Titel: Eisbrecher (Teil 4)
Fandom: Sherlock (BBC)
Autor: lorelei_lee1968 (Lorelei Lee)
Pairing: Mystrade (Mycroft/Lestrade)
Rating: ab 18
Disclaimer: Mir gehört gar nichts. Ich verdiene nichts daran und mache das nur zum Spaß. Sherlock Holmes gehört Sir Arthur Conan Doyle. Sherlock-BBC gehört der BBC und Moffat und Gatiss.
Eisbrecher
(Teil 4)
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Das Wochenende über badete Gregory Lestrade noch in der glückseligen Gewissheit, dass sein Plan, sich von Mycroft in derselben Straße aufsammeln zu lassen, von Erfolg gekrönt gewesen war, doch bereits am Montagnachmittag zerstoben diese Glücksgefühle wie Schäfchenwolken in einem Sturm.
Lestrade schwitzte gerade im Fitnessraum von Scotland Yard und quälte sich mit der dritten Wiederholung seiner Sit-ups, als ihm ein unangenehmer Gedanke kam.
Wie sollte es zu diesem nächsten Treffen kommen?
Er hatte nicht daran gedacht, sich Mycrofts Telefonnummer geben zu lassen. Und obwohl er sich sicher war, dass es Mycroft keine Mühe bereiten würde seine Kontaktdaten ausfindig zu machen, so war er sich mit einem Mal gar nicht mehr so sicher, ob Mycroft das auch wirklich tun würde.
Er hat es versprochen, sagte sich Lestrade. Er hat mir ein nächstes Treffen versprochen.
Lestrade schnaubte über seine eigene Idiotie.
Als ob sich jemand wie Mycroft um sein dummes Gerede von gestern scheren würde. Verdammtes glattzüngiges Politiker-Pack.
Wütend stand Lestrade auf und setzte sich auf eines der freien Fahrräder, klemmte sich den Pulsmesser an und trat in die Pedale.
Ganz klar – Mycroft würde sich nicht melden und er brachte sich hier völlig umsonst in Form. Was wollte auch ein Mann wie Mycroft schon mit jemandem wie ihm anfangen? Er ließ resigniert die Schultern hängen. Sie gehörten völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten an. Er war einfach nur ein Polizist, ohne Geld, dafür mit einer Ex-Frau. Ohne weitere Karriere-Aussichten, dafür mit grauen Haaren. Gott… er hatte einem Mann wie Mycroft wirklich nichts zu bieten. Irgendwie hatte er das ja schon immer gewusst, aber dennoch gehofft, dass es weitergehen würde… irgendwie… Deshalb strampelte er sich hier ja auch ab, damit er zumindest optisch ein bisschen mehr hermachte… damit er Mycroft vielleicht noch ein wenig länger zu fesseln vermochte. Nur noch ein kleines bisschen länger…
Warum war er überhaupt so versessen auf diesen Mann? Lestrade seufzte. Er hatte darauf keine Antwort. Es war etwas an Mycroft… diese kühle, intellektuelle Ausstrahlung… diese Selbstbeherrschung… diese fast introvertierte Zurückhaltung. Eigentlich war es ganz putzig, wie steif und verklemmt Mycroft dem Betrachter erschien. Als ob er einen Stock verschluckt hätte. Bei diesem Gedanken musste Lestrade grinsen. Ja, er fand Mycroft trotz allem ganz putzig und sehr reizvoll. Ein wenig spießig – aber gerade das war für ihn eine Herausforderung. Auch deshalb hatte er sich wie ein billiges Flittchen benommen. Um Mycroft zu reizen, um ihn aus der Reserve zu locken, um zu sehen, wie weit er mit dieser Masche gehen konnte und wie weit er damit kommen würde.
Gut, der Alkohol hatte dabei auch eine kleine Rolle gespielt und wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann hatte ihn die Gegensätzlichkeit seines eigenen Verhaltens im Vergleich zu Mycrofts kühler Zurückhaltung ziemlich erregt.
Diese beiden Treffen mit Mycroft waren das Geilste gewesen, was er bisher erlebt hatte. Definitiv.
Verwirrt wischte sich Lestrade den Schweiß von der Stirn.
Warum war das nur so?
Warum hatten die zwei besten Orgasmen seines Lebens stattgefunden, während ihm ein Mann beim Wichsen zugeschaut hatte? Nur zugeschaut!
