3. Scrooge
„When a cold wind blows it chills you, chills you to the bone.
But there's nothing in nature that freezes your heart like years of being alone.
It paints you with indifference like a lady paints with rouge.
And the worst of the worst, the most hated and cursed
is the one that we call Scrooge."
A Christmas Carol
Snape hatte noch nicht gesprochen. Die Standuhr hinter ihm tickte nahezu unerträglich laut und bedeutete ihr gleichzeitig, dass die Zeit nicht stand. Und früher oder später würde er sprechen.
Snapes Patronus, die Hirschkuh, war vorhin wie eine weiße Erscheinung zu ihnen über das nasse Gelände galoppiert, mit der Botschaft des Schulleiters, ihn sofort in seinem Büro aufzusuchen.
Sie war zu spät, denn sie hatte Harry mit dem Levikorpus in den Krankenflügel gebracht, wo sie fünf Minuten mit Madame Pomfrey diskutiert hatte, die sich nicht damit zufrieden hatte geben wollen, dass Harry vom Besen gefallen war. Letztendlich hatte Madame Pomfrey aber aufgeben müssen, denn Hermine hatte ihr keine andere Geschichte angeboten und Harry hatte Hilfe gebraucht. Die ganze Zeit über war Hermine den Tränen nahe, auch jetzt.
Sie war verschwunden und hatte im Rennen den Trockenzauber auf ihre klatschnassen Sachen angewandt, allerdings hatte er das Blut von ihren Händen nicht entfernen können. Sie hatte Harry vor dem Schwebezauber noch knapp auf Knochenbrüche untersucht, und der Regen hatte sich mit seinem Blut vermischt. Das Gefühl nach dem Trockenzauber war ein unangenehmes. Die Sachen waren zwar sofort trocken, aber sie waren faltig und fühlten sich unangenehm an, so wie ihre Haare sich unangenehm anfühlten, genauso als wenn sie sie mit Regenwasser gewaschen hätte und sie anschließend getrocknet wären.
Trockenzauber hatten sie auf der Flucht nur behelfsmäßig ausführen müssen, wenn es keine Dusche gab. Und es hatte monatelang keine Dusche gegeben. Sie hatten sich in den Bächen gewaschen, an eisigen Seen, und ihre Gedanken drifteten kurz ab. Jetzt fühlte sie sich tatsächlich fast genauso furchtbar. Wenn nicht noch schlimmer, denn jetzt war sie nicht mehr an Harrys Seite. Jetzt hatte sie Harry verflucht.
„Setzen Sie sich", gebot Snape ihr mit eisiger Kontenance, denn bisher hatte sie nur nutzlos im Raum gestanden. Sie schritt zu dem zweiten Stuhl vor seinem Schreibtisch, an dem sein hölzerner Stock lehnte, den er seit Kriegsende benötigte. Der Schlangenbiss von Nagini hatte sein linkes Bein komplett gelähmt. So hörte man auch Snape besser auf den Gängen, wenn er sich näherte und sich bei jedem zweiten Schritt unheilschwanger auf seinen Stock stützen musste. Auf dem anderen Stuhl saß Malfoy, der das Blut aus seinem Gesicht bereits grob entfernt hatte. Auch bei ihm sah sie, dass der Trockenzauber eben nur getrocknet hatte. Nicht gebügelt und gestärkt. Faltig hingen seine Sportsachen an ihm.
„Mr. Malfoy berichtete mir, dass Sie den Zauber ausgeführt haben", fuhr Snape tatsächlich überrascht fort. Milde Entrüstung zeichnete seine Züge, denn sie war bisher noch nie schuld daran gewesen, dass die Schulsprecher ins Büro des Schulleiters zitiert worden waren.
Sanftes Donnergrollen ertönte von draußen. Der Regen hatte passenderweise wieder eingesetzt und drückte die Stimmung um noch einiges mehr. Ein Blitz zuckte entfernt vor dem Fenster, weit hinter den Wäldern. Ach, Hermine wünschte sich fast, lieber dort zu sein als hier. Eher wollte sie vom Blitz getroffen werden, als von Snapes anklagendem Blick.
Die Gerätschaften, die einst Dumbledore gehört hatten, surrten leise auf den Regalen und Tischen um sie herum. Snape hatte sie nie entfernt. Sie vermisste Dumbledore manchmal sehr, auch wenn sein Portrait in ihrem Rücken hing. Aber Dumbledore schlief die meiste Zeit im Rahmen, oder er tat nur so, als ob. Das Büro hatte nun etwas sehr Distanziertes an sich. Snape fühlte sich so weit oben bestimmt genauso unwohl, wie Hermine sich fühlte. Snape passte tatsächlich besser in die Keller des Schlosses, so düster, wie er sich kleidete, so dunkel, wie seine Stimmung ständig war.
