Sorry, dass es so lange gedauert hat.

Aber jetzt kommt das nächste Kapitel. Viel Spaß beim Lesen.


ALLE CHARAKTERE GEHÖREN STEPHENIE MEYER


Geschichten, die die Runde machen

Im Laden war heute viel zu tun. Die Bestellung, die ich am Samstag aufgegeben hatte, war schon eingetroffen und wartet darauf ausgepackt und einsortiert zu werden. Dann waren da noch die vielen Kunden, die sich anscheinend alle heute dazu entschlossen hatten, dass sie neue Bücher benötigten. Und zu allem Überfluss war da auch noch Angela, die sich heute Morgen krank gemeldet hatte. Anscheinend ging eine Grippe herum. Also war ich auf mich allein gestellt. Und ich rotierte geradezu. Ich lief zwischen den Kunden hin und her, stellte hier und dort ein neues Buch in eines der Regale und kassierte die Kunden auch ab. Schon mittags war ich mehr als erschöpft, da ich am Sonntag ja auch gearbeitet hatte. Das wäre in der vergangenen Woche mein einziger freier Tag gewesen. Eigentlich sollte ich morgen frei haben, doch ich konnte mir kaum vorstellen, wie das gehen würde. Angela würde noch ein paar Tage ausfallen und andere Mitarbeiter gab es hier nicht. Meine Chefin ließ sich nur einmal die Woche blicken und übertrug den Rest der Verantwortung auf Ang und mich. Mrs. Patterson vertraute uns sehr.

Gegen sechzehn Uhr wurde es langsam leerer. Er waren nur noch vereinzelte Kunden im Geschäft und ich kam dazu den Rest der Lieferung einzuräumen.

Insgesamt waren es dreiundachtzig neue Bücher, der verschiedensten Genres. Dennoch wurde mir schnell klar, dass ich bei den Massen, die heute verkauft wurden, schon in den nächsten Tagen von neuem Bücher würde ordern müssen. Seufzend sortierte ich ein weiteres Werk in das passende Regal, als sich hinter mir jemand räusperte.

Ich drehte mich um und blickte in zwei warme braune Augen. Ich lächelte leicht.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?", fragte ich freundlich. Eigentlich war ich nicht sonderlich gut drauf und erschöpft, aber diese Augen strahlten Freundlichkeit aus.

„Ja, ich suche das Buch ‚Ein Sommernachtstraum' von Shakespeare. Haben Sie das da?", fragte der junge Mann lächelnd. Er war ungefähr einen Meter fünfundachtzig groß und hatte zu den brauen Augen auch kurze braune Haare.

„Aber natürlich. Solche Klassiker haben wir immer da. Shakespeare ist schließlich sehr beliebt", erwiderte ich und bedeutete ihm mir zu folgen. Wir mussten fast den gesamten Laden durchqueren, bis wir vor dem Regal ankamen, in dem sich auch die Werke von Shakespeare befanden. Zielstrebig zog ich drei verschiedene Ausgaben dieses Stückes hervor und erläuterte ihm die Besonderheiten der jeweiligen.

„Haben Sie die etwas alle gelesen?", fragte er erstaunt.

„Das Stück an sich nicht. Das habe ich nur zweimal gelesen. Aber die Anhänge und Bemerkungen habe ich bei diesen drei Büchern alle gelesen. Sie sind wirklich gut", antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Wüssten Sie über andere Bücher auch so viel? Könnten Sie mir da auch die besten Ausgaben empfehlen?", fragte er mit einem Grinsen.

„Hmm… ich weiß nicht. Aber ich denke schon. Im Groben bin ich über die meisten Bücher informiert, die wir verkaufen. Das gehört zu meinem Job", zwinkerte ich. Mein Gegenüber starrte mich verblüfft an. Ich verstand nicht, was ich getan hatte. War das Zwinkern zu viel des Guten gewesen? Normalerweise konnte ich recht gut einschätzen, wie ich mit dem Kunden umgehen musste. Er blickte kurz nach unten, als ob er überlegte. Dann richtete er seinen Blick auf mich und lächelte selbstbewusst.

„Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen…?", begann er. Misstrauisch verengte ich ein wenig die Augen, nickte aber schließlich.

