"Wollen wir uns nicht irgendwo ein ruhigeres Eckchen suchen", schlug Draco zu Harrys Erstaunen vor und ließ seinen Blick über den Raum schweifen. Nach einer Weile schien er entdeckt zu haben, wonach er gesucht hatte. Ohne darüber nachzudenken, griff er nach Harrys Hand und zog ihn quer durch den Raum. Vorbei an fremden Menschen, die nicht erstaunt darüber waren, das ausrechnet diese beiden Männer Hand in Hand durch eine Muggelkneipe liefen. Ganz im Gegensatz zu Harry. Doch er war viel zu verwirrt über alles, was gerade passierte. So tat er, was eher unüblich für ihn war: Er überließ Draco die Führung und ließ sich von ihm mitziehen.

Auf der anderen Seite des überfüllten Raumes blieb Draco vor einem der kleinen Tische stehen. Mehrere Pappkartons stapelten sich auf der Eckbank, die Draco kurzerhand auf den Boden räumte. Harry stand daneben und schaute zu.

"Du scheinst dich hier auszukennen", sagte er schließlich und griff ebenfalls nach einer der Kisten, die er kurzerhand unter die stoffbezogene Bank schob.

"Braucht ihr irgendwelche Hilfe?" Harry drehte sich um, als er die Worte hörte und sah in das freundliche Gesicht von Mike. Er warf einen Blick auf die Eckbank und schüttelte schließlich den Kopf. "Mal... äh Draco scheint alles im Griff zu haben", stellte er fest und deutete auf die Bank. "Ich hoffe, es stört dich nicht, dass wir die Kartons einfach weggeräumt haben." Mike grinste breit.

"Nicht im Geringsten", erklärte er und wandte sich dann an Draco. "Wenn sie euch stören, kannst du sie auch gerne ins Büro räumen. Ich hatte vorhin nur einfach keine Lust mehr dazu." Er griff in die Tasche seiner blauen Jeans, zog ein Schlüsselbund vor und warf ihn Draco zu.

"Fauler Hund", schimpfte Draco, als er den Schlüssel aufgefangen und in der Tasche seiner Hose hatte verschwinden lassen. "So kriegt man seinen Laden auch aufgeräumt." Mike schüttelte den Kopf.

"Nicht nur das", sagte er lachend. "Jetzt muss ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, wer hier nachher abschließt", erklärte er siegessicher. "Und ich muss nicht die ganze Nacht hier bleiben." Draco zog seine rechte Augenbraue hoch und sah Mike fragend an. Doch dieser schien nicht sonderlich daran interessiert, Draco weitere Erklärungen zu liefern. Stattdessen beugte er sich vor, küsste Draco auf die Wange und wandte sich dann ab.

Harry stand daneben und wusste nicht, was er sagen sollte. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass der Draco, den er zu kennen glaubte, sich einfach von Männern küssen lassen würde. Es sei denn ... Harry sah Draco an. Nein, die Idee war so abwegig wie nur irgendetwas und Harry verdrängte sie sofort wieder. Stattdessen ließ er sich auf der Bank nieder und war froh, als ein junges Mädchen zwei Gläser Bier auf den Tisch stellte. So konnte er sich wenigstens an etwas festhalten, während er Draco weiter beobachtete. Doch dieser schien sich im Moment eher für Mike als für seinen ehemaligen Klassenkameraden zu interessieren.

"Dachte ich es mir doch", sagte Draco schließlich. Erst jetzt drehte er sich um, ein zufriedenes, siegessicheres Lächeln im Gesicht. Er zog sich einen Stuhl heran und schob diesen so hin, dass sie sich schließlich gegenübersaßen. "Also erzähl mal! Was machst du so, wenn du dich nicht gerade in Muggelkneipen herumtreibst", forderte er Harry auf, mehr von seinem Leben zu erzählen und Dracos Neugier zu befriedigen. Harry zuckte zusammen und sah sich um. War das wirklich der richtige Ort, um sich mit Draco über seinen Beruf zu unterhalten?

"Todesser jagen", erklärte er leise, nachdem er sich versichert hatte, dass ihnen niemand zuhörte. "Unter anderem", schob er noch hinterher. In Gedanken war er immer noch mit der Szene beschäftigt, die sich eben vor seinen Augen abgespielt hatte und die er immer noch nicht deuten konnte.

"Das weiß ich", stellte Draco fest und verdrehte die Augen. "Ich meinte eher den geheimnisvollen Teil deines Lebens, über den man nicht in diversen Zeitungen lesen kann", sagte Draco. "Glückwunsch übrigens zur Beförderung."

"Ist schon ne ganze Weile her. Aber trotzdem danke", nuschelte Harry abwesend. Er hielt nach Mike Ausschau und entdeckte ihn schließlich auf der Tanzfläche. Mit einem Mann. Harrys Verstand versuchte, die Informationen zu verarbeiten. Doch dank der Biere, die er bereits viel zu schnell in sich hinein geschüttet hatte, schien sein Verstand derzeit auf Sparflamme zu laufen. Oder wehrte er sich einfach gegen die einzig logische Erklärung?