„Ja, Sir", gestand sie, denn was half es ihr, es abzustreiten? Die Uhr schlug mit einem hellen Glockenklang halb. Alle anderen dürften mit dem Essen längst fertig und in den Gemeinschaftsräumen sein. Da wäre sie jetzt auch gerne.
„Wo ist Mr. Potter?", fragte Snape jetzt direkt, und Hermine atmete langsam aus.
„Ich… ich habe ihn in den Krankenflügel gebracht, denn… denn er war bewusstlos", erwiderte sie kleinlaut, und die Worte lösten eine schmerzhafte Bestürzung in ihrem Innern aus. Denn das war er wegen ihr. Und Snape seufzte schwer. Immerhin konnte er Harry so nicht direkt anschreien. Dann wandte er sich nach einer weiteren Weile der unangenehmen, geladenen Stille, welche nur durch das stete Ticken der Uhr verschlimmert wurde, an Malfoy.
„Sagen Sie es mir", schien er ihn letztendlich herauszufordern. „Sagen Sie mir, was ich tun soll", wiederholte er, aber es klang nicht wie eine ernstgemeinte Aufforderung. Malfoy schwieg beharrlich. Jedes Wort wäre jetzt tödlich, Hermine wusste es. „Für was halten Sie mich?!", donnerte Snapes Stimme jetzt durch das kreisförmige Büro, so dass Hermine vor Schreck zusammenzuckte. Sie hob den Blick ängstlich zu Snapes zornigem Gesicht. „Wie können Sie es wagen, einen Schüler in den Krankenflügel zu prügeln?", schrie er außer sich. Malfoys Mund öffnete sich, aber Snape unterbrach ihn. „Und es ist mir egal, wer angefangen hat!", schloss er grollend. „Es ist mir egal, welche testosterongesteuerte Kleinigkeit mal wieder dazu geführt hat, dass Sie und Mr. Potter aneinander geraten!"
Hermine hatte Snape noch nie so viel schreien gehört – und er trug seinen Unmut sonst auch nicht unbedingt sparsam zur Schau, wenn ihm etwas missfiel. Sie spürte die Tränen schon in ihren Augen brennen, als er sich ihr zuwandte.
„Und Sie!", fuhr er sie jetzt, nicht minder böse, an, während ein tiefer Donner das Schlossgeländer erschütterte. „Sie verfluchen einen Schüler in die Bewusstlosigkeit?" Sie biss sich auf die Lippe, damit sie nicht weinen würde. „Was habe ich hier? Die Schulsprecher von Hogwarts oder die Untergrund-Schlägertruppe der Schwarzen Allianz?", verglich er sie zornig mit der fragwürdigen, vom Ministerium nicht akzeptierten, linken Partei an aufrührerischen Zauberern, die sich nach dem Krieg drastisch vermehrt hatten und die Winkelgasse unsicher machten.
Sie und Malfoy schwiegen. „Ich suspendiere Sie beide vom Schulsprecheramt! Für drei Wochen!" Malfoy schien etwas erwidern zu wollen, aber auch dieses Mal unterbrach ihn Snape. „Und das ist bei Leibe noch nicht alles, Mr. Malfoy!", fuhr er mit geringer Beherrschung fort. „Strafarbeiten für Sie beide! Was fällt Ihnen ein, sich über alle Regeln hinwegzusetzen?", knurrte er. „Da Sie sich in körperlicher Gewalt scheinbar herrlich ergänzen, verbringen Sie die Strafarbeit zusammen!", äußerte er seine Drohung und beide suspendierten Schulsprecher hoben schockiert den Blick, denn das letzte Wort hatte er besonders bösartig geäußert.
„Aber Potter hat-!", begann Malfoy außer sich, und Snape erhob sich in einer fließenden Bewegung, kraftvoll und voller Zorn; trotz seines gelähmten Beines war er immer noch eindrucksvoll. Er stand nun hinter seinem Schreibtisch und blickte voller Abschätzung auf sie beide hinab.
„Mr. Potter wird seine Strafe ebenso bekommen, verlassen Sie sich darauf, aber Mr. Potter ist kein Schulsprecher! Kein von mir ausgewählter Schüler, der es verdient, Kompetenzen übertragen zu bekommen, die Sie beide heute schamlos ausgenutzt haben!"
