Kapitel 4: Unerwünschter Besuch

Die Stimmung war bedrückend, als die sieben Menschen in die schützenden Mauern von Cair Paravel zurückgekehrt waren. Die Sonne hatte sich schon beinahe zur Ruhe gelegt und angenehmes Kerzenlicht erhellte die weitläufigen Gänge. Unter anderen Umständen hätte Peter diese Stimmung als äußerst entspannend empfunden. Im Moment ließen ihm die jüngsten Ereignisse und die beängstigenden Stille keine Ruhe. Selbst dem sonst so redefreudigen Eustace schien es völlig die Sprache verschlagen zu haben. Keine seiner üblichen Fragen, Beschwerden oder Proteste waren zu hören und auch seine besserwisserische Ader, die selbst das Drachendasein nicht völlig hatte abstellen können, war zum Schweigen gebracht worden. Susan wirkte so überfordert wie Peter selbst sich fühlte. Allerdings vermutete er, dass sie nach wie vor mehr mit der Frage beschäftigt war, wie und warum es sie erneut nach Narnia verschlagen hatte. Lucy und Edmund gingen am Ende der Gruppe. Besonders Lucy wirkte niedergeschlagen und erschöpft, obwohl dieser Tag im Grunde noch nicht anstrengend gewesen war. Edmund hatte einen Arm um sie gelegt und so wirkten sie wie zwei Überlebende einer großen Katastrophe, die gemeinsam trauerten.

Die wundersame Rubin empfing die Gruppe kurz vor der Abzweigung, an der sie sich das erste Mal begegnet waren. Sie wirkte gehetzt aber nicht überfordert mit ihrer Aufgabe. Ein ernster Ausdruck prägte ihr Gesicht, der sie noch ein wenig unheimlicher wirken ließ. Hätte er sie nicht zuvor sprechen gehört, hätte Peter geschworen, sie sei nicht dazu in der Lage.

„Rubin", sprach Aletheia sie an. „Sorge dafür, dass Königin Lucy ihr Heilelixier erhält und führe sie anschließend zu den Verwundeten."

Lucy erwachte aus ihrem Dämmerzustand, löste sich sanft von Edmund und trat vor. Rubin versah sie mit einem prüfenden Blick und deutete dann einen Verbeugung an.

„Wenn Ihr mir folgen wollt, Eure Hoheit", sagte sie, trat ein wenig zur Seite und deutete mit einer Hand in einen Gang, der schon nach wenigen Schritten in tiefer Dunkelheit zu versinken schien. Ein wenig unsicher sah Lucy zu ihren Geschwistern zurück. Offenbar schien sie ähnlich wie Peter zu empfinden. Erst jetzt nahm er bewusst wahr, dass Rubin eine Laterne bei sich trug, in der das schummrige Licht einer einzelnen Kerze flackerte. Trotzdem blieb der Gang still, finster und unheimlich. Man konnte nicht behaupten, dass es Lucy an Tapferkeit mangelte. Die Situation schien ihr jedoch einen großen Teil davon zu rauben.

„Ich begleite dich", beschloss Edmund. Es gelang ihm dabei, mutiger und entschlossener als Lucy zu wirken. Ob er es wirklich war, war zu bezweifeln. Trotzdem trat er ohne zu zögern an die Seite seiner jüngeren Schwester und demonstrierte mit fester Haltung, dass er seine Meinung nicht ändern würde. Rubin nickte gleichgültig und deutete erneut auf den Gang. Lucy und Edmund tauschten noch einen zweifelnden Blick aus und setzten sich dann gemeinsam in Bewegung.

„Sieh zu, dass die ganze Sache nicht zu viel Aufsehen erregt, Rubin", wies Aletheia an. „Wenigstens heute Nacht noch nicht. Wir brauchen nicht mehr Unruhe oder gar Panik und die Besatzung der Morgenröte braucht das noch weniger."