Und wie lange sollte er eigentlich noch auf diese berühmt-berüchtigte sexuelle Identitäts-Krise warten? Warum kam die nicht? Er war auf einen Mann scharf! Hallo? Er hatte noch nie… noch nie in seinem ganzen Leben…
Lestrade schüttelte den Kopf.
Männer waren noch nie ein Thema für ihn gewesen. Der männliche Körper hatte ihn nie gereizt. Und wenn er sich jetzt hier so umsah… ja, einige der jüngeren Dienstgrade waren wirklich gut gebaut, aber… bei ihm regte sich nichts. Nullkommagarnichts.
Warum also hatte er sich am Wochenende schon wieder drei Mal auf Mycrofts Taschentuch und die Erinnerung an ihre Treffen einen runtergeholt?
Mehrere Minuten radelte Lestrade mit leerem Blick vor sich hin.
Dann kam ihm ein vager Gedanke.
Vielleicht gerade weil es ein Mann war. Ein mächtiger Mann (wenn man Sherlock Glauben schenken wollte). Ein Mann, der fähig war, andere zu vernichten oder zu beschützen… oder war das zu weit hergeholt?
Sehnte er sich unbewusst nach einer starken Schulter?
Eigentlich hatte Lestrade über seinen eigenen Einfall in Gelächter ausbrechen wollen, aber ein winziges, nagendes Gefühl hielt ihn davor zurück.
War es wirklich so abwegig, dass er sich einmal ausruhen wollte? Einmal nicht für einen (vermeintlich) schwächeren Partner - wie zum Beispiel seine Frau - sorgen wollte? Immerhin nahm er nicht nur privat, sondern auch beruflich so etwas wie eine Beschützerrolle ein. Möglicherweise braucht er einfach eine Auszeit von seinem Starker-Mann-Image.
Möglicherweise wollte er aber auch einfach nur den geilsten Sex seines Lebens genießen. Das wollte er auf jeden Fall und unbedingt.
Aber dazu brauchte er Mycroft und Mycroft… würde sich vermutlich nicht von sich aus bei ihm melden. Denn ein Mann wie Mycroft konnte knackigere, jüngere Männer haben, wenn er nur wollte und keinen abgehalfterten, angegrauten Polizisten.
Aber wie sehr wollte er diesen Mann! Bei dem Gedanken an Mycrofts Hände, die ihn (hoffentlich bald) berühren würden, fing sein Herz unter seinem verschwitzten T-Shirt an, schneller zu schlagen und unter dem Stoff seiner Shorts zeigte sich ein spezielles Körperteil höchst interessiert.
Als der Pulsmesser plötzlich Alarm schlug, hörte Lestrade abrupt auf zu radeln.
Frustriert und zornig klemmte er den Pulsmesser wieder ab und stapfte in die Umkleidekabine. Dort ließ er sich auf eine Bank sinken und starrte blicklos vor sich hin.
Während er sich noch den Kopf darüber zerbrach, wie er – ohne dass Sherlock davon Wind bekam – an Mycrofts Telefonnummer kommen sollte oder wie er überhaupt Kontakt mit ihm aufnehmen konnte, kam ihm der Zufall in der Gestalt von Paul Macallan zur Hilfe.
„Hallo Greg", grüßte ihn Paul, der gerade erst die Umkleidekabine betreten hatte und nun seine Sporttasche neben Lestrade auf die Bank stellte. „Alles fit im Schritt?"
„Alles palletti", erwiderte Lestrade ohne wirkliche Begeisterung. „Und bei dir?"
„Immer der gleiche Mist, weißt ja", erwiderte Paul achselzuckend. „Aber gut, dass ich dich heute sehe… du hast doch ab und zu mit diesem Sherlock Holmes zu tun?"
„Ja, warum?"
„Ist der irgendwie mit einem Mycroft Holmes verwandt?"
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Mehr als eine Woche später kam Mycroft Holmes aus seinem Badezimmer, das übergroße Handtuch um seinen gesamten Körper geschlungen, und wieder waren seine Gedanken – wie in jeder ruhigen Minute der letzten Tage – ausschließlich mit Detective Inspector Lestrade beschäftigt.
Mycroft konnte immer noch nicht seine momentane Sprachlosigkeit am Ende ihres letzten Zusammentreffens verwinden. Glücklicherweise war dem Inspector in seinem post-orgasmischen Zustand nichts Ungewöhnliches aufgefallen.
Während sich Mycroft in sein Ankleidezimmer begab, spekulierte er – wie so oft in den letzten Tagen – über die Gründe für seinen temporären Mutismus.
