Als Harry am nächsten Morgen noch vor den anderen in einem vollkommen zerwühlten Bett erwachte, hatte er das Gefühl, die ganze Nacht über nachgedacht zu haben. Sein Körper war erholt und auch sein Kopf schien wach, doch angefüllt mit tausenden Gedanken und Bildern. Er hatte etwas Seltsames geträumt … Ähnlich dem Traum mit dem langen, schwarzen Gang, der ihn schon während der Sommerferien geplagt hatte, schien etwas Bedeutsames an diesem Traum zu sein, auch wenn er sich kaum erinnerte. Er hatte eine Gestalt am Boden liegen sehen, eine gekrümmte Gestalt. Wer war sie? Er konnte es nicht sagen. Nur eines stand fest, Harry war in diesem Traum nicht er selbst gewesen. Doch wer er war und was er getan hatte, bekam er nicht mehr zusammen. Die letzten verschwommenen Bilder des am Boden liegenden, verblassten während des Frühstücks und waren am Vormittag auf dem Quidditch-Feld schon vollends verschwunden.
Es war Wochenende und als wollte sich das Wetter für so viele finstere Tage entschuldigen, schien heute, an Harrys freiem Tag, die goldene Herbstsonne an einem klaren, blauen Himmel. Nach dem Mittagessen ließen Harry und Ron sich von Hermine überzeugen, etwas für ihre Aufsätze und sonstigen Hausaufgaben zu tun. Doch selbst Hermine hielt es an so einem schönen Tag, der zwischen der wochenlangen, zurückliegenden Finsternis und Kälte, wie ein heilendes Trostpflaster wirkte, nicht lange im Gemeinschaftsraum aus. Sie hatte entschieden, dass ein Spaziergang, währenddessen die drei schulrelevante Themen diskutierten, auch in Ordnung wäre. Doch natürlich blieb es nicht lang bei „schulrelevanten" Dingen. Schnell hatten Harry und Ron die Themen gewechselt und sprachen über Quidditch, Zauberschach und Draco Malfoy, während Hermine immer wieder versuchte, Fragen über das Ministerium oder den Lehrplan einzuwerfen. Aber an einem solchen Tag hatte es einfach keinen Zweck. Auch wenn Hagrid immer noch nicht wieder da war, liefen die drei wie von selbst den Hang zu Hagrids Hütte hinab und standen eine Weile traurig davor.
„Immer noch keine Nachricht …", gab Ron bedrückt von sich, als würde er dem leeren Haus einen Vorwurf machen wollen. Nach einigen weiteren Sekunden Stille, kamen die drei ohne ein Wort zu der Übereinkunft, weiter zum Seeufer zu laufen. Neue, fröhlichere Gespräche brandeten auf und andere Mitschüler kamen ihnen entgegen oder liefen etwas entfernt von ihnen ebenfalls über das Gelände.
„Wenn wir doch nur alle neue Rennbesen hätten, dann wären wir den Slytherins haushoch überlegen!", tönte Ron wild gestikulierend.
„Ich glaube nicht, dass das alles nur an den Besen liegt. Wir müssen auch mehr trainieren und technisch besser werden.", erklärte Harry und merkte zu spät, dass er mit dieser Bemerkung Ron Unbehagen bereitete.
„Ich meine, klar! Besseres Equipment wäre natürlich das Wichtigste!" Heute wollte er Ron nichts Böses, alle sollten den Tag heute genießen, so viel stand fest.

