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Ein Totentanz

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III. Fiona

Winterwald

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Claudio: Wenn einer träumt, so kann ein Übermaß

Geträumten Fühlens ihn erwachen machen,

So wach ich jetzt, im Fühlensübermaß

Vom Lebenstraum wohl auf im Todeswachen.

(Hugo von Hofmannsthal, Der Tor und der Tod)

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Fiona rannte.

Zurückschnellende Zweige peitschten ihre Schneelast in ihr Gesicht, Brombeerranken rissen ihre bloßen Beine auf. Der Schnee war harsch gefroren, mit eisigen Klingen zerschnitt er ihre nackten Füße. Die Spur, die sie auf der weißen Fläche hinterließ, schimmerte rot. Doch Fiona spürte nichts von dem Schmerz, spürte nicht die grimmige Kälte, die gierig an ihrem nur unzureichend bekleideten Körper leckte. Das Einzige, was sie fühlte, war eine grenzenlose Panik, die sich in ihr und um sie herum zusammenballte wie die grauen Schneewolken über dem nächtlichen Wald.

Sie hörte ihre Stimmen, ihr wildes Lachen – ein Wolfsrudel auf der Jagd. Das Rudel hatte Blut geleckt, und jetzt wollte es mehr davon.

Ihr war klar, dass die Männer diese Jagd genossen.

Noch vor wenigen Stunden waren sie ihre Gefährten, ihre Kameraden gewesen. Bis zu jenem verhängnisvollen Augenblick, in dem sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben entschieden gegen die Regeln einer Gruppe, zu der sie sich zugehörig fühlte, gewendet hatte. Bis zu dem Moment, in dem sie aus ihrem Rausch aus Blut und Mord aufgewacht war und sich geweigert hatte, diesen einen speziellen Menschen zu foltern. Es war ihr nicht ums Foltern und Töten an sich gegangen, sie hatte kein Bekehrungserlebnis gehabt und sich nicht zur menschenliebenden Pazifistin gewandelt, aber sie hatte diesen einen Menschen erkannt und ihn nicht mit dem Cruciatus belegt, sondern ihn mit dem Avada-Kedavra-Fluch vor den Grausamkeiten ihrer Gefährten gerettet.

Und nun rannte sie um ihr Leben.

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Der Schnee fiel, lautlos, gleichmäßig, dicht wie ein weißer Vorhang. Jedes Geräusch verstummte, wurde aufgesogen von dem blendenden Weiß. Die Welt verschwamm, versank in der unaufhörlichen sanften Abwärtsbewegung.

Eine schwarze Gestalt glitt geräuschlos durch das wirbelnde Weiß, suchend, witternd. Sie erstarrte mitten in der Bewegung und beugte sich prüfend über den frisch gefallenen Schnee. Vorsichtig pustete sie die oberste Flockenschicht beiseite. Ein Fußabdruck kam zum Vorschein, ein rot gesprenkelter Schatten, dann ein zweiter. Die Gestalt zog einen Stab aus ihrem Umhang und richtete ihn auf einen der Abdrücke.

Illuminos!", raunte sie.

Eine Spur wurde sichtbar, ein schwach leuchtender Pfad, der gerade über das Feld und hinein in den Schutz des stillen Winterwaldes führte. Den Stab wachsam erhoben, folgte die Gestalt dem gelbgrünen Band. Hinter ihr verblasste das Licht, und der Schnee deckte die beiden Spuren wieder zu.

Dann tauchte die Gestalt in den Wald ein. Hier war die Stille noch dichter, so dicht, dass sie eine fast körperliche Qualität hatte, eine schwere Wolke, die über den Bäumen lag und eine stumme Warnung enthielt. Eine Warnung, sich fernzuhalten von diesem Wald, wenn man kein Teil von ihm war.

Auch Severus Snape spürte diese Warnung, doch er beachtete sie nicht. Er war ein Teil dieses Waldes und hatte nichts von ihm zu befürchten. Anders als das Mädchen, dem er auf der Spur war. Sie war fremd hier und konnte sich glücklich schätzen, wenn er sie vor den anderen Waldbewohnern fand.

Weit konnte sie in ihrem Zustand nicht gekommen sein.

