Hogwarts war im Winter schon immer wunderschön gewesen.

Nunja, dachte Severus, Hogwarts war immer schön, egal in welcher Jahreszeit. Aber der frische Schnee hatte etwas Unverfälschtes ansich. Etwas Reines. So als ob die glänzende weiße Oberfläche einen von allen Verfehlungen frei sprach, einem die Möglichkeit gab, neu anzufangen. Oder so etwas in der Art, schalt Severus sich selbst, für seine Sentimentalität. Gerade das was er jetzt an einem Tag wie diesem brauchte.

Es war Weihnachten. Nicht, dass er je an an dieser Feierlichkeit wirklich teilgenommen hatte. Um ehrlich zu sein hatte er, nach dem seine Mutter gestorben war, nie wirklich an irgendeiner Feierlichkeit anteilgenommen. Geburtstage und Feiertage kamen und gingen, ohne je irgendeinen Wechsel in das eintönige Lebens seines Vaters und sich selbst zu bringen.

Er hatte so getan, als würde ihm dies nichts ausmachen, dass er dies sowieso nicht feiern wöllte, aber tief in ihm drin, vermisste er genau dies. Er versuchte sich daran zu erinnern, wann in seinem Haus das letzte Mal ein Weihnachtsbaum gestanden oder Dekoration gehangen hatte - er konnte sich nicht erinnern. Er schüttelte die düsteren Gedanken der Vergangenheit ab und wandte seine Aufmerksamkeit der momentanen Situation zu. Er hatte sich dafür entschieden die Feiertage in Hogwarts zu verbringen; das Weihnachtsessen war vorzüglich und das Schloss würde bedingt durch die Ferien von Schülern befreit sein.

Severus konnte nicht glauben, dass diese Trottel wirklich wahr waren; es war ein wahrer Kampf seinen Klassenraum vor explodierenden und schmelzenden Kesseln zu bewahren. Oh Merlin, die geschmolzenen Kessel... Wie zum Geier schafften es Schüler 14 Kessel innerhalb eines Halbjahres zu schmelzen? Abgesehen davon, dass die geschmolzenen Kessel ansonsten 13 an der Zahl gewesen wären, aber Sybill Trelawneys Geschwafel von Pech und dieser Nummer - warum, oh warm nur hatte er die Anzahl der Kessel während des Mittagessens erwähnt?- hatte ihn dazu verleitet den letzten Kessel eigenhändig zu zerstören, als sie ihn eines Tages im Kerker aufgesucht hatte. Das hatte die Wahrsagelehrerin verstummen lassen.

Und da er gerade über Besuch nachdachte, brachte ihn das zurück zum eigentlichen Problem: die Potters, waren über Weihnachten nach Hogwarts eingeladen worden. Warum? Das wusste nur Dumbledore. Und selbst dann, wenn man darüber nachdachte, selbst dann war es schwierig zu erkennen ob Dumbledores Pläne tatsächlich langer Hand geplant waren, oder ob es sich um Geistesblitze handelte. Nicht das er nicht dazu in der Lage wäre vorauszuplanen. Severus wusste sehr genau, dass Dumbledore schneller Pläne schmiedete als er Zitronendrops verspeiste, und für jene die das nicht wussten war es doch recht schnell.

Vielleicht war auch das alles nur ein Test Dumbledores um zu sehen, ob Severus unter großem Druck zerbrach? Machte Sinn. Warum sonst hatte er die Potters, die Flohtüte und den Werwolf eingeladen? Und auch wenn der Werwolf nicht allzu übel war, der Köter war ebenso unmöglich wie James Potter. Außerdem war da ja noch Lily...Severus wollte da nicht hin. Wenn er an James und Lily dachte wurde ihm speiübel. Wenn er an James und Lily während der Feiertage dachte, an die Küsse unter Mistelzweigen welche er bereits in seinem letzte Schuljahr hatte sehen müssen, war er bereits aus dem höchsten Fenster Hogwarts zu springen. Etwas, dass er tun würde, wenn er nicht hätte fliegen können. Verdammt.