Unverständnis. Ja, das passte sehr schön. Es war ihm unverständlich gewesen, wie ein Mann so eitel sein konnte. Dazu noch einer, bei dem diese Sorge absolut unnötig...
Nein.
Nochmal.
Entsetzen. Oh, das war gut! Entsetzen darüber, wie ein Mann so dumm sein konnte, zu glauben, Bauchmuskeln wären ihm wichtig...
Nein.
Noch schlechter.
Mycroft seufzte und gab sich geschlagen.
Sich bei seinem Intellekt selbst etwas vorzumachen war ein Ding der Unmöglichkeit.
Es hatte ihm schlichtweg die Sprache verschlagen, weil er gerührt gewesen war.
Ja!
Vor Rührung!
Mycroft zog eine angewiderte Grimasse.
Er war gerührt gewesen, dass ein nahezu Fremder erst sein äußeres Erscheinungsbild aufpolieren wollte, bevor er sich ihm präsentierte. Er war gerührt gewesen, dass Lestrade versuchen wollte, ihm zu gefallen.
Das war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht passiert, dass jemand so offensichtlich Anstrengungen zu unternehmen gewillt war um für ihn attraktiv – womöglich sogar begehrenswert - zu sein. Nicht einmal bei seinen wenigen weiblichen Bekanntschaften war ihm ein solches Verhalten widerfahren, obwohl doch gerade Frauen nach seinen Beobachtungen hierfür das eigentlich prädestinierte Geschlecht waren.
Er war gerührt gewesen und das hatte ihn nicht wenig erschüttert.
Gut. Damit war es entschieden.
Das war es. Das musste es sein.
Das Ende.
Er durfte den Inspector nicht mehr sehen, nicht mehr treffen, nicht mehr... Andererseits hatte er ihm sein Wort gegeben... Mycroft stöhnte. War er eigentlich wahnsinnig gewesen? Unzurechnungsfähig? Das war nicht vertretbar. Er musste es beenden. Bevor es noch schlimmer wurde. Derartige Zustände konnte – wollte er sich in seinem Leben nicht leisten.
Noch war nichts passiert, was man nicht genauso gut wieder ungeschehen machen konnte. Er hatte glücklicherweise über ausreichende Selbstbeherrschung verfügt um der Versuchung widerstehen zu können, den Inspector zu berühren oder sich gar von ihm berühren zu lassen. Etwas in seinem Körper regte sich bei diesem Gedanken, doch Mycroft unterdrückte dieses Etwas sofort im Keim. Es durfte nicht sein. Es war eine Spur zu riskant. Aber noch war es nicht zu spät. Noch war es zu keinerlei Körperkontakt gekommen und nichts zwischen ihm und dem Inspector vorgefallen, was als Material für eine schmutzige Erpressung herhalten könnte oder gar für eine Klage wegen sexueller Belästigung oder gar Nötigung. Oder zumindest nicht allzu sehr. Zumindest nichts, was beweisbar gewesen wäre.
Seine bisherigen Arrangements waren kontrollierbar und vorhersehbar gewesen. Bei der Motivation seiner Partner hatten meist gewisse Summen oder andere Gefälligkeiten den Ausschlag gegeben. Er hatte auch stets darauf geachtet, dass beide beteiligten Parteien mindestens gleich viel zu verlieren hätten, sollte ihre Liaison ruchbar werden. Mit dem Inspector war das anders. Lestrade würde kaum Nachteile aus einer Gerichtsverhandlung ziehen, eher im Gegenteil. Die Entschädigungssumme wäre sicher mehr als ausreichend für jeden Makel den das Ansehen seiner Person unter Umständen erleiden konnte. Aber er selbst? Sein Ruf wäre durch einen solchen Skandal völlig vernichtet. Seine Karriere und somit sein Leben wären zerstört, wertlos und vorbei.
Was hatte er sich nur dabei gedacht? Warum hatte sich mit jemandem eingelassen, der nicht seiner eigenen Gesellschaftsschicht entstammte?
Und warum war er dennoch geneigt, sein Wort zu halten und den Inspector erneut zu treffen? Warum war er so begierig darauf, sich damit – und den versprochenen Berührungen – sein eigenes Grab zu schaufeln? Mycroft überlegte ernsthaft, ob in seiner Familie noch andere Fälle von Geistesgestörtheit vorgekommen waren, doch so angestrengt er auch nachdachte, es fiel ihm keiner unter seinen Verwandten ein (gleichgültig ob lebend oder tot), der vergleichbare selbstzerstörerische Tendenzen an den Tag gelegt hatte.
