Mondgezeiten

Inh.: Remus' Leben verläuft nicht in Tagen, sondern in Mondphasen. Eine Bestandsaufnahme von Momenten, mitten aus dem Wolfsherz.

Anm.: Eingangszitate von Aimee Mann, meiner herzallerliebsten Songpoetin. Liebe Grüße an die Mädels vom LJ, Lina, Eva und moony4ever aka moons :).

Disclaimer: Nichts gehört mir, und wenn ich Geld hiermit verdienen könnte… ha! Vergesst es.

Soundtrack: The Fray, "Fall Away"

Vielen Dank an meine liebe Beta, Kathrin aka Rinchen aka missmoony1983. Kampf dem Schachtelsatz. :)

Viel Spaß beim Lesen!


IV. Erlangen

Like, way more real than real
The world inside the glass
That struggles to conceal
The wreckage on the overpass

(Aimee Mann: "I can't get my head around it")


Die Vorhänge stehen starr und unbewegt zu beiden Seiten des Fensters wie gesichtslose Geisterwächter. Da ist kein Luftzug, der seine Haut streift, keine Bewegung in der flirrenden Hitze. Es ist August, ein träger Monat, der klebrig ist vom Wassereis und nach Eistee schmeckt, lauwarm, abgestanden und in dessen Nächten das Quecksilber sich weigert, abzusinken.

Wenn Remus die nackten Füße auf den unteren Teil des glatten Heizkörpers stellt und sich mit der linken Hand am Fensterrahmen hochzieht kann er nach draußen in den Garten sehen:

Baumwipfel aus schweren, schwarzen Schatten, das Gras kaum sichtbar im diffusen Dunkel unter ihm. Am Himmel glüht die faszinierende Schönheit eines perfekten, runden Mondes, der die Konturen weichzeichnet und mühelos einen schimmernden Glanz über die formlose Landschaft gießt.

Dem Schlaf will es einfach nicht gelingen, ihn zu finden, Remus ist von einer nervösen Unruhe ergriffen, die es ihm unmöglich macht, die Augen zu schließen.

Er durchquert sein Zimmer vom Fenster zur Tür und zurück, er setzt sich auf den Boden und fährt den Umriss seines eigenen Schattens mit dem Zeigefinger nach. Als er es nicht mehr aushalten kann, nimmt er seine Taschenlampe vom Nachttisch und zieht sich eilig Schuhe über, dann geht er hinaus und zieht die Tür lautlos hinter sich zu.

Die Verandatür klemmt ein bisschen, und man braucht einen Schlüssel, um sie von außen zu öffnen. Remus rollt die Morgenzeitung zu einer Röhre zusammen und schiebt sie hinter sich zwischen Verandatür und Türrahmen. Es ist wichtig, dass das Konstrukt stabil genug ist – er hat es einmal mit einer Tube Handcreme versucht, die zu glitschig war und die Tür zuschlagen ließ. Er musste die ganze Nacht auf der Veranda verbringen, weil er sich nicht traute, jemanden zu wecken. Eigentlich ist es gegen die Regeln, und er weiß das auch, aber er kann nicht anders als rauszugehen, manchmal, wenn es ihn überkommt und er das Gefühl hat, ihm könne jeden Moment das Dach auf den Kopf fallen. Es ist schwieriger für ihn, gegen Regeln zu verstoßen als sich an Regeln zu halten, aber dann ist da diese bedrückende Stille, wenn man aus dem Elternschlafzimmer keine lauten Stimmen mehr hört, sondern nur noch das Klick der Schalter an den Kopfenden, wenn beide das Licht löschen. Remus kann sie vor sich sehen, beide zu den äußersten Seiten des Bettes gerollt als lauere in der Mitte zwischen ihnen ein gähnender Abgrund. Eigentlich ist es gegen die Regeln, sich nachts wegzuschleichen. Aber manchmal tut er es trotzdem.

Das helle Holz gibt kleine, dumpfe Laute von sich, als er darüber läuft. Er springt von der kleinen Anhöhe der Veranda hinunter auf den Rasen und läuft los in Richtung der Bäume. Remus hat kein Ziel und keine Ahnung, was ihn antreibt, er riecht den würzig-schweren Duft des nahegelegenen Waldes, hört ein merkwürdig flirrendes Geräusch irgendeines kleinen Insekts, das auf den Grashalmen sitzt und in die Nacht plappert wie der übermotivierte Moderator im Frühstücksfernsehen.

Er sieht sich um und erkennt die Silhouette seines eigenen Hauses hinter ihm, die vollkommene Stille und Bewegungslosigkeit, und dann – das Brechen von Zweigen im Unterholz, ein dumpfes Bersten von marodem Holz. Remus bleibt stehen und lässt das Dunkel um sich herum zu Boden sinken wie schwarzblaue Tintenpigmente in Wasser.