Und jetzt hätte er, zu diesem seligen Familienbild, auch noch zwei Jungen die es komplettieren würden. Der berühmte und gefeierte Adrian, der Junge-der-lebt, und Harry. Die Erinnerung an große, traurige grüne Augen und sein Name, gerufen in einem bittenden Ton, drang an die Oberfläche. Er hatte oft an Harry gedacht. Der Junge hatte sich nicht vor ihm gefürchtet, sowie es Schüler der siebten Jahrgangsstufe taten - und ehrlich, wie traurig war das denn, wenn man betrachtete das Severus nur vier oder fünf Jahre älter war? Harry hatte es geschafft, dass er etwas anderes fühlte, als Hass und Schmerz, etwas das das letzte Mal vor dem Krieg passiert war. Und er hatte ihm das Gefühl gegeben zu einer Familie zu gehören, etwas das ...noch nie passiert war.

Severus wusste, dass diese Gedanken nutzlos waren, da der Junge gerade mal zwei Jahre alt gewesen war als er ihn zuletzt gesehen hatte und das war vor eine halben Jahr gewesen. Sechs Monate waren ein fünftel Harrys bisherigen Lebens; Severus glaubte kaum, dass Harry sich an ihn erinnern würde. Und eigentlich war es auch nicht wichtig, sein Herz zog sich zusammen, er hatte Schlimmeres erlebt.

Und es war dieser Besuch, der Severus dazu zwang in seinem Kerker zu sitzen. Die Familie war im Vormittag angekommen und hatte gerade das Mittagessen beendet. Severus, der sowieso nicht viel aß, hatte beschlossen das Mittagessen ausfallen zu lassen und stattdessen zu lesen. Harry würde sicherlich, wenn er älter wurde, lesen ebenfalls mögen. Der unerwartete und zufällige Gedanke ließ ihn genervt seufzen. Er ließ seinen Kopf auf den Tisch hinter sich sinken. Wo war dieser Gedanke denn hergekommen?

Er wusste, dass er Dumbledore versprochen hatte, zumindest zu einem Mahl in der Großen Halle zu erscheinen, aber er konnte es einfach nicht. Und er sollte auch nicht dazu gezwungen werden! Warum sollte Albus ihm vorschreiben was er zu tun und zu lassen hatte? Immerhin war der Krieg vorbei und er war kein Spion mehr!Von diesen Gedanken beflügelt stand er auf, um Dumbledore mitzuteilen, dass er heute auswärts essen würde.

Er verließ sein Büro mit wehender Robe und erklomm die Stufen, sichergehend, dass er keinem Besucher über den Weg lief. Er kam 10 Minuten später im Büro des Schulleiters an und sprach kurz durch, was er dem Anderen sagen würde; er würde sich nicht länger wie einen Schüler herumkommandieren lassen. Er war ein Lehrer und sein eigner Herr und ALbus täte gut daran sich daran zu erinnern. Zufrieden mit seinem Plan, wandte er sich zu dem Gargoyle welcher den Eingang zu dem Büro bewachte.

„Gummischnecken." sagte er mit kräftiger Stimme, innerlich aufgrund des Süßigkeitengeschmacks seines Vorgesetzten zusammenzuckend. Gummischnecken? Widerlich. Er marschierte die Stufen hinauf und geradewegs zur Bürotür, an welche er anklopfte.

„Herein." ertönte die Stimme des alten Zauberers und Severus, ohne langes Federlesen öffnete die Tür. Seinen Blick auf Albus gerichtet, trat er nach vorn und grüßte.

„Schulleiter." sagte er knapp.

„Severus, mein Junge! Wir haben sie während des Essens vermisst." die Augen des Schulleiters funkelten vergnügt.

„Und ihr werdet mich auch während des Abendessens vermissen. Hören Sie Albus, Sie müssen verstehen..."

„Sev!" Die Stimme eines Kindes unterbrach seine Rede und überraschte den Zaubertränkelehrer über alle Maßen.

„Wie ich bereits sagte," sagte Dumbledore mit belustigt zitterndem Schnurrbart, als er Severus' Gesichtsausdruck wahrnahm, „wir haben sie beim Essen vermisst." Der in Schwarz gekleidete Zauberer wandte sich zur Ursache der Kinderstimme und fand einen aufgeregten Harry auf einem violetten Sofa sitzend; die Augen weit geöffnet und darauf wartend erneut hochgehoben zu werden.