Eine Träne fiel nun doch auf ihre Wange und sie senkte den Blick. Snapes Zorn brodelte greifbar vor ihnen, und sie wusste, es war noch nicht vorüber. „Mr. Malfoy, noch einen Patzer, noch eine Kleinigkeit, die auch nur ein Stirnrunzeln bei mir hervorruft, und meine Gunst für Sie hat ein Ende! Dann können Sie Ihrer Mutter eulenwendend Bescheid geben, dass ihr fabelhafter Goldjunge nach Hause kommt!", knurrte er. Malfoy hatte die Zähne fest aufeinander gebissen. „Ich schenke Ihnen praktisch eine Zukunft, die Ihnen eine Jugendstrafe in Askaban ersparen wird, und Sie verbauen sich blind und töricht jede Chance!", sprach Snape weiter auf Malfoy ein, der angespannt, nahezu bereit zum Angriff, auf seinem Stuhl lauerte. Er saß nicht mal mehr wirklich, denn Hermine sah, dass alle seine Muskeln angespannt waren.
„Der Krieg ist vorbei, Mr. Malfoy", informierte Snape ihn ohne jede Geduld, ohne das letzte Bisschen an Verständnis, mit überflüssigem Nachdruck. „Der echte Krieg ist vorbei! Ihre kindischen Fehden finden ab jetzt ein Ende. Ob Gryffindor oder Slytherin, Reinblut oder Muggel – ob verdammt noch mal schwarz oder weiß – es ist mir egal! Ich hoffe, das ist zu Ihnen durchgedrungen?"
„Ich war nicht alleine dort unten!", rang sich Malfoy unter aller Anstrengung zwischen zusammengebissenen Zähnen ab, während er Snape fixierte.
„Das weiß ich. Glauben Sie mir, das ist mir bewusst. Aber ich weiß auch, dass Mr. Potter sich bestimmt nicht alleine grün und blau geprügelt hat!", schrie Snape nun vollkommen außer sich. „Sie alle können sich glücklich schätzen, dass Hogwarts Ihnen gestattet, Ihren Abschluss nachzuholen! Dass es überhaupt noch ein Hogwarts gibt! Und Mr. Malfoy, vielleicht täten Sie gut daran, Harry Potter dankbarer zu sein, dass er diesen grausamen Krieg zu einem bedeutend besseren Ende gebracht hat, als die Todesser es jemals gekonnt hätten!" Der Schulleiter atmete schwer, und es legte sich eine schmerzhafte Stille über den Raum. Hermine presste die Lippen aufeinander und versuchte, nicht noch mehr zu weinen. „Vielleicht", begann Snapes Stimme wieder messerscharf, „war es eine willkommene Abwechslung", knurrte er böse, „aber ich erwarte mehr von Ihnen! Mehr als das! Bei weitem, verflucht noch mal, mehr als das!", fuhr Snape ihn an, als hätte Malfoy auf allen erdenklichen Längen versagt. „Werden Sie endlich erwachsen! Und Lucius würde Ihnen dasselbe sagen", ergänzte er, und Malfoy stand abrupt auf den Beinen. Kurz entstand eine sehr unangenehme Stille zwischen beiden.
„Ich würde Ihnen raten, sehr genau zu überlegen, was Sie jetzt zu mir sagen möchten, Draco", benutzte Snape seinen Vornamen äußerst angespannt und schien abzuwarten, was Malfoy tun würde, ob er riskieren würde, noch heute Abend das Schloss zu verlassen, mit all seinen Sachen und nie mehr wiederkam. Hermine konnte nur schwer an sich halten, denn selbst sie empfand, dass Snape Harry entschieden zu viel Recht zugestand, denn auch sie war auf dem Feld gewesen, und Harry verhielt sich garantiert nicht wie der Gönner, den Snape in ihm zu sehen schien. Es war ungerecht, dass Snape Malfoy alle Schuld gab.
Und sie musste es Malfoy zugutehalten, dass er sich tatsächlich beherrschte. Denn sie konnte kaum ertragen, wie angespannt Malfoy und Snape sich beäugten. Und wahrscheinlich war es ihr dämliches Helfer-Syndrom. Sie konnte wohl nicht wirklich anders.
„Harry hätte nicht aufgehört", flüsterte sie zitternd, und Snapes Blick löste sich langsam von Malfoy und fiel zurück auf sie.
„Was, Miss Granger?" Und sie erntete auch Malfoys gereizten Blick, der ihr noch deutlicher als Snapes Blick zeigte, dass sie besser den Mund halten sollte. Aber das tat sie nicht. Natürlich nicht. Tat sie nie, wenn sie es besser sollte. Sie kannte sich gut genug.
„Ich musste ihn verfluchen. Harry hätte nicht aufgehört, Sir", wiederholte sie angespannt, und Snape musterte sie lange und schien abzuwägen, ob er sie tadeln sollte. Dann atmete er knapp aus.
„Das halte ich für abwegig, Miss Granger." Sein Blick sprach mehr als dreitausend Worte. Er schien den neuen Harry nicht wirklich gut zu kennen.