Rubin antwortete nicht, da sie sich bereits in Bewegung gesetzt und zu Lucy und Edmund aufgeschlossen hatte. Peter zweifelte jedoch nicht daran, dass sie gehört und verstanden hatte, was ihr aufgetragen wurde. Schweigend beobachteten die verbliebenen vier Menschen, wie die kleine Gruppe zusehends in der Dunkelheit verschwand. Im Grunde war Peter nicht wohl dabei, dass sie sich trennten. Er hatte aber das Gefühl, dass es Lucy wichtig war, persönlich zu helfen, und er wollte sie nicht von etwas abhalten, das ihrer tiefsten Überzeugung entsprach. Bisher hatte ihm das nichts Gutes gebracht.

Während ihm dieser Gedanke durch den Kopf ging, bemerkte er, dass Eustace hinter ihm leicht von einem Fuß auf den anderen trat.

„Ich glaube, ich sollte …. auch mitgehen", brachte er den Grund für seine Unruhe schließlich hervor.

„Natürlich", stimmte ihm Aletheia zu. „Sie werden jede erdenkliche Hilfe brauchen können."

Eustace nickte leicht und lief den drei schließlich hinterher. Noch einmal zog Stille ein.

„Können wir nicht auch etwas tun?", wollte schließlich Susan wissen.

„Wenig", antwortete Aletheia. „Für die Heimkehrer ist gesorgt und zu viele Helfer wären einander nur im Weg und brächten unnötig Unruhe. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass Eustace über kurz oder lang unerträglich geworden wäre, hätte ich ihn abgehalten."

„Mit Sicherheit", stimmte Jill mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck zu.

Eustace hatte sich gebessert, daran konnte gar kein Zweifel bestehen. Doch nur selten veränderte etwas einen Menschen grundlegend und es würde wohl immer Teil seiner Natur bleiben, dass er entsetzlich nervtötend werden konnte, wenn er es für nötig hielt.

„Nun", setzte Aletheia an. „Das ist nicht die Art und Weise, wie Cair Paravel gewöhnlich seine Besucher empfängt, schon gar nicht, wenn sie seine früheren Herren sind."

„Die Umstände sind alles andere als gewöhnlich", versicherte Peter. „Wir haben nicht vor uns zu beklagen."

Er nahm sich die Freiheit, in dieser Angelegenheit ungefragt auch für Susan und Jill zu sprechen. Sie waren sicher seiner Meinung und tatsächlich machte keine von beiden Anstalten zu widersprechen. Was auch immer sie nach Narnia gebracht hatte, hatte das sicher nicht getan, um ihnen einen erholsamen Urlaub zu bescheren.

„Nach allem, was ich aus den Geschichten über Euch gehört habe, habe ich auch keine Klagen erwartet, König Peter. Trotzdem wirft es kein gutes Licht auf uns. Womöglich kann ich Euch wenigstens eine warme Mahlzeit und einen Moment der Ruhe anbieten."

„Nur unter einer Bedingung", entgegnete Peter. Aletheia kniff die Augen zusammen und wirkte, als rechnete sie mit dem Schlimmsten. „Einfach nur Peter."

Aletheia lächelt – zwar nicht wirklich erfreut aber wenigstens ein wenig gelöst. „Das soll mir recht sein."

Peter erwiderte unwillkürlich das Lächeln, hatte im nächsten Moment jedoch das Gefühl, dass es eher wie ein dümmliches Grinsen wirkte.

„Das Gleiche gilt für mich", bekundete Susan. Sie brachte ein glaubwürdigeres Lächeln zustande. Aletheia nickte ihr dankbar zu.