Warum war dieser Inspector überhaupt so versessen auf ihn? Wenn er sich nicht irrte – und er irrte sich nie – dann hatte Gregory Lestrade noch nie gleichgeschlechtliche Erfahrungen - gleichgültig welcher Art – gemacht. Was also machte ihn für einen heterosexuellen, frisch geschiedenen Polizisten so begehrenswert?
Noch nie hatte sich Mycroft solchen Gedanken hingeben müssen. Natürlich wusste er auch, dass Macht sexy machte. Doch die wenigsten Personen, mit denen er sich im Laufe seines Lebens näher beschäftigt hatte, hatten um seine wirkliche Macht gewusst, sondern lediglich auf seinen Geldbeutel geschielt. Und die, die von seiner Macht gewusst hatten, hatten lediglich die Macht an sich sexy gefunden... nicht ihn. Darüber hatte sich Mycroft noch nie irgendwelchen Illusionen hingegeben. Für ihn als Mensch – als Mann - hatte sich noch nie jemand interessiert.
Außer vielleicht damals... dieser eine Sommer... als er gerade 19 Jahre alt gewesen war. Noch ein bisschen zu jung, noch ein bisschen zu naiv und noch ein bisschen zu begeisterungsfähig. Seine Begeisterung hatte zunächst Amabel gegolten... die Tochter ihrer Nachbarn... und ein wenig später auch ihrem Bruder Felix... diese beiden hatten sich tatsächlich für ihn als Person interessiert, denn Macht oder Geld hatte er damals noch nicht besessen. Aber dieses Sommeridyll war nicht von Dauer gewesen... war nicht besonders gut ausgegangen. Immerhin hatte es seinen Horizont – in jeder Hinsicht - beträchtlich erweitert.
Damals war ihm zum ersten Mal klar geworden, dass alle Herzen irgendwann gebrochen werden und es daher vorzuziehen wäre, kein Herz zu haben oder zumindest nicht auf dieses äußerst unzuverlässige Organ zu hören.
Doch jetzt war nicht einmal Sommer. Es war Herbst. Es regnete, es war neblig und kalt und er fragte sich immer noch, was dieser Detective Inspector an ihm fand.
Nachdenklich blieb Mycroft vor dem mannshohen Spiegel in seinem Ankleidezimmer stehen und nahm eine Bestandsaufnahme seines Erscheinungsbildes vor, wie es sich ihm in der gläsernen, polierten Oberfläche zeigte.
Was mochte Lestrade in ihm sehen?
Natürlich hatte Mycroft einen exzellenten Schneider und in bekleidetem Zustand bot er keinen Anlass zu Kritik. Doch wie war es ohne Kleidung?
Dank der Holmes'schen Gene war er immerhin groß, größer als Lestrade – ja, sogar größer als Sherlock, was diesen ganz entsetzlich wurmte, auch wenn er das nie zugeben würde. Aber sonst? Er besaß nicht Sherlocks drahtige Sportlichkeit, hielt es sogar eher mit dem berühmten Ausspruch von Winston Churchill „no sports". Aber immerhin war er dank eiserner Disziplin bezüglich seiner Ernährungsgewohnheiten noch nicht fülliger oder gar dick geworden.
Mycroft ließ das Handtuch über seine Schultern gleiten und hielt es nur noch um seine Hüften herum fest.
Dennoch… es fehlt ihm eindeutig an Muskelmasse. Er war zwar schlank, aber sein Bauch wirkte dennoch merkwürdig schlaff. Auch wies seine Haut die typische Blässe der Londoner Büro-Menschen auf. Im Gegensatz zu Lestrade, der oft eine gesunde und ziemlich anziehende Bräune sein Eigen nennen konnte.
Unwillig schüttelte Mycroft den Kopf. Sonnenbräune war ungesund. Melanome hatte sein Arzt bisher vergeblich an ihm gesucht. Gedankenverloren strich sich Mycroft über seine fast haarlose Brust und seufzte leise. Er selbst hatte eine leichte Schwäche für Brustbehaarung und hatte sich nie wirklich damit abfinden können, dass ihm eine solche männliche Zier von der Natur verwehrt geblieben war. Ob Lestrade wohl…?
Irrelevant.
Er würde es nie erfahren, denn er würde diese Sache beenden. Das würde er tun. Auf jeden Fall. Sein Gesicht nahm im Spiegel einen entschlossenen Ausdruck an und er ließ das Handtuch vollends auf den Boden gleiten.
