Hier das neueste Kapitel. Viel Spaß damit. Das nächste update gibt es innerhalb der nächsten 14 Tage. Wenn ich fleißig bin eventuell auch früher :)

Kritik ist gern gesehen ;)


4 - Enthüllung

Süd-Frankreich - Côtes du Rhône - 5 - Juni - 1990


Mutter war auf der Couch eingeschlafen. Das vereinfacht die Sache.

Nira schlich langsam wieder die Treppe hoch. In ihrem Zimmer schloss sie die Tür ab und nahm sich ihren Rucksack. Sie packte eine Taschenlampe, das Buch mit den Fotos und einen zweiten Pullover ein. Aus dem Kleiderschrank zerrte sie die dunkelsten Kleidungsstücke heraus, die sie finden konnte, und schlüpfte hinein. Die lockigen Haare band sie zusammen und setzte eine Kappe auf den Kopf. Nira blickte in den Spiegel und schmunzelte. Aus ihrer Kommode nahm sie alle Geldscheine aus ihrem Sparkästchen. Sie steckte ihren Schlüssel in die Hosentasche und atmete noch einmal tief durch. Dann öffnete sie das Fenster. Links an der Fassade führte ein flach abfallendes Vordach bis hinunter in den Garten des Hauses. Nira kletterte auf ihren Schreibtisch, hielt sich am Fenster fest und trat vorsichtig auf den Sims. Den nächsten Schritt setzte sie auf den ersten Dachziegel. Das Dach gab nur leicht nach und schien stabil. Sie setzte auch den zweiten Fuß darauf und ging leicht in die Knie. Nichts knirschte, nichts wackelte. Wird wohl halten. Hoffentlich. Langsam zog Nira das Fenster wieder zu und begann hinunterzusteigen. Im oberen Teil war das einfach, denn keine Pflanze machte ihr hier den Platz streitig. Im unteren Bereich hatten Moos und eine Ranke das Dach bereits in Beschlag genommen. Knapp auf der Hälfte des Abstieges trat Nira auf eine bewachsene Dachpfanne und rutschte mit dem Fuß weg. Sie spannte sich an und versuchte sich auf den Beinen zu halten. Ihre Schuhe glitten über das Dach und Nira ruderte gegen den drohenden Sturz mit den Armen. Sie kniff die Augen zusammen und kam plötzlich zum Stehen. Puh! Nira biss sich auf die Lippe und setzte den Abstieg weiter fort. Du hast keinen Zeitdruck, Nira. Also, stürz nicht ab und mach keinen Krach dabei, sonst wars das mit der Schlossbesichtigung! Einige Atemzüge später trat sie auf die nächste Dachpfanne und führte ihren Abstieg fort. Schritt für Schritt, jeder in Zeitlupe. Schritt machen, Gewicht verlagern ... Und nochmal ...
Schließlich kam Nira am Rand des Daches an und beugte sich hinüber. Vor ihr lag noch ein Sprung in den Garten. Wird schon nicht zu hoch sein! Schätzte sie die Höhe auf etwas mehr als ihre eigene Körpergröße. Einen Moment nahm Nira sich zum Vorbereiten, dann drückte sie sich ab und ließ sich auf die Wiese vor ihr fallen. Der Aufprall schickte einen stechenden Schmerz durch ihren gebrochenen Arm. Sie presste etwas Luft durch die Lippen und sank auf die Knie. Die Wiese war feucht und zog in den Stoff an den Knien. Einen Moment verharrte die Teenagerin und hielt sich den Arm vor die Brust. Dann schüttelte sie den Kopf und klopfte sich ein paar Grashalme von der Hose und zielte auf den Fahrradschuppen.
Die größte Herausforderung wird es sein, die Tür leise auf- und zuzukriegen. Langsam führte sie den Schlüssel in den Zylinder und drehte das Schloss. Ein leises »Klack!« ertönte und Nira zog achtsam an der Tür. Sie quietschte. Nira hielt inne und zog langsamer weiter. Jeder Zentimeter widersprach der Benutzung der Tür. Ein kurzer Blick nach oben. Alle Fenster waren noch dunkel. Also ist Mutter nicht aufgewacht. Weiter jetzt! Die Angeln der Tür versagten den Dienst weiterhin lautstark. Dann war die Pforte so weit auf, dass Nira sich hindurchzwängen konnte. Sie musste die Tür noch etwas mehr öffnen, um ihren Drahtesel hindurchschieben zu können und verließ den Schuppen. Ich lasse die Tür lieber auf, bevor es noch mehr Krach macht. Nira schob das Gefährt zügig den gewundenen Weg durch den Garten an einer Wand aus Rosen vorbei bis zur Straße. Dann schwang sich das junge Mädchen auf den Sattel. Mal sehen, wie gut ich einhändig fahren kann ... Ging ihr durch den Kopf. Dann fuhr sie, etwas wackelig, in die Nacht hinein.

