Zwei Tage später wurde ich früh und unangenehm geweckt. Meine linke Wange
pulsierte vor Schmerz. Vorsichtig bewegte ich meine Zunge entlang der
Zahnreihe. Als die Spitze nur leicht den vorletzten Backenzahn berührte, keuchte ich vor Schmerz auf. Großer Fehler – der Schmerz schien gar nicht
aufzuhören.

Ich brachte meinen Körper in die Vertikale, aber der Schmerz ließ
nicht nach. Dumpf nagte es an meinen Wurzeln und ich versuchte meine Zunge
still zu halten (was gar nicht so leicht war). Ich stand auf und begab mich
ins Bad. Vor dem kleinen Spiegel prüfte ich mein Gesicht: die linke Wange
war stark angeschwollen. Wunderbar, so muss jeder Tag beginnen.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch zwei Stunden tapfer durchstehen musste, bis Heribert Fleischer, der nächste Dentist, seine Praxis öffnete. Nichts desto trotz wusch ich mich, zog mich an und versuchte die Zeit mit Arbeit rumzukriegen. Gegen die Schmerzen musste erst mal eine Kühlkompresse helfen, die ich mit einem um den Kopf gebundenen Taschentuch fixierte. Sie half insofern, sodass ich nicht ganz, sondern nur halb wahnsinnig wurde vor Schmerzen.

Fleischer machte um 8 Uhr auf. Viertel vor acht verließ ich das Haus. Ich
wollte logischer Weise als Erste da sein, damit sich (aus meiner akuten Sicht
der Lage) keine Simulanten vordrängeln konnten. Ich schloss schnell hinter
mir ab, drehte mich um und rempelte fast eine graue Uniform um. Dieser Tag
wurde wirklich immer besser.

„So ein Zufall, ich wollte gerade zu Ihnen", hörte ich schon diesen breit gezogenen Dialekt.

Schmerz lässt einen Menschen viele Sachen ausblenden, wie zum Beispiel
Respekt, gute Manieren oder ganz simpel den Verstand und so antwortete ich:
„Erstens: Ich bin gerade auf dem Weg zum Zahnarzt, Zweitens: Mein Geschäft
macht erst in einer Stunde auf und Drittens…"

„Ts ts ts", mit einer hochgezogenen Augenbraue und Kopfschütteln unterbrach er mich. „Sie werden dann doch bestimmt nichts dagegen haben, wenn ich Sie zum
Zahnarzt begleite. Zahnarztpraxen sind immer so beklemmend, da wünscht man
sich doch gerne etwas Beistand, oder?" Seine Stimme troff vor Sarkasmus.

Nun hatte ich die Wahl: Zahnschmerzen und diesem Standartenführer Landa
ausgeliefert sein, oder Landa ausgeliefert sein, aber bald diese mörderischen Zahnschmerzen loszuwerden. Ich entschied mich für das Letztere und lud ihn mit einer knappen Kopfbewegung ein, mitzukommen.

Die Praxis von Heribert Fleischer war nur fünf Minuten Fußweg entfernt, aber
wir schafften die Strecke in bestimmt nur der Hälfte der Zeit. Heriberts Frau war zugleich seine Sprechstundenhilfe und sperrte gerade die Tür auf, als wir das Gartentor zum Grundstück durchschritten. Noch bevor ich überhaupt daran
dachte, den Mund aufzumachen und mein Problem zu schildern, begrüßte Landa
Frau Fleischer: „Einen wunderschönen guten Morgen, wir wollen ja nicht
drängen, aber diese junge Dame leidet unter furchtbaren Schmerzen und bittet um dringende Behandlung."

Und da konnte ich mal erleben, was die Uniform eines hohen SS-Beamten bewirken konnte: ich wurde direkt ins Behandlungszimmer geführt. Dann erst begann Frau Fleischer mit ihrer üblichen Routine. Ich nahm auf dem Behandlungsstuhl Platz und hatte nur noch einen Gedanken: bald würde dieser schreckliche Schmerz vorbei sein. Ich schloss die Augen, atmete tief durch und öffnete sie wieder.

Da wurde ich gewahr, dass dieser Landa mit ins Behandlungszimmer gekommen war. „Oh nein, Sie warten im Wartezimmer…", dachte ich laut. „Ts ts ts", machte er wieder nur und schenkte mir einen merkwürdigen Blick. „Ich kann Sie doch in einer so schweren Stunde nicht alleine lassen. Sie können sich gleich revanchieren, wenn alles durchstanden ist."

