OK, keiner mehr da. Trotzdem noch ein Pitel

Kapitel 4

Ihr Wiedersehen nach so langer Zeit wurde jäh unterbrochen, als Chekov sich über einen Kanal meldete.

„Kirk hier!"

„Sir, wir haben Probleme mit dem Vulkanier!", berichtete der Russe mit dem starken Akzent und Georges Augenbrauen schossen in die Höhe, als er versuchte, das Gesagte zu verstehen. „Das Sicherheitsteam hat niemanden im Transporterraum vorgefunden. Der Vulkanier bewegt sich frei auf dem Schiff."

„Dann schicken Sie mehr Sicherheitsleute, Pavel", meinte Kirk nur.

„Das habe ich, Sir. Aber die Hälfte von ihnen meldet sich nicht mehr. Der Vulkanier setzt ganze Teams außer Gefecht!"

Das alarmierte Kirk.

„Phaser auf Betäubung, die Männer haben Erlaubnis zu schießen. Finden Sie den Kerl, Chekov! Ziehen Sie Spock mit in die Suche ein!"

„Mr. Spock ist noch immer auf dem Waffendeck, Sir."

Kirk öffnete einen Kanal zu Scotty.

„Mr. Scott, was ist da los? Warum bekommen Sie Spock nicht da raus?"

„Sir, ich fürchte, der Bolzen hat sich beim Laden der Torpedos verbogen. Wir müssen den Commander erst aus der Röhre schweißen. Es dauert nur noch wenige Minuten."

„Beeilen Sie sich, Scotty, wir brauchen den Commander, um einen umherirrenden, womöglich verwirrten Vulkanier einzufangen."

„Aye, ich tue mein Bestes."

Als Jim sich wieder George zuwandte, sah ihn dieser mit einer Mischung aus Verwunderung und Belustigung an.

„Probleme?", fragte er etwas amüsiert.

Jim fand das gar nicht lustig und sein Blick war eisig.

„Wir haben einen weiteren Überlebenden von Deneva aufgenommen. Einen Vulkanier. Nur scheint der zu glauben, er könne auf meinem Schiff einfach so unautorisierte Spaziergänge unternehmen", murmelte er unerfreut.

„Ein Vulkanier? Von Deneva?" Georges Stimme war voller Unglauben.

„Deswegen haben die Romulaner die Kolonie überfallen. Sie dachten, mein Erster Offizier sei der, den sie suchen und haben die Kolonie angegriffen, um uns aus dem Carbonnebel zu locken. Kurz bevor ihr euch in diesem… Ding ins Weltall gepustet habt, ist er entkommen. Wir konnten ihn an Bord beamen."

George versuchte den Sinn hinter diesen ganzen Tatsachen zu verstehen, die ganzen Ereignisse zusammenzusetzen. Aber es gelang ihm nicht.

„Ein Vulkanier?", brachte er nur noch einmal heraus.

„Wie hast du es geschafft, Pille in dieses Ding rein zu kriegen?", fragte Jim ungläubig, als er einen letzten Blick auf die Sonde warf.

„Ich hab ihm eine rein gehauen, als ich gemerkt hab, dass er ausflippt und als er wieder zu sich kam, waren wir quasi schon im Orbit. War nicht lustig mit ihm in der Sonde, nur durch drei Zentimeter Metall vom Vakuum getrennt."

Jim sah seinen Bruder mit einer Mischung aus Unglaube und Wut an. Wie dumm musste jemand sein, so etwas Hirnverbranntes zu tun. Oder wie bedroht? Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, Sams Taten zu bewerten. Wenn er an Pilles panische Stimme dachte, als die Romulaner in die Station eingedrungen waren, hätte die Alternative wohl etwas viel Schlimmeres bedeuten können.

„Kannst du laufen?", fragte Jim etwas unterkühlt, seine Gedanken schienen schon einen Schritt weiter voran zu sein.

„Ja."

„Ich muss einen Vulkanier einfangen", er wartete gar nicht auf eine Antwort, sondern lief schon aus dem Hangar.

George nahm die Beine in die Hand und rannte seinem Bruder hinterher. Als er ihn von hinten so zielstrebig durch die Gänge eilen sah, bekam er Gänsehaut. Das war nicht der kleine Jimmy, den er einmal gekannt hatte. Wann war Jims Rücken so breit und muskulös geworden? Wann hatte er diesen festen Schritt entwickelt? Als er seinen Bruder einholte, sprach dieser schon wieder über einen Kommunikator mit diesem Chekov und ließ sich die Richtung vorgeben in die er zu gehen hatte.

In seinem Gesicht stand harte Entschlossenheit. Als er das Gerät zuklappte, blieb er an einer Abdeckplatte stehen. Er öffnete sie durch einen Code und nahm einen Phaser aus dem sich darbietenden Fach.

