Erst, wenn man zurückblickt, merkt man, wie schnell die Zeit eigentlich vergeht.

Wieder war ein Jahr an der Akademie vergangen. Ein Jahr weniger auf dem Konto und ein Jahr näher am Abschluss. Ich war nach wie vor damit beschäftigt, mich endlich Frau Doktor nennen zu dürfen und musste darüber hinaus, wie natürlich jeder andere auch, die Klausuren meiner weiteren Fächer hinter mich bringen. Das führte dazu, dass ich die meiste Zeit eigentlich mit lernen und „forschen" verbrachte. Genauer gesagt, erforschte ich den Einfluss von extremen Stresssituationen auf verschiedene Spezies anhand des Kobayashi Maru-Tests. Was zugegebenermaßen ziemlich interessant, aber zeitaufwändig war. Auch heute hatte ich wieder Kadetten beobachtet, alles dokumentiert und erste Gedanken aufgezeichnet. Schnell steckte ich meinen PADD in die Tasche und begab mich in Richtung Cafeteria. Ich versuchte mich zu beeilen, schaute kurz auf meine Uhr und blieb fluchend stehen. Schon wieder zu spät zum Abendessen. Frustriert seufzte ich, drehte mich dann um und machte mich auf den Weg zu meinem Zimmer. Auf dem Weg dorthin traf ich Nyota. Sie lächelte mich wissend an, zog eine Augenbraue nach oben und wartete mit verschränkten Armen an. „Meinst du nicht, du übertreibst ein bisschen mit deinem Projekt? Seit einer Woche kommst du permanent zu spät zum Essen.", sagte sie streng und musterte mich von Kopf bis Fuß. „Na und? Dann esse ich eben nichts zu Abend. Hat bisher auch gut funktioniert", erwiderte ich und sah sie an. „Und schau mich nicht so an!" Sie schnalzte mit der Zunge. „Ich will mich nicht mit dir streiten. Das haben wir vor einem Jahr bereits getan und haben ewig gebraucht, das aus der Welt zu schaffen – aber du siehst einfach furchtbar aus." „Vielen Dank auch." Plötzlich grinste sie mich an und warf mir einen überlegenen Blick zu. „Aber du hast Glück, dass du eine so großartige, wunderbare, beste Freundin wie mich hast.", meinte sie. „Ach ja?" „Ich hab dir was vom Abendessen ins Zimmer geschmuggelt. Ich kann doch nicht dabei zusehen, wie du zugrunde gehst." Strahlend umarmte ich sie und bedankte mich. Danach machte ich mich umgehend und noch schneller als vorher auf den Weg. Als ich das Zimmer endlich betreten hatte, kam mir bereits der Duft einer köstlichen Mahlzeit entgegen, die nur darauf wartete, von mir verspeist zu werden – was ich nur zu gerne tat. Erst da wurde mir klar, wie sehr ich meine Grundbedürfnisse in der letzten Zeit vernachlässigt hatte. Das musste aufhören, das nahm ich mir fest vor. Schnell setzte ich mich an den Computer, um noch meine Tagesaufzeichnungen abtippen zu können. Zum Glück war Freitag und deshalb zwei Tage Kobayashi Maru Pause. Plötzlich klopfte es an die Tür. „Öffnen.", sagte ich und die Tür glitt wie von Zauberhand auf. „Hey", hörte ich Jims Stimme. „Darf ich?" Ich nickte ihm zu. Als er den Raum betreten hatte schloss sich die Tür wieder. Ich lächelte ihn an. „Setz dich.", meinte ich und deutete aufs Bett. Er folgte meiner Aufforderung. „Was machst du? Schon wieder arbeiten?", fragte er skeptisch und sah mich an. Ich schnaubte. „Fang du auch noch damit an. Ich weiß das auch selbst, dass ich viel zu tun habe." Entschuldigend sah er mich an. „Wenn ich nicht der Erste bin, der dich darauf aufmerksam macht, solltest du vielleicht mal darüber nachdenken, ob es stimmt..." Ich sah ihn an. „Uhura hat mir auch schon 'nen Vortrag gehalten. Bist du nur her gekommen, um mich vollzuquasseln?", fragte ich und meine Stimme klang etwas