Ein wenig entspannter in ihrer Haltung aber immer noch mit ihren überquellenden Gedanken beschäftigt, kehrten die vier zurück zum Saal der Geschichten. Noch einmal fiel Peter der Löwenkopf am oberen Ende der Tür auf. Ob sich Aslan auch diesmal zeigen würde? Aber welchen Grund hatte er, sie, entgegen seiner eigenen Vorhersage, wieder nach Narnia zu bringen? Es sah ihm nicht ähnlich, sein Wort oder zumindest seine Ankündigungen nicht einzuhalten. Der Gedanken, der sich ihm nun aufdrängte, ließ Peter innerlich schaudern. Konnte dem großen Löwen selbst etwas zugestoßen sein? Eigentlich war das unmöglich, doch das hatten sie schon über viele Dinge gedacht, bis sie einen Fuß nach Narnia gesetzt hatten. Wer von ihnen hatte schon an Faunen, Zentauren oder gar sprechende Tiere geglaubt? Narnia hatte sie eines Besseren belehrt. In dieser Angelegenheit wäre es Peter jedoch nur recht gewesen, wenn sich alte Erfahrungen als richtig erwiesen hätten.

Aletheia streckte die Hand nach der Tür auf, um sie wie zuvor öffnen und ihre Gäste hineinlassen zu können. Jemand kam ihr jedoch zuvor und das große, hölzerne Portal schwang von innen bewegt auf. Die vier Menschen sahen einander unsicher an, während ihnen aus dem Saal ein Streifen hellen, in seiner Breite mit dem Abstand zunehmenden aber in der Intensität abnehmenden Lichts entgegen fiel. Ein unheimlicher Eindruck ging davon aus und hätte er eins zur Verfügung gehabt, hätte Peter jetzt wohl zum Schwert gegriffen. Kopf und Oberkörper eines besonders groß und massiv wirkenden Bärs schob sich durch die Tür, untermalt von einem leichten Schein, der ihn zu umgeben schien. Erst der zweite Blick verriet, dass das Tier offenbar in eine Rüstung gekleidet war. Von dem Eindruck großer Tapferkeit und Entschlossenheit schien er in diesem Augenblick weit entfernt. Sein Kopf war schuldbewusst oder eingeschüchtert – so leicht ließ sich das nicht sagen ohne zu wissen, was geschehen war – gesenkt, sodass er sogar ein wenig zu den vier Menschen aufsehen musste. Beide Klauen hatte er verkrampft um den Türflügel geklammert, sodass Peter fürchtete, dass selbst die massive Bauart das nützliche Kunstwerk nicht vor Schaden bewahren würde.

„Ebala, was tust du hier?", fragte Aletheia angespannt. Eine gewisse Schärfe lag in ihrer Stimme, die Peter jedoch, wären die Worte an ihn gerichtet gewesen, wahrscheinlich eher als allgemeine Unruhe verstanden hätte. Der Bär, der offensichtlich eine Bärin war, schrumpfte noch ein wenig in sich zusammen und fühlte sich offenbar gescholten. Es wirkte ein wenig befremdlich, solch ein großes, starkes Tier so eingeschüchtert zu sehen. Das Unglück dieses Tages schien nicht so recht zu einem Ende kommen zu wollen.

„Wir haben noch weiteren unerwarteten Besuch", antwortete die Bärin schließlich. Ihre massive Gestalt schob sich durch die Tür und schloss diese hinter sich wieder. Nun richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und nahm eine würdevolle Haltung an. Wer auch immer diese Besucher waren, sie mussten Eindruck hinterlassen haben. „Der König von Kalormen und sein Reisegefolge."

Peter beobachtete mit Besorgnis, wie Aletheia die Lippen zusammenpresste und ihr Gesichtsausdruck von erschöpft zu ärgerlich wechselte. Er musste feststellen, dass ihr diese Stimmung nicht im Geringsten schmeichelte.

„Wann werden sie hier sein?", fragte die Königin um Beherrschung ringend.

„Nun ja", druckste die Bärin und wandte den Blick einen Moment ab. „Sie sind bereits hier."