„Sir-", ergriff sie erneut das Wort, aber er unterbrach sie barsch.
„-Miss Granger, wenngleich ich auch froh bin, mich nicht gänzlich in Ihren Fähigkeiten getäuscht zu haben, und Sie sich immerhin gehalten gefühlt hatten, eine Auseinandersetzung zu beenden, so werden Sie mir mit Sicherheit zustimmen, dass der Stupor in diesem Fall bestimmt nicht die bestgeeignetste oder erforderlichste Methode gewesen ist." Es war kaum eine Frage, aber sie erhob sich ebenfalls, um nicht wie ein Zwerg zwischen Snape und Malfoy zu hocken.
„Sir, Harry war nicht er selbst! In letzter Zeit passiert es, dass er die Beherrschung vollkommen verliert, und es war keinesfalls absehbar, ob er-"
„-genug!", knurrte Snape ohne jede Geduld. „Genug mit den Rechtfertigungen! Miss Granger, ein weiterer Fehler dieser Art Ihrerseits, und ich behalte Ihr Abzeichen und Sie bekommen einen Zeugnisvermerk", ließ er seinen letzten Rest Ärger an ihr aus, und fast war es glimpflich. Dennoch schwieg sie abrupt. „Über Ihre Strafarbeit setze ich Sie bei Zeiten in Kenntnis", informierte er sie beide und fuhr sich müde über die Schläfe. „Und ich warne Sie, nicht Ihre Patrouille zu vergessen! Heute Abend sind Sie beide noch Schulsprecher", salzte er seine Worte mit dem bitteren Zucken seiner Mundwinkel.
Snape war ein böser Mann. Vielleicht gerecht, aber böse dabei. „Und nun verschwinden Sie, bevor ich mich vergesse", knurrte er haltlos, und sie musste es sich bestimmt nicht zweimal sagen lassen. Malfoy ließ ihr keinen Vortritt, er marschierte direkt zur Tür.
Stumm betraten sie die magische Wendeltreppe, die sich langsam nach unten drehte, bis sie am Wasserspeier vorbei auf den Korridor traten. Diese Stille war noch unangenehmer.
Malfoys Atem ging angespannt, seine Hände waren zu harten Fäusten geballt, und ohne großartig zu überlegen, schrie er zornig auf und jagte seine Faust durch die Mingvase neben sich, auf der magisch bewegte, blaue Linien hübsche Muster und Formen bildeten. Sie war ein Geschenk der chinesischen Zauberer-Akademie gewesen und war neben anderen Gastgeschenken verschiedener Schulen in dem Korridor der Lehrerunterkünfte aufgestellt worden.
Die murmelnden Portraits schwiegen abrupt, als Malfoy schwer atmend seine Faust aus dem Scherbenregen zurückgezogen hatte, während die Vase in tausend Teilen auf dem Boden lag. Hermines Mund hatte sich schockiert geöffnet, denn sie glaubte nicht, dass die Vase noch zu heilen war.
Sein Blick ging irgendwohin ins Leere, während sein Atem in seiner Brust rasselte. Taub schien er seine Faust zu schütteln, und Hermine erkannte, dass seine Finger bluteten.
Flüsternd versammelten sich die Portraits in einigen Rahmen, huschten an ihnen durch die Bilder, und Hermine wusste, würden sie noch länger hier stehen, könnten sie sich direkt die nächste Strafe abholen, wenn McGonagall – oder schlimmer noch Peeves – auf dem Flur auftauchten, sollten die Portraits Alarm schlagen.
Sie begriff, er war wütend, aber es war einfach nur dämlich von ihm, das zu tun! Allerdings wagte sie jetzt gerade nicht, diese Worte zu äußern, denn sein Blick war mörderisch in die Ferne gerichtet.
Als das Murmeln lauter wurde, setzten sie sich beide in Bewegung und verließen den Flur. Hermine wesentlich schuldbewusster als Malfoy, und sie hoffte, es würde kein Nachspiel haben.
Sie patrouillierten nie gemeinsam, trafen sich höchstens irgendwann in der Mitte, und Hermine merkte, wie seine Schritte ungleichmäßiger wurden.
Dann fiel er irgendwann zurück und setzte sich auf einen breiten Steinsims in einem der Korridore. Unwillkürlich hielt sie inne, wandte sich zu ihm um, und die Petroleumlampen leuchteten dämmrig über ihnen. Es war bereits stockdunkel draußen. Sein Atem ging schwer. Vor ihnen lag die Bibliothek, aber sie nahm nicht an, dass noch Schüler lernten. Nach Einbruch der Dunkelheit befanden sich dort nur noch die äußerst Engagierten, und pünktlich zur Ausgehsperre machte die Bibliothek ohnehin zu.
