie sich irgendwann etwas brachen. Aber meistens war er einfach zu stur, dachte über diese unfairen Dinge nach, dass seine Schwester das Opfer war und ihre Mutter der Täter.

Bevor er dann um kurz nach halb elf ins Bett ging, checkte er noch einmal sein Handy durch, beantwortete eine Frage von Sandy und kommentierte ein Bild, das Bunny gepostet hatte, mit seinem Humor, was Bunny natürlich nicht so witzig fand wie andere und entsprechend reagierte. Er schickte ihm ein Bild von sich selber, wie er extrem böse und angriffslustig in die Kamera starrte und Jack musste lachen. Bunny war ein schräger Vogel, aber er war froh, dass er ihn zu seinen Freunden zählen konnte. Danach war er eingeschlafen und erst durch das Klingeln des Weckers wieder aufgewacht.

Und nun saß er hier, in der vorletzten Reihe des Zimmers, mit dem Kopf auf dem Tisch und sah aus dem Fenster. Das Wetter hatte sich nicht gebessert, es war genauso neblig wie gestern schon. Nur grob konnte er den Sportplatz am anderen Ende des Schulhofes ausmachen und er meinte, sogar einige Figuren dort hin- und herspringen zu sehen. Die armen Teufel, die bei diesem Wetter draußen Sport machen mussten ... Jack liebte zwar die Kälte und es machte ihm nichts aus, barfuß durch Schnee zu laufen, aber bei dichtem Nebel draußen Sport zu machen, das war selbst für ihn ein unangenehmer Gedanke.

Um ihn herum wurde geschnattert und gelacht, doch die Themen bekam er gar nicht mit. Eigentlich interessierte es ihn auch nicht, meistens kam dabei nichts Sinnvolles heraus. Nichts, für was es sich lohnen würde, tatsächlich darauf zu achten. Hinter sich konnte er Bunny leicht schnarchen hören. Träge drehte er sich zu seinem Freund um und fand ihn wirklich schlafend vor. Er hatte seinen Kopf auf seinen Armen gebettet und seine Atmung ging ruhig und gleichmäßig. Jack gluckste. Da schlief der doch echt im Unterricht ein! Na, gut, Unterricht konnte man nicht wirklich dazu sagen, es hatte erst vor wenigen Minuten geklingelt, aber theoretisch waren sie schon mittendrin. Plötzlich war Jack wieder hellwach und sein schelmisches Ich übernahm die Kontrolle über seinen Körper.

»Bunny?« Vorsichtig stupste er seinen Freund an, der sich nicht regte. »Hey, Känguru, pennst du?« Er piekste etwas heftiger in seine Wange, doch außer ein leichtes Zucken seiner Augen passierte nichts. Tat er nur so oder schlief er wirklich? »Hey, es ist Ostern! Du willst doch nicht wirklich das Osterfest verschlafen, oder?« Als er auch darauf nicht reagierte, war sich Jack sicher, dass sein Freund tief und fest schlief. Ein spitzbübisches Grinsen breitete sich in seinem Gesicht aus. Oh, das hatte er schon viel zu lange nicht mehr gemacht! Schnell drehte er sich um und riss von seinem Schreibblock die Pappseite ab. Darauf zeichnete er so groß wie möglich zwei Hasenohren, die mit einer Art Haarreifen miteinander verbunden waren. Aus einem der Schränke, die hinten in dem Raum standen, holte er sich pinkfarbenes Papier und auf dieses malte er noch einmal die Hasenohren, klebte das auf die Pappohren, schnitt aus seinem Block noch zwei kleinere Ohren und fügte diese als Ohrinneres noch hinzu. Zufrieden betrachtete er anschließend sein Kunstwerk. Gut, ein Meisterwerk war es nicht, aber man sah, was er vorhatte. Diese Hasenohren setzte er nun seinem Kumpel auf den Kopf und er hoffte, dass sie nicht schon vorzeitig herunterfallen würden. Mit seinem Handy, welches er verbotenerweise mit sich führte, machte er noch ein schnelles Foto von Bunny und er dachte gerade darüber nach, ihm noch eine Hasennase anzumalen, als vorne im Raum die Tür aufging.