bissiger, als beabsichtigt. Entschuldigend hob er die Hände. „Genau genommen bin ich aus einem anderen Grund hier. Morgen steigt 'ne riesen Party, hier auf dem Campus. Du wirst mitkommen." „Ach wirklich?", fragte ich und grinste ihn an. Er nickte. „Allerdings, keiner von uns kann es länger ertragen, dass du dich ewig hier verbarrikadierst.", erklärte er. „Schön. Aber damit eines klar ist, ich verbarrikadiere mich nicht!" „Das war wohl ein ja? Ich hab's nicht so richtig verstanden...", stellte er fest und sah mich provokant an. Ich beschloss, heute nicht auf dieses Katz-Maus-Spiel einzugehen. „Du hast mich ziemlich gut verstanden, Kadett Kirk.", konterte ich und drehte mich um, um weiter auf meine Tastatur einhämmern zu können. „Bist du schlecht drauf?" „Sehe ich vielleicht so aus?" Er zögerte einen Moment. „Soll ich gehen?", fragte er und ich konnte allein an dem Tonfall seiner Stimme hören, dass er den Dackelblick aufgesetzt hatte, von dem er glaubte, dass er noch jeden weich bekam. „Fühl' dich frei, zu tun, was immer du willst.", gab ich kurz angebunden zurück. „Das war ziemlich vage...", merkte er an. „Und keine Antwort auf meine Frage." Langsam drehte ich mich um. „Ich werde dich nicht rauswerfen", erwiderte ich. „Aber du kannst dir sicherlich schönere Dinge vorstellen, als mir beim Abtippen zuzusehen...außerdem..." „Außerdem..was?" „Nichts." Er lachte. „Klar. Ich finde es übrigens entspannend, dir beim abtippen zuzusehen. Das beständige Klappern der Tastatur ist wie eine Therapie." Ich hörte das Grinsen in seiner Stimme. Bevor ich es sah und streckte ihm demonstrativ die Zunge heraus. „Ich wüsste gerne, und ich bin sicher sie können mir diese Frage beantworten Kadett Parker, wie alt sie sind. Ihr Verhalten wirkt äußerst spätpubertär.", schilderte er mit betont sachlicher Stimme und hochgehobener Nase. „Dann sollte wir von dir gar nicht anfangen..", murmelte ich, speicherte meine Aufzeichnungen und schaltete den Computer wieder ab. Ich war ohnehin fertig. „Wie war das mit der Party?", fragte ich, um zum wesentlichen zu kommen. „Morgen, 20h geht's los. Soweit ich weiß. Pille und ich holen dich ab, damit du dich nicht rausreden kannst." Ich stand auf und ging zum Fenster. „Ich hatte gar nicht vor, mich rauszureden. So introvertiert bin ich auch wieder nicht." Er erhob sich ebenfalls und trat neben mich. Langsam senkte er den Kopf, um auf den Campus blicken zu können. Von hier aus konnte man sogar die Golden Gate Bridge sehen. „Wahnsinn. Der Ausblick ist unglaublich.", staunte er. Ich nickte. „Ja, das kann man so sagen." Ich hörte, wie sich die Tür öffnete, Nyota hereintrat und scharf Luft holte. Beinahe synchron drehten Jim und ich uns um. „Was machst der Tölpel hier?", fragte sie und sah mich an. Jim räusperte sich. „Vielleicht haben sie es noch nicht so richtig mitbekommen, Kadett Uhura. Aber jemanden zu beleidigen, während man ihm gegenübersteht und zugleich ignoriert, ist in unseren Kreisen ziemlich unhöflich.", gab er selbstbewusst zurück und beobachtete wie Nyota empört die Arme in die Seiten stemmte. Sein Mundwinkel zog sich leicht nach oben, amüsiert darüber, sie sprachlos zu sehen. Auch ich musste grinsen. Dann drehte er sich lächelnd zu mir um. „Also dann, du weißt, morgen um Acht." Ich nickte und grinsend verließ er den Raum. Erst, als sich die Tür wieder geschlossen hatte rührte Nyota sich und ließ sich auf ihr Bett fallen. Ich setzte gerade an, etwas zu sagen, als sie mich unterbrach: „Sag jetzt kein Wort." Lachend ließ ich mich auf mein Bett fallen, rollte mich auf den Bauch und stütze meinen Kopf auf meinen Händen ab. Von dort aus beobachtete ich Nyota. Irgendetwas war – anders. „Wo warst du eigentlich?", fragte ich neugierig, doch sie zuckte nur die Schultern. Ich wartete einen Moment, vielleicht würde sie ja freiwillig mit der Sprache herausrücken. Ich grinste sie wissend an. „Was guckst du so Mel? Ich weiß wirklich nicht, was du von mir willst.", fuhr sie mich genervt an. Jetzt lachte ich unverhohlen. „Komm schon Nyota. Wir wissen beide, dass du bei Commander Spock warst." Als ich seinen Namen erwähnte fuhr eine Gefühlsregung über ihr Gesicht, die ich bloß als pure Zuneigung deuten konnte. „Es ist okay, dass du ein Verhältnis mit deinem Lehrer hast, wirklich. Mich stört das nicht. Aber du musst vor mir nicht so ein Geheimnis daraus machen." Jetzt lächelte sie mich an, sie strahlte regelrecht bis über beide Ohren. „Er ist so anders", fing sie an. „Ich weiß, dass alle denken, er sei kalt und gefühllos, aber wenn wir zusammen sind, da habe ich das Gefühl, dass genau das Gegenteil der Fall ist." Skeptisch hob ich eine Augenbraue. „Was?", fragte Nyota mit scharfen Unterton. „Du solltest vielleicht nicht vergessen, dass er Vulkanier ist.", antwortete ich zaghaft. „Und du solltest vielleicht nicht vergessen, dass er zur Hälfte menschlich ist.", meinte sie und wandte sich beleidigt von mir ab. „Sei nicht sauer. Tut mir leid, dass ich das gesagt habe. Ich will nur nicht, dass du da vielleicht was überinterpretierst..." Jetzt schnaubte sie abwertend. Ich sah sie fassungslos an. „Das sagt die Frau, die auf stur schaltet, wenn ich versuche, ihr in Sachen Beziehungen zur Seite zu stehen? Mal ehrlich Mel, du solltest dich da eigentlich nicht einmischen." „Du willst mir also in Sachen Beziehungen zur Seite stehen, ja? Soll ich dir was sagen, du weißt nichts über meine letzte Beziehung, außer, dass sie nicht funktioniert hat." „Weil du mir ja auch nichts erzählst!" „Du willst wissen, was passiert ist? Er ist mit meiner besten Freundin ins Bett gegangen. Über ein Jahr lang. Kannst du dir vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man das erfährt? Wie willst du mir dabei helfen, darüber hinweg zu kommen? Indem du immer wieder darauf herumreitest?" Erst, als ich meinen Wortschwall beendet hatte, merkte ich, dass ich mich erhoben hatte und schwer atmend vor ihr stand. Nyota stand ebenfalls auf. „Mel...", flüsterte sie. „Wie hätte ich das wissen sollen? Ich...wollte dir doch nicht wehtun...ich wollte dir einfach eine Freundin sein." „Ich weiß doch.", seufzte ich und fuhr mir mit der Hand über mein Gesicht. Zaghaft legte sie mir eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid. Aber vielleicht solltest du das endlich hinter dir lassen." Ich sah sie an. „Ich bin über den Kerl hinweg, das kannst du mir glauben." Erst, als ich diese elf Worte gesagt hatte, wurde mir klar, dass ich sie wirklich meinte. William war mir vollkommen egal. Ich hatte es überlebt, es ging mir gut. Ich war glücklich. Ich strahlte Nyota an. „Du bist unglaublich Melody Parker!", entfuhr es Nyota und sie stieß mich freundschaftlich gegen die Schulter. „Darf ich dich trotzdem noch was fragen?" „Klar...", meinte ich halb verwundert, halb misstrauisch. „Warum, wenn du über den Blödmann hinweg bist, bist du nicht mit einem einzigen Kerl ausgegangen? Ich kenne kaum jemanden, der sich nicht um ein Date mit dir geprügelt hätte." „Ganz ehrlich? Ich hatte kein Interesse. Und vermutlich