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On my own

Kapitel 4

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Lanie hatte nicht angeklopft, als sie das Haus betrat, ihre Sporttasche mit allen medizinischen Notwendigkeiten über die Schulter geschlungen. Sie ließ die Türe ins Schloss fallen, rief Castles Namen nicht einmal, sondern schritt einfach in die Küche, um alles vorzubereiten.

Castles Villa, anders konnte man dieses Haus nicht bezeichnen, war großzügig und hell – die Küche hatte sie gleich gefunden. Und dann begegnete sie Gina. Gina, die Leggins und ein für ihr Alter viel zu grelles T-Shirt trug, welches so geschnitten war, dass es eine Schulter freigab und erahnen ließ, dass sie darunter nicht besonders viel trug. Lanie beäugte sie nur, sagte aber nicht viel, außer die Worte einer höflichen Begrüßung.

Irgendwann sagte Gina schließlich: „Was soll eigentlicher dieser ganze Tamtam?"

„Tamtam?", fragte Lanie und ihre Stimme ließ erkennen, dass sie nicht aus Höflichkeit oder aufgrund eines Missverständnisses nachfragte.

„Rick stürmt bei einem Unwetter aus dem Haus, ist Ewigkeiten weg. Bringt sie schließlich ins Haus uns sagt kein Wort, spricht nicht mit mir. Nicht richtig zumindest. Und nun sind sie hier, kommen einfach so in unser Haus und …"

„Castles Haus", besserte Lanie sie nebenbei aus.

Aus einem Oberschrank nahm Lanie eine große Schüssel und leerte das kochende Wasser aus dem Wasserkocher hinein, bevor sie die Infusionsbeutel hineingleiten ließ. Sie sollten warm sein, Kate wärmen und im Moment waren sie bedingt durch die Fahrt und die kühle Lagerung genau das Gegenteil.

„Trotzdem, was wollen sie hier? Was macht Detective Beckett hier?"

Lanie blickte noch einmal auf, ihre Augen funkelten förmlich vor Wut, die sich gegen diese Blondine in den letzten Wochen aufgestaut hatte. Wie konnte sie nur solche Fragen stellen, schoss es durch Lanies Kopf, immerhin war sie an all dem, was in den letzten Wochen passiert war, schuld.

Nachdem Gina noch zweimal Kommentare ähnlicher Art in den Raum stellte, drehte sich Lanie zu ihr um, sah sie an und erklärte: „Sie wissen, dass sie an all dem, was gerade passiert schuld sind? Sie tanzen in sein Leben, wann immer es ihnen gefällt, ohne auch nur im Geringsten Rücksicht auf all das zu nehmen, was sie zerstören, was rund um ihn passiert. Und dann sind sie wieder verschwunden, brauchen Castle und sein Geld nicht mehr"; sie atmete tief durch. „Ja, ich lese die Klatschpresse ab und an, ich höre zu, was er erzählt – mir und Kate. Sie nützen ihn aus und es ist ein Wunder, dass er sich das immer wieder gefallen lässt, sich immer wieder von ihnen einwickeln lässt – aus seinen Fehlern der Vergangenheit nicht lernt."

Gina wollte sie unterbrechen, aber Lanie ließ die Blondine einfach nicht zu Wort kommen.

„Ich weiß, es ist nicht meine Angelegenheit. Es geht mich nichts an. Aber sie geht mich etwas an. Und diese sensible Beziehung, die sich zwischen Kate und Castle entwickelt hat. Und dann tanzen sie einfach so in sein Leben zurück und …"

„Aber sie ist doch mit diesem Polizisten zusammen", kontert Gina wutentbrannt.

„Wirklich?", stellte Lanie in den Raum, etwas Sarkasmus schwang in ihrer Stimme mit.

„Rick hat das zumindest gesagt", versuchte die Blondine gegenzusteuern.

„Tja, das war einmal, ist aber schon seit Wochen nicht mehr so. Sie haben bereits Schluss gemacht, bevor Castle in die Hamptons abgereist ist."

Gina starrte sie nur an. „Hm … wenn es wichtig gewesen wäre, hätte sie es ihn sicherlich wissen lassen."

„Das hätte sie sicherlich auch, wenn dann nicht jemand in sein Leben getanzt wäre … ein Intermezzo."