Die Luft war noch feucht vom Tau und roch nach den verschiedensten Blüten, die rechts und links in den Gärten der Leute und an der steilen Felswand zu ihrer Seite wuchsen. Nachdem sie weit genug vom Haus entfernt war, schaltete sie das Licht ihres Fahrrades ein. Zu Fuß haben wir fast immer eine Stunde bis ins Dorf gebraucht. Sie blickte auf die Uhr. 22:40. Also um kurz nach elf sollte ich im Dorf sein. Wenn ich mich ranhalte. Und nicht auf die Nase fliege... Hoffentlich finde ich auch einen Fahrer. Ich hab sonst keine Ahnung, wie ich dort hinkommen soll. Die Strecke führte sie eine Zeit lang aus dem bewaldeten Hang hinaus über eine gewundene Landstraße. Nira radelte an einigen Häusern vorbei, in denen noch vereinzelte Fenster beleuchtet waren. So langsam müsste ich doch ankommen ... Die Strecke führte bergauf und Nira kam bei dem Aufstieg gehörig ins Schwitzen. Plötzlich strahlte ihr ein helles Licht ins Gesicht und Nira wandte die Augen ab. Sie schlingerte und brauchte einige Momente, um wieder klar sehen zu können. Dann erkannte sie die Ausläufer des Dorfes. Es bestand aus zwei Geschäftsstraßen, um die sich einige Häuser angesammelt hatten. Ein kleines Straßencafé gab es im Ortskern und einige kleine Geschäfte, die Nira mal mit ihrer Mutter besucht hatte. Sieht im Dunkeln gar nicht mehr so gemütlich und einladend aus ... Am Marktplatz stellte Nira das Fahrrad an einem Laternenpfahl ab und atmete erstmal tief durch. Nachdem das Schloss angelegt war, sah sie auf die Uhr. Diese zeigte 23:03. Ganz schön aufs Gas gedrückt. So jetzt weiter. Ich brauch ein Taxi! Der Marktplatz war menschenleer, nur aus einer Kneipe hörte sie Musik und ein paar Männer standen davor und rauchten. Einige Meter weiter standen Autos mit weißem Taxi-Schild auf dem Dach. Zwei Männer standen beieinander und unterhielten sich lautstark unter einer Straßenlaterne. Nira hielt sich weiterhin an ihrem festgemachten Rad fest und beobachtete. Einige Minuten später verabschiedete sich einer der Kneipengänger und ging zu den Taxis. Nira wartete einen Augenblick auf der anderen Straßenseite. Der Kerl stieg in das vorderste Taxi und bald fuhr das Fahrzeug davon. Nira beschleunigte ihre Schritte, überquerte die Straße und steuerte auf den übrig gebliebenen Taxifahrer zu. Na das wird ja jetzt witzig ...
Die Aufregung ließ ihre Knie etwas weicher als gewöhnlich federn. Der Fahrer war nicht sonderlich groß und trug einen stattlichen Bierbauch mit sich herum, der von einem karierten Flanellhemd eingepfercht wurde. Sein Gesicht war etwas eingedrückt und verlieh ihm ein unansehnliches Äußeres. Haare und Bart sahen hingegen gepflegt aus. Als er Nira erkannte, warf er seine Zigarette durch das Abwassergitter der Straße und grüßte höflich. »Guten Abend, junge Dame. So spät noch unterwegs?« Ein Moment verging. Im Kopf ging die Teenagerin die Worte noch ein paar Mal durch, bevor sie antwortete. »Guten Abend! Ich brauche eine Fahrt zum Schloss 'mauvaise'.« Der Fahrer hustete und hielt sich die Hand vor den Mund. »Pardon, das Chateau mauvaise? Heute? Jetzt?«, fragte er. Nira nickte und hielt ihm einen grünen Euro-Schein hin. »Ich zahle Ihnen einhundert Euro jetzt, und einhundert, wenn wir zurück sind.« Der Fahrer überlegte einen Moment und fasste sich in den Bart. Dann begann er aut zu lachen. Sein Hemd spannte sich zunehmend um seinen prallen Bierbauch. Hoffentlich werde ich nicht gleich von einem der Knöpfe erschossen! Er lachte weiterhin, ging ein paar Schritte, öffnete ihr dann die Tür rechts hinten und bedeutete ihr einzusteigen. Er schloss die Tür vorsichtig und stieg dann selbst ein. Nira reichte ihm die Banknote. Der Fahrer nahm den Schein, hielt ihn kurz ins Licht und steckte ihn danach gefaltet in die Hosentasche. Er ließ den Motor an und fuhr los. Der Wagen klapperte und der rechte Rückspiegel war gesprungen. Links neben sich sah Nira einen unansehnlichen dunklen Fleck. Es ist wohl besser, ich denke nicht darüber nach, wo der genau herkommt. Sonst gibts auf diesem Sitz hier auch noch Flecken. Die Fahrt ging weiterhin über dunkle Straßen und einige Feldwege, die Nira bis dahin noch nie gesehen hatte. Der Fahrer war sehr still. Dies und die Abgelegenheit, in der sie sich gerade befanden, jagte ihr Angst ein. War das wirklich so klug, mitten in der Nacht zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen? Wenn er will, bringt er mich jetzt irgendwo hin, ob ich das will oder nicht. Und ich kann nichts dagegen tun. Nira hielt den Rucksack fest vor die Brust und achtete auf jedes Geräusch und jede Bewegung, die der Fahrer machte. »Wo kommst du eigentlich her?«, fragte er ein paar Minuten später. Nira zuckte zusammen. Sie brauchte einen Augenblick um ihre Stimme wiederzufinden. Dann antwortete sie, »Israel«. Kurz angebunden. Er nickte und führte auf Englisch weiter fort. »Bin aus Belgien. Bist du von Zuhause weggelaufen?« Nira ballte die linke Hand. Du hast da schon drüber nachgedacht. Sag jetzt einfach, was du dir überlegt hast. »Nein, mein Zug hatte Verspätung und ich bin zu einer Feier eingeladen. Mein Vater erwartet mich auf dem Schloss.« Das Taxi stieß in ein Schlagloch und holperte. Ob er mir diese Lüge abkauft? Der Fahrer zuckte mit den Schultern. »Okay. Dann ist ja gut. Mädchen, die von Zuhause ausreißen, leben gefährlich, weißt du?« Er blickte in den Rückspiegel und starrte die junge Teenagerin auf dem Rücksitz an. Nira blickte zur Tür und musste dem Drang widerstehen, aus dem fahrenden Auto zu springen. Hör doch bitte einfach auf zu reden. Ich will nicht noch mehr Lügen erfinden müssen. Und tu mir nichts! Ich hab dir auch nichts getan, außerdem hast du ne Menge Geld von mir bekommen! Nira schwieg in der Hoffnung, dass das Gespräch erstickte.