keine Zeit." Ich öffnete mein Kleiderfach um meinen Schlafanzug herauszuholen. „Aber mit Kirk verbringst du Zeit? Und gehst morgen auf die Party mit ihm?", fragte sie. Doch diesmal hörte ich zum ersten Mal kein Missfallen in ihrer Stimme. Verwundert drehte ich mich um und beobachtete sie einen Moment forschend. Erwartungsvoll sah sie mich an. „Ich geh doch nicht alleine mit ihm dort hin. Der Doktor kommt auch mit." „Kannst du mir ehrlich sagen, dass du kein Interesse an Kirk hast?" „Ich weiß, dass du deine Schwierigkeiten mit ihm hast, aber ich komme ganz gut mit ihm klar. Wir sind gute Freunde, er ist nett und ganz nebenbei benimmt er sich in meiner Gegenwart immer tadellos. Das ist alles." „Das beantwortet meine Frage aber nicht.", merkte sie an und versuchte, die Antwort aus meinem Gesicht zu lesen. „Ich streite nicht ab...dass er attraktiv ist. Das kannst du auch nicht von der Hand weisen Nyota. Aber ich habe kein Interesse an mehr, verstehst du was ich meine? Ich weiß von seinen Frauengeschichten. Was ich nicht weiß ist, warum er mich verschont. Aber es reicht mir zu wissen, dass er ein guter und loyaler Freund ist, nicht mehr und nicht weniger." Zufrieden musterte sie mich. „Gut.", sagte sie knapp. „Aha." „Du scheinst nicht so naiv wie die anderen Tussis zu sein." Mit gespielter Empörung warf ich ihr mein Kissen ins Gesicht, nur um es gleich wieder zurückgeschleudert zu bekommen. Ich versuchte, auszuweichen, das Kissen streifte nur meine Schulter, traf aber dafür eine Vase (zum Glück war sie leer) hinter mir, welche scheppernd zu Boden fiel. Erschrocken sah mich Nyota an, bevor wir beide in schallendes Gelächter ausbrachen.

Am nächsten Abend, es muss schon gegen sechs Uhr gewesen sein, machten Nyota und ich uns fertig für die Party. Dieser Abend war eine der wenigen Möglichkeiten, mal keine Uniform tragen zu müssen. Nachdem die Haare, das Make-Up und alles was dazugehörte perfekt waren, ging es an die finale Kleiderauswahl. Da die Party keinem Motto folgte, entschied ich mich für eine enge Jeans, ein schlichtes weißes T-Shirt und meine geliebten Sandalen, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr tragen konnte. Nyota hingegen tat sich zunächst etwas schwer. Bis sie sich für eine enges schwarzes Kleid entschied, dass ihr bis knapp über die Knie reichte. Sie sah mal wieder fantastisch aus. Erwartungsvoll sah sie mich an. „Und, was denkst du? Ist das zu overdressed?" Ich schüttelte den Kopf. „Finde ich nicht. Sieht super aus." „Ehrlich?", fragte sie mich skeptisch. Ich ging auf sie zu, nahm sie an den Schultern und drehte sie zum Spiegel um. „Ehrlich.", antwortete ich und lächelnd betrachtete sie uns im Spiegel. „Wenn hier jemand super aussieht, dann du Mel." Ich bedachte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Ich meine das ernst. Du wirst heute Abend mit vielen Verehrern rechnen müssen..." Sie grinste mich unverhohlen an. „Träum weiter. Ich sehe so unauffällig aus wie eh und je." Bevor sie etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür. Als sie sich öffnete standen dort Pille und Jim. Beide schienen bei unserem Anblick um Worte verlegen zu sein. Nyota schnalzte mit der Zunge. „Habt ihr noch nie zwei Frauen gesehen?" Beide räusperten sich. „Können wir?", fragte Jim, um von der peinlichen Situation abzulenken. Lachend ging ich auf die beiden zu, drehte mich aber nochmal zu Nyota um. „Wir sehen uns, okay?", fragte ich. Sie nickte. „Darauf kannst du wetten.", antwortete sie und zwinkerte mir zu.

