03. Kapitel – Fragen über Wahrheit

Wünsche will ich, nichts als Wünsche: immer an Stelle der Erfüllung eines neuen Wunsches.
Friedrich Wilhelm Nietzsche

Am liebsten hätte Hermine mit dem Fuß aufgestampft, doch sie untersagte sich dieses undamenhafte Verhalten. Ihr kam in Erinnerung, wie er sie an sich gedrückt hatte und mit ihr appariert war. Bei dieser Gelegenheit hatte er ihr das Band aus der Tasche nehmen müssen. Im Geiste rekonstruierte sie diese Szene und hatte das Gefühl, wissen zu müssen, wann genau er ihr das Band entwendet hatte. „Neuerdings zum Taschenspieler avanciert?", fragte sie stattdessen spöttisch. Er schüttelte maliziös den Kopf. „In Zeiten wie diesen muss ein Mann wie ich flexibel sein, kleine Kröte." Er besaß die Unverschämtheit, ihr frech ins Gesicht zu lächeln. „Ich habe Pläne und die wirst du nicht zunichte machen … Glaubst du allen Ernstes, ich war so ungründlich beim Durchsuchen deiner Wohnung?" Gleichmütig zuckte sie mit den Schultern. „Ich hatte gehofft, du würdest dich nicht um kleine, unwichtig erscheinende Dinger kümmern." – „Du hast es schlicht und einfach vergessen", brachte er die ganze Angelegenheit auf den Punkt. Hermine warf ihm einen finsteren Blick zu und ging zurück in ihre Wohnung, nur um ihm lautstark die Tür vor der Nase zuzuknallen. Sein amüsiertes Lachen schien ihr noch Stunden später immer und immer wieder nachzuhallen …

Sie wartete fünf Minuten. Dann zehn und weitere fünfzehn. Schließlich stand Hermine auf und zog sich um. Sie musste noch dringend etwas einkaufen und sich um einen Job kümmern. Kingsley Shacklebolt, der neue Minister, würde ihr mit Sicherheit helfen können. Sie griff nach ihrer Tasche und dem Schlüssel und schloss die Wohnung hinter sich zu, wobei sie die Sicherheitszauber nicht vergaß, diesmal wesentlich stärkere. Sie wollte gerade zum Fahrstuhl gehen, als sie erstarrte. Malfoy hatte eine Ausdauer, das musste sie ihm lassen. Er lehnte noch immer an der Wand und sah sie fast schon neugierig an. „Was willst du noch hier?", fragte sie kalt und drückte auf den Knopf, mit dem sie den Fahrstuhl rufen konnte. „Dir ein Angebot machen", entgegnete er und Hermine sah überrascht auf. „Du bist noch nicht lange da und ich schätze, du musst irgendwie zu Geld kommen. Ich hätte da etwas, was dir helfen könnte." Sie zog kritisch die Augenbrauen hoch, wartete aber weiter ab. „Ich habe vor, geschäftlich in die Muggelwelt zu expandieren. Du bist eine Muggelgeborene und kennst dich in der Welt aus. Sei mein Beistand, erkläre mir, was ich wissen muss."

Hermine war verblüfft. „Warum gerade ich?", fragte sie nur. Das, was Malfoy ihr anbot, bedeutete eine Zusammenarbeit auf engstem Raum. Er wusste, dass sie ihm den Mord an Ginny nachweisen wollte und er bot ihr die Gelegenheit dazu. „Du bist, wie bereits gesagt, eine Expertin auf diesem Gebiet. Außerdem sagt man dir große Klugheit nach, fast schon Brillanz. Ich bin immer auf der Suche nach guten Leuten." Er lächelte das berühmt-berüchtigte, unwiderstehliche Malfoylächeln und Hermine spürte, dass sich ein Kribbeln in ihrem Unterleib regte. Es war die perfekte Gelegenheit. Sie musste nur zugreifen. Warum zögerte sie? „Natürlich wirst du auf … bestimmte Schwierigkeiten stoßen", fuhr er fort und beide wussten, was er genau meinte: Beweise. „Aber in dem Bereich, für den ich dich einstelle, hast du meine volle Unterstützung. Überlege es dir, kleine Kröte. Ich erwarte dich morgen um acht Uhr auf Malfoy Manor. Mit gepackten Koffern." Er drehte sich um und war gerade im Begriff zu Disapparieren, als er ein letztes Mal innehielt und sie noch einmal anlächelte. „Und bevor du dir deinen hübschen Kopf vollständig ruinierst … Ich habe dich dann besser unter Kontrolle." Hermine stand weitere zehn Minuten da und starrte auf die Stelle, an der Malfoy verschwunden war.

