Jubel, jubel, ein Review. Vielen Dank, liebste Textehexe. Na gut, wenn's doch einer liest, kann ich ja doch weitermachen XD (ey, ihr anderen: die Statistik sagt 111 Treffer, aber kein Review! Findet ihr das fair?) - und weil gestern Valentinstag war und niemand dich gegrüßt hat (pfui über sie alle - mich eingeschlossen) ein nachträgliches Bussi in Form eines weiteren Kapitels. Remus tritt seine Reise an und macht sich ein paar tiefgreifende Gedanken.
-edit- Dank Werbung sogar noch ein Review. Merci auch an MissMoony °knuddel°
Disclaimer: Immer noch nix mir.
4. Frankreich
Das Sandwich schmeckt genauso wie es aussieht, nämlich nach gar nichts. Ich habe beschlossen, es sofort zu vernichten. Je schneller ich es hinter mich bringe, desto weniger Gefahr laufe ich, es unterwegs zu entsorgen. Immerhin liefert es Brennstoff für ein paar Stunden und hält somit meinen Untermieter bei Laune, egal wie es schmeckt. Zumindest ist es besser als Eulenkekse. Wieder einmal wundere ich mich über mich selbst. Wie kann man eigentlich so wählerisch sein, wenn man sich das überhaupt nicht leisten kann? Keiner da, der mit mir darüber diskutiert. Ich habe sie beide beleidigt und sie schweigen. Das ist ungewöhnlich und ich fühle mich fast einsam.
Die Sache mit
dem Essen ist komplizierter, als sie aussieht. Es gibt Sachen, die ich
prinzipiell nicht esse, weil es mich ekelt, zum Beispiel alles, was
unter dem Begriff Schalentier läuft. Es gibt welche, die ich nicht
esse, weil sie mir nicht schmecken und solche, die dem Wolf nicht
schmecken (er ist komischerweise recht empfindlich bei Knoblauch und
anderen stark aromatischen Gewürzen). Dann gibt es Sachen, auf die ich
(oder ist es der Wolf?) sporadisch einen Heißhunger habe, auch wenn ich
sie sonst nicht besonders schätze. Einige wenige Grundnahrungsmittel
gehen fast immer, vorausgesetzt ich befinde mich in einem seelisch
ausgeglichenen Zustand.
Wenn ich nervös bin, geht fast gar nichts.
Wenn ich deprimiert bin, hilft meistens nur Schokolade, die in jeder
Form. Vor dem Mond, wenn der Wolf immer stärker wird, verlangt es uns
nach Fleisch, das darf dann sogar englisch sein, je näher am Mond,
desto roher darf es sein. Nach dem Mond gruselt es mich vor blutigem
Fleisch, ich könnte es nicht anrühren, und wenn mein Leben davon
abhinge. Da mag ich am liebsten gedünstetes Gemüse, Reis, Fisch oder
einfach nur Brot. Insofern ist dieses Sandwich gar nicht so unpassend,
aber es ist weitgehend geschmacksneutral, nicht mal die fettige Creme
zwischen den ungetoasteten Weißbrotscheiben schmeckt nach irgendwas.
Wer immer sich das hier ausgedacht hat, gehört eigentlich bestraft.
Dafür noch Geld zu verlangen ist einfach ungerecht. Man müsste mir
welches dafür geben, dass ich das esse. Das wäre gerecht. Ich würge es
hinunter und fühle mich betrogen um die Mahlzeit.
„Jammerlappen", sagt irgendwer. Ich kann die Stimme nicht zuordnen, gehört sie Moony oder Sirius? Egal, die beiden haben schon immer gerne gegen mich paktiert. Ich ignoriere sie.
Ich bin müde. Am liebsten würde ich mich jetzt vom Zug gemütlich nach London schaukeln lassen und dabei meinen versäumten Nachtschlaf nachholen. Aber wieso will ich eigentlich überhaupt nach London? Ich könnte meine Reise doch genauso gut von Hogsmeade aus antreten. Kann auch nicht teurer sein als von London aus. Die Reiseausstattung ist ja jetzt komplett, mit Luxus-Zelt und allem.