Mein erster Eindruck der Party war, dass sie so chaotisch war, wie jede andere Party auch. Und dass viel getrunken wurde. Jetzt schon. Der Lärm war unglaublich. „Willst du was trinken?!", hörte ich Pille schreien, der versuchte, den Lärm zu übertönen. Ich nickte. Er drehte sich um und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge. Jim sah mich grinsend an, beugte sich dann zu meinem Ohr und meinte: „Hier ist mehr los, als ich dachte!" Ich antwortete ihm auf die gleiche Methode. „Wundert mich nicht!" Fragend sah er mich an, aber ich schüttelte nur den Kopf. Er berührte meine Schulter und beugte sich erneut in Richtung meines Ohres und spürte, wie sein Atem meinen Hals streifte. „Du siehst übrigens umwerfend aus." Ich sah ihm prüfend in die Augen, um zu sehen, ob er sich über mein minimalistisches Outfit lustig machte, doch er schien es ernst zu meinen. „Danke.", formte ich mit meinen Lippen und er verstand mich. Zur selben Zeit kam Pille zurück und drückte mir und Jim eine Flasche in die Hand. Ich konnte zwar nicht genau identifizieren, was es war, doch darüber machte ich mir oder eher, wollte ich mir keine Gedanken machen. Pille hob fragend eine Augenbraue und deutete in Richtung Tanzfläche. Ich nickte und lachend wurde ich von ihm dorthin geführt. Ich weiß nicht, wie lange wir getanzt hatten, aber nach einer kurzen Weile kamen schon die ersten angetrunkenen Typen, die versuchten, mich anzutanzen. So sehr ich es auch versuchte, sie waren nicht abzuschütteln. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen. „Ich mach mal 'ne Pause. Du findest sicherlich viele hinreißende Tanzpartnerinnen, die mich vertreten können!" Er nickte und stürzte sich ohne groß nachzudenken ins Getümmel. Lachend schüttelte ich den Kopf. Ich suchte nach einer etwas ruhigeren Ecke um der lauten Musik zu entkommen. „Hab ich's dir nicht gesagt, Aphrodite?", fragte Nyota, die sich von hinten näherte. Bei dem Klang ihrer Stimme fuhr ich erschrocken zusammen, hatte mich aber, als ich mich zu ihr umgedreht hatte, wieder gefangen. „Wovon redest du?" Ungeduldig und genervt verdrehte sie die Augen. Ehe sie antworten konnte, fuhr ich herum und starrte angestrengt ins Zwielicht. Ich fühlte mich irgendwie...beobachtet. Ich konnte es nicht erklären. „Was ist los?", fragte Nyota leise und trat einen Schritt näher an mich heran. Ich drehte mich zu ihr um und warf ihr einen warnenden Blick zu. Jetzt wanderte ihr Blick ebenfalls über die Baumgruppe in unserer Nähe. Die wechselnden Lichtverhältnisse trugen nicht dazu bei, die Situation behaglicher zu machen. „Was hältst du davon, wenn wir zurück auf die Tanzfläche gehen?", fragte ich mit erhobener Stimme. Sie nickte. „Super Idee.", antwortete sie betont fröhlich und drehte sich um. Ich folgte ihr, konnte aber nicht umhin, mich nochmal umzudrehen. „Melody...", sagte eine Stimme und ich blieb wie angewurzelt stehen. Langsam drehte ich mich um und sah, wie sich eine Gestalt aus dem Dunkel herausbewegte. Ich drehte mich um, wollte Nyota rufen, doch sie war bereits verschwunden. Jetzt