Noch immer sagte sie nichts, stand unschlüssig vor ihm, und vielleicht vertrat sie Snapes Worte doch ein wenig, denn sie hätte es lieber gehabt, wäre Malfoy erwachsener, hätte er sich dem Streit entzogen, aber er war eben nicht Blaise Zabini! Und wahrscheinlich bereute Snape nun, Malfoy so viel Verantwortung übertragen zu haben, die er nicht handhaben konnte. Denn er verhielt sich genauso unvernünftig wie Harry.
Was sie jedoch sagen konnte, war, dass Malfoy nicht schwach war. Er sah zwar absolut beschissen aus, mit seinen Schwellungen, dem getrockneten Blut, der kaputten Hand – an der er selber Schuld war – aber Harry hatte nicht sanft zugeschlagen. Seine grauen Augen wirkten allerdings eine Spur benebelt. Und sie wollte nicht verstehen. Sie wollte nicht auf seiner Seite sein, denn das bedeutete lediglich, dass sie sich gegen Harry stellen musste, aber heute… -heute fiel es ihr wirklich schwer, Partei zu ergreifen. Für Harry.
Aber resignierend seufzte sie auf, weil sie eben Hermine war. „Ich beende die Patrouille allein", informierte sie ihn unschlüssig. Sie wollte ihn nicht fragen, wie es ihm ging, ob er ok war, denn sie nahm an, das war er nicht. Und sie glaubte auch nicht, dass freundliche Worte seinen Mund verlassen würden. „Ich nehme an, du kennst Heilungszauber?", fuhr sie fort, denn es war schließlich nicht Malfoys erste Prügelei hier im Schloss.
Merlin, wie ungeeignet er als Schulsprecher war! Sie konnte es nur immer wieder denken.
Unverhohlene Nachsicht trat in seinen Blick, als er sie ansah und sich erschöpft erhob. Sie nahm an, sie könnte nicht einmal mehr stehen, hätte Harry sie so geschlagen.
„Danke, für deine Fürsorge", entgegnete er lediglich und schritt weiter. Sie verdrehte die Augen über seinen arroganten Ton, und folgte ihm. Aber vor dem nächsten Treppenabsatz fiel wohl seine Entscheidung, denn Müdigkeit zeichnete seine Züge, als er resignierend nach oben starrte und abwog, wie viel Kraft es ihn kosten würde, weiterzugehen.
Merlin, sie hatte genug von dummen Jungen und ihrem dummen Stolz. Sie hörte ihn ausatmen. Fast erwartete sie, dass er sich entschuldigen würde, dass er sich bedanken würde. Irgendetwas in diese Richtung. Ein normaler Mensch würde es tun, nahm sie an. ‚Entschuldige, dass ich mich heute nicht beherrschen konnte. Danke, dass du die Patrouille übernimmst.'
Aber natürlich war es abwegig. Ihr Blick fiel auf das getrocknete Blut seiner Wange. Unbewusst erinnerte es sie an früher. Blut. Er hatte viel Aufhebens darum gemacht, nicht wahr? Es kam ihr so lange her vor, eine Beleidigung aus seinem Mund gehört zu haben, die ihr Blut betraf. Damals hatte Harry immerhin einen guten Grund gehabt, Malfoy zu hassen.
Sie wusste nicht, seit wann es so war, aber Malfoy hatte aufgehört Malfoy zu sein.
Dieser Moment würde ihr dennoch im Gedächtnis bleiben. Denn heute hatte sie Malfoy geholfen. Auch wenn ihr ganzes Bewusstsein sie vor ihm warnte, weil er eben war, wer er war, so hatte ihr Unterbewusstsein instinktiv das Richtige getan. Auch in Snapes Büro hatte sie ihm helfen wollen – oder müssen.
Denn eine Tatsache stand unweigerlich im Raum – Malfoy tat wenigstens etwas.
Im Gegensatz zu Ron oder Ginny. Malfoy und sie versuchten Harry aufzuhalten, jeder auf seine Weise, aber… Malfoy sah, was sie sah. Und das war eine noch traurigere Erkenntnis.
Und fast wollte sie es ihm sagen. Fast wollte sie mit ihm darüber reden. Aber ihr Verstand hielt sie davon ab. Und sie atmete erschöpft aus. Sie nahm an, Snape hatte Malfoy alles vorgeworfen, was sie ihm nicht besser hätte vorwerfen können. Wozu sollte sie sich streiten? Sie stritt sich ohnehin mit zu vielen Leuten.
