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Kapitel 4 – Beetee

Haymitch ist schnell darin mir zu versichern, dass die Wahrscheinlichkeit immer noch recht niedrig ist. Ich würde sagen die Überlebensrate liegt bei 6 % bei diesen gegebenen Bedingungen. Die statistische Wahrscheinlichkeit der Hunger Games ordnet Frauen in die untere Kategorie, weswegen dieser Fetus in die niedrigste Kategorie der Überlebenschancen einzuordnen ist.

Ich war immer gut mit meinen Händen, schnell auf meinen Füßen und fähig alles in ein Werkzeug umzuwandeln. Es ist eine meiner Stärken und der Grund warum ich meine Spiele gewonnen habe. Aber seitdem wurde ich nur immer tiefer in das Netzwerk des Capitols gezwungen. Gezwungen sich Ideen auszudenken, die gegen jeden Instinkt bezüglich dem technologischen Fortschritt gehen, den ich besitze. Es ist eine ethische Frage, die ich nicht ausblocken kann – eine, die sich eindeutig dabei erweitert, ob man das Mädchen in ihrem Zustand zurück in die Arena schicken kann.

Ich fühle wie meine Finger auf der Tastatur zucken und jeder Anschlag nimmt meine Gedanken schneller auf als der letzte. Sie sind schnell und flink über den Tasten, ziehen heraus die letzten Absichten, was mit meiner Familie passieren soll, wenn ich den Kampf in dieser Arena nicht überlebe.

Ich weiß, da ist ein Plan bereit, einen der uns alle sicher herausholen soll und hinein in einen Krieg epischer Ausmaße, aber es bleibt trotzdem das Logischste, dass ich meine Finanzen und Besitztümersortiere für die, welche überleben werden, wenn die Rebellion scheitert.

Zumindest, sollte sie scheitern, haben sie genug Reserven um für einige Jahre zu überlegen. Und ein Haus zum Leben, welches frei ist vom aufwändig gestalteten Spionagespielzeug des Capitols.

Oh, ich vermisse mein Bett. Ich knack mit meinen alternden Knöcheln und höre wie die Teile meiner Hände sich zusammenraufen.

Als ich schließlich den letzten, zurückgebliebenen katalogisierten Gegenstand in meinem Haushalt jemanden zugeordnet habe, schließe ich den Deckel des Laptops, packe ihn in die Tasche und lege ihn schließlich neben meinen Bett ab. Niemals bin ich irgendwo hingegangen ohne diese Maschine in der Nähe zu haben. Zumindest bis morgen.

-*-*-oOo-*-*-

Ich habe noch nie eine Arena wie diese gesehen. Ich stehe auf meiner Plattform, das Wasser leckt an meinen Füßen als ich über die Weite starre und ich sehe wie Wiress Panik bekommt. Ich weiß nicht, wo meine Verbündeten sind, aber sie werden ihr hoffentlich schnell helfen oder das Glück wird sie verlassen. Alles was sie braucht ist an Land zu kommen – den Rest werden wir schaffen.

Ohne eine Minute zu warten, tauche ich in das Wasser und lerne das Gerät zum Treiben an meinen Hüften zu nutzen um meinen Körper in Richtung des Füllhorns zu bringen. Ich bin langsamer dort als der Rest, aber schnell genug um das Glitzern von einer Drahtspule zu sehen, von der ich weiß, dass sie wegen mir dort hingelegt wurde.

Ich kämpfe mich mit meinem schwachen Körper auf die Plattform, rolle und krieche in den Mund des Biestes, greife sie mir und wende mich ab um mich in Richtung Wiress Plattform zu verschwinden. Ich werde nicht fähig sein ihr viel zu helfen, aber ich kann sie beruhigen bis jemand kommt.

Jedoch kommt Johanna vor mir dort an und zieht sie von dem Metallring in Richtung Ufer. Ich versuche an Geschwindigkeit zuzunehmen mit meiner Hand schwer durch die Spule.