Severus wünschte, der Dunkle Lord hätte ihn nicht so lange aufgehalten, nachdem die anderen Todesser sie hatten laufen lassen. Rodolphus hatte ihren Herrn mittels eines Zwei-Wege-Spiegels über die Gehorsamsverweigerung der jungen Frau informiert. Daraufhin hatte der Dunkle Lord der Gruppe, zu der Fiona gehörte, freie Hand in ihrer Bestrafung erteilt – mit der einzigen Bedingung, dass sie am Leben bleiben sollte, bis Severus sich um sie „kümmern" konnte. Dann hatte er seelenruhig ein ausgiebiges Gespräch mit seinem Tränkemeister begonnen, das sich thematisch von Severus' neuesten magischen Kreationen bis zu aktuellem Klatsch und Tratsch über Minister Fudge erstreckte.

Währenddessen hatten sich Rodolphus, Rabastan, Dolohow und Patrick nach Herzenslust an Fiona ausgetobt. Und wenn Severus sie nicht bald fand, würde sie entweder erfroren oder von den namenlosen Wesen dieses Waldes zerrissen worden sein.

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Fiona drängte sich keuchend an den schützenden Felsen. Der Stein war kalt, eisig geradezu, und diese Kälte ging ihr durch und durch. Jetzt, wo sie keine Kraft mehr zum Rennen hatte, jetzt, wo sie langsam wieder zu denken anfing, sank auch das Adrenalin in ihrem Körper ab, und alle unangenehmen Gefühle wurden wieder freigesetzt.

Zitternd zog sie ihre Robe enger um die Schultern. Umhang, Schuhe, Strümpfe und Hosen hatten sie ihr weggenommen. Die Kälte drang ihr bis auf die Knochen. Ihre Hände und Füße begannen bereits, taub zu werden. In ihr dagegen wütete ein Feuer der Pein.

Sie verfluchte die Männer, die sie so zugerichtet hatten, die sie hier in diesem Wald sterben lassen wollten. Antonin. Rabastan. Rodolphus. Paddy.

Sogar Paddy.

Die Erinnerung jagte eine Hitzewelle durch ihren Körper, brodelnde Glut, gemischt aus Scham und Hass.

Es war einfach nicht fair. Sie war ein Mitglied des Dunklen Ordens, genau wie die anderen auch. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz, das besagte, dass sich verdammt noch mal kein Todesser an einem anderen zu vergreifen hatte, es sei denn auf ausdrücklichen Befehl des Dunklen Lords. Sie hatte eine Regel verletzt, gut, sie war bereit gewesen, das Urteil ihres Herrn klaglos zu akzeptieren. Aber von ihren eigenen Gefährten ohne ein Wort der Vorwarnung, ohne eine Chance, sich zu verteidigen, misshandelt und – sie würgte beim Gedanken an das Geschehene – vergewaltigt zu werden, war schockierend, ekelhaft und erniedrigend gewesen. Die vier Männer hatten sich nicht die geringste Zurückhaltung auferlegt, und ihr Unterleib schien noch immer in Flammen zu stehen.

So fühlt es sich also an, dachte Fiona bitter.

Während ihrer Ausbildung hatte sie gelernt, Vergewaltigungen und andere sexuell konnotierte Quälereien als reguläres Element von Folter und Demütigung der Gefangenen hinzunehmen. Sie war auch kaum die Art von Frau, die ihre Kameraden als attraktiv oder erregend empfanden. Mit der Zeit hatte sie das Gefühl gehabt, als ein asexuelles Wesen angesehen zu werden, das sich zwar nur in begrenztem Umfang an diesen „Männerspielen" beteiligen konnte, dessen Gegenwart dabei aber irgendwie selbstverständlich war. Manchmal hatte sie sich auch auf bissige Art über die gewalttätige Demonstration von Männlichkeit und Potenz lustig gemacht, die ihre Kameraden ihr da boten.

Nun, foltern und töten konnte sie ebensogut wie die Männer. Das hatten diese schnell erkannt, und sie zollten ihr dafür neidlose Anerkennung.

Nach einem halben Jahr hatte Fiona das Gefühl gehabt, gut in ihre neue Aufgabe hineingewachsen zu sein. Sie war nur wenige Wochen nach der Wiederauferstehung des Dunklen Lords in den Orden eingetreten. Ebenso wie Danyel.

Danyel, der bereits tot war.

Nicht daran denken.

Ebenso wie Jery, der versucht hatte, zu desertieren, und der dafür in einem grausamen Ritual zu Tode gefoltert worden war.

Und ich habe mitgemacht. Ich fand es gerecht, damals. Da wusste ich noch nicht, was es heißt, wirkliche Schmerzen zu haben. Schmerzen ... und Todesangst.

Ebenso wie Paddy, mit dem sie eine langjährige Freundschaft verband.

