Das vierte Jahr
Meistens saßen die Lehrer schon an ihrem Tisch, wenn die Schüler eintrafen. In diesem Jahr war das nicht so. Die meisten Plätze auf dem Podest waren noch immer frei.
Thomas Blick blieb unweigerlich an den beiden leeren Plätzen neben dem Direktorinnenstuhl hängen. Professor McGonagall saß schon auf ihrem Platz, die Professoren Snape noch nicht.
Schmunzelnd musste er an das letzte Jahr denken. Es hatte genau bis zum nächsten Morgen gedauert, bis sich ausnahmslos alle Schüler einig waren, dass Professor Granger jetzt Professor Snape hieß und Snape einfach nur Snape. Unter den Schülern kam es so nie zu Verwechselungen. Und in den seltenen Gesprächen mit den Lehrern... eigentlich auch nicht. Denn die Betonung der Namen machte es quasi unmöglich.
Nach und nach füllten sich die Plätze auch am Lehrertisch und nicht nur Thomas bekam große Augen, als Professor Snape die Große Halle betrat.
Auf ihrem Arm trug sie ein wenige Wochen altes Baby.
Kurz nach Weihnachten kamen im letzten Jahr die ersten Gerüchte auf, dass Professor Snape schwanger sei. Natürlich konnte und wollte das mal wieder keiner der Schüler glauben. Noch immer schienen die meisten darauf zu warten, dass sich die Beziehung ihrer beiden Lehrer als schlechter Scherz herausstellen würde. Thomas glaubte spätestens seit der Hochzeit nicht mehr daran. Er hatte eher das Gefühl, dass sich beide sehr wohl bewusst waren, auf was sie sich da einließen und ihre Entscheidung gut überdacht hatten. Das hieß aber noch lange nicht, dass er ebendiese Entscheidung mochte oder auch nur verstand.
Tatsächlich hatte Professor Snape diese Gerüchte bald bestätigt und setzte sich nun mit einem kleinen Bündel auf dem Arm an ihren Platz.
Begleitet wurde sie von Madame Pomfrey. Die Medihexe schien ihr nicht von der Seite zu weichen und setzte sich jetzt neben sie.
Sogar Thomas fiel sofort auf, dass Professor Snape förmlich strahlte. Besonders wenn sie ihr Baby ansah. Sie schien total vernarrt in das Kleine zu sein und konnte ihren Blick kaum von ihm abwenden.
So ähnlich hatte sie Snape auch schon angesehen, als ihre Hochzeit bekannt gegeben wurde, dachte Thomas. Nicht so offensichtlich, nicht ganz so überschwänglich, aber genauso intensiv.
Nachdenklich betrachtete er die beiden. Sie sah eindeutig etwas in Snape, was die Schüler nicht sahen. Er konnte für sie nur hoffen, dass es auch tatsächlich existierte.
Und dann kam Snape herein. Hinter ihm eine lange Reihe Erstklässler, die sich, wie jedes Jahr, ordentlich vor ihren Mitschülern aufstellten. Der Sprechende Hut legte wieder seinen großen Auftritt hin und Snape verlas die Namen. Einer nach dem anderen wurde so seinem Haus zugeteilt.
Im Anschluss ging Snape zu seinem Platz neben seiner Frau. Thomas sah, wie er einen bösen Blick in Richtung der Schülertische warf, besonders in Richtung der Gryffindors. Er wollte scheinbar sicher gehen, dass ihn kein Schüler beobachtete, denn als er sich setzte konnte Thomas sehen, wie er ganz kurz kaum merklich lächelte und dem kleinen Baby über das Haar strich. Neben ihm bekam Professor Snape einen träumerischen Ausdruck, als sie von ihrem neugeborenen Kind zu ihrem Mann blickte.
Thomas Weltbild war kurzzeitig auf den Kopf gestellt. Noch nie, NIEMALS!, hatte ein Schüler Snape lächeln sehen! Da war er sich absolut sicher. Und Snape hatte gelächelt! Wenn auch nur sehr kurz, aber es war ein echtes Lächeln gewesen. Kein höhnisches Grinsen, wie er es sonst immer tat. Nein, dieses eine Mal war es ein echtes Lächeln gewesen.
Als sich die Schulleiterin erhob und ihre üblichen Worte der Begrüßung verlauten ließ, sah sich Thomas in der Großen Halle um. Tatsächlich schien außer ihm kein anderer Schüler dieses Lächeln bemerkt zu haben, denn alle anderen hatten jetzt ihre Aufmerksamkeit auf die Direktorin gelenkt.
