Snape lief in seinem Zimmer auf und ab. Wie konnte das sein? Eine Muggel, die solche Kräfte in sich trug? Unmöglich! Und doch war sie hier, in seinem Haus. Was jetzt? Er wollte niemandem etwas davon sagen, er konnte das nicht. Sie hatte vier ehemalige Todesser getötet. Brutale Menschen, ja, und er wusste, dass sie diesen Tod verdient hatten. Aber die Gefahr, die sie damit heraufbeschworen hatte,.. Sie war sich nicht darüber im Klaren, was sie getan hatte… wie auch? Sie wusste nichts von dem dunkeln Lord, seinen Anhängern und der derzeitig angespannten Lage in der Zaubererwelt. Alle Anzeichen ließen darauf schließen, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis Er zurückkehren würde. Wenn er dann von ihr erfuhr? Eine so starke magische Quelle… auf der falsche Seite… eine gefährliche Waffe. Nach langem hin und her beschloss er, sie vorläufig bei sich versteckt zu halten und später eine endgültige Entscheidung zu treffen.
Als Darla die Augen wieder öffnete und endlich aus dem Grauen ihrer Traumwelt erwachte, spürte sie seine Anwesenheit, bevor sie ihn sah. Er saß in einem Sessel neben dem Bett und beobachtete sie. Dann stand er auf und setzte sich auf die Bettkante.
„Hören Sie mir genau zu und halten Sie sich bitte an meine Anweisungen, das ist von unglaublicher Wichtigkeit!"
Darla setzte sich auf, überrascht darüber, dass der Professor einen solch ernsten Tonfall anschlug und gleichzeitig ihre Nähe suchte. Die Hobbypsychologin in ihr schaltete sich ein. ‚Er will, dass du ihm vertraust, dass du ihn als Freund siehst. Pass bloß auf!' Ihre innere Mauer war innerhalb von Sekunden hochgefahren und sie beobachtete jede seiner Gesten.
Sie wartete. Nachdem er ihr lange in die Augen gesehen hatte und sie seinem Blick nicht ausgewichen war, begann er zu sprechen. „Die Männer, die Sie getötet haben, gehörten zu einer Gruppe, die sich Todesser nennen und Anhänger eines mächtigen Zauberers waren, der sich der ‚Dunkle Lord' nennt", bei diesen Worten sah Snape Richtung Fenster. „Er wurde vor dreizehn Jahren vernichtet, allerdings deutet alles daraufhin, dass er zurückkehren wird. Seine ehemaligen Gefolgsleute sammeln sich wieder, begehen furchtbare Taten, wie auch die, die Sie getötet haben. Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass Sie sich in großer Gefahr befinden. Sollten diese Menschen herausfinden, dass Sie für den Tod der vier verantwortlich sind, dann sind Sie nirgends mehr sicher…." Er sah sie wieder an, schwarze Augen, die sie zu durchbohren drohten und es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter.
„Was soll ich jetzt tun?", fragte Darla mit erstickter Stimme.
„Zuerst einmal würde es mich interessieren, wie weit Ihre Fähigkeiten ausgebaut sind, da Sie ja noch nie gezaubert haben. Den Welpen haben Sie immer noch, was darauf schließen lässt, dass sie großes Potenzial haben. Es gelingt nur wenigen, eine Verwandlung in dem Maße aufrecht zu halten, dass ein lebender Organismus aus einem toten entsteht und sich selbstständig am Leben halten kann." Er betrachtete den Hund, der immer noch auf ihrem Bett lag und alles aufmerksam verfolgte. „Sie sollte ihm auch einen Namen geben, da er wohl noch einige Zeit bei Ihnen bleiben wird, meinen Sie nicht?"
„Wenn Sie meinen… Ich werde ihn Roke nennen. Das scheint mir passend…. Meinst du nicht mein Süßer? Roke?" Wie zur Antwort stieß der Welpe gegen ihre Hand und schmiegte sich an sie.
„Alles, was Sie über Zauberei wissen müssen, kann ich Ihnen erklären. Ich denke allerdings, dass es nicht ganz so wird, wie bei den ‚normalen' Schülern, mit denen ich sonst zu tun habe. Das könnte interessant werden. Wir beginnen morgen mit dem Unterricht. Jetzt sollten Sie etwas Essen und weiter schlafen. Der Hauselfe kümmert sich um den Hund."
