3. Ein neues Leben

Am nächsten Morgen wachte ich aus einem traumlosen Schlaf auf. Das Bett in Zimmer 12 war unglaublich weich gewesen und sogar das Essen war einigermaßen akzeptabel gewesen. Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Kleine Strahlen des Sonnenlichts fielen durch die löchrigen Vorhänge vor den dreckigen Fenstern und ich war mir sicher, dass Spinnen auf dem Dach des Himmelbettes herumkrabbelten. Ein Schauder lief mir den Rücken herunter und ich stand schnell auf.

Gegenüber dem Bett stand ein altmodischer Waschtisch mit Spiegel, Wasserkanne und Schüssel. Der Kamin war aus, doch es war auch so recht warm im Zimmer. Ich goss warmes Wasser (bestimmt war es durch einen Zauber warm gehalten worden) in die Schüssel und wusch mir damit das Gesicht. Die Augenringe warnen nicht mehr so schlimm, doch mit Mrs. Coopers Concealer waren sie sogar noch unauffälliger gewesen.

Nachdem ich mit waschen und anziehen fertig war blickte ich noch einmal auf das ungemachte Bett und überlegte, ob ich es so zurücklassen konnte. Ich entschied mich dagegen und machte die Decke und das Kissen schnell ordentlich bevor ich die Tür leise öffnete und hinter mir schloss. Auf dem Flur war es ruhig, bis auf das laute Schnarchen, was aus Zimmer 15 zu hören war. Ich lief langsam auf die Treppe zu und betrat den Schankraum unten. Würde Mrs. Cooper schon auf mich warten? Und wenn nicht, was sollte ich dann dort alleine machen?

Als ich am Fuß der Treppe angekommen war überblickte ich schnell den Raum. Keine Mrs. Cooper. Anscheinend schlief sie noch. Während ich noch abwägte mich wieder zurück auf mein Zimmer zu schleichen kam auch schon der Besitzer Tom auf mich zu.

„Haben Sie gut geschlafen Miss Prince?", fragte er mich höflich und zum ersten Mal wünschte ich mir, dass ich ein wenig selbstbewusster wäre. Stattdessen nickte ich nur leicht und fragte mich warum in der hinteren dunklen Ecke drei Zauberer zusammengesunken auf ihren Stühlen saßen. Waren sie…?

„Oh, die schlafen nur", sagte Tom, der meinem Blick gefolgt war. „Es ist gestern Nacht sehr spät gewesen."

Und jetzt grinste er mich an und wies auf einen Tisch in der Nähe der Treppe. Ich setzte mich und fragte mich, was Tom noch von mir wollte, als er schon wieder zu reden begann.

„Möchten Sie schon etwas essen? Sie sehen sehr hungrig aus."

Ich wollte das gerade verneinen, als mein Magen protestierend knurrte. Also nickte ich wieder.

„Und was hätten Sie gerne? Eine Aalsuppe oder lieber ein frisches Stück Leberpastete?"

„Äh…", ich sah ihm fragend in die Augen. „Haben Sie vielleicht auch einfach nur ein Toast?"

Er nickte. „Und zum trinken?"

„Orangensaft?", fragte ich leise. Wahrscheinlich hatten sie hier eh nur Bier und Wasser.

„Äh… was halten Sie von einem kühlen Glas Kürbissaft? Er wird ihnen bestimmt gut schmecken", sagte Tom und verschwand in der „Küche".

Doch ich irrte mich mit der Annahme, dass er dort kein Toast hinbekommen würde und mir trotz allem Leberpastete geben würde (bei dem Gedanken wurde mir übel). Fünf Minuten später kam er mit drei Toast und einem Becher Saft zurück. Ich roch erst einmal an dem Getränk und nahm dann einen kleinen Schluck. Das Getränk war wirklich schön kühl und schmeckte leicht süßlich. Ich war erleichtert und traute mich jetzt auch das Toast zu kosten.


