„Malik, warte!"

Der genervte Rafik presste die Lippen aufeinander und hielt erneut mit großem Widerwillen inne. Seine Hand ballte sich zur Faust.

„Eigentlich... bin ich schon verletzt." setzte Altaïr seiner Ansprache nun beinahe... verlegen und hilfesuchend nach. Verlegen! Wieder ein kleiner Sieg für Malik, der einen flüchtigen Schulterblick zurück in den Vorgarten warf und die Augenbrauen zusammenzog.

Dann, nach ein paar tiefen Atemzügen, setzte er sich schließlich wieder in Bewegung: Übertrieben gemächlichen Schrittes und schweigend hielt der Schwarzhaarige auf den Brunnen in seinem Vorgarten zu, um auf dessen breiten Rand zu steigen und seine Hand nach dem Riegel des Holzgitters über sich auszustrecken. Seine Finger schoben die Verriegelung routiniert zur Seite und ein Stoß genügte, um die Dachluke nach außen hin zu öffnen. Ein klein wenig strauchelte Malik daraufhin und musste sich an der Wand vor dem Brunnen abstützen, um nicht noch rücklings vom Inventar zu fallen. Es war schwer die Balance mit nur einem Arm zu halten. Es fiel ihm zwar schon leichter als noch vor einem Jahr... doch hin und wieder kämpfte der ehemalige, hochrangige Assassine schon noch mit dem Gleichgewicht.

Damals, vor der Misere in Solomon's Tempel, war es eine Selbstverständlichkeit und absolut nebensächlich gewesen die Balance geschickt halten zu können. Man hatte nicht darüber nachdenken oder sich konzentrieren müssen, es hatte alles prima und wie von selbst funktioniert. Selbst auf den schmalsten Holzplanken war der Mann vor noch einem Jahr entlanggelaufen, auf hohen Dachkanten herumspaziert und ohne Sättel auf Pferden geritten. Und nun-

Ach, dass es ausgerechnet einmal sein Gleichgewicht sein würde, mit dem Malik hadern müsste... damit hätte er damals niemals gerechnet. Man schätzte vermeintliche Kleinigkeiten manchmal wahrhaftig erst, wenn man sie nicht mehr hatte oder kaum noch Kontrolle über sie besaß...

Malik machte Altaïr Platz indem er von dem Trinkwasserbrunnen stieg und einen großen Schritt weit zurücktrat. Nur für wenige Sekunden lang huschte sein missmutiger Blick über die weiße Gestalt auf dem Dach.

Der Novize zeigte keinerlei Anzeichen der Erleichterung, als er katzenhaft durch den offenstehenden Dacheingang in den Vorgarten glitt, doch so etwas wie Emotionen besaß dieser Eisklotz ja ohnehin nicht, was? Undankbarer Tor.

Mit dreckigen Stiefeln landete Altaïr bei seinem Sprung in den Garten auf einem der golden bestickten Kissen und Malik verkniff sich eine anherrschende Bemerkung. Seine Nase angewidert rümpfend nickte der Rafik in die Richtung des Holzverschlages über ihren Köpfen „Mach die Luke zu.".

II

Altaïr hinkte tatsächlich und taumelte sogar ein klein wenig als er in das Innere des spärlich beleuchteten Büros schritt. Blut hatte seine weite Kapuze an einem beachtlich großem Fleck über der rechten Schläfe rot gefärbt und war auf seinen Kragen getropft. Ansonsten fanden Malik's berechnende Augen keinerlei Verwundungen, als er beiläufig eine kleine Holzkiste auf den Tresen vor sich stellte. In der Kiste befanden sich Verbände, Fläschchen mit Tinkturen und gläserne Phiolen, kleine Messer und Wundauflagen aus sauberem Stoff. Dinge, die er als Büroleiter Jerusalems oft brauchte, denn diese Stadt hier war wohl die schlimmste von allen. Nirgendwo anders war die Rate der Kriminellen, Überfälle, Toten und... verletzten Brüdern so hoch. Manchmal fragte sich Malik warum Al-Mualim gerade ihn, einen nutzlosen Krüppel hier postiert hatte. Sollte dies alles ein schlechter Witz sein? Wenn ja, dann fand er ihn nicht lustig. Ganz und gar nicht.