Jack ließ sein Handy in seiner Hosentasche verschwinden, zog Bunny einen Arm unter dem Kopf weg, sodass dieser endlich aufwachte und setzte sich dann aufrecht hin. Erst, als er die fremde Lehrerin sah, erinnerte er sich wieder, dass Mrs Black ja endlich mit Arbeiten aufgehört hatte wegen ihrem Baby, aber Mrs Black rückte in eine tiefe, dunkle und weit entfernte Ecke seines Gehirns, als dieses die Frau vor der Klasse ins Visier nahm. Sein Herz setzte einen Takt aus, das war etwas, was er noch nie zuvor gespürt hatte. Nicht in diesem Zusammenhang, nicht aufgrund einer ... Frau. Und diese Frau war ... Er fand keine Worte, um sie zu beschreiben. Sie war jung, wahnsinnig jung, vielleicht um die vier bis fünf Jahre älter als er selber. Wie das funktionieren sollte, dass sie in dem Alter schon Lehrerin war, fragte er sich nicht, denn ihre Ausstrahlung hatte ihn vollkommen eingenommen. Ihre Augen waren blau, soviel konnte er erkennen, und ihre Haare waren blond, aber so hell, dass sie fast weiß wirkten. Auch ihre Haut war sehr hell, aber sie wirkte nicht blass oder kränklich, im Gegenteil, die Art, wie sie vor der Klasse stand und sie mit einem kalten, unberührten Blick ansah, machte unmissverständlich klar, wer hier das Sagen hatte. Sie war eine Autoritätsperson, und das wusste sie. Sie würde kein Geheimnis daraus machen und es jeden spüren lassen. Das sah Jack ihr an.

»Guten Morgen«, sagte sie und ihre Stimme klang genauso, wie sie sich gab: kühl und distanziert. Jack konnte nicht anders als sie zu bewundern. Etwas an ihr war unglaublich, faszinierend, magisch. Sie ließ ihren Blick über die Klasse gleiten, während diese ihr Guten Morgen erwiderte, und als sich ihre Blicke trafen, zog sich eine Gänsehaut über seine Arme und es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter. Es war das erste Mal, dass er sich so seltsam fühlte. Ihre Augen glitten weiter und auch er wollte irgendwo anders hinsehen, doch seine Augen gehorchten ihm nicht mehr. Er konnte einfach nicht wegsehen. »Für die, die es noch nicht mitbekommen haben, mein Name ist Ms Winters und ab heute werde ich bei Ihnen den Mathematikunterricht leiten. Ich möchte mir kurz einen Überblick darüber verschaffen, was Sie dieses Schuljahr bereits durchgenommen haben und was noch offen steht. Hat jemand von Ihnen ordentlich geführte Notizen? Du -«, sie deutete auf Streberlinchen, die sich sofort straffte und ihre Notizen, die sie fein säuberlich in einem Ordner aufbewahrte, feierlich der neuen Lehrerin übergab. Man musste ihr wirklich ansehen, dass sie die Streberin schlechthin war. Jack wunderte es, dass sie nicht noch salutierte. Ms Winters jedenfalls schien etwas überrascht, dass Streberlinchen ihrem unausgesprochenen Wunsch sofort nachgekommen war, und nahm die Notizen dankend an.

In weniger als einer Minute hatte sie die Notizen durchgeblättert - eine Minute, in der niemand auch nur einen Mucks von sich gegeben hatte - und sie gab Streberlinchen ihren Ordner mit einem Lächeln wieder zurück. Jack musste schlucken. Wenn sie lächelte, wirkte sie noch kühler. So, als ob ihr Lächeln nicht ernst gemeint wäre, als ob es ein falsches wäre. Es machte ihr schmales und feines Gesicht dadurch nicht freundlicher oder heller. Eine Emotion, die so falsch wirkte, als wäre sie erzwungen. Ms Winters war eine eigenartige Person, das konnte er nicht leugnen, aber sie war gleichermaßen faszinierend. Er wusste nicht, ob er sie mochte oder nicht. Noch konnte er sich kein Bild von ihr machen. Aber eine Sache war ihm völlig klar: Mathe war noch nie in seinem Leben so furchtbar sexy gewesen.