Die Uhr zeigte mittlerweile 23:51. Das Taxi wurde langsamer. Die Bremsen quietschten laut. Rechts und links sah Nira nur Dunkelheit. Vor sich strahlten die Scheinwerfer in eine graue Leere hinein. »Endstation, junges Mädchen.« Nira biss die Zähne zusammen. »Wie bitte?« Ein Arm des Fahrers zeigte eine steil aufragende Straße hinauf. Am Straßenrand stand ein Schild, welches das Schloss auswies. Es war mit Graffiti und dem Wort ›mauvaise‹ beschmiert. »Da oben ist das Schloss. Sieht nicht sonderlich belebt aus. Muss ja ne interessante Feier dort sein ...« clever Nira, wirklich clever ... Denk dran, du musst auch wieder nach Hause kommen. Und du willst bestimmt nicht laufen! Nira zupfte einen weiteren grünen Schein aus ihrer Tasche. »Wie lange warten sie hierfür?« Er prüfte die Banknote erneut vor dem schwachen Innenlicht des Wagens. »Eine Stunde. Wenn ich länger warten soll, musst du schon meh ... oder was Besseres anbieten!« Nira riss die Tür auf und sprang hinaus. Sie schlug mit dem Gips gegen eine Kante und fluchte. Ich muss mir unbedingt was für den Rückweg überlegen ... »Eine Stunde!«, rief er aus dem Fenster hinter ihr Weg vor ihr war kaum eine Straße, sondern ein ausgefahrener Pfad. Die ehemals gepflasterte Straße war längst überwuchert und so konnte sie im Schein ihrer Taschenlampe ab und an größere Gesteinsbrocken erkennen. Toll! Er hat nicht gesagt, wie weit es noch ist! Nira beschleunigte ihre Schritte. Der Anstieg führte um eine Kurve. Links und rechts war die Straße unbeleuchtet und Apfelbäume säumten den Weg. Es war kalt und der Wind blies ihr Sprühregen ins Gesicht. Hat mir ja gerade noch gefehlt. Die verwachsenen Apfelbäume rauschten und knarrten. Sie spürte eine Gänsehaut den Rücken hinunterkriechen. Hinter ihr fiel etwas zu Boden. Ruckartig fuhr Nira herum, die Taschenlampe hochgezogen wie einen Knüppel. War da nicht gerade ... In ihrem Geist sah sie das grinsende Gesicht des Taxifahrers direkt vor sich. Sie kniff die Augen zusammen. Dort zwischen den Bäumen vielleicht? Oder da vorne? Nur der Pfad und der Wind. Sie schüttelte sich und begann zu laufen. Besser außer Atem, als weiterhin in diesem finsteren Stück Gegend!

23:57 Nira hielt sich an einem alten Gemäuer fest. Sie sog tiefe kalte Atemzüge ein und lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer. Es war kalt, tat aber gut. Nira! Mach. Mehr. Sport. Die kalte Luft brannte in ihrer Lunge und sie musste husten. Mit dem Ärmel strich sie sich Schweiß von der Stirn. Über ihr ragte ein Turm in die Nacht. Seine Spitze verlor sich im Nebel, den die Taschenlampe nur auf die ersten Meter durchdrang. Nira stand in einem Torbogen, dem Zugang zum Burgschloss. Hinter dem Bogen lagen der Aufgang und der Burghof. Nira, solltest du hier von diesem Spukschloss jemals runterkommen, dann mach so einen Scheiß nie wieder! Sie kramte in ihrem Rucksack und steckte die Fotos der Zeichnung in die Hosentasche. Sie ging die ersten Schritte über den Aufgang. Hier oben war es deutlich stiller. Regen prasselte auf die Steine. Nira sah sich um. Zu ihrer Seite stand ein Gebäude aus Naturstein, alt, in Fachwerkkonstruktion und verschlagenen Fenstern. Auf der anderen Seite ein Holzverschlag. Bis jetzt hatte sie kein Gebäude oder Ähnliches wiedererkannt. Das, was ihr aktuell entgegenblickte, war nasser Stein im Nebel. Nichts Brauchbares bislang. Langsam lief sie, Schritt für Schritt, weiter in den Burghof hinein. Die Taschenlampe pferchte sich mühevoll durch die dichte Luft und offenbarte mehr Schatten und Gespinste, als Nira sich erhofft hatte. Es war kalt und zugig. Und nass! Der Wind fing sich zwischen den Gebäuden und zog an ihrer Kleidung, den Haaren und ihrem Wohlbefinden. Sie rieb sich über die Arme, doch die Nase war bereits eiskalt. Bis jetzt noch nichts. Keine neuen, alten Erinnerungen. Hier muss aber alles stattgefunden haben. Ich weiß nicht, warum, aber es fühlt, sich einfach so an!

Ein Geräusch ließ Nira herumfahren. Es waren Schritte. Sie sprang schnell hinter eine Mauer und duckte sich. Hastig drückte sie auf den Knopf ihrer Taschenlampe. Das Licht erlosch und sie verharrte bewegungslos in ihrem Versteck und lauschte. Die Schritte kamen näher. Sie zog die Kapuze ganz über den Kopf und quetschte sich in die Ecke hinter der Mauer. Vielleicht sieht er mich nicht, wenn ich leise genug bin und mich nicht bewege! Die Feuchtigkeit kroch in ihre Kleider. Die Schritte entfernten sich wieder. Nira entließ den Atem in ihren Pullover. Zögernd steckte sie den Kopf seitlich an der Mauer vorbei. Der Burghof war ziemlich finster, doch sie erkannte eine Silhouette. Es war eine große Gestalt. Sie trug einen Mantel und eine Mütze auf dem Kopf. Er war ebenfalls dunkel gekleidet. Das Gesicht erkannte sie nicht, dafür war es zu dunkel. Doch er war Nira näher als gedacht. Keine zwanzig Meter hatten sie in diesem Moment voneinander getrennt. Wenn es nicht der Taxifahrer ist, wer zum Henker ist es denn dann? Und warum ist er hier? Um diese Uhrzeit hat niemand mehr hier zu sein! Die Gestalt ging schnellen Schrittes über den Hof und zu einem der Gebäude schräg gegenüber von Niras Versteck. Er blickte sich einmal um und verschwand dann hinter einer dicken Holztür. Verdammt nochmal! Wenn der hier rumspukt, kann ich mich kaum in Ruhe umsehen! So ein verdammter Mist! Nira biss sich auf die Lippe, um nicht versehentlich laut zu fluchen. Sie warf einen Blick über die Schulter. Da geht eine Treppe in Richtung Turm und Torhaus, vielleicht werde ich ja dort fündig und kann mich schnell wieder verdrücken, bevor ich diesem unheimlichen Kerl über den Weg laufe. Wäre es nicht besser einfach zu verschwinden? Was ist denn, wenn der Kerl mich findet? Was macht er dann mit mir? Nira zitterte. Ich halte mich einfach von ihm fern! Er wird gar nicht merken, dass ich da bin! Hoffentlich ...