„Gute Nacht", sagte sie die Worte unsicher. Auch er schien zu müde für Konfrontationen zu sein, aber Widerwille trat in seinen Blick. Sie spürte, dass er böse auf sie war. Sie war sich nicht sicher, warum. Weil sie Harry verflucht hatte? Weil sie damit in Snapes Büro gelandet waren? Weil es Snape sonst nicht aufgefallen wäre, wäre Malfoy mit gebrochener Nase und blauen Augen durch Hogwarts spaziert? Das dachte er doch nicht ernsthaft?!
Aber entgegen seines Blickes sagte er etwas anderes.
„Gute Nacht, Granger."
Er wandte sich ab, ließ sie am Treppenabsatz stehen, und sie war wieder allein.
Sie würde ihm einfach unterstellen, dass er ihr tief in seinem Innern dankbar war. Denn auch wenn es niemand sagte, auch wenn es niemand glaubte – Harry hätte nicht aufgehört. Und dieser Gedanke verfolgte sie, die ganze Zeit über. Es schien, als hätte sie Harry in der Dunkelheit verloren, in der er sich befand. Als wäre er schon längst fort.
Sie hatte es gewusst. Es war kein guter Tag geworden.
Und sie hasste es, wenn sie bei diesen Dingen Recht behielt.
Sie hatte bei der Patrouille ein wenig getrödelt, damit vielleicht die Schüler bereits schliefen, wenn sie zurück in den Gemeinschaftsraum kam. Sie zitterte wieder. Der Trockenzauber hatte die Kälte, die sie spürte, nicht verbannen können. Vor der Fetten Dame kam sie zum Stehen. Diese betrachtete sie hochnäsig, wie immer.
„Drachenfeuer", sagte sie tonlos das Passwort, und das Portrait schwang zur Seite. Es war nicht mehr ganz so laut im Gemeinschaftsraum, aber überwiegend waren die Schüler noch wach. Sie plapperten, sprachen über Hausaufgaben, über Quidditch, über all die Neuigkeiten im Tagespropheten, der sich überschlug mit den Schlagzeilen und Lobpreisungen über den neuen Minister, der er sich zu Herzen genommen hatte, alle ehemaligen Todesser zu vernichten.
Nur wenige Blicke hoben sich, als sie den Gemeinschaftsraum betrat. Aber sie fixierte niemand bestimmten. Und sie wusste auch nicht, was sie tun sollte. Interessierte es Ginny, was sie getan hatte? Interessierte es Ron? Vielleicht Ginny. Aber vielleicht auch nicht.
Niemand schien irgendetwas bemerkt zu haben. Wahrscheinlich hatte bei dem Regen niemand aus dem Fenster gesehen. Niemand hatte ihr dabei zugesehen, wie sie Harry Potter verflucht hatte.
Und morgen würde es am Schwarzen Brett hängen. Ihre Suspendierung vom Amt. Spätestens dann würden die Schüler anfangen zu reden.
Verloren stand sie einige Sekunden lang vor dem Portraitloch. Ron saß mit Dean und Seamus am Tisch, und sie spielten Karten. Er sah sie nicht an. Ihr Blick suchte nach Beatrice Bones, aber sie konnte sie nicht entdecken. Würden die anderen es merken, wenn Harry heute nicht in den Gemeinschaftsraum zurückkam? Würde Madame Pomfrey ihn über Nacht im Krankenflügel behalten? Musste sie dorthin zurück? Musste sie sich entschuldigen? Würde er die Entschuldigung überhaupt annehmen?
Ja, das war die Frage. Würde Harry noch mit ihr sprechen?
Und nein. Sie nahm an, die Antworte darauf war wirklich simpel. Aber sie wusste, sie hatte es tun müssen. Er hatte die Kontrolle verloren. Sie konnte auch Ginny nicht entdecken. Sie nahm an, sie war bei Harper. Dann würde Ginny bestimmt noch ansatzweise erfahren, was vorgefallen war, denn Harper würde bestimmt nicht gedacht haben, dass Malfoy und Harry sich in Freundschaft getrennt hatten.
Sie würde nach oben gehen, ihre Sachen holen und sich im Badezimmer der Vertrauensschüler eine heiße Dusche gönnen. Und heute würde sie nicht mehr in den Krankenflügel zurückgehen. Besser nicht.
Sie hatte keine ruhige Nacht gehabt. Albträume hatten sie immer wieder geweckt, und sie hatte nur von Harry geträumt, hatte Angst gehabt, dass ihr Fluch ihn umgebracht hatte.
Und als das fahle Licht des Tages in den Schlafsaal der Mädchen fiel, war sie aufgestanden. Träge hatte sie die Morgenwäsche erledigt, trug eine neue Uniform, und heute steckte sie sich zum ersten Mal halbherzig ihr Abzeichen an den Blazer. Denn zum ersten Mal hatte es keine Bedeutung.