„Haben Sie einen Freund?", fragte er geradeheraus. Meine Augen weiteten sich. Kurz überlegte ich ihm zu sagen, dass ihn das nichts anging, aber was konnte es schon schaden, wenn er wusste, dass ich keinen hatte?!

„Nein, habe ich nicht", gab also ich zu.

„Großartig", sagte er freudig. Wie bitte? Na vielen Dank. Skeptisch hob ich eine Augenbraue. „Oh, Entschuldigung. So war das eigentlich nicht gemeint. Ich meinte viel mehr, dass das gut für mich ist. Ich würde Sie gerne zum Essen einladen", stellte er klar. Ich blinzelte ein paar Mal. Damit hatte ich nicht gerechnet. Was sollte ich ihm antworten?

„Eigentlich darf ich nicht mit Kunden ausgehen", sagte ich ausweichend. So war es gut. Sich auf die Regeln für Angestellte zu stützen, war immer gut.

„Wenn ich das Buch nicht kaufe, bin ich ja eigentlich auch gar kein Kunde", schlug er mich mit meinen eigenen Waffen. Zufrieden mit sich selbst grinste er mich an.

„Das stimmt nicht ganz. Immerhin habe ich Sie schon beraten", erklärte ich ihm.

„Mist, da haben Sie recht. Das nennt man dann wohl eine ‚Patt-Situation'", gab er zu. Genau genommen war es das nicht. Ich hatte sein Argument, mit dem er mich ausspielen wollte, entkräftete. Ein klarer Sieg für mich! Aber irgendwie war ich trotzdem nicht geneigt noch weiter zu protestieren. Mike war ein Idiot, aber das bedeutete nicht, dass ich keine Dates mehr haben wollte. Und dieser Mann wirkte wirklich nett. Ein Abend mit ihm konnte sicher nicht schaden. Doch da fiel mir etwas auf.

„Also schön, aber nur wenn Sie mir vorher Ihren Namen verraten", sagte ich lächelnd. Er schaute mich erstaunt an und schüttelte dann seinen Kopf.

„Wo bleiben nur meine Manieren? Ich heiße Tyler Crowley. Und wem habe ich die Ehre gegenüberstehen zu dürfen?", sagte er grinsend und hielt mir seine Hand hin.

„Bella Swan", sagte ich schlicht.

„Pass auf, Bella. Ich darf doch Bella sagen?! Gut. Ich gebe dir meine Karte und du rufst mich einfach an. Dann können wir uns überlegen, wann wir ausgehen." Er zwinkerte mir zu und reichte mir die Karte, die er aus seiner Anzugtasche zog. „Aber warte nicht zu lange. Ich will möglichst bald mit dir ausgehen." Und bevor ich etwas erwidern konnte, stellte er das Buch zurück in das Regal, drehte sich um und verschwand. Verblüfft starrte ich auf meine Hände. Was war denn das gewesen? Ich betrachtete die Karte. Darauf standen sein Name, seine Telefonnummer und, dass er Makler war. Ein Makler. Das klang doch ganz gut. Nun steckte ich die Karte in meine Hosentasche und widmete mich erneut meiner Arbeit. Es war noch einiges zu tun und so verging die Zeit bis zum Feierabend schnell. Ich schloss gerade die Tür ab, als das Telefon klingelte. Schnellen Schrittes ging ich zum Verkaufstresen und nahm das Gespräch entgegen.

„'Bücherparadies'. Sie sprechen mit Miss Swan. Was kann ich für Sie tun?", betete ich professionell meinen Text herunter.

„Bella, hier ist Mrs. Patterson", antwortete die bekannte Stimme meiner Chefin am anderen Ende.

„Oh, guten Abend, Ma'am", sagte ich freundlich.

„Ich wollte dir nur versichern, dass du morgen wie geplant deinen freien Tag hast. Ich werde morgen selbst das Geschäft übernehmen. Mach dir einen schönen Tag", erzählte sie mir. Ich war überrascht. Ich hatte meinen freien Tag längst an den Nagel gehängt.

„Sind Sie sicher?", fragte ich vorsichtig nach.

„Aber natürlich. Ich schaffe das auch allein", versicherte sie mir schnell.

„Okay danke, Mrs. Patterson. Aber wenn irgendetwas sein sollte, dann rufen Sie mich ruhig an. Das macht mir nichts aus", versicherte ich ihr.