Endlich betrat Fleischer das Zimmer, begrüßte mich freundlich und den
Oberst respektvoll und brachte den Stuhl in eine annähernd waagerechte
Position. Mit dem kleine Spiegel suchte er in meinem Mund nach dem Übeltäter,
fand ihn und kommentierte lediglich: „Na, der muss wohl raus."

Dann setzte er mir die Maske auf, öffnete das Ventil der Lachgasflasche und
schaute auf seine Uhr. „Bis gleich" sprach er und verschwand aus dem Zimmer.
Das Lachgas war ein Segen, der Schmerz nahm ab und ich versuchte meine Gedanken zu sammeln. Landa war immer noch da. Er stand hinter mir an einen Schrank gelehnt, soweit ich das in dieser Lage einschätzen konnte. Ich glaubte es nicht! Das war eine Verletzung meiner Intimsphäre! Aber wie sollte ich das diesem hartnäckigen Kerl klar machen …. Ich versuchte es mit Diplomatie:

„Vielen Dank, dass Sie mich begleitet haben und dass ich dank ihrer tollen
Uniform...hihi…schneller drangekommen bin …hihihi…Können Sie nicht nach
draußen gehen?" Ich kicherte benebelt vor mich hin, das Lachgas entfaltete seine ganze Wirkung. Plötzlich war Fleischer wieder da und sagte etwas von „…gaaanz weit aufmachen."

Er nahm eine Zange vom Tisch, drehte sich Richtung Tür und wollte etwas sagen, da hörte ich schon Landa hinter mir schnarren: „Ich assistiere, kein Problem."

Heute war wirklich nicht mein Tag.

Behandschuhte Finger legten sich an meine Wangen und Schläfen, tasteten und fanden meine Schädelbasis. Die Daumen streichen meine Stirn und der Geruch von Leder stieg mir in die Nase. Mir schien es, als dauerte dieser Moment eine Ewigkeit und ein Gefühl der Beklommenheit legte sich um mein Herz.

Als wollten diese Finger und der dazugehörige Mensch in meinen Kopf eindringen, um meine geheimsten Gedanken erfahren. Eine gruselige Intimität.

Dann legten sich mit festem Druck die Handteller an meine Schläfen. Mein Kopf steckte in einer menschlichen Schraubzwinge.

Ich schaute geradeaus nach oben. Im unteren Blickfeld agierte Fleischer mit einer gebogenen Zange. Dann ein blendendes Licht und darüber ein auf dem Kopf stehender Totenschädel und Landas Gesicht mit einem fast genüsslichen Ausdruck. Ein unappetitliches Geräusch und eine schwer zu beschreibende Hebelbewegung später war mein Backenzahn gezogen und mein Kopf befreit.

„Ausspucken, bitte."

Auf dem Rückweg hatte ich den Geschmack von Blut und dicke Wattebäusche im Mund. Ich ging langsam und erleichtert, während Landa an meiner Seite klebte und das Wort ergriff: „Ich habe bei meinem letzten Besuch leider vergessen, das ein oder andere zu fragen… Sie erinnern sich bestimmt noch – es ging um Emilie Goldstein, Ihre ehemalige Angestellte?"

Seine grauen und berechnenden Augen suchten meine. Unfähig, viel zu reden, nickte ich nur. Vor meinem Haus warteten schon zwei SS-Männer und rauchten, als wir uns näherten. Hektisch warfen sie Ihre Kippen weg und salutierten, während Landa beiläufig zurückgrüßte.

Ich schloss die Türe auf. In meinem Mund hatte sich der Wattebausch mit dem Blut voll gesogen und sich in eine zähe, metallisch schmeckende Masse verwandelt. Vom dem Geschmack wurde mir schlecht, ich spürte einen Brechreiz in mir hochsteigen. Im Geschäft schaute ich auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde bis zur Öffnungszeit. Rasch ich schloss hinter dem Oberst wieder ab. Seine Untergebenen durften wieder nicht mit rein und mussten in der Kälte warten. Was war das für ein Spiel? Welche Fragen hatte er?

Mit einem Fingerzeig deutete ich an, dass er sich einem Moment gedulden sollte und stürmte in den Flur, wo sich die Toilette befand. Ich spuckte den Blut-Watte-Brei aus.

Im Laden fand ich Landa vor dem Regal mit klassischer Literatur. Elegant drehte er sich auf dem Absatz um und setzte sogleich sein entwaffnendes Lächeln auf. „Guten Morgen erst mal, Fräulein Grossmann. In der Situation vorhin war ja kein Platz für solche Formalitäten – wie sagt man so schön:

erst das Fressen, dann die Moral?"

