Drei Jahre zuvor:

Ich war mit meiner Kollegin und besten Freundin Katie in den Staaten um dort an einem Kongress für Militärmediziner teilzunehmen.
Wir hatten dort einige Kontakte knüpfen können. Einige wenige waren uns schon bekannt und wir trafen uns eines Abends um unser Wiedersehen und neue Freundschaften zu begiessen. Begleitet wurden wir von ein paar Kolleginnen von Naval Medical Center, die Hauptausrichter des Kongresses waren.

Wir hatten mittlerweile einiges getrunken und lachten viel. Ein schöner Weiberabend.
Am nächsten Tag war frei und dann würden wir uns ausnüchtern.
Nach einer ganzen Weile gingen Katie und ich auf die Toilette. Kichernd wie Teenager hakten wir uns gegenseitig ein und tapsten in Schlangenlinien Richtung WC.
Auf dem Rückweg kollidierten wir in dem schmalen Flur mit zwei uniformierten Männern. Lake und Red. Katie hing an meinem Arm. Ihre Fingernägel bohrten sich in meine Haut als sie Lake unverschämt in seine blauen Augen starrte. Ich tat quasi das Gleiche. Nur das ich Red anstarrte. Wobei anstarren noch untertrieben ist. Betrunken wie wir waren, zogen wir die beiden mit unseren Blicken aus.
Lake brach als Erster das Schweigen.
"Easy prey, Red. And what a pretty one."
Katie hielt Lake ihr Bier unter die Nase. "Wanna have a Beer?" Sie grinste breit.
"You´re quite tanked up, huh?" Reds Bemerkung war eher Feststellung als Frage.
Ich drehte mich zu Katie, die immer noch Lake angrub. Er hatte Recht. Wenn ich sie so ansah, und davon ausgehen musste, das ich den gleichen Eindruck hinterliess wie Katie, ja, dann hatten wir wirklich ganz schön einen in der Krone.

"Yop, we definitely are! But for you two, we might get sober!" bestätigte ich leicht lallend, zu Red gewandt.
Wir setzten wie auf Signal unser verführerischstes Lächeln auf. Demonstrativ stelle Katie ihr Bier beiseite und stemmte die freigewordene Hand in ihre Taille.

Schulterzuckend sahen sich die beiden Männer an. Sie trennten Katie und mich voneinander und setzten uns an den nächsten Tisch. Mein Kopf war noch recht klar. Nur meine Beine wollten nicht so wie ich. Unsere neue Bekanntschaft blieb an unserem vorherigen Tisch natürlich nicht unkommentiert.

"Hey Sweethearts!" rief eine laut durch die Bar. "German girls only take the best we´ve got, huh!"
Wir zuckten nur mit den Schultern " We`ll see! You`re just jealous, Babe" rief ich genauso laut zurück. Zwischen uns tauchte dann eine Andere auf, die sich gerade an unserem Tisch vorbei schob. Sie lehnte sich zu Katie und mir herunter: "Seals are definitely the best we have! Congrats, ladies!" Sie setzte einen vielsagenden Blick auf.

Unglücklicherweise fehlt mir der restliche Abend. Als nächstes erinnere ich mich an die Sonnenstrahlen die mich sanft weckten. Und an ein weiches, gut riechendes Kissen in das ich mich einkuschelte. Ich konnte den Geruch nicht einordnen und realisierte schlagartig dass ich mich nicht in meinem Bett befand. Ich schreckte hoch. Dann kam der Kopfschmerz. Mit ihm die weitere Erinnerung an die Bar, den Tequila und an ihn. Ich rieb mir stöhnend den Schädel.
Vorsichtig schob ich mit der anderen Hand die Bettdecke beiseite, unter der er lag. Folgendes stellte ich nüchtern fest: Erstens: Er sah verdammt gut aus.
Zweitens: Er war ein Arschloch.
Ich wurde wütend.
Dieser Mistkerl hatte ausgenutzt, dass ich betrunken gewesen war. Leise stand ich auf, um in meine Klamotten zu kommen. Ich wollte schnell verschwinden. Das war nur nicht so einfach wie gedacht, weil meine Sachen im ganzen Raum verstreut lagen. Möglichst ohne Lärm zu machen zog ich mich Teil für Teil an. Auf allen vieren suchte ich meinen BH.
In der Schlafzimmertür fand ich endlich das letzte Puzzleteil. Meinen zweiten Stiefel. Schnell schlüpfte ich lautlos hinein und schnürte ihn zu. Nichts wie weg, dachte ich.

Einen halben Schritt schaffte ich. Dann ergriff eine kräftige Hand meinen Arm.
"Wanna leave yet?" Seine Stimme trieb mir einen Schauer über den Rücken. Tief und sanft.
Ich konnte mir nur vorstellen, was für Dinge er mir gestern wohl ins Ohr geflüstert hatte.
Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er in mir nur leichte Beute gesehen hatte und meine Wut hatte sich noch nicht gelegt. Ganz im Gegenteil. Mit einer abschüttelnden Bewegung löste ich seine Hand von mir und drehte mich zu ihm um.
Es war unmissverständlich für ihn. Diese wütende Glut in meinem Blick machte ihm klar, dass ich nicht aufgestanden war, um Frühstück zu holen.

"What? Am I wood?" er legte den Kopf schräg. Meine Reaktion schien zu überraschen.
"Ok... I´ve got a small hangover. But I am bent out of shape! You used that I was drunk!" machte ich meinem Ärger Luft.

