Titel: Never change a running System (Teil 4)
Fandom: Sherlock (BBC)
Autor: lorelei_lee1968 (Lorelei Lee)
Pairing: John/Sherlock (oder auch „Johnlock" – wie ich es schon häufig gesehen habe)
Rating: ab 18
Inhalt: Sherlock entdeckt seine Sexualität – mit weitreichende Folgen für John.
Kategorie: Fluff, Romantic, Slash, Graphic Sex, Humor und Drama. (Das Übliche… bei mir kommt immer dieser Misch-Masch bei raus, wenn ich was schreibe.)
Anmerkung: Diese Story ist zeitlich irgendwo nach der 1. Staffel angesiedelt. Aber ich nehme hier durchaus Bezug auf eine Äußerung aus der 2. Staffel, die ich bereits im Original gesehen habe. Also – leicht AU…
Disclaimer: Mir gehört gar nichts. Ich verdiene nichts daran und mache das nur zum Spaß. Sherlock Holmes gehört Sir Arthur Conan Doyle. Sherlock-BBC gehört der BBC und Moffat und Gatiss.
Never change a running System
(Teil 4)
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Die nächste Woche war ausgefüllt mit der Lösung des Must-have-Rituals – eine Serie unerklärlicher Vorkommnisse in einem bekannten Modehaus.
In den darauffolgenden Tagen war John damit beschäftigt, sein Blog auf den neuesten Stand zu bringen, während Sherlock sich wieder seinen chemischen Studien zuwandte, wie John an einem schönen Mittwoch Nachmittag feststellen musste, als er nichtsahnend die Kühlschranktür öffnete.
„Oh nein..." Überdrüssig schloss er den Kühlschrank wieder und ging zurück ins Wohnzimmer, wo Sherlock auf einem Barhocker (von dem John nicht wusste, wie er in die Wohnung gekommen war) kauerte und bereits seit Stunden durch ein Mikroskop starrte, welches er mittels eines Kartons und mehrerer Bücher - die auf dem Tisch gestapelt waren - in die für den Barhocker richtige Arbeitshöhe gebracht hatte.
„Warum befindet sich in unserem Kühlschrank ein Gefrierbeutel voller menschlicher Finger?", fragte John mit aller Gelassenheit, die er aufbringen konnte.
„Problem?", fragte Sherlock zurück, ohne von seinem Mikroskop aufzusehen.
„Ja!", erwiderte John heftig. „Ich habe damit in der Tat ein Problem. Es wäre nämlich mal eine ganz nette Abwechslung, wenn in diesem Kühlschrank auch mal etwas Platz hätte, was nicht nur einen Kannibalen zur Nahrungsaufnahme verlocken würde."
„Eigentlich brauche ich die Finger gar nicht", erwiderte Sherlock ohne direkt auf Johns Bemerkung einzugehen. Er justierte sein Mikroskop neu. „Ah..."
John rang um Fassung.
„Sondern?"
„Sondern was?", fragte Sherlock zerstreut.
„Sie haben gerade gesagt, dass Sie diese Finger eigentlich gar nicht brauchen – daher wollte ich wissen, warum sie sich dennoch in unserem Kühlschrank befinden", erläuterte John mit beißender Höflichkeit.
„Ach so – warum haben Sie das nicht gleich gesagt", erwiderte Sherlock, entfernte den Objektträger aus dem Mikroskop und sah endlich auf. „Eigentlich brauche ich nur die Fingernägel für ein Experiment. Aber Molly war erstaunlicher Weise nicht sehr kooperativ, als ich ihr gesagt habe, sie solle die Nägel mit einer Zange aus den Fingern ziehen."
John entschloss sich dazu, sich vorerst einer weiteren Bemerkung zu enthalten und stattdessen tief ein- und auszuatmen.
„Erstaunlich", bestätigte er schließlich mit ironischem Unterton. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum Sie Ihnen diesen Gefallen nicht getan hat."
„Ja, nicht wahr?", sagte Sherlock, der heute offensichtlich einen dieser Tage hatte, an denen er Ironie nicht erkannte.