Wenn
ich mich recht erinnere, gibt es hier in einer anderen Nebenstraße ein
Reisebüro. Ich werde erst mal sehen, ob die einen Anschluss zum
Kontinent haben. Apparieren wäre natürlich gut (und kostenlos). Aber
ich habe ziemlich viel Gepäck. Mit Gepäck apparieren ist unmöglich, es
sei denn, man kann es miniaturisieren.
Aber auch dem Verkleinern
von Materie sind Grenzen gesetzt. Der Inhalt meines Koffers ist schon
auf zehn Prozent der Ursprungsgröße eingeschrumpft, ebenso wie die
Einrichtung des Zeltes vermutlich keine weitere Reduktion verträgt. Mir
bleibt nichts übrig als Flohpulver oder Besen. Oder der Muggelweg, der
ist aber viel zu teuer. Portschlüssel wäre denkbar, ist aber zu
offiziell. Alle Portschlüssel sind registriert und ministeriell
genehmigt. Jede Benutzung wird namentlich vermerkt, das will ich nicht
riskieren.
Ich will nicht gerade jetzt auf mich aufmerksam machen.
Als alter Kumpel von Sirius habe ich schon vor dreizehn Jahren unter
scharfer Beobachtung gestanden, man verfolgte mich „unauffällig"
überall hin, observierte meine Wohnung, las meine Post und verweigerte
mir eine Besuchsgenehmigung. Wenn ich jetzt ins Ausland reise, nachdem
Sirius gerade wieder entwischt ist, werden die sofort hellhörig und
lassen mich wohlmöglich wieder überwachen. Das möchte ich unbedingt
vermeiden.
Die Benutzung ungenehmigter Portschlüssel ist zwar
möglich (ich kann einen Portschlüssel herstellen, wenn ich will), wird
aber hart bestraft, wenn man sich erwischen lässt. Und ich kenne mein
Glück. Fortuna ist eine äußerst unzuverlässige Weggefährtin. Sie lässt
mich immer dann im Stich, wenn ich sie am nötigsten brauche. Immerhin
könnte es sein, dass die Behörden noch nichts von meiner neuen
Situation wissen, sie wähnen mich sicher noch in Hogwarts und unter
Dumbledores Aufsicht. Das heißt, ich kann vermutlich via Reisebüro
verschwinden, bevor es auffällt.
Ich finde den Laden an der Stelle, die ich in Erinnerung hatte und Fortuna ist noch bei mir. Sie haben einen Anschluss nach Frankreich, sogar in denselben Ort, den wir damals angelaufen sind. Die Gebühr ist fair, ich steige auf den Rost, klammere mich an mein Gepäck, die Dame hilft mir und wirft für mich das Flohpulver in die Kohlen. Ich nenne das Ziel und werde von den grünen Flammen zum Schornstein hinausgewirbelt. Unsichtbar, aber auch ohne selbst etwas zu sehen, außer einem dichten Nebel aus Farben, gelange ich innerhalb weniger Minuten ans Ziel.
Das Geschäft ist ein anderes als damals, denke ich im ersten Moment. Aber dann erkenne ich, dass dem nicht so ist. Jedenfalls ist der Inhaber immer noch derselbe. Es ist nur alles größer geworden. Früher hatten sie eine schäbige kleine Werkstatt als Tarnung und einen Mopedverleih. Heute befindet sich das ganze im Hinterzimmer einer ziemlich großen, modernen Muggeltankstelle, sie vermieten alles Mögliche, vom Besen bis zum Kleinbus und haben auch noch eine große Auswahl an Nahrungsmitteln und Konsumgütern aller Art. Es sieht vornehm und teuer aus, und wenn man Francs in Galleonen und Sickel umrechnet, ist es das auch.