„Wo sind die anderen?", rufe ich Johanna zu, ziehe meinen Körper auf die Sicherheit des Sandes und robbe in Richtung einer stillen Wiress. Sie ist wieder verschwunden und ist tief in einer dieser Phasen, die so oft erneut auftauchen seit ihren Spielen.

Sie und ich, beide Sieger von Distrikt 3, haben die magere Wahrscheinlichkeit zu gewinnen schon viel zu lange bewiesen. Obwohl ich meine Probleme habe, ist sie so viel schlimmer dran, wann immer wir zurück ins Capitol gerufen werden und ihre Reaktion wieder in die Spiele zurückgebracht zu werden, ist keine Überraschung.

Keine von uns wollte gehen, aber wir hatten keine Wahl.

Johanna taucht wieder von ihrem Verschwinden in den Bäumen auf und ihr dünner Körper erinnert an die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit unserer ungeschützten Lage. Wir müssen die anderen finden. Ich wiederhole meine frühere Frage und bohre nach bis sie mir mehr als Stille gibt.

Ich erhalte eine Antwort durch Wiress wirres Gerede, die sich anscheinend in ihrem eigenen Verstand verloren hat.

„Ich sehe sie nicht. Wir müssen sie aufspüren", erwidert Johanna, aber ich bin zu beschäftigt mit meinen Händen Wiress Haare aus ihrem Gesicht zu streichen als das ich dies höre.

„Mach dir keine Sorgen, wir finden sie und sie werden in Ordnung sein", beruhige ich sie. Ich wünschte, ich könnte sie zurückholen, aber ich war niemals ein Flüsterer des Verstandes. Meine Worte wurden aufgehoben für Codes und Verbindungen.

Ohne Warnung macht sich Johanna auf den Weg in die Bäume. Ich kämpfe damit Wiress zum Bewegen zu bringen und folge ihr in das dichte Unterholz. Ich weiß, dass dies der Plan ist – dass alles bisher richtig vonstatten ging – aber ich kann nicht anders als die Unfähigkeit dieser Frau sich um andere zu kümmern überdrüssig zu werden.

Ich mache mir nicht die Mühe dies auszusprechen. Ich kenne Johanna lange genug um zu wissen, dass jedes Wort um ihr Verhalten zu verurteilen durch ihre Sturheit verschwendet ist. Stattdessen drängen wir nach vorne und mein Körper unterstützt und zieht meine Partnerin neben mir her.

Die Wanderung nutzt nur einen Teil meines Gehirns, sodass der andere Teil sich schnell mit den Optionen, wie man die Arena nutzen könnte, ablenkt. Während ich weiß, dass es eine Komponente gibt, die ich nicht besitze und welche die anderen Spielemacher hinzugefügt haben ohne das dies bemerkt wird, bereite ich auch einen Plan vor wie man entkommen kann.

Ich sehe mich um und fange an meine Umgebung wahrzunehmen. Dichte Bäume, abgestumpfte Luft und Berge auf allen Seiten. Nichts in dieser Arena ist irgendwie einfach. Ich versuche es nicht zu denken, aber die Wahrscheinlichkeit eines Fötus den Stress dieser Atmosphäre zu überleben, insbesondere in einem Körper, der dies nicht gewöhnt ist, sinkt deutlich.

Ich sollte nicht so denken. Ich kann nicht anders. So bin ich verkabelt.

Wir scheinen Stunden oder gar Tage zu gehen und die ansteigende Neigung unseres Aufstieges lässt meine alten Muskeln brennen und die Erschöpfung schneller einsetzen.

Es ist kurz bevor ich zusammenbreche, als ich es höre, die brüllende Welle einer roten Flüssigkeit, die vom Himmel auf uns niederstürzt.