Nira zwang ihre linke Hand in ihren Rucksack und fischte nach einem Stoffknäuel. Einige Momente später zog sie es leise heraus und entfaltete es. Dann zog sie sich das Paar Wollsocken über die Schuhe und stand auf. Sie schlich die Treppe hinauf. Einige Meter weiter und sie erreichte den Zutritt zum Turm. Die Tür war schmal und durch eine stabile Eisenkette gesichert. Verdammt! Verschlossen. Wohin jetzt? Einige Augenblicke verharrte sie, bevor sie sich zum Torhaus weiterbewegte. Ihre Schritte machten fast kein Geräusch. Geduckt schlich Nira den Weg an der Mauer vorbei. Ihre Hand hielt sie an der Mauer geführt und alle paar Meter hielt sie inne, um zu lauschen. Der ist immer noch in dem Gebäude, also ist hier oben alles ok, Nira! An der Tür angekommen griff sie vorsichtig nach der schweren Metallklinke. Die Tür war nicht verschlossen und schwang nach einem kräftigen Druck träge auf. Nira schlüpfte durch den geöffneten Spalt und zog die Tür vorsichtig wieder zu, und lehnte sich an. Sie gestattete sich ein paar tiefe Atemzüge. Allmählich beruhigte sich auch ihr Herzschlag. Alles in Ordnung Nira. Hier findet dich keiner. Du hast noch Zeit und du hast alles unter Kontrolle. So jetzt schau dich um. Neben der Tür lag ein alter Holzkeil, den sie noch schnell unter die Kante der Tür schob. So jetzt kommt auch keiner so schnell hier rein. Dann zog sie einen Socken vom Schuh und zog ihn über die Taschenlampe und drückte den Schalter. Die Taschenlampe warf auf diese Weise nur noch ein paar wenige Lichtstrahlen in den Raum. Gerade einmal so viel, dass Nira einen, vielleicht zwei Meter in dem stockdusteren Raum erahnen konnte. Der Raum war intakt und nicht eingebrochen. Hm, sieht hier nach Fehlanzeige aus. Sie lief den Raum einmal ab, fand aber keinerlei Ähnlichkeit zu den Räumlichkeiten, die sie von den Fotos kannte. Im hinteren Teil erkannte sie eine schmale Treppe, die hinab in einen weiteren Raum führte. Nira schluckte und setzte den ersten Fuß auf die schmale Holzstufe. Unvermittelt erklang von draußen ein lauter Knall. Nira zuckte zusammen und ging in die Hocke. Nira konnte das Geräusch schnell zuordnen. Es war der Krach von berstendem Glas. Vorsichtig ging sie im Entenmarsch zu dem nächsten Fenster und stierte hinaus.

Auf dem Hof lag der Mann, den sie bereits in das Gebäude hat gehen sehen. Er hatte seine Mütze verloren und lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Aus dem Gebäude kamen drei berobte, maskierte Gestalten, die Fackeln trugen. Jeder Zentimeter ihrer Haut war bedeckt, doch von ihrer Körperform schloss Nira, dass es Männer unter dem Stoff waren. Ihre Kleidung war weit und wallend und die Masken, die sie trugen, waren eigentümliche Fratzen in Silber, bis auf den mittleren von den Dreien. Seine Maske glänzte in Gold. Sie umkreisten den liegenden Mann und blickten auf ihn herab. Er rührte sich unterdessen. Die beiden silbrig Maskierten hielten kurze Stöckchen in der Hand, die sie auf den liegenden Mann richteten. Der bedrohte Mann rappelte sich auf und starrte nun den güldenen Mann vor sich an. Die zwei Fackelträger warfen ihre brennenden Hölzer auf den Boden. Nira gefror das Blut in den Adern, als sie erkannte, wer dort auf dem Stein lag und von den Fremden bedroht wurde. Papa!

Es schoss ihr kalt durch den Körper und bevor sie darüber nachdenken konnte, war sie bereits aus dem Raum zurück auf die Wehrmauer geschlichen. Zwei der Gestalten zwangen Niras Vater auf die Knie. Die vor ihm stehende Gestalt lachte. Ein verzerrtes, unmenschliches Lachen. Nira blickte entsetzt auf die Szene, die sich keine zehn Meter von ihr entfernt abspielte. Ihr Vater blickte zu der verhüllten Gestalt auf. Erneut erklang diese verzerrte Stimme. »Wer bist du und was hast du an diesem Ort zu suchen?«, verlangte die erhabene Gestalt zu erfahren. So brutal das klingt, aber das wüsste ich auch sehr gerne! Ihr Vater blickte stoisch nach oben.

»Ich wüsste nicht, warum ich das Leuten wie euch mitteilen müsste! Ich habe mir lediglich die Beine vertreten!« Der Mann vor ihm lachte in einem höhnischen Ton. »Amüsant ... Du musst uns natürlich überhaupt nichts erläutern, auch wenn ich der Meinung bin, dass allein der Anstand schon dazu verpflichtet. Aber so soll es sein. Ich möchte nur darauf hinweisen ... dass ... wenn wir genötigt werden ... durchaus in der Lage sind an die Informationen zu kommen, die wir benötigen. Und ich fürchte, dass du uns in diesem Falle nicht vor besondere Schwierigkeiten stellen wirst.« Nira kniff die Augen zusammen. Was redet der Kerl da?

»Also, wollen wir zwei einen neuen Anlauf für unsere Unterhaltung wagen? Eventuell möchtest du deinen Standpunkt nochmal überdenken.« Einer der in silber maskierten Männer schlug Niras Vater ins Gesicht. Er sackte zu Boden und fasste sich an die getroffene Stelle. Nira zuckte zusammen und schaute sich panisch um. Ich muss doch irgendwas tun können! Was passiert denn hier?! Die zweite silber maskierte Gestalt hob den Geschlagenen wieder auf die Knie. Unter seiner Hand lief ein Schwall Blut hervor. »Ich ... Ich habe nur etwas zurückbringen wollen!« stieß er hervor. Wieder wurde die Stille der Nacht getränkt mit höhnischem Gelächter. »Zurückbringen? Was könntest du von Wert besitzen, dass du zurückbringen ...« Die Gestalt hielt inne. » ... Ich will wissen, was in seinen Taschen ist! Sofort!« Die anderen beiden stießen den wehrlosen Mann in ihrer Mitte zu Boden und griffen jeweils in seine Jackentaschen. Nach einigem Zupfen und Zerren hatte jeder von ihnen ein paar Gegenstände in den Händen. »Los! Her damit, oder muss ich es zweimal befehlen?« erklang es unmittelbar. Einen Moment später hielt die Gestalt ein dünnes Stück Holz vor die Maske. Nira strengte die Augen an, um mehr zu erkennen. Dann dämmerte eine Frage in ihrem Kopf. Seit wann trägt Vater einen kleinen Ast mit sich herum?