"I did not!" antwortete er entrüstet. Seine Stimme wurde lauter: "We only reached 2st base, ok?- Why should I screw ya, if you can´t remember and tell your girlfriend how good it has been?" Beim letzten Satz grinste er verschmitzt. Er fand es offensichtlich komisch. Mich regte es nur zusätzlich auf. Ich glaubte ihm zwar, aber mich vögeln zu lassen, damit er sich damit rühmen konnte, wie toll er war, trieb mich wieder auf die Palme.
"Let me go- Now!"
"I can´t." sagte er wieder ruhiger. "I think my heart will stop if I let you."
Das war zu viel. Meine flache Hand traf ihn mit akzeptabler Wucht ins Gesicht. Ich ärgerte mich, ich hätte gleich mit der Faust zuschlagen sollen. Red rieb überrascht seine Wange.
"DO-NOT-NEVER-EVER lie to a woman or tell emotional tales when you just wanna have a fuck!"
Mit diesen Worten liess ich ihn auf der Bettkante sitzen und verschwand mit schnellen Schritten aus dem Schlafzimmer. Er folgte mir. Wieder packte er mich. Dieses Mal am Handgelenk. Er zog mich an sich, drehte mich mit einer raschen Bewegung um und drückte mich mit seinem Körper an die Wand.
"You´re right. I shouldn't lie to a woman. And I did not. Please stay a while. We could go to 3nd base if ya like." Ich war nicht in der Lage mich zu wehren. Ich wollte es eigentlich auch gar nicht. Mein Herz schlug mir bis zum Hals als er die Worte in mein Ohr flüsterte.
Widerstand war quasi zwecklos. Meine Hormone hatten sich gegen meinen Verstand verschworen.
Seine Hände lösten sich von meinen Handgelenken und legten sich auf meinen Rücken. Von dort wanderten sie tiefer während wir uns küssten. Als sie meine Oberschenkel erreichten schob er mich mit dem Rücken an der Wand weiter zu ihm hoch. Meine Beine schlangen sich um seine Hüfte. Meine Arme um seine Schultern. Von seinen Lippen wurde mir auf angenehme Weise schwindelig.
Ich wollte ihn jetzt. Sofort. Ihm erging es offensichtlich nicht anders. Er trug mich zurück ins Schlafzimmer.
"Don't disappoint me! I´m a demanding person." warnte ich ihn vor.
Er grinste schlitzohrig. "I won´t…"
Sanft warf er mich auf die Matratze.

Anfangs war es eine reine Bettgeschichte, der ich nicht viel Bedeutung beimaß.
Andererseits war genau der Typ Mann, nach dem ich suchte. Groß, gutaussehend, durchtrainiert. Und ein bisschen Geheimnisvoll. Lange Gespräche waren eher die Seltenheit. Große Worte lagen ihm einfach nicht. Insgesamt war er oft in sich gekehrt.
Was das betraf, waren wir so gegensätzlich. Es war anfangs nicht sehr leicht ihn zum Lachen zu bringen. Ein Lächeln von ihm war schon Gold wert. Ich lache viel.
Erst nachdem wir uns länger kannten, taute er etwas auf. Wurde etwas redseliger und entspannter. Er war mein Ruhepol. Und ich seiner. Ich konnte ihm genau ansehen in welcher Stimmung er war. Manchmal saß ich Stundenlang einfach nur so im Bett oder sah fern, während neben mir lag und seinen Kopf auf meinen Schoß legte. Ab und an sahen wir uns schweigend tief in die Augen.
Nach ein paar Treffen war mir klar, dass es mehr war als nur wilder, hemmungsloser Sex. Wir glichen uns gegenseitig aus. Red sprach niemals über seine Einsätze. Man sah es ihm nur an, wenn er geistig und körperlich fertig war.
Er gab mir das Gefühl in seiner Gegenwart sicher zu sein. Ich konnte mich fallen lassen und ihm alle Verantwortung für mich in seine Hände legen. Er würde mich beschützen. Wo auch immer, vor was auch immer.

Red sagte er liebt mich, weil ich ihn verstehen konnte. Ich hatte mich zwar noch nie auf mich selbst gestellt durch irgendwelche Sümpfe kämpfen müssen. Aber ich wusste sehr wohl, was es bedeutete unter feindlichem Beschuss zu sein. Und oft lange von zuhause weg zu sein. Vielleicht eines Tages für immer.

Damals verbrachten wir jeden Tag, jede freie Minute zusammen. In drei Wochen würde ich zurück nach Deutschland fliegen. Er würde vielleicht schon eher zu einem Einsatz gerufen. Es war die schönste Zeit, die wir gemeinsam hatten. Alle Sorgen der Welt schienen so weit weg. Wir wussten, dass es nicht leicht werden würde eine Beziehung aufrecht zu erhalten wenn die Umstände so kompliziert waren. Aber wir wollten es zumindest versuchen.

Meine Gedanken sind wieder im hier und jetzt. „ Du hast mir so gefehlt" flüstere ich Red leise zu. Seine Hand habe ich die ganze Zeit festgehalten. Mein Daumen streichelt sie.
Einerseits wünsche ich mir, er würde jetzt aufwachen und bald wieder auf die Beine kommen. Andererseits habe ich Angst.
Angst vor seiner Reaktion. Wird er sich freuen mich zu sehen? Oder wird er mich zum Teufel jagen? Weil ich diejenige war, die die Idee hatte Schluss zu machen? Oder weil er nicht will, dass ich ihn so sehe? Wird er mich überhaupt wieder erkennen?

Ausserdem steht immer noch das Risiko im Raum, dass seine Verletzungen massiv nachbluten.
Meine Stimmung ist im Moment alles, aber eines sicher nicht: Zuversichtlich.