musste ich mich wohl der Konfrontation stellen. Ich wandte mich wieder der Gestalt zu, die jetzt so im Licht stand, dass man das Gesicht erkennen konnte. „William. Was tust du hier?", fragte ich knapp und konnte nicht fassen, dass er hier aufgetaucht war. „Ich möchte mit dir reden.", antwortete er mit ruhiger Stimme. Sie klang bedrohlich. „Ich wüsste nicht, worüber." „Über uns." „Uns? Es gibt kein 'uns'. Und überhaupt. Wie kommst du darauf, nach zweieinhalb Jahren aufzutauchen? Du hast deine Entscheidung getroffen. Es bedarf keiner Worte.", entrüstete ich mich. Während ich das gesagt hatte, war er näher gekommen. Ohne ein Wort wollte ich mich umdrehen, doch mit einer schnellen und präzisen Bewegung war er bei mir und umfasste meinen rechten Oberarm. Ich konnte riechen, dass er getrunken hatte. Spöttisch sah ich ihn an. „Was ist los? Ist dir deine perfekte Abigail weggelaufen?" Ich spürte, wie er fester zudrückte und mich mit funkelnden Augen ansah. So hatte ich ihn noch nie erlebt. „Lass mich gehen, William." „Oh nein, du gehst nirgendwohin.", sagte er mit fester Stimme und starrte mich an. Irgendwie musste ich hier wegkommen. Ich versuchte, meine Schulter ruckartig nach hinten zu reißen. Darauf reagierte aber nur mit einem noch festeren Griff. „Lass mich sofort los.", sagte ich mit bebender Stimme. „Sie sollten tun was sie sagt.", hörte ich nun eine andere Stimme, die ebenfalls bedrohlich klang. Für einen kurzen Moment weiteten sich Williams Augen erstaunt. Ich hörte Jims Schritte, doch sehen konnte ich ihn nicht, da er sich zu meinem Rücken befand. „Mich dich nicht ein, Junggemüse. Siehst du nicht, dass sich hier zwei Erwachsene unterhalten?", fragte William provokativ und fixierte Jim. Zweifellos versuchte er, abzuschätzen, ob er mit ihm fertig werden würde. „Ich sag es nur noch einmal, lassen sie sie los." Der Ton in Jims Stimme schien ihn für einen Moment aus dem Konzept zu bringen. Ich nutze meine Chance, riss mich los, und entfernte mich soweit von ihm, dass er mich nicht mehr so einfach zu fassen kam. Jetzt konnte ich auch Jim sehe. Er warf mir eine kurzen, fragenden Blick zu den ich mit einem Nicken beantwortete. Dann wandte er sich wieder William zu, der langsam näher kam. „Willst du mir drohen du Würstchen?" Jim lachte. „Du solltest dich nicht mit mir anlegen.", zischte William bedrohlich. „Jim...", murmelte ich warnend doch er hob nur beschwichtigend die Hand. „Bleib locker, ja? Ich bin nicht hier, um mich zu prügeln oder Streit anzufangen.", meinte er an Will gewandt. Trotzdem konnte ich sehen, dass er alles andere als locker war. Er wirkte sehr angespannt und wachsam. Sein Gegner kam immer näher. „Ach, du willst keinen Streit, Kleiner? Tja, zu blöd, ich nämlich schon." Jetzt standen sich beide gegenüber. William stieß Jim ein Stück nach hinten. Das reichte. Ich ging auf Will zu. Jim bemerkte das. „Mel, bleib, wo du bist.", warnte er mich mit leiser Stimme. Will nahm gerade an Fahrt auf und war nur noch minimal von der Hemmschwelle entfernt. Er erhob seinen Arm, schnell hob ich