„Das wird nicht nötig sein. Ich wüsche dir einen schönen freien Tag. Bis bald, Bella", sagte Mrs. Patterson und legte auf.

Na gut. Dann hatte ich also doch frei. Freude machte sich in mir breit. Das würde mir gut tun.

Ich schaltete noch schnell die Lichter aus und verließ dann durch den Hintereingang das Geschäft. Mein alter, roter Chevy Transporter stand direkt vor der Tür, sodass ich gleich hineinhüpfen konnte. Schnell fuhr ich nach Hause, lief die Treppen hoch und betrat schließlich meine Wohnung. Ich schaltete das Licht ein und ging ins Wohnzimmer. Dort legte ich meine Tasche ab und griff als erstes nach dem Telefon.

Ich wählte Alice' Nummer. Ich wollte ihr unbedingt von den Ereignissen erzählen, die sich seit gestern ereignet hatten. Es war noch nie vorgekommen, dass ich an zwei Tagen auch zweimal nach einem Date gefragt wurde. Nun gut, eigentlich hatte ich Mike ja gefragt, aber ich war mir sicher, dass er es auch noch getan hätte. Ich hatte die ganze Sache nur beschleunigt. Nach dem zweiten Klingeln nahm sie ab.

„Hallo?", fragte Alice am anderen Ende.

„Hey, Alice. Ich habe ein Date", sagte ich sofort.

„Oh, Bella! Du hast ein Date? Aber doch nicht wieder mit diesem Mike-Menschen, oder?", fragte sie abschätzend.

„Nein, mit Ty… Warte! Woher weißt du von Mike?", fragte ich verblüfft.

„Edward hat es mir erzählt. Er steht gerade übrigens neben mir und hört mit. Ich hab dich auf Lautsprechen gestellt", informierte sie mich.

„Oh, hi Edward", sagte ich schüchtern. Es war das erste Mal, dass wir uns sprachen, seit unserem ‚Ausrutscher'. Sofort war ich aufgeregt, versuchte Edward aber auszublenden und mich auf Tyler zu konzentrieren.

„Bella", hörte ich Edwards wunderschöne Stimme sagen.

„Also Bella. Wer ist es dann?", wollte Alice neugierig wissen.

„Er heißt Tyler und war vorhin bei mir im Laden", erklärte ich.

„Wie sieht er aus?" Ich fühlte mich wie bei einer Befragung.

„Also, er ist relativ groß, hat braune Augen und braune Haare und ist Makler", erläuterte ich. „Ich soll mir überlegen, wann ich ihn treffen will und ihn dann anrufen, damit wir das abmachen können."

„Wann willst du ihn anrufen?", fragte Alice.

„Gleich, denke ich", sagte ich zögernd. Warum war das wichtig?

„Okay. Ich hätte dir zwar geraten noch zu warten, aber gut. Mach das. Und halt mich auf dem Laufenden. Bye", erzählte sie.

„Bye Alice, bye Edward", sagte ich zum Abschied und legte auf. Dann zog ich Tylers Karte aus meiner Hosentasche und tippte seine Nummer in mein Telefon ein. Ich holte tief Luft. Nur Mut, Bella.

„Hallo?", fragte eine weibliche Stimme.

„Hallo, ist Tyler da?", fragte ich. War das seine Mutter? Lebte er etwa noch zu Hause?

„Nein, tut mir leid. Mein Mann ist nicht da. Kann ich ihm etwas ausrichten?", fragte sie freundlich. Mann? So wie in Ehemann? Oh mein Gott. Tyler war verheiratet. Wut und Enttäuschung stiegen in mir auf. Ich geriet immer an die Idioten. Dieser…

„Nein, danke. Auf Wiederhören", sagte ich sehr kontrolliert und drückte die Taste, die das Gespräch beendete. Am liebsten hätte ich geschrieen. Wütend rief ich Alice zurück.

„Bella?", fragte sie verblüfft.

„Ist Edward noch bei dir?", fragte ich noch immer kontrolliert.

„Nein, er ist in sein Schlafzimmer gegangen. Wieso?" Sie klang verwirrt.

„Er ist verheiratet", schrie ich wutentbrannt.

„Wer? Edward?", fragte sie nicht verstehend.

„Nein, Tyler. Ich hab bei ihm angerufen und mit seine Frau geredet. Nett, oder? Dieser… Argh. Mir fällt keine Beleidigung ein, die schlimm genug ist", wütete ich.