"Wir haben uns auch schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen." Draco beobachtete Harry nachdenklich. Es fiel ihm schwer, mit dem ehemaligen Klassenkameraden eine Unterhaltung zu führen, wenn dieser sich weniger für seinen Gesprächspartner als für den Rest der Gäste zu interessieren schien. Er hob die Hand, wollte Harry berühren, um dessen Aufmerksamkeit zu gewinnen, machte aber im letzten Moment einen Rückzieher. Vielleicht war die Vergangenheit doch noch viel zu gegenwärtig und vielleicht war Harry einfach nicht in der Lage, sie zu vergessen. Draco konnte es ihm nicht verübeln. Er senkte seinen Blick und starrte auf die helle Flüssigkeit in dem Glas. Vorsichtig pustete er in den Schaum und kam sich mit einem Mal vor wie ein unsicherer Teenager, der er in seiner Vergangenheit nie gewesen war.

"Mike ist schwul." Draco schrak hoch, als er Harrys Worte vernahm und sah in ein Paar grüne Augen. Das also war es gewesen, was Harry so beschäftigt hatte. Ein ungutes Gefühl machte sich in Dracos Magen breit.

"Stimmt auffallend", sagte Draco. "Ist das ein Problem für dich?", fragte er zögernd und wusste, dass er Angst vor der Antwort hatte. Dabei war es doch eigentlich lächerlich. Harry hatte ihn all die Jahre gehasst. Würde es einen Unterschied machen, wenn er es auch weiterhin tun würde? Eigentlich sollte es Draco doch völlig egal sein, warum Harry ihn ablehnte.

"Ich glaube nicht", erwiderte Harry zu Dracos Erstaunen und sah erneut zu Mike, beobachtet die beiden Männer, die sich dort auf der Tanzfläche zum Rhythmus der Musik bewegten. Ein Problem? Oh doch, er hatte ein Problem damit. Nur wahrscheinlich ein ganz anderes, als Draco vermutete. Je länger Harry die beiden Männer beobachtete, um so mehr musste er feststellen, dass ihm bei dem Anblick warm ums Herz wurde. Da waren zwei Menschen, die ganz offensichtlich verliebt waren und auch kein Problem damit hatten, es der Welt zu zeigen. Nein, Harry hatte kein Problem. Er war schlicht und ergreifend neidisch. Das war sein Problem. Es schien fast, als würde jeder ein glücklicheres Leben führen, als er es derzeit tat.

"Du glaubst?" Dracos Magen zog sich zusammen. Er griff nach dem Bier und trank es aus. Jetzt brauchte er Alkohol. Mit seiner freien Hand gab er der Kellnerin ein Zeichen, bevor er das leere Glas auf den Tisch stellte. "Wie meinst du das?"

Harry sah Draco an. Lange. "Nein, ich habe kein Problem damit", sagte er schließlich. "Sie sehen glücklich aus." Er sah auf den Tisch. "Beneidenswert", murmelte er und Draco begann zu ahnen, was mit Harry los war.

"Das sind sie wohl auch", sagte Draco. "Zumindest für heute Abend." Er beobachtete Harry, der damit beschäftigt war, sein Bierglas zwischen den Fingern hin und her zu drehen. Er hatte das Gefühl, als sei der Gryffindor mit seinen Gedanken an einem ganz anderen Ort. Erneut hob er die Hand und legte sie dieses Mal zögernd auf Harrys Unterarm. Harry hob den Kopf und sah ihn an. Dann umschlang er sein Glas, hob es an die Lippen und trank es aus.

"Ich war nicht hier, um mir das Haus nur anzusehen", sagte er schließlich, nachdem er das Glas auf den Tisch gestellte hatte. "Ich werde dort einziehen", sprach er zum ersten Mal laut aus, was bisher nur eine fixe Idee gewesen war, von der er längst noch nicht überzeugt war, dass er sie am Ende auch wirklich umsetzen würde.

"Du meinst wohl eher, dass ihr da einziehen wollt", korrigierte Draco und war nicht wirklich erstaunt, als Harry den Kopf schüttelte. Es war also wirklich wahr, was vereinzelte Eulen bereits seit längerer Zeit von den Dächern schuhuten. Die Ehe der Potters war am Ende. Er hätte es wissen müssen. Auf das, was seine beste Freundin Pansy erzählte, war schon zu Schulzeiten immer Verlass gewesen. Und selbst Astoria hatte bereits eine Bemerkung in diese Richtung gemacht. Auch wenn Draco noch immer nicht wusste, woher seine Frau etwas über die Ehe der Potters wissen konnte.

"Ich werde alleine dort einziehen", bestätigte Harry, was Draco bereits geahnt hatte. "Gleich, nachdem ich es ihr irgendwie beigebracht habe." Harry hob den Kopf und sah Draco an. Warum erzählte er ausgerechnet Draco Malfoy davon? Bisher hatte er ja nicht einmal mit Ron darüber gesprochen. Und Ron war immerhin sein bester Freund. Im Gegensatz zu Malfoy. Der ging bestenfalls als bester Feind durch. War er wirklich schon so betrunken? Er sah wieder auf sein Glas. Eigentlich hatte er doch nur Bier getrunken. Kein Getränk, das ihn normalerweise bereits nach wenigen Gläsern redselig werden ließ, auch wenn er die Wirkung des Alkohols bereits spürte. Schließlich riss er sich zusammen, versuchte zu lächeln und hob wieder den Kopf. "Blödes Thema! Lass uns über dich reden", versuchte er abzulenken.