Die Bärenklaue deutete auf den Saal der Geschichten und man konnte fühlen, wie die Stimmung in bodenlose Tiefen sank.

„Wenn Ihr Euch vorbereiten wollt, ich kann sie sicher noch eine Weile hinhalten", bot Ebala an.

Peter warf einen Blick auf seine Begleiter. Sie sahen alle samt ein wenig mitgenommen aus. An ihren Schuhen klebte feuchter Sand und ihre Haare waren vom Wind durcheinander geweht worden. Er hatte nach einer kurzen Zeit am Strand schon verheerender ausgesehen, doch so zeigte man sich üblicherweise nicht seinen Gästen – schon gar nicht an Hofe.

„Aber nein", antwortete Aletheia. „Wenn die hohen Herrschaften nicht in der Lage oder bereit sind, sich gemäß der guten Sitten rechtzeitig anzukündigen, werden sie mit diesem Anblick vorlieb nehmen müssen."

Ebala verzog das Gesicht, widersprach aber nicht. Stattdessen kehrte sie zurück in den Saal. Aletheia machte sich daran, ihre Haare zu ordnen und ihr Kleid glatt zu streichen.

„Ich fürchte, uns soll heute keine ruhige Stunde vergönnt sein. Dieses … Schauspiel, das sich dort drin sicher gleich ereignen wird, möchte ich euch nicht zumuten. Ihr könnt euch gern ein wenig umsehen, wenn ihr wollt. Es wird euch sicher jemand über den Weg laufen, der sich um eure Wünsche kümmert", erklärte Aletheia.

„Ich möchte mir das aber zumuten", widersprach Peter. „So wie die Dinge liegen und wie sie sich zu entwickeln scheinen, würde ich gern wissen, welche Freunde oder Feinde wir haben."

„Wie du wünschst", entgegnete Aletheia seufzend.

Peter war sich nicht sicher, ob ihr Unwille, die Begleitung zu akzeptieren, darauf beruhte, dass sie die drei als störend empfand, oder ob sie fürchtete, dass die kommende Begegnung einen schlechten Eindruck hinterlassen würden. Jedenfalls schien es allein der Anstand zu sein, der sie davon abhielt, Peter, Susan und Jill auszusperren.

Mit möglichst gefestigter und würdevoller Haltung betraten die vier den Saal der Geschichten, auch wenn es Jill auf diesem Gebiet sichtbar an der nötigen Übung mangelte. Der Raum wirkte sofort überfüllt und von einer feindseligen Stimmung überflutet. Zu beiden Seiten der Tür standen Bären in schwerer Rüstung und bewaffnet, einer der beiden musste Ebala sein. Weitere in Rüstungen gekleidete aber nicht bewaffnete Wachen standen an der Wand entlang verteilt. Die ungebetenen Gäste wirkten nicht weniger kampfbereit. Auch sie trugen Rüstungen, die selbst im spärlichen Licht des Saals dermaßen glänzten, dass es blendete. Alles, was sie an sich trugen – von der Schuhspitze über die blankpolierten Waffen bis hin zum Kopfschmuck schien von Feinsten zu sein. Hier wurde Reichtum in all seinen Formen betont deutlich zur Schau gestellt. Die meisten der Anwesenden waren stämmige Männer mit grimmigem Gesichtsausdruck. Einige Frauen begleiteten die Reisegruppe, schienen jedoch nichts weiter als noch ein Teil des prunkvollen Schmucks zu sein. Auf den zweiten Blick fielen Peter auch zwei Frauen und zwei Männer auf, die nicht derart dekadent und geziert wirkten wie die anderen. Auch sie hatte man gut gekleidet und alle vier wirkten sauber, gesund und gepflegt. Den beiden Männern hatte man jedoch eine Rüstung vorenthalten, ebenso wie eine Waffe. Außerdem wirkten alle vier auffallend zurückhaltend und demütig, ihre Blicke waren gesenkt und ihre Haltung nicht annähernd so fest, wie die der anderen. Es fiel Peter nicht schwer, daraus zu schließen, dass es sich um Sklaven handelte. Auch Aletheias Blick wanderte über die Vier und ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich weiter. Sie schien nicht die geringsten Anstalten zu machen, ihre Missbilligung zu verbergen.