„Hier, falls wir Waffen brauchen", meinte er und drückte ihm den Phaser in die Hand. „Der Vulkanier versucht zur Shuttlerampe zu kommen, sieht aus, als wolle er fliehen."

George brachte einen Moment keinen Ton heraus, als er die Waffe entgegen nahm.

„Ist auf deinem Schiff immer solch ein Trubel? Flüchtende Vulkanier, angreifende Romulaner, eingeklemmte Offiziere…"

„Nein", und Jim warf ihm eines der typischen Kirk-Grinsen zu, selbstbewusst, charmant und unantastbar. „Nur wenn ich meinem Bruder den Arsch rette."

Sie betraten den Turbolift und erreichten das Deck der Shuttlerampe ziemlich schnell.

„Sir, der Vulkanier ist bewaffnet!", meldete Chekov ihm. „Seien Sie vorsichtig, er ist sehr gefährlich!"

„Verstanden. Öffnen Sie auf keinen Fall die Rampe, Pavel."

„Aye!"

Vor dem Zugang fanden sie fünf Sicherheitsleute, alle bewusstlos. Jim schluckte, als er sich an den Nervengriff erinnerte, den er nur einmal zu spüren bekommen hatte.

„Dieser Mistkerl, was glaubt der eigentlich, was er da tut?", fluchte er und wandte sich noch einmal an den Taktischen Offizier. „Wo sind die Sicherheitsleute? Etwas Verstärkung wäre nicht schlecht, Pavel."

„Sind auf dem Weg, Sir."

Kirk öffnete die Tür und spähte in den Raum. In unmittelbarer Umgebung war niemand zu sehen. Leise schlichen die beiden Brüder in den riesigen Raum und sahen sich um. Sie hörten jemanden laut herum hantieren, das Geräusch kam von einem der Shuttles.

Langsam schlichen Jim und George um das Shuttle herum, plötzlich war Jim ganz froh, dass sein Bruder mit ihm gekommen war.

Doch selbst das konnte ihn nicht gegen den Anblick wappnen, der sich ihm darbot. Er fand den Vulkanier und war einen Moment völlig verblüfft. Die Silhouette, der Körperbau… nur die Kleidung passte nicht. Spock trug seine Uniform. Und auch wenn dieser dunkle Overall etwas weiter war, so ähnelte er denen, welche sein Erster Offizier bevorzugte.

„Spock?", fragte Jim überrascht, aber als sich der Vulkanier vor ihm umdrehte, verlor er beinahe den Halt auf den Beinen.

Hatte er einst die Ähnlichkeit zwischen Spock und Sarek kaum fassen können, so stand hier eine weitere, noch ähnlichere Kopie des Botschafters vor ihm. Und doch war sie Spock so unähnlich, wie man es sich nur vorstellen konnte. Die Konturen passten genau, die Gesichtsform, das schmale Kinn. Aber plötzlich fand Jim Spocks Augen ungeheuer menschlich, seine Züge ungemein weich. Das Abbild vor ihm hatte die schwarzen harten Augen des Botschafters und die kantigen, eisernen Gesichtszüge, die allen Vulkaniern so eigen waren.

Jim blieb beinahe die Luft weg, als der Kerl vor ihm ein selbstsicheres Lächeln aufsetzte und es ihm wie ein Messer entgegen warf. Ein Paradoxon an sich… ein lächelnder Vulkanier. Nicht einmal Spock als Hybride lächelte.

„Sie befinden sich im Irrtum, Captain. Ich bin keineswegs Spock." Die Stimme des Mannes war hochmütig und er schien keine Angst vor den Waffen der Brüder zu haben. „An Ihrer Stelle wäre ich nicht so voreilig mit dem Phaser."

Seine Augen wanderten zur Seite. Jim folgte seinem Blick und fand einen seiner Leute auf dem Boden kniend vor. Der Mann war vom Sicherheitsteam, so viel wusste er. Lambert, wenn er sich recht erinnerte.

„Lieutenant, was tun Sie da?", mahnte Jim den Mann, der sich selbst einen Phaser ans Kinn hielt.

„Sir, Sie verstehen das nicht", Lambert war absolut ruhig und gefasst, „Ich bitte Sie, lassen Sie den Vulkanier gehen. Er ist nicht gefährlich!"

„Lassen Sie die Waffe fallen, Lambert, das ist ein Befehl!", forderte Jim ihn auf.

George wusste absolut nicht was los war, er konnte nur hoffen, dass Jim mehr Ahnung hatte. Aber so wie es aussah, lief hier einiges ganz schön aus dem Ruder. Der Lieutenant gehorchte dem direkten Befehl nicht.

„Sie verstehen das nicht, Captain! Lassen Sie ihn in Ruhe!", rief er.