"Ich glaube nicht, dass du es wirklich hören möchtest", gab Draco leise zu und überlegte krampfhaft, welche unverfänglichen Dinge seines Lebens er bereit war, preiszugeben. Am liebsten hätte er ihm alles erzählt, aber das war unmöglich. Harry würde ihn vermutlich verachten. Mehr noch, als er es in der Vergangenheit schon getan hatte. Er nahm seine Hand von Harrys Arm, ließ sie zu seiner anderen Hand auf den Schoß sinken und verknotete seine Finger.

"Komm schon, viel schlimmer als bei mir kann es wohl kaum sein." Harry sah Draco auffordernd an und überlegte, was er in den letzten Jahren über Draco Malfoy gehört und gelesen hatte. Es war vergleichsweise wenig gewesen, bedachte man Dracos Herkunft. Sicherlich, die Hochzeit war groß gefeiert worden und Bilder davon waren in allen bekannten und unbekannten Zeitungen zu sehen gewesen. Auch über die Geburt des Sohnes war berichtet worden. Aber das war auch schon so ziemlich alles gewesen. Im Großen und Ganzen war es in den letzten Jahren sehr ruhig um die Familie Malfoy geworden, nachdem sie in dem letzten, großen Prozess alle freigesprochen worden waren. Lucius Malfoy hatte es wieder einmal geschafft, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen und selbst Harry war heute bereit dem Oberhaupt des Clans abzunehmen, dass seine einzige Sorge immer der Familie gegolten hatte.

Die Kellnerin stellte zwei neue Gläser auf den Tisch und Harry griff sofort nach einem davon und begann zu trinken.

"Ich bin schwul." Draco beglückwünschte sich insgeheim dafür, wieder einmal einen seiner eigenen Pläne so glorreich über den Haufen geworfen zu haben. Unverfängliches hatte er erzählen wollen. Die Tatsache, dass er auf Männer stand, gehörte ganz sicher nicht in diese Kategorie. Er musterte den Mann gegenüber, der sein Glas langsam wieder abstellte. Hatte er früher in dem Gesicht des Klassenkameraden lesen können wie andere in einem Buch, so erkannte er in diesem Moment nichts. Die Ausbildung zum Auror hatte Harry Potter verändert und Draco war sich nicht sicher, ob ihm diese Veränderung gefiel.

Harry versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, dabei hätte er sich beinahe verschluckt. Ruhig setzte er das Glas ab und sah Draco erstaunt an. "Du hast gesagt, dass es nicht schlimmer sein könnte", rechtfertigte dieser sich. "Selbst schuld." Von wegen selber schuld. Draco stritt sich mit seinem eigenen Ich. Dabei hätte er es eigentlich kommen sehen müssen. Harry Potter hatte ihn schon immer dazu gebracht, seine eigenen Pläne über den Haufen zu werfen. Draco konnte längst nicht mehr zählen, wie oft er sich in ihren letzten Schuljahren vorgenommen hatte, den dummen Streit endlich zu beenden. Doch kaum hatten sie sich gegenübergestanden, waren all die guten Vorsätze vergessen gewesen.

"Wer hat denn gesagt, dass es schlimm ist?", fragte Harry. "Aber ich werde doch wohl noch ein wenig überrascht sein dürfen. Immerhin bist du schon ziemlich lange verheiratet." Er rechnete kurz nach. "Es müssen doch schon fast fünfzehn Jahre sein. Du musst zugeben, dass das irgendwie nicht so ganz zusammenpasst." Draco zuckte mit den Schultern.

"Ganz im Gegenteil", widersprach er. Jetzt, da der Kniesel aus dem Sack war, konnte Harry auch gleich die ganze Geschichte erfahren. "Es passt sogar ganz hervorragend. Genau genommen habe ich eigentlich die beste Ehefrau der Welt." Harry tippte sich mit dem Finger an die Stirn.

"Ich glaube, du willst mich veräppeln." Er schüttelte den Kopf, während er versuchte zu verstehen, was Draco ihm gesagt hatte. Er musste kapitulieren. Es passte einfach gar nichts zusammen.

"Glaub mir, es ist die Wahrheit. Allerdings eine ziemlich komplizierte. Warum deine Frau nicht hier ist, habe ich mittlerweile begriffen, aber hast du dich schon mal gefragt, warum Astoria nicht hier ist?" Harry überlegte einen Moment. Natürlich hatte er es sich gefragt, aber er war viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen und hatte vermutet, dass er einfach nicht der Einzige sei, der an diesem Abend die Flucht ergriffen hatte. Außerdem schien Draco nicht zum ersten Mal hier zu sein.