Verbunden hat, korrigierte sie sich zornig.

Nach zwei Monaten gemeinsamer Arbeit mit Rabastan und Rodolphus Lestrange, die erst Anfang des Jahres aus Askaban entkommen waren, hatte sich etwas entwickelt, was man unter anderen Umständen wohl als gute kollegiale Arbeitsbeziehung bezeichnet hätte. Und Dolohow – nun ja, sie waren miteinander klar gekommen. Irgendwie. Inzwischen hatte sie sogar seinen makabren und schlüpfrigen Humor zu schätzen gelernt.

Und dann das ...

Von einer Minute zur anderen ein völliger Umschwung im Verhalten der vier Männer, ohne Vorwarnung von freundlichen „Kollegen" zu blutgierigen Raubtieren. Natürlich waren sie auch vorher schon gewalttätig und grausam gewesen, aber nicht ihr gegenüber. Nie hätte sie gedacht, dass diese vernichtenden Aggressionen einmal gegen sie gerichtet sein könnten.

Fiona stöhnte unterdrückt und presste beide Hände auf ihren schmerzenden Bauch. Mehrere Tritte Rabastans in Magen und Unterleib hatten dafür gesorgt, dass sie sich selbst auf ihrer Flucht noch zweimal hatte erbrechen müssen.

Sie fragte sich, warum die vier noch nicht vor ihr standen. Ihre Spur war sicher kinderleicht zu verfolgen gewesen. Wahrscheinlich lauerten sie irgendwo in der Nähe und hatten sie längst entdeckt.

Die Männer spielten mit ihrer Angst.

Sie konnte nur hoffen, dass sie ihr die Gnade eines schnellen Todes erweisen würden. Sie würde Paddy bitten ... – Nein, nicht Paddy. Er hatte nicht genug Autorität in der Gruppe. Sie war sicher, dass er vorhin nur mitgemacht hatte, um sich vor den älteren Männern zu beweisen. Nein, besser Rodolphus. Und Rabastan. Sie hatten ihren Spaß gehabt, sie würden sich ihrer Bitte nicht verweigern. Hoffentlich. Vielleicht. Wenn sie demütig genug vorgebracht wurde ...

Ein paar Tritte würde sie wohl noch einstecken müssen, aber dann ... Avada Kedavra.

Nun, immer noch besser, als hier zu erfrieren.

Mühsam stemmte sie sich in die Höhe, um ihren Mördern entgegenzutreten.

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Severus erstarrte und lauschte.

Der Schnee fiel immernoch in dicken Flocken. Es war schwierig, in diesem Geräusche und Bilder verschlingenden Weiß ein anderes Lebewesen auszumachen. Aber er war sich beinah sicher ...

Und dann sah er sie. Sie war kaum zehn Meter von ihm entfernt, tauchte soeben mit dem Rücken zu ihm hinter einem schneebedeckten Felsbrocken auf. Die junge Frau bemerkte ihn nicht, kämpfte sich langsam und steif in die Höhe, ihre Aufmerksamkeit offenbar völlig in Anspruch genommen von ihrem schmerzenden Körper.

„Hallo, Fiona."

Sie fuhr heftig zusammen.

Dann drehte sie sich zu ihm, zögernd, widerwillig. Das kinnlange, aschblonde Haar fiel ihr in blutverklebten Strähnen ins Gesicht. Ihre Lippen waren aufgeplatzt und geschwollen, ihre linke Wange von einem tiefen Kratzer verunziert. Ein Fausthieb hatte ihr rechtes Auge zuschwellen lassen.

Sie strich sich mit einer resignierten Geste das Haar aus dem zerschlagenen Gesicht. Ein wässrigblaues Auge sah ihn an, traurig, enttäuscht.

„Bist du das, Rabastan?", fragte sie gedämpft. „Und – wo sind die anderen?"

Severus streifte die Kapuze zurück.

Sie starrte ihn überrascht an. Dann erkannte sie ihn, und ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Sie sind ... du bist das", sagte sie, und in ihrer rauen Stimme schwang Erleichterung mit.

Auch Severus lächelte, dünn und gezwungen. Es war erst anderthalb Jahre her, dass Fiona Hogwarts verlassen hatte, und so selten, wie sie ihren ehemaligen Lehrer unter den anderen Todessern getroffen hatte, ging ihr das Du nicht leicht über die Lippen.

„Morgana, ich bin froh, dass du es bist. Ich hatte mit Rabastan oder Antonin gerechnet."

Er hob eine Augenbraue. „Du kennst meine Aufgabe, oder?"

Ein Schatten löschte das blasse Lächeln aus. „Ja", erwiderte sie knapp.

„Keine Angst?" Auch seine zweite Braue wanderte in die Höhe.

„Doch." Sie presste die Lippen zusammen und starrte ihn angespannt an.

Severus steckte den Zauberstab weg und zog seinen Winterumhang von den Schultern. Er hielt ihn ihr einladend hin, ausgebreitet zwischen seinen Händen. Fiona musste nur kommen und ihn sich umlegen lassen.

Zögernd sah sie erst auf den Umhang, fröstelnd, verlangend, dann prüfend und misstrauisch in sein Gesicht. Schließlich setzte sie sich linkisch und humpelnd in Bewegung. Als sie hinter dem Felsen hervortrat und er das Blut sah, das sie auf dem Schnee hinterließ, ihre zerschnittenen, blaugefrorenen Füße, die roten Hände, die verkrampft auf dem schmerzenden Unterleib lagen, machte Severus in Gedanken vier dicke Minuszeichen hinter die Namen Patrick O'Hara, Antonin Dolohow, Rabastan und Rodolphus Lestrange auf seiner persönlichen Abschussliste. Vielleicht würde er mit einem kleinen Brechmittel im abendlichen Butterbier anfangen ...

Fionas eines offenes Auge ließ keine Sekunde von ihm ab, als sie schwankend die wenigen Meter durch den Schnee stapfte. Ein letzter, misstrauischer Blick bohrte sich in seine Augen, ehe sie ihm den Rücken zudrehte, damit er ihr das Kleidungsstück umlegen konnte. Behutsam ließ er den schweren Umhang auf ihre Schultern gleiten. Dann beugte er sich über sie, um die Brosche, die den Stoff zusammenhielt, zu schließen.

Ihr Atem stockte. Sie erstarrte unter seinen Händen.

„Ich tue dir nichts", sagte er ruhig und schloss rasch die schlangenförmige Silberbrosche. Danach richtete er sich sofort wieder auf und zog die Hände zurück.

Fiona atmete hörbar aus, blieb aber stehen, wo sie war, und blickte sich nicht um.

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Warum tust du's nicht einfach jetzt?, dachte Fiona müde. Jetzt ist mir warm, die Angst hält sich in Grenzen und die Schmerzen, nun ja, die wäre ich gerne los. Insgesamt sind das hier bestimmt die besten fünf Minuten dieses beschissenen Tages, und es wäre schön, wenn wir ihn hiermit beenden könnten.

Dennoch konnte sie ein heftiges Zittern nicht unterdrücken.

„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich werde dir nicht weh tun", sagte eine leise Stimme in ihrem Rücken.

Langsam drehte Fiona sich zu Severus um.

„Aber dir muss furchtbar kalt sein."

Plötzlich hielt er seinen Zauberstab in der Hand und richtete ihn auf ihre Brust.

Fiona kniff die Augen zu und hielt den Atem an. Jetzt war es also so weit. Jetzt ...

Dann fühlte sie ein sanftes Prickeln, und eine angenehme Wärme breitete sich in ihrem Körper aus.

Wenn das der Tod ist, dann fühlt er sich gut an.

„Du kannst die Augen wieder aufmachen", klang es trocken an ihr Ohr. „Das war nur ein Wärmezauber."

Nicht der Tod. Das ist nicht gut.

Widerwillig öffnete sie ihr nicht zugeschwollenes Auge und starrte ihren ehemaligen Lehrer feindselig an.

„Warum tust du uns beiden nicht den Gefallen und beendest es hier und jetzt?", knurrte sie.

Das Warten machte sie nervös. Der Wärmezauber, den er über sie gesprochen hatte, taute ihre halb erfrorenen Zehen und Finger wieder auf und ließ alle Schmerzen zu neuer Wut erwachen. Sie spürte, wie das Blut zwischen ihren Beinen erneut zu fließen begann und krümmte sich unter einer Welle frisch erwachter Pein. Stöhnend knickte sie zusammen – und wurde aufgefangen, ehe sie den Boden berührte.

„Es tut mir leid. Daran hatte ich nicht gedacht."

Ein Arm schob sich unter ihre Achseln, ein zweiter unter ihre Kniekehlen, dann wurde sie hochgehoben.

Morgana, wo schleppt er mich bloß hin – und wozu?, dachte sie frustriert.

Dann umfingen sie die wirbelnde Schwärze und der Druck der Disapparation.