„Bella, beruhige dich. Ich verstehe ja kein Wort. Also, du hast bei diesem Kerl angerufen und dann…?", fragte sie. Ich atmete einmal tief durch, um mich ein wenig zu beruhigen.

„Dann hat eine Frau abgehoben. Sie sagte: ‚Mein Mann ist nicht da. Kann ich ihm etwas ausrichten?'", erklärte ich ihr bitter und imitierte die Stimme von Mrs. Tyler Crowley.

„Oh, wow", war alles, was Alice dazu sagte.

„Ich habe die Nase voll. Gestern das und heute schon wieder! Es hatte seine Gründe, dass ich nicht ausging", zischte ich wütend.

„Bella, sieh doch nicht alles so schwarz. Willst du vielleicht vorbei kommen? Wir könnten uns etwas zu essen bestellen beim Chinesen oder so? Wenn du willst kannst du auch hier übernachten. Dann musst du nicht mitten in der Nacht noch nach Hause fahren?", fragte sie einladend. Ich überlegte kurz. Eigentlich wollte ich nur noch ins Bett, aber ein Mädelsabend mit Alice wäre wirklich nett. Außerdem hatte ich morgen frei.

„Okay, Alice. Das klingt toll. Ich packe noch ein paar Sachen zusammen und bin dann in fünfzehn Minuten bei dir", unterrichtete ich sie.

„Okay, bis gleich", sagte Alice freudig und dann hörte ich es in der Leitung knacken. Auch ich legte auf.

Eilig lief ich durch den Flur in mein Schafzimmer. Ich legte mich auf den Boden und fischte mit meinem Arm unter meinem Bett. Nach einer gefühlten Ewigkeit und durch die Tatsache, dass ich mittlerweile halb unter meinem Bett verschwand, bekam ich meine kleine Reisetasche zu fassen und zog sie zu mir heran. Glücklich über diese Errungenschaft versucht ich mich aufzurichten. Doch mein Kopf machte eine unliebsame Bekanntschaft mit der Unterseite meines Bettes. Innerlich fluchend über meine eigene Dummheit robbte ich mich unbeholfen rückwärts, damit ich mich endlich aufsetzen konnte. Wütend musterte ich mein Bett und rieb mir dabei den Hinterkopf. Es war wirklich mehr als lästig, dass ich mich andauernd an etwas stieß. Ich seufzte. So war ich nun einmal. Langsam sollte ich mich daran gewöhnen.

Ungelenk stand ich auf und drehte mich zu meinem Kleiderschrank. Nicht wissend was ich einpacken sollte, trat ich von einem Fuß auf den anderen. Was würde ich brauchen? Würde ich Edward sehen? Was würde ihm gefallen? Wütend schnaubte ich. Ich war doch wirklich unverbesserlich.

Ich packte frische Unterwäsche und eine Jeans, ein einfaches blaues T-Shirt und eine weiße Strickjacke für den morgigen Tag ein. Dann verließ ich mein Schlafzimmer und betrat mein Bad. Auch mein Lipgloss, meine Wimperntusche, mein Erdbeershampoo und andere Badutensilien fanden den Weg in meine Reisetasche. Ich blickte mich noch einmal suchend um. Hatte ich etwas vergessen? Ich entschied, dass ich alles eingepackt haben musste. Zufrieden mit mir selbst warf ich einen Blick auf die Uhr. Mist, ich musste mich beeilen. Sonst würde ich mich noch verspäten. Also rannte ich los. In meiner Eile schnappte ich mir noch meine Handtasche und schon war ich dabei die Treppen hinunterzusprinten. Schnell schlüpfte ich in meinen alten roten Chevy-Transporter und atmete keuchend. Ich hatte eindeutig keine Kondition. Nachdem ich wieder einatmen konnte ohne mich zu fühlen, als würden meine Lungen in Flammen stehen, steckte ich meinen Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn herum. Ein ersticktes Keuchen entfuhr dem Motor. Nein, nein, nein. Bitte sag jetzt nicht, dass mein Auto kaputt ist. Ich hatte öfter Probleme mit meinem roten Ungeheuer, aber ich liebte ihn. Er war zwar alt, aber er hatte Charakter.