Malik verzog sein müdes Gesicht leicht als Altaïr an den Bürotisch trat und beäugte ihn abschätzig. Die beiden dreckigen Hände auf der hölzernen Ablage und den verletzten Kopf gesenkt lehnte sich der etwas größere Assassine an das Einrichtungsstück. Er atmete ungleichmäßig und versuchte sich offenbar zu fassen. Ihm musste schwindlig oder übel sein – oder plagten ihn einfach nur zu große Schmerzen? Normalerweise verstand sich Altaïr doch ganz gut darin jene zu ignorieren.

Malik runzelte die Stirn und seine prüfenden Augen fielen auf einen breiten, roten Rinnsal der sich seinen Weg über die Wange des weiß Gekleideten hinab gebahnt hatte.

„Du solltest dich setzen." murrte der 25-Jährige genervt hervor und versuchte zu eruieren woher das ganze Blut im bleichen Gesicht seines Bruders - das er dank dessen verdammter Kapuze nur von der Nasenspitze abwärts sehen konnte - kam. Ziemlich sicher von der Wunde am Kopf.

Altaïr musste ja einen ganz schön schweren Schlag auf seinen dummen Schädel abbekommen haben... aber vielleicht hatte der ja geholfen. Malik hatte in der Vergangenheit des öfteren darüber nachgedacht dem Älteren irgendeinen harten Gegenstand gegen den Kopf zu dreschen – in der Hoffnung sein Hirn würde endlich einmal damit anfangen richtig zu arbeiten. Offenbar hatten die Templer diesbezüglich ja ganz gute Arbeit geleistet heute.

Der skeptische Rafik zuckte zurück, als ein paar dickflüssige Tropfen Blut Fäden ziehend von Altaïrs Kinn hinab tropften – direkt auf die unfertige Stadtkarte, die auf dem breiten Tisch lag. Empört vollzog Malik daraufhin scheuchende Handbewegungen „Weg. Weg! Setz dich gefälligst hin!". Oh, er glaubte es nicht! Die kartografische Arbeit von unzähligen Stunden war wegen dieses Idioten hier umsonst gewesen! Der Kunde, der sie kaufen wollte, kam in zwei Tagen, um die Karte Akkons zu holen, verdammt!

„Altaïr! Hör auf mir meine Karte voll zu bluten und-, Altaïr?"

Der Mann in der blutbefleckten Robe wankte unsicher zur Seite und... verschwand bereits einen Herzschlag später mit lautem Poltern und Waffengeschepper aus Maliks Sichtfeld.

Völlig perplex beugte sich der sprachlose Kartograf über seinen Tresen, um darüber hinweg und hinab gen Boden zu sehen. Seine Brauen wanderten langsam aber sicher nach oben und seine Mimik entglitt ihm in der nächsten Sekunde vollends. Der sonst so standhafte Altaïr war gerade einfach so... umgekippt.

Malik ertappte sich dabei für wenige Sekunden lange den Atem angehalten zu haben, hastete dann jedoch in einer fließenden Bewegung über seine Ablage hinweg, um sich daraufhin zu dem Verwundeten hinunterzubeugen.

„Na großartig." zischte der Mann hinter zusammengebissenen Zähnen hervor, kniete sich zu Altaïr und packte das Häufchen Assassine an der Schulter, um es - von einer ihm abgewandten Lage heraus - auf den Rücken zu drehen. Sehr erfolgreich war Malik dabei aber nicht: ein völlig abwesend klingendes, gewispertes „Nein." seitens Altaïr ging dessen versteckter Klinge voraus.