„Vielleicht hätte sie ihm an diesem Tag gesagt, dass es nichts Ernstes für sie gewesen wäre? Vielleicht hätte sie ihn so einiges wissen lassen an diesem Nachmittag? Aber nein …."

„Ist das mein Problem?"

„Gina, wie auch immer sie sich deklarieren wollen, es ist mir egal. Kates kurze Liaison mit Demming war nichts Wichtiges, nichts Bewegendes für sie. Sie hat sie physisch beim Sport herausgefordert und das hat ihr gefallen. Manchmal braucht man beiderlei Stimulation – physisch und psychisch und das Zweitere war bisher eher immer Castles Genre, abgesehen von der einen oder anderen Anspielung, Neckerei."

„Schläft mit dem einen, will den anderen", kommentierte Castles Ex-Frau etwas höhnisch.

Lanies Wut steigerte sich ins Unermessliche. „Nein, sie schläft nicht mit dem einen und will den andere. Sie hat mit dem einen nicht geschlafen. Vielleicht wäre es dieses Wochenende passiert, wenn sie nicht zuvor einen Schlussstrich gezogen hätte. Vielleicht aber sie gehört nicht zu den Frauen, im Gegensatz zu anderen in diesen Raum, die mit jedem ins Bett springen."

Natürlich wusste Lanie in dem Moment, als die Worte ihren Mund verlassen hatten, dass sie vollkommen überzogen reagiert hatte. Sie wusste, dass es zu viel gewesen war und alles was gesagt worden war, nicht mehr zurückgenommen werden konnte.

„Miss …"

„Lassen sie es einfach, Gina. Sie werden die Beziehung, die diese beiden Menschen haben nicht verstehen, niemals. Es ist etwas Besonders, etwas unglaublich Besonders. Castle ist der erste Mann, den sie so nahe an sich herangelassen hat, dass er überhaupt über den Mord an ihrer Mutter sprechen darf. Dann wird ihre Wohnung in die Luft gejagt und er rettet sie, lässt sie bei sich und seiner Familie wohnen. Das sind alles Ereignisse, die wir nicht verstehen müssen, können." Lanie nahm den inzwischen warmen Beutel aus dem Gefäß.

„Wenn sie ihn so sehr mag, dann hätte sie ihren Körper doch nur etwas mehr einsetzen müssen. Rick kann kaum einem jungen, willigen Körper widerstehen."

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Rick konnte jedes Wort hören, welches aus den Lippen der beiden Frauen in der Küche kam, so laut waren sie geworden. Die Küche war an einem Ende, das Schlafzimmer am anderen Ende des Ganges und die Türen waren die ganze Zeit offen geblieben.

Seine Arme hatte er um den zitternden, immer noch benommenen Körper der jungen Frau geschlungen, die er in Decken eingewickelt in der Nähe des Feuers an seine Brust gedrückt hielt, in der Hoffnung, dass sie sich keinen gröberen Schaden zugefügt hatte.

Außerdem hatte Rick ihr inzwischen eine seiner Jogginghosen angezogen, in die sie beinahe zweimal passte und ein weites langärmeliges T-Shirt, um sie warmzuhalten. Sie wirkte so schmal, fragil, zerbrechlich. Wie ein Kind.

Ohne Becketts auf den Leib geschneiderten Hosen, den Figur betonenden Blusen und Shirts, den perfekten Blazern, und den hohen Schuhen war sie eine junge Frau, eine sehr junge Frau, die noch viel junger wirkte, als sie tatsächlich war. Und er hingegen, er hatte seinen 40. Geburtstag bereits gefeiert, war Vater einer großartigen Tochter. Was konnte er ihr bieten? Er hatte bereits alles, was er wollte.

Bis auf die Frau an seiner Seite.

Gina war eine nette Abwechslung. Sie kam und ging, wann immer es ihr beliebte. Sie kümmerte sich nicht wirklich um seine Gefühle, sondern versuchte stets das Beste für sich selbst aus den kurzen Liaisonen, die sie führten, zu ziehen. Im Bett wussten sie, was der andere gerne hatte, wobei Gina auf deine Bedürfnisse und Interessen wenig Rücksicht nahm, aber daran hatte er sich im Laufe der Jahre gewöhnt.