Ms Winters kehrte zu ihrem Pult zurück und holte ein Mathebuch aus ihrer schwarzen Aktentasche. Sie blätterte vor, bis sie die Seite gefunden hatte, die sie suchte, und schrieb dann in einer schönen, geschwungenen Schrift das neue Thema an die Tafel. Darunter schrieb sie eine Beispielaufgabe an und malte freihändig ein Dreieck daneben.

»So«, meinte sie, während sie ihre Hände vom Kreidestaub befreite. Jack fiel auf, dass sie dicke, purpurne Handschuhe trug. War sie ein Sauberkeitsfanatiker? »Wer kann mir sagen, wie lang die Strecke AB ist?«

Keiner schien wirklich erpicht darauf, sich mit solchem Quatsch schon am frühen Morgen zu beschäftigen. Es war nicht so, dass sie alle vollkommene Nieten in Mathe waren, jeder hier war wirklich gut in diesem Fach, die schlechteste Note, die jemals einer von ihnen bekommen hatte, war ein B gewesen. So früh am Morgen war nur noch keiner bereit, sich vorne an der Tafel dem Fraß einer neuen Lehrerin vorzuwerfen.

»Mit so vielen Freiwilligen habe ich gar nicht gerechnet«, kommentierte Ms Winters sarkastisch und setzte sich halb auf ihr Lehrerpult. Mit vor der Brust verschränkten Armen sah sie einen Schüler nach dem anderen an. Es war schließlich das Streberlinchen, welches sich meldete, aber nicht, um die Aufgabe an der Tafel zu lösen, sondern um der neuen Lehrerin auf den Zahn zu fühlen.

»Wie alt sind Sie?«, fragte sie unverblümt und auch, wenn Jack ihr Gesicht nicht sehen konnte, wusste er, dass sie die Lehrerin wohl hochnäsig hinter ihrer Brille hervor ansah. Ms Winters jedenfalls sah sie ohne jegliche Emotion an. Sie verzog nicht einmal das Gesicht in irgendeiner Weise, die verraten hätte, ob sie solche Fragen beantworten würde. Streberlinchen sprach weiter, da es den Anschein hatte, als würde die Lehrerin nicht antworten. »Sie sehen ziemlich jung für eine Mathelehrerin aus. Wie geht das, sind Sie irgendwie hyperintelligent und haben zehn Klassen übersprungen oder wie hat das funktioniert? Sind Sie freiwillig auf diesen Beruf gekommen, denn Sie scheinen sich ja nicht gerade wohl zu fühlen. Also mein Traumberuf ist ja nach wie vor Ärztin, ich werde nach der High School auf eine Elite-Uni gehen, und wenn ich damit fertig bin, bin ich mindestens 25, aber dann bin ich ja noch lange keine Ärztin, da fehlen mir noch viele, viele, viele Jahre an-« Sie wurde unterbrochen.

»Wie ist Ihr Name?« Ms Winters saß noch immer auf dem Lehrerpult und hatte noch immer keine Miene verzogen. Jack an ihrer Stelle wäre schon längst in die Luft gegangen und hätte diese blöde Schnattertante sonst wohin geschickt.

»Liz Taylor, Ms Winters. Also, wie ich bereits sagte-«, doch sie wurde wieder unterbrochen.

»Ms Taylor, wenn Sie so nett wären und mir einen Tischplan anfertigen würden, mit Vor- und Nachnamen aller Schüler, dann wäre ich Ihnen wirklich sehr verbunden.«

»Woher kommen Sie? Ihr Akzent ist wirklich sehr eigenartig und vom Typ her scheinen sie ja aus einer kälteren Region zu kommen, ich mag die Kälte ja nicht so, weil ich im Sommer Geburtstag habe und da fühl ich mich einfach viel wohler, wenn-«

»Ms Taylor!« Ms Winters hatte kaum die Stimme erhoben, doch Streberlinchen hörte trotzdem sofort auf zu reden. Sie begann einen Tischplan anzufertigen und ab und zu musste sie jemanden fragen, wie er denn mit vollem Namen hieß. Bei Mrs Black waren sie immerzu mit dem Vornamen angesprochen worden, manche sogar mit ihrem Spitznamen, sodass es nicht verwunderlich war, wenn selbst Streberlinchen nicht die vollen Namen mancher Schüler kannte.