Der Büroleiter wich reflexartig zurück, verlor einmal mehr das Gleichgewicht und landete auf seinem Hinterteil, als er das Klicken der verborgenen Waffe vernahm. Die schmale Klinge sprang mit einem 'Tsching!' aus ihrer Verankerung hervor, als der benommene Assassine am Boden seine zitternde Hand in die Richtung seines überrumpelten Bruders schnellen ließ.

Ungläubig starrte Malik der scharfen Schneide entgegen, die sein Gesicht nur um eine Haaresbreite verfehlt hatte. In diesem Augenblick konnte er seinen eigenen Puls in den Ohren pochen hören und die Zeit schien für wenige Sekunden lange still zu stehen.

„Bist du-" schnappte der 25-Jährige atemlos „Bist du noch ganz bei Trost?". Seine perplexe Miene machte sehr schnell einem ziemlich, ziemlich wütenden Ausdruck Platz und er haschte entschlossen nach Altaïr's linken Arm, um wenigstens dessen Armschiene mit der gefährlichen versteckten Waffe im Griff zu haben – buchstäblich. Doch der dumme Novize war trotz seines Zustands schnell. Taumelig aber schnell. Und er entkam Malik's Fingern, die, anstatt die metallbeschlagene Lederarmschiene zu erfassen, fahrig über deren Riemen und kleine Schnallen streiften. Altaïr's verklärter Blick traf den Kartografen dabei, blieb jedoch nicht sehr lange an ihm haften und er versuchte sich aufzusetzen. Ohne Erfolg.

„Was sollte das, verdammt?" blaffte Malik dem Anderen entrüstet entgegen, doch jener schien ihm nicht zuzuhören – ob er dazu gar nicht in der Lage war oder es einfach nur nicht wollte, war dem Kurzhaarigen spätestens jetzt einerlei. Grob packte der Rafik den Adler an den hängenden Schultern und half ihm forsch dabei sich ein wenig aufzurichten. Er drängte den Verwundeten mit dem breiten Rücken voran an den Bürotresen vor dem er gerade eben zusammengeklappt war wie ein kleines Mädchen, das zum ersten Mal Blut gesehen hatte.

Und alles wegen einer einzigen Kopfwunde. Hielt der ach so tolle Altaïr, der – ehemalige – Meisterassassine aus Masyaf sonst nicht sehr viel mehr aus?

Mit den Fingerspitzen erfasste Malik den Saum von Altaïr's blutverklebter Kapuze, um sie über den lädierten Kopf des Assassinen zurückzuziehen. Irgendwie musste er ja an die Verletzung kommen. Doch wieder wehrte sich der leise ächzende Dreckskerl vor ihm; dieses Mal jedoch um Weiten weniger... beherzt als noch zuvor. Anstatt ihm sofort seine Klinge in das Gesicht rammen zu wollen, erfasste Altaïr Malik's Handgelenk grob und versuchte den Rafik daran zu hindern seine heißgeliebte Kopfbedeckung zu entfernen. Der Kartograf hielt ob der barschen Berührung inne – jedoch nur, um seinen widerspenstigen Kollegen mit einem todernsten, überaus verärgerten Blick zu bedenken. Langsam aber sicher riss ihm der ohnehin schon so dünne Geduldsfaden! Zuerst holten ihn die Stadtglocken – wegen diesem Kamel - mitten in der Nacht aus einem unruhigen Schlaf, besagtes Trampeltier ruinierte ihm daraufhin seine Kissen, seine Karte und nun das hier!

Altaïr." zischte Malik mit drohendem Nachdruck in seiner gefährlich ruhig gewordenen Stimme „Ich warne dich.".

Was folgte brachte den Jüngeren lediglich dazu einen seiner Mundwinkel zu verziehen: Der Andere betitelte ihn leise gemurmelt als „Arsch." und ließ seine zittrige Hand sinken.