Einer der Sklaven, der gleichzeitig als Fahnenträger fungierte, kündigte seinen Herrn mit überschwänglichen Worten und vielen Titeln als Talrhon, König von Kalormen an. Widerwillig schenkte Aletheia dem Herrscher ihre Aufmerksamkeit und beide sahen sich eine Weile schweigend an. Ein Hauch von Abschätzigkeit lag in Talrhons Blick und er wirkte wie ein Mann, der es sich leisten konnte, auf andere herab zu sehen. Er war nicht der Größte in der Reisegruppe, doch trotzdem von stattlichem Körperbau. Vermutlich hätte er die meisten der anwesenden Wachen nicht fürchten müssen. Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass er sich seiner herrschaftlichen Stellung und Macht bewusst war und er schien sich nicht im Geringsten zu genieren, seinen Reichtum offen zur Schau zu stellen.

„Welch unerwartetes Vergnügen", begrüßte ihn Aletheia. Der Ton ihrer Stimme ließ keine Deutung zu, ob diese Worte freundlich oder ablehnend gemeint waren. „Hätten wir geahnt, welcher Besuch auf uns zukommt, hätten wir Euch eine angemessene Begrüßung bereitet. Ich hoffe, Ebala hat sich um Eure dringendsten Bedürfnisse gekümmert."

Keiner der Kalormenen wirkte, als mangelte es ihnen an etwas, abgesehen von der Fähigkeit, ihren Besuch anzukündigen. Talrhons Gesicht verzog sich zu einem grimmigen Grinsen, das seinen Fahnenträger einige Schritte hinter ihn zurückweichen ließ.

„Tatsächlich. Sie waren sehr bemüht", bestätigte der König. „Gewohnt langsam sind sie, aber ihre Disziplin hat sich deutlich verbessert."

Peter beobachtete wie einer der Wachen die Hand zur Faust ballte. Offenbar war seine Disziplin schon stark beansprucht worden.

„Nun, dann wollen wir es nicht auch noch an der Höflichkeit mangeln lassen", ergriff Aletheia das Wort. „Ich möchte euch meine Begleiter vorstellen." Sie trat einen Schritt zur Seite, sodass Peter, Susan und Jill ungehinderten Ausblick auf die Gäste hatten – und umgekehrt. „Dies sind Hochkönig Peter und König Susan, die Herrscher des goldenen Zeitalters, sowie ihre enge Vertraute Jill Pole. Sie sind ebenfalls am heutigen Tage eingetroffen."

König Talrhon legte ein überhebliches Lächeln auf und begrüßte die drei mit einem behäbige Nicken. Peter, Susan und Jill taten es ihm gleich und waren sich schnell und ohne Worte einige darüber, ihn nicht ausstehen zu können.

„Was führt Euch also zu uns?", wollte Aletheia wissen. „Noch dazu mit dieser Eile."

„Die Sorge um mein Land und meine Untertanen selbstverständlich."

Peter unterdrückte mit Mühe ein ungehaltenes Brummen. Dieser Mensch sorgte sich vermutlich nur um sein Land und seine Untertanen, wenn deren Schicksal seine Macht bedrohten. Auf das Wohl derer, die er als Sklaven hielt, würde er wohl nicht viel geben.

„Ich fürchte, ich verstehe nicht", entgegnete Aletheia ruhig.

Sie hatte ihre ganze Aufmerksamkeit dem König geschenkt, als gäbe es sonst niemanden in dem Saal. Es gelang ihr, eine entspannte Haltung einzunehmen und den Klang ihrer Worte sorgfältig unter Kontrolle zu halten.