Ich startete einen neuen Versuch und seufzte erleichtert. Dieses Mal ließ sich mein Wagen starten und so fuhr ich los. Der Weg war zum Glück nicht weit. Ich kannte ihn mittlerweile auswendig. Ich war zwar bisher erst einmal in Alice' Wohnung gewesen, aber ich hatte sie schon öfter abgeholt. Schnell fand ich einen Parkplatz, schnappte mir meine Sachen und ging auf die Eingangstür zu.

Ohne, dass ich geklingelt hatte, hörte ich das Summen, das die Tür einriegelte. Unsicher schaute ich mich um. Da aber sonst niemand hier stand, drückte ich letztlich die Tür auf und trat an den Aufzug heran. Ich betätigte den Ruf-Knopf und wartete. Als die Aufzugtüren aufglitten, schlüpfte ich hinein und drückte den Knopf für das vierte Stockwerk. Ich fühlte mich unwohl. Mein Magen wanderte in die Kniegegend. Mit Aufzügen hatte nicht viel am Hut. Ich wünschte mir zwar einen für mein Wohnhaus und benutzte sie aus Faulheit und wegen meiner fehlenden Ausdauer, aber ich konnte sie nicht leiden.

Als die Türen sich erneut öffneten, atmete ich erleichtert aus. Schnell stürmte ich aus dem Aufzug. Ich wollte dieses Ding nur verlassen.

Schließlich kam ich zu Alice Wohnung und auch diese Tür stand offen. Ich trat zögernd ein.

„Hallo? Alice?", fragte ich irritiert.

„Bin in der Küche", rief sie mir zu. Ich folgte ihrer Stimme. Im Wohnzimmer legte ich meine Taschen ab und ging dann weiter in die Küche. Dort stand sie, meine beste Freundin.

„Wieso stand die Tür offen?", fragte ich verwundert und zeigte in die Richtung, in der ich die Tür vermutete.

„Ich hab sie aufgemacht als ich die Tür unten entriegelt habe", sagte sie so, als würde das alles erklären.

„Und warum hast du das gemacht? Ich habe nicht geklingelt…", hackte ich weiter nach.

„Oh bitte! Deinen Transporter hört man schon aus fünf Kilometern Entfernung", kicherte sie und verdrehte die Augen. Abwartend hob ich eine Augenbraue.

„Also gut. Ich stand gerade auf dem Balkon und hab gesehen, dass du auf die Tür zugingst", erklärte sie dieses Mal wahrheitsgemäß. Ich nickte nur. Nun betrachtete ich die Küche genauer. Sie war sehr modern. Die Schränke waren aus nussbaumfarbenem Holz und die Türen aus Milchglas. Aber was viel mehr meine Aufmerksamkeit erweckte, war, dass der ganze große Küchentisch, der an der linken Wand der Küche stand, voll war mit chinesischem Essen.

„Alice, kommen noch mehr Leute?", fragte ich schockiert.

„Nein, aber ich wusste nicht worauf du Lust hast und ich kann den Rest in den Kühlschrank stellen und ein paar Tage aufheben", sagte sie achselzuckend. Das war so typisch Alice. Sie musste es immer übertreiben.

Dann ging sie zum Tisch und öffnete nacheinander einige der Essenskartons, bis sie das gefunden hatte, was sie wollte. Ich hingegen griff wahllos nach irgendeinem Karton. Alice tänzelte zu einer der Schubladen und zog zwei Gabeln daraus hervor.

„Komm wir gehen ins Wohnzimmer", sagte sie. „Aber erst ziehen wir uns unsere Schlafsachen an."

„Wieso? Wir gehen doch noch gar nicht schlafen", sagte ich protestierend.

Sie verdrehte die Augen. „Ja, klar. Aber es ist kein richtiger Mädelsabend, wenn wir nicht unseren Pyjamas herumsitzen", sagte sie grinsend. Manchmal war Alice das wandelnde Klischee. Wir stellten unser Essen auf den Couchtisch und dann schnappte Alice sich meine Reisetasche und zog mich mit sich in ihr Zimmer.

„So", sagte sie und klatschte in die Hände, „auspacken kannst du später. Hol dir einfach deine Schlafsachen aus der Tasche." Ich wollte ihr gerade gehorchen, als mir bewusst wurde, dass ich gar nichts eingepackt hatte, in dem ich schlafen konnte.