Darla schlug die Decke zurück und stieg mit einem eng anliegenden dunkelgrünen Nachhemd aus dem Bett. Snape stockte kurz der Atem und er sah weg. Darla bemerkte seine Unsicherheit. Aus einem unbewussten Bedürfnis heraus ging sie nah an ihm vorbei und streifte wie zufällig sein Bein mit ihrer Hand. Snape sog scharf die Luft ein und sah sie aus bösen schwarzen Augen von unten her an. Darla musste sich ein Grinsen verkneifen. In ihrem Inneren tobte ein Sturm aus Angst, Wut und Wahnsinn. Sie hatte gerade erfahren, dass sie eine Hexe war, dass sie wirklich die Männer getötet hatte, bis jetzt war es für sie noch nicht zur Wahrheit geworden, doch nach der Nacht Schlaf hatte es in ihrem Kopf Klick gemacht und die Worte des Professors hatten ihre Gedanken in neue Bahnen gelenkt.
Sie war sich sehr wohl der Gefahr bewusst, in der sie schwebte. Aber schon zu oft in ihrem Leben hatte sie sich dem Schicksal hingeben müssen, ohne selbst die Fäden in Händen halten zu können. Diesmal wollte sie tun, was sie wollte, ohne auf andere achten zu müssen. Die Situation, in der sie sich befand, war tödlich, so viel war klar. Also, was tun? Genießen. Sie war eine Hexe? Perfekt. Ein bisschen Magie in ihrem Leben konnte nicht schaden.
Jung, schön, eine Hexe. Eine Mörderin, ein Racheengel. Wach auf Mädchen!
Immer wieder war ihr Leben aus den Fugen geraten, durch Tod, Verrat, Verzweiflung, Hass, verlorener Liebe. Und jetzt das. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie hatte immer von ihren Fantasiewelten geträumt, sich gewünscht, ein bisschen zaubern zu können, ihr Leben in die richtigen Bahnen zu lenken. Doch an welchem Punkt war sie jetzt angelangt?
In einem Haus, irgendwo in Schottland, mit einem fremden Mann, der ihr doch einige Angst machte, ihre beiden besten Freundinnen waren tot, sie selbst war vergewaltigt und brutal zusammengeschlagen worden, sie hatte getötet, sie war eine Hexe, wurde vermutlich von den schlimmsten Magiern der heutigen Zeit gesucht, die auf Rache aus waren und… sie konnte nichts tun...
Sie blieb mitten in der Bewegung stehen, als ein plötzlicher Schwindel sie erfasst und lehnte sich an die Wand. Snape musterte sie vom Bett her. Wieder schienen seine Augen sie zu durchleuchten. Und dann spürte sie es, eine fremde Persönlichkeit am Rande ihres Geistes. Ihn in ihrem Kopf. Er las ihre Gedanken, ihre Ängste. Als sie ihn mit Gewalt aus ihrem Kopf stieß, stöhnte er auf und erhob sich.
"Ihre Selbstzweifel und das Selbstmitleid helfen Ihnen nun wirklich nicht weiter. Reißen Sie sich zusammen! Mit Ihren magischen Fähigkeiten haben Sie gute Chancen zu überleben. Halten Sie sich nur daran, was ich sage und keine Alleingänge! Ich lege keinen Besonders großen Wert darauf, von Ihnen in die Luft gejagt zu werden!" Damit rauschte er ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer und schlug die Tür mit einigem Schwung hinter sich zu.
Was dachte sich diese Frau eigentlich? Er war sich über ihre enorme Kraft bewusst, ein Wunder, dass sie nicht auf einer Schule gewesen war. Wie konnte diese Energie so lange unter Verschluss gehalten worden sein? Und jetzt bekam sie Angst. Was verständlich war, aber nicht gerade zur Besserung ihrer oder seiner Situation beitrug. Wenn die anderen Todesser von ihr erfahren sollten und sie hier entdecken, dann müsste ihm schon eine verdammt gute Ausrede einfallen, um nicht mit ihr unter einem der Unverzeilichen zu leiden. Wobei der Crucio noch der angenehmste war…
Auch wenn er sich wirklich angenehmeres für seinen wohlverdienten Urlaub wünschte und das letzte, zu was er Lust verspürte eine unausgebildete Hexe war, er musste sich um sie kümmern. Sollte sie es schaffen und ihre Kräfte unter Kontrolle halten können, wäre sie eine starke Verbündete, vermutlich stärker als Voldemord es je war. Der Hund hatte ihn schon zutiefst beeindruckt. Vor allem, als er feststellte, dass dieser noch immer lebte und nicht wieder eine Kanne war.
