Kapitel 4: Der Schuldige

In der Nacht hatte Snape wieder kaum Schlaf gefunden.

Wie seit Wochen, hatte er weiter in unzähligen Werken der Meister vergangener Zeitalter nach einem Hinweis auf die verschlüsselte Zutat zum geforderten Trank gesucht.

Beim ersten Morgengrauen, es lag noch ein Nebelschleier über dem See, war eine erste Nachricht der Druiden des Südens in seine Hände geflattert.

Überbracht hatte sie ein großer schwarzer Rabe mit hohem verhorntem Schnabel, der grimmig dreinblickte und sich am Fenster niederließ.

Die weisen Männer lebten in ihrem eigenen abgeschirmten Zeitenlauf und zeigten wenig Interesse an den Geschehnissen der irdischen Welt.

Snape musste viel Energie und Raffinesse in das Antwortschreiben investieren, wenn er die Druiden von der Verbündung gegen Voldemort überzeugen wollte.

Als Snape später endlich im Unterrichtsraum in den Kerkern ankam, saß die Klasse bereits auf ihren Stühlen.

Er hatte keine Zeit mehr für ein Frühstück im großen Saal gefunden und war nun entsprechend gereizt.

Mit einem Knall ließ er die Tür hinter sich ins Schloss fliegen und genoss augenblicklich die ungeteilte Aufmerksamkeit der Schüler.

Zufrieden registrierte er einmal mehr, dass in den höheren Jahrgangsstufen nur noch die wirklich befähigten jungen Zauberer seinem Tränkeunterricht folgten.

Natürlich hatten, wie von Snape auch erwartet, Harry und Ron sowie andere Unbelehrbare das Fach abgegeben,

"Wir wollen heute einen besonderen Trank brauen. Aber ich warne Sie, sein Einsatz unterliegt der genauen Überwachung des Zaubereiministeriums. Die Zutaten hierfür können nur von einem zugelassenen Kreis weniger Zauberer erstanden werden. Sollten Sie Spaß am unerlaubten Gebrauch haben, richten Sie sich auf ein paar Jahre in Askaban ein".

Die Klasse war totenstill und alle schauten zum Lehrerpult.

"Es handelt sich um den Trank der "gelenkten Bilder". Das Gebräu verursacht starke Halluzinationen. Diese Erscheinung ist für sich gesehen, noch keine Besonderheit; selbst die Muggel sind in der Lage, solche Wirklungen mit den von ihnen hergestellten Präparaten zu erzielen, wozu auch immer!

Dieser Trank jedoch, lässt vor dem geistigen Auge des Opfers die Bilder entstehen, die der Trankhersteller vorgesehen hat. Hierzu ist es ausreichend, dass man in den fertigen Trank die Hand steckt, während im Geiste die Vorgänge der erwünschten Halluzination erzeugt werden. Die gewollte Sinnestäuschung wird somit im Trank fest verankert.

Es braucht wohl nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, welchen Schaden die Feinde des Ministeriums mit dieser Manipulation anrichten könnten."

Snape legte eine Pause ein und ließ seinen Blick über die Schüler gleiten.

Einige wirkten belustigt, vermutlich malten sie sich aus, wem sie selbst einen Streich spielen könnten, darunter auch Malfoy. Die meisten jedoch wirkten eher besorgt.

"Sie haben 30 Minuten Zeit. Die üblichen Zutaten befinden sich wie immer im Seitenschrank. Die speziellen Substanzen werde ich selbst beifügen, sobald die Tränke bereit sind".

Er drehte sich zur Tafel und schrieb die Formel für den Trank auf. Dann setzte er sich an sein Pult und beobachtete die Bemühungen der Schüler.

Malfoy und seine Kumpane ergötzten sich offensichtlich an der Vorstellung, was sie mit dem Gebräu anstellen könnten und benahmen sich entsprechend albern.

Andere jedoch, darunter Hermine, arbeiteten ruhig und angestrengt.

Snape spürte nun allmählich, dass er ein großes Defizit an Schlaf hatte und auch die fehlenden Mahlzeiten machten sich bemerkbar.

Als er sich erhob, um die Kessel zu kontrollieren, musste er einen Moment inne halten, um das aufkommende Schwindelgefühl zu beherrschen.

Seine ersten Schritte waren dementsprechend etwas unsicher.

Hermine hatte gerade aufgesehen, da ihr Trank nun bereit war, um die fehlende Substanz zu erhalten.

"Sie sollten nun soweit gekommen sein, dass ihr Trank eine durchscheinende violette Farbe angenommen hat. Dann werde ich aus dieser Phiole die entscheidenden Tropfen zufügen", sprach er mit bemüht fester Stimme, während er durch die Kesselreihen schritt.