Das Wetter spiegelte ihre Stimmung wieder, denn es regnete auch heute.
Im Gemeinschaftsraum setzte sie sich auf das Fensterbrett und blickte gedankenverloren durch die Regenschleier vor den milchigen Scheiben, hinab auf das weite Gelände.
Immer mehr Schüler kamen in den Gemeinschaftsraum, bereiteten sich vor, zum Frühstück zu gehen, und in Hermine brodelte das schlechte Gewissen deutlicher, als sie hörte, wie Seamus Dean fragte, wo Harry die Nacht geschlafen hätte. Auch Ron musste es gemerkt haben.
Vorsichtig wandte sie sich um. Sie hielt nach Ginny Ausschau. Aber sie konnte sie nirgendwo entdecken. War sie schon unten? War sie noch im Bad? Oder war Ginny vielleicht hoch zum Krankenflügel gegangen?
Dann kam Ron aus dem Treppenhaus zu den Schlafsälen in den Gemeinschaftsraum, und nur zufällig streifte sie sein Blick. Und ehe sie es verhindern konnte, blickte sie hastig zur Seite, wieder aus dem Fenster, als sie die Hitze in den Wangen spüren konnte. Die verräterische Hitze eines schlechten Gewissens.
Sie hatte keinen Hunger. Gott. Sie hatte keinen Hunger. Sie verdiente nicht, irgendetwas zu essen.
Aber die Schüler verließen einer nach dem anderen den Gemeinschaftsraum, um in die Große Halle zu gehen. So auch Ron. Und sie wartete, bis der letzte Schüler verschwunden war, prüfte sogar noch einmal die Schlafsäle und die Badezimmer auf den Treppenhausfluren, aber Ginny war nicht im Gryffindorturm.
Und mit hängenden Schultern verließ Hermine schließlich als letzte den Gemeinschaftsraum, die schwere Tasche über der Schulter. Es würde ein langer Tag werden, nahm sie an.
Das Schloss war laut. Es herrschte hektisches Treiben, wie immer morgens. Einige Schüler kamen ihr wieder entgegen. Alle diejenigen, die noch irgendwelche Bücher oder Federn vergessen hatten, für die ersten Stunden nach dem Frühstück.
Und als sie unten angekommen war, stand auch niemand mehr vor dem Schwarzen Brett, was neben der Halle hing. Sie schritt langsam darauf zu, aber sie hatte nicht erwartet, dass Snape daraus ein Staatsgeheimnis machen würde. Nein, es hing eine schwarz eingerahmte, brandneue Ankündigung direkt in der Mitte.
Und Hermine schloss kurz die Augen. Nein.
Der Aushang verkündete, dass die Schulsprecher aus nicht weiter benannten Gründen drei Wochen lang vom Dienst suspendiert waren und ihr Abzeichen den ersten Vertrauensschülern ihres Hauses auszuhändigen hatten. Mit sofortiger Wirkung waren sie und Malfoy des Amtes enthoben worden.
Mit zitternden Finger löste sie das Abzeichen von ihrem Revers. Sie schloss ihre Finger fest um das silberne S.
Sie wusste nicht, was schlimmer war. Dass sie es Ron würde geben müssen, oder dass mit keinem Wort erwähnt wurde, weshalb beide Schulsprecher suspendiert worden waren.
Oh Gott. Wie ein Feigling druckste sie sich vor der lauten Halle herum. Sie kam sich selber vor wie ein Schwerverbrecher.
Und es half nichts. Irgendwann würde sie irgendwelche Schüler treffen. Und irgendwer würde sie fragen. Oder zumindest würde jemand sie komisch ansehen. Sie atmete ein letztes Mal aus, ehe sie den Rücken durchstreckte und mit einem klammen Gefühl die Halle betrat.
Ja. Die Reaktion war eine andere als noch gestern Abend im Gemeinschaftsraum, stellte sie fest. Und ihr Blick glitt sofort zum Slytherintisch. Aber sie konnte ihn nicht entdecken. Es war sowieso ziemlich leer am Haustisch der Slytherins. Sie saßen nicht mehr gerne mit den anderen Häusern zusammen, hatte sie festgestellt. Mit festen Schritten ging sie zum Gryffindortisch, und der laute Geräuschpegel war einem Murmeln gewichen. Sie nahm an, jetzt gerade sprachen alle über sie.
Dann würde sie es hinter sich bringen. Kurz und schmerzlos.
Sie schritt gezielt zur Mitte des Tisches, wo kein Platz mehr frei war. Ron saß zwischen seinen neuen Freunden, Beatrice an seiner linken Seite, und wandte sich nicht zu ihr um, bis sie sich räusperte. Alle Blicke ruhten auf ihr. Und mechanisch streckte sie die Hand aus.