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Auf den Zentimeter genau, dachte Severus zufrieden, als er mit Fiona in den Armen in seinem Wohnzimmer apparierte und seine Last Sekunden später auf das Sofa gleiten ließ.

Ein hellblaues Auge starrte ihn anklagend an. Ihr Mund war zu einem dünnen Strich zusammengepresst.

„Was hast du mit mir vor, verdammt noch mal?!", zischte sie wütend. „Willst du auch noch deinen Spaß mit mir haben?! Zu kälteempfindlich, um es draußen zu treiben?!"

Sicher nicht." Severus ärgerte sich über die Unterstellung, auch wenn sie aus Fionas Sicht naheliegend war. „So etwas würde ich niemals tun!", sagte er mit leichter Schärfe in der Stimme. „Niemals, hast du verstanden?"

„Warum schleppst du mich dann mit dir rum wie ein Kind sein neues Spielzeug?!", fauchte sie ihn an.

Das saß.

Spielzeug. Ja. Im Grunde war sie für ihn ebenso ein Spielzeug, wie sie es für die anderen gewesen war. Auch wenn er ein anderes Spiel mit ihr spielte.

Alle waren sie Spielzeug für ihn. Sein ganzes Leben war ein grausames, zynisches Spiel.

„Puppen reden nicht. Silencio", sagte er kalt. Er hatte sie nicht in sein Haus gebracht, um mit ihr zu streiten. „So lange, bis du dich beruhigt hast. Und rühr' dich nicht vom Fleck."

Dann drehte er sich brüsk um und ging zur Tür hinaus.

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Zornig starrte Fiona an die Decke. Morgana, was war das nun wieder!

Offenbar war die allgemeine Einschätzung, dass es sich bei den Todessern um einen Haufen Verrückter handelte, doch nicht so falsch.

Wenn sie nicht solche Schmerzen gehabt hätte, wenn sie sich nicht so furchtbar schwach gefühlt hätte, sie wäre keine Minute auf diesem verfluchten Sofa liegen geblieben. Sie hätte verdammt noch mal versucht, zu entkommen. Aber so ...

Erschöpft ließ sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Es sah fast wie eine Bibliothek aus. Bücherregale bis zur Decke. Dazu das Sofa, zwei Sessel, ein niedriger Tisch – das war die ganze Einrichtung. Alles wirkte verwohnt und abgenutzt.

Im Hinausgehen hatte Severus ein Feuer im Kamin entzündet, das jetzt knackend und prasselnd den Raum erwärmte. Nicht, dass ihr kalt gewesen wäre. Der Wärmezauber hielt immer noch an, und sie war nach wie vor in den dicken schwarzen Wollumhang ihres ehemaligen Lehrers gehüllt.

Ihr Gesicht verzog sich zu einem schmerzlichen Grinsen. Er würde das Ding wohl gründlich reinigen müssen. Sie spürte, wie das Blut aus ihrem Unterleib die Wolle durchweichte.

Vom Sofa aus konnte sie aus dem Fenster sehen. Es schneite noch immer. Die Schneeflocken tanzten im Licht der Straßenlaternen.

Straßenlaternen? – Muggel! Ich bin hier irgendwo in einer Muggelsiedlung! Morgana, wenn es mir gelingt, hier rauszuschleichen ...

Sie raffte den Umhang vor ihrer Brust zusammen und stemmte sich in die Höhe.

Verflucht, tat das weh! Ein glühendes Messer bohrte sich zwischen ihre Beine, und ein atemberaubender Schmerz schoss ihre Wirbelsäule hoch. Sie unterdrückte den Schrei mit Mühe, würgte ihn ab zu einem gequälten Wimmern.

Ich muss hier raus! Kriechend, wenn es nicht anders geht ...

Mit angehaltenem Atem ließ Fiona sich langsam vom Sofa auf den Boden gleiten. Holz, registrierte ihr schmerzbenebeltes Hirn. Alte Dielen.

Sie nahm all ihre Willenskraft zusammen, konzentrierte sich ganz auf die nächste Bewegung. Mit zusammengebissenen Zähnen zwang sie ihren protestierenden Körper auf Hände und Knie, zwang sich, auf allen vieren zu kriechen, während ihr graue Nebelfetzen die Sicht nahmen und der Schmerz immer neue, brennende Attacken gegen ihren Unterleib ritt.

Morgana, wo war die Tür? Wo war die verfluchte Tür?