meine Hand und umfasste sein Handgelenk. „Es reicht -", begann ich meinen Satz, doch da merkte ich schon, wie ich kraftvoll weggestoßen wurde. So kraftvoll, dass ich mit dem Gesicht voran auf den Boden fiel. Ich spürte, die meine Stirn auf einem harten Gegenstand aufkam und warmes Blut meine rechte Gesichtshälfte hinab strömte. Kurz sah ich grelle weiße Flecken, doch ich versuchte mich zusammenzureißen. Ich setzte mich hin und versuchte, den Schwindel unter Kontrolle zu bringen. „Mel!", hörte ich Jim rufen, der sofort an meiner Seite war und sich neben mich kniete. Schnell zog er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und befahl mir, dieses auf die Wunde zu drücken. Als er sich aufrichten wollte, um William wegzuschicken, war dieser bereits verschwunden. „Kannst du aufstehen?", fragte er besorgt und hob mein Kinn an, um mir in die Augen schauen zu können. Wieder einmal staunte ich über den klaren Blick, seiner blauen Augen. Vielleicht war ich in diesem Moment durch den Sturz beeinträchtigt, doch für mich waren diese Augen, genau zu diesem Zeitpunkt, die schönsten, die ich jemals gesehen hatte. Wie das Meer an einem wolkenlosen, klaren Sommertag. Sein fragender Blick holte mich schnell wieder auf den Boden der Realität zurück. „Ich denke schon..", beantwortete ich seine Frage und stellte, als er mir aufhalf, erleichtert fest, dass mir nicht mehr schwindelig war. „Wir gehen zu Pille.", meinte er und legte seinen Arm um meine Taille um mich. Vorsichtshalber, zu stützen. Als wir Pille erreicht hatten, sah dieser uns erschrocken an und führte uns ohne Umschweife ins Krankenzimmer. Hier holte er einige Utensilien aus dem Schrank. „Wie ist das passiert?", fragte er, als er eine Salbe auf die Wunde gab, die die Blutung stoppen sollte. „Mein Ex.", antwortete ich und er sah mich an. „Vielleicht erzählt mir Jim einfach was passiert ist. Später", meinte er. „Das könnte etwas wehtun. Ich werde das Klammern." Doch ich war so erschöpft, dass ich kaum etwas spürte. Als er fertig war, sah ich an mir herunter und musste feststellen, dass mein Shirt voller Blut war. Ich seufzte. „Du solltest dich ausruhen. Solltest du Kopschmerzen haben oder irgendwas anderes, weißt du, wo du mich findest.", merkte Pille fachmännisch an und wandte sich zu Jim. Dieser erhob sich umgehend und kam auf mich zu. „Ich bring dich auf dein Zimmer." Dankbar sah ich ihn an und nickte. Auf dem Weg dorthin schwiegen wir. Erst, als wir die Tür erreichten, ergriff er das Wort. „Wie geht's dir?", fragte er zögernd und sah mich forschend an. „Gut. Komischerweise", sagte ich. „Danke Jim. Wirklich." „Hätte mir Uhura nicht gesagt, wo sie dich zuletzt gesehen hat, und das irgendwas nicht gestimmt hat, hätte ich..." Sanft legte ich meine Hand auf seine Schulter. „Aber du warst da. Das ist alles, was zählt. Wer weiß, was passiert wäre, wenn du nicht da gewesen wärst." „Ich will es mir auch nicht vorstellen." „Ich sollte jetzt reingehen. Danke nochmal." Er nickte mir zu. „Gute Nacht.", meinte er leise. Ich drehte mich nochmal um. „Ja, dir auch."