Er hat die schwere Taschenlampe in der Hand, tastet sich vor bis zum kleinen schwarzen Knopf und lässt die Glühlampe in der Spitze aufflammen. Der Lichtkegel prallt gegen einen Baumstamm und versickert im Gestrüpp dahinter, eine Mischung aus Dornenranken und Blattwerk. Remus glaubt für eine Sekunde, im Augenwinkel eine Bewegung auszumachen und fährt herum, die Taschenlampe gleitet durch seine Finger und fällt mit einem dumpfen Laut auf den Boden, das Licht kriecht knapp über die Rasenspitzen bis zu den Wurzeln einer Eiche.

„Hallo? Ist da jemand?"

Seine Stimme klingt heiser und fremd, und als er sich bückt, um die Taschenlampe aufzuheben, ist er sich ganz sicher, die Äste der Eiche erzittern zu sehen, doch da ist kein Windstoß, kein einziger.

Tatsache ist, dass die Menschen es nicht ertragen, mit ihren Ängsten und Unsicherheiten konfrontiert zu werden und so einer Begegnung nach größtem Bemühen ausweichen, und als Elfjähriger mitten in der Nacht mit Rascheln im Blattwerk und zitternden Zweigen konfrontiert zu werden, ist wohl schon als Auslöser für Ängste und Unsicherheit zu verbuchen. Remus allerdings dreht nicht um, er schaltet seine Taschenlampe aus und setzt seinen Weg über einen Schleichpfad fort. Und wenn man ihn später fragt, warum er nicht weggelaufen ist, zurück nach Hause, und sich dort unter seiner Bettdecke versteckt hat – er kann keine Antwort darauf geben.

Irgendetwas zieht und zerrt an ihm in jeder Nacht, weckt ein unbeschreibliches Verlangen in ihm. Er geht weiter, so lange, bis er das Haus nicht mehr sehen kann. Da ist ein umgestürzter Baumstamm, auf dem er sich ausruhen kann. Der Mond bricht in hypnotischen Puzzleteilen durch die eng verzweigten Äste, zaubert Lichtflecke auf seine blasse Haut.

Remus schließt die Augen und atmet die schwere Wärme um ihn herum ein, er ertastet das gefurchte Muster des Baumstammes mit den Fingerspitzen, seine Füße schweben über dem Boden.

Als Remus die Augen wieder öffnet, hält die Zeit mit einem Mal den Atem an und der Moment gefriert in seiner Bewegung, als erzittere die ganze Welt vor der abgründigen Magie dessen, was vor sich geht.

Ein Augenpaar flammt in der Dunkelheit auf, brennende Bernsteinfeuer, schlanke Muskeln in äußerster Erregung gespannt, der Wolf entblößt seine makellosen Zähne wie in einem grotesken Grinsen, heißer Atem, pulsierender Herzschlag, das ist das Leben, Remus, in dieser Sekunde lebst du, halt es fest und hör. nicht. auf. zu. atmen...

Remus fällt. Er fällt in ein erschreckend reales Gefühl hinein und verliert den Halt unter sich, findet sich kniend auf dem Waldboden wieder, ein beiläufiges Brennen seiner Unterarme und Schienenbeine, wo er den Sturz abgefangen hat. Der Wolf springt und durchschneidet das Nachtschwarz mit seinem Körper wie ein Messer aus Stahl, Remus duckt sich und spürt den Luftzug, als das Fell ihn an der nackten Schulter streift, der Wolf verfehlt ihn knapp und Remus kriecht vorwärts, eine Stimme in seinem Kopf schreit Lauf! Lauf weg! , doch sein Körper erstarrt und weigert sich, mitzuarbeiten.

Hinter ihm kommt der Wolf langsam heran. Wissend. Bleckt die Zähne und macht sich zum Angriff bereit. Remus nimmt das letzte bisschen Geistesgegenwart, das sein Verstand noch hergibt und dreht sich auf den Rücken, es ist mehr eine intuitive Handlung als sonst irgendwas, und trotzdem schreit alles in ihm in heller Panik auf, als er dem Wolf seinen nackten Hals präsentiert, helle, verletzliche Haut.

Der Wolf gibt einen tiefen, grollenden Laut von sich und wirft sich mit seinem Gewicht auf den kleinen Körper unter sich. Die Luft entweicht aus Remus' Lungen, doch er bewegt sich keinen Zentimeter, die glühenden Augen gleiten über seine Haut uns brennen sich darunter, ein stechender Schmerz an seiner Seite, und dann plötzlich heißer Atem an seinem Hals. Er richtet die Augen nach oben und der aufglimmende Mond sendet ein hämisches Grinsen vom Himmel, du bist mein, mein, mein...


Er muss geschrieen haben, sehr laut, denn als er aufwacht, ist da eine Abfolge von Neonlampen über seinem Kopf und kein Wald mehr. Lampe, Zimmerdecke, Lampe, Zimmerdecke, aufgeregte Stimmen, die Befehle rufen, das zittrige Beben von Zaubern, die unter seine Haut kriechen, die Hand seiner Mutter auf seiner kaltschweißigen Stirn und dann noch einmal blendendes Weiß, bevor die Zeit ins Dunkel stürzt.

Remus hört auf, Dinge zu tun, die gegen die Regeln sind.

Remus hört auf, diesem oder jenem gewissen Verlangen nachzugeben.

Und manchmal, so sagt er zumindest, hört er in dieser Nacht sogar auf, zu Leben.