Ich warte schon
sehnsüchtig auf Lily. Normalerweise gehört sie nicht zu den Frauen,
die ewig lange brauchen, um sich fertig zu machen. Jedenfalls ist sie
morgens immer ziemlich schnell fertig. Ich spioniere ihr nicht
hinterher, aber die Geräuschkulisse lässt sich kaum ausblenden,
wenn ihr versteht, was ich meine; der rauschende Wasserhahn, die
tropfende Dusche und ihre Selbstgespräche, wenn ihr Haar mal wieder
all zu widerspenstig ist.
Ich lächle versonnen, als Lily aus
ihrem Zimmer kommt. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich
sagen, dass Sirius nicht wenig an ihrem Aussehen beteiligt war. Ihr
müsst wissen, Sirius ist nicht der Macho, für den ihn alle halten.
Er hat durchaus ernsthafte Beziehungen, und die halten schon länger
als ein paar Wochen.
Die meisten Mädchen, die er abweist, sagen
aus Trotz, dass sie mit Sirius ein Date hatten und das mehr gelaufen
ist, als nur Knutschen. Das stimmt natürlich nicht. Aber Sirius'
Stolz verbietet ihm, das Gegenteil zu behaupten.
Aber der
eigentliche Punkt an der Geschichte ist, dass Sirius' Freundinnen
schon nach ein paar Tagen ihr Mädchengehabe ablegen, sie wirken
jeden Tag ein wenig reifer, erfahrener und einfach stilvoller. Auch
wenn es sich jetzt unnett anhört, aber sie haben viele Einladungen,
wenn sie nicht mehr mit Sirius zusammen sind…
Und ich meine, es
ist ja auch klar, woran das liegt: Kein Junge mag diese Kicherei,
wenn wir mit den Mädels reden. Das macht uns unsicher. Alle glauben
immer, dass es uns Männern einfach fällt, mit Frauen zu reden. Das
stimmt nicht und ich verfluche den Tag, an dem festgelegt wurde, dass
Männer sich um die Frauen zu bemühen haben. Es verursacht nämlich
auch gemeine Vorurteile. Ihr versteht nicht ganz, worauf ich hinaus
will, oder? Passt auf, ich erkläre es euch:
Wenn ein Mann mit
vielen Frauen was hat, dann ist er ein toller Hecht und kann sich der
Achtung seiner Freunde sicher sein, und die der Mädels sowieso. Aber
wenn sich ein Mädchen nur mal länger als fünf Minuten mit einem
Jungen unterhält – So unterhalten kann, ohne schreiend weglaufen
zu wollen - und wenn sie dann auch noch mit mehreren Jungen sprechen
kann sehen alle sie sofort als leichtes Mädchen an. Nur weil sie mit
dem anderen Geschlecht gut klar kommt.
In dem Moment räuspert
sich Lily und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch und lächle sie
entschuldigend an.
Sie sieht überhaupt nicht verärgert aus,
eher belustigt. Ich mustere ihren Pullover und sage dann: »Ich
glaube, dass du noch eine Jacke anziehen solltest. In den Gängen ist
es ziemlich zugig.«
Überrascht sieht sie mich an. Ich nehme die Jacke vom Haken und helfe ihr hinein. Sie sieht überaus geschmeichelt aus und ich klopfe mir in Gedanken auf die Schulter für diesen überaus grandiosen Einfall.
Schließlich gehen wir durch die leeren Korridore. Die Stille ist ziemlich ungewohnt, normalerweise versteht man kaum sein eigenes Wort, wenn man von einer Stunde zur nächsten geht. Aber nicht abends. Am Abend ist gespenstisch ruhig.
Ich möchte das Schweigen beenden, doch mir fällt kein halbwegs vernünftiger Gedanke ein. Es ist, als würden die sich aus dem Staub machen, wenn ich sie brauche. Logischerweise sind sie immer genau dann da, wenn ich liebend gerne auf sie verzichten würde.
Ich habe schon unzählige Male bei McGonagall nachsitzen müssen, weil mein Mund schneller gewesen ist, als mein Kopf. Manche Leute würde jetzt behaupten, dass mir das Recht geschieht. Aber ich schätze, dass kommt eh auf das Auge des Betrachters an.
»Ist irgendwas?« Lily's Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und dennoch kann man den leichten Anflug von Sorge in ihrer Stimme einfach nicht überhören!
»Ich überlege, wie ich ein Gespräch anfangen könnte.«
Überrascht schaut sie hoch. Verfluchte Ehrlichkeit. Jetzt hält sie mich bestimmt für den letzten Trottel! Missmutig starre ich den Boden an. Vielleicht tut sich ein Loch auf, in dem ich verschwinden kann.
»Ich mag es, wenn man das sagt, was man denkt. Es führt zwar auch zu Enttäuschungen, aber wer führt schon ein beschwerdefreies Leben?«
Wieder verfallen wir ins Schweigen. Ich glaube, in diesem Moment denken wir beide an Severus Snape. Lily wohl aus einer traurigen Sicht, ich eher vom misstrauischen Blickpunkt.