Sie quälte sich ein Stück weiter, stieß mit dem Kopf an etwas Weiches, Nachgiebiges und hob den Blick. Aber sie konnte nicht erkennen, was es war, ein wirbelnder grauer Schneesturm tobte vor ihren Augen. Vorsichtig richtete sie sich auf den Knien auf und tastete mit einer Hand durch die wabernde Finsternis, traf auf etwas Warmes, Lebendiges – eine fremde Hand schloss sich fest um ihre tastenden Finger.

Fiona schrie lautlos auf. Er hatte sie.

Oh, das darf doch nicht war sein! Verdammt, ich bin nicht mal fünf Meter weit gekommen ... Verflucht noch mal!

Angst, Schmerz und Enttäuschung legten sich wie Blei auf ihre Brust und nahmen ihr den Atem.

Morgana, nein! Ich werde nicht vor ihm heulen! Nein!

Aber sie hatte einfach keine Kraft mehr. Unaufhaltsam quollen die Tränen aus ihren Augen. Und endlich brach sie in ein stummes, zorniges Schluchzen aus.

SSSSSSS

Sie weint. Großartig.

Severus stellte den dampfenden Becher auf dem Couchtisch ab, ohne die zitternde Hand der jungen Frau loszulassen.

Nun, an weinende Frauen war er gewöhnt. An weinende Menschen, um präzise zu sein. In Extremsituationen machte das Geschlecht keinen großen Unterschied. Wie oft war er schon unter Tränen angefleht worden. Angefleht, nicht zu töten – oder zu töten, je nachdem. Und wie oft hatte er dieses Flehen ignoriert, verzweifelte Bitten abgeschmettert.

Tränen würden ihr nicht helfen. Genauso wenig wie Fluchtversuche.

Mit einem Schwung seines Zauberstabes nahm er den Silencio von ihr. Dann ging er vor Fiona in die Hocke und sah in ihr zerschlagenes Gesicht.

Sie zuckte heftig vor ihm zurück.

„Mach es dir nicht so schwer."

Ihr Blick war verschleiert, unfokussiert, und das nicht von den Tränen allein.

Schock, Schmerz, Blutverlust ...

„Hier." Er griff nach dem Becher und hielt ihn an ihre Lippen. „Trink. Das wird dir helfen."

Ihre Lippen zitterten, doch statt den Mund zu öffnen, wich sie ein Stück vor seiner Hand zurück. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Kehle, und sein Blick fiel auf die dünne Spur von Blutstropfen, die sie auf dem Fußboden hinterlassen hatte.

„Du blutest. Du solltest dich nicht so anstrengen. – Komm, trink."

Wieder hob er den Becher an ihren Mund. Wieder wich sie zurück.

„Willst du mich vergiften?", presste sie hervor.

„Nein", entgegnete er ruhig. „Das ist gegen die Schmerzen. Wie du dich vielleicht noch erinnern wirst, stammen die meisten von Madame Pomfreys Heiltränken aus meinen Kesseln. – Trink."

Widerstrebend öffnete sie den Mund und würgte das Gebräu hinunter.

„Gut. Und jetzt lass dir wieder aufs Sofa helfen."

Er ergriff Fiona unter den Armen und zog hoch. Schwankend setzte sie einen Fuß vor den anderen und ließ sich schließlich erleichtert in die Polster sinken. Severus umfasste ihre Knöchel und hob vorsichtig ihre Beine aufs Sofa. Erschöpft streckte sie sich auf dem Rücken aus und schloss die Augen. Severus beugte sich über sie und begann, ihre Robe aufzuknöpfen.

Fiona riss entsetzt die Augen auf. „Was machst du da?!", keuchte sie alarmiert.

„Ich sehe nach deinen Verletzungen."

„Nein!" Panisch presste sie die Schenkel zusammen. Gleichzeitig versuchte sie, ihre Kleidung seinem Griff zu entwinden.

„Fiona", sagte er ruhig und sah ihr fest in das nicht zugeschwollene Auge. „Ich bin nicht nur der Tränkemeister des Dunklen Lords, sondern auch sein Heiler. Lass mich dir helfen."

„Warum?" Ihre Stimme bebte – Angst, Wut, Zweifel.

„Ich war fünfzehn Jahre lang vor allem eines – Lehrer. Du bist nicht die Erste und sicher nicht die Letzte von meinen ehemaligen Schülern, die ich in den Tod geleiten soll. Auch wenn ich vielleicht kein besonders beliebter Lehrer war, und auch wenn ich nicht immer gerne unterrichtet habe, entwickelt man mit der Zeit eine gewisse Bindung, besonders gebenüber den Schülern des eigenen Hauses. Ich war dein Hauslehrer. Ich habe mir geschworen, dass ich keinen meiner ehemaligen Schüler in Angst und Schmerz sterben lassen werde, sofern es in meiner Macht liegt, das zu verhindern. Bitte erlaube mir, dir zu helfen."