„Verdammt. Ich hab vergessen mir einen Pyjama einzupacken", fluchte ich.

„Kein Problem. Ich kann dir einen leihen", bot Alice sofort an. Sie lief zu ihrem riesigen Kleiderschrank und zog ein dunkelblaues Spitzenneglige hervor.

„Hier. Das wird dir gut stehen", überlegte sie und warf es mir dann zu. Während ich immer noch geschockt über dieses Etwas war, zog sich Alice ein ähnliches Stück aus dem Schrank.

„Alice, das ist kein Pyjama. Das ist Reizwäsche", brachte ich hervor, als ich meine Stimme wieder gefunden hatte.

Sie drehte sich zu mir um und musterte mich stirnrunzelnd. „Ich habe nicht anderes. Also wirst du dich damit begnügen müssen."

Na wunderbar. Na ja, solange wir unter uns waren, wäre es mir egal.

„Wo ist Edward?", fragte ich deshalb.

„Er ist heute Abend ausgegangen", sagte sie, während sie den Schrank wieder schloss. Ich war erleichtert.

„Ich geh ins Bad und ziehe mich dort um. Du kannst dich hier umziehen", entschied sie und verließ ihr buntes Zimmer, in dem alle Regenbogenfarben verwendet waren. Trotzdem wirkte der Raum ungewöhnlich ruhig und stimmig.

Ich entkleidete mich und zog dann dieses blaue Spitzenetwas an. Nun ging ich zu dem großen Ganzkörperspiegel, der neben der Tür stand und betrachtete mich. Das Neglige war viel zu kurz. Alice dürfte es bis kurz vor den Knien gehen, aber mir reichte es kaum über meinen Po. Außerdem lag es ziemlich eng an. Kein Wunder. Alice war schließlich nicht nur kleiner, sondern auch dünner als ich. Ich fühlte mich ziemlich unwohl. Vor allem, weil meine Brüste kaum in das Brustteil hineinpassten und ich Angst hatte, das hübsche Wäschestück zu sprengen.

Seufzend ging ich zurück ins Wohnzimmer. Alice saß schon im Schneidersitz auf der Couch und wartete auf mich.

„Wow, Bella. Das steht dir wirklich gut", sagte sie anerkennend. Ich lächelte leicht verlegen und setzte mich dann zu ihr. Wir begannen zu essen. Ich wusste zwar nicht, was es war, dass ich da aß, aber es schmeckte wirklich gut.

Mittendrinnen quietschte Alice begeistert auf. Ich hätte fast mein Essen weggeworfen vor Schreck.

„Alice, verdammt. Was sollte das?", sagte ich ein paar Oktaven höher und presste mir meine Hand an die Brust.

„Ich hatte eine tolle Idee. Wir spielen ‚Wahrheit oder Pflicht'", quietsche sie und hüpfte im sitzenden Zustand auf und ab.

„Alice, wie alt sind wir denn?!", fragte ich argwöhnisch.

„Bella, wir werden sowieso spielen. Außerdem macht das Spaß", sagte sie grinsend.

„Okay, ich fange an. Wahrheit oder Pflicht?", fragte ich unbegeistert.

„Hmm…Wahrheit", entschied sie.

„Was ist das Peinlichste, das dir jemals passiert ist?", wollte ich wissen.

Sie überlegte kurz. „Mir ist mal im Sportunterricht meine Hose geplatzt. Das war in der neunten Klasse. Wir hatten Bodenturnen. Und als ich gerade ein Rad schlug, riss meine Turnhose. Alle haben mich ausgelacht", sagte sie und verzog das Gesicht. Wenn das das Peinlichste war, dass ihr je passiert war, dann … war sie nicht ich!

„Du bist dran. Wahrheit oder Pflicht?", fragte sie spitzbübisch. Ich überlegte. Es wäre sicherlich ungefährlicher ‚Wahrheit' zu nehmen, da ich mir sicher war, dass Alice eine sehr gemeine Aufgabe für mich fand, wenn ich ‚Pflicht' wählte.

„Wahrheit." Ein riesiges Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. Ich bekam Angst. Vielleicht wäre ‚Pflicht' doch besser gewesen?

„Warum hast du mir bis jetzt noch nicht davon erzählt, dass du gestern mit meinem Bruder geschlafen hast?", fragte sie nonchalant. Meine Kinnlade fiel mir runter. Einen Moment lang glaubte ich mein Herz sei stehen geblieben. Was hatte sie da gerade gesagt? Woher wusste sie das?