Von unten zerrte die Stimme erneut an ihren Nerven. »Was ist das in der Schachtel? Los! Aufmachen, sofort!«

Der Handlanger gehorchte und öffnete die Schachtel. Darin kam ein kleines Schmuckstück zum Vorschein, das im Fackellicht funkelte. Nira blieb für einen Augenblick die Luft weg und sie musste sich an der Mauer festhalten, um nicht zu stürzen. Sie kramte die Fotografie aus der Hosentasche hervor. Das darf doch nicht wahr sein! Was geht denn hier vor? Nira sah, dass der Mann in der goldenen Maske ebenfalls gebannt auf das Geschmeide starrte. Er streckte seine Hand langsam danach aus. Die Spitze seines Handschuhs berührte das Collier fast und er stoppte in der Bewegung. Dann zog er die Hand zurück. Er nahm den Holzstab aus der Hand des Gehilfen neben sich und beugte sich zu Niras Vater hinunter, fasste ihn bei der Schulter und begann zu flüstern.

»Du sagst, du hast es gefunden? Wie kommt es, dass du so etwas hier findest? Hast du danach gesucht, oder warum treibst du dich in alten verlassenen Kellerräumen rum, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr besucht wurden?«

Es vergingen einige Augenblicke. »Antworte!« Niras Vater schüttelte den Kopf. Dann knickte der Maskierte den Ast vor den Augen von Karl-Heinrich in zwei Teile. Aus der Mitte schoss ein kleiner Funke, der so schnell verstarb, wie er gekommen war. »Lass dir das eine Lehre sein. Das Nächste, was zerbrechen wird, sind deine Knochen, mein Freund. Und das ist wahrlich keine Drohung, sondern ein ernst gemeintes Versprechen. Und wenn das nicht reicht, nun dann gibt es auch andere Möglichkeiten.« Er strich Niras Vater über den Kopf.

»Also, warum ist dieses Schmuckstück in deinem Besitz?«

»Ich habe es hier unten gefunden, als ich die Hochzeit verlassen habe und etwas Zeit für mich haben wollte. Es lag hier zwischen den Trümmern. Ich wollte es zurückgebringen, weil es mir nicht gehört. Ich habe genug Geld um mir eigene Schmuckstücke zu kaufen!« Der maskierte Mann lachte und stand auf. »Na gut, das klingt einleuchtend genug. Ich nehme an, du sagst die Wahrheit. Du da!«, zeigte er auf den Gehilfen, der beide Hände frei hatte. »Du hast heute gute Arbeit geleistet. Nimm dieses Schmuckstück als Zeichen meiner Anerkennung. Leg es an, es soll dir gehören.« Er machte eine schweifende Handbewegung und ging einen Schritt rückwärts. Der Angesprochene zögerte. »Ich habe dir ein Geschenk gemacht und du zögerst?« Der Mann überwand seinen Vorbehalt und nahm das Schmuckstück an sich. Er hielt es mit beiden Händen vor der Brust fest und begann zu zittern. Der Mann in der goldenen Maske zog ebenfalls einen Holzstab aus einer Falte seiner Robe. Dann schnitt seine Stimme durch die Luft. »Ich habe gesagt, du sollst es anlegen! Und ich warte nicht, bis die Sonne aufgegangen ist!« Eilig legte sich der Zurechtgewiesene das Collier um den Hals. Ein kurzer Augenblick verging. Der Körper des Mannes zitterte, dann stieß er einen spitzen Schrei aus. Er zerrte an dem Schmuckstück und versuchte es vom Hals herunterzubekommen. Beide Hände zogen an dem filigranen goldenen Geschmeide. Es gab nicht nach und schnitt ihm tiefer und tiefer in den Nacken ein. »Ahhh! Nehmt es runter von mir! Sie verbrennt mich! Bitte! Schnell! Bitte!«, rief er. Die beiden anderen Maskierten wichen nicht von der Stelle. Derjenige, der Niras Vater bewachte, warf dem in Gold maskierten Robenträger einen langen Blick zu. Dieser starrte aber nur stumm auf den mittlerweile in Panik zerrenden und wimmernden Mann, der gerade auf die Knie zusammensackte. »Ich habe doch nichts falsch gemacht, Herr! Warum ... Aargh ...« Plötzlich schlug eine gleißende Stichflamme aus den Roben des Mannes. Die Umstehenden taumelten einen Schritt zurück und wandten das Gesicht ab. Der brennende Mann vor ihm hieb mit den Händen nach den Flammen, die überall aus seinem Körper hinausschlugen, und warf sich zu Boden und kreischte. Niemand anderes rührte sich vom Fleck. Die Flammen erleuchteten den Burghof bis ins kleinste Detail. Karl-Heinrich kniff die Augen zusammen und wandte den Kopf ab. Die Hitze ließ seine Augenbrauen kräuseln, und er roch verbranntes Haar. Im Spiel der Schatten, an einer Burgmauer, sah er weiterhin, wie der Brennende auf dem Boden kämpfte und zappelte. Die Stimme des Mannes überschlug sich und er krümmte sich langsamer und langsamer. Er wandte sich noch einige Augenblicke auf dem Boden, bis seine Stimme schließlich verstummte, und alsbald erstarben auch seine Bewegungen. Dunkelheit hatte sich wieder über den Burghof gelegt. Nur noch ein paar winzige Feuerzungen tanzten über dem verglühten Körper.