Einen Moment lang zögerte sie, dann nickte sie langsam.

„Und falls es dir irgendwie hilft", setzte Severus hinzu, „du bist nicht das erste Vergewaltigungsopfer, das ich vor mir habe."

„Es fühlt sich etwas anders an, wenn es einem selbst passiert, weißt du!", zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen, während er behutsam ihre Schenkel auseinander schob.

„Ich verfüge über ein lebhaftes Vorstellungsvermögen. – Nicht bewegen jetzt."

Severus richtete seinen Zauberstab auf ihren Unterleib und sprach mehrmals dieselben lateinischen Worte, an die Fiona sich vage von einer von Madame Pomfreys Behandlungen her zu erinnern glaubte.

„Tut es noch weh?", fragte er dann.

„Ein bisschen", erwiderte sie leise.

Er wiederholte den Spruch. „Und jetzt?"

„Nein ... nein, ich glaube nicht." Sie setzte sich auf, zögerte kurz. „Danke", sagte sie dann.

„Keine Ursache."

Severus richtete den Zauberstab auf ihr Gesicht und heilte das malträtierte Auge, die aufgeplatzten Lippen und die anderen Spuren, die ihre Kameraden hinterlassen hatten.

Jetzt waren es zwei blassblaue Augen, die ihn durchdringend anstarrten.

SSSSSSS

Fiona sah in die schwarzen Augen, die körperlos vor ihr im Raum zu schweben schienen. Wie in ihrer Schulzeit hatte sie plötzlich das Gefühl, in zwei dunkle Tunnel zu blicken, die ins Nichts führten.

Viele Todesser hatten seltsame Augen – hart, grausam, resigniert oder traurig. Viele ihrer Opfer hatten seltsame Augen – so voll Qual, Panik, Hass und Verzweiflung, dass sie kaum wiederzuerkennen waren.

Aber noch nie waren ihr solche Augen wie diese begegnet. Schwarze Löcher, in denen man sich verlor. Als Schülerin hatte sie stets so rasch wie möglich den Blick abgewendet. Doch diesmal hielten Severus' Augen sie fest, zwangen sie, den Kontakt aufrechtzuerhalten.

„Morgana, was ist bloß mit deinen Augen passiert?", hauchte sie zwischen Faszination und Entsetzen. „Du trägst den Tod in deinen Augen."

Severus blinzelte irritiert. Der Bann war gebrochen.

Er ließ sich in einen der Sessel sinken und starrte nachdenklich ins Feuer.

„Den Tod – mag sein, ja", sagte er schleppend. „Ich habe so viele Menschen hinabgestoßen in die ewige Dunkelheit ... Der Tod ist mein ständiger Begleiter, mein Lehrmeister – gut möglich, dass er mir sein Siegel in die Augen gebrannt hat wie der Dunkle Lord das Mal in meinen Arm." Er strich leicht über das schwarze Brandzeichen auf seiner Haut. „Ich habe mich dem Tod schon immer verbundener gefühlt als dem Leben. Das Leben ist sinnlos. Letztlich wird alles wieder zu Erde und Asche."

„Der Tod ist der Sinn des Lebens", flüsterte Fiona.

Er sah rasch auf. Ihre Blicke trafen sich.

„Ja", erwiderte er leise. „Der Tod ist der Sinn, das Ziel. Aber das ist nicht alles. Man kann sich dem Tod hingeben, sich in ihn hineinfallen lassen. Er ist die absolute Sicherheit, die einzige Sicherheit, die wir haben. Egal, ob man den Tod gibt oder nimmt, man kann sich in ihn einhüllen wie in eine schwarze Decke."

Ein Glimmen trat in seine Augen. Sie waren nicht länger leer. Ein schwarzes Feuer brannte in ihnen und gierte nach neuer Nahrung.

Fiona lächelte verkrampft. „Wir scheinen ja zwei verwandte Seelen zu sein. Wie schade, dass wir das nicht rechtzeitig erkannt haben." Ihre Stimme klang ungewohnt schrill in ihren Ohren.

Severus nickte knapp, entließ sie aber nicht aus seinem Blick. Seine Augen sagten ihr, dass es Zeit war.

Sie versuchte, die Angst hinunterzuwürgen, doch es gelang ihr nur teilweise.