Der ältere Mann hatte sich vorerst ergeben, so schien es. Gut. Dennoch würde der Schwarzhaarige Vorsicht walten lassen; Altaïr war unberechenbar. War er immer schon gewesen.

Was Malik unter der weiten Kapuze Altaïrs vorfand gefiel ihm nicht besonders und er glaubte bei dem schrecklichen Anblick selbst einen stechenden Schmerz zu spüren. Doch der viel zu einfühlsame Mann bemühte sich darum sich davon nichts anmerken zu lassen. Er verengte seine dunklen Augen musternd und sog die Luft scharf ein, als er eine seiner sauberen Wundauflagen auf die Platzwunde am Kopf des Anderen presste, um die Blutung vorerst etwas einzudämmen. Haare klebten nass an der Verletzung, die bestimmt drei, vier Finger breit sein musste; noch konnte man dies des vielen Blutes wegen nicht genau sehen. Das Ganze musste jedenfalls höllisch schmerzen und bestimmt hatte Altaïr eine schlimme Gehirnerschütterung davongetragen. Doch anstatt zu jammern saß der Mann in diesem Augenblick nur mit gesenktem Haupt da und atmete etwas schwerer als sonst. Seine Augen hielt er geschlossen, beinahe wirkte er so, als würde er im Sitzen schlafen.

Tat er aber nicht. Malik kannte dieses Verhalten; man konnte es wohl mit einer... ja, mit einer Meditationsart vergleichen. Der gefühlskalte Adler hatte sie sich schon in jungen Jahren angeeignet, um Schmerzen in irgendein kleines Hinterstübchen seines Hirns zu verdrängen und sie somit vollends auszublenden. Der junge Rafik hatte ihn damals des öfteren dabei beobachten können... woher diese besondere Fähigkeit kam, wusste er aber nicht. Und nicht immer traute er ihr so ganz über den Weg, auch heute nicht. Und darum setzte er nun dazu an mit dem lädierten Altaïr zu sprechen, um ihn bei Bewusstsein zu halten.

„Wie ist das passiert?" hakte Malik in einem gespielt unberührten Ton nach, als er nach einer neuen Wundauflage fischte und sie großzügig mit Alkohol tränkte. Der Mann vor ihm zuckte zusammen, als der Rafik damit anfing die Platzwunde an seinem Kopf zu desinfizieren aber er beschwerte sich nicht.

„Stein." stöhnte der Assassine hervor und öffnete eines seiner goldbraunen Augen. Es war glasig.

„Ah. Die Wachen sollten sich vielleicht einmal mit Wurfmessern ausrüsten anstatt mit Steinen nach uns zu werfen."

Der blutende Idiot sollte bloß nicht ohnmächtig werden, Malik hatte keine große Lust darauf ihn nachher auf die Kissen im Vorgarten zu tragen. Das ging mit einem Arm nämlich schlecht.

„Hätten sie Messer gehabt, hättest du nun keine Platzwunde sondern wärst vermutlich tot."

Natürlich würde Altaïr im kalten Garten – draußen - schlafen müssen. Nie und nimmer würde Malik es ihm erlauben in seinem privaten Wohnbereich zu übernachten.

„Sie hätten mir damit diesen Mist hier erspart und ich hätte nur eine Taube mit einer Nachricht über dein Ableben nach Masyaf schicken müssen."

War das auf den blassen Lippen des Adlers eben ein Grinsen gewesen? Malik blinzelte dem Anderen grimmig entgegen und schnaubte leise.

„Aber nein. Stattdessen blutest du mir hier alles voll. Ich schwöre dir: Morgen machst du sauber."

Der Kartograf beugte sich etwas vor und tastete auf dem Tresen über Altaïr's Kopf nach seiner alten Öllampe. Fast stieß er die Lichtquelle dabei um, erfasste sie dann aber sicher am metallenen Tragehenkel und stellte sie neben dem Verwundeten vor sich am Boden ab. Er brauchte Licht, um die Verletzung des ungeliebten Assassinen genauer begutachten zu können...