Darla war nun schon vier Tage in diesem Haus. Sie fühlte sich bereits wieder besser und hatte den ersten großen Schock überwunden. Der Hauself kümmerte sich gut um sie und sie ging jeden Tag einige Stunden mit Roke am Strand spazieren. Professor Snape war die letzten Abende mit einer Flasche Wein bei ihr eingetroffen und hatte ihr mehr über die Zaubererwelt erzählt. Nie besonders spannend oder ausgeschmückt, nur klare Fakten, die sie säuberlich in ihrem Gedächtnis zusammentrug und woraus sich mit der Zeit ein schönes großes Bild ergab, das sie gleichzeitig faszinierte und ängstigte. Heute war der fünfte Tag und wie immer sah sie den Professor tagsüber gar nicht. Gegen Abend machte sie es sich auf ihrem Bett bequem und wartete. Als die Tür endlich aufging, kam Snape mit einem gezückten Zauberstab auf sie zu.
"Wir beginnen nun mit dem praktischen Teil Ihres Unterrichts. Stehen Sie auf."
Darla beeilte sich aus dem Bett zu kommen und stellte sich vor ihm auf. Er hielt ihr den Zauberstab hin. Ein lauter Knall ertönte, als sie danach greifen wollte und der Sessel stand in Flammen. Snape fluchte laut und löschte das Feuer mit einem Schlenker der Zauberstabs.
"Nun, mir scheint, dieser Stab ist nicht besonders gut auf Sie zu sprechen Miss!"
Darla hatte sich wieder zu ihrem Bett zurückgezogen und beobachtete Snape aus grünen Augen heraus. "Es tut mir leid Professor." Kaum hatte sie die Worte laut ausgesprochen, biss sie sich auf die Zunge. Sie klang wie eine eingeschüchterte kleine Schülerin und nicht wie die junge Frau, die sie eigentlich war.
"Sie können kaum etwas dafür. Es liegt an dem Stab, er akzeptiert Sie nicht."
Darla sah ihn verblüfft an. Der Stab konnte auch noch denken? Verrückte Welt in der sie da nun war. "Dann probieren wir es weiterhin so, wie Sie den Hund gemacht haben. Konzentrieren Sie sich auf den Teppich. Versuchen Sie seine Farbe zu verändern…. Sagen wir", er machte mit den Händen eine ausholende Bewegung, ".. zu weiß." Darla konzentrierte sich und schon war der Teppich von einem leuchtenden weiß. Snape nickte zufrieden. "Jetzt lassen Sie den Sessel verschwinden und auf der anderen Seite des Bettes wieder auftauchen." Auch dafür brauchte Darla nicht einmal einen Wimpernschlag lang. "Verblüffend", sagte Snape trocken. "Ich denke, ich habe mich in Ihnen geirrt. Sie brauchen keinen Unterricht. Wie Sie Ihre Kräfte einsetzen scheint Ihnen sehr wohl bewusst zu sein. Wie machen Sie das? Ohne Zauberstab?" Er schien ehrlich interessiert zu sein und Darla wunderte sich, warum ihn ihre Fähigkeit so zu verblüffen schien, immerhin war er doch auch ein Magier.
"Ich will es und es passiert. Das ist alles. Ich stelle mir vor, wie es sein soll."
"Es ist nicht üblich, dass Magie auf diese Art und Weise funktioniert…", meinte er nachdenklich. "Wir brauchen einen Zauberstab, der als Katalysator fungiert. Ihre Art, Magie zu bewirken, ist sehr alt und ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie Sie dazu kommen. Vererbung nehme ich an. Aber nachdem Sie so unerfahren mit der Welt der Magie sind, denke ich nicht, dass eine Hexe in der jüngeren Geschichte Ihrer Familie auftaucht… Zudem habe ich in den Büchern der Schule nirgends Ihren Namen finden können oder sonst eine Verbindung zu der Welt der Zauberei. Somit muss die Magie in Ihrer Familie entweder sehr weit zurück liegen, oder… nun, ein andere Erklärung kann ich nicht finden…. " Snape rieb sich nachdenklich übers Kinn.
"Nehmen wir diesen Umstand einfach als gegeben hin. Mehr können wir im Moment nicht tun, als Sie auf ein Zusammentreffen mit anderen Magiern vorzubereiten. Denken Sie, Sie können einen Schutzschild heraufbeschwören, der stark genug ist, um einem Angriff meinerseits standzuhalten?"
"Ich kann es versuchen." Und Darla konzentrierte sich auf eine unsichtbare Wand vor sich, die undurchdringlich sein sollte. Snape schickte mehrere Flüche in ihre Richtung, Aber keiner drang bis zu ihr durch. Alle prallten an ihrer Wand ab und diese geriet noch nicht einmal ansatzweise in Wanken. Wieder war Snape verblüfft über ihre Fähigkeiten. Doch er ließ es sich dieses Mal nicht anmerken.