Bei Kate würde alles anders sein. Dort würde er seine Bedürfnisse gerne hintenan stellen, weil sein Innerstes als erstes ihren Körper komplett in sich aufnehmen würde wollen, seine Lippen würden jeden Millimeter schmecken müssen, bevor es auch nur zu irgendeinem wirklich intimen Kontakt kommen würde.

Und nun lag sie hier, ihre Augen geschlossen, ihre Atmung entspannt und schien nichts von all dem, was um sie herum passierte, wahrzunehmen. Nichts.

Lanie klopfte an den Türstock, bevor sie den Raum betrat, die Infusionen in der Hand – warme Kochsalzlösung und Nährstoffe. Sie maß zuerst den Blutdruck, schien zufrieden zu sein. Das einzige Geräusch, welches man in dem Raum hören konnte, war das Knistern des Feuers im Kamin.

Schließlich stach sie zwei Zugänge an Kates Armen und hängte die Infusionen an, hielt sie in stehender Position, weil es keine Möglichkeit gab sie irgendwo aufzuhängen.

Nicht einmal das Durchstechen ihrer Haut hatte Kate aufwachen lassen.

„Wie viel?", fragte Lanie.

„Zu viel", antwortete Castle „Mindestens zwei Flaschen Scotch."

Lanie sagte nichts darauf, schüttelte nur den Kopf. Was hätte sie antworten sollen? Dass sie nicht verstand, wieso Kate sich das antat, in das Verhaltensmuster ihres Vaters rutschte? Oder hätte sie Castle gleich an den Kopf knallen sollen, dass er niemals hätte mit Gina in die Hamptons fahren dürfen?

„Es gab Kindermorde in New York", begann Lanie leise zu erzählen. „Blonde Jungen zwischen drei und sechs Jahren wurden umgebracht. Bestialisch. Das einzig Intakte an ihren waren ihre Köpfte, perfekte junge Gesichter. Begonnen hat die Mordreihe am Memorial Day. Kate hatte uns alle nachhause geschickt, wir sollten Zeit mit unserer Familie verbringen. Sie hielt die Stellung. Als sie am Tatort ankam, waren nur ihr scheinbar nicht bekannte Gesichter der Kriminaltechnik und eine gerichtsmedizinische Aushilfe Vorort. Es war einfach zu viel. Täglich wurden es mehr Leichen. Täglich … Wir haben gemerkt, dass etwas nicht stimmt, Castle. Wirklich. Wir haben gemerkt, dass sie sich am Abend wahrscheinlich etwas zu viel genehmigt, mehr als das eine Glas Rotwein zur Entspannung. Sie blieb bis man sie nachhause schickte, doch kam sie nicht immer früher als alle anderen, so wie sonst, nein, teilweise kam sie wesentlich später. Wir versuchten mit ihr zu sprechen, sie wehrte es ab. Das einzige was wir noch tun konnten, war es zu kaschieren. Wir erfanden Ausreden. Wir erklärten, dass sie eine Spur verfolgte. Die Jungs sind gut bei solchen Sachen. Doch es wurde offensichtlicher. Und nun, nun kam sie zwei Tage einfach nicht in die Arbeit. Wir haben sie gesucht, alles versucht. Als wir dann in ihrer Wohnung waren, ich die Flaschen sah, wusste ich, dass es eine Blödheit gewesen sein muss, die sie gemacht hatte bzw. vorhatte."

„Aber wir hatten doch auch schon …."

„Natürlich hattet ihr grausame Fälle, aber siehst du den Unterschied, Castle? Ihr. Ihr macht den Unterschied. Sie alleine schafft es einfach nicht mehr. Ihre Schutzwälle sind eingebrochen, sie ist zerbrechlicher als zuvor."

„Lanie …"

„Ich möchte keine Meinungen dazu hören, Castle. Ich sage dir lediglich was passiert ist, wieso sie das gemacht hat, das musst du selbst herausfinden."

Danach schwiegen sie sich an, bis die Infusionen durchgelaufen waren.

Bevor die Ärztin ihre Sachen zusammenpackte, ließ sie Rick noch einige Medikamente und eine Anweisung, was er machen sollte, wenn sie wieder zu Bewusstsein kam, am Küchentisch liegen in der Hoffnung, dass alles gutgehen würde. Alles.

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Ende Kapitel 4

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