„Hier", war alles, was sie sagte, blanker Scham auf ihren schuldbewussten Zügen, und sein Blick fiel auf ihre ausgestreckte Handfläche. Das Abzeichen war warm geworden. Und kurz sah sie die sanfte Verwunderung in seinem Blick. Kurz wollte sie ihn dafür anfahren, dass er gestern einfach nichts unternommen hatte, dass er nichts Besseres zu tun hatte, als mit irgendeiner Sechstklässlerin zu flirten. Und sie wollte ihm sagen, dass genau so etwas passierte, wenn er beschloss, sich rauszuhalten, als ginge es ihn nichts mehr an!
Aber sie sagte gar nichts. Und er tat es ihr gleich.
„Ok", erwiderte er schließlich und nahm ihr das Abzeichen aus der Hand. Sie hasste es, wie gleichgültig er tat! Als hätte er bereits gewusst, dass so etwas passieren würde. Er machte sie wirklich wütend.
„Was ist passiert?", wollte Seamus sofort begierig wissen.
„Das wüsste ich auch gerne", mischte sich Ginny von der anderen Seite des Tisches ein. Und Hermine schluckte schwer, denn Ginnys Ausdruck nach zu urteilen, war sie nicht so gleichgültig wie Ron es wohl war. Und Hermine begriff schließlich, warum Malfoy wohlweislich nicht zum Frühstück erschienen war. Ginny hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
„Wo ist Harry?", fragte Dean ebenfalls mit großen Augen. Und Hermine sah keinen von ihnen wirklich an. Aber es würde kein Geheimnis bleiben, das wusste sie auch.
„Ah… im Krankenflügel", erwiderte sie, ohne irgendwen anzusehen. Sie spürte Rons Blick nun deutlich auf sich ruhen, mit all seiner ätzenden Überlegenheit.
„Im Krankenflügel? Was ist passiert?" Dean schien sich brennend dafür zu interessieren sowie der gesamte Gryffindortisch, der in Schweigen verfallen war und versuchte, ihre Worte auch aus der letzten Ecke zu verstehen.
„Ahem…", sagte sie nur, denn sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Denn worauf lief es am Ende hinaus? Dass Malfoy ihn verprügelt hatte und sie noch den Stupor oben drauf hatte setzen müssen? Ja. So sah es doch aus, Merlin noch mal! Sie alle hier wussten doch wie unberechenbar Harry war! Aber wahrscheinlich würde es ihr niemand zugutehalten. Niemand würde sagen, dass sie das Richtige getan hatte. Dabei hatte sie Harry von schlimmeren Dingen abgehalten. Und sie kassierte auch noch die scheiß Strafe dafür.
Sie musste ihr Abzeichen abgeben, weil der große Harry Potter sich nicht anders aufhalten ließ, als mit einem Fluch in die Brust!
Kurz brodelte in ihrem Innern die Wut, die sie für Harry empfand. Und es war diese Wut, die sie antworten ließ.
Scheinbar standen sie jetzt alle allein für sich. Sie, Harry und Ron.
„Ich habe ihn gestern verflucht und er musste ihn den Krankenflügel", sagte sie so diplomatisch, wie sie konnte. Und wahrscheinlich hatten die anderen irgendeine Antwort erwartet, aber nicht diese. Ginny sah sie tatsächlich fassungslos an. Dabei hatte Ginny Harry verlassen! Hermine könnte es Ginny genauso gut vorwerfen! Harry wäre nicht halb so reizbar, wäre Ginny noch an seiner Seite!
Aber sie sagte es nicht. Und sie spürte, wie sie wütender wurde, denn dass sie ihr Abzeichen ausgerechnet Ron geben musste, der sich sauber aus allem rausgehalten hatte, war ja noch nicht einmal die Strafe, die sie von Snape bekommen würde! Es war nur ein Nebeneffekt.
Sie war sauer auf Ginny und Ron. Auf die Weasleys, die sich schön aus allem raushielten, sich neue Freunde, neue Partner, suchten, weil es gerade unbequem wurde, und sie sich ausgerechnet auf Malfoys Seite stellen musste, weil er wenigstens da war!
Und der Gryffindortisch erwachte zu neuem Leben, löcherte sie mit Fragen, wollte wissen, was Malfoy damit zu tun hatte, ob Harry sie bedroht hatte, aber Hermine griff sich wortlos ein Croissant aus dem Brotkorb, wandte sich vom Tisch ab und verließ die Halle wieder.
Sie würde nie mehr mit den anderen essen, schwor sie sich dumpf. Malfoy schien wider Erwarten cleverer zu sein als sie.