„Vielleicht sollten Sie einfach mal mit ihr Kaffee trinken gehen", sagte John, bevor er sich mit einem resignierten Seufzen zurück in seinen Sessel setzte und erneut seinen Laptop auf den Schoß nahm um mit seinem Blog fortzufahren.
„Ich nehme an, Sie verwenden den Begriff Kaffee trinken in diesem Zusammenhang als Umschreibung für ein Date", bemerkte Sherlock.
„Das haben Sie wirklich wunderbar erkannt", meinte John grinsend und sah zu Sherlock auf. Aus seiner niedrigeren Sitzposition heraus sah er nun, dass sich Sherlocks Hose an einer bestimmten Stelle ausbeulte und sein Grinsen schwand. „Am besten wäre es, Sie gingen noch heute mit Molly Kaffee trinken. Vielleicht ist sie dann auch gleich so nett und hilft Ihnen bei Ihrem Problem", erwiderte er trocken und leicht gereizt, weil Sherlock in dieser Sache offensichtlich immer noch nichts unternommen hatte und er den Anblick von Sherlocks Erektionen so langsam aber sicher satt hatte.
Sherlock folgte Johns Blick und schnaubte verächtlich.
„Warum hacken Sie eigentlich dauernd auf diesem Thema herum? Haben Sie nichts Besseres zu tun? Oder fühlen Sie sich davon bedroht?" Er legte einen Finger an seine Lippen und sah John mit einem Blick an, der sich nur mit aufgebrachter Neugierde beschreiben ließ.
„Bedroht?" John schnappte empört nach Luft. „Bedroht? Ich war in Afghanistan!"
Sherlocks Lippen kräuselten sich leicht.
„Ich weiß – denn Sie werden ja nicht müde, es zu erwähnen"
„Das tue ich überhaupt nicht…", verteidigte sich John entrüstet, mahnte sich dann aber selbst zu mehr Gelassenheit, denn wenn er jetzt nicht aufpasste, würde diese Unterhaltung in ein kindisches Nein-Doch-Spielchen ausarten. Das wollte er um jeden Preis vermeiden, denn er hatte die ungute Ahnung, dass er dabei nur verlieren konnte. „Was ich damit sagen wollte, war folgendes: ich habe in meiner Zeit als Soldat mehr als genug Morgenlatten gesehen, die sogar noch wesentlich beeindruckender waren – und ich habe mich davon nicht im Mindesten bedroht gefühlt. Ich habe es einfach nur satt, mir ständig Ihre Erektionen ansehen zu müssen. Also tun Sie endlich was dagegen oder lassen Sie sich von mir aus von Molly oder jemand anders helfen."
Sherlock gab Johns verärgerten Blick leicht beleidigt zurück.
„Darum kümmere ich mich lieber selbst."
„Ach ja – davon merke ich aber nichts", stichelte John.
„Ich – arbeite – daran", erwiderte Sherlock unnötig laut, wobei er jedes einzelne Wort betonte und mit scharfer Präzision aussprach. Dann atmete er deutlich hörbar durch die Nase ein und fuhr etwas rascher und leiser fort: „Es ist auch schließlich gar nicht so einfach."
Für einen Moment herrschte Stille, in der John seinen Mitbewohner mit leicht offenem Mund anstarrte.
Dann ließ er ein verwundertes Lachen ertönen.
„Doch, das ist es", sagte er. „Es ist die einfachste Sache der Welt."
Die langen Finger des Detektivs trommelten ein nervöses Stakkato auf seine Oberschenkel.
„Nein, ist es nicht", beharrte er. „Wie viele Jahre Erfahrung haben Sie denn schon damit?"
Dieses Mal klang Johns Lachen leicht ärgerlich.
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht."
Sherlock fasste ihn scharf ins Auge.