Da die Frage der Rechnung an der Tafel noch nicht geklärt war, sah die Lehrerin nun wieder auffordernd in die Reihen der müden Gesichter. »Wenn sich keiner freiwillig meldet, muss ich mir eben einen herauspicken. Damit habe ich auch kein Problem.«

Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin sahen nun alle Schüler irgendwo hin, nur nicht zur Lehrerin, als ob das irgendetwas bringen würde. Alle, bis auf Jack, der nicht wegsehen wollte. Er wollte sie so lange ansehen, bis sich ihr Gesicht in seinen Kopf gebrannt hatte, bis er jede Einzelheit auswendig kannte. Warum saß er nur so weit von ihr weg? Warum hatte er sich einen Platz in der vorletzten Reihe ausgesucht? Nun ärgerte er sich über seine Platzwahl. Obwohl, wenn er weiter vorne saß, würde ihr vielleicht irgendwann auffallen, dass er mehr auf sie achtete als auf ihren Unterricht, da war sein hinterer Platz vielleicht doch ganz praktisch. Aber er wollte sie aus der Nähe sehen, wenigstens einmal, also meldete er sich. Ihre Augen sahen sofort zu ihm. Sie setzte zum Sprechen an, bis ihr anscheinend einfiel, dass sie seinen Namen noch nicht kannte, also kam er ihr zuvor.

»Jack Overland, Ms Winters. Ich würde gerne die Aufgabe lösen.«

Sie nickte. »Danke, Mr Overland. Bitte, die Bühne gehört Ihnen.«

Er erhob sich und konnte den stechenden Blick von Bunny fühlen. Ja, das war wohl das erste Mal in seinem Leben, dass er freiwillig an die Tafel ging. Sonst erhob er sich nur, wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ und die Lehrer darauf bestanden. Auch wenn er meistens die Antworten zu den Fragen an der Tafel kannte, vermied er es doch, so gut es ging, nach vorne zu gehen. Doch nun war der große Tag gekommen und er trat zum ersten Mal an die Tafel, ohne dass ihn jemand dazu zwingen musste. Aber auch, wenn er es freiwillig tat, er kam sich vor, als liefe er seiner Hinrichtung entgegen. Alle sahen ihn an. Und alle würden ihn sofort zerfleischen, sollte er einen Fehler machen. Zum Glück machte ein Jack Overland keine Fehler. Oder er gab sie nicht zu. Wie auch immer man es sehen wollte.

Die ganze Zeit über hatte er seinen Blick auf der Lehrerin gelassen, die seinen Blick kühl erwiderte. Doch je näher er kam, desto mehr hatte er das Gefühl, dass ihr Blick gar nicht so kühl war, wie es den Anschein hatte. Das Gefühl wuchs mit jedem Meter, den er ihr näher kam, und als er schließlich direkt neben ihr stand, so nah, dass er sogar kleine, weiße Punkte in ihren strahlenden, blauen Augen erkennen konnte, merkte er, dass sie ihn aufmunternd ansah, vielleicht ein bisschen interessiert musterte. Ihr Mund war zu einem leichten, wirklich leichten Lächeln verzogen und er musste sich regelrecht dazu zwingen, zur Tafel weiter zu gehen. Er hätte ihr stundenlang ins Gesicht sehen können.