Den ganzen Abend lang saß die verwirrte Hermine in ihrem Lieblingssessel, hatte die Beine angezogen und dachte über Lucius' ‚Vorschlag' nach. Das Angebot war gut. „Verdammt, nein, es ist perfekt", sagte sie fast schon aggressiv und boxte in das Kissen, das auf ihrem Schoss lag. Es war die vollkommene Gelegenheit für sie. Ihr war klar, dass sie beide wussten, weshalb sie ihn aufgesucht hatte. Hermine wusste, dass er es wusste. Warum hatte er ihr dann so ein Angebot gemacht? Sie suchte den Haken, doch sie fand keinen. Wie sie es drehte und wendete, sie fand einfach nichts, was gegen seinen Vorschlag sprach.

Eine Stunde nachdem Lucius disappariert war, hatte eine Eule einen Vertrag gebracht, indem er noch einmal alle Konditionen aufgelistet hatte. Hermine war dieses Blatt Papier bereits zehn Mal durchgegangen. Der Vertrag war Hieb und Stichfest. Keine geheime Klausel. Keine Falle. Nichts. Und genau das machte sie misstrauisch. Lucius Malfoy machte nichts nur aus reiner Nächstenliebe. So ein Angebot war absolut untypisch für ihn. Er servierte seinen Kopf auf dem goldenen Tablett. Sie fragte sich immer nur: „Warum?"

Eben jener Mann gönnte sich ein Glas richtigen Whiskys. Das ‚Zeug', das er vorher bei Hermine Granger zu sich genommen hatte, war geradezu eine Beleidigung für seine Geschmacksnerven. Natürlich hatte er Glenfiddich nie zuvor getrunken. Schließlich war er exklusiveres gewöhnt, warum sich also den Gaumen mit einem derartig proletenehaften Whisky zerstören? Whisky war mittlerweile elementar für ihn geworden. Er hatte immer eine Flasche auf Vorrat (in Wirklichkeit waren es zehn) und er hatte sich angewöhnt, den Tag bei einem Gläschen ausklingen zu lassen.

„Hermine, Hermine", sinnierte er. „Ich würde diese Flasche darauf verwetten, dass du nun in deinem Wohnzimmer sitzt und über mein Angebot nachgrübelst." Seine Lippen hatten sich zu einem Lächeln verzogen, dass viele als kalt bezeichnen würden. Doch es war ein Lächeln der Berechnung. Seit Ginevra Weasley hatte er keine Frau mehr getroffen, die auch nur daran gedacht hatte, mit ihm die Zauberstäbe zu kreuzen. Es war eine angenehme Überraschung gewesen, so plötzlich und unerwartet auf das weibliche Drittel des ehemaligen Goldenen Trios zu stoßen. Auch wenn er seine Langeweile auf verschiedenste Art in den Griff bekam, so gestand er sich mit jedem Tag, den er älter wurde, ein, dass er im Grunde genommen ein sehr einsamer Mann war. Macht macht einsam. Ein Preis, den er zahlen musste, wenn er den Namen Malfoy wieder zu Ruhm und Ehre bringen wollte.

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Hermine Granger war anders. Er wusste, sie wollte ihm Ginnys Tod, oder zumindest seine Beteiligung daran, nachweisen. Doch es war lediglich ein Unfall gewesen und er war gründlich. Nichts würde die junge Hexe auf Malfoy Manor finden, dass auch nur im Entferntesten daran erinnerte, dass er mal Kontakt mit der jungen Weasley gehabt hatte. Auch wenn der mexikanische Gefängnisleiter ein Zauberer war, so war er Lucius Malfoy nicht gewachsen gewesen. Sein Gedächtnis zu manipulieren war eine unspektakuläre Angelegenheit gewesen. Ebenso die der anderen. Nun wussten nur noch er und sein guter Freund Tavington Bescheid. Und eben Hermine Granger. Wieder fragte er sich, woher sie davon wusste. Von William konnte sie nichts erfahren haben, die beiden kannten sich nicht. Außerdem war Williams Loyalität stärker.

Wieder lächelte er. Er und Tavington waren ein gutes Team. Seit Jahren agierten sie schon bei einem kurzen Blick und zusammen würden sie es weit bringen. Dennoch … Hermine Granger konnte ihm Dinge bieten, die er in seiner Freundschaft nicht fand. Sie war jemand, der ihm, ebenso wie William, Paroli bot, aber darüber hinaus hatte sie körperliche Attribute, die ihn mehr anzogen. Versonnen nickte er. Hermine Granger würde das Angebot annehmen und er würde damit beginnen, sie zu verführen. Er war Lucius Malfoy. Noch keine Frau hatte ihm widerstehen können. Und das zweite Angebot, das er ihr zu machen gedachte, wenn sie sich als das erwies, was er glaubte, das würde sie nicht ausschlagen können. Es gab kein Weib der Welt, die darauf verzichten würde, die offizielle Frau an seiner Seite zu sein…

Anmerkung:
Diesmal wieder nur ein kurzes Kapitel, da es sinntechnisch besser passt, hier einen Break zu machen.