Am Samstagabend war es dann so weit. Ich musste nur noch einmal schlafen und dann würde ich mit meinen ganzen Sachen nach Hogwarts fahren und dort auch bleiben. Für ein Jahr. Zwischen anderen Jugendlichen, die so wie ich waren. Vor Aufregung konnte ich nicht schlafen und ließ mir noch einmal alle Sachen durch den Kopf gehen, die ich in den letzten Tagen gelernt hatte. Ich hatte durch meine Bücher geblättert und besonders das Zaubertränkebuch hatte mich sehr gefesselt und ich freute mich irgendwie auch schon diese ekelhaften Zutaten zu verwenden. Außerdem hatte ich mitbekommen, dass es eine magische Zeitung gibt, die „Der Tagesprophet" heißt und, dass alle Bilder sich bewegen. Nicht nur Fotos, sondern auch Gemälde. Es war wirklich erstaunlich wie viel man mit der Magie alles bewirken konnte.

Heute früh hatten Mrs. Cooper und ich die Zaubererbank Gringotts besucht. Gringotts war das große, weiße Gebäude in der Winkelgasse, das wir bis jetzt noch nicht betreten hatten und ich hatte mich über die seltsamen Gestalten in der Bank gewundert. Kobolde hatte Mrs. Cooper sie genannt. Wir waren zielstrebig auf einen Kobold zugelaufen und dann hatte Mrs. Cooper einen kleinen goldenen Schlüssel abgegeben und gesagt, dass ich gerne zu meinem Verließ wolle. Ich fand das ein wenig sehr seltsam, doch das war noch gar nichts im Vergleich zu der Fahrt in den unterirdischen Tunneln gewesen. Ich hatte mich vor Angst an den eisernen Griffen festgeklammert gehabt und die Luft angehalten. Achterbahnen hatte ich noch nie gemocht. Als wir am Verließ angekommen waren hatte ich noch ein wenig länger im Wagen gesessen und mir die schweißnassen Hände an der Hose abgewischt. Das Verließ war wirklich riesig und auch der beträchtliche Geldbetrag, der darin lag war nicht gerade klein.

Mrs. Cooper hatte mir erklärt, dass darin auch Geld wäre, das mir meine leiblichen Eltern gegeben hätten, zusammen mit dem von Tante Eileen. Immer noch reichlich überwältigt, hatte mir Mrs. Cooper einen Beutel in die Hand gedrückt und gesagt, dass ich mir etwas Geld für Hogwarts mitnehmen solle, damit ich mir auch dort etwas kaufen könne.


Ein Klopfen an der Tür ließ mich zusammenfahren und ich verkroch mich noch tiefer unter der Decke. Durch die Tür hörte ich Mrs. Coopers gedämpfte Stimme.

„Lucy? Du musst jetzt aufstehen. Ich warte unten auf dich."

Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es schon fast mittags war.

Wie lange habe ich denn geschlafen?

Müde schlug ich die Bettdecke zurück und kam langsam auf die Beine. Zehn Minuten später saß ich neben Mrs. Cooper am Tisch im Schankraum. Tom brachte mir mein Tägliches Toast und einen Becher Kürbissaft und Mrs. Cooper aß eine seltsam aussehende Suppe.

„Hast du gut geschlafen, Lucy Schatz?", fragte sie, während sie in ihrer Suppe rührte.

„Ja… nein… eigentlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wann ich eingeschlafen bin…", sagte ich und knabberte an meinem Toast.

„Du bist bestimmt sehr aufgeregt", sagte Mrs. Cooper. „So weit ich mich erinnern kann, gab es bis jetzt noch nie eine Hexe, die vor der magischen Welt versteckt gehalten wurde. Bis auf Harry Potter natürlich, aber das ist ja auch eine ganz andere Geschichte…"

„Ich weiß", sagte ich. „Übrigens hatte der Tagesprophet gestern von ihm geschrieben. Sie sagen, dass er ein Lügner ist und, dass Dumbledore nur an dem Ministerium interessiert ist."

„Ja, das schreiben sie schon den ganzen Sommer über. Diese Rita Kimmkorn und diese anderen tollen Reporter… Glaub mir, du willst ihnen garantiert nie begegnen, aber… hmmm… nun ja, das wird sich bei deiner Situation wohl schwer vermeiden lassen… Ich werde sehen was ich tun kann…", sagte Mrs. Cooper ein wenig abwesend.

Ich aß mein Toast still weiter. Als wir fertig waren stand Mrs. Cooper auf und wies mich an ihr zu folgen. Ich folgte ihr in einen kleineren Raum mit einem Kamin. Erst beim zweiten hinsehen bemerkte ich den Wirt Tom, der neben meinen beiden Koffern und meiner Eule Athene stand. In seiner Hand hielt er einen Becher.