"Vermutlich, weil sie auf euren Sohn aufpasst, während du dich amüsierst. Irgendwie tut sie mir fast leid, auch wenn ich sie nicht wirklich kenne." Genau genommen konnte er sich nicht einmal daran erinnern, der heutigen Mrs Malfoy während ihrer Schulzeit je begegnet zu sein. Selbst an ihre ältere Schwester Daphne, die mit ihnen einer Klasse gewesen war, konnte er sich nur noch dunkel erinnern.

"Hey, du hast einen völlig falschen Eindruck, glaube ich", wehrte sich Draco. "Sie weiß sehr genau, was ich tue. So wie ich weiß, was sie tut. Und im Moment passt sie ganz bestimmt nicht auf Scorpius auf." Harry trank, während Draco sprach. "Vermutlich tanzt sie gerade mit ihrem Lover, oder stellt mit ihm Dinge an, die ich mir lieber nicht vorstellen möchte." Draco grinste und Harry hustete.

"OK, ich nehme alles zurück. Es ist schlimmer." Er hustete noch immer und versuchte, sein Glas abzustellen, ohne den Inhalt zu verschütten. "Du willst mir also allen Ernstes erzählen, dass eure Ehe eine Farce ist? Dass du schwul bist und deine Frau ein Verhältnis mit irgendeinem Kerl hat?" Er schüttelte ungläubig den Kopf und betrachtete seine Hand. Natürlich hatte er es nicht geschafft, sein Glas völlig unfallfrei abzustellen. Er wischte sich die Hand an der Hose ab.

"Ja, so in etwa schaut es aus. Nur ist es nicht irgendein Kerl. Die beiden sind schon seit Jahren zusammen." Harry schüttelte erneut den Kopf.

"Ich glaube das nicht", murmelte er vor sich hin. "Warum hat sie dann dich geheiratet und nicht ihn." Verständnislosigkeit machte sich in Harrys Kopf breit. Hatte er sein Leben für kompliziert gehalten, dann wurde ihm wohl gerade das Meisterstück serviert. Aber Draco Malfoy war schon immer gut für eine Überraschung gewesen und weit davon entfernt, ein normaler Zauberer zu sein.

"Weil er ein Muggel ist", erklärte Draco und wusste, dass Harry es nicht verstehen würde. "Er ist ein Muggel und sie eine reinblütige Hexe, der man jahrelang beigebracht hatte, dass Muggel quasi Aussätzige sind." Er sah Harry an. "Astoria hat nie etwas anderes kennengelernt als unsere Welt, sie hätte unter Muggeln nicht leben können. Ebenso wenig wie ich es damals gekonnt hätte. Mit einem Muggel in unserer Welt zu leben, das kam damals genauso wenig infrage. Und ich war damals ganz bestimmt nicht bereit, mein kleines Geheimnis im Tagespropheten zerpflücken zu lassen. Eine Ehe schien für uns beide eine ziemlich gute Lösung."

"Und war es eine gute Lösung?", wollte Harry wissen, der langsam zu begreifen begann, dass er nicht der Einzige war, der sein Leben auf den Vorstellungen anderer aufgebaut hatte.

"Die Beste. Wie schon gesagt, als Ehefrau und Mutter ist sie einsame Spitze und auf eine gewisse Weise liebe ich sie sogar."

"Deswegen lasst ihr euren Sohn auch alleine Silvester feiern. Findest du nicht, dass er dafür noch ein wenig jung ist?" Harry konnte sich nicht vorstellen, seinem Sohn die gleichen Freiheiten zuzugestehen. Immerhin war Albus erst dreizehn Jahre alt. Und selbst dem älteren James hatte er es nur erlaubt, weil er sehr genau wusste, wo sein Sohn war.

"Er ist nicht alleine. Das würde Astoria nie zulassen", erklärte Draco, während er etwas aus seiner Tasche zog und es auf den Tisch legte. Neugierig sah Harry zu, als Draco das Pergament entfaltete. Es war leer. Harry schaute fragend zu Draco. Dieser hob siegessicher die Hand, schaute sich kurz um und machte eine schnelle Bewegung. Harry zuckte zusammen, als er erkannte, was Draco in der Hand hielt.

"Bist du jetzt völlig verrückt geworden?", fragte er erschrocken und sah sich um. Doch niemand schien zu bemerken, was an dem kleinen Tisch vor sich ging. Und niemand schien das kleine Stück Holz in Dracos Hand zu sehen. Und wenn doch, würde es hoffentlich jeder als Silvestergag deuten und nicht als das, was es wirklich war. So verrückt konnte wirklich nur ein Malfoy sein, hier unter all den Muggeln den Zauberstab zu zücken. Bevor Harry eingreifen oder etwas sagen konnte, hatte Draco ein paar undeutliche Worte gemurmelt und das Pergament mit dem Zauberstab berührt. Und so schnell, wie er den Zauberstab in der Hand gehabt hatte, so schnell war dieser auch wieder verschwunden.