„Gut, dann eben so. Sie waren dreizehneinhalb... nein, vierzehn. Spätentwickler. Ausgelöst durch... einen Film mit Catherine Deneuve? Jane Birkin? Möglich. Aber Sie sind nicht sehr phantasiebegabt. Eine Frau der näheren Umgebung. Jemand, den Sie kannten. Eine Freundin Ihrer Mutter? Nein, zu alt... Ihr derzeitiges Beuteschema sind eher gleichaltrige Frauen. Da Sie der beständige Typ sind, wird das schon immer so gewesen sein. Eine Mitschülerin? Mmh... zu unwahrscheinlich. Vierzehnjährige Mädchen waren zu Ihrer Zeit noch nicht sexy genug. Ah! Eine Freundin Ihrer Schwester. Nein. Ihre Schwester hätte es gemerkt und sich an Ihnen gerächt oder noch schlimmer, Ihrer Mutter erzählt. Aber... oh ja, natürlich! Die junge, hübsche Klavierlehrerin Ihrer Schwester!", beendete Sherlock seine rasante Deduktion.
„Wie...", warf John perplex ein und biss sich fast im gleichen Augenblick auf die Zunge. Warum hatte er Sherlock auch noch die Bestätigung geliefert?
Sherlocks Mundwinkel hoben sich selbstgefällig.
„Halten wir also fest: Sie haben über 20 Jahre Erfahrung mit Selbstbefriedigung. Natürlich fällt Ihnen das Ganze mittlerweile leicht!"
„Es fiel mir schon beim ersten Mal leicht!"
„Natürlich! Weil Sie ein hormonell übersteuerter Teenager waren!", gab Sherlock zurück. „Sie hatten damals wahrscheinlich schon Erfolg, wenn Sie nur daran gedacht haben!"
„Na und?", erwiderte John trotzig. „Ihnen steht es offensichtlich ja auch bis zum Hals. Wo ist also der Unterschied?"
„Ich..." Sherlocks Blick wurde unsicher und er klaubte einen nicht vorhandenen Fussel von seinem Hemd. „Ich weiß es nicht", gab er schließlich mit leiser Stimme zu. „Mangelnde Erregungsfähigkeit ist es sicher nicht. Es liegt wahrscheinlich doch daran, dass ich auf diesem Gebiet nicht über alle... Informationen verfüge."
John begutachtete Sherlocks verkrampfte Haltung und entschied sich dafür einzulenken. Sherlock litt wohl wirklich darunter. Er – als Arzt – sollte dieses Leiden nicht auch noch verschlimmern.
„Das glaube ich eher nicht", widersprach er in einem Tonfall, den er für beruhigend hielt. „Wahrscheinlich sind Sie einfach nicht entspannt genug."
„Entspannt?", fragte Sherlock mit der Miene eines Jagdhundes, der zwar die Fährte aufgenommen hat, sich aber nicht sicher ist, ob sie ihn auch zu dem richtigen Wild führen wird. „Was hat Entspannung damit zu tun? Abgesehen davon bin ich entspannt."
„Das sind Sie nicht, glauben Sie mir", widersprach John lächelnd. „Entspannung ist meistens das A und O... der Schlüssel zum Erfolg. Zu großer Erwartungsdruck oder Ungeduld sind meist kontraproduktiv. Nehmen Sie sich Zeit dafür... vielleicht vorher ein Glas Wein... ein warmes Bad..."
Sherlocks Gesichtsausdruck wandelte sich von einer Sekunde zur anderen. Hatte er anfangs noch aufmerksam zugehört, so zogen sich nun seine Augenbrauen unheilverkündend zusammen.
„Oh, bitte!", unterbrach er John mit lauter Stimme, die vor beißendem Sarkasmus nur so troff. „Bitte hören Sie mit Ihrem Lieber-Onkel-Doktor-Gequatsche auf, bevor Sie mir auch noch Rosenblätter in der Wanne und romantisches Kerzenlicht empfehlen. Ich bin nicht eine Ihrer frigiden, verzweifelten Hausfrauen, die Ihnen die Sprechstunde einrennen und denen Sie diesen Blödsinn ins Hirn blasen können. Glauben Sie denn, ich hätte nicht bereits alles versucht?" Sherlock redete sich immer mehr in Rage, so dass die Sehnen an seinem Hals bereits deutlich hervortraten.