„Wir werden jetzt mit Flohpulver reisen", sagte Mrs. Cooper und ich lief mit zu Tom.

Ich sah beide fragend an und Mrs. Cooper nahm den Becher in die Hand.

„Du nimmst dir eine Prise Flohpulver in die Hand, stellst dich in den Kamin, sagt wo genau du hinreisen möchtest und wirfst das Pulver vor dich", erklärte Mrs. Cooper und gab mir meinen kleinen Koffer mit den Zaubertrankzutaten und den restlichen Schulsachen.

Unsicher nahm ich mir eine Prise von dem seltsamen Pulver und trat zaghaft auf den Kamin zu.

„Nur keine Angst", ermutigte mich Mrs. Cooper. „Du sagt einfach nur „Zu den drei Besen", aber du musst klar und deutlich reden."

Ich nickte und stellte mich in den Kamin. Ich räusperte mich kurz und sprach dann klar und deutlich: „Zu den drei Besen." Plötzlich loderten grüne Flammen auf und ich hätte beinahe den Koffer fallen gelassen. Dann ging alles sehr schnell und wenige Minuten später stand ich in einem leeren Schankraum. Doch es war nicht der Tropfende Kessel. Ich trat aus dem Kamin heraus und eine wohlproportionierte Frau kam auf mich zu. Bevor sie mich erreicht hatte erschien Mrs. Cooper mit meinem Schrankkoffer und Athene in der Hand im Kamin.

„Ah, Rosmerta", begrüßte sie die Frau. „Es ist doch okay, dass wir jetzt schon hier sind? Wir waren nämlich schon ein bisschen früher fertig."

„Keine Sorge, Mrs. Cooper", antwortete die Frau und sah mich an.

„Und du bist Miss Pince?", fragte sie und beäugte mich kritisch.

„Ähm… nein", sagte ich. Ihr abschätzender Blick hatte mir ganz und gar nicht gefallen. Als sie meine Worte hörte breitete sich ein entschuldigendes Lächeln über ihr Gesicht aus. „Ich bin Lucy Prince."

„Oh, da hatte ich wohl etwas verwechselt", lachte sie. „Ich dachte du wärst Madam Pinces Tochter. Sie ist die Bibliothekarin oben in Hogwarts – und unter uns, sie hat mich nie leiden können, weil ich immer die Angewohnheit hatte beim lesen in der Bibliothek einzuschlafen."

Ich lächelte sie an. „Das macht doch nichts."

„Ich bin Madam Rosmerta", sagte die Frau und lächelte zurück.

„Gut, wir müssen dann auch schon weiter", sagte Mrs. Cooper zu mir uns Madam Rosmerta.

„Komm an den Wochenenden mal hier vorbei", sagte Madam Rosmerta zum Abschied. „Du bekommst auch ein gratis Butterbier."

Ich nickte und dann liefen Mrs. Cooper und ich nach draußen auf die leere Straße. Für den September war es schon relativ warm und die Sonnenstrahlen fielen auf meine blauen Chucks. Plötzlich hielt ich beim laufen inne.

„Was ist denn Lucy?"

„Ich habe doch noch gar nicht meine Schuluniform an", stellte ich ein wenig erschrocken fest.

„Das ist nicht so schlimm", sagte Mrs. Cooper beruhigend. „Ich habe bei Minerva McGonagall nachgefragt und sie hat gesagt, dass es okay ist, wenn du deine Uniform erst trägst, wenn der Hut dich eingeteilt hat."

Ich schluckte. Die Auswahlzeremonie. Die hatte ich schon ganz vergessen gehabt…

Am Ende der Straße wartete eine große, schlanke Hexe mit einem strengen Dutt auf uns. Ich wusste gleich, dass sie nicht der Typ Lehrer war, der im Unterricht zu Scherzen aufgelegt war. Mit einem mulmigen Gefühl folgte ich Mrs. Cooper und hoffte, dass sie sich jetzt nicht gleich in Luft auflösen würde.

„Hallo Miss Prince", begrüßte mich die Frau. „Ich bin die Stellvertretende Schulleiterin Minerva McGonagall."

„Hallo", sagte ich und schüttelte die kühle Hand der Frau.

„Hallo Mrs. Cooper", begrüßte Minerva McGonagall meine Begleiterin.

Mrs. Cooper bedachte sie mit einem warmen Lächeln.

„Ich hoffe, dass sie noch nicht lange auf uns gewartet haben?"