„Severus, trotz alledem ... Ich ... ich habe Angst."

In den schwarzen Augen war keine Regung zu erkennen.

Fiona schluckte mühsam.

„Severus, ich weiß, es ist nicht deine Art, aber ... Würdest du ... würdest du mich in den Arm nehmen, wenn ich ... während ich ..." Ihre Stimme erstarb.

„Morgana, ich schäme mich für meine Feigheit!", brach es plötzlich wütend aus ihr heraus, als ihr Körper zu beben anfing und ihr wieder Tränen in die Augen stiegen. „Es tut mir leid. Schätze, ich sollte mich endlich mit der Realität abfinden. Man stirbt in der Regel allein, oder?", stieß sie schluchzend hervor.

Allein. Allein in der Dunkelheit. Ohne weiche Decke. Ohne schützende Arme. Allein beim ewigen Fall in die Nacht.

Doch dann war da plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter, zwei Hände. Severus war lautlos hinter sie getreten.

„Du bist nicht allein", sagte er ruhig. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Ich werde dich festhalten."

Er ließ sich neben sie aufs Sofa gleiten, legte vorsichtig einen Arm um ihre Schultern. Einen Moment zögerte sie noch, dann ließ sie sich gegen ihn sinken, in die warme und tröstende Umarmung hinein. Seine Arme schlossen sich fest um ihren zitternden Körper, zogen sie an seine Brust. Fiona weinte, fürchtete sich und fühlte sich doch auf seltsame Weise geborgen dabei. Beschützt. Sicher.

Sie schloss die Augen und ließ sich fallen.

SSSSSSS

Severus wiegte Fiona wie ein kleines Kind, summte eine leise und raue Melodie dazu.

Nach einer Weile löste er einen seiner Arme und zog den Dolch aus seinem Gürtel. Doch er wartete noch, legte den Arm wieder um sie, die Waffe in der Hand. Fiona weinte und schmiegte sich an ihn.

Severus verachtete sich dafür, dass er ihre Nähe genoss, die Nähe eines Menschen, der ihm komplett ausgeliefert war. Doch dies war seine einzige Chance, anderen Menschen nahezukommen, und er würde sie nicht ungenutzt verstreichen lassen. Auch er brauchte Wärme und Nähe, und wenn er sie nur auf diese Weise bekommen konnte, dann war es eben so.

Fionas Weinen verebbte allmählich. Severus fühlte ihren Atem an seinem Hals, ihren Herzschlag an seiner Brust.

„Bereit?", fragte er leise, und spürte, wie sie nickte.

Mit der linken Hand fixierte er ihren Kopf. Die Rechte mit dem Dolch legte er an ihren Hals.

Ihr Atem beschleunigte sich.

"Schhhh ...", machte Severus.

Dann schnitt er Fiona mit einer raschen Bewegung die Kehle durch.

Sie zuckte und gab ein röchelndes Geräusch von sich. Severus hielt ihren Kopf, während ihr Blut seine Kleidung durchweichte. Der Schnitt hatte nicht nur die Luftröhre, sondern auch die Halsschlagadern durchtrennt und somit die Versorgung des Gehirns unterbrochen. Sie war bewusstlos, ehe der Schmerz sie erreichen konnte. Nach einigen Minuten setzten auch Atmung und Herzschlag aus.

Doch Severus blieb sitzen, bis das Feuer im Kamin heruntergebrannt war. Dann erst schob er Fiona behutsam von seinem Schoß und erhob sich. Er zog seinen Zauberstab, sprach erst mehrere Reinigungszauber, die ihn, die Tote und das Sofa vom vergossenen Blut befreiten, dann den Verwandlungsspruch.

Fiona verschwand. An ihrer Stelle lag ein kantiger, ockerfarbener kleiner Stein auf dem Sofa. Severus nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn nachdenklich, ließ seine Fingerspitzen sacht über die raue Oberfläche gleiten. Endlich trat er zum Kaminsims hinüber, schob einen glatten schwarzen Kiesel und einen unregelmäßigen geformten, rötlich gefleckten Stein auseinander. Er legte Fiona in ihrer neuen Gestalt zwischen die beiden.

Dann ging er in die Küche, um Tee aufzusetzen.

SSSSSSS

Dialog IV

SSSSSSS

Hallo, Severus.

Hallo, Tom.

Du brauchst dich nicht an mich zu erinnern, wenn es dir weh tut, Severus.

An dich werde ich mich immer erinnern.

Immer?

Immer.

SSSSSSS