Charaktere: Peter Pettigrew, Remus Lupin


Sonnige Winternachmittage sind dazu da, sich zu vergnügen. Ob das draußen mithilfe irgendeiner Wintersportart ist oder drinnen mithilfe eines Gesellschaftsspiels, bleibe dahingestellt, aber Tatsache ist, dass sie nicht dazu taugen, in Todesangst ohne Hoffnung einen Hang hinaufgehetzt zu werden.

Doch ebendies geschah an so einem Nachmittag. Die Luft war kalt, die Sonne schien gleißend und ein kleines, schmächtiges Männlein hetzte keuchend durch den Schnee. Er sah sich immer wieder um, als würde er verfolgt, und tatsächlich konnte man von Zeit zu Zeit das Unterholz verdächtig rascheln hören, wenn man gut aufpasste.

Der Schauplatz dieses Geschehens war ein verschneites Buchenwäldchen an einem steilen Berghang. Es war tiefer Winter und es lag ungefähr ein dreißig Zentimeter Schnee, aber besagtes Männchen hatte dies anscheinend nicht bemerkt, denn es trug nichts weiter als einen zerschlissenen Schlafanzug und viel zu große Winterstiefel. Er war schweißüberströmt, und wenn man bei seiner gehetzten Flucht die Chance gehabt hätte, in seine Augen zu sehen, hätte man darin nichts als nackte Angst lesen können.

Der Grund für diese Angst lag wahrscheinlich in einem Ereignis, das sich am vergangenen Morgen zugetragen hatte. Das Männlein hauste zu diesem Zeitpunkt in einer kleinen, abgelegenen Hütte am Rande eines kleinen, abgelegenen Dorfes irgendwo in Osteuropa. An diesem Morgen war er wie gewohnt kurz nach Sonnenaufgang aufgestanden (aus diesem Grund mochte er den Winter, denn er bedeutete mehr Schlaf) und hatte sich eine Kanne Pfefferminztee gemacht. In dem Wissen, dass besagter Tee schnell auskühlen würde (was er nicht ausstehen konnte), trank er hastig die ganze Kanne leer und ließ sich auch sonst kaum Zeit für sein Frühstück. Seine Hast beim Teetrinken schlug sich in einem Toilettenbesuch kurz darauf nieder, und als er in seine Küche zurückkam, lag dort auf dem Tisch, direkt neben der Teekanne, eine tote Ratte.

Bei jedem naiven, unschuldigen Menschen hätte eine tote Ratte nicht viel mehr als Ekel und vielleicht Hygienesorgen ausgelöst. Doch unser kleiner, schmächtiger Mann war weder naiv noch unschuldig. In dem Moment, in dem er die Ratte erblickte, wusste er genau, von wem sie stammte, was dieser Mensch mit ihr bezweckte, was eintreten würde, wenn er jetzt nichts unternahm und was er zu tun hatte. Nach einer kurzen Schocksekunde (er hatte über die Jahre in ähnlichen Situationen gelernt, sich nicht allzu lang aus der Fassung bringen zu lassen) ergriff er also zitternd seine Winterstiefel, streifte sie über seine Füße und floh hinaus in die Kälte.

(Man sollte dazu sagen, dass dieser Mann nicht besonders intelligent war. Er wusste, wann er sich zu verziehen hatte, aber das macht keinen intelligenten Menschen aus. Auch Hunde wissen, wann es besser wäre, zu verschwinden, um ihr Leben zu retten. Aus diesem Grund sollte es nicht verwundern, dass er zwar floh, dies jedoch kopflos und überstürzt im Pyjama tat.)

Inzwischen war es später Nachmittag und der Mann hatte seiner Meinung nach viel zu wenige Pausen eingelegt. Er war fürchterlich erschöpft, er fror, hatte einen amdauernden Hustenanfall bekommen und zitterte am ganzen Leib, kurz: er war am Ende seiner Kräfte. Trotzdem lief er weiter, so schnell er konnte (was nicht besonders schnell war), er lief, lief, lief immer weiter den verschneiten Hang hinauf, der kein Ende zu nehmen schien.

Kurz vor Sonnenuntergang (normalerweise die Zeit, in der er anfing, sein Abendessen herzurichten, wie ihm nur zu schmerzlich bewusst war) erreichte er endlich das Ende des Hanges und somit des Wäldchens. Er schöpfte kurz (viel zu kurz) Atem und schleppte sich dann weiter. Doch die plötzliche Ebenheit gepaart mit seiner Erschöpfung hatte ihn unvorsichtig gemacht, sodass er, als er sich ein weiteres Mal umschaute, über seine eigenen Füße stolperte, Kopf voran in den Schnee fiel und sich die Stirn an einem darunter verborgenen Stein blutig schlug. Stöhnend blieb er im Schnee liegen und wünschte sich nichts sehnlicher, als in einem warmen, behaglichen Kaminzimmer zu sitzen und ausgiebig seinen Tee zu trinken. Pfefferminztee. In seiner Jugend hatte er ständig Pfefferminztee getrunken ...

Als er wieder aufwachte, geschah dies nicht von allein. Ein Fuß hatte ihn getreten und er fragte sich, warum man ihn denn nicht wie unter zivilisierten Menschen üblich einfach leicht hätte schütteln können. Dann fragte er sich, warum sein Bett so unbequem war, woraufhin ihm die Ereignisse des letzten Tages wieder einfielen.

„Hallo Peter", sagte da eine wohlvertraute (und wie der Tod gefürchtete) Stimme. „Bitte entschuldige den Tritt, aber ich kann doch nicht zulassen, dass der Schnee mich meiner Rache beraubt."

Er hob den Kopf und schaute in ein Paar honigfarbene Augen. Der Blick war ohne jedes Mitgefühl. Und in diesem Moment wusste er definitiv, so sicher, wie er noch niemals im Leben etwas gewusst hatte, dass es aus und vorbei mit ihm war. Er war ein toter Mann.

Er versuchte ein schiefes Grinsen.

„Hallo, Remus"

Seine Leiche wurde nie gefunden.