„Aber nein, ich bin auch gerade eben erst hier angekommen", antwortete Minerva McGonagall. „Können wir jetzt losgehen?"

Mrs. Cooper nickte und wir setzten uns in Bewegung. Nach zwei Minuten hatten wir das Dorf hinter uns gelassen und waren an einer Weggabelung angekommen. Die Richtung in die wir liefen führte nach „Hogwarts". Wir kamen an einem Wald vorbei und als wir um die Ecke bogen sah ich auf einmal ein riesiges Schloss vor uns. Staunend blieb ich stehen und betrachtete es genauer. Es war wirklich riesig und hatte sehr viele Türme und Erker. Als ich das Schloss fertig bestaunt hatte setzten wir unseren Weg fort.

„Die Erstklässer werden eigentlich immer über den See zum Schloss gefahren, doch wir haben uns gedacht, dass es einfacher ist, wenn wir zu Fuß nach Hogwarts laufen. So siehst du auch mehr von der Gegend und kennst auch schon den Weg nach Hogsmead", brach Minerva McGonagall plötzlich das Schweigen.

Ich nickte und folgte ihr schweigend weiter.


Dunkel ragte Hogwarts vor mir auf. Ich folgte Minerva McGonagall durch das Schlossportal und trat in die größte Eingangshalle, die ich je gesehen hatte. Wir bogen nach rechts ab und liefen durch leere, lange Korridore. Nach einiger Zeit kamen wir vor einem riesigen, steinernen Vogel an.

„Zuckerguss", sagte Minerva McGonagall und plötzlich begann sich die Statue zu bewegen und gab den Weg auf eine Treppe frei.

Mrs. Cooper und ich folgten Minerva McGonagall die Treppe nach oben. Vor einer Tür angekommen blieb sie stehen.

„Dort drinnen wirst du gleich vier Leute treffen", sagte Minerva McGonagall. „Nicht das du dich erschrickst."

Ich nickte und sie öffnete die Tür. Im Raum war es hell. Gegenüber von der Tür stand ein Schreibtisch, um den vier Leute standen. Der Älteste von ihnen stand hinter dem Schreibtisch und hatte einen langen weißen Bart und eine Brille mit halbmondförmigen Gläsern. Vor dem Schreibtisch standen eine Frau und zwei Männer (einer der Männer war wirklich klein gewachsen). Da sie mit dem Rücken zu uns standen drehten sie sich um, als der weißbärtige Mann sagte: „Da sind sie ja, Miss Prince."

Der Erste, der sich sofort umdrehte war einer der beiden Männer. Er war jünger, als alle anderen im Raum und hatte schulterlange, glatte, schwarze Haare. Als er mich sah huschte für einen kurzen Moment etwas über sein Gesicht, doch ich konnte nicht genau sagen, was es war. War es Misstrauen oder Erstaunen gewesen oder war ihm etwas eingefallen, das er noch unbedingt machen musste?

„Hallo", sagte ich etwas spät.

„Hallo, ich bin Albus Dumbledore, der Schulleiter von Hogwarts", begrüßte mich der Mann mit dem langen Bart und kam hinter dem Schreibtisch hervor.

Der andere Mann kam auch auf mich zu. Er ging allen Anwesenden ungefähr bis zur Hüfte und hatte eine quiekende Stimme.

„Herzlich Willkommen in Hogwarts, Miss Prince. Ich bin Professor Flitwick und der Leiter von Ravenclaw", sagte er und schüttelte meine Hand.

„Und ich bin Professor Sprout und die Leiterin von Hufflepuff. Hoffentlich werden sie hier eine schöne Zeit haben, Miss Prince", sagte die Frau.

Sie war etwas rundlich und hatte kurzes gelocktes Haar. Ich fand sie sofort symphatisch.

„Ich bin Professor Snape", sagte der große junge Mann, der mich bereits ausgiebig gemustert hatte mit überraschend tiefer Stimme. „Leiter von Slytherin. Ich hoffe, dass sie mehr Interesse am Unterricht zeigen werden, als gewisse andere Schüler in ihrem Alter."

Ich blickte unschlüssig zu Mrs. Cooper, doch diese zuckte nur mit den Schultern.