Nachdem er eine Flasche Wein geöffnet hatte, setzte er sich in einen Sessel und sah Darla lange an. Sein Gesicht und seine Haltung verrieten dabei nicht, was er dachte oder fühlte. Nur seine Augen ließen auf den stillen Sturm schließen, der in seinem Inneren tobte. Darla machte es sich auf einem Sessel gegenüber bequem und trank ihren Wein. Schweigend verbrachten sie den Abend in ihrem Zimmer, bis Snape gegen Mitternacht aufbrach, um sein Bett aufzusuchen.
Darla lag noch lange wach und dachte darüber nach, welche Wirkung ihre Kräfte auf den Professor gehabt hatten und wie stark sie wirklich zu sein schien. Allein durch ihre Willenskraft Dinge verändern, bewegen, eine Wand aus Energie erschaffen, die sie beschützen konnte… Ihr schwirrte der Kopf von diesen ganzen Dingen und so stand sie noch einmal auf, um nach einem Schmerzmittel zu suchen. Als sie in der Küche vorbeischaute, fand sie den Hauself, der ihr eine Phiole gab.
"Der Herr immer dieses benutzt, wenn wieder Kopfschmerzen ihn plagen.", sagte er zu Darla und verzog seinen Mund zu einem schiefen Lächeln. Sie nahm es dankbar entgegen und wollte wieder zurück in ihr Zimmer. Im ganzen Haus war es ruhig. Sie konnte nicht widerstehen und schlich nach oben, um nach dem Professor zu sehen. So groß ihre Angst vor diesem dunkeln Menschen war, so groß war auch die Faszination, die von ihm ausging. Als sie die Tür zu seinem Zimmer leise öffnete, konnte sie die Kälte, die davon ausging fast schon greifen. Sie sah hinein, aber das Bett war gemacht und Snape nicht in seinen Räumen. Da sie Angst hatte, er könne jeden Moment auftauchen, sie hier erwischen und unangenehme Fragen stellen, verschloss sie die Tür wieder und lief so leise sie konnte zurück in ihr Zimmer.
Der sechste Tag im Haus des Professors. Wieder verbrachte sie ihn nur in Gesellschaft des Hauselfen, mit Roke oder allein. Snape ließ sich nicht sehen, aber das war ihr noch ganz recht. So konnte sie ihren Kopf frei bekommen und über ihre ungewisse Zukunft nachdenken. Zudem hatte sie einige Bücher entdeckt, die sie sehr interessierten und aus denen sie einiges über Magie lernen konnte, wenn auch das meiste nicht wirklich für sie gedacht war, da es mit Zauberstab ausgeführt wurde.
Am Abend wartete sie wie gewohnt auf Snape, doch dieser kam nicht. Es wurde acht, dann neun. Schließlich hatte sie das Warten satt und verließ ihr Zimmer. Aus dem oberen Stockwerk drangen Geräusche zu ihr und so schlich sie in den ersten Stock zu seinem Zimmer. Die Tür war nur angelehnt und warmes Kerzenlicht drang zu ihr. Sie klopfte und trat ein. Ein plötzlicher Schwindel überkam sie, als sie sich des Bildes gewahr wurde, welches sich ihr bot. Der Hauself, der seine Scheu überwunden hatte und ihr seinen Namen, Stripe, heute Morgen verraten hatte, huschte um ein riesiges schwarzbezogenes Bett, in welchem sich eine Person befand, die eindeutig der Professor sein musste. Allerdings war er übersät mit Schnittwunden, Hämatomen und anderen Blessuren. Seine Haut war im krassen Gegensatz dazu noch weißer als sonst und bildete einen harten Kontrast zu der schwarzen Decke. Seine Augen waren geschlossen und Darla konnte nur ein schwaches Röcheln wahrnehmen, was allerdings bestätigte, dass er noch am Leben war. Sie machte einige Schritte auf das Bett zu und schon hatte der verstörte Stripe sie bemerkt.
"Der Meister! Krank! Die Lady muss ihm helfen!" Wild redete er auf sie ein und drängte Darla näher an Snapes Bett. Sie musste ein starkes Bedürfnis unterdrücken, sich zu übergeben, als vor ihrem Auge Szenen einer anderen Nacht auftauchten, von Francis und Sam, blutüberströmt und tot. Sie konnte sich nicht bewegen und stand einfach nur da, sah auf den geschundenen Körper hinab und weinte lautlos vor sich hin.