„Woher…?", fragte ich taub.

„Erstens ist das hier meine Runde, als müsste ich dir nicht antworten. Zweitens werde ich es trotzdem tun. Als Edward gestern heim kam, war er vollkommen verwirrt. Ich hab sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte und hab ihn ausgefragt. Edward hat zwar gekämpft, um es mir nicht zu sagen, aber nach einiger Zeit musste er erkennen, dass ich nicht aufgeben würde, bis er es mir sagte. Dann hat er widerstrebend davon erzählt", erklärte sie achselzuckend. Ich schluckte krampfhaft.

„Alice, es tut mir leid. Du musst mich jetzt hassen. Gott, ich verstehe das ja selbst nicht. Es tut mir so leid, dass ich mit deinem Bruder geschlafen habe. Ich…", schoss es aus mir heraus, doch sie unterbrach mich.

„Hey, hör auf dich zu entschuldigen. Ich mache dir doch keinen Vorwurf. Außerdem hat Edward gesagt, dass alles von ihm ausging und er dich quasi überfallen hat", lachte sie. Ich sah sie eindringlich an.

„Na ja, das stimmt schon irgendwie, aber ich habe mich darauf eingelassen."

„Bella, würdest du mir die Geschichte noch einmal aus deiner Sicht erzählen?", bat sie mich. Und so kam ich ihrer Bitte nach und erzählte ihr alles, dass gestern Abend passiert war. Ich begann mit meiner Arbeit bei Edward am Sonntagnachmittag und dem Date mit Mike, machte weiter mit meinem Flucht und dem Auftauchen im Café und letztlich erzählte ich auch von unseren One-Night-Stand.

„Das war gestern ein aufregender Tag, was?", fragte sie mit einem unbelustigten Lachen.

„Ja", antwortete ich zerknirscht.

„Und Edward wollte wirklich, dass ihr es geheim haltet?", fragte sie noch einmal nach. Ich nickte.

„Allerdings. Und wer kann es ihm auch verübeln? Wenn das jemand herausfinden würde, dann würden ihn sicherlich alle auslachen", sagte ich achselzuckend.

„Wovon redest du?", fragte Alice verwirrt.

„Davon, dass Männer wie Edward nicht auf Frauen wie mich stehen", erklärte ich. „Ich bin nicht besonders hübsch, klug oder… Ich bin einfach durchschnittlich. Männer wir Mike stehen auf mich, aber ich eben nicht auf sie." Meine beste Freundin blickte mich wütend an.

„Bella, du bist wunderschön und mein Bruder könnte sich glücklich schätzen, wenn er eine Freundin wie dich bekäme... Sag mal, empfindest du etwas für ihn?", fragte sie vorsichtig. Ich wollte es schon abstreiten, aber eine innere Stimme animierte mich dazu, genauer darüber nachzudenken. Empfand ich etwas für Edward? Ich beschloss ihr die Wahrheit zu sagen.

„Ich weiß es nicht! Irgendetwas ist da. Aber ich kann nicht sagen, ob es die reine Attraktivität ist oder mehr", antwortete ich leise.

„Du bist nur mir diesem Mike ausgegangen, um ihn eifersüchtig zu machen, oder?", fragte sie nachdenklich.

„Nein, nicht deswegen. Er hat mir das mit den Heiratsanträgen erzählt… und dann hab ich panisch nach einem Weg gesucht ihm weiszumachen, dass ich nicht auf ihn stehe. Als Mike dann zu mir kam,…", ich vollendete den Satz nicht.

„Wirklich, Bella. Nach allem, was ich jetzt von diesem Kerl gehört habe, ist er schrecklich. Kein Wunder, dass Edward bei besten Willen nicht verstehen konnte, warum du mit ihm ausgehen wolltest."

Mir schwirrte der Kopf. Alice stand auf und schaute mich mitleidig an.

„Ich besorge uns etwas zu trinken", sagte sie und verschwand in der Küche. Ich schaute auf die Uhr. Mittlerweile war es fast zehn Uhr.