»Ehrlichkeit ist genauso wichtig, wie für seine Ideale einzutreten. Nichts ist schlimmer, als alles beim Alten zu belassen, obwohl man, weiß, dass es einem nicht gut tut. Nur weil man Angst vor den Veränderungen hat. Ich finde, Veränderungen müssen sein. Sonst kann man nicht gut leben.«, sagt sie irgendwann nachdenklich.
Ich nicke und antworte dann: »Das ist wie mit Jogurt. Wenn ich immer nur Vanille Jogurt esse, schmeckt der irgendwann fade, aber ich esse ihn, weil ich ihn gewöhnt bin. Deswegen kaufe ich immer unterschiedlich Sorten. Mein Lieblingsgeschmack ist Brombeere und ich freue mich, wenn ich ihn mal wieder essen kann. Dagegen entspricht zum Beispiel Zitrone überhaupt nicht meinem Geschmack, aber ich esse ihn trotzdem. Und so ist es im Leben irgendwie auch. Man kann die Sachen, die man mag, nicht immer machen. Im Gegenzuge sind halt auch die Sachen zu erledigen, die man nicht mag, aber die vielleicht dazu führen, dass ich wieder Dinge machen kann, die mir gefallen.«
»Wow. Irgendwie ist das ziemlich tiefgründig. Ich hätte nie gedacht, dass man gerade mit dir solche Gespräche führen kann.«, gibt sie ganz offen zu.
»Warum? Weil ich soviel Quatsch mit Sirius mache?«, frage ich irritiert.
»Unter anderem. Aber nicht nur. Du schienst mir sehr oberflächlich zu sein, ich kann dich immer noch nicht richtig einschätzen. Das beunruhigt mich irgendwie, denn normalerweise lässt mich meine Intuition nicht im Stich. Aber du sendest so viele widersprüchliche Signale aus, einerseits finde ich dich lustig und andererseits möchte ich dich manchmal am liebsten auf den Mond schießen, weil du mich so nervst.« Sie sieht mich entschuldigend an, ihr Gesichtsausdruck wirkt leicht gequält. Ich versuche den Stich der Trauer zu unterdrücken, der sich in mir breit macht.
»Tut mir Leid.« Ich schaue sie entschuldigend an.
»Entschuldige dich nicht. Sobald du anfängst, dich für deine Art zu entschuldigen, beginnst du damit, dich für andere Leute zu verbiegen. Du hörst auf, du selbst zu sein. Das ist nicht gut und das ist nicht richtig. Wenn man sich verändert, um zu gefallen, ist man es nicht wert, dass sich jemand kümmert. Denn um wen kümmert sich die Person? Um den Menschen, der so ist, wie er ist oder um den, der so ist, wie andere ihn gerne hätten? Wenn Leute beginnen, dich ändern zu wollen, dann lass sie fallen. Die sind nicht gut genug für den wahren Menschen.«
Das ist tiefgrü so überaus treffend formuliert. Lily und ich sehen uns an und lächeln. Ich glaube, sie ist tatsächlich erstaunt.
In dem Moment dringt leises Kichern an unsere Ohren. Wir bleiben stehen und lauschen. Es sind drei oder vier Jungen. Lily will schon los gehen, doch ich halte sie zurück und ziehe meinen Tarnumhang aus meiner Jackentasche. Ihre Augen werden groß, als sie erkennt, was ich da hervor gezaubert habe.
»Pass auf, ich schleiche an den Kindern vorbei und du erwischt sie dann – Vermeintlich alleine. Sie werden bestimmt weglaufen und damit genau mir in die Arme. Das wird bestimmt lustig. Und nach dem Schrecken werden sie es sich zukünftig zwei Mal überlegen, ob sie nachts ihre Betten verlassen.« Lily's Augen beginnen zu funkeln und ein diabolisches Grinsen schleicht sich in ihr Gesicht. Sie nickt zustimmend, ich schlüpfe unter den Umhang und eile so schnell und leise ich konnte an den Jungen vorbei – Es sind drei – Und stelle mich etwa in Mitte des Ganges in Position.
Lily geht um die Ecke und ruft laut: »Hey ihr! Was macht ihr um diese Zeit noch auf den Korridoren?«
Erschreckt fahren die Jungen auseinander. Sie brauchen nur Sekundenbruchteile, um zu reagieren, sie rennen davon, in meine Richtung.
Blitzschnell ziehe ich mir den Tarnumhang vom Körper. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Einer vergisst schlichtweg die Beine nachzuziehen und fällt ziemlich unsanft hin. Der Zweite bleibt auf dem Punkt stehen und starrt mich an, wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Einzig und allein der dritte Junge versucht, an mir vorbei zu kommen.