Was seine primären Geschlechtsmerkmale anging, brauchte er sich nicht hinter dem Inspector zu verstecken. Es war alles so, wie es sein sollte.
Wie zur Bestätigung strich seine Hand wohlwollend über seine Männlichkeit, fühlte die zarte, glatte, frisch rasierte Haut und nickte zufrieden.
Intimrasur war eine der kleinen Eitelkeiten, denen er nachgab. Ihm war auch nichts anderes übriggeblieben. Seine Schamhaare hatten angefangen grau zu werden. Ein angewiderter Zug huschte über seine Lippen. Nein. Graue Schambehaarung war keine Option gewesen. Nicht für ihn. Immerhin war sein Haupthaar von diesem Fluch noch nicht betroffen. Mycroft seufzte zynisch. Dafür fielen sie ihm aus.
Lestrade hatte noch alle seine Haare… aber dafür war er bereits ergraut.
Und warum sahen diese grauen Haare bei Lestrade so attraktiv aus? Warum sehnte sich Mycroft danach, herauszufinden, ob er Haare auf der Brust hatte und ob diese auch grau waren und ob das genau so erotisch aussehen würde und ob…
Wütend funkelte Mycroft sein Spiegelbild an.
Was – verdammt noch mal – sah Lestrade nur in ihm? Was?!
Zornig wandte er sich ab. Er hatte keine Zeit für solche Phantastereien. Er musste sich anziehen, sonst würde er noch zu spät zu diesem Empfang kommen.
Mit präzisen Handgriffen nahm er die korrekten Kleidungsstücke aus seinem Schrank.
Frack.
Frackhemd mit Perlmuttknöpfen.
Weiße Fliege.
Schwarze Kniestrümpfe.
Frackhose.
Schwarze Lackschuhe.
Manschettenknöpfe aus Perlmutt.
Glaceeleder-Handschuhe.
Weiße Weste.
Hosenträger.
Zylinder.
Hier zögerte Mycroft und hielt diese spezielle Kopfbedeckung eine Weile in den Händen. Schließlich legte den Zylinder dann wieder in die Hutschachtel zurück. Er würde ihn sowieso nur auf dem kurzen Wegstück zwischen Auto und Eingangstür tragen und ihn dann an der Garderobe abgeben. Da konnte er ihn genauso gut hierlassen.
Als er fertig angekleidet war, war ihm sein innerer Zwiespalt nicht mehr anzumerken. Die Fassade war wieder vollständig intakt. Die Welt bekam nur das zu sehen, was Mycroft gestattete. An diesem Abend war das das Bild eines perfekt gekleideten Beamten der Regierung Ihrer Majestät, der in seinem Frack wirklich eine blendende Erscheinung bot. Und blenden wollte er heute Abend. Blenden, verwirren und dabei sehr, sehr unauffällig das tun, wofür er tatsächlich an diesem Empfang teilnahm.
Nach einem letzten, zufriedenen Blick in den Spiegel machte er sich daran, seine Wohnung zu verlassen. Von seiner Garderobe nahm er noch Mantel und Schal an sich und aus dem Schirmständer wählte er einen seiner Schirme aus.
Eigentlich wäre - genau wie der Zylinder- ein schwarzer Stock mit Knauf das korrekte Accessoire für diesen Anlass gewesen, doch Mycroft zog aus bestimmten Gründen seinen Schirm vor.
Man konnte in London nie vorsichtig genug sein. Nicht nur, was das Regenwetter anging.
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Als der Empfang seinem Ende zuging, konnte auch Mycroft seine Tätigkeit einstellen. Er hatte die zuständigen Stellen bereits informiert, welche Personen seiner Ansicht nach zukünftig überwacht werden sollten oder wo noch weitreichendere Überwachung - wie verwanzte Wohnungen und ähnliches - angebracht schienen. Unter Umständen würde es dadurch möglich sein, ein immenses Drogengeschäft zu vereiteln an dem auch einige Diplomaten und andere hochrangige Persönlichkeiten beteiligt waren.
Ein schmutziges Geschäft, aber Mycroft war noch jemandem einen Gefallen schuldig gewesen. Er hatte sich an der Garderobe Mantel, Schal und Schirm bereits aushändigen lassen und war gerade dabei in seinen Mantel zu schlüpfen, als sein Blick auf die Glastüren des Eingangsbereiches fielen und auf den Bereich der dahinterliegenden Straße.