Mein Herz stoppt und ich greife fester nach Wiress Hand als Johanna sich umdreht und in unsere Richtung stürzt. Sie greift Wiress freie Hand und zieht uns weg von der niederkommenden Flüssigkeit, durch die Bäume und zurück zum Strand. Wir sind jedoch nicht schnell genug und es fällt dickflüssig auf uns nieder und umhüllt unsere Haut.

Als wir den Strand erreichen, versuche ich nicht hochzusehen. Wir rennen bis der Regen aufhört und wir befreien uns davon wie von einem geschlossenen Vorhang. Zwischen uns hin und her sehend, stoppt mein Herz bei diesem Anblick.

Wir sind vollkommen bedeckt.

Wiress schreit.

Alles geht drunter und drüber.

Es braucht ein wenig Drängen, aber Johanna schafft es, dass wir weitergehen, dieses Mal runter zum Strand. Die frühere Welle aus Flüssigkeit scheint nichts mehr als eine Beeinflussung unseres Geistes zu sein und soll uns tief im Inneren treffen. Beinahe als wüssten sie, dass es uns über die Klippe stoßen würde.

Und dies hat es getan. Mit jedem Schritt wird Wiress Stimme panischer und nervöser und ihre Worte kommen in schnellen Abschnitten, die ich zur Hälfte entziffern kann. Ich kann sehen wie die Spannung in Johannas Schultern anwächst und bald wird sie ausrasten. Ich kann nur hoffen, dass es nicht mit Gewalt passieren wird, jedoch bin ich mir nicht sicher.

Ich hoffe nur, sie erinnert sich an ihre Rolle, hier, in dieser Arena.

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Der Kontakt mit dem Rest der Gruppe gleicht die Spannung etwas aus. Johanna hat sich merklich beruhigt, nun, da wir Finnick gefunden haben, für was ich dankbar bin, aber der Anblick von Katniss und ihrer blassen Haut lässt mich besorgt in die Innenseite meiner Wange beißen.

Die Chancen sind zu gering. Ich sage nichts.

Als sie herüberkommt um dabei zu helfen sich um Wiress zu kümmern, bin ich überrascht über die Toleranz und den Respekt, den sie zeigt. Kein einziges Mal bezeichnet sie sie als ‚Verrückte', ihren verhassten Spitznamen, oder behandelt sie als etwas anderes als einen Menschen.

Ich wünschte, ich könnte es ihr sagen. Sie vor den Zeichen retten, die sie wahrscheinlich erwarten. Aber ich tue es nicht. Ich weiß es besser. Vielleicht werden wir so schneller zum Ende kommen.

Ich bin fähig mich für einen Moment der Ruhe von Wiress zu trennen und mich intensiver auf den Draht zu konzentrieren. Es ist ein fantastischer Leiter, einer entwickelt aus drei anderen. Irgendwann in den letzten paar Stunden erinnere ich mich einen Blitz gesehen zu haben, der in die Arena nieder gerast war.

„Volts…" Die Teile fangen an zusammenzupassen als ich meinen Plan durchdenke. Wenn ich weiß, welcher Baum getroffen wird, kann ich den Strom erfassen, ihn durch das Wasser leiten und das Füllhorn explodieren lassen. Das sollte die Bomben in den Plattformen zur Reaktion zwingen, was vielleicht genug ist um die Wände zu knacken.

Wenn nicht, wird es zumindest genug von uns töten, vielleicht sogar diese kranke Frau aus Enobaria, dass es einfacher sein wird dies auf altmodische Art zu erledigen.

Ich bin froh, dass ich mein Testament geschrieben habe.

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Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass Katniss verschwunden war. Ich war schon zu sehr in meinen Plan involviert und für dem Kampf fit zu bleiben, während ich versuche Wiress Tod zu verdrängen. Ihre offene Kehle, ihr blutiges Lächeln.

Es lässt mir das Blut in den Adern gefrieren.