Mein Stolperfluch hindert jedenfalls auch ihn am Fortkommen. Nachdem wir die drei in ihr Haus zurück gebracht haben und vorher ordentlich Punkte abgezogen haben, setzen wir unseren Streifzug fort. Und wieder schweigen wir. Es ist aber nicht unangenehm, oder so. Es ist schön. Gewollt und gekonnt. Man kann nicht mit allen Mädchen schweigen. Genau genommen habe ich noch kein Mädchen getroffen, dass nicht unbedingt jede Pause mit Worten füllen wollte. Außer Lily. Sie ist so anders als die Anderen.
Reifer, klüger und anscheinend trotzdem für einen kleinen Spaß zu haben. Das finde ich faszinierend. Wirklich, das tue ich.
»Du bist eine coole Socke, James Potter.«, kichert Lily auf einmal.
»Danke. Du bist ebenfalls gut drauf. Das mit dem Tarnumhang und den Jungs waren auf jeden Fall einsame Spitze. Ich habe mich schon lange nicht mehr so königlich amüsiert.«
»Das kann ich nur zurück geben. Echt, du bist nicht der Idiot, für den ich die gehalten habe.« Sie grinst. »Du bist zwar manchmal noch echt unreif, aber das liegt am Alter. Mädchen sind Jungen sowieso immer um drei bis vier Jahre in der Entwicklung voraus.«
Ich mustere sie eingehend. »Dafür bist du aber ganz schön winzig.«
Abrupt bleibt sie stehen und stampft mit dem Fuss auf. »Ich bin nicht klein! Ich bin kurz und Platz sparend!«
»Ich wette, du könntest vom Teppich Fallschirm springen, so winzig bist du!«
»Das nimmst du zurück!«
»Wenn nicht?« Im Nachhinein hätte ich wissen müssen, dass es nicht gut für mich enden würde.
Lily sprang mich regelrecht an und begann damit, mich durch zu kitzeln.
Ich rang keuchend nach Luft und versuchte angestrengt, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, als ihre Hände auf mir. »Verbeiß dich nicht in meinen Waden! Ich hatte da schon mal so einen Zwergterrier hängen. War nicht so angenehm, denn die lassen nicht mehr los, sobald sie fest sitzen.«
Vielleicht war das die falsche Ansage. Sie intensiviert ihre Bemühungen. Ich kann nicht mehr, ich muss lachen. Lachen und nach Luft schnappend flehte ich um Hilfe, doch ich stieß auf taube Ohren.
Irgendwann konnte ich nicht mehr stehen. Ich fiel einfach um. Lily hatte ich mitgerissen. Sie hat aufgehört, mich zu ärgern. Schwer atmend liegen wir nebeneinander. Irgendwann drehe ich meinen Kopf zu Lily's und betrachtete sie. Sie spürt meinen Blick und erwidert ihn.
Ich will meine Arme unter meinem Kopf verschränken und ziehe meine Hand unter meinem Rücken hervor (Es ist ziemlich unbequem, so da zu liegen!) Ich streife aus Versehen ihre Hand und die Berührung fährt mir direkt in die Knochen. Die Stelle kribbelt angenehm und auch Lily muss irgendetwas spüren. Sie schaut nämlich äußerst verwirrt auf ihre Hand. Als hätte sie die noch nie gesehen. Plötzlich seufzt sie.
»Was ist los?«, frage ich leise.
»Ach, na ja. Du kennst das doch auch, dass man bestimmte Macken hat, die man einfach nicht los wird, oder?«
Ich nicke nachdenklich, ich bin gespannt, was als nächstes kommt.
Wieder seufzt sie. »Ich kaue an meinen Fingernägeln, wenn ich nervös bin. Ich hasse es, aber ich bemerke es nicht, wenn ich es tue.«
Vorsichtig nehme ich ihre Hand und halte sie vor mein Gesicht um sie genauer zu betrachten.
»Ich weiß nicht, was du hast.«
Kopfschüttelnd sehe ich sie an. Ihre Nägel sind zwar kurz, aber sauber gefeilt.
Lediglich die Nagelhaut ist gerötet und an einer Stelle ein bisschen blutig.
»Es gibt schlimmere Marotten als das!«
Sie beginnt zu grinsen. »Deine zum Beispiel! Du fährst dir andauernd durch die Haare. Als würdest du sie gar nicht ordentlich haben willst!«
»Ich... Nein! Das hat andere Gründe. Mit meinen Haaren ist alles in Ordnung, sie würden nicht mal gut liegen, wenn ich sie verhexen würde.«
Wir sehen uns in die Augen und prusten los. Ihr Lachen ist so schön, habe ich das mal erwähnt? Es ist das schönste Geräusch, dass ich mir vorstellen kann.
Ich hoffe, dass ich noch genügend Zeit haben werde, es ganz oft hören zu dürfen.
Ich liebe es, mit anderen Menschen zu lachen. Einfach nur zu lachen. Es ist befreiend, es macht glücklich und einfach nur Spaß. In dem Moment wird mir klar, wie sehr ich Lily liebe. Ich schwärme nicht nur für sie, ich würde alles für sie tun.