„Mich kennen sie ja bereits schon", sagte Minerva McGonagall, die einen seltsamen alten Hut und einen kleinen dreibeinigen Stuhl in der Hand hielt. „Ich bin Professor McGonagall und die Leiterin vom Hause Gryffindor und außerdem die Stellvertretende Schulleiterin."

Sie stellte den Stuhl ab und sah mich auffordernd an.

„Soll ich mich jetzt auf den Stuhl setzen?", fragte ich.

Prof. McGonagall nickte, doch ich zog eine Augenbraue hoch.

„Wird der Stuhl mein Gewicht überhaupt aushalten?", fragte ich leise.

Professor Sprout lächelte belustigt und Professor Snape ließ ein Schnauben hören.

„Natürlich", sagte Prof. McGonagall deren Mundwinkel verräterisch zuckten.

Vorsichtig ließ ich mich auf dem kleinen Stuhl nieder (es war offensichtlich, dass er für jüngere Schüler gedacht war). Nervös blickte ich die Lehrer und Mrs. Cooper an, die gespannt auf den Hut sahen, der mir gerade in diesem Moment aufgesetzt wurde. Er passte mir fast wie angegossen und plötzlich hörte ich den Hut in meinem Kopf sprechen. Es war ein wirklich sonderbares Gefühl und ich zuckte zusammen.

„Oh, wer bist du denn?", fragte die Stimme des Hutes in meinem Kopf. „Du bist aber schon ziemlich alt, um für ein Haus ausgesucht zu werden… Aber bei deiner Vergangenheit… Ich verstehe, ich verstehe… Schwere Kindheit und dann auch noch die Eltern… Und diese Frage in deinem Kopf, wer sie waren… Hmmm… Aber ich sehe in deiner Zukunft Tapferkeit, die du beweisen wirst… und einen unstillbaren Wissensdurst, den Drang danach deine wahren Eltern zu finden… Ah, ich glaube, ich weiß es!"

Mrs. Cooper erzählte mir später, dass ich ein sehr gequältes Gesicht in diesen paar Sekunden gemacht hatte, bevor der Hut das Haus verkündete: „Gryffindor!"

Ich atmete erleichtert aus und bemerkte erst da, dass ich die Luft angehalten hatte. Mrs. Cooper lächelte mich erfreut an und Prof. McGonagalls Lippen verzogen sich auch zu einer Art Lächeln. Der alte Mann mit dem langen Bart sah sehr zufrieden aus und Prof. Sprout und Prof. Flitwick beglückwünschten mich. Der einzige, dessen Gesichtsausdruck sich gar nicht verändert hatte war der von Prof. Snape. Mit einem kühlen Blick starrte er den Sprechenden Hut an, so als hätte es ihm gar nicht gefallen, was dieser gerade gesagt hatte.

„Professor McGonagall wird dich jetzt ein wenig im Schloss herumführen und so viele Fragen wie möglich versuchen zu beantworten", sagte der alte Mann und ich erinnerte mich wieder an seinen Namen. Dumbledore oder so ähnlich.

„Und ich werde mich jetzt auch wieder auf den Heimweg machen. Aber vorher werde ich Madam Malkin noch dein Haus mitteilen, damit sie die Uniform noch vor dem Fest liefern kann", sagte Mrs. Cooper und ich hatte plötzlich das Bedürfnis aufzuspringen.

„Sie wollen schon gehen?", fragte ich und mir wurde plötzlich klar, dass man meine Traurigkeit darüber aus meiner Stimme heraushören konnte.

„Ja, ich habe leider nicht für immer Urlaub bekommen", sagte Mrs. Cooper und ein strahlendes Lächeln breitete sich wieder auf ihrem Gesicht aus. „Aber wir werden uns in den Ferien wieder sehen. Und du kannst mir Briefe schreiben. Athene wird mich schon finden."

Trotz ihren tröstenden Worten wollte die Traurigkeit nicht so schnell vergehen. Mein Magen fühlte sich flau an und meine Hände fingen leicht an zu zittern. Mrs. Cooper würde mich allein lassen. Allein bei all diesen fremden Menschen.

„Auf wieder sehen, Lucy", sagte Mrs. Cooper und umarmte mich. „Vergiss mir nicht zu schrieben. Ich warte auf deine Briefe."

Und mit diesen Worten verließ sie das Büro. Ich war so sprachlos, dass ich nur ein geflüstertes „Wiedersehen" herausbrachte.

„So Miss Prince", sagte Prof. McGonagall und öffnete die Tür. „Dann wollen wir mal anfangen."