„So könnte man wirklich sagen, ebenfalls einen guten Morgen, Herr Standartenführer. Ist doch so richtig? Weswegen beehren Sie mich mit Ihrem frühen Besuch?"

An Stelle einer Antwort hielt er mir die rechte Hand mit einem Taschentuch hin, während er sich mit der linken auf den Mund tippte. Ich leckte unwillkürlich über meine Lippen. Blut. Ich musste schlimm aussehen.

Schnell ergriff ich das Taschentuch und tupfte meinen Mund ab.

„So sehen Sie doch viel hübscher aus." Er nahm sein Tuch entgegen und betrachtete eingehend den Blutfleck. „Aber um zum Grund meines Besuchs zu kommen: haben Sie ein Foto von Emilie Goldstein? So lange, wie sie ja in Ihrem Hause angestellt war, wird doch bestimmt mehr zurückgeblieben sein als ein Kündigungsschreiben." Jetzt erst steckte er das Tuch weg.

„Ähm ja, habe ich, kommen Sie."

Ich führte ihn wieder in mein – immer noch - chaotisches Büro. Lediglich der Sekretär war aufgeräumt. Diesmal nahm er nicht Platz, sondern legte nur sorgfältig seinen Mantel und die Mütze ab. „Dann zeigen Sie mir doch mal ihr Fotoalbum …", begann er im Plauderton und zupfte sich die Handschuhe von den Händen.

Ich spielte das Spiel mit: „Da muss Ich Sie enttäuschen, es gibt kein Album - nur ein Foto dort drüben." Ich ging zur Kopfwand und stellte mich zu dem besagten Bild. Er gesellte sich dazu und erwartete wohl eine Erläuterung.

Das Bild war eine ältere Fotografie. Sie zeigte meine Eltern vor dem Geschäft. Zu ihrer linken waren Berta und Wilhelm. Zu ihrer rechten waren Emilie und ich zu sehen. Ich war damals etwa 16 Jahre alt und auffallend mir stieß die Ähnlichkeit zwischen Emilie und mir ins Auge.

Ich erläuterte dem Offizier die Personen und er starrte eine Weile mit wachsamen Augen auf das Foto. Mit einem Mal langte er an mir vorbei und nahm das Bild von der Wand.

„Seien Sie bitte vorsichtig, es ist … ein Familienerbstück", ermahnte ich ihn milde. Der Standartenführer drehte seinen Kopf zu mir und schaute mich mit leichtem Vorwurf an. Dann schenkte er mir ein schiefes, spitzbübisches Lächeln: „Wertes Fräulein, ich beabsichtige in keinster Weise das Bild zu beschädigen. Ich möchte es mir nur für eine Weile ausleihen; Sie haben doch bestimmt nichts dagegen einzuwenden. Schon gar nicht nach dem, was ich heute Morgen schon alles für Sie getan habe …"

So eine Unverschämtheit! Er redet mit mir als seien wir langjährige Freunde und als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass er einfach so meine Sachen nehmen könnte. Soll er doch an seinem reizenden Lächeln ersticken.

„Mit Verlaub Herr Oberst – dieses Bild möchte ich nur ungern hergeben." Ich griff danach und wollte es an mich nehmen. Zwecklos. Er hielt es felsenfest. Gewalt wollte ich auch nicht anwenden, des Bildes wegen und außerdem erschien es mir ziemlich unklug. Ich sah ihm fest in die Augen, um meinen Standpunkt zu unterstreichen. Er hielt mit Leichtigkeit meinem Blick stand und lächelte noch etwas breiter. Es machte ihm Spaß. Ich seufzte – den Spaß wollte ich ihm nicht gönnen.

„In 24 Stunden habe ich mein Bild zurück." Mit diesen Worten ließ ich das Bild los.

„Meinen allergrößten Dank, Fräulein Grossmann. Sie können sich auf mich verlassen. Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen würden – meine Pflicht ruft" Schon hatte er seinen Mantel umgeworfen und die Mütze wieder aufgesetzt. Das Bild und seine Handschuhe hielt er in der linken Hand während er mit der rechten mir die Tür zum Flur aufhielt.

Unten schloss ich ihm die Ladentür auf. Innerlich machte ich drei Kreuze als er durch die Ladentür nach draußen stolzierte. Im Umdrehen beugte er sich nochmals zu mir und meinte: „Ach, seien Sie doch bitte so freundlich und legen Sie mir die Ovid-Anthologie zurück." Mit einem Zwinkern verabschiedete er sich nun endgültig.