„Es behindert mich beim Denken! Ich kann mich nicht mehr konzentrieren! Hätte ich nicht dieses... dieses... Problem, dann... John! Ich hätte den letzten Fall bereits nach zwei Tagen gelöst haben müssen! Meine Arbeit beginnt darunter zu leiden und Sie haben nichts Besseres, als mir zu entspannenden Schaumbädern zu raten? Dieser Zustand macht mich noch wahnsinnig und Sie schlagen mir Alkohol vor? John, das ist wirklich weit unter Ihrem üblichen Niveau und das ist sonst auch nicht..."
Auch Johns Stimmung schlug nun schlagartig um. Zu Beginn von Sherlocks Tirade hatte er wirklich noch Mitleid für seinen Mitbewohner aufgebracht, doch als dieser – wieder einmal – anfing ihn zu beleidigen, kochte in John wieder die Wut hoch.
„Ich wollte Ihnen aufgrund meiner jahrzehntelangen Erfahrung nur ein paar gute Tipps geben", fuhr John ihm über den Mund. „Und obwohl ich Sie mittlerweile kenne, hatte ich doch angenommen, Sie wären dieses eine Mal dankbar dafür." John presste seinen Mund zu einem schmalen Strich zusammen. Das war das einzige Zugeständnis an seine Wut und Enttäuschung über Sherlocks Verhalten. Das, und seine leicht zitternde Stimme.
„Aber da hatte ich mich wohl geirrt. Wie so oft. Aber da mein Niveau ja sowieso unterirdisch ist, müssen wir uns darüber ja nicht wundern. Ich werde Sie daher also künftig mit meinen unerwünschten Ratschlägen verschonen." Er stand von seinem Sessel auf und nahm seinen Laptop unter den Arm.
„Falls Sie sich bei mir entschuldigen wollen, ich bin in meinem Zimmer."
Er ging zur Tür.
Sherlock beobachtete ihn dabei reglos.
In der Tür drehte sich John noch einmal zu ihm um.
„Ich hätte es zwar nicht für möglich gehalten, aber mit Samenstau sind Sie wirklich noch unerträglicher als sonst."
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Am nächsten Tag gelang es John, für den kommenden Samstag eine Verabredung mit Caroline zu ergattern. Es würde ihre dritte Verabredung sein und John hoffte, dass er diese Nacht nicht in seinem eigenen Bett verbringen würde.
Er sah in diesen Tagen nicht sehr viel von Sherlock. Das war ihm auch nur Recht, denn sein Mitbewohner hatte es bislang noch nicht für notwendig gehalten, sich zu entschuldigen. Die meiste Zeit schien Sherlock auf seinem eigenen Zimmer zu verbringen. Oft kam John aber auch von der Arbeit nach Hause und fand die Wohnung verwaist vor.
John nahm es nicht so tragisch. Sie hatten schon öfter mehrere Tage lang kein Wort miteinander gewechselt. Irgendwann würde sich alles von selbst wieder einrenken.
Als der Samstag Abend endlich gekommen war, zog John seine mit Bedacht ausgewählte Kleidung an (besonders was die Unterwäsche betraf) und machte sich auf den Weg um Caroline zum Essen abzuholen. Er hatte Blumen für sie besorgt, einen Tisch in einem angesagten französischen Restaurant reserviert (dessen Preise ihm zwar den Schweiß auf die Stirn trieben – aber eine Nacht mit Caroline war ihm das wert) und anschließend stand entweder ein Film im Kino (die Anfangszeiten von einigen Herz-Schmerz-Filmen hatte er sich vorsorglich notiert) oder ein romantischer Spaziergang durch den Park auf seinem Programm – natürlich engumschlungen, denn die Nächte waren Anfang Dezember schon empfindlich kühl.
Der Abend war perfekt geplant und konnte überhaupt nicht schiefgehen.