„Man hört Gerüchte", warf Talrhon in den Raum und machte eine demonstrative Pause, die wohl die Bedeutung seiner Worte unterstreichen sollte. „Gerüchte von einer geheimnisvollen Krankheit – ja sogar Seuche – die Narnia befallen hat. Sie soll die Menschen in den Wahnsinn und dazu treiben, absonderliche Dinge zu tun. Diese Art von Dingen, die sie selbst wie auch andere in Gefahr bringen könnte. Und da fragen wir uns natürlich, ob dieser … Zustand nicht auch auf unser Volk übergreifen könnte."

„Natürlich. Ich verstehe, dass Euch diese Gerüchte beunruhigen. Doch ich kann Euch versichern, dass niemand hier dem Wahnsinn oder irgendeiner seltsamen Krankheit verfallen ist. Es ist eben nur das, was Ihr es genannt habt: ein Gerücht", erklärte Aletheia entschlossen.

Talrhon erlaubte sich keine offensichtliche Reaktion auf dieses Worte, sah sich jedoch noch einmal im Raum um. „Ich erlaube mir diesbezüglich Zweifel. Wie es scheint, seid Ihr hier zur Zeit mit anderem Ungemacht beschäftigt. Euer Schiffchen scheint ein unglückliches Schicksal erfahren zu haben." Er deutete auf das Balkonfenster und die Sicherheit in seiner Haltung war deutlicher als zuvor. „Das ist natürlich zu verständlich. Es erscheint mir doch ein wenig zu mickrig, um tatsächlichen den Gefahren auf hoher See zu trotzen."

Ein leises, tiefes Knurren ertönte aus Richtung der Tür und die Wachen schienen sich nur mit Mühe auf ihren Plätzen halten zu können. Aletheia vergrub ihre Hände in ihrem Kleid und holte tief Luft.

„Bedauernswert ist der, der den Wert einer Sache nur an ihren körperlichen Ausmaßen zu bestimmen weiß", entgegnete sie beherrscht. „Doch ich weiß Euer Verständnis für unsere Situation zu schätzen. Die Morgenröte ist einem unglücklichen Zwischenfall zum Opfer gefallen, doch wie Ihr seht ist sie zurückgekehrt – wie nicht anders zu erwarten von einem Schiff, das bereits bis zum Ende der Welt vorgestoßen ist."

Talrhon nahm die Kritik regungslos hin. Vermutlich sah er sein Argument noch nicht als entkräftet an. Vielleicht wollte er sich auch nur nicht die Blöße geben, die Beherrschung als Erster zu verlieren.

„Ich würde mich auch nicht erdreisten, dem Schiff die Schuld an seinem Zustand zuzusprechen. Jedes Ding ist nur so gut, wie die Menschen, die mit ihm umgehen", gab er schließlich zurück und hob den Kopf siegesgewiss ein wenig an. „Wie auch immer. Das zeigt mir, dass Eure Versicherungen was dieses merkwürdige Leiden angeht, unzureichend sind. Wir haben mit eigenen Augen sehen müssen, was es aus den Betroffenen macht und welche Gefahr diese darstellen können. Allerdings wundert es mich nicht, dass es so weit kommen könnte. Mir scheint immer mehr, dass Euch fehlt, was Eure ehrbaren Vorfahren aus Telmar zu großen Herrschern gemacht hat. Ich wage zu bezweifeln, dass ihnen dieses Situation derart aus der Hand geglitten wäre."

