Kapitel 2 „Schulsprechtag"
Buffy betrachtete sich kritisch im integrierten Spiegel ihres Kleiderschrankes. Sie kam sich fremd und völlig overdressed vor. Sie schaute auf den weißen Hosenanzug, das dunkle Shirt und die hochhackigen Schuhe, die sie angezogen hatte. Ihre hochgesteckten Haare und die Ohrringe ihrer Mom, die sie früher schon so gern gehabt hatte, rundeten das Bild ab.
Seufzend wandte sie sich ab. Sie zupfte noch einmal an der Jacke und trat dann in das Wohnzimmer, welches Angel auch als Arbeitszimmer diente.
Der blickte auf und schaute seine Buffy sprachlos an. Die kam unbehaglich dreinblickend und zappelnd näher zu und blieb ein Stück von ihm entfernt stehen.
„Nun sag's schon! Ich sehe total lächerlich aus."
Angel stand auf und kam auf sie zu. Er hielt sie auf Armlänge von sich. Dann meinte er ernst: „Nein. Du siehst aus wie eine Lady."
Das brachte Buffy zum Lachen.
„Hast du nicht mal gesagt, dass du die so genannten Ladys früher nicht ausstehen konntest? Du hast sie, glaube ich, mit dummen Puten verglichen."
„Tja, diese Lady liebe ich. Du siehst toll aus und die Lehrer an der Hemery sind bestimmt auch hin und weg… vielleicht sollte ich doch besser mitkommen", überlegte er in einem Anfall überflüssiger Eifersucht.
Buffy war zwar noch nicht überzeugt, aber es würde so gehen müssen. Der Schulsprechtag an Dawns Schule, die gleichzeitig ihre ehemalige Schule war, stand schon seit geraumer Zeit an. Eigentlich waren alle Eltern hin gebeten worden, doch da Buffy die Verantwortung für ihre kleine Schwester trug, oblag es ihr dieser Pflicht nachzukommen.
Es war Dawns Abschlussjahr und der Direktor hatte darauf bestanden persönlich mit Buffy zu sprechen. Sie fragte sich, ob er sich wohl noch an sie erinnerte. Sie hatte bestimmt einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Schließlich fackelte nicht jeder ehemalige Schüler eine Turnhalle ab, auch wenn die voller Vampire gewesen war.
Buffy überlegte, um was es wohl gehen könnte. Dawns Noten waren doch eigentlich ganz gut und das trotz des ziemlich verrückten Auslandsjahres. Viel besser als meine damals, dachte Buffy bei sich.
Dann erinnerte sie sich an Angels Bemerkung.
„Das musst du wirklich nicht. Ich krieg' das schon hin und ich verspreche auch ganz brav zu sein: ich werde niemanden verprügeln und auch nichts anzünden", sagte sie scherzend.
Buffy verkürzte den Abstand zwischen ihnen auf wenige Millimeter, legte ihre Hände auf sein Gesicht und küsste ihn. Angel zog sie fester an sich und vertiefte den Kuss.
Buffy genoss das eine Weile, dann machte sie sich los. Sie ging auf Abstand und zog sich in Richtung Tür zurück. Auf dem Weg griff sie nach ihrer Tasche und den Autoschlüsseln.
Dann drehte sie sich noch mal zu ihm um. Angel stand noch immer mitten im Zimmer. Sein Blick hatte sie keine Sekunde losgelassen.
„Auch wenn ich viel lieber hier bleiben würde, wissen wir doch beide wie das enden würde und dann komme ich zu spät… na ja, noch später. Wenn ich allerdings zurück bin…" Buffy ließ den begonnenen Satz in der Luft hängen und erinnerte sich an ihren letzten gestohlenen Nachmittag, den sie im Bett verbracht hatten. Vielleicht ließ sich das ja heute wiederholen? Sie lächelte und warf ihm eine Kusshand zu. Dann war sie auch schon verschwunden.
Angel ließ die zärtliche Geste in sich nachwirken und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu.
Buffy hatte ihre alte Highschool erreicht und stellte das schwarze Cabrio ab. Sie schob die Sonnenbrille nach oben in ihre Haare und stieg aus. Dann ging sie auf das altehrwürdige Gebäude zu und stieg die große Freitreppe am Eingang hinauf. Dort hatte Angel sie zum ersten Mal gesehen, wie er ihr erzählt hatte. Damals war sie schwatzend mit ihren Freundinnen aus der Schule gekommen. Sie hatte gerade erst ihre Berufung zur Jägerin erhalten und noch nicht gewusst welches Leben sie erwarten würde.
Jetzt, viele Jahre später, kehrte sie zurück. Eine weitere Summers besuchte die Schule oder suchte sie heim, je nachdem wen man fragte.
Buffy entdeckte Dawn, die im Kreis ihrer Freunde stand und aufgeregt plapperte. Als sie ihre große Schwester entdeckte, zögerte sie kurz. Buffy winkte ihr zu, was heißen sollte, dass sie bei ihren Freunden bleiben sollte.