Sie erkennen mich nicht wieder, natürlich nicht. Ich bin ungefähr hundert Jahre älter als damals. So fühle ich mich jedenfalls. Und ich sehe mindestens dreißig Jahre älter aus, obwohl es gerade mal siebzehn her ist. Sie begrüßen mich freundlich, fragen mich, ob ich ein Fahrzeug brauche. Die Mopeds sind größer und teurer geworden, genau wie alles andere. Mein Gepäck behindert mich jetzt doch etwas. Ich wünschte, ich hätte nicht so viel Krempel dabei. Genau genommen habe ich alles dabei, was ich besitze, bis auf eine kleine Eule. Das spart zwar die Miete, aber im Moment behindert es das preiswerte Fortkommen doch erheblich. Ich muss einen Kleinwagen nehmen, weil ich den Koffer und das Zelt auf keinem Moped unterbringe. Meine Chancen als Anhalter sehe ich auch als eher gering an mit dem ganzen Ballast. Die Leihgebühren für das Auto machen mir weiche Knie. Ich frage, ob es eine Busverbindung gibt bis zu meinem Ziel. Die gibt es, man zeigt mir auf, wo ich einsteigen und wo ich umsteigen muss, man tauscht mir auch etwas Geld um und lässt mich ziehen. Die machen hier wenigstens keinen Stress, wenn ich kein Geld ausgebe, das ich nicht habe.
Nun sitze ich an der
Bushaltestelle und hoffe, dass ich das alles richtig verstanden habe.
Mein Französisch ist ziemlich eingerostet, sie hat es mir auch noch mal
auf Englisch erklärt, aber ihr Englisch ist so seltsam, dass ich davon
auch nur höchstens die Hälfte verstanden habe. Ich wünschte, Sirius
wäre bei mir. Ich fühle mich einsam und verlassen. Er war immer für
kreative Lösungen gut. Sein Französisch war auch weit besser als meines
und wenn er nicht weiterkam, hat er mit Händen und Füßen geredet.
Mit
ihm war auch das per Anhalter fahren nie ein Problem. Er hat sich an
den Straßenrand gestellt und gelächelt, wenn ein Auto vorbeikam. Mehr
war nicht nötig. Zwei Minuten später saßen wir im Fond eines Wagens und
haben uns mit irgendwelchen weiblichen Wesen unterhalten, die alles
über ihn wissen wollten. Er hat einen Haufen Märchen erzählt. Und wenn
sie uns dann gehen lassen mussten, waren sie hoffnungslos verknallt.
Ich habe mich immer königlich amüsiert über den Stuss, den er sich
ausgedacht hat. Geredet hat nur er, ich wurde nie etwas gefragt. Ich
war recht dankbar dafür, nachdem die Erkenntnis einmal verdaut war,
dass sich für mich wirklich niemand interessierte. Er hatte genug
Fantasie für uns beide und mir reichte es zu wissen, dass er sich für
mich interessierte.
Okay, wenn ich ihn heute bei mir hätte, würde es mir nicht viel nützen. Sie würden nicht anhalten, nicht für ihn und nicht für mich. Im Moment, zum ersten Mal im Leben, bin ich mit Abstand der besser Aussehende von uns beiden, ein Gedanke, für den ich mich sofort in Grund und Boden schäme. Er kann nichts dafür. Sein Aussehen ist das Resultat von dreizehn Jahren Ungerechtigkeit und Verfolgung.
Wenn wir uns wiedersehen, will ich ihn pflegen, er
soll nie mehr so aussehen wie gestern. Auf einmal bin ich froh über das
Zelt mit Whirlpool und das ganze Gepäck, ich habe, von ausreichender
Nahrung mal abgesehen, fast alles dabei, um ihn richtig zu verwöhnen –
Badezusatz, Cremes, Rasierer, Kamm und Schere. Doch lieber will ich
mein letztes Hemd versetzen, als ihn hungern zu lassen. Falls er kommt,
soll er alles haben, was sein Herz begehrt. Alles, alles was er will.
Auf einmal ist es mir egal, ob ich danach noch einen Knut besitze, um
in England wieder Fuß zu fassen, wenn ich nur ein bisschen von dem
wieder gutmachen kann, was ihm widerfahren ist. Ich sehe auf die Uhr
und noch einmal auf den Fahrplan. Es ist noch etwas Zeit. Ich kann noch
ein paar Dinge besorgen. Es ist Juni. Kirschen gibt es, Erdbeeren und
Mirabellen. Ein halbes Pfund Butter, Baguette und etwas Käse. Nudeln,
Reis und ein paar Tomaten nehme ich auch noch mit, jetzt fühle ich mich
wohler. So, egal was passiert, ich bin vorbereitet. Entweder esse ich
das, dann reicht es für ein paar Tage, oder wir essen es gemeinsam.
Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig wieder zurück, um den Bus zu erwischen.
Die Pilgerfahrt mit einem Haufen Gepäck und lauter fremden Leuten in einem fremden Land ist stressig, ich bin erschöpft und aufgedreht zugleich, als ich den Ort wieder erkenne, den ich als Ziel für meine Reise gewählt habe. Von hier ist es noch zehn Minuten mit dem Moped, aber ich muss zu Fuß gehen. Ein paar alte Frauen schauen mich misstrauisch an, als ich mit dem ganzen Krempel die Dorfstraße entlanggehe. Ich grüße freundlich und sie grüßen halbherzig zurück. Sie sind an Touristen gewöhnt, aber wohl eher an solche, die mit dem Auto kommen, Leute, die ihren Kram zu Fuß anschleppen, kriegen die hier wohl nicht so oft zu sehen.
Ist mir egal, ich will jetzt eigentlich nur noch
ankommen, mich ausstrecken und zur Ruhe kommen. Ich habe nicht gewagt,
im Bus einzuschlafen, auch wenn ich nahe dran war, aus Angst, die
Station zu verpassen, an der ich umsteigen muss. Immerhin habe ich es
geschafft, ohne weitere Pannen dahin zu kommen, wo ich hinwollte. Das
mobilisiert noch ein paar Kräfte, setzt ein paar Endorphine frei, die
mich beflügeln und das Gepäck leichter machen. Als ich das Dorf hinter
mir habe, wage ich auch wieder einen unauffälligen Schwebezauber für
den Koffer, das Schleppen auf Muggelart ist doch sehr kräftezehrend.
Ich mache es so, dass von weiter weg nicht zu erkennen ist.
Die
Straße wird zum Weg, der Weg zum Pfad, bald ist da nicht mehr viel
außer Sand und ein paar Sträuchern und Grasbüscheln. Es ist wärmer als
in England, eine weiche Brise weht mir entgegen und der Duft der Bäume.
Die Landschaft wechselt sanft zu einem lockeren Hain dieser großen,
elastischen Strandpinien mit den gigantischen Zapfen. Ich liebe diese
Bäume. Ich habe mich in sie verliebt, als ich das erste Mal hier war.
Der Platz ist nicht so unberührt, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Ein Teil des Geländes ist eingezäunt und erschlossen, anscheinend verdient sich hier ein Muggel was dazu, in dem er anderen Muggeln Geld dafür abnimmt, dass sie hier ihr Zelt aufschlagen dürfen. Ich bin enttäuscht und ein bisschen im Zweifel, was ich tun soll. Vor siebzehn Jahren war das hier einfach nur ein Wald und niemand hat sich drum geschert, dass wir hier wild campierten. Jetzt gibt es einen, der aufpasst, dass alles seine Richtigkeit hat, und er will Kohle dafür sehen, dass er ein paar miese Klohäuschen aufgestellt und eine Wasserleitung bis hier her gelegt hat.
Da ich nicht vorhabe, seine sanitären Einrichtungen in Anspruch zu nehmen, erlaube ich mir auch, mein Zelt ganz am Rande, oder besser gesagt, außerhalb des Zauns, aufzustellen. Ganz weit weg von der Verwaltungsbude und den Toiletten. Als er dennoch gepilgert kommt, um mich nach meiner Anmeldung zu fragen, sage ich ihm, ich brauche das nicht. Er möchte sich aufregen, behauptet, was ich hier mache sei verboten. Ich möchte meine Ruhe und kein Aufsehen erregen, also gehe ich mit und schaue mir an, was das kosten soll. Es erscheint mir entschieden zu viel. Ein klitzekleiner Rest Rumtreiber, gepaart mit Sirius' wiedererwachter Stimme melden sich in meinem Ohr. Konfundier ihn doch einfach! Das ist nicht meine Art, aber im Moment ist da eine Menge Empörung und Frust in mir, auch will er meinen Ausweis sehen und ich habe nicht die geringste Lust, mich hier unter meinem richtigen Namen einzutragen. Also fülle ich die Papiere unter dem Namen John Brown aus und verpasse ihm anschließend eine kleine Portion Verwirrung aus dem Ärmel. Er ist sich auf einmal nicht mehr sicher, was er eigentlich von mir wollte und glaubt mir, dass ich ihm gerade das Geld und die Papiere gegeben habe. Er lässt mich in Ruhe zu meinem Zelt zurückkehren und wünscht mir ein frohes neues Jahr.