Peter schnappte leicht nach Luft und konnte sich nicht entscheiden, ob er empört sein oder seinen Ohren nicht trauen sollte. Noch mehr als die Worte Talrhons verunsicherte ihn jedoch Aletheias Reaktion. Seine Vermutung oder auch Befürchtung war gewesen, dass sie angesichts dieser Vorwürfe die Beherrschung verlieren würde. Doch das tat sie nicht. Stattdessen legte sich diese Art von Lächeln auf ihre Gesicht, das selbst dem furchtlosesten Krieger das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Wenn ich wäre wie diese von Euch ehrbar genannten Vorfahren, Eure Hoheit, dann würde über Tashbaan längst die narnianische Flagge wehen." Sie trat vor und stellte sich unmittelbar vor Talrhon, sodass er gezwungen war, zu ihr herab zu sehen. „Wünscht Ihr, dass ich diese Nachlässigkeit korrigiere? Womöglich würde das Euer Vertrauen in dieses Land und seine Regierung wiederherstellen."

Peter hätte – egal ob in diesem Moment selbst oder auch später – kein Wort finden können, um den Ausdruck auf Talrhons Gesicht beschreiben zu können. Die Überheblichkeit des Königs war mit einem Schlag von ihm gewichen. Seinen Begleitern konnte man den schieren Unglauben und einigen von ihnen einen Hauch von Angst ansehen.

„Das wird nicht nötig sein, denke ich", antwortete der König, nachdem er seine Fassung zurückgewonnen hatte. „Ich bin sicher, es wird sich alles wieder zum Guten wenden. Wenn Ihr uns nun entschuldigen würdet. Wir haben eine lange Reise hinter uns."

Aletheia trat zwei Schritte zurück, sodass der Weg zwischen dem König und der Tür frei war. „Natürlich. Ebala wird sich um Eure Unterbringung kümmern. Es soll schließlich nicht heißen, wir kümmerten uns nicht um unsere Gäste."

Mit festen Schritten setzte sich Talrhon in Bewegung und verließ nebst Gefolge den Saal. Die Anwesenden würdigte er keines weiteren Blickes, als ginge er an einer Gruppe Ausgestoßener vorüber. Sein Bemühen lag darauf, würdevoll und selbstbewusst davon zu schreiten, doch seiner Haltung fehlte deutlich die vormalige Überzeugung und Arroganz. Sowohl ihm selbst auch als auch allen anderen war bewusste, dass er als Verlierer aus dieser Konfrontation ging. Auch wenn man ihm diese Niederlage erst auf den zweiten Blick ansah, war sie deutlich.

Zwei Männer aus dem Gefolge des Königs blieben schweigend im Saal zurück und folgten mit ihren Blicken regungslos dem Auszug der anderen. Der ältere gehörte zur Gruppe der Sklaven – ein intelligent wirkender, kräftiger Mann mit einem wachen Ausdruck in den Augen. Der andere schien von hohem Rang zu sein, wirkte jedoch nicht so herausgeputzt wie sein Herrscher. Peter schätzte, dass er etwa in Susans Alter sein musste. Seine Erscheinung wirkte deutliche sympathischer als Talrhons.

Kaum hatte sich die Tür hinter den Besuchern geschlossen, entspannte sich die Stimmung unter den Narnianen schlagartig. Der Soldat, der während des Gesprächs um Fassung gerungen hatten, lockerte seine Haltung und machte seinem Ärger Luft, indem er einige leise Flüche vor sich hin murmelte. Peter schätzte sich glücklich diese Worte nicht mit anhören müssen. Ein weiterer Wächter, ein dunkelgrauer Wolf, ließ sich mit einem vernehmlichen Klirren seiner Rüstung auf den kühlen Boden fallen und knurrte kurz.

Die einzigen, die sich nicht so recht beruhigen wollten, waren die verbliebenen Kalormenen. Der Sklave schien eine Art Leibwächter zu sein, denn er war nach wie vor höchst konzentriert und seine Blicke streiften durch den Raum als wollte er prüfen, welche Auswege es im Fall einer Auseinandersetzung gab. Seinem Schützling stand die Angst ins Gesicht geschrieben und es machte nicht den Eindruck als wollte er sich bemühen, dieses Gefühl zu unterdrücken.