Ein Mann ging neben dem Eingang auf und ab.
Ein Mann mit grauen Haaren.
Lestrade.
Was zur…
Es war gut, dass niemand mitbekam, wie es Mycroft zum zweiten Mal – im Zusammenhang mit dem Detective Inspector - die Sprache verschlug. Was wollte er hier? Hatte er etwa auf ihn gewartet? Wie hatte er überhaupt erfahren, dass er sich heute Abend hier aufhielt? Ohne seinen Mantel zuzuknöpfen trat Mycroft durch die Tür auf den Bürgersteig hinaus.
Sofort drehte sich Lestrade um. Ein Lächeln erhellte sein Gesicht noch während seine Augen mit einem immer stärker werdenden Leuchten über Mycrofts Gestalt hinwegglitten und seine elegante Abendkleidung in sich aufnahmen.
„Na? War die Party nett? Haben Sie sich gut amüsiert?", fragte Lestrade immer noch lächelnd aber mit einem forschen Unterton.
„Mit Ihnen hätte ich hier allerdings nicht gerechnet", sagte Mycroft ohne auf die Frage einzugehen und schloss gemächlich die Knöpfe seines Mantels. „Parken Sie hier die Wagen?"
Lestrade lachte.
„Und Sie? In welcher Funktion waren Sie heute da... wieder mal die untergeordnete Regierungsposition? Oder hat man Sie herbeordert um Häppchen zu reichen?"
„Sie sprechen offensichtlich aus Erfahrung", erwiderte Mycroft in herablassend-trockenem Tonfall.
Doch auch diese Bemerkung brachte Lestrades gute Laune nicht zum Verschwinden. Er kratzte sich lediglich am Hinterkopf und grinste.
„Und ob. Als ganz junger Polizist hatten wir oft solche kulinarischen Einsätze, wenn einer der Oberbosse was zu feiern hatte. Das war eigentlich auch gar nicht so schlecht... Nur dass mir einige der weiblichen Gäste nach drei, vier Gläsern Wein in den Hintern gekniffen haben, das war nicht so angenehm."
Mycroft warf einen sehr betonten Blick auf Lestrades Kehrseite, die allerdings von dessen Mantel verdeckt wurde.
„Ich kann es ihnen nicht verdenken", bemerkte er gedehnt.
„Ist nicht Ihr Ernst?", erwiderte Lestrade mit einer wegwerfenden Handbewegung und sah an sich herunter. „Mycroft, Sie sollten wirklich damit aufhören, mir Komplimente zu machen, sonst fange ich doch noch an, mich vor Ihnen zu fürchten."
„Das wäre allerdings sehr bedauerlich", lenkte Mycroft ein und schlang seinen Schal um seinen Hals.
Plötzlich wirkte Lestrade nervös und unschlüssig. Er leckte sich über die Lippen, was Mycroft nicht entging und sagte: „Was ist? Gehen wir ein Stück?"
„Sie wollen mit mir einen Spaziergang machen? Jetzt?", fragte Mycroft ungläubig zurück.
„Ja", erwiderte Lestrade schlicht und leckte sich wieder über die Lippen und sah ihn mit den Augen eines Kindes an… ein wenig sehnsüchtig, hoffnungsvoll aber dennoch mit der Geduld eines erwachsenen Mannes, der wusste, was er wollte, aber dennoch jede Entscheidung mit einem gewissen Fatalismus akzeptieren würde. Mycroft fühlte sich davon merkwürdig angezogen. Dagegen war er machtlos. Außerdem war er neugierig, ob der Detective Inspector ihm auch heute wieder – ohne alkoholisiert zu sein – unsittliche Anträge machen, obszöne Reden führen und sich vulgär aufführen würde.
„Also gut... warum nicht?", stimmte er mit einem gespielt verdrossenen Seufzen zu. Die Nacht war für November überraschend mild, sein Mantel warm genug und ein Telefonat mit seinem Handy würde genügen, damit sein Chauffeur ihn mit dem Auto abholte. Egal in welchem Teil Londons er sich dann gerade befinden würde.
„Gehen wir." Was bislang mit herablassenden Sticheleien nicht geglückt war, gelang ihm mit dieser schlichten Zustimmung zu Lestrades Plänen – der Inspector war endlich etwas aus dem Gleichgewicht geraten.
„Tatsächlich? Ich meine... John...", erwiderte er etwas zusammenhanglos, während er Mycroft überrascht, erfreut und misstrauisch zugleich musterte.