Ich nickte und folgte ihr zur Treppe. Auf meinem Rücken spürte ich die neugierigen Blicke der anderen, bis sich die Tür schloss. Schweigend folgte ich Prof. McGonagall die Treppe herunter und den Flur entlang. Es dauerte eine Weile, bis ich mich traute wieder etwas zu sagen.

„Ist dieser Prof. Snape immer so?", fragte ich leise.

„Ja, er ist immer so merkwürdig und am Liebsten zieht er den Gryffindors Hauspunkte ab, also passen sie bei ihm besser auf", sagte Professor McGonagall und ich sah sie irritiert an.

„Hauspunkte?", fragte ich.

„Oh… natürlich können sie davon noch nichts wissen", sagte sie und wir erreichten wieder die Eingangshalle. Gegenüber der Eingangstür war noch einmal so eine riesige Tür. Prof. McGonagall öffnete sie und ich trat in eine riesige Halle. Sie war so riesig, dass sie keine Decke zu haben schien und viele Kerzen flogen in der Luft, die die Halle abends wahrscheinlich beleuchteten. In der Mitte der Halle standen vier riesige Tische, die fast so lang waren, wie die Halle selbst und am anderen Ende der Halle stand ein Tisch quer auf einer Erhöhung. Fasziniert blickte ich mich um.

„Hat diese Halle keine Decke?", fragte ich mit dem Blick nach oben, wo graue Wolken den Himmel bedeckten.

„Doch, aber sie wurde so verzaubert, dass sie so wie der Himmel draußen aussieht", erwiderte Prof. McGonagall.

„Cool", sagte ich und drehte mich zu ihr um. Wieder hielt ich den Atem an, als ich auf vier riesige Sanduhren sah. Sie trugen je die Namen der vier Häuser.

„Hier kann man im Verlauf des Schuljahres die Anzahl der Hauspunkte für jedes der vier Häuser sehen", erklärte Prof. McGonagall „Jetzt sind sie noch leer, aber im Verlauf der ersten Woche kannst du schon sehen, wie sie sich anfangen zu füllen."

„Und wofür bekommt man Hauspunkte?", fragte ich interessiert.

„Man bekommt sie, wenn man gut im Unterricht mitarbeitet und gute Leistungen zeigt. Oder wenn man sich an die Schulregeln hält. Sollte man sich jedoch nicht an die Regeln halten oder im Unterricht stören können einem die Lehrer und Vertrauensschüler Hauspunkte abziehen. Am Ende des Jahres kann dann das Haus mit den Meisten Punkten den Hauspokal gewinnen."

Ich nickte und Prof. McGonagall hielt es für an der Zeit mich weiter herumzuführen. Wir verließen die riesige Halle und auch die Eingangshalle und traten nach Draußen. Ein kühler Wind fegte über das Schlossgelände, doch Prof. McGonagall schritt ohne zu zögern weiter. Wir liefen den Weg, den wir gekommen waren ein Stück zurück und bogen dann nach links. Neben dem Schloss sah ich große Gewächshäuser.

„Das sind die Gewächshäuser", sagte Prof. McGonagall. „Hier findet Kräuterkunde bei Professor Sprout statt."

Ich bestaunte interessiert die Häuser, durch deren Scheibe man jedoch kaum etwas von den Pflanzen im Inneren sehen konnte. Wir liefen weiter einen Hügel hinunter und kamen an einer alten Hütte an.

„Das ist Professor Hagrids Hütte", sagte Prof. McGonagall und deutete auf das eher schäbige Haus. Allerdings musste ich zugeben, dass es sehr gemütlich aussah. „Er ist Wildhüter, Hüter der Schlüssel von Hogwarts, unterrichtet Pflege magischer Geschöpfe und ist gerade… abwesend."

Ich nickte und überhörte ihr stocken einfach. Wir liefen weiter über das Gelände von Hogwarts und ich erfuhr vom Verbotenen Wald und, dass ich dort nie hingehen durfte, vom Riesenkraken im See und vom Eulenturm, wo mich Athene freudig begrüßte. Am Ende standen wir wieder in der Eingangshalle.

„So", sagte Prof. McGonagall und lächelte mich an. Zumindest war es die Andeutung eines Lächelns. „Jetzt hast du schon fast alles gesehen, bis auf das Schloss, aber das macht nichts, weil einer der Vertrauensschüler sich um dich kümmern wird. Ihr habt fast immer denselben Unterricht. Jetzt werde ich dich zum Gryffindorturm bringen und dir schon einmal alles Wichtige zeigen."