Doch auch die nächste Nacht war von eigenartigen Träumen durchzogen. Erst konnte Harry kaum etwas erkennen, nur die Schmerzensschreie, die er hörte, kamen ihm bekannt vor. Lichter und Schatten flackerten auf, die langsam Formen annahmen. Und immer wieder tauchte ein verschwommenes Bild von Snape vor seinen Augen auf, als würde er sich an das grimmige Gesicht des Professors erinnern. Er konnte aus einiger Entfernung hören, wie Crucio-Flüche gesprochen wurden und lautes Lachen ertönte. Es zerriss die Stille und hallte wider, als würde es in einem großen Saal erklingen. Harry blinzelte hastig und schaute sich orientierungslos um, denn nun nahm ein Saal vor seinen Augen Gestalt an. Von einem tiefschwarzen, blankpolierten Marmorboden, hoben sich Wände aus dunklem, fast ebenso schwarzem Mauerwerk. Sie waren regelmäßig von sehr schmalen, gotischen Fenstern unterbrochen, die bis hoch oben an die Decke reichten. An zwei langen Tafeln saßen jeweils links und rechts von Harry, oder dem der er war, ein halbes Dutzend Menschen in schwarzen Roben. Vor ihnen auf den Tischen lagen silbrig schwarze Masken. Sofort blitze in Harrys Gedächtnis eine Erinnerung auf. Es waren die Masken der Todesser, denen er auf dem Friedhof begegnet war – in der Nacht als Cedric gestorben war. Er sah Lucius und eine elegant gekleidete Frau neben ihm, die offensichtlich Dracos Mutter war. Sie ließ ihren würdevollen, aber auch ehrfürchtigen Blick durch den Raum gleiten und hielt kurz bei Harry inne. Ihre Blicke trafen sich und sie senkte ihren zügig auf die Tischplatte vor ihr. Nun schaute auch er selbst sich im Raum um und blieb an der Gestalt, die zwischen den beiden Tischen ihm direkt gegenüber auf dem Boden lag, hängen. Es war Snape, jetzt erkannte er ihn.
Sein sonst so gefasster Professor, der sich nur zu gern bedrohlich vor ihm aufbaute, lag hier gekrümmt auf dem Boden vor ihm. Schweiß stand auf seiner blassen Stirn, während er angestrengt keuchte. Snapes Blick sprang nach oben und er schaute Harry direkt an, der nun begriff, wessen Rolle er selbst hier spielte. Er saß in einem Lehnstuhl, der fast schon die Ausmaße eines Throns hatte. Seine lange Robe reichte fast bis über seine bleichen, langfingrigen Hände und Harry wusste, wem diese Hände gehörten. Er war Voldemort. Die anderen Todesser warfen immer wieder schnelle Blicke auf das Opfer in ihrer Mitte. Sie lachten höhnisch, doch ohne ihre eigene Angst wirklich verbergen zu können. Harry bewegte sich, ohne selbst etwas dagegen tun zu können. Er hob seinen Zauberstab und hörte die Stimme Voldemorts, die nun seine eigene Stimme war, abermals „Crucio!" rufen und ein Lichtblitz löste sich aus der Spitze des Zauberstabs, den er in seiner rechten Hand hielt. In diesem Augenblick wurde ihm Schwarz vor Augen, doch er hörte das unterdrückte Ächzen von Snape, der erneut schmerzhafte Qualen litt, noch ganz genau, ehe er aufwachte.

Harry schlug mit einem üblen Gemisch aus Sorge und Wut im Magen die Augen auf. Snape hatte ihn jahrelang gepeinigt, er hatte ihn aufs übelste beschimpft und ihn immer wieder für Dinge beschuldigt, die sein Vater getan hatte und nicht er selbst. Nie hatte Snape ihn, wie einen normalen Schüler behandelt, nie hatte er ihm die gleichen Chancen eingeräumt. Doch er hatte ihm dieses eine Mal mit der Salbe geholfen.
Mit diesen Gedanken saß er in seinem Bett. Die roten, schweren Samtvorhänge waren ganz zugezogen – wie eine Höhle. Schon seit Jahren nutzte Harry diese kleine Höhle als Rückzugsort. Hier konnte er nachdenken, die Dunkelheit vor Augen. Was war das für ein Traum? Seine Hände zitterten vor Anspannung. Es hatte sich so real angefühlt und im tiefsten Innern, wusste Harry auf irgendeine Art und Weise, dass das keinesfalls nur ein Traum gewesen war. Es war passiert, irgendwo. Irgendwo heute Nacht wurde Snape von Voldemort gefoltert.