Er schaute sich um, aber nur Hermines Trank hatte die besagte Phase erreicht.

"Nun gut, zumindest sollte die Vorstufe mit purpurrotem Grund und gelber Oberfläche zustande zu bringen sein", raunzte der Meister der Tränke nun.

Für einen Augenblick stützte sich Snape sichtlich erschöpft auf einem Tisch ab, bevor er zu Malfoy hinüber schritt.

"Ah, ich sehe, Sie haben bisher gut gearbeitet. Nur noch ein wenig mit mäßiger Hitze köcheln, etwa 2 Minuten, dann die Schuppen der schwarzen Kobra zufügen und nicht mehr umrühren. Ich werde dann zu Ihnen kommen und den Trank fertig stellen".

Hermine, die schon länger fertig war, wurde bereits ganz ungeduldig, wagte aber nicht, auf sich aufmerksam zu machen.

Zu ihrem Erstaunen trat nun Snape an ihren Kessel und besah sich ihre Arbeit.

"Ausgezeichnet, Miss Granger, Sie haben als Einzige die Anweisungen exakt befolgt.

Ich füge nun die letzte Zutat bei".

Er zog eine Phiole mit schwarz-bläulich schimmerndem Inhalt aus seinem Umhang und träufelte einen Hauch davon in den Kessel.

Die Farbe des Gebräus wechselte mehrmals in schneller Folge und der Trank schien zu kochen, obwohl kein Feuer mehr vorhanden war.

Nach kurzer Zeit erstarb die Bewegung im Kessel und die Flüssigkeit hatte nun eine angenehme hellorange Farbe angenommen.

"Kommen Sie bitte alle an den Kessel von Miss Granger. Hier sehen Sie einen fertigen Trank. Wir werden das Gebräu jetzt ausprobieren.

Anschließend muss ich den Kesselinhalt aus verständlichen Gründen vernichten".

Snapes Züge umspielte ein hämisches Grinsen.

Seine Augen blieben an Malfoy und Goyle hängen.

"Wir brauchen natürlich zwei Studienobjekte, die sich einigermaßen vertrauen. Wie wäre es mit Ihnen, Malfoy und Goyle?"

Draco war natürlich von der Idee begeistert. Goyle schaute missmutig drein.

"Mister Malfoy, Sie werden nun Ihre Hand in den Trank geben und sich etwas Nettes für Ihren Kameraden ausdenken. Ich werde die Sinnestäuschung nach einer Minute abbrechen. Sie brauchen also keine Angst haben, Mister Goyle".

Draco tat also, wie ihm aufgetragen, grinste aber hämisch, als er seine Hand in den Kessel steckte.

Snape schöpfte ein wenig von dem Trank ab und gab die Kelle Goyle, der zögernd davon nippte.

Alle Augen lagen auf Goyle, der zunächst nur tumb und ängstlich dastand.

Plötzlich weiteten sich seine Augen und sein Mund klappte auf. Er fuchtelte wild mit den Armen , während sein Haarschopf sich steil aufstellte "Nein, lass mich in Ruhe, du Riesenvieh! Geh weg!

Mami, hol mich hier raus", schrie er und sein Gesicht hatte alle Farbe verloren.

Snape sah einen Moment amüsiert zu, dann beendete er das Schauspiel mit einem Schlenker seines Zauberstabs.

Goyle kam heftig atmend und zitternd wieder zu sich.

"Da war eine Riesenspinne, die hat mit ihren Scheren nach mir geschnappt", japste Goyle immer noch ganz entsetzt.

"50 Punkte Abzug für Slytherin, Malfoy. Ich hatte ausdrücklich gesagt, etwas Nettes".

Snape hatte sich Malfoy zugewandt, sah aber immer noch belustigt aus.

Malfoy nickte kurz und war insgeheim der Ansicht, das es den Spaß wert gewesen sei.

"20 Punkte für Gryffindor. Miss Granger, der Trank hat der Erprobung standgehalten.

Sie haben perfekte Ausführung bewiesen Und ich habe während der gesamten Stunde keine Einmischung von Ihnen gehört".

Snape hatte sich bereits wieder dem Pult zugewendet, als Hermines Wangen allmählich rot anliefen.

In euphorischer Stimmung traf Hermine nach dem Zaubertrankunterricht dann auf Ron und Harry.

Die beiden kamen gerade von Hagrids Hütte, wo sie 'Pflege magischer Geschöpfe' beendet hatten.