Zum Glück hat es noch nicht weiter für Aufsehen gesorgt. Ich packe es wieder ein und stelle es innerhalb des Zaunes auf, wobei ich es schaffe, ihm ein bisschen was von seinem exotischen Flair zu nehmen. Der Vorgarten wird mit einem Desillusionierungszauber unsichtbar gemacht, ebenso der Kamin, der oben herausragt. Es ist immer noch ein bisschen zu bunt für meinen Geschmack, aber einige der anderen Zelte auf dem Platz sind auch recht farbenfroh. Ich glaube, da ist unbemerkt ein Trend an mir vorbei gegangen. Damals waren die Zelte unauffällig, passten sich farblich in die Landschaft ein. Jetzt sind viele bonbonfarben oder metallisch beschichtet oder beides. Meines fällt gar nicht so arg auf. Als es wieder steht, habe ich nur noch einen Wunsch: hineingehen und mich ablegen. Ich bin fix und fertig.
Ich werfe mich auf diese Luxuscouch mit dem extraweichen Bezug, kaum dass ich den Reißverschluss hinter mir zugezogen habe. Besser als jedes Bett, in dem ich je gelegen habe. Ich fange an, meine Investition zu genießen. Ein unerwartetes Ereignis. Ich streiche mit der Hand über das samtige Material und denke an Hundefell, schwarz und seidig, streichelweich. Ich fange an, mich zu entspannen, das gelingt mir immer schnell, wenn ich meine Hände in seinem Fell habe. Der Wolf in mir kommt zur Ruhe, ich wühle meine Nase in die schwarzen Nackenhaare, atme den vertrauten Geruch ein, nicht ganz Mensch, nicht ganz Hund, irgendwo dazwischen. Meine Lippen schmiegen sich an seinen Hals, ein leises Schnaufen ist die Antwort. Ich rücke noch ein Stückchen näher an ihn heran, so nahe, dass seine Wärme durch meine Adern strömt, meine Atmung sich der seinen anpasst, seine Rückenhaare meinen spärlich behaarten Bauch kitzeln. Ich fühle mich so wohl, dass ich meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen möchte, indem ich ihm sein Ohr schlecke. Davon erwache ich, weil ich im Traum das Sofa abgeleckt habe.
Es ist bescheuert, so aus seinen
Träumen gerissen zu werden. Es ging mir gerade so gut. Jetzt friere ich
fast, trotz der Temperatur draußen, weil der warme Körper nicht mehr da
ist, an den sich meine Wolfsseele gerade geschmiegt hat. Knurrend drehe
ich mich um und rolle mich ein bisschen enger zusammen. Die Haltung ist
gut für den Wolf, aber schlecht für mich. Davon bekomme ich
Kreuzschmerzen, außerdem spüre ich jetzt wieder die Stellen im Nacken,
wo er mich gepackt hat heute Nacht. Ein Schauer überläuft mich wieder,
als ich mich daran erinnere. Fast fürchte ich, was ich eben noch
herbeigesehnt habe. Was wird zwischen uns passieren, wenn er kommen
sollte? Ob er überhaupt kommen möchte? Wird er mich anhören, oder mir
Vorwürfe machen? Werde ich Worte finden, die auszudrücken vermögen, was
ich empfinde, oder werde ich sprachlos sein vor Scham? Moony? Hast du
nichts dazu zu sagen?
Moony schweigt. Sirius schweigt auch. Ich bin
allein mit meinen Gedanken und Ängsten, und das ist schlimmer, als
schizophren zu sein.