Severus wollte lächeln, und vermutlich tat er dies auch in diesem Moment.
„Kommen sie schon Severus, lassen sie das arme Kind nicht warten!" drängte Albus und Severus gehorchte. Er trat näher an Harry heran und hob ihn hoch.

„Hallo." sagte Harry wieder, seine Stimme durch Severus Schulter gedämpft.

„Hallo Harry." antwortete der Zaubertränkemeister und lächelte ein wahres Lächeln.

„Sie kamen genau richtig Severus." befand Albus und stand auf. „Minerva zeigt James und Lily die Räume, welche für Adrians Training - sobald dieser sieben Jahre alt wird- gerade vorbereitet werden und ich wollte gerade dorthin. Ich würde ja einen Hauself beauftragen, sich um Harry zu kümmern, aber ihr Beide scheint doch gut miteinander auszukommen." Dumbledores Augen glitzerten. „Es würde ihnen doch nichts ausmachen auf ihn für ein oder zwei Stunden aufzupassen, oder?"

„Ich... hm, nein, das ist in Ordnung." nuschelte Severus und der Schulleiter nickte.

„Wunderbar. Ich werde in 2 Stunden vorbei kommen und ihn in ihrem Büro abholen. Bis dahin meine Herren!" meinte er, einen überraschten Meister der Zaubertränke und einen glücklichen zweieinhalb jährigen Jungen zurücklassend. Als er die Treppen hinab stieg um den Rest der Familie Potter zu treffen, glitzerten seine Augen schalkhaft, da Severus ihm gerade den Gang in die Kerker erspart hatte. Sein Plan, Harry in Severus Obhut zu lassen, hatte von vornherein festgestanden, aber das musste Severus ja nicht unbedingt wissen.

„Jetzt sind es nur noch wir zwei, Harry." sagte Severus und sah Harry an. „Würdest du dich gern ein wenig umsehen?" Harrys Lachen als „ja" interpretierend, verließ er das Büro mit dem Kind auf dem Arm. „Das war das Büro des Schulleiters." Sagte er als auch er die Treppen hinabstieg. „Sein Name ist Albus Dumbledore. Er ist merkwürdig." Harry lachte wieder. Severus, mit dem Jungen auf dem Arm, bewegte sich durch mehrere Flure und Stockwerke. Harry war vollkommen begeistert von dem Schloss, oder zumindest schien es so, da er nie aufhörte zu lächeln, zu kichern oder seine Umgebung mit Bewunderung zu betrachten.

„Guten Tag Professor Snape." grüßte ihn eines der ansässigen Gespenster. „Und auch dir einen guten Tag Kleiner. Albus hat ihn in ihrer Obhut gelassen, wie ich sehe? Na dann, immer weiter!" und damit verschwand er durch eine Wand. Severus schüttelte den Kopf. Geister.

„Das war der Mönch, der Geist Hufflepuffs. Die Schule ist voller Gespenster."

„'spenster!" stimmte Harry zu und brachte Severus zum grinsen.
„Richtig Harry, die Schule ist voller Gespenster und Portraits - die sind überall." Und, um diese Aussage zu bestätigen, bewegte er sich in Richtung der großen Treppe. „Das hier, ist das Treppenhaus. Es erlaubt uns jedes Stockwerk des Schlosses zu erreichen. Und da," sagte er, auf die Wände deutend. „alle Wände sind voller Bilder." Harry nickte und sie begannen den Abstieg in die Kerker.

Severus konnte es kaum glauben, wie leicht es doch war, mit dem Kind zu reden. Am Anfang hatte er diese Gefühle dem Fakt zugeschrieben, dass Zweijährige über niemanden urteilten. Doch dann lachte Harry, oder sah ihn mit diesen großen grünen Augen an und Severus realisierte immer mehr, dass er sich - merkwürdiger Weise- wohl dabei fühlte mit Harry zu reden. Nicht mit James Potters Sohn, sondern einfach nur mit Harry.