Buffy ging zum Büro des Direktors. An den Weg konnte sie sich noch gut erinnern, wie sie überrascht feststellte. Manche Dinge änderten sich nie, nicht mal das flaue Gefühl im Magen, als sie darauf zuging.
Mister Peetree erwartete sie bereits ungeduldig. Ihr alter Direktor hatte offenbar beschlossen sich nach ihren Eskapaden eine ruhigere Schule irgendwo weit weg zu suchen. Buffy kannte Mr. Peetree nicht, ihm war sie allerdings alles andere als unbekannt. Diese junge Frau, die vor ihm stand, sollte so eine Art durchgeknallte Verrückte sein? Er betrachtete sie und konnte sich das nicht vorstellen. Wenn er allerdings an die junge Summers dachte… vielleicht lag das einfach in der Familie?
Er bat Buffy Platz zu nehmen und bot ihr einen Kaffee an. Sie lehnte ab und bat statt dessen um einen Tee – Kaffee bekam Buffy nicht besonders gut seit sie schwanger war und es würde einen schlechten Eindruck machen, wenn sie sich im Büro des Direktors übergeben musste, weil ihr Magen verrückt spielte.
Buffy amüsierte sich bei der Vorstellung seines Gesichts, wurde allerdings schlagartig ernst, als sie aufschaute und seine ernste Miene sah.
„Miss Summers ich habe Sie hergebeten, weil ich mit Ihnen über das Betragen Ihrer Schwester Dawn sprechen möchte."
„Was hat sie denn angestellt?"
„Es wäre einfacher zu erklären was sie alles nicht getan hat, die Liste wäre wesentlich kürzer. Dawn… ist ständig in irgendwelche ‚Aktivitäten' verstrickt. Wo immer es Ärger gibt kann man sicher sein, dass Ihre Schwester nicht weit ist."
Buffy überlief ein Schauer. Das alles kam ihr doch wahnsinnig bekannt vor! Aber Dawn würde doch niemals… Wirklich nicht, fragte eine leise Stimme, die sich verdächtig wie die ihrer Mutter anhörte. Dawn hatte sich schon früher als Hobbyjägerin betätigt. Und wie's aussah war's wohl mal wieder soweit. So viel zum Thema Dawn aus ihrem übernatürlichen Schicksals-und-Bestimmungs-Kram herauszuhalten!
„… tun, Ms. Summers?"
Buffy schreckte aus ihren Überlegungen hoch und schaute Mr. Peetree fragend an, der wohl eine ganze Weile geredet hatte, ohne dass Buffy auch nur ein Wort mitgekriegt hatte.
„Ähm… was… ich tun werde? Wieso? Oh", Buffy ging ein Licht auf „Sie meinen wegen Dawn. Ich werd' mit ihr reden. Vertrauen Sie mir, ich krieg' das hin. Immerhin weiß ich was sie tut… ich meine, ich weiß was ich deswegen tun werde", plapperte sie drauflos.
„Ja, sicher", meinte Mr. Peetree gedehnt und schaute sie misstrauisch an. „Ich denke, Sie können jetzt gehen."
Buffy war damit entlassen. Sie stand auf und verließ erleichtert das Büro des Direktors. Seine Sekretärin schaute sie fragend an. Buffy zuckte leicht die Schultern und schlenderte an ihr vorbei. Sie hatte noch gefühlte hundert Lehrer zu sprechen und ein Programm zu absolvieren, das die Schüler vorbereitet hatten.
Buffy folgte ihrer Liste, hörte sich Erörterungen über Dawns schulische Leistungen an und ließ den Unterhaltungsteil über sich ergehen, während sie die ganze Zeit überlegte wie weit Dawns Jägerinnenaktivitäten wohl dieses Mal gehen mochten. Sie hatte eigentlich gedacht, dass sie diese ganzen Heimlichtuereien hinter sich hätten…
Sie sah ihre Schwester noch einmal kurz und warf ihr einen Blick zu, der ihr versprach, dass sie heute noch miteinander reden würden sobald sie sie zu Hause hatte. Dawns schaute unschuldig zurück. Zumindest für den Augenblick war sie vor Buffys Strafpredigt sicher.
Sie würde heute noch in einer ihrer Arbeitsgruppen zu tun haben und später mit ihren Freundinnen in der Bibliothek lernen. Vielleicht hatte Buffy sich ja bis dahin abgeregt.
Kaum war die außer Sicht winkte sie aufgeregt Kennedy zu sich. Die Jägerin war eigentlich Buffys ‚Assistentin', wie Giles angeordnet hatte, doch ihrer Schwester gelang es regelmäßig sie loszuwerden. Die Gunst der Stunde hatte Dawn für sich ausgenutzt und ging nun mit ihr auf die Jagd, als Kennedys persönliche Jägerinnenschülerin sozusagen.
Buffy schwang sich zeitgleich in Angels Cabrio und fuhr los. Sie trat kräftig aufs Gaspedal und scherte in den Verkehr aus. Einige Autos hupten, Buffy kümmerte sich nicht darum. In gewohnt halsbrecherischer Fahrt machte sie sich auf den Heimweg.
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