Mycroft setzte sich in Bewegung und erst nach einer Schrecksekunde schloss Lestrade auf und ging an Mycrofts linker Seite neben ihm her.
Mycroft lächelte süffisant.
„Ah... der gute Doktor hat sie darüber informiert, dass ich keine gewöhnlichen Dinge tue wie gewöhnliche Menschen."
„Und doch gehen Sie jetzt mit mir spazieren... mit mir... etwas gewöhnlicheres als mich gibt es so schnell nicht wieder", gab Lestrade zu bedenken.
„Sie sollten Ihr Licht nicht so unter den Scheffel stellen, Detective Inspector. Wenn Sie wirklich so gewöhnlich wären, dann würde ich jetzt nicht mit Ihnen spazieren gehen." Mycroft hielt kurz inne. War es wirklich klug gewesen, diese Information auszuplaudern? Als Lestrade jedoch keine Bemerkung dazu machte, beschloss Mycroft, das Thema zu wechseln. „Woher wussten Sie eigentlich, dass ich heute Abend hier bin?"
„Das möchte ich lieber für mich behalten." Lestrade warf Mycroft aus den Augenwinkeln heraus einen Blick zu. Mycroft musterte ihn missbilligend und Lestrade wusste, dass etwas schiefgegangen war. Die Veränderung war fast körperlich zu spüren und Lestrade fröstelte unwillkürlich. War es kälter geworden? Oder war nur ein frischerer Wind aufgekommen?
Das leichte Geplänkel und die gelöste Stimmung waren mit einem Mal vorbei und vergessen.
„Im Interesse der nationalen Sicherheit muss ich leider darauf bestehen", verlangte Mycroft mit kaltem Nachdruck. „Die Gästeliste wies für diesen Abend doch einige brisante Namen auf. Falls es eine undichte Stelle gibt..."
„Ich bin gemeinsam mit Paul Macallan auf die Polizeischule gegangen", unterbrach ihn Lestrade heftig. „Wir sind alte Kumpel", fügte er erklärend hinzu.
„Captain Macallan..." Mycroft wusste natürlich, wer das war. „Er war für die Einteilung des Sicherheitspersonals zuständig."
Lestrade kratzte sich erneut am Kopf und Mycroft registrierte es als eine Geste, die zum Einsatz kam, wenn sich der Inspector unwohl fühlte.
„Er hatte die Gästeliste. Es war Zufall. Er hat Ihren Namen entdeckt und wollte von mir wissen, ob Sie irgendwie mit meiner Nervensäge verwandt sind und ob Sie ihm womöglich auch Ärger machen würden und... Ich rede zu viel." Lestrade klappte abrupt seinen Mund zu.
„Aber nein, aber nein!", widersprach Mycroft mit einem süßlich-falschen Lächeln. „Das ist für mich alles höchst aufschlussreich!"
„Ich will nicht, dass Paul Ärger kriegt", sagte Lestrade bestimmt. „Er wollte sich nur ein paar Tipps holen, weil ich doch mit Sherlock... Ich rede wirklich zu viel." Wieder brach er mit einem hilflosen Kopfschütteln ab.
„Das nächste Mal wünsche ich über solche Vorfälle informiert zu werden", äußerte Mycroft in befehlsgewohntem Tonfall, der keine Zweifel darüber zuließ, wie ernst er diese Situation auch nachträglich noch einschätzte.
„Ja, Sir", erwiderte Lestrade spröde und einsilbig.
Eine Weile gingen Sie schweigend nebeneinander her. Mittlerweile hatten Sie den Belgrave Square Garden erreicht und betraten – ohne es abgesprochen zu haben und ohne eine besondere Notwendigkeit - gemeinsam die Grünanlage.
Der Himmel wurde in dieser Nacht immer wieder von großen Wolkenbergen durchzogen, die oft das fahle Licht des zunehmenden Mondes verdeckten. Die Bäume waren schon kahl und warfen zusammen mit den Tannen tiefschwarze Schatten. Nur noch einige immergrüne Büsche trugen Laub, welches im Mondschein bläulich-fahl wirkte. Bis auf das Geräusch der Schritte der beiden Männer war es fast schon unwirklich still.
Schließlich war es Mycroft, der ihr Gespräch wieder aufgriff.
„Sherlock... ist er eine Belastung für Sie?", fragte er mit seltener Zurückhaltung.