Für einen Moment vernahm Niras Vater nichts anderes, als das Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren. Er blickte kurz nach links und rechts um sich zu orientieren. Rechts von ihm stand weiterhin eine der in schwarz gekleideten Gestalten. Der Mann in der goldenen Maske trat langsam, Schritt für Schritt, zu den verkohlten Überresten des Brandopfers. Er stieß mit der Spitze seines Stiefels gegen den ausgebrannten Körper und hob ihn an. Es knirschte und heiße Dämpfe verließen den Leichnam. Die Schulter brach vom Rest des Körpers ab und klappte hinüber. Die Luft wurde mit den heißen Gasen und dem Gestank des verkohlten und zerkochten Leichnams geschwängert. Karl-Heinrich würgte und wandte seinen Blick ab und sein Magen rebellierte gegen die Luft, die er einatmete. Ein weiterer Tritt gegen den Leichnam folgte. Er beförderte die Überreste des Torsos zur Seite. Auf der Brust lag ein dampfendes Collier. Niras Vater beobachtete, wie der Mann vor ihm sich bückte und das Schmuckstück betrachtete. Dann wandte er sich zu ihm um. »Nun sag mir die Wahrheit, oder dich wird dasselbe Schicksal ereilen, wie diesen dort!« Er atmete tief durch. »Meine ...«

Unvermittelt vernahm Karl-Heinrich ein knirschendes Geräusch und er blickte nach oben. Im Bruchteil einer Sekunde riss er die Arme über den Kopf und rollte sich zusammen. Dann spürte er, wie dutzende Holzlatten auf den Fußboden niederstürzten. Es ertönte eine helle schreiende Stimme über ihm. »Lasst den Mann in Ruhe ihr dreckigen Arschkrampen!« Rechts neben Karl-Heinrich verließ eine blaue Entladung den Holzstab in der Hand des Robenträgers. Er blickte stumm dem Geschoss hinterher. Dann erblickte er für einen kurzen Augenblick das Gesicht seiner Tochter. Knapp verschwand es hinter einer Mauer und kurz darauf wurde ein Stück der Mauer durch ein lautes Aufschlagen in tausend Stücke gesprengt. Karl-Heinrichs Körper straffte sich. Er griff hinter seinen Rücken, fand, was er suchte und warf sich auf den Rücken. Vor ihm verließ die nächste Entladung die Holzspitze des silber maskierten Mannes. Es folgte eine weitere laute Explosion von Gestein und Mauerwerk. Dann streckte Karl-Heinrich den Arm aus und richtete seine Automatikpistole auf das Ziel vor sich. Sein Finger betätigte den Abzug. Noch bevor eine Reaktion erfolgte, drückte er zwei weitere Male ab. Die Kugeln trafen ins Zentrum der Robe. Der Träger fiel wie eine fadenlose Marionette zu Boden.

Niras Vater rappelte sich auf die Beine und drehte sich um. Er zielte mit der Waffe auf den Holzstapel und ging einige kurze Schritte näher heran. Um ihn herum gab es keine Bewegung, alles war still. »Nira, bist du das? Bist du in Ordnung?« rief er, ohne den Blick von dem Holzstapel zu lassen. Von oben meldete sich die Stimme seiner Tochter. »Alles gut bei mir! Was machst du hier?«, entgegnete sie. »Dasselbe könnte ich dich fragen junge Dame!«, rief er hinauf. »Keine Ahnung, ich dachte, ich komm vorbei und helf dir aus der Klemme!« Karl-Heinrich verzog den Mundwinkel. »Nira, egal was passiert, ich möchte, dass du ...«, abrupt wurde er im Satz unterbrochen und von den Beinen gerissen.

Aus den Schatten, hinter einem Pfeiler, kam eine dunkle Gestalt mit zerrissener Robe hervorgetreten. »Was für eine herzzerreißende Posse! Ich bin wahrlich entzückt, wie sich die Dinge heute Nacht entwickeln. Nira? Habe ich den Namen richtig verstanden? Ist das deine Tochter oder dein Liebchen?« Die goldene Maske bedeckte immer noch sein Gesicht, doch seine Haube war etwas in Mitleidenschaft gezogen. Er war auf wenige Meter an Niras Vater herangetreten und stand nun direkt über der hingefallenen Pistole. Er machte eine kurze Geste mit seinem Holzstab und die Waffe levitierte zielgerichtet in seine offene Hand. Karl-Heinrich lag auf dem Boden und bewegte sich nicht. Die Sicht verschwamm vor seinen Augen und er konnte nicht sagen, wo oben und unten war. Sein gesamter Körper schmerzte. Dann hörte er eine durchdringende verzerrte Stimme über sich. »Mädchen, du wirst von dort hinunterkommen und dich zu erkennen geben!« Nira zuckte zusammen. Sie hielt die Beine vor der Brust umklammert und atmete stoßweise. »Warum sollte ich das tun? Dann bin ich doch auch in der Schusslinie!« rief sie, mit allem Trotz, den sie aufbringen konnte. Sie hörte wieder das höhnische Lachen ertönen. »Es ist ganz einfach. Du gehorchst meinen Befehlen ... Oder ... Du wirst den Mann hier brennen sehen!« Nira schnürte es die Kehle zu. Das kann er doch nicht machen! Was mach ich denn nur?! Sie sprang auf die Füße und schaute über die Mauer nach unten. »Nein! Schon gut, ich komme schon runter, tun sie ihm nichts! Bitte nicht!« Sie hob die Arme in die Luft und ging die Treppe hinab. Sie lief langsam zu ihrem Vater. Der Mann in der Robe ließ sie nicht aus den Augen und zielte mit seinem Holzstab auf sie. Nira erkannte, dass es ihrem Vater nicht gut ging. Er murmelte etwas, dass sie nicht verstand, und hatte die Augen geschlossen. »Mach dir keine Sorgen kleines Mädchen. In einer Stunde wird der Mann dort nicht mehr leben. Aber so lange wirst du es auch nicht mehr tun. Ich habe keine Verwendung mehr für euch.« Nira blickte ihn furchtsam an. »Wenn sie mich töten, werden sie nie erfahren, was es mit dem Schmuckstück auf sich hat!«, brachte sie über die Lippen. Was sag ich denn da?! Unter der Maske erklang ein spöttisches Geräusch. »Nehmen wir mal an, dass ... das ... tatsächlich ... so ist ... Warum sollte mich das interessieren, kleine Dame?« Er ging einige schnelle Schritte auf sie zu. Nira stellte sich vor ihren Vater. »Stopp! Kommen Sie nicht näher!« Sie hob die linke Hand vor sich und kniff die Augen zusammen. Ein paar Atemzüge lang passierte nichts. Nira vernahm ein leises Summen, dann spürte sie ein helles Licht und öffnete die Augen. Keinen Meter vor ihrem Gesicht leuchtete ihr die Spitze eines Holzstabes ins Gesicht. Eine Sekunde später fasste ihr der Handschuh des Mannes ans Kinn. Sie hielt den Atem an. Langsam drehte er ihren Kopf zur Seite. Sie blickte direkt in die Maske. Es liefen Linien und Verzierungen darüber, doch sie konnte nichts dahinter erkennen. Nicht einmal die Augen. Der Ausdruck der Maske war absolut emotionslos. Nira ballte die Fäuste. Ihr liefen Tränen das Gesicht herab.