Ich werfe mich der Länge nach auf den Rücken und starre die Decke an. Weiß getüncht und noch fast sauber, ich frage mich, wem dieses Zelt wohl gehört hat, und warum er es verkauft hat. Ein paar winzige Flecken von erschlagenen Mücken, sonst nichts. Es riecht auch noch ziemlich neu, die Vorbesitzer können es nicht oft benutzt haben. Keine Tiere. Kinder? Immerhin vier Zimmer. Wer braucht ein so großes Zelt, wenn er keine Kinder hat? Gegenfrage: Wer kann sich so was Feines leisten, wenn er Kinder hat? Wie kam es in den Besitz dieses orientalischen Kleinkrämers? Warum zerbreche ich mir darüber den Kopf?
Weil mein Geist jetzt wieder wach ist und weil ich mich
selbst davon ablenken muss, ständig an das zu denken, was vielleicht
eintreten wird, vielleicht aber auch nicht. Ich stehe auf, weil ich
jetzt doch keine Ruhe mehr finde, und wandere durch mein neues Domizil.
Doch, es hat Kinder gegeben, in zweien der Zimmer finde ich
eindeutige Spuren. Ein paar Buntstiftstummel in einer Schublade, die
wohl beim Ausräumen übersehen worden sind, ein paar Kratzer in den
Möbeln, ein paar winzige Sengspuren, vermutlich von Funken aus einem
Zauberstab oder fehlgeleiteten Flüchen minderer Tragweite. Ein paar
winzige Kritzeleien an einer Wand, die wohl der Grundreinigung
entgangen sind. In einem der Zimmer riecht es blumig, vielleicht hat
ein Mädchen hier gewohnt, das schon damit begonnen hat, ihren
Artgenossen mit Parfüm die Sinne zu betören? Es entlockt mir ein
kleines Lächeln, diese Torheit der Menschen. So viele beschwindeln sich
und andere mit Deos und Duftwässerchen, und was ist die Folge davon?
Sie können nicht mehr vernünftig entscheiden, wer zu ihnen passt und
wer nicht, weil sie ihrem ältesten und weisesten Sinn, dem Geruchssinn,
ein Schnippchen schlagen.
Natürlich bin auch ich dazu erzogen worden, mich regelmäßig zu waschen und zu baden, natürlich konnte auch ich zu Beginn meiner Pubertät der Versuchung nicht widerstehen, mich dem Gruppenzwang anzuschließen und mit fortschrittlichen Zivilisationsprodukten den Eigengeruch zu übertünchen, um so für potentielle Partner(innen) attraktiver zu werden. Aber ich habe es sehr schnell begriffen, dass es Unsinn ist. Das Tier in mir hat sich immer gesträubt bei diesen Versuchen. Ich konnte mich selbst nicht mehr riechen und hatte das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wer ich war. Genauso empfand ich Abneigung gegen solche Menschen, die mit zuviel fremdem Duft ihre Persönlichkeit zu verschleiern suchten. Es drängt sich mir immer der Verdacht auf, dass sie mehr zu verbergen haben als nur ihren natürlichen Körpergeruch, wenn sie sich so einnebeln. Meine Zimmergenossen nahmen nach einer gründlichen Aussprache Rücksicht auf meine empfindliche Nase und dosierten sparsam, worauf sie meinten nicht verzichten zu können.
Eines der aufregendsten Erlebnisse aus meiner Schulzeit war der Moment, als James und Sirius eines Abends vom Quidditchtraining zurückkamen und nach nichts als frischer Luft und ihrem eigenen, gesunden Schweiß rochen. Ich lag mit geschlossenen Augen auf meinem Bett und konnte sie genau unterscheiden, ich konnte sagen, wer von ihnen sich wo befand. Ich bekam Herzklopfen, wenn Sirius sich mir näherte und begriff, dass es mehr als bloße Freundschaft war, was ich für ihn empfand. Ich wagte nicht, die Augen zu öffnen, aus Angst, er könne es mir ansehen. Es dauerte noch über zwei Jahre, bis ich ihm meine Gefühle gestehen konnte, und auch nur deshalb, weil er mir einen roten Teppich ausgerollt hatte.