Thomas war verwirrt. Sollte in diesem griesgrämigen Lehrer doch mehr stecken, als alle dachten? Hatten seine Frau und sein Kind ihn doch so sehr verändert, dass er tatsächlich zu Gefühlsregungen fähig war? Thomas war sich noch immer nicht ganz sicher, was er von dieser ganzen Situation halten sollte, als ihn die Worte von Professor McGonagall wieder etwas ablenkten.
"Und auch in diesem Jahr habe ich eine Neuigkeit zu verkünden. Und dieses Mal scheint ihr alle schon erraten zu haben, um was es sich dabei handelt. Ihr wusstet ja schon im letzten Jahr, dass Professor Snape schwanger ist. Ich freue mich also euch mitteilen zu können, dass sie ein gesundes kleines Mädchen zur Welt gebracht hat. Die kleine Amalia Joseline Snape!"
Die darauf folgenden "Ahs" und "Ohs" waren so typisch, dass nicht wenige Jungs die Augen verdrehten. Es konnten auch wirklich nur Mädchen wegen so etwas derart aus dem Häuschen geraten.
An allen Tischen wurden jetzt die Hälse gereckt, besonders bei den Mädchen. Professor Snape war so freundlich die kleine Amalia so zu halten, dass auch wirklich jeder sie sehen konnte. Naja, so gut das eben aus der Entfernung ging. Die schwarzen Haare waren jedoch nicht zu übersehen.
Professor Snape wirkte einfach nur glücklich. So wie eigentlich schon das ganze vergangene Jahr über. Überhaupt konnte sich Thomas nicht erinnern, sie jemals wirklich unglücklich gesehen zu haben. Ja, klar, ab und an hatte er das Gefühl, dass sie sich mit Snape gestritten hatte, aber nie wirklich ernsthaft. Spätestens nach wenigen Tagen schien sie immer wieder der glücklichste Mensch auf Erden zu sein. Und jetzt, mit einem Kind auf dem Arm, hatte sich ihr Glück augenscheinlich noch einmal verdoppelt.
Snape hingegen wirkte nicht besonders glücklich. Er warf eher böse und giftige Blicke in die Menge aus Schülern und sah nur noch bedrohlicher und schlechter gelaunt aus als sonst. Er schien die ganzen Schüler allein mit seinen Blicken zum Schweigen bringen zu wollen, als würde ihn dieses ganze Theater nur unendlich nerven.
Thomas wurde aus dem Ganzen nicht so recht schlau. Hätte er nicht vor wenigen Minuten dieses winzige kurze Lächeln auf Snapes Gesicht gesehen, er hätte sich ernsthaft gefragt, ob der wirklich der Vater des kleinen Mädchens war. So wie er jetzt in die Gegend starrte, war er das totale Gegenteil von seiner Frau.
Schwarz und Weiß. Tag und Nacht. Sommer und Winter. Ying und Yang.
Dieses Jahr war es während des Festessens an den langen Haustischen besonders laut. Und dabei ging es nicht einmal um die Ferien, es ging auch nicht darum, dass die große Ginny Potter die nächste Saison aussetzten würde, weil sie angeblich ebenfalls schwanger war und es ging auch wieder nicht um all die anderen persönlichen Dinge, über die man mit seinen Freunden so sprach.
In diesem Jahr gab es eigentlich nur ein Thema. Und auch in diesem Jahr trug es einen Namen; nämlich Amalia Joseline Snape.
Die meisten Schüler ignorierten gekonnt, dass Snape der Vater des Kindes war. Er mochte so viele finstere Blicke in die Runde werfen wie er nur wollte, die Schüler redeten trotzdem weiter.
Ist sie nicht niedlich? Habt ihr ihre winzigen Händchen gesehen? Snape scheint sich nicht gerade darüber zu freuen. Woher wohl der Name kommt? Wie Professor Snape das nur schaffen will mit einem kleinen Baby und ihrem Job als Lehrerin? Ob sie ein Kindermädchen hat? Ob sie ein Kindermädchen braucht? Das fragten sich nicht wenige, doch den meisten fiel kurz darauf wieder ein, dass es zu dem Kind ja auch noch einen Vater gab, und dem wollten sie ganz gewiss nicht öfter als nötig sehen und das ganz bestimmt auch nicht in seinen eigenen Räumen.
Thomas ließ das Gespräch seiner Klassenkameraden an sich vorbei plätschern ohne sich groß daran zu beteiligen. Er freute sich für seine Professoren. Und im Gegensatz zu der gängigen Meinung seiner Mitschüler, war er sich ziemlich sicher, dass auch Snape sich über die kleine Amalia freute.