Ich werde nicht weglaufen! Ich werde nicht weglaufen! Ich werde nicht weglaufen!

Die leuchtende Spitze entfernte sich etwas aus ihrem Blickfeld. Dann spürte sie die Hand durch ihre Locken streichen. Nira schlug die Hand mit einer hastigen Bewegung zur Seite. »Schluss damit!«, giftete sie. Die Gestalt vor ihr zog die Hand zurück und legte den Kopf schräg. »Du bist wirklich hübsch, kleines Mädchen. Deine Augen sprühen Feuer wie ein Diamant. Dein Haar ... unzähmbar wie dein Temperament. Und eine intensive Ausstrahlung, die vielen noch zum Verhängnis werden wird ... Und all das eingebettet in dieses zarte Gesicht ...«

Bin ich schnell genug, sein blödes Holzstäbchen zu schnappen und zu zerbrechen? »Du warst das ...«, sprach der Mann vor ihr. »Was war ich?«, antwortete Nira verdutzt. »Du hast den dummen Jungen so zugerichtet ... Jetzt ergibt das alles einen Sinn!« Nira zog die Schultern hoch. »Ich weiß nicht, was Sie meinen! Ich will nur hier weg, mit meinem Vater!« Verdammt! Du blöde Kuh! Jetzt hat er dich noch besser im Griff! Der Mann lachte. Dann machte er eine behände Bewegung aus dem Handgelenk und Nira biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Sie griff sich instinktiv an ihren gebrochenen Arm. Aus dem Augenwinkel sah sie eine weitere Bewegung. Dann zerbröselte der Gips zwischen ihren Fingern und rieselte auf den Fußboden. Der Schmerz ließ so schnell nach, wie er gekommen war. Nira zögerte und starrte ihren Arm an. Vorsichtig bewegte sie die Finger. Kein Schmerz ... Danach streckte sie den Arm aus. Kein Schmerz! Was geht hier vor! Das ... Was zum Teufel?! »Was geht hier vor?!«, verlangte sie zu erfahren. »Du hast keinen Funken von Anstand, kleines Mädchen! Pass auf, dass dir dein Undank nicht irgendwann mal zum Verhängnis wird!« »Ich bin nicht undankbar! Und von Anstand hat ein maskierter Feigling wie Sie nicht zu reden! Lassen Sie uns in Frieden und verschwinden Sie!«

»Zuerst solltest du das Collier an dich nehmen, junge Dame.« Er zeigte mit seinem Holzstückchen auf die verkohlte Leiche. Nichts geschah. Er gab dem Stück Holz einen Schwung. Nichts passierte. Nira nutzte den Augenblick und setzte sich zu ihrem Vater hinab. Er hatte die Augen geschlossen und atmete flach. Nira nahm seinen Kopf auf den Schoß. »Helfen Sie meinem Vater!«

Der Maskierte kniete sich vor das Brandopfer und zog ein Messer aus seinem Stiefel. Er vergrub die Klinge knapp unter dem Hals des Körpers und zog damit das Collier in die Höhe. Nira bildete sich ein Kloss im Hals. Nach einem kurzen Ruck löste sich die Kette vom schwarzen Gewebe und der Kopf des Mannes rollte zur Seite. Nira schlug sich die Hand vor den Mund und wandte sich ab. Ihr Magen drohte sie zu überwältigen. Die verzerrte Stimme lenkte sie jedoch jäh davon ab. »Das Einzige, was deinen Vater noch retten kann, bist du, junges Mädchen. Du kannst mir glauben und ihn retten. Oder du glaubst mir nicht und er wird sterben. Es liegt nun alles an deiner Entscheidung.« Nira schaute skeptisch zu ihm hinüber. Das Schmuckstück baumelte von der Messerklinge hinunter. Warum? Warum händigt er es aus, wollte er es nicht vorhin noch selbst besitzen? Sie schaute zu ihrem Vater. Sein Gesicht war mittlerweile sehr bleich geworden. »Was haben Sie davon, wenn ich es anlege? Soll ich auch in Flammen aufgehen, damit Sie meinen Vater in Ruhe töten können?«

Wieder erklang Gelächter. »Mädchen, du könntest mich nicht davon abhalten, euch beide zu töten.« Lass endlich deinen verdammten Stolz zuhause und kümmer dich um deinen Vater!

Vorsichtig pflückte Nira das Collier von der Messerspitze. Es lag angenehm kühl in ihrer Handfläche. Unter der Maske vernahm sie ein tiefes, verlangendes Grollen. Nira öffnete den Verschluss des Schmuckstücks und legte es um den Hals. Sie nahm die Arme hinunter und atmete tief aus. Nichts passiert! Glück gehabt! Vor ihr schnellte der Arm mit dem Holzstab einmal quer durch die Luft. Nira stolperte einen schnellen Schritt zurück. Sie wurde nicht getroffen. Dann bemerkte sie etwas Warmes ihren Hals hinunterlaufen. Erschrocken griff sie an ihren Hals und blickte in ihre Handfläche. Ich blute! Ein kleines rotes Rinnsal lief ihren Hals hinunter und benetzte den Edelstein. Irgendwas stimmt nicht. Warum fühl ich mich so seltsam? Hilfe! Sie spürte ihre Knie weichwerden. Ihr Kopf begann zu schmerzen. In ihren Magen stieg eine Übelkeit auf, die sie auf die Knie zwang. In jeder Faser ihres Körpers spürte sie es brennen. Nira streckte die Arme von sich, doch keine Flamme zeigte sich über ihren Armen. Der Schmerz verschlimmerte sich. Nira ließ sich auf den Boden fallen und stieß einen Schrei aus. Sie öffnete die Augen. Sie sah ihre Umgebung völlig verzerrt. Auch die Geräusche erklangen nur dumpf für ihre Ohren. Über ihr stand eine Frau, die sie mit weit geöffneten Augen ansah. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid und am auffälligsten waren die lockigen ausufernden Haare auf ihrem Kopf. Mama, bist du das? Nira ging ein Gedanke durch den Kopf, der ihr das Wasser in die Augen trieb: Muss ich jetzt sterben? Einen Augenblick dachte sie daran, wie sie ihre Mutter das letzte Mal gesehen hatte. Verzweifelt, in Tränen, wegen mir! Die Frau sprach zu ihr: »Ich weiß wie traurig und wütend du bist!« Nira biss sich auf die Lippe. Gar keiner weiß hier irgendwas! Ich hab die Nase voll und vor allem hab ich genug von diesem maskierten Mistkerl! Der Schmerz verflog. Sie hörte ein hysterisches Lachen in ihrem Hinterkopf. Dann stand sie auf und sprang mit dem Kopf voran in den Mann mit der Robe. Etwas schlug nach ihr, doch es prallte kurz vor ihrem Gesicht ab. Dann traf sie den Mann und warf ihn zu Boden. Nira schrie, so laut sie konnte und griff nach dem Holzstab in seiner Hand. Irgendwo in weiter Ferne erklang ein Protest, doch Nira zerschmetterte das bisschen Holz mit einer kraftvollen Bewegung gegen den harten Steinboden. Der Mann in der Robe hastete auf die Füße und brachte etwas Distanz zwischen sich und die junge Frau. Nira streckte die Hand aus und griff mit einem Gedanken nach der Feuerwaffe ihres Vaters. Als hätte diese ihren Ruf gehört, flog sie in die ausgestreckte Hand. Das laute weibliche Lachen in ihrem Unterbewusstsein nahm diabolische Züge an. Nira richtete die Waffe aus und drückte den Abzug. Die Kugeln schlugen in Holz und Gemäuer ein. Der wegrennende Mann in der Robe schmiss sich der Länge nach auf den Fußboden. Neben ihm lag derjenige Mann, den Niras Vater erschossen hatte. Nira zielte genauer. Ihr Finger zog langsam den Abzug. Das Lachen war verstummt und einem leisen Murmeln gewichen. Sie hielt inne. »Stehen Sie auf und nehmen Sie Ihre Maske ab! Ich will Ihr Gesicht sehen! Los jetzt!« schrie sie über den Burghof. Der Mann stand langsam auf.