Ich nickte und folgte ihr durch die endlos langen Flure. Fünf Minuten später kamen wir vor einem Portrait an. Es war etwas größer als ich und zeigte eine etwas rundlichere Frau in einem rosanen Kleid. Wie alle anderen Portraits und Bilder bewegte sich auch dieses (wie ich schon festgestellt hatte).

„Das ist das Portrait der Fetten Dame und der Eingang zum Turm", erklärte mich Prof. McGonagall. „Nur die Gryffindors wissen davon und du solltest es auch nicht überall herumposaunen."

Ich nickte und das Portrait begann plötzlich zu sprechen, was mich unwillkürlich zusammenzucken ließ.

„Passwort?", fragte die Frau und ich blickte verunsichert zu Prof. McGonagall.

Mimbulus mimbeltonia", sagte sie und das Portrait schwang plötzlich wie eine Tür auf und gab den Weg in einen weiteren Raum frei.

Der Raum war komplett in rot. Die Wände waren rot und der Teppich und die Sessel. Aber die Farbe war nicht aufdringlich und aggressiv, sondern sie ließ den Raum sehr gemütlich wirken, fast schon wie als wäre man zuhause.

Waren meine Eltern vielleicht auch in diesem Haus?, fragte ich mich plötzlich und ein seltsames Gewicht legte sich auf meine Brust.

„Das hier ist der Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Hier machen die Schüler ihre Hausaufgaben, spielen und unterhalten sich – du wirst dich hier bestimmt schnell einleben", sagte sie und wies mit ihrer Hand auf ein schwarzes Brett an der Wand uns gegenüber. „Hier stehen immer die Wochenenden dran, an denen die Schüler nach Hogsmead dürfen und wichtige Ankündigungen."

Ich nickte und folgte ihr einmal quer durch den Raum zu zwei sich gegenüberliegenden Wendeltreppen.

„Die Rechte Treppe führt zu den Schlafsälen der Mädchen und die linke zu den der Jungs", erklärte mir Prof. McGonagall und ich folgte ihr die rechte Treppe nach oben.

Wir liefen eine Weile, bis Prof. McGonagall plötzlich vor einer Tür stehen blieb und ich aufpassen musste, um nicht gegen sie zu laufen. Ein Schild an der Tür besagte, dass hier die Mädchen aus dem Fünften Jahr schliefen. Prof. McGonagall öffnete die Tür und wir betraten einen runden Raum mit fünf Himmelbetten. In der Mitte des Raums stand ein Ofen und der Raum hatte hohe Fenster, die im Sommer bestimmt viel Licht hereinließen. Vor einem der Betten entdeckte ich meine Koffer. Ich lief auf sie zu und dieses Mal war es Prof. McGonagall, die mir folgte.

„Das ist das Zimmer von Miss Brown, Miss Patil, Miss Granger und Miss Adams. Sie werden sich hier bestimmt wohlfühlen", sagte Prof. McGonagall und ich nickte. Hoffentlich hatte sie Recht.

„Oh", sagte ich, als hinter mir ein Plop ertönte und eine seltsame kleine Gestallt mit einem Bündel im Arm erschien.

Ich betrachtete die Gestallt genauer und stellte fest, dass ihre Augen und Ohren erstaunlich groß für sie waren. Außerdem trug sie eine Art Geschirrspültuch als Kleid umgewickelt und hatte leicht Blutunterlaufene Augen.

„Danke Winky", sagte Prof. McGonagall und nahm der Gestallt das Bündel aus der Hand, worauf diese sofort wieder verschwand.

„Was war das?", fragte ich, als das Wesen weg war.

„Das ist eine Hauselfe, sie arbeitet für Hogwarts", sagte Prof. McGonagall und überreichte mir das Bündel. „Deine Schuluniform ist angekommen."

Ich packte es aus und sah eine rote Krawatte, einen roten Schal und noch viel mehr mit roten Streifen oder Wappen.

„Bestimmt willst du deine Sachen jetzt schon einmal anprobieren und auch schon mal deine Koffer auspacken", sie deutete auf eine Kommode. „Um acht Uhr treffen sich alle Schüler und Lehrer in der Großen Halle und ich würde dich dann um viertel vor acht abholen, wenn das für dich okay ist?"