"Den Trick musst du mir bei Gelegenheit mal zeigen." Harry deutete auf Dracos Hand. Er wusste nicht, ob es wirklich dieser kleine Trick gewesen war, der in beeindruckt hatte. Vielleicht war es auch die Gelassenheit, mit der Draco Malfoy seinen Zauberstab benutzte, obwohl er sich mitten unter Muggeln befand. Oder war es einfach nur Draco Malfoy, der ihn beeindruckte? Harry verdrängte den Gedanken so schnell, wie er aufgekommen war.

"Gerne", erwiderte Draco. Und während er beobachtete, wie sich auf dem Pergament Linien zu Buchstaben formten, dachte er über die Worte seines Gegenübers nach. Konnten diese wenigen Worte wirklich bedeuten, dass sie sich nach diesem Abend wiedersehen würden? Oder maß er den beiläufigen Worten zu viel Bedeutung bei, hörte nur heraus, was er heraushören wollte? Die Buchstaben auf dem Pergament verschwammen, tauschten die Plätze und sortierten sich neu, als Draco beschloss, sich keine allzu großen Hoffnungen zu machen.

"Seltsam", murmelte er und wischte über das Pergament als könne er die Worte dadurch verändern. "Diese Adresse kenne ich überhaupt nicht", stellte er schließlich fest. Harry beugte sich ein kleines Stück vor, griff nach dem Pergament und drehte es so, dass er die Worte lesen konnte. Er stutzte.

"Aber ich kenne sie", sagte er und konnte das Lachen nicht lange unterdrücken. "Und ich glaube nicht, dass es dir sonderlich gefallen wird." Er schob das Pergament zu Draco und deutete mit seinem rechten Zeigefinger auf die Adresse.

"Das", sagte er betont langsam. "Das ist die Adresse von niemand anderem als von Ron und Hermione Weasley." Er lehnte sich zurück und musste wieder lachen.

"Sag mir bitte, dass das nicht dein Ernst ist." Ungläubig blickte Draco auf die Adresse und dann auf den lachenden Mann. Er sah erneut auf das Pergament und begann zu ahnen, dass Harry es tatsächlich ernst meinte.

"Doch, es ist mein Ernst. Das da ist eindeutig die Adresse von den beiden und ich weiß ganz zufällig, dass dort eine Silvesterparty steigt. Dein Sohn verbringt Silvester mit ..." Harry hielt inne. Schlagartig war ihm bewusst geworden, was die Adresse auf dem Pergament bedeutete. "Mit meinen Kindern", sagte er schließlich deutlich leiser.

"Ist ja reizend. Dann kann ich mir so langsam denken, wer denn der geheimnisvolle Freund ist, von dem mein Sohn mir nichts erzählen wollte." Er verdrehte die Augen. "Und es erklärt vermutlich auch, warum er deinen Sohn ganz OK findet", wiederholte Draco, was Scorpius vorhin zum Erstaunen seines Vaters von sich gegeben hatte.

"Na, es könnte ja immer noch die Tochter von Ron sein. Wer weiß, vielleicht hat sich dein Scorpius ja in eine Weasley verguckt." Bei der Vorstellung musste Harry erneut lachen.

"Mal bitte den Teufel nicht an die Wand, Harry", schnaufte Draco. "Mein Sohn wird nichts mit einer Weasley anfangen, solange er noch in meinem Haus wohnt", sagte Draco entschlossen. "Und wenn es nach mir geht, auch danach nicht."

"Findest du es wirklich so schlimm?", fragte Harry. Schließlich war er auch mit einer Weasley verheiratet. "Rose ist nett und ziemlich intelligent." Draco verzog die Mundwinkel.

"Nein, eigentlich finde ich es nicht so schlimm", gestand er schließlich. "Aber ich bin ein Slytherin. Ich muss mich doch erst mal aufregen, wenn du andeutest, dass mein Sohn etwas mit einer Gryffindor haben könnte, oder? Mal ganz davon abgesehen, dass er für so etwas auch noch viel zu jung ist." Harry lachte. Nein, im Grunde hatte Draco sich doch nicht sonderlich verändert. Er war nur ein wenig umgänglicher geworden. Doch vielleicht lag das auch einfach nur am Bier.

"Schlimm finde ich eigentlich nur, dass er mir nichts davon erzählt hat. Gut, er verbringt Silvester mit einem Haufen Gryffindor. Aber daran ist doch eigentlich nichts Dramatisches. Was meinst du, warum er es mir nicht erzählt hat?" Draco sah Harry fragend an.

"Nun", setzte Harry zu einer Erklärung an. "Als wir Albus vor zwei Jahren zum Zug brachten, war seine größte Angst, dass der Hut ihn nach Slytherin schicken würde. Und ich glaube, daran waren wir nicht ganz unschuldig." Er wusste nicht, wie er es erklären sollte. Es war nicht so, dass er seinen Kindern Horrormärchen über die Slytherin erzählt hatte. Eher im Gegenteil.