Nira spürte erneut eine Präsenz neben sich. Sie lugte kurz zur Seite. Neben ihr stand eine Frau. Knapp eineinhalb Köpfe größer als sie. Sie erkannte ihr Gesicht nicht, denn es wurde durch ihre wilde Mähne verdeckt. »Ich werde alles tun, um dir zu helfen, Nira. Aber du solltest acht geben. Er hat sich den Zauberstab von seinem toten Kameraden genommen und wird gleich versuchen, dich anzugreifen. Am besten tötest du ihn, bevor er noch mehr schaden anrichten kann!« ZAUBERSTAB? Hat sie gerade wirklich Zauberstab gesagt?

Nira spürte eine Berührung an der linken Schulter. »Ich weiß, dass du das kannst, meine Kleine ...«, flüsterte die Stimme und etwas strich ihr über die Wange. »Ich werde für dich da sein.« Nira hielt inne und atmete kurz spürte eine Hand in ihrem Haar, die ihr den Nacken entlang strich. »Er will dich tot sehen, Mädchen ... Und deinen Vater auch ... Wie fühlt sich das für dich an?« Nira biss sich auf die Lippe. Ihre Augen wurden kleiner. Der Kerl hat einen anderen Menschen in Flammen aufgehen lassen, er hat Vater und mich angegriffen, Vater liegt vielleicht im Sterben, es muss sein! »Ganz genau mein Schatz ...« Die Teenagerin straffte sich. »Du weißt, wie es geht meine schöne Kriegerin ... Und jetzt ... blas ihn weg!«

Nira drückte den Abzug. Sie drückte ihn so oft und so schnell sie konnte. Ihre Ohren versagten kurzweilig ihren Dienst. Das Mündungsfeuer erhellte die Szenerie. Dann blickte sie nach vorn. Der Mann in der Robe stand immer noch vor ihr. Er schwankte und hielt den Holzstab waagerecht vor sich. Dann fiel er auf die Knie und ließ sich auf den Rücken fallen. Dann regte er sich nicht mehr. Nira blickte auf die Waffe in ihren Händen. Der obere Teil hatte sich verhakt. Aus dem Lauf stieg qualm auf. Sie ließ die Waffe fallen und rannte zu ihrem Vater. Sein Atem ging sehr flach und seine Tochter spürte kaum noch einen Herzschlag an seinem Hals. Verdammt, was fehlt ihm denn? Was kann ich tun? Irgendjemand bitte! Ich brauche Hilfe! Nira drückte den Kopf ihres Vaters an sich und strich ihm durchs Haar. Eine fremde Hand mit dunkel lackierten Nägeln legte sich auf die Brust des Mannes. »Halt ihn fest und lass ihn nicht los, Mädchen! Hörst du? Wir können versuchen ihm zu helfen, aber ich brauche deine Hilfe.« Nira nickte eilig. Egal was du brauchst, ich mach es, nur hilf ihm! Die weibliche Stimme lachte. »Leiste einfach keinen Widerstand, Kleines! Und leg deine Hände so wie ich auf seine Brust.« Nira folgte der Anweisung. »Überleg dir den wichtigsten Moment in euer beider Leben. Und wenn ich ›jetzt‹ sage, dann denkst du, so fest du kannst, an nichts anderes! Und du lässt den Moment nicht mehr los. Egal was passiert. Hast du verstanden?« Nira blickte zum ersten Mal in das Gesicht der Frau. Ihr schauten zwei tiefgründige braune Augen entgegen, eingerahmt von einer wilden Mähne dunkelbrauner Locken »Kann ich dir vertrauen?« fragte Nira. Sie erntete ein Schmunzeln. »Du kannst dir nicht erlauben, es nicht zu tun. Hast du die Erinnerung an deinen Vater?« Nira nickte einmal und legte die Hände auf seine Brust. Die Frau vor ihr schloss die Augen. »Das wird sehr schmerzhaft, egal was passiert, halte den Gedanken fest! Bist du bereit?« Sie bejahte und schloss ebenfalls die Augen. »Jetzt!« Nira versank in ihren Gedanken. Einige Momente lang durchzuckte es ihren Körper. Sie hörte nur noch ein entferntes Rauschen und drückte sich auf die Brust ihres Vaters. Ihr Körper wurde taub. Ein Gefühl des Erstickens überkam sie. Sie fürchtete, dass etwas schief ging. Sie hörte sich selbst aufkreischen. Dann verlor ihr Geist die Kontrolle und ihr Körper fiel bewusstlos vornüber.