Direkt vor der Tafel, so nah, dass seine Nase sie fast berührte, war der Zauber zum Glück ein wenig verflogen. Zwar sah er aus den Augenwinkeln, dass sie ihn ganz genau beobachtete, aber er versuchte nicht daran zu denken. Er nahm die Kreide in die Hand und wollte gerade zum ersten Schritt ansetzen, als er hinter sich plötzlich lautes Gelächter hörte. Er drehte sich sofort um und sah Streberlinchen, wie sie bei Bunny stand und ihn lauthals auslachte. Auch die anderen Schüler stimmten schnell in ihr Lachen ein, als sie die selbstgebastelten Hasenohren auf seinem Kopf sahen. Bunny, der es nicht sofort verstand, sah etwas ratlos durch die Gegend und wurde zunehmend zornig, bis Streberlinchen ihm die Ohren vom Kopf riss. Ungläubig starrte Bunny auf das Werk und sekundenspäter schoss sein Kopf hoch und er tötete Jack mit seinen Blicken. Der konnte nicht anders als ebenfalls lauthals loszulachen und er schenkte seinem Freund sein typisches, spitzbübisches Grinsen. Selber Schuld, dachte er nur. Dafür würde er sich nachher etwas anhören müssen. Die allgemeine Ablenkung nutzend sah Jack noch einmal zu Ms Winters. Auch sie hatte ihren Blick Bunny zugewandt und auch sie hatte eindeutig ein Schmunzeln im Gesicht, welches sie mit ihrer Hand halbwegs versteckte. Sogar die Augen hatte sie etwas mehr geschlossen und es hatte wirklich den Anschein, als würde es sie amüsieren.

Jetzt kam er auch dazu, ihr Aussehen näher zu erkunden. Ihre Haare waren zu einem ordentlichen Dutt am Hinterkopf befestigt. Sie hatte bestimmt lange Haare. Sie trug einen dunklen, roten Pullover und eine helle Jeans, die ihre schlanken Beine betonte. An den Füßen trug sie normale, einfache schwarze Pumps. Keine Frage, diese Frau war wirklich eine Augenweide.

Ms Winters hatte sich schnell wieder gefangen und brachte die Klasse zur Ruhe und wies Streberlinchen an, etwas schneller zu arbeiten. Dann sah sie wieder zu Jack, der seinen Blick eine Spur zu spät wieder abwandte. Es musste ihr bestimmt unangenehm sein, wenn er sie so anstarrte.

Jack löste die Aufgabe an der Tafel richtig, nachdem er an einigen Stellen gehangen hatte und Hilfe von einigen aus der Klasse bekommen hatte. »Sehr gut, Mr Overland.« Ms Winters lächelte und Jack schwebte. »Das war wirklich keine leichte Aufgabe, das gebe ich zu. Sehr gut gelöst. Sie dürfen Platz nehmen.«

Jack grinste von einem Ohr zum anderen und feierte innerlich seinen Erfolg. Das war doch ein super Start! Eine Lehrerin, die ihn faszinierte, hatte eine positive Einstellung ihm gegenüber. Das war wirklich eine tolle Tatsache und beschwingt machte sich Jack auf den Weg zu seinem Platz. Ganz egal, was die anderen dachten, er mochte sie und er würde sich nun wohl etwas mehr im Unterricht betätigen, um seinen guten Eindruck bei ihr zu behalten. Doch Ms Winters stellte eine Frage, die seinen Eindruck von ihr etwas verschlechterte.

»Mr Overland? Wo sind Ihre Schuhe?«

Wie vom Blitz getroffen blieb er mitten im Weg stehen und drehte sich langsam zu ihr um. Wenn jetzt das In meinem Unterricht werden Schuhe getragen!-Gespräch kam, dann konnte er für nichts garantieren. Das Thema Schuhe in der Schule war ein ganz heikles Thema.

»Zuhause«, antwortete er trocken. Er wusste, dass es jetzt kommen würde. Er spürte solche Gespräche schon, bevor sie überhaupt angefangen hatten.

»Zuhause?«, wiederholte Ms Winters. »Sie wissen aber schon, dass in den Schulregeln ausdrücklich verlangt wird, dass jeder Schüler mit Schuhen das Schulgebäude zu betreten hat?«

»Ja, das weiß ich. Bin ja schon ein paar Jährchen hier.« Jetzt kam es. Er sah es ihr an.