„Was haben Sie mit ihm gemacht", fragte Jim den Vulkanier mit Grabesstimme.

Der Vulkanier zuckte nur mit den Schultern.

„Es ist seine eigene Entscheidung. Er ist frei. Das erste Mal in seinem ganzen Leben. Frei von allem, kein Sklave seiner selbst."

„Reden Sie keinen Scheiß!", schrie Kirk. „Beenden Sie das!"

„Sir, er hat Recht, das ist meine eigene Entscheidung. Lassen Sie den Mann gehen, oder ich erschieße mich selbst."

„Lambert, weg mit der Waffe!", schrie der Captain ihn an.

„Lassen Sie ihn, Captain…"

„Verdammt!" Er konnte doch nicht einfach zulassen, dass der Mann sich selbst in einem Anflug von Wahnsinn erschoss.

Genauso wenig konnte er den Vulkanier gehen lassen. Und als er die Tür hinter sich aufgehen hörte, wusste er nicht, ob er froh sein sollte, dass endlich Verstärkung da war. Ohne sich umzublicken, streckte er abwehrend die Hand zu den Neuankömmlingen aus, ihnen bedeutend, stehen zu bleiben.

„Sybok!", hörte er Spocks nüchterne Stimme und Jim drehte sich zu seinem Ersten Offizier um.

Der Halbvulkanier stand dort, der linke Ärmel seiner Uniform abgerissen. Er starrte den Vulkanier am Shuttle an. Nicht deutbar.

Aber diese groteske Spiegelung des Wissenschaftsoffiziers schien den Fremden nur noch mehr zu belustigen.

„Sieh mal einer an. Spock…"

„Sie kennen den Kerl?", fragte Jim.

Sein Erster Offizier trat neben ihn und der Lieutenant gelangte in sein Blickfeld. Jim versuchte etwas aus dem Gesicht seines Offiziers heraus zu lesen. Vergeblich.

„Sybok ist mein Bruder", erklärte Spock ungerührt, doch konzentriert und Jims Gehirn setzte einen Moment aus, als er versuchte, diese Information aufzunehmen.

„Was?", fragte er ungläubig.

„Halbbruder", berichtigte der Vulkanier, der ihm gerade als Sybok vorgestellt worden war. „Sarek ist auch mein Vater, aber ich stamme aus seiner ersten Ehe."

Jim suchte einen Moment nach Worten, versuchte öfter einen Ansatz zum Sprechen zu machen, der fehlschlug.

„Was?", brachte er lediglich noch einmal hervor. „Sie haben nie erwähnt, dass Sie einen Bruder haben, Spock."

„Oh, das erzählt niemand aus unserer Familie gern, nicht wahr?", lachte Sybok. „Ein schwarzes Schaf in der Familie war Vater eigentlich immer genug. Das andere… nun ja. Wurde einfach irgendwann tot geschwiegen. Wie du siehst, Spock, das schafft mich jedoch nicht aus der Welt."

„Wegen dir wurde eine Kolonie angegriffen und völlig vernichtet, Sybok. Ich muss dich bitten, den Lieutenant freizugeben und dich in unser Gewahrsam zu begeben, so dass wir dich der Gerichtsbarkeit der Sternenflotte unterstellen können", redete Spock auf seinen so genannten Bruder ein.

Dieser krümmte sich fast vor Lachen.

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist, Spock? Was glaubst du eigentlich, was ich bin? Ein Kidnapper? Es steht dem Lieutenant jederzeit frei, die Waffe herunter zu nehmen und sich in Sicherheit zu bringen. Ich fürchte nur, er ist nicht daran interessiert."

Spock und Jim tauschten Blicke aus. Als Spock den Fremden neben dem Captain bemerkte, zeugte nur seine wiederholte Musterung Georges von seiner Irritation.

„Ähm…", räusperte Jim sich. „Das ist mein Bruder."

Spock zog eine Braue hoch.

„Ich fürchte, Sybok hat den Lieutenant manipuliert. Der Mann wird die Waffe nicht weglegen. Er ist der Meinung, dass er uns aufhalten muss", überging Spock weitere Fragen.

„Was wollen Sie… Sy… Sybok", fragte Jim düster.

Der Vulkanier legte den Kopf schief, als hätte er plötzlich eine ausgezeichnete Idee und Jim spürte den Knoten in seinem Magen.

„Ich will an Bord bleiben, so lange bis wir den Romulanern entkommen sind", verlangte er.

„Wir haben nicht vor, Sie auszuliefern", gestand Kirk.

„Wenn wir ihnen entkommen sind, will ich von Bord gehen. Bei Koordinaten, die ich bestimme. Ich will ein Shuttle…"

„Das lässt sich sicher…"

Aber Jim wurde unterbrochen.

„… und ich will, dass Spock mit mir kommt", endete Sybok mit seiner Forderung.