„Ja, danke", sagte ich und Prof. McGonagall nickte mir noch einmal zu, bevor sie mich im Gryffindor Turm alleine zurückließ.


In den drei Stunden, in denen ich alleine gewesen war hatte ich mir den Gryffindor Turm genauer angesehen. Ich war die ganze Wendeltreppe der Mädchen nach oben gelaufen und hatte festgestellt, dass es für jedes Jahr je drei Schlafräume gab, deren Schilder sich durch bestimmte Zeichen unterschieden. Aber alle sahen gleich aus, wie ich feststellte. Ich war dann zurück in meinen Schlafraum zurückgekehrt und hatte meine Koffer angefangen auszupacken. Danach hatte ich meine Schuluniform anprobiert und sie dann auch angezogen, weil ich sie wahrscheinlich für später brauchte. Als ich mich vor dem Spiegel von allen Seiten betrachtete fiel mir plötzlich eine etwas unscheinbare Tür auf, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. Ich hatte sie geöffnet und festgestellt, dass es sich um ein Badezimmer mit einer Badewanne, einer Dusche, zwei Waschbecken und einer Toilette handelte.

Ich hatte auch dort meine Sachen verteilt und mich dann mit einem meiner Schulbücher in den Gemeinschaftsraum gesetzt und angefangen ein bisschen darin zu lesen. Die Zeit verging wie im Flug und Prof. McGonagall hätte auch fünf Minuten später anklopfen können, mir wäre es nicht weniger vorgekommen. Mit klopfenden Herzen legte ich mein Buch weg und folgte ihr durch das Portraitloch auf den Flur hinaus. Vorher war ich ziemlich ruhig gewesen, doch jetzt wurde mir ganz schlecht, wenn ich daran dachte, dass ich gleich in eine riesige Halle mit tausenden Leuten sitzen würde, die ich nicht kannte. Sie würden bestimmt viele Fragen stellen.

„Ist alles okay mit ihnen, Miss Prince?", fragte Prof. McGonagall besorgt, als wir die Tür zur Großen Halle erreicht hatten.

Ich versuchte zu nicken, doch es sah wohl eher wie ein Zittern aus.

„Sie sehen nicht gut aus", stellte Prof. McGonagall fest und musterte mich immer noch ein wenig besorgt. „Wenn sie wollen kann ich Prof. Dumbledore darum bitten, dass er sie nicht öffentlich der ganzen Schule vorstellt – wenn ihnen das peinlich ist."

Dieses Mal brachte ich schon ein besseres Nicken zustande.

„Nur keine Angst", sagte sie, als sie dir Tür zur Großen Halle öffnete und mich hereinführte. „Niemand wird ihnen hier etwas tun."

„A-Aber Professor", sagte ich und meine Stimme hörte sich merkwürdig kratzig an. „Was ist wenn jemand fragt, warum ich erst jetzt hier anfange?"

„Lassen sie das nur meine Sorge sein", sagte Prof. McGonagall und lief einmal quer ans Ende der Großen Halle zu den anderen Lehrern, die schon am Tisch platz genommen hatten.

Unschlüssig stand ich so noch einige Minuten herum, bis die ersten Schüler eintrafen und sich an ihre Tische setzen. Ich entschied mich für einen unauffälligen Platz ganz am Ende des Tisches und wartete.

Mit der Zeit kamen immer mehr Schüler und die Halle füllte sich erstaunlich schnell. Zehn Minuten später waren alle da. Nur noch sechs Schüler betraten noch schnell die Halle. Das eine war ein merkwürdig verträumt aussehendes Mädchen mit blonden Haaren, ein Mädchen mit braunen eher ungebändigten Haaren, ein Mädchen mit roten Haaren und drei Jungen, die ungefähr in meinem alter waren. Der eine sah etwas schüchtern aus und trug eine eher zerknitterte Schuluniform, der andere trug eine Brille und hatte dunkle Haare und der dritte hatte rote Haare und war ziemlich groß und dünn. Bis auf das blonde Mädchen setzten sie sich alle an den Gryffindortisch und ich blickte nervös auf meinen Teller. Die anderen Schüler an diesem Tisch hatten mich noch nicht richtig wahrgenommen und ich hielt es für besser sie nicht auch noch extra auf mich aufmerksam zu machen.