„Das war nicht ernst gemeint, nicht wahr?", wagte er schließlich zu fragen. Mit deutlichem Unbehagen nahm er wahr, dass er auf einen Schlag die Aufmerksamkeit aller Anwesenden hatte. Dieser Umstand schien ihn weiter zu verunsichern. Aletheia legte ein entschuldigendes Lächeln auf.

„Ich kann dir versichern, dass sich keiner von uns nach einem Krieg sehnt. Weder zum Zwecke der Eroberung noch zu irgendeinem anderen. Aber ich hielt es für angemessen, deinen Vater an seine Grenzen zu erinnern. Es steht ihm nicht zu, sich aufzuführen, als hätte er hier die Macht inne und könnte sich alles erlauben. Wir haben wirklich schon viele seiner Anfeindungen ohne angemessene Antwort ertragen, aber diesmal ist er zu weit gegangen. Schiffchen, mickrig."

Der Ärger war besonders in ihren beiden letzten Worte zu hören.

„Das ist alles, was dich aufregt?", ereiferte sich Susan. „Sie sind unangekündigt hier reingeplatzt und was war das mit den ehrbaren Vorfahren?"

„Ach ja", entgegnete Aletheia, als hätte sie dieses Angelegenheit schon wieder vergessen. „Diese Art der Anfeindungen bin ich einfach schon gewohnt. Es ist im Grunde genommen jedes Mal das Gleiche. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich sein Verhalten in den nächsten Jahren bessern wird, wenn er lernt, dass er sich nicht jede Dreistigkeit leisten kann. Bisher hat man ihm die meisten Drohungen und Beleidigungen durchgehen lassen. Im Interesse der guten Beziehungen. Damit ist Schluss. Talrhon ist nicht gekommen, um uns einen nachbarschaftlichen Freundschaftsbesuch abzustatten. Er ist der Geier, der meint nachsehen zu müssen, ob seine Beute schon verendet am Boden liegt. Natürlich nimmt er an, dass diese Seuche, wie er es zu nennen pflegt, unsere Truppen schwächt – Truppen, mit denen sich seine Armee unter normalen Umständen nicht messen könnte. Er wartet auf einen schwachen Moment, doch ich gedenke nicht, ihm den vorzusetzen."

„Aber es ist wahr", meldete sich der verunsicherte Prinz wieder zu Wort. „Die Gerüchte über dieses mysteriöse Leiden, das den Leuten den Verstand raubt."

„Ich fürchte ja", räumte Aletheia zu Peters Erstaunen ein. „Ich empfehle euch, eure Grenzen gut im Auge zu behalten und noch besser auf eure Überseehandel zu achten. Wir fürchten, dass das Problem, welcher Art es auch immer sein mag, über das Meer zu uns gekommen ist."

Ihre Worte wurden mit einem kurzen Nicken bestätigt. Dann machten sich die beiden Kalormenen auf, der Gesandtschaft zu folgen. Bis sie durch die Tür verschwunden war, herrschte Stille. Dann hielt es Susan nicht mehr aus.

„War es klug, ihm das zu sagen?"

„Der Anstand gebietet, dass die Kalormenen gewarnt werden, vor allem, wenn sie schon selbst nachfragen. Takcar ist vernünftig, anständig und rücksichtsvoll. Gewissermaßen das ganze Gegenteil seines Vaters. Wir kennen uns schon lange und bisher konnte ich mich immer darauf verlassen, dass er nicht unbedingt das tut, was sein Vater will, sondern das, was für sein Land und sein Volk das Beste ist. Ich denke, wir haben eindrucksvoll demonstriert, warum es für Kalormen nicht das Beste wäre, einen Krieg zu provozieren. Ich hoffe sehr, dass es, wenn Takcar seinem Vater eines Tages auf den Thron folgt, endlich einen verlässlichen Frieden zwischen unseren Ländern geben wird."