Natürlich hatte er mit seinen Kindern über seine eigene Zeit in Hogwarts gesprochen. Doch irgendwie war es ihm immer wieder gelungen, Voldemort und den Krieg bei diesen Erzählungen zu verdrängen. Selbstverständlich hatten seine Kinder danach gefragt. Ihm war jedoch immer eine passende Ausrede eingefallen. Hatte er sich anfänglich selbst eingeredet, seine Kinder seien noch zu klein, um von Voldemort zu hören, so hatte er sich später eingestehen müssen, dass er es war, der die Erinnerung nicht verkraftete. Und so war auch der Streit zwischen Gryffindor und Slytherin nie wirklich ein Thema gewesen. Wie alles andere, so hatte Harry auch diesen Teil seiner Vergangenheit erfolgreich verdrängt.

"Vermutlich hast du recht", sagte Draco nachdenklich. Harry sah ihn erstaunt an. "Naja, ich habe Scorpius wenig über die Vergangenheit erzählt. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater. Und seine Einstellung zu den Weasleys hat sich nicht sonderlich geändert." Er sah Harry entschuldigend an. Doch diesen beschäftigte etwas anders viel mehr.

"Seit wann gibst du mir recht", fragte Harry schließlich erstaunt. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sie in der Vergangenheit je einer Meinung gewesen waren. Eigentlich hatten sie doch nie eine Möglichkeit ausgelassen, sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf zu werfen. Draco zog die Schultern hoch.

"Irgendwann nach dem fünften oder sechsten Bier habe ich wohl meine Vernunft eingepackt." Er deutete auf das Glas vor sich. "So genau weiß ich das gar nicht mehr."

Ein melodisches Klingeln riss ihn aus seinen Gedanken. Fast schon hektisch durchsuchte Draco seine Hosentasche, bis er ein kleines Mobiltelefon hervor zog. "Du entschuldigst mich einen Moment", wandte er sich an Harry. Bevor dieser jedoch antworten konnte, hatte Draco längst auf eine Taste seines Telefones gedrückt.

"Hallo Astoria", hörte Harry ihn sagen. Er wandte sich seinem Bier zu. Warum störte es ihn, dass Dracos Frau anrief? Nachdenklich blickte er in das halb volle Glas, während er mit seiner rechten Hand in die Hosentasche griff und sein Telefon herausholte. Einen Moment lang zögerte er, dann schaltete er es aus. Er wollte nicht angerufen werden. Nicht heute Abend.

"Nett wie immer." Ganz offensichtlich hatte Astoria sich nach etwas erkundigt. "Du wirst niemals erraten, wen ich getroffen habe", sagte er und Harry wurde hellhörig. Draco würde doch nicht etwa …

"Völlig falsch. Nein, eigentlich nicht völlig falsch. Natürlich ist Mike hier. Ich soll dich übrigens grüßen, aber ich meinte eigentlich jemand anderes." Draco verstummte und Harry ahnte, das Astoria gerade eine lange Liste von Freunden durchging.

"Auch falsch. Ich sagte doch, du wirst es nicht erraten. Vielleicht erzähle ich es dir morgen." Wieder hörte Harry eine leise Stimme aus dem Handy. Dann lachte Draco. "Vergiss es, Darling. Du bist viel zu neugierig. Aber mal was ganz anderes." Er hielt inne und schien wieder zuzuhören.

"Nein, auch nicht. Glaub mir, du kommst nicht drauf. Sag mal, hast du eine Ahnung, wo sich unser Sohn herumtreibt?" Am anderen Ende war es einen kurzen Moment still, doch dann setzte die helle Stimme wieder ein.

"Du hast es gewusst? Und warum hat mir niemand etwas davon erzählt?" Wieder Ruhe, dann ein paar schnelle Worte. "Was soll das heißen? Ich bin doch kein Monster." Langsam wurde Harry neugierig.

"Ich habe Scorpius gar nichts erzählt. Wie kommst du denn auf diese Idee. Ich glaube, ich sollte mal ein ernstes Wort mit unserem Sohn sprechen." Dracos Gesicht war ernst geworden. Sein Blick wanderte kurz zu Harry.

"Nein, ich werde ihm ganz bestimmt keine Vorwürfe machen." Draco schien sich zu rechtfertigen. "Lass uns morgen darüber reden, Astoria. Ich glaube, ich muss jetzt was erledigen." Er schwieg wieder.

"Nein, ich werde weder ihm noch dir den Abend verderben. Versprochen." Die Stimme am anderen Ende war lauter geworden. "Grüß Chris von mir und sag ihm, er soll dich gefälligst nach Hause bringen. Sonst muss ich mit ihm mal ein ernstes Gespräch von Ehemann zu Liebhaber führen." Die Stimme wurde wieder leiser.

"Du hast getrunken, Astoria. Lass uns das wirklich morgen besprechen. Aber wenn du es wirklich willst, werde ich dir ganz bestimmt nicht im Weg stehen. Das habe ich dir immer gesagt." Er lächelte. "Bis morgen, Darling." Er nahm das Telefon vom Ohr und drückte eine Taste.

"Sie hat wirklich einen Liebhaber", stellte Harry erstaunt fest. Bis gerade eben hatte er diese Geschichte immer noch nicht recht glauben wollen.