"Hi Jungs, ihr wisst gar nicht, was ihr im Zaubertränkeunterricht verpasst!"

"Doch, das weiß ich genau, Punkteabzug von Snape und Trankwegschütten versäum ich da ", wehrte Ron ab.

"Ich bin heilfroh, dass ich Snapes blöden Unterricht endlich los bin

Statt dessen zeigt uns Hagrid jetzt noch zusätzlich, wo man abgefahrene Geschöpfe finden kann!", begeisterte sich Ron weiter.

"Trotzdem, wir haben heute wieder einen total interessanten Zaubertrank ausprobiert und Professor Snape ist jetzt auch überhaupt nicht mehr unfair.

Stellt euch vor, er hat meinen Trank heute sogar gelobt. Bestimmt liegt es daran, dass nur noch die Besten in der Studienklasse geblieben sind... Abgesehen von Goyle!"

Von den beiden Jungen kam keine Antwort und sie schauten etwas genervt drein.

Hemine fiel erst jetzt wieder ein, dass Ron und Harry die erforderliche Ohnegleichen-Bewertung ihrer ZAG's in Tränkekunde beide nicht geschafft hatten.

"Ihr hättet dabei sein sollen, als Goyle den Trank von heute probieren musste und sich dann fast nass gemacht hat vor Angst ", erzählte sie in der Hoffnung, die Stimmung etwas aufzuhellen.

"Ach ja", erwiderte Harry, "wieso sucht sich denn Snape für fiese Sachen keinen Gryffindor aus?"

"Ich sage doch, der Unterricht ist jetzt gar nicht mehr so unerträglich.

Aber irgendwie hat Snape heute einen kranken Eindruck gemacht. Er schien ziemlich fertig zu sein", überlegt Hermine laut.

"Von mir aus, kann er lieber heute als morgen vermodern, dieser schmierige Widerling".

Harry sprach zornig.

Hermine sah ihn verwundert an, ihre fröhliche Laune war nun verflogen.

"Aber Harry, warum bist du denn so wütend auf Snape. Er kann dir doch jetzt nichts mehr anhaben.

Den Unterricht hast du abgegeben und Punkte abziehen kann er dir doch jetzt auch nicht mehr".

"Du verstehst wohl gar nichts", Harry war für einen Moment lauter geworden, "Snape sitzt immer noch gemütlich in seinem Kerker.

Der hat sich gegen Voldemort im Ministerium fein zurückgehalten.

Sirius ist jetzt tot, weil er sich dem Kampf gestellt hat und Snape hat ihn vorher noch schön angestachelt.

Hat ihn Feigling genannt und hat selbst nichts getan.

Der kann sich doch jetzt freuen, dass Bellatrix seinen Feind weggeräumt hat !"

Hermine und auch Ron waren eine Moment sprachlos. Keiner der beiden hatte geahnt, dass Harry den Verlust seines Paten auf diese Weise zu bewältigen suchte.

Hermine sah den Freund lange forschend an, suchte nach einem Hinweis, das er nicht wirklich so dachte.

"Harry, du weißt genau, dass Snape nicht mit dem Phönixorden im Ministerium auftauchen konnte, so lange er als Spion noch von Nutzen sein soll.

Und Dumbledore hat nur diesen einen Spion bei den Todessern. Der Orden kann nicht riskieren, dass Snape sich verrät".

"Ha, Spion ist Snape mit Sicherheit, nur für welche Seite, das weiß nur er...", erwiderte Harry kalt lächelnd.

"Bitte hör doch auf, Snape für den Tod deines Paten verantwortlich zu machen", bettelte Hermine, "du verrennst dich noch total in diese Vorstellung.

Sirius wollte unbedingt dabei sein und hat keinen Kampf gescheut. Er war mutig und brauchte bestimmt keinen Antreiber, um mit dem Orden zu gehen".

Hermine hatte sich ganz in Erregung geredet und schaute nun hilflos zu Ron.

Nach einer Weile des schweigsamen Nebeneinanderherlaufens beendete nun Ron die Stille :"Wie wäre es, wenn wir morgen Nachmittag mal ein bisschen in der Winkelgasse stöbern gehen.

Ich brauche dringend einen neuen Zaubererhut. Meiner sieht schon aus wie eine verschimmelte Mohrrübe.

Und außerdem soll da ein neuer Eissalon aufgemacht haben mit Eissorten, wie man sie sich nicht vorstellen kann".

Hermine und auch Harry waren dankbar für die Ablenkung.

"Prima, dann treffen wir uns doch gleich nach 'Kräuterkunde' im Gemeinschaftsraum", schlug Hermine vor.