„Das hier sind die Kerker, Harry. Ich arbeite meistens hier. Mein Klassenzimmer befindet sich ebenfalls hier. Ich unterrichte nämlich Zaubertränke." erklärte Severus dem Jüngeren.

„Zaubertränke?" fragte Harry, offensichtlich verwirrt.

„Genau, Harry, Zaubertränke." meinte Severus lächelnd. „Auf geht's, ich zeig es dir." Und er betrat sein Büro. Er näherte sich seinem Schreibtisch, auf welchem er das Skele-Wachs welches er für Madam Pomfrey gebraut hatte.

„Das ist ein Zaubertrank." sagte er und deutete auf die Phiole. „Ich habe den für Madam Pomfrey gebraut. Sie ist unsere Medi-Hexe." Harry starrte eine Weile auf die Phiole und sah sich dann begeistert um. Sein Blick blieb an einem Portrait an Severus Wand hängen. Es war das einzige in diesem Raum, welches interessanterweise leer war.

„Powtwait." sagte er und deutete seinerseits auf das blaue Canvas, welches eingerahmt an der Wand hing.

„Richtig Harry." sagte Severus und sah zu dem Portrait. „Weißt du warum ich dieses Portrait ausgewählt habe?" fragte er Harry, der ihn mit großen Augen ansah. „Es befand sich auf dem Dachboden im Hause meiner Mutter. Ich habe es vor wenigen Monaten geerbt, weißt du? Ich war auf dem Dachboden und sah durch all das was ihr gehörte und mein Blick fiel auf dieses Portrait. Es ist offensichtlich, dass es ein verzaubertes Portrait ist. Die Sache ist nur die, keiner weiß wessen Portrait es ist. Ich habe sogar Dumbledore gefragt, aber auch er konnte die Person, die das Bild bewohnt herbeirufen. Das Bild ist ein absolutes Rätsel. Es ist leer, obgleich eine Person da sein sollte." Er sah auf Harry und lächelte ein wenig traurig. „Es erinnerte mich an mich selbst, deshalb behielt ich es." Harry gähnte.

„Müde..." meinte er, seine Augen auf Halbmast. Severus gluckste.

„Das sehe ich." Er nahm vorsichtig auf der Couch Platz und arrangierte Harry so in seinen Armen, dass dieser bequem lag. „Weißt du Harry, ich habe keine Ahnung warum ich dir das jetzt alles erzählt habe." Harrys verwirrter Blick unter langen Wimpern fand seinen. „Es ist nicht gerade so, dass du das verstehst, deshalb kann ich gar nicht verstehen warum ich mich gerade bemühe..." sagte er lächelnd. Harrys Kopf rutschte zur Seite auf Severus' Schulter, als der Jüngere einschlief. „Nacht Sev." nuschelte er bevor er wirklich tief einschlief. Der junge Professor lächelte.

„Vielleicht ist es genau deswegen.." meinte er und betrachtete den Jungen als dieser schlief. „Weißt du etwas über die verschiedenen Häuser in Hogwarts?" fragte er den Schlafenden sanft. „Na, möglicherweise nicht. Es gibt vier Häuser..." und er sprach weiter mit dem schlummernden Kind. Die Minuten zerrannen in Sunden und Harry glitt tiefer in Morpheus Arme - eingelullt in Wärme und die tiefe Stimme Severus'. Und als er so da saß, vollkommen eingenommen von dem schlafenden Kind, bemerkte er das Mitternachtsblaue Augenpaar, welches die Beiden aus einem normalerweise leeren Bild heraus betrachtete, nicht. Er bemerkte auch das Lächeln auf dem Gesicht der rätselhaften Person, die sich endlich zeigte, nicht. Als Albus Dumbledore an seine Tür klopfte um Harry wie versprochen abzuholen, sah er wieder auf, doch die Person auf dem Bild war verschwunden.

Und als sich der Meister der Zaubertränke wunderte, wann er den Jungen wiedersehen würde, sich nicht erlaubend auf einen Tag in der nahen Zukunft zu hoffen, konnte er die Person nicht hören, die seine unausgesprochene Frage beantwortete.

„Bald, Severus, bald."