"Na, habe ich doch gesagt", erwiderte Draco fast schon ein wenig trotzig. "Im Moment ist sie allerdings mal wieder in ihrer 'Ich-will-ihn-heiraten-Phase'. Und ich glaube fast, dieses Mal meint sie es wirklich ernst." Draco steckte das Telefon zurück in die Tasche und sah dann Harry an.

"Sie wusste übrigens, dass Scorpius mit deinem Sohn befreundet ist. Und das schon seit ihrer ersten Woche in Hogwarts." Er griff nach seinem Bier und trank es aus. "Und sie weiß auch, wo er jetzt gerade ist." Er stellte das leere Glas auf den Tisch. "Ich muss wirklich ein Monster sein, wenn meine Frau und mein Sohn Angst haben mir zu erzählen, dass der beste Freund meines Sohnes niemand anderes als Albus Potter ist." Er sah Harry an. "Dabei finde ich das eigentlich sogar ziemlich gut."

"Wirklich?", fragte Harry erstaunt. Draco nickte.

"Und ich glaube, das sollte ich meinem Sohnemann mal klar machen." Er stand auf, ging um den Tisch herum und griff nach Harrys Hand. "Komm", forderte er ihn auf. Harry sah ihn fragend an. Was wollte Draco?

"Ich kann nicht tanzen", sagte Harry schließlich.

"Bringe ich dir auch noch bei", versprach Draco. "Aber ich will nicht tanzen. Ich will mit meinem Sohn reden." Seine Stimme klang entschlossen. Harry erschrak.

"Wie? Jetzt? Das ist nicht dein Ernst, Draco. Du kannst da jetzt nicht hin." Alles in Harry sträubte sich. Er wollte diese Kneipe nicht verlassen. Es kam ihm vor, als sei da draußen eine andere Welt, die er im Moment gerne vergessen wollte. Und schon gar nicht wollte er dahin zurück.

"Harry, mein Sohn glaubt allen Ernstes tatsächlich, ich würde ihm den Kopf abreißen, weil er Silvester mit deinem Sohn verbringen will." Er drückte Harrys Hand. "Hat dein Sohn dir davon erzählt?", fragte er und Harry konnte es nur verneinen.

"Ich habe doch schon gesagt, dass es vermutlich unsere Schuld ist, aber daran können wir heute wohl nichts mehr ändern." Er blieb sitzen.

"Und nur unsere Schuld. Denn scheinbar wusste Hermione auch davon", sagte Draco. Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit.

"Muss sie wohl, wenn die Feier in ihrem Haus stattfindet", gab Harry zu bedenken. "Und ich denke mal, unsere Kinder sind dort gut aufgehoben. Ginny ist schließlich auch dort und sie würde ganz sicher nicht zulassen, dass auch nur einem Kind etwas passiert. Auch nicht deinem Sohn."

"Verdammt, darum geht es doch gar nicht!" Draco fuhr sich mit der freien Hand durch das blonde Haar. Er zog erneut an Harrys Hand. Doch Harry hatte nicht vor, diese Kneipe in diesem Jahr noch zu verlassen.

"Findest du nicht, dass du mit Albus darüber reden solltest, Harry", versuchte es Draco jetzt mit deutlich sanfterer Stimme. Nur Harrys Hand ließ er nicht los und Harry schien sie ihm auch nicht entziehen zu wollen.

"Aber doch nicht jetzt, Draco." Harry seufzte und begann zu erkennen, dass Draco so schnell nicht aufgeben würde. "Nicht heute Abend."

"Wann denn dann?", wollte Draco wissen.

"Nächstes Jahr", schlug Harry vor. "Oder noch besser erst, wenn sie erwachsen sind. Vielleicht, wenn sie ihren Schulabschluss haben." Er wollte nicht zugeben, dass er dieses Gespräch schon viel zu lange vor sich herschob. Wie sollte er seinem Sohn erklären, was damals passiert war. Vieles davon verstand er heute selbst nicht mehr und an noch viel mehr wollte er gar nicht denken. Viel zu düster waren die Erinnerungen. Albus wusste, von wem er seine Namen hatte, aber er wusste nicht, dass Harry sich noch immer die Hauptschuld für all die Toten gab. Das wusste niemand und Harry versuchte, es zu verdrängen. Und noch etwas hielt ihn davon ab, jetzt zu seinem Sohn zu gehen: Seine Frau. Nur einen Abend lang wollte er es vergessen. Nur diesen einen Abend.

"Nein", widersprach Draco energisch. "Wir werden es ganz sicher nicht weiter vor uns herschieben. Und was könnte besser sein, als wenn wir es ihnen gemeinsam erklären. Dann müssen sie doch einsehen, dass wir nichts gegen diese Freundschaft haben." Siegessicher versuchte Draco wieder Harry von der Bank zu ziehen. Dieses Mal hatte Harry nicht aufgepasst und Draco schaffte es. Harry stolperte und fiel in Dracos Arme. Einen kurzen Moment lang trennten sie nur Zentimeter und Harry spürte die Wärme die Dracos Körper ausstrahlte. Doch dann ließ Draco ihn auch schon los und murmelte etwas, von dem Harry kein einziges Wort verstand. "Lass uns gehen", sagte er schließlich deutlich genug und ging voraus. Harry blieb stehen.