Wenige Sekunden später hörte ich, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde und sah Edward, der mit einem anderen Mann in die Wohnung kam. Erschrocken blickte ich auf mich hinunter und sprang peinlich berührt auf. Ich war mir der Gefahr sehr bewusst. Jeden Moment könnte der obere Teil meines Negliges platzen und auch, wenn das nicht passierte, sprangen meine Brüste ziemlich lasziv hervor. Dann kam Alice mit unseren Getränken zurück und wir zwei standen halb nackt vor zwei erschrocken dreinschauenden Männern.

„Was tut ihr denn hier?", schrie Alice Edward an.

„Ich…ich…ich w-wohne hier", brachte Edward stotternd hervor. Er schaute mich noch immer an. Ich spürte nur zu genau wie mir das Blut ins Gesicht schoss.

Alice seufzte genervt. Der andere Mann schien sich aus seiner Starre gelöst zu haben und kam mit einem komischen Gang auf mich zu.

„Hallo, ich bin James. Und wie heißt du, meine Hübsche?", stellte er sich mir vor, griff nach meiner Hand und führte sie an seine Lippen, um einen gespielten Handkuss draufzusetzen.

Nun betrachtete ich ihn genauer. Er war nicht so groß wie Edward und blond. Er trug eine schwarze Lederjacke und darunter ein weißes T-Shirt. Dazu kombinierte er einfache Jeans. Kein schlechtes Outfit. James sah nicht einmal schlecht aus, aber eben auch nicht so gut. Allerdings musste man ihm zu Gute halten, dass er sich in einem Raum mit Edward befand und da konnten alle anderen Männer nur den Kürzeren ziehen.

„Ich heiße Bella", murmelte ich. Mir war das ganze furchtbar unangenehm.

„Der Name passt", bestätigte er mit einem süffisanten Grinsen. Ich verzog den Mund zu einem gespielten Lächeln, obwohl ich mir sicher war, dass es eher wie eine Grimasse aussah. Jemand räusperte sich. Es war Alice.

„Und was wollt ihr jetzt hier? Wir sind gerade mitten in unserem Mädelsabend", zischte sie.

„Oh, was habt ihr denn gerade gemacht?", fragte James, der mittlerweile meine Hand losgelassen hatte und sich zu Alice umwandte.

„Wir haben ‚Wahrheit oder Pflicht' gespielt", sagte sie und verbarg ihr Abscheu gegenüber James in keinster Weise.

„Mhmm…das klingt doch gut. Was dagegen, wenn ich mitmache?", fragte er düster. Ich erschauderte, aber das war in diesem Fall kein Zeichen von Erregung.

„Ehrlich gesagt, ja. Verschwinde!", antwortete Alice gerade heraus.

„Schade. Bella, willst du vielleicht mitkommen?", fragte er wieder an mich gewandt. Wovon redete er? Wohin sollte ich mitkommen?

„Nein, danke", sagte ich vorsichtig. Er verzog das Gesicht.

„James, ich denke du gehst jetzt besser", sagte Edward bestimmt. Er hatte die ganze Zeit still dagestanden und die Szene beobachtet.

„Schön", erwiderte James resignierend. „Ciao Bella, meine Hübsche." Dann ging er. Ich stand nur da. Vollkommen verwirrt. Das war eine Begegnung der etwas anderen Art gewesen.

„Entschuldige, Bella. James ist eigentlich ein netter Kerl. Er ist nur…", holte Edward mich aus den Gedanken, doch Alice unterbrach ihn.

„Er ist ein Idiot!"

„Wie auch immer… Alice, ich habe morgen frei und ich wollte…", begann ich, doch auch mir fiel sie ins Wort.

„Mit mir shoppen gehen? Tolle Idee, Bella", lobte sie kichernd.

„Nein, Alice. Ich wollte morgen wieder mal lesen. Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass du dir keine Sorgen machen musst, wenn ich noch schlafe, wenn du ins Wohnzimmer kommst", erklärte ich ihr.

„Uuuun-sinn. Wir gehen shoppen. Ich rufe Lynn morgen früh an, dass sie mal einen Tag allein ist und dann haben wir den ganzen Tag zum Einkaufen." Freudig hüpfte sie auf und ab und klatsche in die Hände.

„In Ordnung", gab ich mich geschlagen und verdrehte die Augen. Manchmal war Alice ein richtiges Mädchen, das alle Klischees bediente.


Ich hoffe es hat euch gefallen.

LG