Doch gegen die Pläne der Götter kämpft der Mensch vergeblich.
Das Date mutierte zu einem einzigen Desaster und so kam es, dass John bereits um zehn Uhr wieder zuhause war.
Nichtsahnend betrat er den schwach erleuchteten Wohnraum. Nur eine der Lampen brannte.
Er haderte noch so sehr mit seinem Missgeschick, so dass ihm auf den ersten Blick nur auffiel, dass Sherlock auf dem Sofa saß. Gerade wollte er ihn begrüßen, als ihm auf den zweiten Blick mehrere Dinge gleichzeitig in sein Bewusstsein drangen.
Erstens: auf dem niedrigen Wohnzimmertisch stand ein Laptop, auf dessen Bildschirm sich nackte Körper rhythmisch bewegten. Und der Ton musste ausgestellt sein, denn nicht einmal das leiseste Stöhnen war zu hören.
Zweitens: Sherlock trug nur einen Bademantel.
Drittens: Sherlocks hielt seinen erigierten Penis in seiner rechten Hand.
„Sherlock... was um...", John schluckte krampfhaft. „Was tun Sie da?"
Auf Sherlocks Stirn und Oberlippe hatte sich ein leichter Schweißfilm gebildet, der in dem dämmrigen Wohnzimmer matt schimmerte. Seine Augenlider waren halb geschlossen – es hätte ein erotischer Anblick sein können, wenn seine Körperhaltung nicht gleichzeitig etwas wie Erschöpfung und Verzweiflung ausgestrahlt hätte.
„Ist das nicht offensichtlich?", erwiderte Sherlock mit leicht schleppender Stimme. „Ich masturbiere. Oder bin ich darin tatsächlich so unbegabt, dass man es nicht mal erkennt?"
John bemerkte, dass sich Sherlock um Sarkasmus bemühte, doch seine Worte beinhalteten so etwas wie Furcht… weshalb die Wirkung auf John eine ganz andere war, als Sherlock höchstwahrscheinlich beabsichtigt hatte.
„Nein... doch... ich meine, natürlich ist mir klar, was Sie hier tun. Aber warum tun Sie es hier? Warum nicht in Ihrem eigenen Zimmer?", stammelte John zwischen Verwirrung und Verlegenheit schwankend.
„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie heute noch zurückkommen. Immerhin war es das dritte Date... Sie tragen Ihre Fick-mich-Schuhe und haben Ihr Fick-mich-After-Shave aufgelegt. Was ist passiert? Womit haben Sie sich Ihren sicheren Beischlaf versaut?", fragte Sherlock mit nur einer leichten Prise seiner normalen Überheblichkeit.
„Wieso nehmen Sie automatisch an, dass es meine Schuld war?", wehrte John leicht beleidigt ab.
„Das sehe ich an Ihren Hosentaschen", erläuterte Sherlock knapp. „Und wenn ich gerade nicht anderweitig engagiert wäre, dann könnte ich Ihnen auch im Detail erläutern, wie Sie es verbockt haben."
„Eine alte Bekannte zu ausgiebig begrüßt und Rotwein über ihr neues Kleid verschüttet", murmelte John bedrückt und immer noch wütend auf sich selbst.
Sherlocks Blick glitt über Johns Kleidung. Er schnaubte amüsiert.
„Ja – natürlich", sagte er halb zu sich selbst. „Wie gesagt... dachte, Sie kommen heute nicht nach Hause, wollte es mir etwas gemütlich machen, mich entspannen... ganz nach Ihren ärztlichen Ratschlägen."
John horchte auf. Die Worte seines Freundes waren nicht so akkurat akzentuiert wie sonst. Die verwaschene Aussprache machte John allmählich stutzig, bis sein Blick die fast leere Flasche Wein auf dem Wohnzimmertisch entdeckt hatte.
„Sherlock!", rief er tadelnd aus. „Ich hatte gesagt: ein Glas! Nicht: eine Flasche!"