„Was? Nein!", beeilte sich Lestrade zu versichern. „Um Gottes Willen... gut, er ist anstrengend und er ist auch wirklich eine Nervensäge... zumindest manchmal... also oft... eigentlich immer. Aber ohne ihn..." Er seufzte ergeben.
„Und ich?", entfuhr es Mycroft, ohne es wirklich zu wollen „Ich meine... was haben Sie Captain Macallan über mich berichtet?"
„Nichts. Ich habe ihm lediglich gesagt, dass ich mal von einem Bruder gehört hätte, der irgendwie als Buchhalter für die Regierung arbeitet, aber dass ich keine Ahnung hätte, wie dieser Bruder mit Vornamen heißt."
„Das war... gar nicht mal so übel." Mycroft räusperte sich. So viel diplomatisches Geschick hatte er bei einem Detective Inspector nicht wirklich vermutet. Er war überrascht, aber es war eine angenehme Überraschung.
Ein kleiner – einem griechischen Tempel mit Säulen nachempfundener – Pavillon kam in ihr Sichtfeld und Lestrade seufzte erleichtert.
„Entschuldigen Sie mich für einen kleinen Moment. Bin gleich wieder da." Kaum hatte er den Satz beendet, lief er schon über den Rasen und machte Anstalten, zur Rückseite des Gebäudes zu gehen.
„Wo wollen Sie hin?", fragte Mycroft verwundert.
Lestrade blieb stehen und drehte sich zu ihm um.
„Ins Gebüsch. Ich muss pissen." Er schwieg einen Moment, blieb aber immer noch stehen. „Wollen Sie dabei vielleicht auch zusehen?"
„Gott bewahre. Nein", stieß Mycroft hervor.
Lestrade grinste, nahm seinen Weg wieder auf und verschwand hinter der Rückseite des Gebäudes. Mycroft kam sich etwas dumm vor, wie er da alleine auf dem Weg herumstand und schlenderte daher ebenfalls zu dem Tempel-Pavillon. Er knöpfte im Gehen seinen Mantel wieder auf. Ihm war vom Laufen warm geworden. Gerade als er den Pavillon erreicht hatte, tauchte Lestrade wieder auf.
Gerade da schoben sich wieder Wolkenfetzen vor den Mond und tauchten den Park vorübergehend in blauschwarzes Dämmerlicht. Daher musste Mycroft zwei Mal hinsehen, bevor er begriff, warum Lestrades Wangen dunkler gefärbt waren als noch vor wenigen Minuten. Sein Blick blieb aber schließlich doch zwischen Lestrades Beinen hängen und der halbsteifen Erektion, die sich immer noch deutlich außerhalb von Lestrades Hosen befand.
„Ähm.. ich dachte, wenn ich ihn nun schon mal draußen habe...", flüsterte Lestrade mit leichter Verlegenheit in seiner rauen Stimme und Mycroft spürte, wie sein Mund trocken wurde.
„Ja... ich sehe die Problematik. Es dürfte schwierig sein, ihn in diesem Zustand wieder in Ihre Hose zu bekommen", erwiderte er mit einer Gelassenheit, die er bei weitem nicht mehr empfand.
„Ich musste daran denken, was Sie mir versprochen haben... das letzte Mal…", raunte Lestrade ihm leise zu und fing an, mit seiner rechten Hand langsam über seine Männlichkeit zu reiben.
„Ach ja...", sagte Mycroft mit dunkler Stimme und trat näher. „Ist das so?"
Der Mond lugte wieder zwischen den Wolken hervor und fing sich leuchtend in Mycrofts weißer Hemdbrust, den Perlmuttknöpfen und auf der schimmernden Oberfläche seiner weißen Glacee-Handschuhe.
Lestrades Blick glitt – wie bereits früher in dieser Nacht - über Mycrofts Abendanzug hinweg und blieb schließlich an den Handschuhen hängen. Ein leises, lüsternes Seufzen glitt über seine Lippen.
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Fortsetzung folgt...
(so sorry… ich musste das Kapitel trennen – ich hätte es sonst für diesen Freitag nicht mehr fertig gekriegt! Ich hoffe, ihr verzeiht.)
Anmerkungen:
In der Gegend um Belgrave Square liegen jede Menge Botschaften… sucht euch ruhig eine aus, in der der Empfang stattgefunden haben könnte. Ich hatte keine besondere im Auge.
Hier noch ein Bild von dem Pseudo-Tempel im Belgrave Square Garden…
www . opensquares images / belgrave . jpg
(Einfach die Leerzeichen weglassen, dann klappt das schon mit dem Bild)