»Mr Overland.« Ihr Ton veränderte sich und nun wirkte sie wirklich kalt und absolut autoritär. Aber er würde nicht nachgeben. Auch nicht bei ihr. »Mag sein, dass meine liebe Vorgängerin so einen Regelverstoß als einen solchen nicht ansieht, aber in meinem Unterricht, in meinem Klassenraum, erwarte ich von meinen Schülern die absolute Einhaltung dieser Regeln! Also, ziehen Sie sich gefälligst ihre Schuhe an, sonst verweise ich Sie des Unterrichts.«

Jack verschränkte die Arme vor der Brust. Wie oft hatte er nun schon dieses Gespräch geführt? Mit wohl jedem Lehrer, den er jemals hatte. Er kannte es fast auswendig. »Das kann nur der Rektor.« Jack gab sich unbeeindruckt. Aber er malte sich aus, wie sie wohl aussah, wenn sie sich verlor, wenn sie die Kontrolle über sich verlor. Sie war so beherrscht und distanziert, dass es ihn schon ein wenig reizte, seine und ihre Grenzen auszutesten. »Dieses Gespräch hatte ich schon so oft, Ms Winters. Nichts, was sie mir erzählen, ist neu.«

Ein Schatten zog sich über das schöne Gesicht der Lehrerin. Sie wurde langsam wütend. Seht gut. »Mr Overland, ich will es nicht noch ein drittes Mal sagen! Sie ziehen Ihre Schuhe an, wenn sie meinen Unterrichtsraum betreten, sonst sehe ich mich gezwungen, den Rektor darüber zu informieren!«

Jack zuckte nur mit den Schultern und zupfte sich einen Fussel vom Ärmel seines Pullovers.

»Mr Overland!« Auch wenn sie wirklich wütend war, so klang sein Name aus ihrem Mund doch irgendwie verlockend. Sie war wohl kurz davor wirklich auszuticken. »Ich warne Sie, Sie sollten es sich nicht mit mir verscherzen! Immerhin steht Ihr Abschluss hier auf dem Spiel und nicht meiner.«

Nun war es an Jack wütend zu werden. Das war nicht fair! Sie konnte seine Noten nicht ändern, nur weil er ein oder zwei Regeln nicht befolgen wollte! Und sie durfte ihn auch nicht anders behandeln als alle anderen und mit seinem Abschluss drohen. Das ging gegen die Regeln!

»Also?« Auffordernd und wütend zur gleichen Zeit sah Ms Winters ihn an und Jack starrte zurück.

»Ich ziehe keine Schuhe an.«

Ms Winters stand von ihrem Pult auf und kam einen Schritt auf ihn zu. Sie schien sich noch immer zurückzuhalten, auch wenn er ihr ansah, dass sie gleich explodieren wollte.

»Das reicht jetzt.« Ihre Stimme hatte schon wieder einen ganz anderen Ton, nun sprach sie leise, gefährlich leise. Sie war wirklich wütend. Aber Jack wich nicht zurück, sondern nahm Haltung an. Ha. Er war größer als sie. »Nachsitzen. Samstagfrüh. Ich werde den Rektor davon in Kenntnis setzen. Das geht so nicht.« Jack hoffte sich verhört zu haben, doch er befürchtete, dass sie das völlig ernst meinte. Keine Schuhe zu tragen, war die eine Sache, das konnte er sich erlauben, aber er konnte kein Nachsitzen ignorieren. Das könnte ihn wirklich den Abschluss kosten. »Und jetzt setzen Sie sich!«, fauchte sie noch und drehte sich an um, um die Tafel zu säubern.

Auch Jack drehte sich um und er war etwas genervt von der ganzen Sache. Bunny sah ihn kopfschüttelnd an und auch die anderen warfen ihm Blicke voller Unverständnis zu. Ohne einen Kommentar ließ er sich auf seinen Platz nieder und starrte für den Rest der Stunde aus dem Fenster. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet und er konnte sogar den Umriss der Sonne sehen. All das Positive, was er vorher noch an der Lehrerin gesehen hatte, war nun vergessen. Nun war sie genauso nervig wie alle anderen und genauso spießig. Beleidigt starrte er vor sich hin und hoffte, dass dieser scheiß Tag endlich vorbei ging.