Allerdings bin auch ich im
wahrsten Sinne des Wortes an der Nase herumgeführt worden. Ich habe
nämlich eines Tages, als wir die Schule längst hinter uns hatten,
erkannt, dass meine Sympathie für Peter hauptsächlich auf der Tatsache
beruhte, dass seiner Kleidung immer ein ganz zarter Schokoladenduft
anhaftete, der von den geheimen Vorräten in seinem Schrankkoffer
herrührte. Es verwirrte mich, diesen Duft nicht mehr an ihm riechen zu
können, wenn wir uns trafen. Er schien mir fremd geworden zu sein. Es
war, als sehe ich ihn zum ersten Mal ohne Kleidung (was natürlich nicht
der Fall war), es erschreckte mich, zu erkennen, dass Peter ganz anders
roch, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ich schäme mich, das zuzugeben,
aber ohne diesen latenten Schokoduft war Peter nur noch halb so
interessant für mich.
Hätte er doch eine Lehrstelle in seiner
Lieblings-Confisserie angenommen, anstatt sich mit Studien über Dunkle
Kreaturen das Hirn zu verrenken. Er wäre klein, dick, fröhlich und
„unser" Peter geblieben, ein Meister auf dem Gebiet der Sahnetrüffel.
Das wäre vermutlich das Richtige für seinen einfach strukturierten
Geist gewesen. Stattdessen hat er seinen Ängsten Nahrung gegeben, die
Nachtalben selbst heraufbeschworen, die er nicht mehr los wurde und die
ihn schließlich in die scheinbare Sicherheit auf der „richtigen" Seite
trieben. Gestern hätte ich ihn beinahe umgebracht. Heute bin ich nicht
mehr sicher, ob ich das noch will. Der Wolf wird ruhiger in mir, er
zieht sich immer weiter zurück, lässt mich langsam in Frieden.
Zurück bleibt Remus, der Verständnisvolle. Der selbst beim Nachdenken über einen Verräter noch irgendwo eine Teilschuld bei sich selber sucht. Haben wir ihn richtig beraten? Haben wir ihn überhaupt beraten? Haben wir uns tatsächlich die Mühe gemacht, darüber nachzudenken, was für ein Mensch er ist und was das Beste für ihn wäre? Er war einer von uns, dachten wir. Fühlte er sich wohl dabei, einer von uns zu sein? Oder war es eine Maske, die er all die Jahre trug, weil er sich damit abfinden musste, einer von uns zu sein, ob er das nun wollte oder nicht. Eine Marauder-Maske, die er anlegte, vielleicht unbewusst, um sich vor Ausgrenzung und Einsamkeit zu schützen. So wie die Duftmaske, die ihn umhüllte, ohne dass er es wusste.
Selbst klein und ängstlich, von einem alten Filzhut schicksalhaft mit drei halbverrückten und potentiell gefährlichen Draufgängern in eine Zwangsgemeinschaft hineingelost, was blieb ihm übrig, als den vierten im Bunde zu spielen? Seine zittrigen Worte von gestern Abend klingen mir noch in den Ohren. ‚Was hätte es denn genützt, sich zu widersetzen?' War das nicht immer sein Schicksal? Er war ein Mitläufer, zwangsverpflichtet. Erst bei den Maraudern, später bei den Todessern. Mach mit oder stirb. Er machte mit. Ich glaube, ich kenne ihn gar nicht. Ich weiß nicht, was für ein Mensch er dort drinnen ist, so tief bin ich nie gekommen, weiß nicht mal, ob ich es je versucht habe. Ich habe ihn mit seinem Schokoladenduft verwechselt. Dieser Gedanke ist deprimierend.
Okay, ich gebe zu, dieses Kapitel war nicht ganz so aufregend wie das letzte, aber das nächste wird wieder etwas lebhafter, versprochen. Ihr dürft trotzdem Eure Meinung kundtun, ich kann sogar Kritik vertragen. Schlimm sind nur 111 Treffer und kein Review (ist ja schon gut, ich höre auf zu lamentieren)