"Draco", rief er gerade laut genug, dass Draco ihn hören musste. Er blieb stehen und drehte sich um. "Draco, ich kann da jetzt nicht hin. Da sind nicht nur unsere Kinder", versuchte er zu erklären.

"Das ist mir schon klar. Aber mein Sohn ist mir wichtiger. Soll Ron doch durchdrehen. Ich bin immer noch ein besserer ..." Er hielt inne, sah sich um und grinste als ihm bewusst wurde, was er beinahe gesagt hätte. Schließlich machte eine Bewegung als würde er einen Zauberstab schwingen.

"Es geht nicht nur um Ron", widersprach Harry. "Eigentlich geht es gar nicht um ihn. Mit ihm werde ich fertig", sagte er leise. Wusste aber, dass es nicht stimmte. Er hatte eine vage Vorstellung von dem, was Ron mit ihm anstellen würde, wenn er Ginny verlassen würde. Ron war gutmütig. Meistens. Wenn es jedoch um seine Familie ging, konnte er unberechenbar werden. Doch im Moment war Ron sicher nicht seine größte Sorge.

"Irgendwann wirst du mit ihr reden müssen. Vielleicht fällt es dir leichter, wenn du betrunken bist. Und wenn sie auf dich losgehen will, bin ich ja auch noch da", versuchte Draco den anderen zum Lachen zu bringen. Er konnte nur ahnen, dass der Schritt alles andere als leicht für Harry werden würde.

"Draco Malfoy als mein Beschützer, dass ich das noch erleben darf." Harry versuchte zu lachen. "Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, da hätte ich gerne jemanden gehabt, der mich vor dir beschützt." Er wurde wieder ernst. "Ich kann es wirklich nicht, Draco."

"Du willst nicht", stellte Draco fest. "Hätte nicht gedacht, dass Harry Potter so ein Feigling ist", versuchte er ihn zu überlisten. Früher hatte es funktioniert.

"Das hat mit Feigheit nichts zu tun. Ich will sie einfach nicht verletzen. Das hat sie nicht verdient." Draco seufzte leise, als er Harrys Worte hörte. Gut, er war nicht nur älter geworden, er ließ sich auch nicht mehr so leicht provozieren. Nicht alles währte ewig. Dann musste er es eben anders versuchen.

"Meinst du, so ist es besser für sie?", fragte Draco. "Glaubst du wirklich, sie merkt nicht, dass etwas nicht in Ordnung ist?" Harry schwieg. Natürlich wusste er, dass Draco recht hatte. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er Angst vor dem Gespräch hatte. Es war ihm schon immer schwergefallen, andere Menschen wissentlich zu verletzen. Und genau das würde er tun. Er musste es tun, irgendwann. Das wusste wohl niemand besser als er selbst. Aber nicht heute Nacht.

"Komm schon. Im schlimmsten Fall kannst du morgen alles auf den Alkohol und meinetwegen auch auf mich schieben. Den guten alten Imperius beherrsche ich nämlich immer noch." Draco war langsam mit seiner Weisheit am Ende. Er wusste nicht, wie er Harry überzeugen sollte. Und er wollte auf keinen Fall alleine gehen. Die Idee ihren beiden Söhnen zu zeigen, dass die Feindschaft zwischen Harry Potter und Draco Malfoy der Vergangenheit angehörte, gefiel ihm beinahe so gut wie die Gesellschaft von Harry.

"Blödmann", kommentierte Harry die Worte und musste grinsen. Er wusste längst, dass er kaum eine andere Möglichkeit hatte, als Draco zu begleiten. Einerseits wollte er ihn ganz sicherlich nicht alleine in die Höhle des Löwen schicken und andererseits musste er sich eingestehen, dass er die Nähe des ehemaligen Klassenkameraden genoss. Und vielleicht, nur ganz vielleicht, würde es ihm wirklich helfen, wenn er Draco in seiner Nähe hatte. Denn eines war sicher. In dem Moment, in dem er Ginny vor vollendete Tatsachen stellte, dürfte er ziemlich alleine dastehen. Dass dann ausgerechnet Draco der Einzige sein sollte, den er noch auf seiner Seite wusste, war zwar ungewöhnlich aber irgendwie beruhigend.

"Also gut", gab Harry schließlich nach. "Dann lass es uns schnell hinter uns bringen." Er atmete tief durch. "Aber keine Beleidigungen für Ron und keine Vorwürfe für die Kinder", forderte er und sah Draco an.

"Versprochen", sagte Draco und Harry glaubte ihm. Schweigend drängelten sie sich an den Gästen vorbei zum Ausgang. An der Tür blieb Harry stehen und drehte sich noch einmal um. Es kam ihm vor, als würde eine Welt verlassen, um eine andere zu betreten. Und doch sagte ihm eine kleine Stimme, dass er nicht zum letzten Mal hier gewesen war. Harry drehte sich um und folgte Draco hinaus in die Dunkelheit.