Mit einer winkenden Handbewegung wehrte Sherlock die Unterstellung ab, nahm endlich die Hand von seiner Erektion und bedeckte seinen Unterleib nachlässig mit seinem Bademantel.
„Keine Sorge. Die Flasche war nur noch halbvoll. Ich habe nicht mehr als zwei kleine Gläser getrunken. Die Wahrheit ist lediglich – ich vertrage einfach nichts."
John schüttelte besorgt den Kopf.
„Wenn Sie nichts vertragen, dann hätten Sie noch weniger trinken sollen."
„Möglich", gab Sherlock zu. „Aber nach einem Glas war ich immer noch nicht entspannt."
„Ähm... ja... gut", John räusperte sich. Erst jetzt wurde ihm wieder die Peinlichkeit der ganzen Situation bewusst und er wollte sich dieser nun so schnell wie möglich wieder entziehen. „Ich glaube, ich gehe jetzt zu Bett und gönne Ihnen hier noch etwas Privatsphäre."
„Nein!", rief Sherlock plötzlich und seine halbgesenkten Lider öffneten sich nun ganz. „Nein... John! Bitte..." Sherlock richtete sich abrupt zu einer aufrechten Sitzhaltung auf. Seine Finger krallten sich jedoch in die Kante der gepolsterten Sitzfläche.
John rechnete schon damit, dass Sherlock aufspringen würde, doch zu seiner Verwunderung blieb er sitzen. Lediglich sein Blick wurde eindringlicher.
Unter diesem Blick wurde John gleichzeitig heiß und kalt. Dieses Flehen in den sonst so kühlen Augen verhieß bestimmt nichts Gutes. Die ganze Unterhaltung nahm eine Wendung, die ihm alles andere als angenehm war. Er musste zusehen, dass er hier wegkam. Und zwar schnell.
„Sherlock, ich glaube nicht..."
„John!"
Das Flehen dieser unglaublichen grauen Augen verstärkte sich und die Stimme senkte sich zu einem raschen, heiseren Flüstern.
„Ich weiß nicht, was ich falsch mache. Es klappt einfach nicht. John... ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht absolut unumgänglich wäre. Du bist doch Arzt! Hilf mir. Bitte. Ich ertrage diesen Zustand keine Sekunde länger."
„Sherlock..." unternahm John einen letzten, wenngleich halbherzigen Abwehrversuch. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass sein Schicksal bereits besiegelt war.
„Bitte", wiederholte Sherlock und Johns letzter Verteidigungswall geriet ins Bröckeln.
Er lockerte seine Krawatte, die ihm plötzlich viel zu eng um den Hals saß und ihm die Luft abzuschnüren schien. Dann atmete er tief durch und sagte: „Zu absolut niemandem ein Sterbenswörtchen! Die kleinste Anspielung in irgendeiner Form und es wird Ihnen leid tun. Sehr leid. Ich bin Arzt und ich war Soldat. Das bedeutet, dass ich nicht nur jeden Knochen des menschlichen Körpers kenne... ich weiß auch sehr genau, wie ich ihn brechen kann."
Ein vages Lächeln zeichnete sich auf Sherlocks Gesicht ab.
„Du bleibst? Du hilfst mir?"
„Ja... ich helfe dir", erwiderte John und erwiderte damit die intimere Anrede, die sein Freund an diesem Abend zum ersten Mal ihm gegenüber benutzt hatte. Ihm war nicht wirklich wohl dabei, doch bei dem, was er gerade im Begriff war zu tun, wäre es unpassend gewesen, ihn weiterhin zu siezen.
John ging mit langsamen Schritten auf das Sofa zu. „Gott, was tu ich hier eigentlich?", murmelte er dabei zu sich selbst. „Ich muss verrückt geworden sein."
Mit jedem weiteren Schritt den er tat, kam er sich mehr wie eine männliche Variante von Alice vor. Er wusste nur noch nicht, ob er kurz davor stand, in ein Kaninchenloch oder durch einen Spiegel zu fallen.
oooOOOoooOOOoooOOOooo
Fortsetzung folgt...