Ich höre die Gruppe um mich herum schreien und ein jeder von ihnen strömt in eine andere Richtung aus. Es ist eine schlechte Idee – es verringert unsere Chancen. Ich sage jedoch nichts. Ich weiß, sie werden sie bald genug finden - sie ist wahrscheinlich nicht weit gegangen. Sie konnte nicht, nicht so wie sie aussah, als sie versucht hatte zu jagen.

Ich widme mich wieder dem vorgestellten Szenario, dass in meinem Kopf läuft. Nach meinen Berechnungen wird das Uhrensystem funktionieren – sollten wir die Zeit nutzen. Ich blicke auf und sehe Finnick und Peeta das Wasser umkreisen. Gut.

Ich werde durch Johanna aus meinen Gedanken gerissen, die von ihrer Suche auf der anderen Seite des Strandes zurückkehrt. Wenn alles so ist, wie ich es glaube, werden die nächsten Augenblicke schrecklich genug für Katniss sein, auch ohne die zusätzliche Grausamkeit von unnutzen Worten.

„Johanna, vielleicht ist es am Besten, wenn du in den nächsten paar Augenblicken denkst, bevor du sprichst." Ich erhalte einen wütenden Blick für meinen Gedanken.

Als Peeta rennend aus dem Wasser kommt, ist er so schnell wieder verschwunden, dass Johanna keine Zeit hatte irgendwelche Fragen zu stellen. Ich bleibe sitzen und beobachte wie sie näher kommen. Das Mädchen ist bleich. Null Prozent.

Ich will nicht mehr hier sein. Nicht, dass ich es jemals wollte. Aber jetzt möchte ich noch mehr den Grenzen dieser Arena entkommen und diesen endlosen Qualen, die sie uns zufügen. Dieses Mädchen verdient es nicht. Nichts davon. Sie verdiente es zu leben und zu gedeihen, wie sie es versprochen hatten.

Ich stehe auf als sie sie zu Boden legen und Finnick legt sorgfältig Palmenblätter über ihren Oberkörper. Es ist klug, aber nur eine Verzögerung. Peeta wird es früh genug erkennen.

Er verdient dies ebenfalls nicht.

Ich trete hervor aus den Bäumen, ignoriere das Geschrei von Johanna und den erwidernden Schrei von Finnick. Ihre Stimmen werden lauter und immer energischer bis ich sehe wie es zu Handgreiflichkeiten kommt. Ich kann es nicht mehr ertragen. Wir wenden uns gegeneinander.

„Werdet ihr euch alle mal beruhigen?" Ich sehe Finnick und Johanna in ihren Bewegungen aufeinander zu innehalten. Sie kennen sich seit Jahren und doch habe ich sie noch nie so gesehen. Mein Blick wandert dorthin, wo Peeta auf dem Boden neben Katniss liegt.

Er wird es bald wissen.

Ich wende mich wieder den beiden Siegern vor mir zu und flüstere eindringlich: „Ich habe einen Plan."

Ich bin mitten in den Details, als wir hören wie der vorläufige Frieden bricht, und das leise Geräusch der Qual zu uns über dem Strand hallt. Finnick bietet seine Hilfe an, aber es bringt nichts. Keiner von uns kann jetzt helfen.

Stattdessen warten wir und legen die Details des Planes nieder, den ich erschaffen habe um die Arena durch sich selbst zu zerstören. Nach einer Weile bereitet Finnick das Abendessen vor und ruft uns alle zurück um zu essen. Wir sehen das Leid, aber wir schieben es weg und ignorieren es wie die Sieger es lernen zu tun.

Die Wahrscheinlichkeit des Versagens ist unwahrscheinlich hoch, egal wie sehr die anderen sich den Erfolg wünschen. Ich habe dieser Hoffnung noch nicht vollkommen nachgegeben.

Manchmal kann ich nicht anders, als es zu hassen die Chancen zu berechen. Sie sind selten in unseren Gunsten und wenn sie es sind… Nun, es ist gewöhnlich nicht genug.

Ende Kapitel 4